Grußwort
Kardinal Dr. Franz König
Wie mir bekannt ist, veranstaltet das "Institut Wiener Kreis" gemeinsam mit der Universität Wien ein Internationales Symposium zum Thema: "Österreich und der Nationalsozialismus - die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung". Da ich zu meinem Bedauern nicht in der Lage bin, persönlich an dieser bedeutsamen Veranstaltung teilzunehmen, ist es mir ein Anliegen, auf diesem Wege mein Interesse zu bekunden und auf Zusammenhänge hinzuweisen, die mich immer wieder beschäftigen.
Es gibt eine Macht des Bösen, die nicht nur in der Geschichte selber wurzelt, sondern vor allem in den Herzen der Menschen. Denn, wie ich selber erfahren mußte: die Macht des Bösen war eine Realität auch in unserem Lande. Sie nahm von den Menschen Besitz, mit Schlagworten wurden Machtansprüche verkündet, Ideologien und utopische Hoffnungen verhießen eine neue und bessere Zeit. Aber heute wissen wir: Wenn Rasse, Nation, Klasse als höchster Wert verkündet werden, sich nach Art eines Religionsersatzes mit Intoleranz und Fanatismus verbünden, dann kann eine solche Macht des Bösen furchtbares Unheil in einem ganzen Volk anrichten.
Wir, die ältere Generation, haben es erlebt und wir sind betroffen, zu erfahren, wie schnell gerade hier Verharmlosung und Vergessen einsetzten. Aber wir dürfen uns nicht wiegen in der trügerischen Sicherheit von Gedanken wie: So etwas wird nie mehr wiederkehren, denn wir sind wachsam. Die Macht des Bösen kann übermorgen im Kleide einer neuen attraktiven Ideologie, mit neuer Überzeugungskraft wiederkommen.
Daher nochmals: Verharmlosen wir nicht die Macht des Bösen in der Geschichte. Denn das ist es, was uns die Vergangenheit jener Jahre klar und deutlich vor Augen führt: Die Anfälligkeit des Menschen gegenüber verschiedenen Formen der Propaganda, der Verlust der Stimme des Gewissens, die Missachtung der Geschichte als Lehrmeisterin des Lebens. Und wenn - als Folge - in einer weithin säkularisierten öffentlichen Meinung nur mehr nach Werten gerufen wird, aber solche nicht mehr gelebt werden, wenn Freiheit ohne Verantwortung, Egoismus und Selbstsucht ohne Solidarität mit Schwachen und Hilfsbedürftigen das Feld erobern, dann relativieren sich, ohne viel Umstände, die Grundrechte des Menschen, seine Würde, seine Freiheit, seine Verantwortung für sich und den anderen. Man hört nicht mehr aufeinander, die Bereitschaft zum Dialog versagt, es herrscht das Faustrecht des Stärkeren.
Und so kann es heute nicht nur um eine Bewältigung der Vergangenheit gehen, denn diese läßt sich nicht einfach bewältigen, ungeschehen machen. Aber eine so leidvolle Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kann Anlaß sein, den Blick auf Gegenwart und Zukunft zu richten, auf die künftige Aussaat unseres Denkens, Redens und Handelns. "Was der Mensch sät, das wird er auch ernten" - nie wieder soll die Ernte in unserem Land eine des Hasses, der Unmenschlichkeit, der Diktatur sein!
Ich danke Ihnen allen, daß Sie sich auf Ihrem Symposium auch mit solchen Zusammenhängen beschäftigen werden. Ich grüße alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen und wünsche Ihren Beratungen in einem guten menschlichen Klima viel Erfolg und dazu den Segen von oben!
Grußwort des ehemaligen Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hubert Markl
Fachbereich Biologie, Universität Konstanz, Deutschland
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
es hat mich gefreut und geehrt, zu diesem Internationalen Symposion über "Österreich und der Nationalsozialismus" und dessen Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung eingeladen zu werden. Zwingende Verpflichtungen an anderem Ort machen es mir unmöglich, dieser Einladung zu folgen, doch verhehle ich nicht, dass ich auch Zweifel daran hege, ob ein deutscher Wissenschaftler wie ich einen nützlichen Beitrag dazu leisten kann, wenn sich Österreichs Wissenschaft mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandersetzt. Für Wissenschaftler aus der Schweiz, aus England oder den USA gilt dies sicher nicht gleichermaßen: ihnen ist, sozusagen, der Blick von außen gestattet. Für Deutsche und Österreicher ist der Blick auf die gemeinsame nationalsozialistische Vergangenheit, ihre Schrecken und deren Ursachen, immer zugleich auch ein Blick von innen, selbst wenn er von außen zu kommen scheint. So tun wir sicher beide - Deutsche wie Österreicher - gut daran, unsere Selbsterforschung zu allererst selbst in die Hand zu nehmen, gerade weil dies notwendigerweise immer nur eine sehr schmerzliche, beschämende Selbsterfahrung sein kann. Zu nahe könnte es nämlich liegen, dass man meint, auch selbst besorgt zu haben, was man andere für sich tun oder sagen ließ.
Für Bürger anderer Länder mögen Deutsche und Österreicher manchmal sehr ähnlich wirken - insbesondere, wenn sich dies auf wichtige Perioden gemeinsamer Geschichte bezieht. Aber auch für sie könnte gelten, was George Bernard Shaw so scharfsinnig über das Verhältnis von Briten und Amerikanern bemerkte: "Two nations separated by a common language!" In Wirklichkeit sind Deutsche und Österreicher nicht nur ziemlich verschieden, - eben viel mehr als heute etwa Bayern und Sachsen oder selbst Preußen -, sie legen auch Wert darauf, dass diese Unterschiede erkannt und anerkannt werden - zumindest im nicht immer ganz spannungsfreien Umgang untereinander (gegenüber Dritten mögen wir manchmal enger zusammenstehen). Dennoch ist es das Erbe gemeinsamer Geschichte, - wie es eben u.a. auch im ähnlichen, keineswegs ganz übereinstimmenden Gebrauch einer gemeinsamen Sprache zum Ausdruck kommt, - das uns im Guten wie im Schlechten enger verbindet, als dies für die meisten anderen Völker Europas gilt. Daher liegt es vielleicht gar nicht so fern, dass wir uns gegenseitig darüber befragen und dabei beobachten, wie wir mit den Bürden dieser gemeinsamen Vergangenheit umgehen, die niemals ganz vergehen wird und darf. Wir können dies ehrlicherweise nur dadurch tun, dass wir uns zunächst jeweils jeder für sich darüber vergewissern, was diese Erblasten, - über die kulturellen Erbgewinne, die unsere beiden Völker so überaus reichlich von ihren Vorfahren ererbten, ist man sich zumeist viel leichter einig -, für jeden von uns bedeuten und wie wir in unserer jeweiligen souveränen Verantwortung damit umgehen.
Dass es mit Erbschaften seit jeher besondere Bewandtnis hatte, macht uns die große Zahl von Rechtssätzen und Spruchweisheiten bewusst, die sich darauf beziehen. Da unsere beiden Völker mit der Erblast unserer Nazi-Vergangenheit und der Schuld an so vielen Unschuldigen, insbesondere an jüdischen Mitbürgern, schwer beladen sind, und da uns die Last der Folgen dieser Schuld und des nicht wieder gutzumachenden Schadens, den wir damit nicht nur bei den Opfern, sondern auch an uns selbst angerichtet haben, gleichermaßen bedrückt (oder jedenfalls belasten sollte), ist es vielleicht nicht falsch, sich gerade mittels solcher Spruchweisheiten deutlich zu machen, was auch Gegenstand dieses Symposions sein dürfte: "Beneficia non obtruduntur" lautet zum Beispiel ein alter römischer Rechtsgrundsatz, der sich auf Wohltaten aller Art, nicht nur auf Geschenke, sondern auch auf Erbgüter bezieht: "Wohltaten dürfen nicht aufgedrängt werden", mit anderen Worten: man kann ein Erbe auch ablehnen. So manche Deutsche und Österreicher würden gegenüber unserem gemeinsamen historischen Erbe wohl manchmal gerne davon Gebrauch machen! Aber da ist ja von beneficia die Rede, nicht von maleficia: ein schändliches Erbe wird man so leicht nicht los. Es lässt einem nur einen ehrlichen, ehrenvollen Weg: sich offen und ohne Beschönigung dazu zu bekennen. Deshalb wimmelt es im altdeutschen Sprachschatz der Rechtsweisheiten nur so von Hinweisen auf eben diese Tatsache: "Erbe ist kein Gewinn", heißt es da zum Beispiel, oder "Wer das Erbe nimmt, der soll auch die Schuld gelten". Schon bei den Römern galt: "Heres succedit in vitia realia defuncti"; vitium bedeutet eben nicht nur Laster und Übeltat, sondern auch Schuld! "Wer das Erbe nimmt, der schuldet", oder "Der Erbe folgt in des Toten Recht", oder "Schulden sind der nächste Erbe" sagen daher die Mahnworte; und noch deutlicher: "Blutige Hand mag kein Erbgut empfangen": wohlgemerkt Erbgut! Schande hat mit der Erbsünde gemeinsam, dass sie nicht durch Leugnen vergeht, sondern nur, indem man sie auf sich nimmt. Es handelt sich also keineswegs um akademische Exerzitien, wenn sich Deutsche oder Österreicher - anders als Historiker anderer Nationen - auch im Bereich von Wissenschaft und Bildung über die eigene nationalsozialistische Vergangenheit beugen, um sich ihrer Ursachen und Folgen bewusst zu werden und sich dazu zu bekennen.
Wenn ich mir dazu eine kleine kritische Anmerkung zum Schluss meines Grußwortes erlauben darf: es dürfte dabei wohl auch nicht nur um Österreichs Antwort auf den Nationalsozialismus gehen; man antwortet ja meist auf etwas, was von anderen kommt; es sollte wohl auch um Österreichs Beitrag zu dem furchtbaren Schaden gehen, den nationalsozialistische Ideologie und Schreckensherrschaft in Europas Mitte und weit darüber hinaus durch unsere beiden Völker angerichtet haben.
Ich wünsche dem Symposion auch in diesem Sinne einen erfolgreichen Verlauf und danke allen, die zu seinem Zustandekommen beigetragen haben. Denn wir Deutsche können sicherlich viel davon lernen, wie Österreich mit seiner Geschichte umgeht, die eben immer auch ein Stück unserer eigenen Geschichte bleiben wird. Den Verantwortlichen für dieses Symposion spreche ich meine aufrichtige Anerkennung dafür aus, dass sie sich vorgenommen haben, das schwere Erbe schrecklich verwirrter Zeit und irregeleiteten Denkens und Handelns erneut selbstkritisch zu sichten, um daraus selbst zu lernen und andere, vor allem jüngere Generationen daraus lernen zu lassen.
Universität Konstanz
Fachbereich Biologie
Prof. Dr. Hubert Markl
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Sekretariat: 07531/88-2227
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