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Österreich und der Nationalsozialismus:

Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung



Aktualisiert: 20. Juni 2003
















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Österreich und der Nationalsozialismus

Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung
Zeit: 5.-6. Juni 2003, jeweils 9-12 und 14-18 Uhr
Ort: Universität Wien, Kleiner Festsaal
Ehrenschutz: Bundespräsident Thomas Klestil
Wissenschaftliche Leitung: Friedrich Stadler, in Verbindung mit Eric Kandel, Fritz Stern und Anton Zeilinger
Im Auftrag von: Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur (BM:BWK), zusammen mit der Universität Wien
Veranstalter: Institut Wiener Kreis, gemeinsam mit der Universität Wien: Zentrum für überfakultäre Forschung, Institut für Zeitgeschichte, Institut für Experimentalphysik

Programm           Abstracts           Grussbotschaften           Pressereaktionen           Fotos

04. Juni 2003

APA: Eric Kandel 1 "Alle waren schlecht, ohne Ausnahme"
APA: Eric Kandel 2 "Immanente faschistische Tendenzen in Österreich"
APA: Flüchtling, Neurowissenschafter, Nobelpreisträger - Eric Kandel
APA: Zeilinger für Gastprofessuren für vertriebene jüdische Forscher, Symposium über die Folgen des NS-Regimes für die Wissenschaft an der Universität Wien
DieUniversitaet.at: Symposium mit Nobelpreisträgern: Österreich und der Nationalsozialismus


05. Juni 2003

Der Standard (Print und online): Die Suche nach der Gedächtnisspur
Der Standard (Print und online): Aufarbeitung des Wissenslochs. Das Programm des Sympsions.
Der Standard (Print und online): Drei jüdische Gelehrtenschicksale...
Wiener Zeitung: Symposium zum Umgang mit der Vertriebenen Vernunft
Die Presse (Print und online): Gedächtnisforschung. Biologie des Gewissens
ORF ON: Folgen des Nationalsozialismus für die Wissenschaft
ORF ON: "Schwierige Erinnerungen": Eric Kandel in Wien"
APA: "Nationalsozialismus und Unis": Forschungen voll angelaufen
APA: Uni Wien verlor nach NS-Machtergreifung 42 Prozent ihrer Studenten
DieUniversitaet.at: "The worst experience of my life"


06. Juni 2003

Neues Volksblatt: Universitäten in der NS-Zeit
Wiener Zeitung: Universitäten beginnen mit Aufarbeitung ihrer NS-Vergangenheit


07. Juni 2003

Kurier (Print und online): Die Vertreibung der Forscher
Kurier (Print und online): Zeitzeugen. Da kommen alle Erinnerungen zurück
Der Standard (Print und online): Der geniale Blick der Emigranten


10. Juni 2003

Der Standard (Print und online): Die krummen Bildungswege
DieUniversitaet.at: Erfolgreiches Symposium "Österreich und der Nationalsozialismus"


11. Juni 2003

Wiener Zeitung: Symposium: F. Stadler und G. Holton präsentierten zwei neue Studien
Wiener Zeitung: Weisskopf war nie gefragt worden. A. Zeilingers Schock


APA0075 5 II 0389 XI 04.Jun 03
Eric Kandel: "Alle waren schlecht, ohne Ausnahme" 1
Utl.: Medizin-Nobelpreisträger wünschte sich statt Ehrungen ein Symposium zum Thema "Österreich und der Nationalsozialismus"
Wien (APA) - Fast auf den Tag genau 50 Jahre, nachdem Eric Kandel 1939 als neunjähriger Bub vor den Nationalsozialisten in die USA fliehen konnte, hielt der Neurowissenschafter in seiner Geburtsstadt Wien einen wissenschaftlichen Vortrag und kam dabei auch auf seine gemischten Gefühle zu sprechen, nach Wien zurückzukehren. Im Anschluss an den Vortrag wandte sich eine Dame an ihn und meinte: "Wissen Sie, es waren nicht alle schlecht." Doch der Medizin-Nobelpreisträger des Jahres 2000 ist da anderer Meinung: "Um ehrlich zu sein, es waren alle schlecht, ohne Ausnahme", sagte Kandel Dienstag Abend im Gespräch mit der APA in Wien. Das Charakteristische an der Antwort der Österreicher auf die Nazis war, dass es keine gab, "es gab niemand, der den Juden half". Kandel ist zur Tagung "Österreich und der Nationalsozialismus - Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung" - die am Donnerstag und Freitag organisiert vom Institut Wiener Kreis an der Universität Wien stattfindet - nach Wien gekommen. Statt offizieller Ehrungen Österreichs anlässlich der Nobelpreisverleihung hatte er sich ein Symposium zu diesem Thema gewünscht. Denn schon lange habe es ihn gestört, dass Österreich bei der Aufarbeitung der NS-Zeit nicht so offen gewesen sei wie die Deutschen. "Ich dachte, ein solches Symposium würde junge Leute erreichen, die bereit sind, die Vergangenheit zu erforschen und man könnte damit ein Umfeld schaffen, in dem so etwas nie wieder passieren kann." Denn es sei gesund für ein Land, sich mit seiner Geschichte auseinander zu setzen und "das war mir viel wichtiger als jede Ehrung". Die Folgen der Flucht und Vertreibung jüdischer Wissenschafter war u.a. die Zerstörung der Wiener Medizinischen Schule, der Wiener Psychoanalytischen Schule, der Wiener Schule für Wirtschaftswissenschaften. "Hinterlassen wurde ein riesiges Vakuum", sagte Kandel. Ein Zustand mit langandauernder Wirkung, die Kandel bei seinen Besuchen in Wien selbst noch in den achtziger Jahren bemerkte: "Ich war damals überrascht, wie schwach die Biologie in Österreich war." Erst mit dem Institut für Molekulare Pathologie (IMP) sei wieder eine international anerkannte Einrichtung geschaffen worden. Aber es dauere lange Zeit, bis sich Wissenschaften und Universitäten von der Vertreibung einer "fantastischen, vielversprechenden Generation" erhole, stimmt Kandel mit der These von Tagungsorganisator Friedrich Stadler, Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Uni Wien, überein. Denn Stadler ist überzeugt, dass der "Cultural Exodus" eine Langzeitwirkung hat und noch immer den heutigen Zustand der österreichischen Universitäten und Wissenschaft präge. (Forts.) cm/dru

APA0076 5 II 0375 XI F. APA0075/04.06 04.Jun 03
Eric Kandel 2 - "Immanente faschistische Tendenzen in Österreich"
Utl.: Als Wissenschafter "bekommt man eigentlich bezahlt, um zu spielen"
Wien/APA - Österreich ist für Eric Kandel nicht sein Heimatland, auch wenn er sich angezogen fühlt, vor allem von der österreichischen Kultur, der Musiktradition. "Ich habe mir aber nie gewünscht in Wien zu leben", sagte Kandel, der dennoch hofft, dass er nach dem Symposium "wärmere Gefühle" gegenüber seinem Geburtsland entwickelt, auch wenn er "sehr schwierige Erinnerungen" habe. Lange Zeit war er sehr zornig auf Österreich, allerdings nicht sofort nach seiner Flucht. "Es war so eine Erleichterung, weg zu sein und Amerika ist so ein wundervolles Land", erinnerte er sich. Er habe sich sehr frei gefühlt in den USA und sei extrem dankbar. "Ich kam als jüdischer Flüchtling, ohne einen Penny in der Tasche, studierte an der Harvard University und gewann den Nobelpreis - ist das nicht wundervoll, das ist typisch Amerika." Doch später, als er realisierte, dass man seine Familie aus der Wiener Wohnung vertrieben, seinen Vater verhaftet und Verwandte in Konzentrationslagern ermordet hatte, "da war ich zornig". Angefacht wurde dieser Zorn dadurch, "dass sich Österreich diesen Tatsachen nicht stellte, sondern die Rolle des Opfers spielte". All die Menschen, die am 15. März 1938 am Heldenplatz Hitler mit offenen Armen willkommen hießen, "das waren keine Opfer". "Österreich hat jeden Grund, seine Geschichte zu öffnen und sich zu entschuldigen, wie es bereits beginnt, es zu tun." Nach dem Zweiten Weltkrieg habe ihn niemand gefragt, ob er vielleicht nach Österreich zurückkehren wolle. "Die Antwort wäre wahrscheinlich auch Nein gewesen, doch es hätte vielleicht eine engere Verbindung zu Österreich gegeben", so der Nobelpreisträger. Jungen Menschen, denen er seine Tagung widmet, gibt der Neurowissenschafter zwei Ratschläge: "Geht in die Wissenschaft, es ist eine wundervolle Arbeit." Sie gebe einem die Chance, kreativ zu sein und erzähle etwas über die Natur der Welt. Und nicht ganz ohne Augenzwinkern verweist er auf die gute Lebensqualität eines Wissenschafters: "Man verbringt die Zeit mit Denken, mit interessanten Leuten zu sprechen und eigentlich bekommt man bezahlt, um zu spielen." Viel ernster ist sein politischer Rat: "Seid wachsam auf das politische Klima, speziell in Österreich, wo dieses Klima manchmal Angst einflößend ist." Es gebe immanente faschistische Tendenzen in manchen Teilen der österreichischen Geselschaft, die klein sein mögen, aber dennoch sehr einflussreich werden könnten. "Und deshalb müssen die jungen Leute wachsam sein." (Das Gespräch führte Christian Müller/APA) (Schluss) cm/dru

APA0078 5 II 0420 XI Siehe APA0076/04.06 04.Jun 03
Flüchtling, Neurowissenschafter, Nobelpreisträger - Eric Kandel
Utl.: Wurde als Neunjähriger 1939 aus Österreich vertrieben
New York/Wien (APA) - Eric R. Kandel, am 7. November 1929 in Wien geboren und 1939 von den Nationalsozialisten als Jude aus Österreich vertrieben, zählt zu den weltweit führenden Neurowissenschaftern. Der Medizin-Nobelpreisträger des Jahres 2000 wurde von dem in Philadelphia beheimateten Institute für Scientific Information (ISI) im Fachgebiet der Neurowissenschaften unter die 100 einflussreichsten Forscher (gemessen an der Zahl der Zitate seiner Arbeiten von Berufskollegen) gereiht. Kandel wuchs in Wien auf, sein aus Polen stammender Vater hatte ein Spielwarengeschäft in Wien-Währing. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Wohnung der Familie geplündert, im April 1939 gelang ihm und seinen Bruder die Flucht in die USA, seine Eltern konnten später folgen. In Harvard studierte er zeitgenössische europäische Geschichte und Literatur und verfasste seine Dissertation über die Haltung dreier deutscher Schriftsteller (Carl Zuckmayer, Hans Carossa und Ernst Jünger) zum Nationalsozialismus. 1952 erhielt Kandel den Titel eines "Bachelor of Arts" am Harvard College in Boston. In Harvard schloss er Freundschaft zu Personen, deren Eltern Mitglieder des Freud'schen Kreises in Wien gewesen waren. Dadurch wuchs sein Interesse an der Untersuchung des menschlichen Geistes und er begann eine Ausbildung als Psychoanalytiker. 1956 promovierte er an der New York University School of Medicine. Mit seiner klinischen Ausbildung begann er 1956 am Montefiore Hospital in New York und wurde schließlich in Boston am Massachusetts Mental Health Center zum Psychiater ausgebildet. Drei Jahre lang arbeitete er auch am Labor für Neurophysiologie der weltberühmten nationalen US-Gesundheitsinstitute im US-Bundesstaat Maryland (Bethesda). Das war jene Zeit, in der Kandel zum Aufdecker organischer Veränderungen im Rahmen von Signalübermittlung und Gedächtnisbildung wurde. Unter Ausnutzung der einfachen Strukturen des Nervensystems einer Meeresschnecke studierte er die zellulären und molekularen Mechanismen von drei basalen Formen des Lernens: Habituation (Gewöhnung, Anm.), Sensibilisierung und klassischer Konditionierung, Er zeigte, dass einfache Verhaltensformen auf neuronalen Netzen beruhten, die aus bestimmten und identifizierbaren sowie untereinander fix verbundenen Neuronen aufgebaut sind. Das Kurzzeitgedächtnis von Organismen beruht demnach auf der Veränderung bereits vorhandener Proteine im Nervensystem, das Langzeitgedächtnis hingegen auf einer Neubildung von Proteinen. Für diese Entdeckung wurde er 2000 mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet. 1974 kam Kandel an die Columbia University in New York, wo er das Zentrum für Neurobiologie und Verhalten gründete. Er ist nach wie vor Universitätsprofessor an der Columbia University und Seniorwissenschafter des Howard Hughes Medical Institute. Kandel hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, neben dem Nobelpreis unter anderen den Albert Lasker-Preis für medizinische Grundlagenforschung (1993), die nationale US-Medaille für Errungenschaften in der Wissenschaft (1988), den Wolf-Preis für Biologie und Medizin des Staates Israel (1999) und ein Ehrendoktorat der Universität Wien (1994). (Schluss) cm/dru

APA0318 5 II 0602 XI Siehe APA0075/04.06 04.Jun 03
Zeilinger für Gastprofessuren für vertriebene jüdische Forscher
Utl.: Symposium über die Folgen des NS-Regimes für die Wissenschaft an der Universität Wien
Wien (APA) - Stipendienangebote für junge jüdische Wissenschafter und - "solange es noch geht" - Gastprofessuren für aus Österreich von den Nationalsozialisten vertriebene Forscher regte der Wiener Experimentalphysiker Anton Zeilinger am Mittwoch bei einer Pressekonferenz anlässlich des Symposiums "Österreich und der Nationalsozialismus - Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung" am Donnerstag und Freitag an der Uni Wien an. "Wir sollten alles unternehmen, dass Österreich für solche Menschen wieder attraktiv wird", sagte Zeilinger als einer der Mitveranstalter des Symposiums. Der 1929 in Wien geborene und 1939 von den Nationalsozialisten als Jude aus Österreich vertriebene Medizin-Nobelpreisträger (2000) Eric Kandel hatte sich diese Tagung statt offizieller Ehrungen gewünscht, die nun von der Universität Wien und dem Institut Wiener Kreis organisiert wurde. Mit zahlreichen prominenten Teilnehmern - neben Kandel sein Nobelpreis-Kollege Walter Kohn, der ebenfalls als Jugendlicher vor dem NS-Regime flüchten musste - biete das Symposium "spät - aber nicht zu spät - die Gelegenheit, auf die vertriebene Vernunft hinzuweisen", erklärt Tagungsorganisator Friedrich Stadler, Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Uni Wien. Rund 40 bis 50 Prozent aller Universitäts-Angehöriger - vom Professor bis zu den Studenten - wurden nach Angaben Stadlers 1938 von der Universität vertrieben. Genaue Daten gebe es nicht, man wisse aber von 130.000 bis 150.000 erzwungenen Emigranten, rund zehn Prozent davon seien Uni-Angehörige gewesen. "Alleine an der Medizinischen Fakultät wurden innerhalb weniger Wochen 50 Prozent der Uni-Lehrer entlassen", erklärte Kandel. Viele der erzwungenen Emigranten seien im Ausland erfolgreich gewesen, betonte Kandel und erinnerte daran, dass aus den aus Wien Vertriebenen drei Nobelpreis-Träger hervorgegangenen sind: neben ihm selbst Walter Kohn (Chemie-Nobelpreis 1998) und Max Perutz (Chemie-Nobelpreis 1962). Am Beginn des 20. Jahrhunderts habe in Wien ein "magisches intellektuelles Klima" geherrscht und Juden hätten einen bedeutenden Beitrag dazu geleistet, betonte Kandel. "Es wäre wundervoll, wenn dieses Zusammenwirken wieder entstehen könnte und deshalb wünsche ich mir eine blühende jüdische Gemeinde in Österreich und Wien. So könnte Wien wieder zu einem wichtigen intellektuellen Zentrum in der Welt werden." Nur im Bewusstsein, des "Cultural Exodus" könne es gelingen, eine bessere Universität, eine bessere Wissenschaftslandschaft in Österreich zu gestalten, betonte Stadler. Ziel des Symposiums sei nicht nur die Vergangenheitsbewältigung, man wolle damit auch Lehren für de Neugestaltung ziehen. Dabei gehe es nicht nur um die kognitive Aufarbeitung, sondern auch um "die moralische Dimension". Österreich und auch die Universität Wien hätten erst sehr spät begonnen, das Thema "Wissenschaft und Nationalsozialismus" aufzuarbeiten, erklärte Rektor Georg Winckler. Für ihn ist es dabei wichtig, nicht nur die Zeit zwischen 1938 und 1945 zu betrachten, sondern auch die Jahre nach 1945. "Weil man sich die Frage stellen muss, warum man sich mit dem Thema erst so spät auseinandergesetzt hat und warum man die 'Vertriebene Vernunft' nicht wieder nach Österreich und an die Universität zurückgeholt hat." Hier seien Versäumnisse erfolgt, für die sich die Uni Wien entschuldige. Für Winckler geht es bei dem Symposium deshalb auch darum, die "konstruierte Kontinuität, die nach 1945 erzeugt wurde, kritisch zu hinterfragen". Es gelte, die Wahrheit zu finden, und nicht, sich in Beschönigungen zu flüchten. Zeilinger begründete seinen Vorschlag für Stipendien und Gastprofessuren mit dem "Schock" den er hatte, als er mit dem Physiker Victor Weisskopf, einem weiteren prominenten Wissenschafter, der aus Österreich vertrieben wurde, zusammentraf, und dieser auf die Frage, warum er nie nach Österreich zurückgekehrt sei, geantwortet hat: "Weil mich nie jemand gefragt hat." Es sei wesentlich, die unmittelbaren Erfahrungen von Menschen an die nächste Generation weiterzugeben. Denn auch er habe die Ereignisse, obwohl er davon in der Schule gehört habe, erst realisiert, als er am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston (USA) fast ständig jemand traf, der ursprünglich aus Wien kam. (Schluss) cm/dru

dieUniversitaet.at; 04. Juni 2003
Symposium mit Nobelpreisträgern: Österreich und der Nationalsozialismus
Heute wurde in einer Pressekonferenz das zweitägige Symposium "Österreich und der Nationalsozialismus - Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung" vorgestellt. Rektor Georg Winckler, Anton Zeilinger, Friedrich Stadler und Eric Kandel nahmen am Pressegespräch teil.
Das Symposium wird vom Institut Wiener Kreis gemeinsam mit dem Zentrum für überfakultäre Forschung, mit dem Institut für Zeitgeschichte und dem Institut für Experimentalphysik veranstaltet. Koryphäen der Wissenschaften wie die Nobelpreisträger Eric Kandel und Walter Kohn halten Vorträge, von der Universität Wien sind u.a. Karl Sigmund, Mitchell Ash und Anton Zeilinger vertreten.
Bei der Pressekonferenz wurde die Wichtigkeit der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit betont. Die Universitäten sollten hierbei federführend sein und kritisch mit der eigenen Geschichte umgehen.
DieUniversitaet.at sprach mit dem wissenschaftlichen Leiter des Symposiums, Univ.-Prof. Dr. Friedrich Stadler vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.
DieUniversitaet.at: Was war der Anlass für das Symposium und welche Zielsetzungen verfolgt es?
Friedrich Stadler: Der Spiritus rector des Symposiums war der Nobelpreisträger Eric Kandel, der im Jahre 2000 den Nobelpreis für Medizin erhielt. Er stammt aus Österreich und wurde im April 1939 durch die Nationalsozialisten vertrieben. Die Republik Österreich wollte ihn für den Nobelpreis ehren, jedoch schlug der Laureat vor, anstelle von Ehrungen ein wissenschaftliches Symposium zu veranstalten. Das Symposium kombiniert die aktuelle zeitgeschichtliche Forschung zum Themenbereich Wissenschaft, Bildung und Hochschulen und die Folgen mit den biographischen und autobiographischen Berichten von jenen, die in der NS-Periode vertrieben wurden. Ich denke, dass die Teilnehmer die Crème de la Crème einer Generation bilden, die Österreich verlassen musste, aus sogenannten "rassischen", politischen und weltanschaulichen Gründen. Mit diesen Perspektiven kann man sehr schön zeigen, warum dieser Exodus erfolgt ist und welche Folgen die Vertreibung für das Wissenschaftssystem der Zweiten Republik gehabt hat.
DieUniversitaet.at: Inwieweit hat sich die Forschung rund um "Wissenschaft und Nationalsozialismus" in den letzten Jahren verändert?
Stadler: Die Forschung hat Einiges beigetragen, und es hat sich im Bereich von Publikationen und Forschungsprojekten sehr viel getan. In der Scientific Community ist mehr Sensibilität vorhanden, so dass wir im internationalen Vergleich ein verfeinertes Bild haben. Wir können bestimmte Fragen spezifischer angehen, beispielweise Wirkung und Rückwirkung des Cultural Exodus und die Frage der langfristigen Folgen des heutigen Bildungswesens. Wir haben Studien von Nobelpreisträgern, wir haben Projekte, die sich mit vertriebenen Physikern der älteren und jüngeren Generation beschäftigen und wir haben ein spezifisches Projekt, das sich den Studierenden der Universität Wien widmet, nämlich denjenigen, die 1938 knapp vor Beendigung ihres Studiums das Land verlassen mussten und ihrer Lebenschancen geraubt wurden, und wo man fragen muss, was ist mit denjenigen passiert, die auch hier an der Universität Wien nicht mehr ihr Studium abschließen konnten. Die Thematisierung des Bereichs Wissenschaft und Hochschulen fand ja auch in den letzten Jahren durch ein eigenes Symposium statt, das die Rolle von Konrad Lorenz als Kollaborateur mit den damaligen Machthabern behandelte (‚Konrad Lorenz und der Nationalsozialismus').
DieUniversitaet.at: Wie verliefen die Vorbereitungen für das Symposium?
Stadler: Es war ein sehr kompliziertes Unternehmen. Der Vorschlag geht schon sehr weit zurück und zwar ins Jahr 2000. Durch die angenehme Zusammenarbeit mit Eric Kandel, Walter Kohn, Fritz Stern und Anton Zeilinger ist es uns gelungen, ein kleines Team aufzubauen und das Programm Schritt für Schritt zu entwickeln. Ich denke, dass wir gemeinsam zu einem sehr attraktiven Programm beitragen werden. Vor allem die Präsenz der Teilnehmer in Verbindung mit der Präsentation der aktuellen Forschungslandschaft gibt diesen Reiz her.
DieUniversitaet.at: Wo sehen Sie eine Chance, dieses Thema auszubauen, um mehr Menschen zu erreichen?
Stadler: Ich denke, wenn das Bewusstsein geschaffen wird, dass jede einzelne Disziplin insgesamt auch die eigene Entwicklung und die Rollen während des Faschismus und des Nationalsozialismus aufarbeitet, wäre schon ein wesentlicher Schritt getan. Durch diese Präsentation neuerer Forschungsergebnisse einer breiteren Öffentlichkeit ist sicherlich ein guter Boden für Einzelstudien, Fallstudien, Biographien oder auch kollektivbiographische Projekte aufbereitet worden. Es gibt Websites, die sich der Wissenschaft im Exil und der Literatur im Exil widmen. Es gibt auch eine österreichische Gesellschaft für Exilforschung, die versucht, diese unterschiedlichen Initiativen und vereinzelten Aktivitäten zu präsentieren. Es ist doch einiges in diesem Bereich geschehen, obwohl die Förderungssituation sich nicht zum Besseren gewendet hat.
DieUniversitaet.at: Sind weitere Symposien bzw. Veranstaltungen zu diesem Themenbereich geplant?
Stadler: Ich denke, dass die präsentierten Forschungsschwerpunkte in Lehrveranstaltungen aufbereitet werden. Diese Ergebnisse wären beispielsweise in einem Modul Historische Wissenschaftsforschung im Diplomstudium Geschichte sehr bereichernd. Zudem werden einzelne Ergebnisse sicherlich für Buchpräsentationen interessant. Größere Veranstaltungen sind derzeit nicht geplant und nicht absehbar. (du)
Symposium
"Österreich und der Nationalsozialismus - Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung"
Zeit: 5.-6. Juni 2003, jeweils 9-12 und 14-18 Uhr
Ort: Universität Wien, Kleiner Festsaal
1010 Wien, Dr.-Karl-Lueger-Ring 1
Programm
Institut für Zeitgeschichte

04. Juni 2003 19:48 MEZ
Die Suche nach der Gedächtnisspur
Statt Ehrungen wünschte sich Nobelpreisträger Eric Kandel ein Symposion zur Aufarbeitung der Vertreibung der Wissenschaft 1938 aus Österreich - ein Gespräch
Wien - "Ich bin Amerikaner", sagt am Morgen nach seinem Vortrag im Jüdischen Museum der Neurobiologe und Medizinnobelpreisträger Eric Kandel im Hotel Regina, gar nicht weit von der Wohnung in der Severingasse 8, aus der er und sein Bruder mit Eltern und Großeltern 1938 in die USA flüchten mussten.
Nach der Zuerkennung des Nobelpreises im Jahr 2000 für seine Forschungen zu den neurobiologischen Grundlagen des Lern-und Erinnerungsvermögens war der 1929 geborene Verfasser des (auch für Laien gut lesbaren) Standardwerks Neurowissenschaften von Bundespräsident Thomas Klestil als "Austrian Nobel Prize Winner" begrüßt worden.
Dagegen verwahrte sich Eric Kandel und bat anstelle von offiziellen Ehrungen um eine Aufarbeitung der Geschichte der aus Österreich 1938 vertriebenen Vernunft (siehe Kasten rechts): Dieses Symposion ist wohl auch als Beitrag zur gegenwärtigen Bildungsdebatte zu sehen, denn am Exodus der Wissenschaft - mehr als die Hälfte der Physik- und Medizinprofessoren an der Universität Wien im Jahr 1938 war jüdisch - krankt die österreichische Forschungslandschaft noch heute.
Eric Kandel ist ein Musterbeispiel auch dafür, wie Wissenschaft in einem guten Umfeld wie in den Laboratorien der USA gedeihen kann: "In den National Health Laboratories (NHL) gab es in den 50er-Jahren Hunderte von Anregungen und Seminaren." Auf die Frage, ob er denn aus der Erfahrung mit genuin österreichischer Geschichtsverdrängung heraus schon um 1950 zu seinem Lebensthema, der Biologie des Gedächtnisses, gekommen sei, sagt Eric Kandel aber in wundervoller wissenschaftlicher Trockenheit: "Eine sehr philosophische Überlegung. Ich brauchte zu der Zeit keine Philosophie, nein. Ich lebte in einer sehr guten Umgebung damals. Und da wurde ich vertraut mit den ,experimental approach' und suchte nach einem System, an dem die Funktionen des Lernens zu zeigen wären. Ein einfaches System. Das hatte die Meeresschnecke Aplysia."
Eine Meeresschnecke, deren Nervenzellen so groß waren, dass sie und ihre Antworten auf Reize leicht zu beobachten waren: "Viele sagten damals, das sei doch zu simpel. Aber es war ein Modell, an dem sich Komplexes sichtbar machen ließ." Das sei, meint der Kunstkenner Kandel ("Meine Frau und ich sammeln besonders Expressionisten, Kirchner, Schiele, Kokoschka"), wie in der großen abstrakten Kunst eines Mark Rothko: kein Reduktionismus, sondern Konzentration auf Strukturen.
Also kein Körper-Geist Problem, wie es philosophisch von Locke über Kant zu Popper erörtert wurde? - "Der Neurologe John Eccles war da interessierter. Ich bin zwar befreundet mit Philosophen wie John Searle. Aber mein wissenschaftliches Interesse ist die biologische Fundierung der Neurowissenschaft."
Diese Wissenschaft, der Eric Kandel beim Nobelpreisbankett für das 21. Jahrhundert dieselbe Bedeutung voraussagte, wie sie die Genetik für das 20. Jahrhundert hatte, die begann für ihn eigentlich doch schon in Wien: Sigmund Freud nämlich hatte am Beginn seiner Laufbahn schon die Wirkungsweise von Synapsenverbindungen - er nannte sie noch "Kontakte" - untersucht, aber erkannt, "dass die chemischen Grundlagen seiner Zeit noch nicht ausreichten". Auch sind berühmte freudianische Begriffe wie die "Gedächtnisspur" ursprünglich ganz körperlich und keineswegs abgehoben-spekulativ gedacht.
Und auf die Suche nach dieser Gedächtnisspur begab sich Eric Kandel, der ursprünglich Literaturwissenschaft studiert, in New York aber die Familie von Ernst und Marianne Kris (beide gehörten dem Freud-Kreis an) kennen gelernt hatte. So kam er zu Psychoanalyse und Medizin, danach ins Labor des Neurobiologen Harry Grundfest an der Columbia University. Eric Kandel suchte am einfachen Modell nach der Architektur des Verhaltens und wie sie zu ändern wäre: "Die Reaktionen der Aplysia wurden stärker, wenn sie bedroht war. Und sie konnte auch etwas dagegen entwickeln."
Nach solchen Mitteln gegen Angst und Gedächtnisverlust sucht Eric Kandel inzwischen schon lange in einem eigenen Labor in seiner Firma "Memorial Pharmaceuticals". Auch das klingt ja fast als ein Heilmittel für Österreich oder als Motto für das Symposion. Das Labor mit ca. 20 Mitarbeitern sucht nach Medikamenten gegen Gedächtnisverlust im Alter ("nicht Alzheimer, sondern einfachere Fälle"). Labortier ist jetzt die Maus: "Wir haben diesen Gedächtnisverlust bei der Maus untersucht und Medikamente entwickelt, die diesen dramatisch verkürzen. Mäusen können wir helfen - wir sind noch nicht sicher, ob wir Menschen helfen können. Aber wir hoffen." (Richard Reichensperger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5 .6. 2003)

04. Juni 2003 19:44 MEZ
Aufarbeitung des Wissenslochs
Das Programm des Symposions

Wien - Heute, Donnerstag, und morgen unternimmt ein großes Symposion eine andere, eine wissenschaftsgeschichtliche Aufarbeitung der Vergangenheit, initiiert vom 1938 als Kind emigrierten Medizinnobelpreisträger des Jahres 2000, Eric Kandel: "Österreich und der Nationalsozialismus. Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung" (Universität Wien, Kleiner Festsaal, jeweils von 9 bis 12 Uhr und von 14 bis 18 Uhr).
Diese Folgen wirken bis heute. Das Symposion, das Naturwissenschafter wie den Chemienobelpreisträger Walter Kohn ebenso aufbieten kann wie Historiker vom Range eines Fritz Stern (beide am Freitag ab 15 Uhr), hat also mit der Gegenwart ebenso viel zu tun wie mit der Vergangenheit. Denn die Vertreibung und Liquidierung primär von Natur-und Sozialwissenschaftern (wie Marie Jahoda) wirkt an den österreichischen Universitäten bis heute nach: Sie hinterließen ein strukturelles Loch des Wissens, das erst auf dem Umweg über die USA mühsam zurückgeholt werden konnte.
Das am Donnerstagnachmittag präsentierte Forschungsprojekt aus dem Umfeld des mitveranstaltenden Instituts Wiener Kreis über Berufsverbote an der Universität Wien 1938/39 wird die statistischen Daten liefern: Über die Hälfte der Mathematik-und Physikprofessoren und Dozenten verloren ihren Lehrstuhl - und die Mitläufer, die ihn einnahmen, gaben ihn nach 1945 nicht mehr her.
Überdies bietet das Symposion auch die Gelegenheit zum Vergleich von Wissenschaftskulturen: Viele der heute Weltberühmten kamen noch als Kinder in die USA und durchliefen dort den Bildungsweg (dazu Gerald Holton aus Harvard am Freitagnachmittag).
Im Arkadenhof der Universität zeigt - ideal für den Pausenaufenthalt - eine Ausstellung konkret den Exodus der Mathematik, darunter die Spitze der Wiener Versicherungsmathematiker: dazu Vorträge am Freitagvormittag. Noch einmal die Konflikte im Einzelfall bündeln wird, ebenfalls am Freitag, Ruth Lewin am Beispiel der aus Berlin geflohenen Lise Meitner und der aus Wien vertriebenen Marietta Blau. (rire/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5 .6. 2003)

04. Juni 2003 19:44 MEZ
Drei jüdische Gelehrtenschicksale... drei Gäste eines Symposions - Klugheit, Würde, Analysekraft
Wien - In ihren unbedingt lesenswerten Schriften hat die Germanistin Ruth Klüger die deutsche Philologie vom Sockel selbstbezüglicher Gelehrsamkeit heruntergeholt. In ihrer Autobiografie Weiter Leben. Eine Jugend (1992) zeichnet sie mit präziser Sprache die Schrecken der nationalsozialistischen Judenverfolgung nach - ohne doch jemals pauschal zu urteilen oder die Ursachen für die Barbarei eines so genannten "Geistesvolkes" zu vereinfachen.
So mag das Buch für den Versuch einstehen - anders etwa als in themenverwandten Werken von Primo Levi oder Tibor Wohl -, die unteilbare Erfahrung des Vernichtungslagers in einen Gesamtzusammenhang einzubetten, der auch vor dem Gebrauch von Wörtern wie "Freude" oder "Hoffnungskonto" nicht zurückschreckt.
Klüger, die 1931 geborene Tochter eines Wiener Arztes, wurde von den Nazis mehrfach verschleppt. Sie wanderte nach dem Krieg in die USA aus: Der angelsächsische Sinn für Nüchternheit hat ihre Arbeit ebenso geprägt wie der untrügliche Sinn für verborgene, unter der Oberfläche liegende Sinngehalte. Der Historiker
Fritz Stern, 1926 in Breslau geboren und mit seinen Eltern jüdischer Abstammung 1938 in die Vereinigten Staaten emigriert, fand an der New Yorker Columbia University seine geistige Heimat. Stern beschäftigte sich fortan mit den großteils unheilvollen Verwerfungen der deutschen Geistes- und Mentalitätsgeschichte - vorneweg in dem 1963 erschienenen Werk Kulturpessimismus als politische Gefahr. Der Nuklearphysiker
Walter Kohn wurde 1998 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet: Die welthöchste Auszeichnung für seine "Dichtefunktionaltheorie" quittierte er mit dem Ausruf: "Eigentlich bin ich Physiker!"
Der Forscher der Harvard University wurde 1939 von den Nazis aus Wien vertrieben und emigrierte nach England. Seinen wissenschaftlichen Feinschliff erhielt Kohn davor noch in Wien: Aus dem Akademischen Gymnasium vertrieben, kam Kohn am jüdischen Chajes Gymnasium unter die Fittiche von Emil Nohel, einem Exassistenten von Albert Einstein - "inmitten der ungehemmtesten Brutalität ein Fels der Ruhe und Würde", so Kohn. (poh/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5 .6. 2003)

"Wiener Zeitung" Nr. 107 vom 05.06.2003 Seite: 6 Ressort: Politik
Symposion zum Umgang mit der vertriebenen Vernunft"
Folgen sind bis heute spürbar
Nach Machtübernahme durch die Nazis 1938 wurden 45 Prozent der Professoren und Dozenten und 42 Prozent der Studenten abrupt von den Universitäten vertrieben.Dieser geistige Exodus hat bis heute Nachwirkungen auf das Geistesleben in Österreich.Eine Aufarbeitung versucht das Symposion "Österreich und der Nationalsozialismus: Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung" heute und morgen an der Universität Wien.
Von Brigitte Pechar

Anlässlich der Nobelpreisverleihung für Medizin im Jahr 2000 an den aus Wien stammenden Neurobiologen Eric Kandel schlug dieser Bundespräsident Thomas Klestil vor, von Ehrungen abzusehen und statt dessen diese Konferenz in Wien abzuhalten. Sein Fall sei schließlich kein Einzelfall. In einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Rektor Georg Winckler, dem Zeithistoriker und Tagungsorganisator Friedrich Stadler und dem Experimentalphysiker Anton Zeilinger erinnerte Kandel daran, dass drei der aus Wien Vertriebenen Nobelpreisträger seien: Er selbst, Walter Kohn (Chemie) und Max Perutz (Chemie). Bis 1938 habe es in Wien eine bemerkenswerte intellektuelle Gemeinde gegeben und der jüdische Beitrag dazu sei beträchtlich gewesen. Es wäre wundervoll, wenn dieses Zusammenwirken wieder entstehen könnte und deshalb wünsche ich mir eine blühende jüdische Gemeinde in Österreich und Wien. So könnte Wien wieder zu einem wichtigen intellektuellen Zentrum in der Welt werden", verwies Kandel auf die derzeitige schwierige Situation der jüdischen Gemeinde in Österreich. Die Frage, warum die "vertriebene Vernunft" nach 1945 nicht zurück geholt wurde, sei auch Thema des Symposions, erklärte Winckler. Die Universitäten selbst hätten erst sehr spät mit der Aufarbeitung des Themas "Wissenschaft und Nationalsozialismus" begonnen. Zeilinger regte an, Stipendienangebote für junge jüdische Wissenschaftler und Gastprofessuren an vertriebene jüdische Forscher zu vergeben.
Das Symposion beginnt heute um 9 Uhr an der Universität Wien, Kleiner Festsaal.

"Die Presse" vom 05.06.2003 Seite: 32 und www.diepresse.com
Gedächtnisforschung
Biologie des Gewissens

Österreichs vertriebene Wissenschaft kommt spät zu Wort - und kann noch nicht klären, was in den Hirnen der Vertreiber vor sich ging. Hirnforscher und Historiker erinnern an den Exodus von jürgen langenbach Als ich mich 1950 Sigmund Freud zuwandte, wollte ich von ihm lernen, wie eine hoch kultivierte Gesellschaft in brutalste Gewalt umschlagen kann", erinnert sich Eric Kandel - 1929 in Wien geboren, 1939 emigriert, 2000 mit dem Nobelpreis für seinen Beitrag zur Hirnforschung geehrt: "Aber ich kann bis heute nicht erklären, warum ich 1938 in der Schule verprügelt wurde." In Wien haben die Nazis ihr Regiment noch brutaler angetreten als anderswo, auch an den Schulen, auch an Hohen Schulen. Das kam nicht aus heiterem deutschen Himmel - an der Feststiege der Universität erinnert eine Gedenktafel an den 1936 von einem Antisemiten ermordeten Philosophen Moritz Schlick -, aber hinterher machte das Glück des Vergessens alles rasch wieder heil. Nun sollen die Spuren gehoben werden, in einem Symposium, das Kandel anregte, als er nach dem Nobelpreis vom offiziellen Österreich gefragt wurde, wie man ihn denn ehren könne: "Österreich und der Nationalsozialismus: Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung", veranstaltet von und an der Uni Wien, deren Rektor Georg Winckler sich bei der Symposiums-Präsentation am Dienstag "für die Versäumnisse" entschuldigte .
"1938 wurde Juden das Studium verboten, nach vier Monaten waren alle vertrieben, die Studentenzahl sank um 42 Prozent", bilanziert Zeitgeschichtler und Symposiums-Mitorganisator Friedrich Stadler. "Unter den Lehrenden aller Fakultäten wurden 54 Prozent entlassen oder zwangsweise beurlaubt oder pensioniert", ergänzt Physiker Wolfgang Reiter, der seit 1987 die Emigration der Naturwissenschaftler erforscht. Sie waren in all ihrer objektiven Forschung genau so betroffen wie ideologie-verdächtigere Fakultäten: "Die Haupt-Vorlesung in Physik, die ich jetzt gleich halte, wurde am Tag nach dem Anschluss von einem Physiker in SA-Uniform gehalten", berichtet Anton Zeilinger, Jahrgang 1945, der erst bei Studien in den USA als "Schock" erlebte, wie viele Emigranten dort lebten. Zurückgebeten wurden sie nie, nur der Wiener Kultur-Stadrat Viktor Matejka hat sie eingeladen, aber mehr als seinen guten Willen hatte der im eigenen Lande wenig geliebte Kommunist nicht zu bieten. Beides, das rasche Einlernen in die Bestialität und das ebenso rasche Vergessen, suchte Kandel dort, wo es seinen Sitz haben muss: in den molekularen Tiefen des Gehirns. Und er suchte es mit "radikalem Reduktionismus: Statt dem menschlichen Gehirn habe ich mir das einfachste Nervensystem vorgenommen, das einer Meeresschnecke", erklärte Kandel am Montag Abend bei einem Vortrag im Jüdischen Museum. An dieser Schnecke hat sich gezeigt, wie das Gehirn Informationen aus dem Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis transferiert und dort speichert - über eine molekulare Kaskade, die unterschiedliche Gene aktiviert, die ihrerseits neue Verbindungen zwischen Nervenzellen - Synapsen - herstellen. "Das ist ein genereller Mechanismus", erklärt Kandel: "Während Sie mir zuhören, bauen Sie neue Synapsen im Gehirn." Aber selbst diese relativ simple Leistung ist auf molekularer Ebene kaum nachzuvollziehen, bis zu den großen Fragen - Erinnern, Vergessen, Freiheit des Willens, Verantwortung - ist der Weg noch weit. Kandel kann vorerst der privaten und öffentlichen Erinnerung nur eines empfehlen: "Nicht vergessen". Und die große Perspektive? "Das ist Forschungsarbeit für die nächsten 150 Jahre: Die Biologie des Gewissens ist das Schwierigste, und wir stehen erst am Anfang. Aber es soll ja auch für die Jüngeren noch Arbeit und Nobelpreise geben."
Das Symposium findet am 5./6. 6., 9.00 bis 18.00 im Kleinen Festsaal der Uni statt.
Eingelangt am: 05.06.2003 um: 9:00 Uhr

ORF ON http://science.orf.at/science/events/77045
Folgen des Nationalsozialismus für die Wissenschaft
Dem Thema "Österreich und der Nationalsozialismus. Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung" widmet sich vom 5. bis 6. Juni ein internationales Symposium in Wien. Mit der Tagung wird ein Wunsch des aus Wien stammenden und an der Columbia University (New York) lehrenden Neurobiologen Eric Kandel erfüllt, der anlässlich der Verleihung des Medizin-Nobelpreises 2000 an ihn gebeten hatte, auf Ehrungen und Feierlichkeiten in Österreich zu verzichten und sich stattdessen mit den Folgen des NS-Regimes für den Forschungs- und Bildungsbereich zu beschäftigen.

Kandel, Kohn, Holton, Stern und Klüger
Kandel selbst wird an dem Symposium ebenso teilnehmen wie u.a. sein Nobelpreis-Kollege Walter Kohn (Nobelpreis für Chemie 1998), der renommierte Wissenschaftshistoriker Gerald Holton, die Historiker Fritz Stern und Peter Pulzer, der Physiker Harry Lustig oder die Germanistin Ruth Klüger. In ihrem gemeinsamen Schicksal spiegelt sich das Tagungsthema wider: sie alle wurden in Wien geboren (Stern in Breslau), mit ihren Familien von den Nationalsozialisten vertrieben und machten in den USA Karriere.
Das Symposium "Österreich und der Nationalsozialismus. Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung"; 5.-6. Juni 2003; Universität Wien, Kleiner Festsaal

Doppelperspektive: Aktuelle Forschung und Autobiografien
Nach Ansicht von Tagungs-Organisator Friedrich Stadler, Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Uni Wien und Leiter des Instituts Wiener Kreis, ist der spezielle Blick auf die Folgen der NS-Herrschaft sowie auf den Umgang mit der Geschichte in der Zweiten Republik bis zur Gegenwart nur mittels einer Doppelperspektive angemessen zu behandeln: einerseits durch die Präsentation der aktuellen zeitgeschichtlichen Forschung im In- und Ausland, andererseits durch die exemplarischen autobiografischen Berichte von Wissenschaftlern, die durch das von Rassismus und Antisemitismus geprägte Klima vertrieben wurden.
Letzte Chance für derartige Bestandsaufnahme
Das Symposium wird sich mit beiden Perspektiven befassen: den biografischen Teil decken die prominenten Vortragenden selbst ab, indem sie in ihrer Eigenschaft als Vertriebene und als Forscher über ihre Erfahrungen reflektieren.
Es werde wohl das letzte Mal sein, dass eine Bestandsaufnahme in einer derartigen Zusammensetzung möglich sei, betonte Stadler im Gespräch mit der APA.

Die Vorträge der Vertriebenen
So berichtet Kandel über den Einfluss Wiens auf seine wissenschaftliche Karriere in den USA. Kohn erinnert sich an seinen Wiener Lehrer Emil Nohel, "ohne den er fast sicher nie Wissenschaftler geworden wäre". Holton präsentiert Ergebnisse eines Forschungsprojekts über die "Zweite Welle", in dem untersucht wurde, was aus den Kindern österreichischer Flüchtlinge in den USA geworden ist. Und Klüger vergleicht den Holocaust-Unterricht in Österreich und den USA.

Aktuelle Forschungsberichte
Die aktuelle Forschung wird einerseits durch einen Vergleich Österreichs, der Schweiz und Deutschlands beim Umgang mit der Vergangenheit beleuchtet. Andererseits werden laufende bzw. kürzlich abgeschlossene österreichische Forschungsprojekte zum Thema "Nationalsozialismus und Wissenschaft" präsentiert.
Dazu zählen u.a. die Projekte "Aus Österreich emigrierte PhysikerInnen und TechnikerInnen" von Christian Fleck von der Uni Graz und Anton Zeilinger von der Uni Wien, "'Arisierung', Berufsverbote und 'Säuberungen' an der Universität Wien" von Friedrich Stadler und "Hochschulen und Wissenschaften im Nationalsozialismus und danach" von Mitchell Ash von der Uni Wien.

"Katastrophale Folgen der NS-Herrschaft" ...
Ziel des Symposiums ist es, der Öffentlichkeit und der Wissenschaftergemeinschaft, speziell der jüngeren Generation von Forschern und Studenten, "die katastrophalen Folgen der NS-Herrschaft in Österreich wie Enteignung, Vertreibung und Holocaust, im besonderen für den gesamten Forschungs- und Bildungsbereich zu vermitteln", betont Stadler, der sich bereits 1988 mit dem großen Projekt "Vertriebene Vernunft" mit der österreichischen Wissenschafts-Emigration auseinander gesetzt hat.

... die bis heute spürbar sind
Für Stadler hat das Thema aber auch sehr aktuelle Bezüge. Wenn man heute die Frage stelle, warum Österreich keine Nobelpreisträger mehr hervorbringe, müsse man bis in die Zeit der Ersten Republik zurückgehen. Denn der "Cultural Exodus" habe eine Langzeitwirkung und präge noch immer den heutigen Zustand der österreichischen Universitäten und Wissenschaft, betonte Stadler.
Die angemessene Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sei Voraussetzung dafür, dass wieder eine blühende Wissenschaftskultur entsteht.

Kandel wird bereits am Dienstag (3.6., 19.30 Uhr) Abend im Jüdischen Museum Wien mit Kurator Werner Hanak über seine Forschungen, seine Beziehungen zu Wien, sein Interesse an der Psychoanalyse und seine Sicht auf das Judentum sprechen.
Jüdisches Museum Wien



ORF ON http://science.orf.at/science/news/77565
"Schwierige Erinnerungen": Eric Kandel in Wien
Eric Kandel, 1939 von den Nationalsozialisten als Jude aus Österreich vertrieben, zählt heute zu den weltweit führenden Neurowissenschaftlern. Als Initiator einer Tagung zum Thema "Österreich und der Nationalsozialismus" befindet sich der Forscher derzeit in Wien - und beschäftigt sich dabei auch mit seinen "schwierigen Erinnerungen". Kritik übt er etwa an der "Opferrolle" des einstigen Heimatlandes nach dem Zweiten Weltkrieg - und mahnt gleichzeitig zur Wachsamkeit vor "immanenten faschistischen Tendenzen in manchen Teilen der österreichischen Gesellschaft". Dennoch: Gegenüber Österreich hofft Kandel nun auf "wärmere Gefühle".
Mit dem Symposion wird ein Wunsch des an der Columbia University in New York lehrenden Neurobiologen erfüllt, der anlässlich der Verleihung des Medizin-Nobelpreises 2000 an ihn gebeten hatte, auf Ehrungen und Feierlichkeiten in Österreich zu verzichten und sich stattdessen mit den Folgen des NS-Regimes für den Forschungs- und Bildungsbereich zu beschäftigen.

Hintergrund: Tagung zu NS-Folgen für die Wissenschaft
Die Tagung "Österreich und der Nationalsozialismus - Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung" findet am Donnerstag und Freitag, organisiert vom Institut Wiener Kreis, an der Universität Wien statt. Kandel selbst wird an dem Symposion ebenso teilnehmen wie etwa sein Nobelpreis-Kollege Walter Kohn (Nobelpreis für Chemie 1998), der renommierte Wissenschaftshistoriker Gerald Holton, die Historiker Fritz Stern und Peter Pulzer, der Physiker Harry Lustig und die Germanistin Ruth Klüger. In ihrem gemeinsamen Schicksal spiegelt sich das Tagungsthema wider: Sie alle wurden in Wien geboren (Stern in Breslau), mit ihren Familien von den Nationalsozialisten vertrieben und machten in den USA Karriere.

"Alle waren schlecht, ohne Ausnahme"
Im Jahr 1989 - fast auf den Tag genau 50 Jahre nach seiner Flucht in die USA - hielt Kandel in seiner Geburtsstadt Wien einen wissenschaftlichen Vortrag und kam dabei auch auf seine gemischten Gefühle zu sprechen, nach Wien zurückzukehren.
Im Anschluss an den Vortrag wandte sich damals eine Dame an ihn und meinte: "Wissen Sie, es waren nicht alle schlecht."
Doch der Medizin-Nobelpreisträger des Jahres 2000 ist da anderer Meinung: "Um ehrlich zu sein, es waren alle schlecht, ohne Ausnahme", sagte Kandel Dienstagabend im Gespräch mit der APA in Wien.

"Es gab niemanden, der den Juden half"
Das Charakteristische an der Antwort der Österreicher auf die Nazis war, dass es keine gab, "es gab niemand, der den Juden half".

Die Langzeitwirkung des "cultural exodus"
Schon lange habe es ihn gestört, dass Österreich bei der Aufarbeitung der NS-Zeit nicht so offen gewesen sei wie die Deutschen, so Kandel weiter.
"Ich dachte, ein solches Symposion würde junge Leute erreichen, die bereit sind, die Vergangenheit zu erforschen, und man könnte damit ein Umfeld schaffen, in dem so etwas nie wieder passieren kann." Denn es sei gesund für ein Land, sich mit seiner Geschichte auseinander zu setzen, und "das war mir viel wichtiger als jede Ehrung".

Eric Kandel: Flüchtling, Neurobiologe, Nobelpreisträger
Kandel wuchs in Wien auf, sein aus Polen stammender Vater hatte ein Spielwarengeschäft in Wien-Währing. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Wohnung der Familie geplündert, im April 1939 gelang ihm und seinen Bruder die Flucht in die USA. In Harvard studierte er zeitgenössische europäische Geschichte und Literatur. Später begann Kandel eine Ausbildung zum Psychoanalytiker und schließlich als Psychiater.
Kandel wurde zum Aufdecker organischer Veränderungen im Rahmen von Signalübermittlung und Gedächtnisbildung. Er zeigte, dass einfache Verhaltensformen auf neuronalen Netzen beruhten, die aus bestimmten und identifizierbaren sowie untereinander fix verbundenen Neuronen aufgebaut sind. Das Kurzzeitgedächtnis von Organismen beruht demnach auf der Veränderung bereits vorhandener Proteine im Nervensystem, das Langzeitgedächtnis hingegen auf einer Neubildung von Proteinen. Für diese Entdeckung wurde er 2000 mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet.
Autobiografie von Eric Kandel in www.nobel.se

Nazis hinterließen riesiges Vakuum
Folgen der Flucht und Vertreibung jüdischer Wissenschaftler waren unter anderem die Zerstörung der Wiener Medizinischen Schule, der Wiener Psychoanalytischen Schule und der Wiener Schule für Wirtschaftswissenschaften. "Hinterlassen wurde ein riesiges Vakuum", sagte Kandel.
Ein Zustand mit lang andauernder Wirkung, die Kandel bei seinen Besuchen in Wien selbst noch in den achtziger Jahren bemerkte: "Ich war damals überrascht, wie schwach die Biologie in Österreich war." Erst mit dem Institut für Molekulare Pathologie (IMP) sei wieder eine international anerkannte Einrichtung geschaffen worden.

Langzeitwirkung des "cultural exodus"
Aber es dauere lange Zeit, bis sich Wissenschaften und Universitäten von der Vertreibung einer "fantastischen, viel versprechenden Generation" erholten, stimmte Kandel mit der These von Tagungsorganisator Friedrich Stadler, Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Uni Wien, überein.
Denn Stadler ist überzeugt, dass der "cultural exodus" eine Langzeitwirkung hat und noch immer den heutigen Zustand der österreichischen Universitäten und Wissenschaft prägt.

Österreich nicht als Heimatland
Österreich ist für Kandel nicht sein Heimatland, auch wenn er sich angezogen fühlt - vor allem von der österreichischen Kultur, der Musiktradition.
"Ich habe mir aber nie gewünscht, in Wien zu leben", sagte Kandel, der dennoch hofft, dass er nach dem Symposion "wärmere Gefühle" gegenüber seinem Geburtsland entwickelt, auch wenn er "sehr schwierige Erinnerungen" habe.

Ein Zorn, der sich erst später entwickelte
Lange Zeit sei er sehr zornig auf Österreich gewesen - allerdings nicht sofort nach seiner Flucht. "Es war so eine Erleichterung, weg zu sein, und Amerika ist so ein wundervolles Land", erinnerte er sich. Er habe sich sehr frei gefühlt in den USA und sei extrem dankbar.
"Ich kam als jüdischer Flüchtling, ohne einen Penny in der Tasche, studierte an der Harvard University und gewann den Nobelpreis - ist das nicht wundervoll, das ist typisch Amerika."

Doch später, als er realisierte, dass man seine Familie aus der Wiener Wohnung vertrieben, seinen Vater verhaftet und Verwandte in Konzentrationslagern ermordet hatte, "da war ich zornig".

Die Opferrolle Österreichs
Angefacht wurde dieser Zorn dadurch, "dass sich Österreich diesen Tatsachen nicht stellte, sondern die Rolle des Opfers spielte".
All die Menschen, die am 15. März 1938 auf dem Heldenplatz Hitler mit offenen Armen willkommen hießen, "das waren keine Opfer". "Österreich hat jeden Grund, seine Geschichte zu öffnen und sich zu entschuldigen, wie es bereits beginnt, es zu tun."
Nach dem Zweiten Weltkrieg habe ihn niemand gefragt, ob er vielleicht nach Österreich zurückkehren wolle. "Die Antwort wäre wahrscheinlich auch Nein gewesen, doch es hätte vielleicht eine engere Verbindung zu Österreich gegeben", so der Nobelpreisträger.

Rat an die Jungen: "Geht in die Wissenschaft"
Jungen Menschen, denen er seine Tagung widmet, gibt der Neurowissenschaftler zwei Ratschläge: "Geht in die Wissenschaft, es ist eine wundervolle Arbeit." Sie gebe einem die Chance, kreativ zu sein, und erzähle etwas über die Natur der Welt.
Und nicht ganz ohne Augenzwinkern verweist er auf die gute Lebensqualität eines Wissenschaftlers: "Man verbringt die Zeit mit Denken, mit interessanten Leuten zu sprechen, und eigentlich bekommt man bezahlt, um zu spielen."

"Immanente faschistische Tendenzen in Österreich"
Viel ernster ist sein politischer Rat: "Seid wachsam auf das politische Klima, speziell in Österreich, wo dieses Klima manchmal Angst einflößend ist."
Es gebe immanente faschistische Tendenzen in manchen Teilen der österreichischen Gesellschaft, die klein sein mögen, aber dennoch sehr einflussreich werden könnten. "Und deshalb müssen die jungen Leute wachsam sein."
Institut für Zeitgeschichte der Uni Wien
Eric Kandels Homepage am Howard Hughes Medical Institute
Eric Kandels Homepage an der Columbia University

Sendung "Dimensionen" zum Symposion
Mehr über das internationale Symposion erfahren Sie am kommenden Dienstag, 10.6.2003, in der Sendung "Dimensionen" - gestaltet von Reinhard Schlögl - um 19.05 Uhr in Radio Österreich 1.



APA0272 5 II 0470 XI F. APA0241/05.06 05.Jun 03
"Nationalsozialismus und Unis": Forschungen voll angelaufen
Utl.: Historiker Mitchell Ash: Derzeit rund 30 Projekte österreichweit

Wien/APA = ast 60 Jahre hat es gedauert, aber nun sind die Forschungen über das Verhältnis Nationalsozialismus und Universitäten bzw. Wissenschaft offenbar voll angelaufen. "Derzeit laufen österreichweit rund 30 Projekte zu diesem Thema", sagte der Historiker Mitchell Ash vom Institut für Geschichte der Universität Wien gegenüber der APA. Ash leitet das Projekt "Hochschulen und Wissenschaften im Nationalsozialismus und danach", das beim Symposium "Österreich und der Nationalsozialismus - Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung" heute, Donnerstag präsentiert wird.
Ash ist mit seinem Projekt angetreten, eine Art Forschungsnetzwerk zu errichten und die Leistungen der verschiedensten Disziplinen und Wissenschafter aufzuzeigen. Auch eine CD-ROM mit Kurzfassungen der Projekte ist erschienen. Lange galt an den Unis die Ansicht, dass die Wissenschaft von den Nazis missbraucht und quasi ein instrumentalisiertes Opfer gewesen sei. Tatsächlich habe ein ineinander verschlungenes Geben und Nehmen geherrscht, ist Mitchell überzeugt.
Dabei sind eindeutige Nehmer seitens der Universitäten nach 1945 durchwegs im Amt geblieben, eine Aufarbeitung ist lange überhaupt nicht passiert. Nur sehr zögerlich sind dann doch einige wenige Beispiele an die Öffentlichkeit gelangt. Durch die Medien gingen etwa der Fall des Anatomen Eduard Pernkopf mit seinem Atlas, der in das so genannte Euthanasie-Programm verwickelte Arzt Heinrich Gross und Nobelpreisträger Konrad Lorenz. Wieso nur einige prominente Beispiele in die Öffentlichkeit gelangten, ist für Ash nach wie vor nicht ganz klar. "Da müssen Sie auch die Medien fragen", so der Historiker.
Die rund 30 Forschungsprojekte zum Thema Universitäten und Nationalsozialismus sind breit gefächert. Sie reichen von Untersuchungen über die Vertreibung von jüdischen Wissenschaftern und den dadurch bedingten Aderlass für die Forschung über die Zensur in Universitätsbibliotheken bis hin zu wissenschaftlich-theoretischen und auch aktiven Beiträgen von österreichischen Wissenschaftern zur so genannten Rassenhygiene der Nationalsozialisten.
In einem gemeinsamen Projekt des Instituts für Soziologie der Universität Graz (Leitung: Christian Fleck) und des Instituts für Experimentalphysik der Universität Wien (Leitung: Anton Zeilinger) untersuchten die Forscher das Schicksal von aus Österreich emigrierten Physikern und Technikern. Dabei zeigt sich in Interviews mit Betroffenen der zweiten Generation, dass die Auswirkungen der nationalsozialistischen Ideologie bereits lange vor 1938 merkbar wurden. So wurden bereits in den 20-er Jahren Wissenschafter aus "rassischen Gründen" nicht habilitiert. Auch die Emigrationen begannen schon früher
Insgesamt war die Zahl der aus den Universitäten vertriebenen Physiker kleiner als vermutet. Dies scheint im Widerspruch zu häufigen Meldungen über Erfolge von aus Österreich emigrierten Physikern - bis hin zu Nobelpreisen - zu stehen. Fleck vermutet, dass viele erst nach ihrer Vertreibung bzw. Emigrationen begannen, Physik zu studieren. Auffallend ist jedenfalls, dass nach dem Krieg nur wenige Emigranten nach Österreich zurück kehrten. Es gab auch keine Bemühungen dazu von offizieller Seite.
(Schluss) jak/cm/ws

APA0241 5 II 0429 XI 05.Jun 03
Uni Wien verlor nach NS-Machtergreifung 42 Prozent ihrer Studenten
Utl.: Studie: 1.463 Juden nachweislich von der Uni Wien vertrieben - Hohe Dunkelziffer

Wien (APA) - Im Wintersemester 1937/38 waren an der Universität Wien 9.180 Personen inskribiert. Ein Jahr später, im Wintersemester 1938/39, nach der nationalsozialistischen Machtergreifung, waren es nur noch 5.351. Das ist ein Rückgang um 42 Prozent. Nachweislich wurden 1.463 Jüdinnen und Juden von der Uni Wien vertrieben, erklärt der Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte an der Uni Wien, Friedrich Stadler, in seiner Studie "'Arisierung', Berufsverbote, 'Säuberungen' an der Universität Wien". Die Arbeit wird am Donnerstag im Rahmen des Symposiums "Österreich und der Nationalsozialismus - Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung" in Wien präsentiert.
Bisherige Studien widmeten sich vor allem den vertriebenen Eliten. Zu den vielen anonymen Studierenden, deren Lebenslauf gewaltsam abgebrochen wurde, war bisher wenig bekannt. Ziel des vom Jubiläumsfonds der Nationalbank unterstützten Projekts war es, die vertriebenen Studierenden quantitativ und namentlich zu erfassen, den Prozess der Verfolgung und Vertreibung an der Uni Wien zu rekonstruieren und mit narrativen Interviews die Folgen der Vertreibung für die Betroffenen zu beschreiben.
Von 1.463 Studierenden, deren Namen man kennt, weiß man mittlerweile nachweislich, dass sie aus "rassischen Gründen" - so die Argumentation der Nazis - vertrieben wurden. Hinsichtlich der anderen im Wintersemester 1938/39 nicht mehr inskribierten Studenten könne noch nicht festgestellt werden, wer von ihnen Opfer "rassischer Verfolgung" wurde. "Mit Sicherheit ist davon auszugehen, dass die tatsächliche Zahl der Betroffenen noch weit höher ist", so Stadler. Um die hohe Dunkelziffer zu klären, müsse noch viel recherchiert werden. Allerdings steht derzeit noch kein Geld zur Verfügung, um das Projekt weiterzuführen.
Mit der Vertreibung der jüdischen Studenten 1938 seien wissenschaftliche und akademische Berufsfelder in Österreich auch für Jahrzehnte nach 1945 nachhaltig verändert worden, indem eine große Gruppe von Akteuren gewaltsam entfernt worden war. "Konkurrenz- und Herrschaftsverhältnisse wurden damit radikal zu Gunsten jener verschoben, die nicht verfolgt worden waren", betonte der Zeithistoriker.
Diese langfristige strukturelle Veränderung wissenschaftlicher Felder sei auch im Nachkriegsösterreich folgenreich geblieben. Stadlers These dazu: "Die Kombination von persönlichen Karrierevorteilen Nichtverfolgter und der dramatischen qualitativen Verarmung des akademischen und wissenschaftlichen Lebens in Österreich nach 1945 durch die Vertreibung hat ein bedrohliches Spannungsfeld produziert, das durch Nichtthematisierung und Tabuisierung abgewehrt wurde."
Mit den Forschungen soll, so der Wunsch Stadlers, ein weiterer Anstoß dafür gegeben werden, dass öffentliche Institutionen wie die Universität erlittenes Unrecht anerkennen. So hätte nach Ansicht des Zeithistorikers die Universität Wien die Verpflichtung, jene vertriebenen Studenten, die noch leben, einzuladen und Entschuldigung zu sagen. Auch wenn eine Fortsetzung des Projekts noch nicht gesichert ist, will Stadler die bisherigen Ergebnisse im kommenden Studienjahr im Rahmen eines zweisemestrigen Forschungsseminars aufbereiten. So könnte eine Ausstellung die vertriebenen Studierenden der Anonymität entreißen.
(Schluss) cm/jak/ws

dieUniversitaet.at, 05. Juni 2003
"The worst experiences of my life"
Der 1923 in Wien geborene Physiker und Nobelpreisträger Walter Kohn gehörte zu jenen vielen jungen Talenten, die der Vertreibung durch das NS-Regime anheim fielen. Am 6. Juni 2003 hält er dazu im Rahmen des Symposions "Österreich und der Nationalsozialismus" einen Vortrag an der Universität Wien. DieUniversitaet.at beleuchtete seine Lebensgeschichte und befragte ihn vorab nach seinen persönlichen Erlebnissen damals sowie der heutigen Beziehung zu Österreich.

Professor Sabbath und Professor Nohel
Als Walter Kohn 1998 für seine Arbeiten zur Dichtefunktionaltheorie den Chemie-Nobelpreis erhielt, bemerkte er etwas schmunzelnd, dass er sein Wissen über Chemie eigentlich im Wesentlichen seinen Lehrern aus Wien verdanke. Obwohl diese Aussage nicht so ganz ernst gemeint war, betonte Kohn immer wieder, dass ihn einige seiner Lehrer in Wien sehr stark prägten. Speziell zwei Lehrer verstanden es, in ihm ein belebendes Interesse für die Wissenschaft zu wecken. Zum einen war dies sein Mathematikprofessor Dr. Victor Sabbath, der den SchülerInnen, vom Lehrplan abweichend, die komplexe Funktionentheorie beibrachte und sie stets über seine wissenschaftliche Lektüre am Laufenden hielt. Zum anderen verstand es Dr. Emil Nohel, den damals fünfzehnjährigen Kohn mit seinem Unterricht zu begeistern. Nohel war in den 1920er Jahren Assistent von Albert Einstein gewesen und Physikprofessor sowie Direktor am jüdischen Chajes-Gymnasium in der Sperlgasse, in das Kohn nach seinem Ausschluss aus dem Akademischen Gymnasium kam. Über ihn sagt Kohn, dass er ohne ihn fast sicher nie zum Wissenschafter geworden wäre. Beide Lehrer wurden von den Nationalsozialisten ermordet.

Flucht aus Wien
Walter Kohn, und etwas frührer seiner Schwester Minna, gelang im Sommer 1939 kurz vor Kriegsbeginn die Flucht nach England. Seine Eltern, Salomon und Gittel Kohn, konnten nicht aus Österreich fliehen, beide kamen in Auschwitz um. Von England aus wurde Kohn in ein kanadisches Internierungslager überstellt, aus dem er schließlich im Jänner 1942 entlassen wurde. An der Universität von Toronto studierte er Physik, wechselte dann aber bald an die renommiertere Harvard Universität, an der er 1948 seinen ersten Lehrposten angeboten bekam. Nach Studienaufenthalten unter anderem in Paris, Kopenhagen, Jerusalem, London sowie Zürich und Konsulententätigkeiten für die Firmen Westinghouse, Bell, General Atomic und IBM, gelangte er letztlich 1979 an die Universität von Santa Barbara, wo er 1991 emeritierte und auch heute noch lebt.

Haftende Erinnerungen
Zurückkehren nach Österreich wollte Kohn nach dem Krieg übrigens nie, selbst dann nicht, wenn man ihn gefragt hätte. Zu schwer wogen die negativen Eindrücke der damaligen Zeit, die Erinnerungen an die Kristallnacht, in der die Wohnung der Familie Kohn in der Theobaldgasse verwüstet wurde, und die Vertreibung aus dem Akademischen Gymnasium am Beethovenplatz. Kohn über die damaligen Geschehnisse: "The worst experiences of my life - especially the realization that many of our respected teachers had been illegally members of the Nazi party."

Wissenschaft verbindet
Seine heutige Beziehung zu Österreich beschreibt Kohn mit "very complex and difficult", und dennoch ist die Verbindung zu seinem Geburtsland nicht vollständig abgerissen. Seine Nichte und sein Neffe, die den Postkartenverlag seiner Eltern betreiben, leben hier und auch zu Fachkollegen in Wien besteht nach wie vor eine sehr gute Beziehung. Zuerst bestand eine jahrelange wissenschaftliche Verbindung zum mittlerweile emeritierten Univ.-Prof. Dr. Walter Thirring, Institut für Theoretische Physik der Universität Wien, und in Folge auch eine Beziehung zur Technischen Universität Wien, im Speziellen zu Univ.-Prof. Dr. Peter Weinberger. In der Wissenschaft zumindest, so ist Kohn überzeugt, hat man in Österreich das damalige nationalstaatliche und ethische Denken mittlerweile überwunden: "Fortunately, science in general has a tradition of a high level of international and inter-ethnic collaboration. Of course there have been major exceptions, including anti-Semitism, 'Deutsche Physik', and negatively 'capitalist science' in the Stalin period. My sense is that in Austrian scientific circles these aberrations have been overcome."

Die Notwendigkeit des Erzählens
Über die Zeit des Nationalsozialismus sowie die Geschehnisse der damaligen Zeit zu sprechen und vor allem Jugendlichen davon zu erzählen, hält Kohn nach wie vor für sehr wichtig. Während seiner mittlerweile fast 50 Österreichaufenthalte nach seiner Vertreibung konnte er auch seine ehemaligen Schulen in Wien besuchen und mit den SchülerInnen dort sprechen: "I have in fact had productive meetings with students of the Akademische and Chajes-Gymnasia and I have established, in both of these schools, prizes in the areas of science, including mathematics, and human rights." Besonders berührt hat ihn beim Schulbesuch im Akademischen Gymnasium 1998 ein Projekt der dortigen SchülerInnen. Thema dabei war die Ausstoßung der jüdischen SchülerInnen im März und April 1938, ein Schicksal, das auch ihm widerfahren ist. (ro)

"Neues Volksblatt" Nr. 130 vom 06.06.2003 Seite: 3
Universitäten in der NS-Zeit
WIEN - Nun doch voll angelaufen sind Studien über das Verhältnis von Nationalsozialismus und Universitäten bzw. Wissenschaft. Derzeit laufen österreichweit rund 30 Projekte, hieß es beim gestern eröffneten Symposium "Österreich und der Nationalsozialismus - Die Folgen für wissenschaftliche und humanistische Bildung".

"Wiener Zeitung" Nr. 108 vom 06.06.2003 Seite: 6 Ressort: Politik
Universitäten beginnen mit Aufarbeitung ihrer NS-Vergangenheit
Nach 60 Jahren: Behutsame Kontakte

Ein mit internationalen Wissenschaftlern hochkarätig besetztes Symposion diskutiert Donnerstag und Freitag an der Uni Wien den Umgang Österreichs und der Universitäten mit den 1938 Vertriebenen.
Fast 60 Jahre hat es gedauert, aber nun sind die Forschungen über das Verhältnis Nationalsozialismus und Universitäten bzw. Wissenschaft voll angelaufen. "Derzeit laufen österreichweit rund 30 Projekte zu diesem Thema", erklärt der Historiker Mitchell Ash vom Institut für Geschichte der Universität Wien. Ash leitet das Projekt "Hochschulen und Wissenschaften im Nationalsozialismus und danach", das beim Symposium "Österreich und der Nationalsozialismus. Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung" am Donnerstag präsentiert wurde.
Lange galt an den Unis die Ansicht, dass die Wissenschaft von den Nazis missbraucht und quasi ein instrumentalisiertes Opfer gewesen sei. Tatsächlich habe ein ineinander verschlungenes Geben und Nehmen geherrscht, ist Ash überzeugt. Dabei sind eindeutige Nehmer seitens der Universitäten nach 1945 durchwegs im Amt geblieben, eine Aufarbeitung ist lange überhaupt nicht passiert. Nur sehr zögerlich sind dann doch einige wenige Beispiele an die Öffentlichkeit gelangt. Etwa der Fall des Anatomen Eduard Pernkopf, der Arzt Heinrich Gross, Nobelpreisträger Konrad Lorenz.
In einem gemeinsamen Projekt des Instituts für Soziologie der Uni Graz (Leitung: Christian Fleck) und des Instituts für Experimentalphysik der Uni Wien (Leitung: Anton Zeilinger) wurde das Schicksal emigrierter Physiker und Techniker untersucht. Dabei zeigt sich, dass die Auswirkungen der NS-Ideologie bereits lange vor 1938 merkbar wurden. So wurden bereits in den 20-er Jahren Wissenschafter aus "rassischen Gründen" nicht habilitiert. Niemand hat nach dem Krieg daran gedacht, die Vertriebenen zurück zu bitten. Der prominente Physiker Wictor Weisskopf beantwortete wie viele andere Wissenschaftler die Frage, warum er nie nach Österreich zurückkehrte: "Weil mich nie jemand gefragt hat."
Das Symposion findet noch heute (9bis 12 Uhr und 14 bis 18 Uhr an der Uni Wien, Kleiner Festsaal ) statt.

"Kurier" vom 07.06.2003 Seite: 26 Ressort: Leben
Eine internationale Tagung in Wien beschäftigte sich auf Initiative von Nobelpreisträger Eric Kandel mit Österreichs Wissenschaft in der NS-Zeit VERTREIBUNG DER FORSCHER
von Otto Klambauer
"Das erste Mal seit 65 Jahren, damals war ich Studentin, habe ich heute wieder den Boden der Universität betreten. Damals war ich im festen Glauben, weiterstudieren zu dürfen." Doch 1938 wurde die 20-jährige Ilse M. Aschner jäh aus ihren Träumen gerissen.
Unmittelbar nach dem Anschluss am 13. März 1938 wurde die Universität Wien gesperrt. NS-Ziel: Säuberung der Universität von politischen Gegnern, Vertreibung aller Jüdinnen und Juden. Als am 25. April 1938 NS-Gauleiter Bürckel die Universität wiedereröffnete, durften jüdische Hörer sie nur noch mit Zulassungsschein betreten. Nur 150 jüdische Studenten, darunter Bruno Kreisky, durften ihr Studium noch beenden - mit der Verpflichtung, nie einen Beruf im Deutschen Reich auszuüben. Alle anderen verloren über Nacht ihr Studien-Anrecht.
Wie es ihnen erging, schildert Ilse Aschner: "Als ich die Uni-Rampe zum Eingang hinaufging, hielt mich ein SA-Student in Uniform mit den Worten auf: ,Volksgenossin, bitte deinen Arier-Ausweis!` Ich sagte ihm: ,Den habe ich nicht`. Ich wollte nur meine Bücher und Unterlagen aus dem Institut abholen. Der SA-Student: ,Das geht nicht, das ist jetzt Volksvermögen.`" FALLSTUDIEN Das war das Ende der Uni-Karriere der 20-jährigen Studentin aus evangelischer Familie in Wien mit jüdischen Vorfahren. Aschner emigrierte 1939 nach England. Ihre Eltern sah sie nie wieder. Die Wohnung wurde arisiert. Der Fall Aschner ist einer von vielen, die nun im Forschungsprojekt ",Arisierung`, Berufsverbote und ,Säuberungen` an der Universität Wien" unter Leitung von Friedrich Stadler, Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte, gesammelt wurden.
Herbert Posch und Werner Lausecker haben die Vertreibung der Studenten erforscht: Im Wintersemester 1937/38 waren 9180 Studenten an der Universität Wien inskribiert. Ein Jahr später, im Wintersemester 1938/39, waren es 3800 weniger, ein Rückgang von 42 Prozent. "Mindestens 1463 wurden auf Grund ihrer jüdischen Herkunft vertrieben."
Was den Lehrkörper betrifft, so wurden in der NS-Ära 45 Prozent der Professoren und Dozenten aus politischen und "rassischen" Gründen vertrieben.
BEKENNTNIS Lange Zeit haben Österreichs Hochschulen ihre Rolle unter NS-Herrschaft und die weitere Hochschul-Aktivität von NS-Lehrern nach 1945 verdrängt.
Dass dies nun öffentlich wird, ist einem Nobelpreisträger zu verdanken: Der Nobelpreisträger für Medizin 2000, der in Österreich geborene Neurobiologe Eric Kandel, lehnte alle Ehrungen in Österreich ab, regte aber ein Symposion "Österreich im Nationalsozialismus" an.
Dieses Symposion wurde am Freitag mit Referaten prominenter Emigranten wie Kandel, Chemie-Nobelpreisträger 1998 Walter Kohn und dem Wissenschaftshistoriker Gerald Holton beendet.
BILANZ Die Organisatoren des Symposions konnten erfreuliche Bilanz ziehen: "Derzeit laufen österreichweit rund 30 Projekte" zum Thema Nationalsozialismus und Universitäten, so Historiker Mitchell Ash. Der 1939 nach Großbritannien emigrierte Historiker Peter Pulzer konstatiert zwar viele Versäumnisse Österreichs bei der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, sieht aber eine Verbesserung: Heute könne das Thema "Österreich in der NS-Ära" nicht mehr umgangen werden.
Was beweist, wie wertvoll die Initiative des Nobelpreisträgers Kandel für Österreich geworden ist.

"Kurier" vom 07.06.2003 Seite: 26 Ressort: Leben
Wi, Abend, Wi, Morgen
ZEITZEUGEN
"Da kommen all die Erinnerungen zurück"

Der 1923 in Wien geborene Physiker Walter Kohn wurde im Jahr 1998 mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet. Beim Anschluss Österreichs im März 1938 besuchte Kohn gerade das Akademische Gymnasium in Wien. 1939 floh er nach England.
Die Ereignisse 1938 sind ihm genau im Gedächtnis. Am Rande des Symposions in Wien schilderte Walter Kohn, was ihn am stärksten betroffen machte: "In der Nacht des Anschlusses war ich mit einer großen Gruppe vom Mittelschülern unterwegs. Der Anschluss wurde konkret befürchtet, wir waren auf der Straße, um dagegen zu protestieren. Und plötzlich - ein Moment, den ich nie vergessen werde - sehe ich ein Hakenkreuz auf dem Armband eines Polizisten. Ich sage noch: Was ist da los? Und innerhalb von zwei Minuten hatten alle Polizisten Hakenkreuze!
Wenn ich durch Wien gehe, kommen all diese Erinnerungen zurück: Wie ältere Frauen auf der Mariahilfer Straße von Vagabunden gezwungen wurden, auf den Knien die Straße sauber zu machen. Und diese jungen Typen, die herum standen und dachten, das sei eine große Hetz'! Ich weiß, wo ich das gesehen habe. Dort vorbei zu gehen, fällt mir sehr schwer!"
Ebenso geprägt wurde Medizin-Nobelpreisträger 2000 Eric Kandel. Er wurde 1929 in Wien geboren, beim Novemberprogrom 1938 wurde die Wohnung seiner Familie in Wien geplündert. Im April 1939 konnte er in die USA fliehen. Kandel urteilt über Österreich noch schärfer als Kohn: "Es gab niemanden, der den Juden half." Die "Opferrolle" habe ihn immer gestört. Mit dem Symposion wollte er "junge Leute erreichen, die bereit sind, die Vergangenheit zu erforschen." Kandel: "Das ist mir viel wichtiger als jede Ehrung!"

"Der Standard" vom 07.06.2003 Seite: 27 Ressort: Kultur
Der geniale Blick der Emigranten
Eine Zwischenbilanz des Symposions zur vertriebenen Vernunft
Richard Reichensperger
Wien - Was in Österreich immer noch fehlt - strukturell und wissenschaftsgeschichtlich -, das lässt sich am besten an Geschichten von vertriebenen Wissenschaftern zeigen, die in ihren Exilländern umwälzende Entdeckungen machten. Zum Beispiel die Geschichte der aus Wien 1938 vertriebenen Versicherungsmathematiker, wie sie Karl Sigmund beim am Freitagabend zu Ende gegangenen Symposion "Österreich und der Nationalsozialismus. Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung" am Freitag referierte. Derart geniale Mathematiker fehlten nach 1945. Paradigmatisch zeigt ihre Geschichte die Problemfelder, um welche die Tagung kreiste und an welcher das österreichische Wissenschaftssystem vor und auch nach Hitler krankte: Alfred Tauber und Eduard Helly - Ersterer in Theresienstadt ermordet, Letzterer noch in die USA entronnen - hatten, bei großen Unterschieden im Charakter, strukturelle Gemeinsamkeiten: Beide - Meister der funktionalen Analysis - konnten schon vor Hitler an der Wiener Universität keine Karriere machen, abgesehen von Lehraufträgen (Tauber musste 30 Jahre lang Einführungsvorlesungen halten). Denn schon dem Prälaten Ignaz Seipel schien der Anteil der jüdischen Intelligenz in den Formalwissenschaften so hoch, dass er einen "Antisemitismus aus Notwehr" forderte. Deshalb landeten die beiden Genies nicht in der Universität, sondern in der "Phönix"- Versicherung. Die zerplatzte 1936 aber in einer Fülle von Skandalen (u.a. hatte sie die "Heimwehr" finanziert).
Als schon im März 1938 die Wiener Studenten in den Vorlesungssälen besonders fanatisch ihre Hände zum Hitlergruß streckten - darüber berichtete Friedrich Stadlers Forschungsprojekt "Berufsverbote und Säuberungen an der Universität Wien 1938/39" am Donnerstag -, verloren sie sofort ihre Lehraufträge und konnten nur noch von Nachhilfestunden (nicht) leben.
Dennoch gelang vielen der solcherart schlecht behandelten Wissenschafter in ihren Emigrationsländern dann eine Karriere. Dafür waren strukturell ideale Voraussetzungen in den USA und in England die Grundbedingung, wie Edward Timms herausarbeitete. Nicht nur Labors (wie in den USA), sondern auch das Bedürfnis nach neuen Ideen. Beispiel Kunstgeschichte: In England war sie um 1930 weniger weit als diejenige in Wien oder am Hamburger Warburg-Institut. Warburg floh nach London - und einer der Mitarbeiter dort wurde der ebenfalls exilierte Ernst Gombrich. Oder die Psychoanalyse - der Kreis um Anna Freud in London etwa, oder derjenige um Ernst Kris, Mentor des jungen Eric Kandel, in New York.
Die extreme Außenseiterposition von Emigranten wirkte sich, so Timms, oft wissenschaftlich positiv aus: Der Außenseiter sieht die Probleme, giert nach Lösungen.

"Der Standard" vom 10.06.2003 Seite: 29 Ressort: Wissenschaft
Die krummen Bildungswege
Vorträge des Nobelpreisträgers Walter Kohn und der US-Germanistin Ruth Klüger beendeten würdig ein Symposion zu den Folgen des Nationalsozialismus für die Bildung.
Richard Reichensperger
Wien - Erpresste Versöhnung gibt es eben nicht. Dies ist das Fazit des vom Medizinnobelpreisträger Eric Kandel initiierten Symposions zu den Folgen des Nationalsozialismus für die wissenschaftliche Bildung: Wer - wie die Nobelpreisträger Walter Kohn und Eric Kandel - als Kind verjagt wurde, der lässt sich nachher nicht mehr als "Österreicher" vereinnahmen.
Dass Brüche hier nicht geglättet wurden, gab doch Anlass zur Freude: Eric Kandel hielt den Vortrag, den er zu Wochenbeginn im Jüdischen Museum auf Englisch gehalten hatte, zum Abschluss am Freitag in Deutsch (Auszüge in derStandard.at).
Grundthema des Symposions: der gewaltsame Abbruch von "Bildung" im März 1938 und Bildungswege im amerikanischen Exil. So lässt sich auch Walter Kohns sehr persönliches Erinnerungspatchwork am Freitag als zerfranster Bildungsroman lesen.
Der Chemienobelpreisträger, der bis zum Hinauswurf jüdischer Schüler 1938 das "Akademische Gymnasium" besucht und sich dort primär für Latein und gar nicht für Mathematik interessiert hatte, evozierte zwei Lehrer aus dem Chajes-Gymnasium 1939. Diese beiden - der Physiklehrer Emil Nohel und der Mathematiker Victor Sabbath - eröffneten ihm die Naturwissenschaften: "Verglichen mit den Gesetzen der Physik, war die Schreierei des Führers draußen nichts." Beide Lehrer wurden, wie auch Kohns Eltern, in Auschwitz ermordet. Das Flüchtlingskind Kohn aber ging in Toronto und Harvard den von ihnen initiierten Weg - über die Quantenmechanik hin zur "funktionalen Dichtetheorie".
Solche krummen Bildungswege waren auch das Thema einer groß angelegten Studie Gerald Holtons. Verblüffend: Die "Kinder, die Österreich nicht wollte" brachten nach Amerika ein höheres Bildungsniveau mit; bei den Frauen war dies sogar fünfmal höher.
Zwar fanden die Höchstbegabten den Einstieg ins amerikanische Bildungssystem, aber kulturell bestand noch eine starke Bindung an Europa - Lieblingslektüre: Karl May und Erich Kästner. Und Brüche: Angstträume, posttraumatische Schockerfahrungen. Solche Risse machte - als Einzige auf dem Podium - Ruth Klüger aus ihrer Lehrerfahrung in Amerika mit dem europäischen Thema "Holocaust" sichtbar: "Die Studierenden, die als Wahlfach solche Kurse in Amerika belegten, waren zum Großteil, aber keineswegs ausschließlich Juden. Verwöhnte gescheite jüdische Kinder, denen es immer gut gegangen war, deren Eltern das Geld hatten, sie an renommierte Universitäten wie Princeton zu schicken - privilegierte junge Menschen, bei denen sich im Kopf die Kluft aufgetan hatte, dass man ihresgleichen vor nicht allzu langer Zeit massenweise vom Erdboden verschwinden ließ und dass ihre eigenen Großeltern unter den Opfern waren."
Dieser "internationale Albdruck jüdischer Kinder" ist es, was auch in diesen Tagen, unter den Erfolgsgeschichten späterer Nobelpreisträger, schwelte. Ruth Klügers Beitrag - im derStandard.at abgedruckt - grub ihn aus.
derStandard.at/Wissenschaft

DieUniversitaet.at, 10 Juni 2003
Erfolgreiches Symposium "Österreich und der Nationalsozialismus"
Letzte Woche fand das Symposium "Österreich und der Nationalsozialismus - die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung" statt. Trotz drückender Hitze ließen es sich zahlreiche Interessierte nicht nehmen, am Symposium teilzunehmen. Der Kleine Festsaal der Universität Wien war beinahe zum Bersten voll.
Der Medienrummel war groß, in fast allen wichtigen Zeitungen und elektronischen Medien wurde über die Veranstaltung ausführlich berichtet. Kein Wunder, zahlreiche Top-WissenschafterInnen aus den USA, Großbritannien, Deutschland, der Schweiz, Ungarn und Österreich nahmen daran teil, u.a. die beiden Nobelpreisträger Walter Kohn (Chemie 1998) und Eric Kandel (Medizin 2000), der renommierte Wissenschaftshistoriker und Physiker Gerald Holton, die Historiker Fritz Stern und Peter Pulzer, die Germanistin Ruth Klüger sowie der Physiker Harry Lustig. Alle haben das gleiche Schicksal: Sie wurden mit ihren Familien vertrieben und machten in den USA Karriere. Am Symposium nahmen auch zahlreiche WissenschafterInnen der Universität Wien teil wie Friedrich Stadler, Mitchell Ash, Johanna Gehmacher, Michael Hubenstorf, Oliver Rathkolb, Wolfgang Reiter, Gerald Stourzh, Ruth Wodak und Karl Sigmund, der eine Ausstellung im Arkadenhof organisierte, die sich mit dem Exodus der Mathematik, darunter die Spitze der Wiener Versicherungsmathematiker, beschäftigte.
DieUniversitaet.at fasst die Vorträge von Holton, Kohn und Kandel zusammen.

Gerald Holton - Project "Second Wave"
Einen Vergleich von Wissenschaftskulturen stellte der in Wien geborene renommierte Wissenschaftshistoriker und Physiker Gerald Holton aus Harvard an, indem er zeigt, dass viele der heute Weltberühmten noch als Kinder in die USA kamen und dort den Bildungsweg durchliefen. Holten untersucht in seiner Studie "The Second Wave", was mit den vielen Kindern, die in die USA emigrieren mussten, passiert ist, welche Karrieren sie gemacht haben und wie es ihnen nach ihrer Vertreibung ging. Holton stellte fest, das rund 26.000 Kinder und Jugendliche zwischen 1937 und 1945 aus Österreich in die USA gekommen sind. Sie konnten fast kein Wort Englisch, hatten kein Geld und keine abgeschlossene Ausbildung. Trotz dieser ungünstigen Umständen haben zahlreiche Flüchtlinge Karriere gemacht.
Zwei Jahren lief das Forschungsprojekt, wobei 6.000 EmigrantInnen mittels Fragebögen befragt und rund 100 Interviews gemacht wurden. Untersucht wurde der Bildungsstand, die Einkommenshöhe und die berufliche Position bis zum Jahr 1970. Die Antworten der als Kinder aus Österreich Vertriebenen wurden mit einer Kontrollgruppe von US-Bürgern verglichen. Dabei zeigt sich ein interessantes Ergebnis: 15 Prozent der befragten Amerikaner haben einen College-Abschluss und acht Prozent einen Universitätsabschluss. Bei den ursprünglich aus Österreich stammenden Befragten hingegen hatten 51 Prozent ein College-Abschluss und 36 Prozent einen Hochschulabschluss. Dafür mussten die Flüchtlinge den Preis der verlorenen Kindheit bezahlen.

Walter Kohn: "Mein verehrter Wiener Lehrer, Prof. Dr. Emil Nohel"
Prof. Walter Kohn, Nobelpreisträger für Chemie und Physiker an der Harvard University, hielt einen Vortrag mit dem Titel "Mein verehrter Wiener Lehrer, Professor Doktor Emil Nohel". Schließlich weckte sein ehemaliger Lehrer sein Interesse für die Naturwissenschaften: "Er führte mich zur Physik und damit auch zum Nobelpreis", so Kohn.
Kohn wurde 1923 in Wien geboren und besuchte das Akademische Gymnasium, das er nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verlassen musste, um ans jüdische Chajes Gymnasium zu wechseln. Dort war Emil Nohel sein Physik- und später auch Lateinlehrer, als der Vorgänger von der Gestapo verhaftet wurde. Vor seiner Tätigkeit als Lehrer war er Assistent von Albert Einstein in Prag. Emil Nohel wurde gemeinsam mit seiner Schwester in Auschwitz ermordet. Nicht nur über seinen Lehrer, auch über das Schicksal ehemaliger KlassenkollegInnen am Jüdischen Chajes Gymnasium in Wien erzählte Kohn einiges. So wurden zumindest vier der Schüler seiner Klasse Professoren der Mathematik oder der Physik im Ausland.
Walter Kohn konnte Österreich verlassen und machte als Physiker in den USA Karriere. Kohn erklärte über seine Flucht: "Wir betrachteten uns immer als Flüchtlinge, nicht als Emigranten."

Eric Kandel: "Der Einfluss Wiens auf mein Leben in den Vereinigten Staaten"
Der Neurobiologe und Medizinnobelpreisträger Eric Kandel war zehn Jahre alt, als er mit seinen Eltern 1939 in die USA flüchten musste. Seine Ankunft in den USA bezeichnete der Laureat als befreiende Erfahrung. "Doch aufgrund meiner Wiener Herkunft schlägt mein Herz gelegentlich immer noch im Dreiviertel-Takt, und ich bleibe fasziniert von der europäischen und besonders der Wiener Kultur und Geschichte", so Kandel. In Harvard studierte er zunächst zeitgenössische europäische Geschichte und Literatur und verfasste eine Dissertation über die Haltung der deutschen Schriftsteller Carl Zuckmayer, Hans Carossa und Ernst Jünger zum Nationalsozialismus. Während seiner Studienzeit in Harvard lernte er verschiedene Personen kennen, deren Eltern Mitglieder des Freud'schen Kreises in Wien waren. Diese beeinflussten seinen Interessenwechsel von Geschichte zur Untersuchung des menschlichen Geistes. Kandel studierte Medizin und promovierte 1956 an der New York University School of Medicine. Während seiner Tätigkeit am Labor für Neurophysiologie der weltberühmten nationalen US-Gesundheitsbehörde im Bundesstaat Maryland deckte er organische Veränderungen im Rahmen von Signalübermittlungen und Gedächtnisbildung auf. Im Jahr 2000 erhielt er den Nobelpreis für Medizin. Kandel ist nach wie vor Universitätsprofessor an der Columbia University und Seniorwissenschafter des Howard Hughes Medical Institute. 1994 erhielt er das Ehrendoktorat der Universität Wien. (du)

"Wiener Zeitung" Nr. 110 vom 11.06.2003 Seite: 21 Ressort: Forschung
Symposium: F. Stadler und G. Holton präsentierten zwei neue Studien
Die Kinder der Vertriebenen: Karrieren um einen hohen Preis Im Wintersemester 1937/38 waren an der Universität Wien 9.180 Personen inskribiert.Ein Jahr später, im Wintersemester 1938/39, nach der nationalsozialistischen Machtergreifung, waren es nur noch 5.351. Das ist ein Rückgang um 42 Prozent.Nachweislich wurden 1.463 Jüdinnen und Juden von der Uni Wien vertrieben, erklärt der Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte an der Uni Wien, Friedrich Stadler, in seiner Studie ",Arisierung', Berufsverbote, ,Säuberungen' an der Universität Wien".Die Arbeit wurde vergangene Woche im Rahmen des Symposiums "Österreich und der Nationalsozialismus Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung" in Wien präsentiert.
Bisherige Studien widmeten sich vor allem den vertriebenen Eliten. Zu den vielen anonymen Studierenden, deren Lebenslauf gewaltsam abgebrochen wurde, war bisher wenig bekannt. Ziel des vom Jubiläumsfonds der Nationalbank unterstützten Projekts war es, die vertriebenen Studierenden quantitativ und namentlich zu erfassen, den Prozess der Verfolgung und Vertreibung an der Uni Wien zu rekonstruieren und mit narrativen Interviews die Folgen für die Betroffenen zu beschreiben.
Von 1.463 Studierenden, deren Namen man kennt, weiß man mittlerweile nachweislich, dass sie aus "rassischen Gründen" so die Nazi-Terminologie vertrieben wurden. Hinsichtlich der anderen im Wintersemester 1938/39 nicht mehr inskribierten Studenten könne noch nicht festgestellt werden, wer von ihnen Opfer "rassischer Verfolgung" wurde. "Mit Sicherheit ist davon auszugehen, dass die tatsächliche Zahl der Betroffenen noch weit höher ist", so Stadler. Um die hohe Dunkelziffer zu klären, müsse noch viel recherchiert werden. Allerdings steht derzeit kein Geld zur Verfügung, um das Projekt weiterzuführen.

Nachhaltige Veränderung
Mit der Vertreibung der jüdischen Studenten 1938 seien wissenschaftliche und akademische Berufsfelder in Österreich noch für Jahrzehnte nach 1945 nachhaltig verändert worden, indem eine große Gruppe von Akteuren gewaltsam entfernt worden war. "Konkurrenz- und Herrschaftsverhältnisse wurden damit radikal zu Gunsten jener verschoben, die nicht verfolgt worden waren", betonte der Zeithistoriker.
Diese langfristige strukturelle Veränderung wissenschaftlicher Felder sei auch im Nachkriegsösterreich folgenreich geblieben. Stadler dazu: "Die Kombination von persönlichen Karrierevorteilen Nichtverfolgter und der dramatischen qualitativen Verarmung des akademischen und wissenschaftlichen Lebens in Österreich nach 1945 durch die Vertreibung hat ein bedrohliches Spannungsfeld produziert, das durch Nichtthematisierung und Tabuisierung abgewehrt wurde."
Mit den Forschungen soll, so der Wunsch Stadlers, ein weiterer Anstoß dafür gegeben werden, dass öffentliche Institutionen wie die Universität erlittenes Unrecht anerkennen. So hätte nach Ansicht des Zeithistorikers die Universität Wien die Verpflichtung, jene vertriebenen Studenten, die noch leben, einzuladen und sich zu entschuldigen.
Auch wenn eine Fortsetzung des Projekts noch nicht gesichert ist, will Stadler die bisherigen Ergebnisse im kommenden Studienjahr im Rahmen eines zweisemestrigen Forschungsseminars aufbereiten. So könnte eine Ausstellung die vertriebenen Studierenden der Anonymität entreißen.

"The Second Wave"
Das Schicksal jüdischer, aus Österreich vertriebener Flüchtlinge war bereits Gegenstand verschiedener Forschungsprojekte, beispielsweise Friedrich Stadlers "Vertriebene Vernunft". Der renommierte, in Wien geborene Wissenschaftshistoriker und Physiker Gerald Holton (Harvard University, USA) hat erstmals in seiner beim Symposium präsentierten Studie "The Second Wave" untersucht, was mit den vielen Kindern, die zum Teil mit ihren Eltern, zum Teil alleine in die USA emigrieren mussten, passiert ist, welche Karrieren sie gemacht haben und wie es ihnen mehr als 50 Jahre nach ihrer Vertreibung geht.
Auf Basis statistischer Analysen von US-Volkszählungsdaten hat Holton festgestellt, dass rund 26.000 Kinder und Jugendliche im Zeitraum von 1937 bis kurz nach dem Krieg zum Teil über Zwischenstationen auf der Flucht vor den Nationalsozialisten aus Österreich in die USA gekommen sind. "Uns interessierte, wie es diesen jungen Leuten gegangen ist, die meist ohne ein Wort Englisch zu können, ohne Geld, ohne abgeschlossene Ausbildung, zum Teil ohne Familie, dafür aber mit schrecklichen Erinnerungen an Verfolgung und Vertreibung plötzlich in einem neuen Land leben mussten", erklärte Holton. Es sei dies die Generation der Walter Kohns und Eric Kandels die beiden in Wien geborenen Nobelpreisträger nahmen, wie berichtet, an dem Symposium teil und wie diese hätten viele der "zweiten Welle" Karriere gemacht.

Viel besser gebildet
Warum dies so war, dafür hat Holton eine Hypothese: "Es war eine Art chemischer Reaktion, in der europäische und amerikanische Kultur, Lebensstil und die Art zu denken und zu handeln kombiniert wurden, und die zu herausragenden Karrieren in einer überraschend hohen Zahl geführt hat." Holton konnte diese These in seinem seit zwei Jahren laufenden Forschungsprojekt anhand der Befragung von 6.000 Emigranten mittels Fragebögen und rund 100 Interviews bestätigen. Dabei haben die Wissenschafter den Bildungsstand sowie die Einkommenshöhe und die berufliche Position (zum Zeitpunkt 1970) der als Kind aus Österreich Vertriebenen abgefragt und deren Antworten mit einer Kontrollgruppe von US-Bürgern verglichen.
Dabei zeigte sich, dass 15 Prozent der befragten US-Amerikaner einen College-Abschluss (vierjähriges College) und acht Prozent einen darüber hinausgehenden höheren Uni-Abschluss hatten. Bei den ursprünglich aus Österreich stammenden Befragten hatten 51 Prozent ein College abgeschlossen und 36 Prozent einen höheren Abschluss. Auf Grund dieser besseren Ausbildung konnten die Flüchtlinge ein "substanziell höheres Einkommen" erzielen, das fast doppelt so hoch war als jenes der US-Bürger aus der Vergleichsgruppe. Außerdem hatten drei Viertel der Ex-Österreicher eine berufliche Top-Position erreicht, bei den Amerikanern war es nur jeder Zweite.

Traumatisiert bis heute
Für diese Karriere mussten die Flüchtlinge allerdings einen hohen Preis zahlen, sagte Holton. Sie hatten ihre Kindheit verloren, nicht nur auf Grund der traumatischen Erlebnisse, sondern auch wegen der Situation in den USA: Wenn auch die Eltern das Glück hatten, der Verfolgung durch das NS-Regime zu entkommen, waren sie vielfach doch gebrochene Menschen, die oft keine Chance hatten, ihren erlernten Beruf auszuüben bzw. arbeitslos waren. "So übernahmen die Kinder die Rolle ihrer Eltern und mussten für diese sorgen", erklärte der Historiker. Zudem habe man bei vielen Interviews festgestellt, dass die Emigranten seit Jahren an "Post Traumatic Stress Disorder" leiden. Holton: "Sie können mit ihren schrecklichen Erfahrungen ganz gut im Alltag umgehen, aber in der Nacht plagen sie die Alpträume."

Verstörung über Österreich
Bei den Interviews habe man auch festgestellt, dass viele der Befragten "verstört über die Langsamkeit sind, mit der Österreich im Vergleich zu anderen Ländern sich seiner Geschichte stellt und diese aufarbeitet", so Holton. Exakt der Grund, warum sich auch der Neurowissenschafter Eric Kandel, der als neunjähriger Bub vor fast genau 50 Jahren aus seiner Geburtsstadt Wien flüchten musste, dieses überfällige Symposium gewünscht hatte. Denn, so der Nobelpreisträger: "Sich mit seiner Geschichte auseinander zu setzen, ist gesund für jedes Land."

"Wiener Zeitung" Nr. 110 vom 11.06.2003 Seite: 21 Ressort: Forschung
Weisskopf war nie gefragt worden
A. Zeilingers Schock

Stipendienangebote für junge jüdische Wissenschafter und "solange es noch geht" Gastprofessuren für aus Österreich von den Nationalsozialisten vertriebene Forscher: Dies regte der Wiener Experimentalphysiker Anton Zeilinger anlässlich des Symposiums "Österreich und der Nationalsozialismus Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung" an der Uni Wien an.
"Wir sollten alles unternehmen, dass Österreich für solche Menschen wieder attraktiv wird", sagte Zeilinger (Bild oben) als einer der Mitveranstalter. Er begründete seinen Vorschlag mit dem "Schock", den er hatte, als er mit dem Physiker Victor Weisskopf, einem weiteren prominenten Wissenschafter, der aus Österreich vertrieben wurde, zusammentraf, und dieser auf die Frage, warum er nie nach Österreich zurückgekehrt sei, geantwortet habe: "Weil mich nie jemand gefragt hat." Es sei wesentlich, die unmittelbaren Erfahrungen von Menschen an die nächste Generation weiterzugeben. Denn auch er habe die Ereignisse, obwohl er davon in der Schule gehört habe, erst realisiert, als er am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston (USA) fast ständig jemanden traf, der ursprünglich aus Wien kam.