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Österreich und der Nationalsozialismus:

Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung



Aktualisiert: 20. Mai 2003
















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Österreich und der Nationalsozialismus

Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung
Zeit: 5.-6. Juni 2003, jeweils 9-12 und 14-18 Uhr
Ort: Universität Wien, Kleiner Festsaal
Ehrenschutz: Bundespräsident Thomas Klestil
Wissenschaftliche Leitung: Friedrich Stadler, in Verbindung mit Eric Kandel, Fritz Stern und Anton Zeilinger
Im Auftrag von: Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur (BM:BWK), zusammen mit der Universität Wien
Veranstalter: Institut Wiener Kreis, gemeinsam mit der Universität Wien: Zentrum für überfakultäre Forschung, Institut für Zeitgeschichte, Institut für Experimentalphysik
Programm           Abstracts           Grussbotschaften           Pressereaktionen           Fotos

Inhalt / Contents

Allgemeine Information / General Information
Vortragende/Speakers
Jean-François Bergier
Evan Burr Bukey
Gerald Holton
Clemens Jabloner
Eric Kandel
Walter Kohn
Helga Nowotny
Peter Pulzer
Karl Sigmund
Ruth Lewin Sime
Friedrich Stadler
Edward Timms
KommentatorInennen und DiskussionsteilnehmerInnen / Commentators and Panel Members
Mitchell G. Ash
Christian Fleck
Max Haller
Friedrich Hirzebruch
Eveline Goodman-Thau
Ruth Klüger
Raoul Kneucker
Harry Lustig
Fritz Stern
Anton Zeilinger
Chairs
Aktuelle Forschungsprojekte zum Thema / Recent Research Projects
E-mail Adressen / E-mail addresses



Allgemeine Informationen / General Information

Allgemeine Information
Anlässlich der Verleihung des Nobelpreises für Medizin an den aus Öster-reich stammenden Neurobiologen Eric Kandel (Columbia University) im Jahre 2000 hat dieser dem Herrn Bundespräsidenten Thomas Klestil und Frau Wissenschaftsministerin Elisabeth Gehrer sowie dem Rektor der Uni-versität Wien, Georg Winckler, vorgeschlagen, anstatt von Ehrungen und Feierlichkeiten ein internationales Symposion zum Thema "Österreich und der Nationalsozialismus: Die Folgen für die wissenschaftliche und hu-manistische Bildung" in Wien zu veranstalten.
Nach längeren Gesprächen und Planungen mit dem Initiator, zusammen mit Fritz Stern (Columbia University) und Anton Zeilinger (Universität Wien), wurde das Institut Wiener Kreis unter Friedrich Stadler (Universität Wien) vom Wissenschaftsministerium, Abteilung Gesellschaftswissenschaften, be-auftragt, gemeinsam mit der Universität Wien eine entsprechende Konferenz zu planen und zu veranstalten.
Ziel dieses Symposions ist es, der breiteren Öffentlichkeit und Scientific Community, speziell der jüngeren Generation von WissenschaftlerInnen und StudentenInnen, die katastrophalen Folgen der nationalsozialistischen Herr-schaft in Österreich - Enteignung, Vertreibung und Holocaust - im besonderen für den gesamten Forschungs- und Bildungsbereich zu vermitteln. Außerdem geht es darum, den Umgang mit der NS-Periode in der Zweiten Republik bis zur Gegenwart im internationalen Vergleich zu thematisieren. Dabei wird neben der akademischen und politischen auch die moralische Dimension der sogenannten "Vergangenheitsbewältigung", u.a. der Anteil von ÖsterreicherInnen an der faschistischen und nationalsozialistischen I-deologie und Diktatur, kritisch beleuchtet. Die Teilnahme der zwei aus Österreich vertriebenen Wissenschaftler und späteren Nobelpreisträger Eric Kandel und Walter Kohn sowie einer Reihe von weiteren international re-nommierten ForscherInnen und ZeitzeugInnen ist ein willkommener Anlass, die (auto)biografische Perspektive zusammen mit der gegenwärtigen zeitge-schichtlichen Forschung in und über Österreich im aktuellen Kontext der Forschungsergebnisse der Historikerkommission sowie im Hinblick auf die laufende Universitätsreform zu präsentieren und zu diskutieren.
Friedrich Stadler
(Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien und wissenschaftlicher Leiter des Instituts Wiener Kreis)



General Information
On receiving the Nobel Prize for Medicine in 2000, Eric Kandel (Columbia University), a neurobiologist born in Austria, suggested to Austrian Federal President Thomas Klestil and the Minister of Science Elisabeth Gehrer and the Rector of the University of Vienna, Georg Winckler, that in lieu of hon-ours and ceremonies an international symposium be held in Vienna on "Austria and National Socialism: Implications for Scientific and Humanistic Scholarship".
Following extensive planning and deliberations, to which also Fritz Stern (Columbia University) and Anton Zeilinger (University of Vienna) contributed, the Institute Vienna Circle (director: Friedrich Stadler, University of Vienna) was asked by the Ministry of Science (section for the social sciences) to plan and organize this conference together with the University of Vienna.
The goal of this symposium will be to convey to the general public and to the scientific community, in particular the younger generation of scholars and students, the disastrous effects of the Nazi rule in Austria - expropriation, expulsion and the Holocaust - on the entire field of education and research. The symposium will also place the study of the NS period in the Second Re-public and today in an international context. Here not only the academic and political aspects will be addressed but also the moral dimension of the process of coming to terms with the past. How many Austrians actually contributed to fascist and Nazi ideology and dictatorship is one of the ques-tions that will be critically examined. A symposium with contributors such as Eric Kandel and Walter Kohn, two scientists and Nobel Prize laureates from Austria who were forced to leave their homeland, as well as a number of in-ternationally renowned researchers and contemporaries offers a welcome opportunity to combine an (auto)biographical perspective with ongoing his-torical research in Austria. The symposium contributions will also be pre-sented and discussed against the backdrop of the findings recently submit-ted by the Historical Commission, which examined Austria's role in the expropriation of Jewish assets during the period of Nazi Rule and returning those assets, and the university reform presently being implemented in Aus-tria.
Friedrich Stadler
(Head of the Department of Contemporary History, University of Vienna and Scientific Director of the Institute Vienna Circle)



Vortragende / Speakers

Der Nationalsozialismus aus der Sicht der Schweizer
Jean-François Bergier (ETH Zürich, CH)

Das Referat wird zwei Perspektiven skizzieren. Die erste ist diejenige der Auseinandersetzung der Gelehrten, Historiker und Wissenschaftler mit Fa-schismus und Nationalsozialismus vor und während des Krieges. In den dreissiger Jahren waren breitere Kreise der schweizerischen wissenschaftlichen, intellektuellen und politischen Elite unter Einfluss des Autoritarismus und Korporatismus. Sie lobten das italienische und das portugiesische Mo-dell. 1936 ehrte die Universität Lausanne Mussolini mit einem Ehrendoktortitel. Dagegen wurde das Hitler-Regime vom Anfang an mit Misstrauen beobachtet. Es war zu sehr im Widerspruch mit den traditionellen Strukturen der Schweiz, insbesondere des Föderalismus. Ab 1937-38 wur-den solche Tendenzen mehr und mehr marginalisiert. Die Rechtslehre und - während des Krieges - die Rechtssprechung der Gerichte verurteilte klar das Nazi-Unrecht. Einige Historiker wie Karl Meyer oder J.R. von Salis betei-ligten sich aktiv an der geistigen Landesverteidigung, wie auch die wichtigsten Theologen (Karl Barth u.a.).
Die zweite Perspektive ist diejenige der historischen Bearbeitung dieser Periode ab 1945 bis heute. Es etablierte sich rasch ein Bild, wonach die Schweiz sich nur dank ihrer Bereitschaft zur militärischen Landesverteidigung gerettet hätte. Jeder Verdacht von Kompromissen mit den Achsenmächten wurden negiert oder bagatellisiert; und die Historiker oder Schriftsteller, die eine andere Meinung vertraten, wurden beschuldigt, ideologische Ziele zu verfolgen und die Stellung der Schweiz in der Nachkriegszeit un-terminieren zu wollen. Erst nach der Wende von 1989-90 werden kritische Frage wahrgenommen. Dies führte, nicht ohne starke Widerstände, zur staatlich eingeleiteten aber unabhängig geführten Untersuchung der soge-nannten Bergier-Kommission, die im März 2002 ihren Bericht publizierte.

Jean-François Bergier
Geboren 1931 in Lausanne. Studium in Lausanne und Paris (bei F. Braudel). Promotion in Genf (1963), 1963-69: o. Prof. für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Genf; ab 1969 an der ETH Zürich; Emeritierung 1999. 1976-78: Prof. an der Universität Paris-Sorbonne. Ab 1965 Generalsekretär der Internationalen Gesellschaft für Wirtschaftsgeschichte; Präsident 1982-1986; seither Ehrenpräsident. 1993-1999: Präsident des wissenschaftlichen Rates des Internationalen Instituts für Wirtschaftsgeschichte F. Datini, Prato (Italien). Seit 1995: Präsident der Internationalen Gesellschaft für Alpen-forschung. Dr. h.c. der Universität St. Gallen (Schweiz) und Grenoble (Frankreich). Korrespondentmitglied des Instituts de France und der Königlichen flämischen Akademie von Belgien. Zahlreiche Publikationen zur Wirtschafts- und Kulturgeschichte der Schweiz und der Alpenländer, zur Bankgeschichte usw. 1996-2001: Präsident der Unabhängigen Expertenkommission: Schweiz - Zweiter Weltkrieg.



How Revolutionary was Nazi Austria?
Evan B. Bukey (University of Arkansas, USA)

Between 1939 and 1945 the Nazis effected sweeping social and economic changes in Austria. Scholars have examined the process in great detail, but they have been unable to reach consensus on the nature of the transforma-tion. While some concur that the Anschluss experience accelerated socioeconomic modernization, others contend that National Socialism left a legacy of destruction and moral insensitivity that was not overcome for dec-ades. These conflicting interpretations can be resolved by viewing the Anschluss era as the violent completion of a revolutionary process that be-gan with the strikes of January 1918. The leaders of the Austrian Revolution proceeded to establish a republic based on democratic structures and insti-tutions, but their new state enjoyed only the marginal consent of the governed. This helps to explain why protracted economic misery and persis-tent social unrest led to the rise of political violence, the breakdown of parliamentary government, and the establishment of the neo-absolutist Cor-porate State.
Between 1934 and 1938 the Dollfuss-Schuschnigg dictatorship pursued policies so short-sighted and intolerant that it reawakened the social outrage that had brought down the Habsburg Monarchy and found only partial re-lease in the milieux politics of the First Republic. Hence the Nazi uprisings that erupted in February 1938 in cities like Graz were not only spontaneous; they also enjoyed the support of the populace. At all levels German pressure was decisive. Nevertheless, once the Anschluß occurred the Viennese mob went on a rampage that took months to bring under control and evoked the horrors of recent East European pogroms and the journées of the French Revolution. The Third Reich was thus able to exploit Austrian outrage to fur-ther its own revolutionary goals of military conquest and the biological restructuring of society.

Evan Burr Bukey
M.A., Dr. phil., geb. 1940, seit 1986 Professor für Mit-teleuropäische Geschichte an der University of Arkansas. Bücher: "Patenstadt des Führers": Eine Poli-tik- und Sozialgeschichte von Linz 1908-1945 (1993); Hitlers Österreich: "Eine Bewegung und ein Volk" (2001). Jewish National Book Prize (2000); Austrian Cultural Institute Book Prize (2001).



What happened to Austrian Refugee Children in America: A Report from Research Project "Second Wave"
Gerald Holton (Harvard University, USA)

As is well known, a large number of highly distinguished Austrians entered the United States of America in the late 1930s and early 1940s, having had to flee from their homeland. The careers and fates of most of these can be found in the 1700 pages of Professor Friedrich Stadler's two-volume book, Vertriebene Vernunft, as well as in other important studies.
But there is a second group of refugees, and that is the subject of our on-going research project, called "The Second Wave": the children and young adults who were also part of the immigration movement to the USA. Without having yet started on a career, they had been brought up in the cultural mi-lieu of Europe. Upon those foundations, they had to build quickly an American structure, despite the trauma of having arrived without command of the language, without means, often without parents, and haunted by har-rowing memories and the destruction of their original hopes. They continued their education in the USA, and eventually a remarkably large fraction of them produced works and made other contributions of the highest caliber. We may call it the generation of the Walter Kohns and the Eric Kandels, al-though of course many others were less successful or even failed, for reasons that also merit study.
Our presentation includes some results from our statistical analysis of U.S. Census data, providing the most representative picture available so far of the collective fates and achievements of this group. We also offer other, preliminary findings of our research, which is guided by a central hypothesis that in many cases success resulted from a sort of alchemical reaction, combining the European and American styles and modes of thought and ac-tion. Two of the main research questions of our study, in extensive face-to-face interviews and questionnaires, are: How did our subjects form personal and national identities against the background of the sharp discontinuities in their early lives? And to what extent did their early cultural and intellectual formation, prior to the disruption, leave a significant residue that helped to shape their specific contributions?

Gerald Holton
Gerald Holton was brought up in Vienna as the son of an attorney specializing in international law and of a mother who was a professional physiotherapist. He left Austria in December 1938, going first to England and in mid-1940 to the USA. During the war he was assigned to research on electro-acoustics and to teaching radar technology at Harvard University. After the war, he ob-tained his doctorate for his research on experimental high-pressure physics under P. W. Bridgman (Nobel Prize 1946), while also being a teaching assistant to the philosopher-physicist, Philipp Frank, who had been a member of the Vienna Circle.
Remaining at Harvard, he was appointed Professor of Physics and Professor of the History of Science. Among his books are Thematic Origins of Scientific Thought (1973, 2nd ed. 1988), Science and Anti-Science (1993), The Advancement of Science, and its Burdens (1998), and Einstein, History, and Other Pas-sions (2000). He belongs to a number of national and international professional and honorary societies, in-cluding the American Philosophical Society and the Leopoldina.



Österreichs Umgang mit der NS-Vergangenheit. Wege zur Historikerkommission
Clemens Jabloner (Universität Wien und Verwaltungsgerichtshof, A)

Die Wiedererrichtung der Republik Österreich 1945 ging mit der klaren Ab-sage an den Nationalsozialismus und den Anschlussgedanken einher. Verfassungsrechtlich kam dies in der Unabhängigkeitserklärung vom 27. April 1945 zum Ausdruck, völkerrechtlich und außenpolitisch in der "Okkupa-tionstheorie". Der Staat Österreich sah sich - historisch durchaus gerechtfertigt - als Opfer der NS-Aggression. Diese sogenannte "Opferthese" wurde innenpolitisch aber auch dazu missbraucht, jegliche Mitverantwortung der Österreicher am Nationalsozialismus zu verdrängen. Auch führte sie dazu, dass die Republik Österreich die Restitution von Vermögenswerten und die Entschädigung von Leiden nicht als "Staatsaufgabe" begriff und nur zögerlich - im Wesentlichen aus außenpolitischen Motiven und unter dem Druck der Westalliierten - ein Rückstellungs- und Entschädigungssystem schuf. Diese Doppelbödigkeit trug bei den Naziopfern nicht wenig zum "Unbehagen in der Zweiten Republik" bei. Nach und parallel zur zeitgeschichtlichen Forschung setzte erst in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre, vor allem unter dem Eindruck der "Waldheim-Jahre", ein gesellschaft-licher Paradigmenwechsel ein. Ein Wandel in der Einstellung der politischen und wirtschaftlichen Eliten Österreichs, ein neues Selbstbewusstsein bei den Opfern, Archivfunde nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und Phänomene der "Internationalisierung" des Rechts führten schließlich dazu, dass die noch ungelösten Restitutionsfragen, aber auch grundsätzliche Probleme des Umgangs Österreich mit der NS-Vergangenheit, immer stär-ker in den Vordergrund rückten. All dies führte schließlich Ende 1998 zur Einsetzung der Historikerkommission, die ihren Bericht im Jänner 2003 vor-legte. Der umfangreiche Bericht ist eine Aufarbeitung sowohl der vielfältigen Formen des nationalsozialistischen Vermögensentzuges, als auch des Um-gangs Österreichs mit den lang vernachlässigten wirtschaftlichen Aspekten der nationalsozialistischen Vergangenheit. Über die wichtigsten Ergebnisse der Kommission wird zu berichten sein.

Clemens Jabloner
Geboren am 28. November 1948 in Wien; 1972 Promo-tion zum Dr.iur. an der Universität Wien; seit Juni 1975 Universitätsassistent am Institut für Staats- und Verwal-tungsrecht an der Universität Wien; ab März 1978 Dienstzuteilung an das Bundeskanzleramt-Verfassungsdienst (1982: Leiter des Medienreferates, 1984: Leiter der Abteilung für Länderangelegenheiten und Verwaltungsreform); im Dezember 1989 Bestellung zum Leiter der Sektion "Zentrale Personalverwaltung" im Bundeskanzleramt. 1988 Habilitation aus Verfassungsrecht an der Universität Wien; im Universitätsbereich: Lehrtätigkeit und Veröffentlichungen; 1993 Bestellung zum Geschäftsführer des Hans Kelsen-Instituts; Verleihung des Berufstitels "Univ.-Prof.". Am 1. Dezember 1991 Ernennung zum Vizepräsidenten, mit 1. April 1993 zum Präsidenten des Verwaltungsgerichtshofes.
1998 bis 2003 Vorsitzender der beim Österr. Staatsarchiv eingerichteten "Historikerkommission". Verheiratet; drei Kinder.



Der Einfluss Wiens auf mein Leben in den Vereinigten Staaten
Eric Kandel (Columbia University, USA)

Ich bin im November 1929 in Wien geboren worden und besuchte dort die Volksschule. Im April 1939 wanderte ich in die U.S.A. aus, 13 Monate nach-dem Hitler Österreich eingenommen hatte und sechs Monate nach der "Kristallnacht", in der meine Familie und ich gezwungen wurden, unsere Wohnung für eine Woche zu verlassen. In dieser Woche wurden alle Dinge von Wert geplündert, einschließlich meiner Spielsachen. In dieser Zeit wurde auch mein Vater verhaftet und erst wieder freigelassen, nachdem er die Verantwortlichen davon hatte überzeugen können, dass er im ersten Weltkrieg für Österreich-Ungarn gekämpft hatte. Die Ankunft in Amerika war daher eine befreiende Erfahrung. Doch aufgrund meiner Wiener Herkunft schlägt mein Herz gelegentlich immer noch im Dreiviertel-Takt, und ich blei-be fasziniert von der europäischen und besonders der Wiener Kultur und Geschichte. In Harvard studierte ich zeitgenössische europäische Geschichte und Literatur und verfasste meine Dissertation über die Haltung dreier deutscher Schriftsteller zum Nationalsozialismus: Carl Zuckmayer, Hans Ca-rossa und Ernst Jünger. Während meiner Zeit in Harvard schloss ich Freundschaft zu verschiedenen Personen, deren Eltern Mitglieder des Freudschen Kreises in Wien gewesen waren.
Sie beeinflussten meinen Interessenwechsel von Europäischer Geschichte hin zur Untersuchung des menschlichen Geistes. Im Laufe der Jahre inter-essierte ich mich mehr und mehr für das Gedächtnis. Ich ging zur medizini-schen Hochschule, um Psychoanalytiker zu werden. Doch als ich mich mehr und mehr mit biologischen Aspekten befasste, erfuhr ich den psychoanalyti-schen Ansatz als zu begrenzt, da er das Gehirn, also das Organ, welches Verhalten erzeugt, als Black Box behandelt.
Mitte der Fünfziger Jahre, als ich noch zur medizinischen Hochschule ging, beobachtete ich mit Genugtuung, dass diese Black Box noch während meiner Generation geöffnet und langsam enträtselt werden könnte. Ich er-kannte, dass man das Problem der Gedächtnisspeicherung, einst ausschließlich eine Domäne der Psychologen und Psychoanalytiker, mit den Methoden der modernen Biologie angehen kann. Aus diesem Grunde wech-selte ich zur Biologie. Mich interessierte, welche Änderungen im Gehirn durch Lernen hervorgerufen werden.
Wie wird Gedächtnis zunächst gespeichert? Und wenn es einmal gespei-chert ist, wie wird unser Gedächtnis aufrechterhalten? Mein Ziel lag nicht darin, psychologisches und psychoanalytisches Denken zu ersetzen, son-dern vielmehr, die Logik der modernen Biologie einzusetzen, um die mentalen Konzepte der Psychologie mit der materiellen Molekularbiologie zu verbinden. Diese Synthese hat kürzlich begonnen, Formen anzunehmen. Wir sind zur Zeit Zeugen der Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes, einer Wissenschaft, die einerseits das Streben der Psychoanalyse befriedigt, die fein abgestufte Vielfalt menschlicher mentaler Vorgänge zu verstehen, und anderseits auch der modernen Biologie gerecht wird, da sie grundlegende biologische Mechanismen des Geistes sehr gut erklären kann.

Eric Kandel Dr.med Eric R. Kandel ist Universitätsprofessor an der Columbia Universität in New York und Seniorwissenschaftler des Howard Hughes Medical Institute. Nach seinen Abschlüssen am Harvard College und der New York University School of Medicine bildete sich Kandel weiter an der Harvard Medical School. Er wurde Fakultätsmitglied im College of Physicians and Surgeons an der Columbia Universität, als er 1974 zum Gründungsdirektor des dortigen Zentrums für Neurobiologie und Verhalten ernannt wurde.
Eric Kandels Forschungsinteressen liegen auf dem Gebiet der molekularen Mechanismen von Lernen und Gedächtnis bei der Meeresschnecke Aplysia und der Maus. Kandel wurden zehn akademische Auszeichnungen ehrenhalber verliehen, er ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Vereinigten Staaten und sowohl der deutschen als auch der französischen Akademie der Wissenschaften. Er wurde mit dem Albert Lasker Preis ausgezeichnet, dem Niederländischen Heineken Preis, dem Kanadischen Gairder Preis, dem Israelischen Wolf Preis, der Natio-nal Medal of Science der Vereinigten Staaten und dem Nobel Preis für Physiologie oder Medizin des Jahres 2000.



Mein verehrter Wiener Lehrer, Professor Doktor Emil Nohel
Walter Kohn (UC Santa Barbara, USA)

In dieser Tagung werden viele wichtige Fragen über den Effekt des österrei-chischen Nazismus auf die österreichische und auch ausländische Wissenschaft besprochen. Das ist sicher sehr notwendig. In meinem Beitrag werde ich auch etwas darüber zu sagen haben. Aber was mir noch viel wichtiger erscheint, waren die menschlichen Auswirkungen auf tausende verfolgte In-dividuen, Lehrer, Forscher, Studenten, Schüler. Hier werde ich hauptsächlich über meinen verehrten Lehrer Emil Nohel sprechen, ohne den ich fast sicher nie Wissenschaftler geworden wäre. Bis zum Anschluss ein Pro-fessor der Physik an der Handelsakademie, war er vorher ein Assistent von Albert Einstein in Prag gewesen (wie ich erst viel später herausfand). Ich kannte ihn von Herbst 1938 bis Sommer 1939, nach meiner Vertreibung aus dem Akademischen Gymnasium, als er am jüdischen Chajes Gymnasium tätig war, als Direktor, als Physikprofessor und, nach der Verhaftung unser-es Latein-Lehrers, auch in diesem Fach. In einer Zeit wo auf den Strassen, in den Wohnungen, in den Synagogen, auf den Polizeistationen ungehemm-te Brutalität herrschte (ich erinnere an die "Kristallnacht", als die jüdischen Frauen die die Trottoirs waschen mussten, an die tausenden die in Konzentrationslager verschleppt und dort oft umgebracht wurden), blieb er ein Felsen von Ruhe und Würde, vollkommen seiner schweren Verantwortung gewidmet. Zumindest vier der Schüler in meiner Klasse wurden Professoren der Mathematik oder der Physik im Ausland: Rudolf Ehrlich in Italien, Karl Greger in Schweden und Gertrude Ehrlich und ich in den Vereinigten Staa-ten. Professor Nohel folgte freiwillig seiner Schwester nach Auschwitz, wo sie beide ermordet wurden.

Walter Kohn Professor Kohn received his Ph. D. in nuclear physics from Harvard University. He has been a faculty mem-ber at Harvard, Carnegie Mellon University, and the University of California at San Diego and at Santa Bar-bara. He was the founding director of the Institute of Theoretical Physics of the National Science Founda-tion. At Bell Laboratories, he collaborated with William Shockley, the leader of the group that invented the transistor. He is currently a member of the Board of Governors of the Weizmann Institute in Israel and a member of the Advisory Committee on Basic Energy Sciences of the Department of Energy. He has re-ceived numerous awards including the Niels Bohr/ Unesco Gold Medal, the National Medal of Science and the Nobel Prize in Chemistry. He is the recipient of 11 honorary degrees from universities in North America and elsewhere. His current research deals with the electronic structure of solids and large molecules.



Was wäre wenn …? Unbeantwortbare Fragen an die Geschichte
Helga Nowotny (ETH Zürich / Collegium Budapest)

There are good reasons to restrict history to accounts and interpretations of what actually happened. Yet, there are also occasions when a different ap-proach seems necessary. The unprecedented rupture, brutal and consequential upon the intellectual, scientific and political life of Austria as the Nazi takeover was, constitutes such an event. It invites to ask the counter-factual question: what would have happened, if the forced exile of a brilliant scien-tific generation had not occurred.
If this question is unanswerable in the strict historical sense, it neverthe-less engages the contemporary sociological imagination of those who are able to look back and those who, directly or indirectly, live with the conse-quences. My examples will be mostly taken from the social sciences, but will not be restricted to them. The range of questions that I will invite the audi-ence to share includes the individual and collective responsibility of scientists, but also an inquiry into the accountability of institutions. It may be an irony of history, or one of its ruses, that recent world historic events have given rise to new concerns, like the one about the tension between security and freedom. They oblige us to confront once again unanswerable questions - and to act while confronted with uncertainty.
(Vortrag in deutscher Sprache)

Helga Nowotny Helga Nowotny has been Professor of Social Studies of Science at ETH Zurich since 1996 and Director of Col-legium Helveticum until 2002. Currently she is Chair of EURAB, the European Research Advisory Board of the European Commission and Director of the post-doctorate Fellowship programme "Society in Science. The Branco Weiss Fellowship".
She has a doctorate in law from the University of Vienna and a Ph.D. in sociology from Columbia Univer-sity, New York. She has held teaching and research positions in Vienna, Cambridge, Bielefeld, Berlin and Paris and has been a Fellow at the Wissenschaftskol-leg zu Berlin. From 1974-1986 she has been Executive and Founding Director of the European Center in Vi-enna and for seven years Chairperson of the Standing Committee for the Social Sciences of the European Science Foundation. From 1987 she was Professor of Social Studies of Science at the University of Vienna and Permanent Fellow of Collegium Budapest/Institute for Advanced Study before moving to ETH Zurich.
Helga Nowotny is a member of the Scientific or Ad-visory Board of many scientific and policy-oriented institutions in Europe and Member of the Academia Eu-ropaea. She is prizewinner of the "Arthur Burkhardt Preis für Wissenschaftsförderung 2002". She has au-thored, co-authored or edited more than 20 books and published widely on topics of societal development, so-cial studies of science and technology and on the relationship between science and society.



Der Umgang mit der Vergangenheit. Deutsche und österreichische Historiker im Vergleich
Peter Pulzer (All Souls College, Oxford, UK)

Die größten Unterschiede in der Bewertung des Dritten Reichs in den Wer-ken von deutschen und österreichischen Historikern sind vor allem in den ersten Jahrzehnten nach Ende des Zweiten Weltkrieges zu notieren. Seit-dem gibt es eine zunehmende Konvergenz in den Interpretationen. Deutsche Historiker konnten von Anfang an nicht die Herausforderung um-gehen, das Dritte Reich als einen Teil der deutschen Geschichte zu betrachten, selbst wenn es anfänglich, vor allem bei älteren Historikern, auch apologetische Töne gab. Die Gründung des Instituts für Zeitgeschichte im Jahr 1949 beweist wie ernst die Aufgabe schon damals genommen wur-de. Im Unterschied zu ihrem deutschen Pendant ignorierte die österreichische Zunft anfänglich die Problematik des "Anschlusses" und des Dritten Reichs und konnte sich auch später hinter der "Opferthese" ver-schanzen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine kritische Schule - in Deutschland in den sechziger Jahren, in Österreich etwa ein Jahrzehnt spä-ter - deren Angehörige weniger geneigt waren, 1933 bzw. 1938 als eine Zäsur zu betrachten, und auf bedeutende Kontinuitäten in den politischen und weltanschaulichen Gegebenheiten Deutschlands und Österreichs und dem nationalsozialistischen Regime hinwiesen. Besonders in Österreich gewann die Meinung an Boden, dass das Dritte Reich auch als Teil der ös-terreichischen Geschichte zu bewerten war.

Peter Pulzer Born in Vienna, 1929. Emigration to Great Britain, 1939. Educated at King's College, Cambridge (MA, PhD). Lecturer in Politics and Modern History, Univer-sity of Oxford, 1957-1984. Gladstone Professor of Government and Fellow of All Souls College, Oxford, 1985-1996.
Principal Books: The Rise of Political Anti-Semitism in Germany and Austria (Cambridge, Mass. 1988, German: Die Entstehung des politischen Antisemitis-mus in Deutschland und Österreich); Political Representation and Elections in Britain. (London 1972 ); Jews and the German State. The Political History of a Minority (2003); German Politics 1945-1995 (Oxford 1995); Germany 1870-1945: Politics, State Formation and War (Oxford-New York 1997). Part-Author, Mi-chael A. Meyer (ed.) German-Jewish History in Modern Times (German: Deutsch-Jüdische Geschichte in der Neuzeit); Co-editor, Austria 1945-1995. The First Fifty Years of the Second Austrian Republic; Co-editor, Jews in the Weimar Republic . Juden im Leben der Weimarer Republik.



"Versichern beruhigt" - Alfred Tauber, Eduard Helly und die Wiener Versicherungsmathematiker
Karl Sigmund (Universität Wien, A)

Zwei der bedeutendsten Mathematiker des 20. Jahrhunderts, nämlich Alfred Tauber (1942-1866) und Eduard Helly (1884-1943), fanden keine Anstel-lung an der Universität Wien und arbeiteten als Versicherungsmathematiker bei der Phönix-Lebensversicherungsgesellschaft, deren Zusammenbruch im Jahr 1936 ein Markstein auf dem Weg in die politische Unstabilität Öster-reichs war. Dieser Vortrag befasst sich mit den dramatischen Biographien dieser beiden Mathematiker und einiger ihrer jüngeren Kollegen. Helly starb im Exil, Tauber in Theresienstadt.

Karl Sigmund Jahrgang 1945, ist Mathematikprofessor an der Universität Wien. Zu seinen Forschungsgebieten zählen die Theorie der dynamischen Systeme, die Biomathematik und die Spieltheorie. Er veröffentlichte die Werke von Hans Hahn und Karl Menger und hat über diverse As-pekte des Wiener Kreises geschrieben.
Publikationen u.a.: Games of Life. Explorations in Ecology, Evolution and Behaviour (Oxford-New York-Tokyo 1993); Hg. gem. mit E. Dierker, Karl Menger. Er-gebnisse eines Mathematischen Kolloquiums (Wien-New York 1998).



Twice Removed: The Effects of Forced Emigration on Lise Meitner and Marietta Blau
Ruth Lewin Sime (Sacramento, USA)

This is a study of the effects of forced emigration on two nuclear physicists, Lise Meitner (1878-1968) and Marietta Blau (1894-1970). Their precipitous emigration in 1938 - Meitner from Berlin and Blau from Vienna - shattered their careers and in time significantly impaired the recognition of their scien-tific contributions. Here I intend to explore the context in which they and their work were received during and after the Nazi period, with a focus on the be-haviors of their former colleagues, their reception in exile, and the response of the wider scientific community, including the Nobel establishment. I will also consider the effects of gender discrimination as a possible contributing factor to the displacement that Meitner and Blau experienced.

Ruth Lewin Sime Ruth Lewin Sime is a physical chemist who taught chemistry at Sacramento City College in California for over thirty years until she recently retired. Her biogra-phy, Lise Meitner: A Life in Physics, appeared in 1996 (in German translation in 2001). In 2003 Sime was a guest researcher in the MPG-Forschungsprogramm "Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Natio-nalsozialismus," for her current study of Otto Hahn and Max von Laue during and after the NS period.



Nationalsozialismus, Wissenschaft und österreichische Zeitgeschichte: Einige Vorbemerkungen
Friedrich Stadler (Universität Wien, A)

Durch die politischen Wenden der letzten zwei Dekaden in Europa und Ös-terreich hat sich der öffentliche und wissenschaftliche Umgang mit der NS-Vergangenheit wesentlich verändert. Dem Trend von der sogenannten Tä-ter- zur Opfergesellschaft entsprechend und im Zuge einer durch die internationale Staatengemeinschaft forcierten "Vergangenheitsbewältigung" durch staatlich eingesetzte Kommissionen zur Erforschung von Vermögens-entzug während der NS-Zeit, sowie Rückstellungen und Entschädigungen nach 1945 etc. wurde die Frage nach der aktiven Beteiligung der Bevölke-rung und Eliten an der Shoah und Vertreibung durch das rassistische und antisemitische NS-Regime neu thematisiert und mit differenzierten Antworten aus vergleichender Perspektive versehen.
Die kritische Beleuchtung der "Opferthese" bildet den allgemeinen Hintergrund des Symposions "Österreich und der Nationalsozialismus" aus der Sicht der gegenwärtigen internationalen Zeitgeschichtsforschung. Dies ist zugleich verbunden mit dem heutigen öffentlichen kollektiven Bewusstsein im umkämpften Feld der Geschichtsdeutung und Gedenkkulturen (z.B. über ein geplantes ein "Haus der Geschichte").
Der spezielle Blick auf die "Folgen der NS-Herrschaft für die wissenschaft-liche und humanistische Bildung" sowie auf die Kultur insgesamt in der Zweiten Republik bis zur Gegenwart kann nur mittels einer Doppelperspekti-ve angemessen behandelt werden: einerseits durch die Präsentation der aktuellen zeitgeschichtlichen Forschung im In- und Ausland, andererseits durch die exemplarischen (auto-)biografischen Berichte vieler Wissenschaft-lerInnen, die durch den Rassismus und Antisemitismus aus Österreich vertrieben worden sind. Diese Lebensberichte der heute weltberühmten ForscherInnen bilden auf der individuellen Ebene sowohl Inhalt als auch konkrete Manifestation der Zeitgeschichte in der NS-Epoche, die als konsti-tutiver Teil der österreichischen Identität betrachtet werden muss. Sie zeigen aber auch, dass allzu homogene Bilder von Verlust und Gewinn sowie vorei-lige Schlüsse über die Wirkung und Rückwirkung der intellektuellen Emigration und Remigration mit Vorsicht zu genießen sind. Dadurch, dass die prominenten Vortragenden in ihrer Eigenschaft als unfreiwillige Emigrante-nInnen als auch als ForscherInnen teilnehmen, wird eine besondere Synergie durch die Vernetzung mit der Historiografie einer jüngeren Genera-tion ermöglicht. Die Tatsache, dass sich dazu noch zwei Nobelpreisträger unter den Initiatoren und Teilnehmern befinden, provoziert einmal mehr die Frage nach der internationalen Qualität der Wissenschaften - nicht zuletzt unter dem Eindruck der laufenden und umstrittenen Universitätsreform in Österreich.
Die doppelte Bedeutung von Zeitgeschichte - im Sinne von historischem Geschehen und Erinnern bis zur Gegenwart sowie als komplexes Feld der Forschung und Lehre - hat also auch zur Folge, dass die Scientific Commu-nity sowohl die Entwicklung von der Ersten zur Zweiten Republik zwischen Bruch und Kontinuität, Opfern und Tätern, als auch ihre eigene Vergangen-heit zwischen Anpassung und Widerstand behandeln muss.
Durch die vergleichenden Studien (Österreich, Deutschland und die Schweiz) und die transatlantische Perspektive scheint sowohl eine länder- wie auch fächerübergreifende Neubewertung des triadischen wechselseitigen Feldes "Nationalsozialismus, Wissenschaft und Zeitgeschichte" möglich, die ohne Tabuisierung und Verdrängung für das gegenwärtige Wis-senschaftsleben relevant werden kann. Nicht zuletzt ist das Symposion ein geeignetes Lernfeld und Beispiel für politische Bildung als eine Art ange-wandte Remigrationsgeschichte durch herausragende Männer und Frauen der "Vertriebenen Vernunft".

Friedrich Stadler Studium der Geschichte, Philosophie und Psychologie in Graz und Salzburg. 1994 Habilitation für Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie an der Universität Wien. Seit 1997 außerordentlicher Professor an der Universität Wien, Zentrum für überfakultäre Forschung und ab 2001 Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte. 1991 Gründer und seitdem Leiter des Instituts Wiener Kreis. Mitarbeiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte und Gesellschaft. Zahlreiche Publikationen zur History and Philosophy of Science und zur Emigrationsforschung. Veröffentlichungen u.a.: Vom Positivismus zur "Wissenschaftlichen Weltauffassung" (1982); Vertriebene Vernunft. 2 Bde (1988); Hg. gem. mit P. Weibel, The Cultural Exo-dus from Austria (1995) Studien zum Wiener Kreis., 1997 (englische Übersetzung: The Vienna Circle. 2001); Hg.: Elemente moderner Wissenschaftstheorie (2000).



The Intellectual Migration from Austria: Marginality and Empowerment
Edward Timms (University of Sussex, UK)

This paper will review the theoretical models of intellectual migration and scientific transfer that emerge from recent publications, including Hitler's Gift: Scientists Who Fled Nazi Germany by J. Medawar and D. Pyke; Whitehall and the Jews: British Immigration Policy, Jewish Refugees and the Holo-caust by L. London; The Hitler Émigrés: The Cultural Impact on Britain of Refugees from Nazism by D. Snowman; and Intellectual Migration and Cul-tural Transformation: Refugees from National Socialism in the English-speaking World, edited by Edward Timms and Jon Hughes. The main focus will be on enforced migration from Austria to Britain.
It will be argued that clearly defined models of the migration process are needed in order to make sense of the numerous autobiographical narratives in which survival and success are attributed more to 'good luck' than to any structural factors. A characteristic example is 'Ich habe die Welt nicht verän-dert': Lebenserinnerungen einer Pionierin der Sozialforschung by the late Marie Jahoda.
By contrast with this kind of modest personal statement, I shall argue that the refugee generation did change the landscape of the English-speaking world - through their outstanding work in a number of academic and scien-tific disciplines. To explain how this happened, the paper will review a series of explanatory models used by historians of migration, including 'accultura-tion', 'resource exchange' and 'creative synthesis'. A comparison will be drawn with migrants from Germany in the mid-1930s, who in certain cases were able to bring financial resources with them, and refugees from Austria after 1938, who arrived empty-handed.
The fundamental question is how migrants who initially found themselves on the margins of society were able, within a relatively short period, to exert a significant influence within leading social and educational institutions. This movement from marginality to empowerment will be explained in terms of a series of interacting processes, including 'support structures', 'funding', 'net-working', 'collaboration with existing institutions' and 'creation of new resources'. Attention will also be directed towards the paradoxical advantages of marginality: the position of the outsider who is able to engage with established cultural practices from an innovative perspective.

Edward Timms Edward Timms has published numerous books and ar-ticles on European literature, politics and the visual arts. He is best known for Karl Kraus - Apocalyptic Satirist (Yale University Press), published in German by Suhrkamp. His interest in multiculturalism has led him to establish a Centre for German-Jewish Studies at the University of Sussex, where he is a Research Profes-sor. Recent publications include the co-edited volumes Writing after Hitler: The Work of Jakov Lind (University of Wales Press) and Intellectual Migration and Cultural Transformation: Refugees from National Socialism in the English-speaking World (Veröffentlichungen des In-stituts Wiener Kreis). He is preparing for publication a sequel to Karl Kraus - Apocalyptic Satirist, which will deal with the German-Jewish dilemma between the world wars. In April 2002 he was awarded the Österreichischer Staatspreis für die Geschichte der Gesellschaftswissenschaften.



KommentatorInnen und DiskussionsteilnehmerInnen / Commentators and Panel Members

Mitchell Ash (Universität Wien)
Mitchell Ash ist Ordentlicher Professor für Geschichte an der Universität Wien und Präsident der Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte e.V. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt besonders die Geschichte der Psychologie, Allgemeine Wissenschaftsgeschichte und Geschichte der Hochschul- und Forschungspolitik, Wissenschaftswandel in politischen Umbruchzeiten - Deutschland 1933, 1945 und 1989. Andere Arbeitsschwerpunkte: Sozial- und Kulturgeschichte der modernen Wissenschaften; Emigration deutschsprachiger WissenschaftlerInnen nach 1933 bzw. 1938. Er ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und hier Sprecher der AG Psychologisches Denken und psychologische Praxis in wissenschaftshistorischer und interdisziplinärer Perspektive.
Veröffentlichungen u.a.: Gestalt Psychology in German Culture 1890-1967, Cambridge 1995; Hg. gem. mit Alfons Soellner, Forced Migration and Scienti-fic Change, Cambridge 1996; "Die Wissenschaften in der Geschichte der Moderne", in: Österreichische Zeit-schrift für Geschichtswissenschaft 10 (1999), S. 105-129; "Scientific Changes in Germany 1933, 1945, 1990 - Towards a Comparison", in: Minerva 37 (1999), S. 329-354.

Christian Fleck (Universität Graz)
Ao. Univ. Prof., Institut für Soziologie der Universität Graz. Geb. 1954, 1979 Promotion Graz, 1989 Habilitation Wien, 1993/94 Schumpeter Fellow Harvard University, Cambridge, Massachusetts, USA, 1999/2000 Fellow am Center for Scholars and Writers, The New York Public Library, New York, USA. Seit 1987 Leiter des Archivs für die Geschichte der Soziologie in Öster-reich (AGSÖ), Graz, 1998-2002 Secretary des Research Committee 08 History of Sociology der International Sociological Association (ISA), seit 1994 Herausgeber der Bibliothek sozialwissenschaftlicher Emigranten.
Bücher: Korruption. Zur Soziologie nicht immer ab-weichenden Verhaltens (1985); Koralmpartisanen. Über abweichende Karrieren politisch motivierter Wi-derstandskämpfer (1986); Der Fall Brandweiner. Universität im Kalten Krieg (1987); Rund um ‚Marienthal'. Von den Anfängen der Soziologie in Österreich bis zu ihrer Vertreibung (1990); Die verborgenen Kosten der Arbeitslosigkeit (1990); Wege zur Soziologie nach 1945 (1996); Soziologische und historische Analysen der Sozialwissenschaften (2000); Gefesselt vom Sozialis-mus. Studien zum Austromarxisten Otto Leichter (2000).

Max Haller (Universität Graz)
Geb. 1947 in Sterzing, Dr. phil. Wien, Habilitation Mannheim, seit 1985 o. Professor für Soziologie in Graz; 1986-89 Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie, Mitbegründer und (1999-2001) Vizepräsident der European Sociological Association; ab 2002 dreijährige Teilzeit-Gastprofessur an der Universität Trient. Arbeitsschwerpunkte: Sozialstruktur und soziokultureller Wandel in Österreich und im internationalen Vergleich; soziologische Theorie; spezielle Soziologien. Autor bzw. Herausgeber von zwei Dut-zend Büchern und zahlreichen Zeitschriftenartikeln in deutschen und englischen wissenschaftlichen Verla-gen.
Zuletzt: Soziologische Theorie im systematisch-kritischen Vergleich (1999); The Making of the Euro-pean Union. Contributions of the Social Sciences (2001); Karrieren und Kontexte. Österreichs Nobelpreisträger und Wissenschaftler im historischen und internationalen Vergleich (2002; zus. mit B. und M. Wohinz).

Friedrich Hirzebruch (Bonn)
Geboren am 17. Oktober 1927 in Hamm/Westfalen als Sohn des Oberstudiendirektors Dr. Fritz Hirzebruch und seiner Frau Martha Hirzebruch, geb. Holtschmit, verheiratet seit dem 7. August 1952 mit Ingeborg Hir-zebruch, geb. Spitzley, Kinder Ulrike, Barbara, Michael (geboren 1953, 1956, 1958), Enkel Stefan, Christof, Johannes, Martin, Christian, Susanne.
Studium der Mathematik, Physik und Mathematischen Logik an der Universität Münster (1945-1950) und an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (1949-1950), Promotion zum Dr. rer. nat. an der Universität Münster (1950).
Ordentlicher Professor der Mathematik an der Ma-thematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bonn (seit 1956; emeritiert 28.02.1993). Dekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bonn (1962-1964). Sprecher des Sonderforschungsbereiches "Theoretische Mathematik" an der Universität Bonn (1969-1985). Direktor des Max-Planck-Instituts für Mathematik, Bonn (seit 1980; emeri-tiert 31.10.1995)

Hans Jonas - Vom Prinzip Verantwortung zum Prinzip Hoffnung
Eveline Goodman-Thau (dzt. Universität Wien, A)

Hans Jonas steht in der Tradition großer Denker, die sich in ihrer Zeit nicht nur bemüht haben, die philosophischen Grundfragen der Vergangenheit zu reflektieren, oder Vertreter eines bestimmten Zeitgeistes zu sein, sondern die sich bewusst waren, dass der Mensch immer in der Gefahr lebt, zwischen Nichts und Ewigkeit verloren zu gehen: ein Philosoph im klassischen Sinn, der im Zeitalter der Metaphysikkritik und Wissenschaft hartnäckig an den alten Fragen nach Mensch, Welt und Gott festhielt und bemüht war, wi-der die Gleichgültigkeit der Welt den Menschen, aber mehr noch die Menschheit vor dem Abgrund zu retten, sich zu besinnen auf seine Verantwortung für das Ganze, dessen unabtrennbarer Teil der Mensch als Naturwesen, aber im Bewusstsein seiner Freiheit, ist. Was dies im Konkreten bedeutet, zeigt sich im Lebensweg und Œuvre dieses Menschen, dessen Name einerseits mit der Gnosis verbunden ist, aber andererseits mit dem Prinzip Verantwortung. Für Jonas gibt es keinen Gegensatz zwischen den Polen von Gnosis und Ethik: Das Wissen um Gott, das Wissen um den Menschen und das Schicksal der Welt begegnen sich in fast jedem Satz seiner Schriften.
Im nachplatonischen Zeitalter versucht Jonas die Seinsfrage nochmals zu stellen; dies bedeutet für ihn, historisch den Gründen der nihilistischen Er-fahrung nachzufragen, um ontologisch das Wesen der menschlichen Freiheit im Verhältnis zur Lebenswelt, sogar zur ganzen Natur neu zu bestimmen. In der Entdeckung der inneren Transzendenz jener Freiheit findet Jonas die Anzeichen dafür, metaphysisch einen neuen Sinn von Transzendenz und Ewigkeit zu konstituieren. Letztendlich führen Jonas' philosophische Untersuchungen ihn zu metaphysischen Vermutungen, die unmittelbar mit der Grundfrage des biblischen Monotheismus in Berührung stehen: die Sonderposition des Menschen in der Schöpfung als Zeugnis ei-nerseits der "Ohnmacht Gottes", andererseits aber das seiner Freiheit und Verantwortung bewusste Subjekt, das die Aufgabe einer kosmischen Pflicht gegenüber dem "Wagnis Gottes" übernimmt. Sein Denken ist ein Versuch, die "Wesenskluft, die jüdischer Schöpfungsglaube, griechische Vernunftmetaphysik und - beide einbegreifend - christlicher Transzendentalismus [...] zwischen Mensch und Natur im abendländischen Denken aufgerissen hatten, zu überbrücken". Es ist der Verdienst von Hans Jonas, dessen 100. Geburtstag in diesem Jahr ist, ein Ethos der Verantwortung entwickelt zu haben, welches als Ergänzung zum "Prinzip Hoffnung" (Ernst Bloch) einerseits eine kausale Zurechnung begangener Taten voraussetzt, andererseits aber eine "Pflicht zur Zukunft" postuliert, die durch die besondere Position, die der Mensch als biologisches und für seine Taten verantwortliches Wesen im Ganzen einnimmt, eine Brücke legt zwischen Natur- und Geisteswissenschaften.
Die Fragestellungen von Jonas im Spannungsfeld von Ideal- und Realwissen gewinnen insbesondere in den angewandten Wissenschaften eine Brisanz im Zuge der historischen Erfahrungen des Nationalsozialismus und der zunehmenden Verknüpfung von Technologie, Wirtschaft und Politik in der Gegenwart.

Eveline Goodman-Thau
Professorin für Jüdische Religions- und Geistesgeschichte und Rabbinerin. Sie lebt in Jerusalem und lehrt in Berlin und Wien. Zahlreiche Gastprofessuren an den Universitäten Heidelberg, Kassel, Oldenburg, Bern, Halle, wo sie das Seminar und die Bibliothek für Jüdische Studien gegründet hat, und an der Harvard Divinity School. 2001-2002 war sie als Rabbinerin in Wien tätig und hat zur Zeit eine Gastprofessur für Jüdische Kulturphilosophie an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien inne. Sie ist Gründerin und Direktorin der Hermann-Cohen-Akademie für Religion, Wissenschaft und Kunst in Buchen/Odenwald. Zahlreiche Publikationen im Bereich Jüdische Religions- und Geis-tesgeschichte, sowie Feministische Theologie und Frauen- und Geschlechterstudien.
Publikationen in Auswahl: Zeitbruch - Zur messianischen Grunderfahrung in der jüdischen Tradition, Akademie-Verlag, Berlin 1995. Zeit und Welt. Denken zwischen Philosophie und Religion, Hrsg. Eveline Goodman-Thau, (Studien zu Religion, Wissenschaft und Kunst; 1, hrsg. Hermann-Cohen-Akademie), Heidelberg 2002. Aufstand der Wasser. Jüdische Hermeneutik zwischen Tradition und Moderne, Berlin; Wien 2002. Eine Rabbinerin in Wien. Betrachtungen, Wien 2003.



Ruth Klüger (University of California, Irvine, dzt. Institut für Germanistik der Universität Wien)
Professor Emerita der University of California, Irvine. Wurde 1931 als Tochter eines jüdischen Arztes in Wien geboren, als Kind in mehrere Konzentrationslager ver-schleppt und wanderte nach dem Krieg in die Vereinigte Staaten aus. Sie studierte Anglistik und Germanistik am Hunter College (New York) und der University of California, Berkeley. Sie ist die Autorin der Autobiographie Weiter Leben. Eine Jugend (1992), ein Buch, das in acht Sprachen übersetzt worden ist und wofür sie mehrere Preise in Deutschland, Österreich und Frankreich erhielt. Weitere Buchpublikationen: Frauen lesen anders und Katastrophen. Über deutsche Literatur, sowie Über hohe und niedrige Literatur. 1998 erhielt sie den österreichischen Staatspreis für Literaturkritik. Von 1998 bis 2002 war sie Gastprofessorin an der Universität Göttingen und ist zur Zeit Gastprofessorin an der Universität Wien.

Raoul Kneucker (Wien)
Sektionschef i.R. des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur, vordem Generalsekretär des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) und der Österreichischen Rektorenkonferenz; geboren 1938 in Wien, ein Familienmensch; Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Graz, Politische Wissenschaften an der Brandeis Uni-versity, Waltham, Mass., Verwaltungswissenschaften in Speyer, am Salzburg Seminar / Schloss Leopoldskron und in Washington D.C., Universitätsassistent an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien, Spezialgebiete Menschenrechte, öffentliche Verwaltung.



Wiener Blut und der American Dream. Erinnerungen und Erkenntnisse eines amerikanischen Physikers aus Österreich
Harry Lustig (Santa Fe, USA)

Am 11. März 1938 war ich noch ein sorgenfreies Kind einer assimilierten jü-dischen Wiener Familie und Schüler in der dritten Klasse der Realschule I. Am 12. März lag unsere Welt, jedoch noch nicht die unserer nichtjüdischen österreichischen Mitbürger, in Trümmern und wir wussten, dass wir fliehen müssen, um das Leben zu retten. Es gelang meiner engen Familie und mir aber erst am 17. November 1939, in die Vereinigten Staaten einzuwandern. Dort bestand für mich, sowie für viele andere mittellose Studenten, die Ge-legenheit am City College von New York eine ausgezeichnete Ausbildung zu erhalten. Das Studium zum Doktor in der Physik unternahm ich an der Uni-versität von Illinois unter der Leitung des Professor John (früher, in Wien, Hans) Blatt, der selber sein Physikstudium bei Victor Weisskopf am MIT ab-solvierte. Zum Teil aus Dankbarkeit an das CCNY verbrachte ich dort den Großteil meiner akademischen Laufbahn, als Professor der Physik, Dekan und Vize-Rektor. Ich lehrte Physik vom Erstsemester bis zum Postgraduate Seminar, und unternahm Forschungen in der theoretischen Kernphysik, am Mössbauer Effekt, und, später, in Energiestudien. Meine "freiwilligen" Tätig-keiten hatten zum grossen Teil ihren Ursprung in der Wiener Erziehung und Kultur, darunter mein Werk gegen den Atomkrieg und für internationale Ko-operation in der Wissenschaft. Auch mein Interesse an Geschichte und Philosophie stammt sicher davon; so war ich jahrelang ein überzeugter An-hänger des Wiener Kreises. Anders als viele der entwurzelten und für immer beschädigten Mitglieder der Generation meiner Eltern, sowie auch manche erfolgreiche Zeitgenossen, besuche ich Wien und Österreich seit dem Ende des Krieges ohne Groll. Meine Einstellung ist, dass dieses schöne Land und dessen Kultur mir genauso gehört wie denen, die mich aus der Heimat ver-trieben haben.

Harry Lustig
Harry Lustig, born in Vienna in 1925, is emeritus pro-fessor of physics and Provost Emeritus at the City College of the City University of New York. He received his Ph.D. degree from the University of Illinois at Ur-bana-Champaign in 1953. During his thirty-three year career at CCNY he held visiting appointments at Stan-ford University and the Universities of Colorado, Illinois, and Washington. In 1964-65 he was a Fulbright Pro-fessor at University College, Dublin and from 1970 to 1972 he served as Senior Officer in the Department of Science and Technological Education at UNESCO, Paris. Lustig was the Treasurer of the American Physi-cal Society from 1985 through 1996 and, in 1993-94, simultaneously the Society's Acting Executive Secre-tary. His early research and publications were in the areas of theoretical nuclear physics and the Mössbauer effect. He has also contributed to the field of energy studies, to science education, to international coopera-tion in science, and to the economics of scientific publishing. Since 1996, Lustig's interests have increas-ingly focused on the history of physics. He is currently at work on what he hopes will be a definite study on why Germany did not achieve an atomic bomb during World War II and a critical examination of the recent phenomenon of 'science plays'.



Fritz Stern (Columbia University, USA)
Fritz Stern wurde am 2. Februar 1926 in Breslau gebo-ren und emigrierte mit seinen Eltern jüdischer Abstammung 1938 in die Vereinigten Staaten. 1947 nahm er die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Seit sei-nem 13. Lebensjahr ist Fritz Stern in New York zu Hause. Dort studierte er an der Columbia University, seiner "geistigen Heimat", an der er - nach kurzer Lehr-tätigkeit an der Cornell University - seit 1953 bis heute als Professor tätig ist.
Er gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen und amerikanischen Historiker. Ihn beschäftigte vor al-lem die politisch-kulturelle Entwicklung Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert. Früh führte ihn der Weg nach Deutschland zurück, wo er erstmals 1954 und dann mehrfach Gastprofessor an verschiedenen Universitäten war. Im Jahre 1987 wurde er als erster Ausländer eingeladen, im Deutschen Bundestag die Rede zum Gedenken an den 17. Juni 1953 zu halten. 1993/94 war er in Bonn Berater des damaligen amerikanischen Botschafters Richard Holbrooke.
Fritz Stern hat mehrere wichtige Werke, vor allem zur deutschen Ideen- und Machtgeschichte geschrieben. 1963 erschien sein inzwischen klassisches Buch Kulturpessimismus als politische Gefahr. Eine Analyse nationaler Ideologie in Deutschland. Nach umfassenden Quellenstudien folgten, zugleich in englisch und deutsch, 1977/78 Sterns Untersuchungen über das wichtige Verhältnisse zwischen Bismarck und seinem Bankier Gerson Bleichröder unter dem Titel Gold und Eisen (erweiterte Neuauflage 1999). 1988 erschien auf deutsch die Essay-Sammlung Der Traum vom Frieden und die Versuchung der Macht (erweiterte Neuauflage 1999), 1996 die Essay-Sammlung Verspielte Größe. Im Jahr 2001 erschien Das feine Schweigen sowie in eng-lischer Sprache Einstein's German World.
Fritz Stern, Ehrendoktor der Universität Oxford und Mitglied der Ordens "Pour le mérite" ist Träger zahlreicher Auszeichnungen. Er wohnt in New York, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Anton Zeilinger (Universität Wien)
Anton Zeilinger wurde 1945 in Ried im Innkreis gebo-ren. Seine Arbeitsgruppe setzte die Tradition Österreichs in der Quantenphysik, die mit Erwin Schrödinger ihren Anfang nahm, fort. Sie realisierte zahlreiche fun-damentale Vorhersagen der Quantentheorie und bestätigte damit ihre erstaunlichen Konsequenzen für Philosophie und Weltbild. Mit der experimentellen Ver-wirklichung wurde auch der Grundstein für völlig neue Technologien, wie zum Beispiel Quantenkryptographie und Quanteninformation, gelegt. Anton Zeilinger war wissenschaftlich tätig am Massachusetts Institute of Technology, an der Universität München, der TU Wien, der Universität Innsbruck, der Universität Melbourne und am Collège de France. Zu seinen zahlreichen Preisen und Auszeichnungen zählen der Forschungs-preis der Alexander von Humboldt-Stiftung (2000), das Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst der Republik Österreich (2001) sowie die Mitgliedschaften im Orden Pour le Mérite (2001) und in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (2002). Anton Zeilinger ist derzeit Vorstand am Institut für Experimentalphysik der Universität Wien.

Chairs

Mitchell Ash
O. Prof. am Institut für Geschichte der Universität Wien

Christian Fleck
Ao. Prof. am Institut für Soziologie der Universität Graz

Johanna Gehmacher
Ao. Prof. am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien

Friedrich Hirzebruch
Prof. em. der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bonn

Michael Hubenstorf
O. Prof und Vorstand am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Wien

Bertrand Perz
Univ. Ass. am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien

Oliver Rathkolb
Co-Direktor, Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Gesellschaft am Institut für Zeitgeschichte und Visiting Professor, Department of History, University of Chicago

Wolfgang Reiter
Univ.-Lekt. am Institut für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung der Universität Wien und The Erwin Schrödinger International Institute for Mathematical Physics, Vienna

Fritz Stern
Prof. at Columbia University, N.Y.C., USA

Gerald Stourzh
O. Prof. em. am Institut für Geschichte der Universität Wien und wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

Ruth Wodak
O. Prof. am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien und Fellow am Collegium Budapest




Aktuelle Forschungsprojekte zum Thema "Nationalsozialismus und Wissenschaft" / Recent Research in "National Socialism and Science"

Hochschulen und Wissenschaften im Nationalsozialismus und danach - Stand der Forschung und Projekte in Österreich
Mitchell Ash

Die Geschichte der Wissenschaften und Hochschulen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist ein international dicht besetztes Gebiet der For-schung geworden; dies gilt insbesondere für die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft. Die österreichische Forschung zu beiden Themenbereichen hat allerdings nur zögernd und erst relativ spät begonnen. In der Öffentlichkeit haben Fälle wie der des Anatomen Eduard Pernkopf, der des im so genannten "Euthanasie"-Programm verwickelten Arztes Heinrich Groß und der des Verhaltensforschers Konrad Lorenz eine hohe Aufmerksamkeit erlangt. Das Bewußtsein eines breiteren Forschungsbedarfs, das über diese spektakuläre Einzelfälle hinausgeht, ist gegeben und einschlägige Projekte werden inzwischen auf vielen Gebieten angegangen.
Bereits im März 2001 wurden in einem Symposium an der Universität Wien Anstöße zu einer verstärkten Vernetzung bestehender Projekte sowie ihrer Anbindung an den internationalen Forschungsstand unternommen. In einem Kurzbericht werden die Fragestellungen und Ergebnisse des Sympo-siums präsentiert und der aktuelle Stand der Forschung in Österreich im internationalen Kontext zusammengefaßt. Abschließend werden ausgewähl-te Aufgaben für die Zukunft, insbesondere im Hinblick auf eine konsequente historische Aufarbeitung der Zeit nach 1945, erörtert.



Aus Österreich emigrierte PhysikerInnen und TechnikerInnen: Individuelle Erfahrungen und kollektive Verläufe 1930-1955
Christian Fleck, Anton Zeilinger, Brigitte Bischof, Barbara Holzheu, Gudrun Schöllhammer

Das Forschungsprojekt "Aus Österreich emigrierte PhysikerInnen und Tech-nikerInnen: Individuelle Erfahrungen und kollektive Verläufe 1930-1955" befasst sich mit einem Kapitel der neueren österreichischen Physikgeschich-te, der Emigration und Remigration von PhysikerInnen und TechnikerInnen, die Österreich verließen oder aus ihm vertrieben wurden. Der Zeitraum von 1930 bis 1955 wurde gewählt, um Vergleiche zwischen unterschiedlichen Gruppen von EmigrantInnen vornehmen zu können, jenen, die gezwungen waren, das Land zu verlassen auf der einen Seite und jenen, die aus ande-ren Gründen emigrierten.
Die individuellen Erfahrungen von EmigrantInnen stehen im Mittelpunkt des oral-history-Teils des Projektes, in dessen Rahmen auch Interviews mit Mitgliedern der sogenannten Zweiten Generation geführt werden, also jenen Personen, die Österreich als Kinder oder Jugendliche verlassen mussten und erst in Staaten, die ihnen Zuflucht gewährten, ein Studium absolvieren konnten. In einem zweiten, kollektivbiographischen Teil werden systematisch Daten über EmigrantInnen und nicht-emigrierte PhysikerInnen erhoben und vergleichend ausgewertet. Damit werden die Besonderheiten dieser beiden WissenschaftlerInnengruppen herausgearbeitet. Ein Vergleich mit anderen Gruppen von WissenschaftlerInnen soll ergänzend helfen, die Be-sonderheiten der Gruppe der PhysikerInnen und TechnikerInnen zu identifizieren. Die Einbeziehung der in der Wissenschaftsgeschichte bislang eher vernachlässigten Gruppe der AbsolventInnen der Studienrichtung techni-sche Physik soll das "Porträt einer Generation" vervollständigen helfen. Insbesondere werden dabei diejenigen berücksichtigt, deren beruflicher Weg sie in die Industrie geführt hat.
Das Projekt wird in Kooperation des Instituts für Soziologie der Universität Graz mit dem Institut für Experimentalphysik der Universität Wien durchgeführt und vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur finanziert.



Die Ausradierung der wissenschaftlichen Spitzenforschung durch den Nationalsozialismus. Befunde und Folgerungen aus einer Studie über Nobelpreisträger
Max Haller

Am Beispiel des Schicksals mehrerer Nobelpreisträger lassen sich die ver-heerenden Auswirkungen des Nationalsozialismus auf die wissenschaftliche Spitzenforschung in Österreich besonders nachdrücklich belegen. Dies zeigt eine Studie über die Biografien österreichischer Nobelpreisträger, die mit heutigen Wissenschaftlern in Österreich und im Ausland verglichen wurden. Der Nationalsozialismus bedeutete einen tiefen Einschnitt in doppelter Hin-sicht: durch die Vertreibung mehrerer lebender Nobelpreisträger, und - vielleicht noch verhängnisvoller - durch die Beseitigung ganzer wissen-schaftlicher Schulen und Diziplinen. Die Erfahrungen der vertriebenen Wissenschaftler, wie auch eine Analyse der heutigen Forschungslandschaft in Österreich zeigen jedoch, dass der Rückfall Österreichs in der Spitzenfor-schung nicht nur dem Nationalsozialismus angelastet werden kann, sondern auch mit problematischen bildungs- und wissenschaftspolitischen Entwick-lungen der Nachkriegszeit zusammenhängt. Die ehemaligen österreichischen Nobelpreisträger, wie auch jene österreichischen Wissenschaftler, die im Ausland zu Spitzenleistungen gelangten, waren hochmobil und bereit, von den führenden Wissenschaftlern ihres Faches direkt zu lernen. Eine Förderung besonders produktiver wissenschaftlicher Einheiten, ein Erfolgs-rezept wissenschaftlicher Spitzeninstitutionen in den angelsächsischen Ländern, wurde in der Republik Österreich von Anfang an nicht mehr angestrebt.



'Arisierung', Berufsverbote und 'Säuberungen' an der Universität Wien. Ausschluß und Vertreibung 'rassisch' und/oder politisch oder in anderer Weise verfolgter Lehrender und Studierender 1938/39
Friedrich Stadler, Herbert Posch, Werner Lausecker

Die Forschungsbemühungen im Rahmen dieses Projekts sind auf die 1938/39 als Jüdin-nen und Juden verfolgten und vertriebenen Studierenden der Universität Wien fokus-siert. Es sind die vorrangigen Anliegen der Arbeit in diesem Projekt, die Namen und die Zahl der Betroffenen zu erforschen, Kontakte zu ZeitzeugInnen aufzubauen und ihre Erfahrungen und Biographien im Rahmen qualitativer Forschungen kennen zu lernen und zu beschreiben.
Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung ging die Zahl der an der Universität Wien inskribierten Studierenden von 9.180 im Wintersemester 1937/38 auf 5.351 im Wintersemester 1938/39 zurück. Das ist ein Rückgang um 42 %. Unsere bisherigen Forschungsergebnisse zeigen, dass nachweislich 1.463 als Jüdinnen oder Juden von dieser Universität vertrieben wurden, also 16 % der Studierenden des WS 1937/38. Hinsichtlich der anderen im Wintersemester 1938/39 nicht mehr inskribierten Studie-renden kann bisher noch nicht mit Sicherheit festgestellt werden, wer von ihnen Opfer "rassischer" Verfolgung wurde. Mit Sicherheit ist davon auszugehen, dass die tatsächli-che Zahl der Betroffenen noch weit höher ist.
Mit der Vertreibung der als Jüdinnen und Juden verfolgten Studierenden 1938 wurden wissenschaftliche und akademische Berufsfelder in Österreich auch für Jahrzehnte nach 1945 nachhaltig verändert, indem eine große Gruppe von AkteurInnen gewaltsam ent-fernt worden war. Konkurrenz- und Herrschaftsverhältnisse wurden damit radikal zu-gunsten jener verschoben, die nicht verfolgt worden waren.
Diese langfristige strukturelle Veränderung wissenschaftlicher Felder blieb auch im Nachkriegsösterreich folgenreich - die ambivalente Kombination von persönlichen Karrierevorteilen Nichtverfolgter und der nachhaltigen dramatischen qualitativen Ver-armung des akademischen und wissenschaftlichen Lebens in Österreich nach 1945 durch die Vertreibungen hat, so eine unserer Thesen, ein bedrohliches Spannungsfeld produziert, das durch Nichtthematisierung und Tabuisierung abgewehrt wurde.
Viele der Betroffenen konnten, soweit sie zu den Überlebenden der nationalsozialisti-schen Verfolgung zählten, in den jeweiligen Emigrationsländern oder in Österreich nach 1945 nie mehr ein Studium abschließen. Andere wurden in Emigrationsländern, in de-nen sie Lebens- und Studienmöglichkeiten finden konnten, zu erfolgreichen Akademike-rInnen und WissenschaftlerInnen. Nur relativ wenige der als StudentInnen und Schüle-rInnen aus Wien Vertriebenen haben sich, soweit sie die nationalsozialsozialistische Verfolgung überlebt haben, nach 1945 für eine Rückkehr nach Österreich entschieden. Das Spektrum der Lebenswege und Sichtweisen der 1938 von der Universität Wien vertriebenen Studierenden zu einem Teil der wissenschaftsgeschichtlichen Forschung zu machen ist eines der vorrangigen Anliegen unserer Forschungsarbeit. Darüber hinaus ist es für uns gleichermaßen wichtig, mit unseren Forschungen einen weiteren Anstoß zu geben für ein, erlittenes Unrecht anerkennendes, Handeln öffentlicher Institutionen gegenüber den von Verfolgung und Vertreibung Betroffenen - nicht zuletzt seitens der Universitäten.
Wir sind intensiv darum bemüht, weitere Kontakte zu ZeitzeugInnen aufzubauen, die als Studierende, SchülerInnen oder junge AkademikerInnen in Wien Verfolgung und Vertreibung erlitten haben.



E-mail Adressen
Mitchell Ash: mitchell.ash@univie.ac.at
Jean-Francois Bergier: jean-francois.bergier@history.gess.ethz.ch
hilbich@history.gess.ethz.ch
Evan Burr Bukey: ebukey@uark.edu
Chaim Eisenberg: rabbinat@ikg-wien.at
Christian Fleck: christian.fleck@uni-graz.at
Johanna Gehmacher: johanna.gehmacher@univie.ac.at
Eveline Goodman-Thau: egt@hermann-cohen-akademie.de
Max Haller: max.haller@uni-graz.at
Friedrich Hirzebruch: hirzebruch@mpim-bonn.mpg.de
Gerald Holton: holton@physics.harvard.edu
Michael Hubenstorf: michael.hubenstorf@univie.ac.at
Clemens Jabloner: clemens.jabloner@vergh.gv.at
Eric Kandel: si2@columbia.edu  Erk5@columbia.edu
Ruth Klüger: rkluger@uci.edu
Raoul Kneucker: kneucker@magnet.at
Walter Kohn: kohn@physics.ucsb.edu
Harry Lustig: lustig@aps.org
Helga Nowotny: nowotny@wiss.gess.ethz.ch
Bertrand Perz: bertrand.perz@univie.ac.at
Peter Pulzer: peter.pulzer@all-souls.oxford.ac.uk  pulzer@dubnow.de
Oliver Rathkolb: oliver.rathkolb@univie.ac.at
Wolfgang Reiter: wolfgang.reiter@univie.ac.at
Karl Sigmund: karl.sigmund@univie.ac.at
Ruth Lewin Sime: rodsime@saclink.csus.edu
Friedrich Stadler: friedrich.stadler@univie.ac.at
Fritz Stern: Fritz.Stern@columbia.edu   fs20@columbia.edu
Gerald Stourzh: gerald.stourzh@univie.ac.at
Edward Timms: e.Timms@sussex.ac.uk
Ruth Wodak: ruth.wodak@univie.ac.at
Anton Zeilinger: anton.zeilinger@univie.ac.at