Das "Manifest der österreichischen Philosophie". Die Materialien Kurt Blaukopfs über die Berufung Robert Zimmermanns an die Universität Wien (1860-1861), im Spiegel von Philosophiegeschichte, Universitätsreform, Berufungspolitik, staatlicher Religions- und Konfessionsgesetzgebung und Verfassungsgeschichte.
Bearbeitung und Präsentation: Martin Seiler

Kurt Blaukopf hat eine umfangreiche Dokumentation über Leben und Werk von Robert Zimmermann angelegt; diese Sammlung ist als Bestandteil von Blaukopfs wissenschaftlichem Nachlass an das Institut Wiener Kreis gelangt und wurde im Rahmen eines von der Stadt Wien geförderten Projektes durch mich erfasst und dokumentiert.

Der Mittelpunkt von Blaukopfs Materialien zu Zimmermann, und u.d.T. "Die Wurzeln der österreichischen Philosophie in Wien", Gegenstand eines weiteren Forschungsprojekts des Instituts Wiener Kreis, gleichfalls mit Unterstützung der Stadt Wien, ist das 2. Kapitel der Biographie Zimmermanns mit dem Titel "1860 - Die Weichenstellung für Robert Zimmermann in Wien". Kernstück ist hier das mit 2.6.1860 datierte Gutachten der Professoren Franz Karl Lott, Hermann Bonitz und Franz Pfeiffer an das Professoren-Collegium der philosophischen Fakultät zwecks Wiederbesetzung einer zweiten philosophischen Lehrkanzel in Wien. Diese war durch die Pensionierung des seit 1832 lehrenden Peithner v. Lichtenfels vakant, bereits ein Jahr zuvor, 1859, war die dritte Lehrkanzel durch den Tod des zwei Jahre früher aus Innsbruck berufenen katholischen Philosophen Georg Schenach verwaist. Diese Situation drückt sich schon im 2. Satz des Gutachtens aus: "Seit einem Jahre sank die Anzahl der Professoren der Philosophie an unserer Universität von 3 auf 1 herab." Einziger Vertreter der Philosophie war damals der Herbartianer Lott, er war auf Empfehlung Exners aus Göttingen 1849 nach Wien berufen worden, zugleich mit H. Bonitz, der davor in Stettin wirkte. Von diesen beiden war das Gutachten offenbar formuliert, der Mitunterzeichner Franz Pfeiffer, Professor der Germanistik, war zum gegebenen Zeitpunkt Dekan der philosophischen Fakultät und unterschrieb wohl in offizieller Funktion.

Dieses Dokument bildet in seinem vollständigen Originalwortlaut das Kernstück einer unvollendeten Studie Blaukopfs über die Berufung Zimmermanns, die es herbeizuführen half und die am 16.1.1861 erfolgte. Zugleich erweist es sich aber auch für die Genese einer "Österreichischen Philosophie" im Sinne Rudolf Hallers und für die Vorgeschichte des Wiener Kreises als bedeutsam, vermutet Blaukopf. Es wird für ihn zum "Manifest der österreichischen Philosophie", einmal als Zeugnis des Antihegelianismus, zum anderen als Bindeglied von Bolzano über Herbart und die Philosophie des Realismus zu Brentano und zum Empirismus. Zimmermanns allgemeine historische Rolle in diesem Kontext, nicht zuletzt bei der Transformation der philosophischen Ästhetik in die empirische(n) Kunstwissenschaft(en), hat Blaukopf in seinem Essay "Von der Ästhetik zur ‚Zweigwissenschaft'. Robert Zimmermann als Vorläufer des Wiener Kreises" dargelegt. (In: Kunst, Kunsttheorie und Kunstforschung im wissenschaftlichen Diskurs. Hg. Seiler/Stadler, Wien 2000, 35-46) Ehe ich zum Inhalt des Gutachtens bzw. Manifests komme, noch kurz zur Situierung im eben erwähnten Kontext. Hier dient ein Aufsatz von Otto Neurath: "Die Entwicklung des Wiener Kreises und die Zukunft des logischen Empirismus" (1936) als Bezugspunkt. Blaukopf zitiert bzw. referiert Neurath: "Dem antimetaphysischen, empiristischen Flügel der deutschen Philosophie gelang es nicht, sich in Deutschland zu entfalten. Hingegen fand in Österreich der antikantianische und leibnizianische Herbartismus günstige Aufnahme." Als Beispiel führt Neurath eben Zimmermann an, dessen Wirken "bereits von spürbarem Einfluß auf unsere Epoche" war.

Nun zu den Kernsätzen aus dem "Manifest der östereichischen Philosophie". Gleich im 2. Absatz wird an dem Zusammenbruch der Hegelschen Schule kein Zweifel gelassen, welche "bis ungefähr vor einem Jahrzehnt [~1850] das mehr oder weniger philosophierende deutsche Publikum tirannisierte; auch solche, denen die Lehren dieser Schule weder einleuchteten noch zusagten, ließen sich durch dieselbe dennoch verwirren und überwältigen. Namentlich die Jugend ließ sich berauschen durch die Verheißung absoluter Erkenntnis des Alls, welche der reine Begriff des Seyn nach einer einzigen Methode aus sich entfalten sollte". Und weiter: "Die Schule fand eine Stütze an der exclusiven Gunst, welche die Lenker des preussischen Unterrichtswesens dem Hegelschen System durch viele Jahre zuwandten, welches lange alles in Staat und Kirche Bestehende zu vertheidigen schien, nach dem berühmt gewordenen Satze: Alles Wirkliche ist vernünftig, alles Vernünftige wirklich." Die Ursachen des Zusammenbruchs: "All diese Verblendungen wichen erst den Streitigkeiten der Hegelianer untereinander. Als diese nämlich im Kampfe der politischen und kirchlichen Parteien das Hegel'sche System geltend zu machen und ihr Programm principiell zu formulieren versuchten, da kams ihnen selber zu Bewußtsein, wie vieldeutig ihre Schulformeln waren, wie viele nicht blos ungelöste Fragen, sondern auch schroffe Widersprüche sich darin verhüllten. Und nun folgte ein buntgestaltiges Deuten und Deuteln und Reformieren der Hegel'schen Lehren, bis endlich die Schule in sich selbst zerfiel."
Die Folgen: "Das größere Publikum, welches den Sturz dieser übermächtigen Schule erlebt hatte, wandte natürlich ohne weiters aller Philosophie den Rücken; es verlor allen Glauben an die Möglichkeit, Prinzipienfragen wissenschaftlich zu entscheiden." Aber: "Das innere Verderben des Hegelschen Systems liegt in dem Wahne, daß die philosophische Spekulation die Augen vor der Erfahrung schließen dürfe". Vor allem darin, daß "Hegel den Gegensatz des sogenannten Apriorischen, welches aller Erfahrung vorausgehen und vorausgesetzt sein solle, wider das Aposteriorische (Empirische) auf die Spitze trieb. Diese äußerste Consequenz im Mißachten der Erfahrung ist die Krankheit, an welcher das System starb".
Und das Heilmittel: "Nicht also die Philosophie ist aufzugeben, sondern dieses dem Wirklichen abgewandte idealistische Construieren! Dies ist die Lehre, welche sich gegenwärtig mit doppelter Gewalt aufdrängt! Unsere Empfehlung wird sich also auf Männer der realistischen Richtung zu beschränken haben", und damit auf "jene Untersuchungsweise, welche die Erkenntnisprinzipien des Wirklichen aus diesem Wirklichen selber zu schöpfen bestrebt ist".

Zu diesen Realisten zählen außer Zimmermann und dem secundo loco placierten Wilhelm Fridolin Volkmann, beide Professoren in Prag, noch eine Reihe weiterer entschiedener deutscher Herbartianer, die im Gutachten ausdrücklich genannt werden, so Drobisch, Hartenstein und Strümpell, ferner Lotze; sowie eine Reihe von sog. "eklektischen Realisten, welche sich vorzugsweise auf die Geschichte der Philosophie stützen", wie z. B. Trendelenburg. Das Gutachten gibt hier einen Querschnitt der realistischen Richtung in der deutschsprachigen Philosophie, neben der sich die Vertreter anderer Denkschulen wie der jüngere Fichte, Krause oder auch der österreichische Reformkatholik Anton Günther nicht behaupten können. Insgesamt ein auch philosophiehistorisch interessantes Zeugnis, das bio-bibliographisch in Anmerkungen aufzuschließen ist, wozu schon seitens Kurt Blaukopf Vorarbeiten bestehen. Nimmt man hinzu, daß auch Volkmann und damals auch Zimmermann Herbartianer waren, aber auch die Verfasser des Gutachtens, Bonitz und Lott, der Herbart'schen Schule angehörten, kann man hier nicht weniger von einem Manifest des Herbartianismus, oder allgemein der realistischen Philosophie um 1860 sprechen.
Das Gutachten verbreitet sich dann über die Publikationen und die Lehrtätigkeit von Volkmann, während über Zimmermann, damals seit 8 Jahren Ordinarius in Prag, "das Urteil bereits hinreichend festgestellt ist, namentlich auch in unserem hohen k.k. Ministerium, so daß es als überflüssig erscheint, sich über denselben zu verbreiten". Tatsächlich soll sich Minister Thun schon im Juni 1859, also ein Jahr vor dem Gutachten, für die Berufung Zimmermanns nach Wien entschieden haben, doch gab es Verzögerungen und auch Gegenstimmen. Das Gutachten indessen stellt die Wahl zwischen Zimmermann und Volkmann frei, und schließt mit folgender Bemerkung: "Es könnte auffallen, daß die beiden vorgeschlagenen Gelehrten der durch den Namen Herbart bezeichneten Richtung des Philosophierens folgen; nur darf dies nicht im üblichen Schulsinne verstanden werden. Vielmehr ist es die vielseitige Orientierung auf den Gebieten der Erfahrung, namentlich auch die Ausrüstung mit naturwissenschaftlicher und mathematischer Bildung, welche den Philosophen realistischer Richtung unvermeidlich ein gemeinsames Gepräge verleiht gegenüber all jenen, die a priori speculieren".

Die Berufung Zimmermanns erfolgte schließlich am 16. 1.1861, knapp drei Monate nach Thuns Rücktritt als Unterrichtsminister am 20. Oktober 1860. Noch einige Worte zu Bonitz und Lott, den Verfassern des Gutachtens. Über beide - wie auch über Pfeiffer - hat Kurt Blaukopf informative bio-bibliographische Anmerkungen angelegt. Die Herbartianer Bonitz und Lott wurden über Franz Exners Empfehlung im Februar 1849 nach Wien berufen, Bonitz, der aus Stettin berufen wurde, war 1849 - 1867 Lehrkanzelinhaber für klassische Philologie, Mitgestalter der mit den Namen Thun, Exner, Bonitz verknüpften Neuorganisation von Gymnasium und Universität. Außerdem einer der ersten Protestanten auf einem Lehrstuhl der österreichischen Monarchie ( dazu später ausführlich). Lott dagegen, ein gebürtiger Wiener, ging zunächst den umgekehrten Weg; nach Studien bei Rembold übersiedelte er 1838 nach Göttingen und wurde Schüler der Philosophie bei Herbart selbst, zugleich studierte er Mathematik bei Gauss und Chemie bei Wöhler. 1848 wurde Lott zum Professor der Philosophie in Göttingen ernannt, folgte jedoch schon wenig später dem Ruf nach Wien. Durch seine 10 Jahre in Göttingen und als persönlicher Schüler Herbarts wurde Lott zum Verbindungsmann Österreichs zu den deutschen Herbartianern, und wurde auch deshalb von Exner gefördert. Ein weiterer Wunschkandidat Exners, der selbst bis 1848 Professor in Prag war, war der deutsche Herbartianer Ludwig Strümpell. Der Protestant Strümpell sollte Exners Nachfolger in Prag werden, was aber von katholischer Seite verhindert wurde. Im Gutachten von 1860 figuriert Strümpell bei den deutschen Herbartianern, und er wird uns später noch einmal begegnen.

Ich möchte an dieser Stelle den ersten Teil meiner Darlegungen abschließen und kurz zusammmenfassend bewerten. Was bisher vorgestellt wurde, ist der Text der Gutachter Bonitz und Lott, situiert durch Kurt Blaukopf im Kontext der Philosophiegeschichte des 19. Jahrhunderts namentlich der realistisch - empirischen Denkrichtung, fokussiert auf Konzept und Genese der sog. Österreichischen Philosophie am Beispiel von Robert Zimmermann.

Neben diesem denkgeschichtlichen Gesichtspunkt gibt es aber noch einen zweiten, der Kurt Blaukopf gleich wichtig war, den er selbst aber leider nur mehr ansatzweise ausgearbeitet hat. Dieser zweite Gesichtspunkt, der im Manifest transparent ist, ist jener der Konfessionen, des Glaubensbekenntnisses. Denn ausdrücklich heißt es, nachdem die Kommission ihr Votum für Zimmermann und Volkmann abgegeben hat: "Gewiß gibt es noch andere und bedeutende Philosophen, die in dieser Richtung (des Realismus) wirken. Wenn wir dieselben nicht hervorheben, so geschieht es, weil sie alle Protestanten sind". Und dann ein Schlüsselsatz für das damalige Verhältnis von Universität, Staat und Kirche: "Wir enthalten uns aber gegenwärtig derartiger Vorschläge, indem die Maximen unserer hohen Regierung diesfalls noch einer definitiven Feststellung entgegen sehen". Auf diesen Satz komme ich dann gleich zurück. Im Gutachten folgt der bereits oben referierte Bericht über die Philosophen in Deutschland, Herbartianer und andere. Der Bericht schließt mit dem Satz: "dies alles wäre anzuführen ganz überflüssig, da diese Männer und ihre Anhänger eben keine Katholiken sind". Von den Katholiken erwähnt das Gutachten außer Zimmermann und Volkmann noch Anton Günther und seine Schule. Dieser ist aber untragbar, aufgrund "der nach vieljährigem Prozesse erflossenen Verurteilung, welche Rom über dieses System in all seinen Teilen feierlich aussprach". Die Werke Günthers, der zum Hofbauerkreis gehörte, wurden 1857 auf den Index gesetzt.

Ich komme jetzt auf den zuvor zitierten Satz im Manifest zurück, demzufolge die Kommission damals darauf verzichtete, Protestanten für Lehrstühle vorzuschlagen, solange von der Regierung keine definitiven Richtlinien erlassen wurden. In diesem Zusammenhang schreibt Blaukopf in seinem leider Fragment gebliebenen Kommentar zum Manifest: "Es war ein politisch-religionsgeschichtlich kritischer Zeitpunkt. Das 1855 geschlossene Konkordat war von 1860 an latenten Gegenangriffen ausgesetzt. Diese mündeten ab 1860 in den mit voller Gewalt einsetzenden "Kampf um die konfessionellen Gesetze im Herren- und Abgeordnetenhaus' (Weinzierl)". Und genau in diese kritische Phase, die seit dem Ende des Neoabsolutismus von August 1859 bis März 1860 ihrem Höhepunkt zusteuerte, fiel das Manifest, datiert Anfang Juni 1860. Die staatsrechtlichen Entwicklungen der Jahre 1860-61,schlagwortartig Oktoberdiplom - Februarverfassung, besiegelten den Untergang der Bach'schen Ära als Resultat der verlorenen Kriege Österreichs gegen Frankreich und Sardinien; sie schwächten auch das Konkordat. Eine Etappe auf dem Weg dieser Bekämpfung des Konkordats, und für unsere Chronologie und Kontext naturgemäß entscheidend, ist das Protestantenpatent, in Kraft gesetzt am 8. April 1861, wodurch die evangelischen Staatsbürger im Prinzip volle Gleichstellung erlangten. Damit hatten wohl die im Gutachten genannten Maximen der Regierung eine definitive Feststellung erfahren.

Und doch ist das Konkordat und überhaupt die staatliche Religionsgesetzgebung nur eine der wirksamen Komponenten in der Ausprägung der oft so problematischen intellektuellen Atmosphäre jener Jahre. Natürlich warf das Konkordat seine Schatten voraus, als Kardinal Rauscher im Juni 1853 die Verhandlungen mit dem Hl. Stuhl begann und am 18. Aug. 1855 zum Abschluß brachte; hatte doch schon der Kaiser mit seinen Silvesterpatenten Ende 1851 die (oktroyierte) Märzverfassung 1849 wieder außer Kraft gesetzt, und damit den Neoabsolutismus vorbereitet. Wenn die Märzverfassung 1849 auch nie wirklich im Rechtsleben zum Tragen kam, besaß sie doch hohe moralische Autorität bei Liberalen und Intellektuellen, sprach sie doch den Grundsatz aus: "Der Genuss der bürgerlichen und politischen Rechte ist von dem Glaubensbekenntnisse unabhängig". Und diese "Aura" strahlte noch aus, diese Atmosphäre lebte noch fort in den Jahren unmittelbar nach 1849. Auch hatte sich der deutsche katholische Publizist und Strafrechtler Karl Ernst Jarcke, Mitglied der Görres-Gesellschaft und enger Vertrauter resp. Berater des Unterrichtsministers Leo Thun-Hohenstein, unmittelbar nach dessen Bestellung zum Minister am 28.7.1849 in einem Memorandum für die Anerkennung der wissenschaftlichen Verdienste der Protestanten ausgesprochen. "Auch protestantische, wissenschaftliche Notabilitäten (sollen) verdiente Ehre und Anerkennung empfangen. Nur dürfte das Herbeiziehen protestantischer Lehrkräfte an österreichischen Universitäten wenigstens nicht als Regel zu empfehlen sein".

Trotzdem es somit die Grundmaxime der Thun'schen Berufungspolitik bis zu seiner Demission am 20.Oktober 1860 blieb, grundsätzlich nur Katholiken zu berufen, kam es doch zur Bestellung etlicher Protestanten (und NB. auch Liberaler). So wurde der Protestant Bonitz zum Professor der klassischen Philologie ernannt; der den Liberalen nahestehende Lott, übrigens Schwiegervater des überzeugten Liberalen Rudolf von Eitelberger, zum Professor der Philosophie. Beide am 6.2.1849; streng genommen also noch vor Beginn von Thuns Administration, unter Exners Ägide. Dies trifft auch zu auf Johann Kollár, der im März des Jahres zum ersten Professor der slawischen Altertumskunde bestellt wurde. Er war nicht nur Protestant, sondern sogar evangelischer Prediger. Im Oktober 1851 wurde der Protestant Karl August Hahn Nachfolger des Theodor Georg von Karajan, der allerdings aus konfessionellen Gründen im Zusammenhang mit der Affäre Bonitz (davon später) resigniert hatte. Ein Jahr später, Herbst 1852, erhielt Eitelberger den ersten Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Wiener Universität. Aber auch in den Jahren 1855-57, als das Konkordat gerade erst in Kraft getreten war und am Höhepunkt seines Einflusses stand, wurden zumindest vier Protestanten berufen, von denen zwei auch politisch suspekt erscheinen mußten. 1855 der Staatswissenschaftler Lorenz Stein, im gleichen Jahr der Altphilologe Ludwig Lange (nach Prag). 1856/57 Theodor Sickel an das zwei Jahre zuvor gegründete Institut für Geschichtsforschung, 1857 der bekannte Geologe Eduard Suess. Diese Berufungen blieben freilich nur Ausnahmefälle. Dem stand das Festhalten am stiftungsgemäß katholischen Charakter der Universitäten, besonders in Wien und Prag, entgegen. Auch durch Thun selbst, der sich aber dennoch der Märzverfassung 1849 verpflichtet fühlte. Darum blieb die Umsetzung des provisorischen Gesetzes über die Organisation der akademischen Behörden von 1849 auch stecken, verschärft durch den reaktionären Zeitgeist der fünfziger Jahre. Die beiden wesentlichen Stolpersteine zum Abschluß der Reform waren dabei die Aufrechterhaltung der Stellung der Doktorenkollegien neben den Professorenkollegien, sowie die Bewahrung des konfessionellen, d.h. stiftungsgemäß katholischen Charakters der Universitäten Wien und Prag, durch die Konservativen.
Der kirchliche Charakter der Wiener Universität zeigte sich besonders schön an dem Kanzleramt, das traditionell der Domprobst von St. Stephan als Vertreter des Erzbischofs bekleidete (bis 1873). Zugleich verhinderte dieser Charakter einer geistlichen Korporation, daß akademische Ehrenstellen und Würden, wie das Amt des Rektors oder Dekans, und damit der Eintritt in das Universitätskonsistorium, an Nichtkatholiken gelangen konnte. Prominentes Beispiel Hermann Bonitz, dessen Wahl zum Dekan der philosophischen Fakultät im Sommer 1851 von Minister Thun aufgehoben werden mußte, da die Universität effektiv "nicht aus dem kirchlichen Verbande gelöst worden sei", wie das theologische Professorenkollegium formaljuristisch korrekt einwandte.

Ehe ich noch einmal abschließend auf die Philosophie zurückkomme, ein Blick auf die staats- und verfassungsrechtliche Entwicklung nach dem Ende des Neoabsolutismus. Die Februarverfassung 1861 (die allerdings nicht für Ungarn galt) und das Protestantenpatent im April desselben Jahres befriedigte die liberalen Wünsche nur zum Teil, doch war damit eine unumkehrbare Entwicklung eingeleitet. Die Stagnation, die 1864 -1865 aber doch wieder eintrat, wurde 1866 durch die Niederlage gegen Preussen und Italien durchbrochen. Deren Folgen waren bekanntlich der Ausgleich mit Ungarn, die Dezemberverfassung 1867 und die schrittweise Aufhebung des Konkordats von 1855. 1868 bringt den Beginn der liberalen Ära für Österreich; in der Maigesetzgebung 1868 werden die Schul- und Eheregelungen nach dem Konkordat zugunsten des Staates abgeändert; der Staat übernimmt die oberste Leitung und Aufsicht über das gesamte Unterrichts- und Erziehungswesen; ein Gesetz über die interkonfessionellen Verhältnisse (dabei auch Kirchenaustritt) wird erlassen.

Der große Streit um die Neuordnung des Verhältnisses von Kirche und Staat, der in den sechziger und siebziger Jahren das politische Leben Österreichs bestimmte, überlagerte naturgemäß auch den Kampf um die Erneuerung der Universitätsverfassung. Die Universitäten wurden zu Nebenschauplätzen im österreichischen Kulturkampf. Einen Höhepunkt des Kampfes um die Universitäten brachte das Jubiläumsjahr der Wiener Universität 1865. Im Jänner überreichten 58 Universitätsprofessoren von insgesamt 91 Minister Schmerling eine Adresse mit der Forderung nach Entkonfessionalisierung der Wiener Universität.Ihr ausschließlich katholischer Charakter wird als nicht mehr zurecht bestehend erklärt, weiters wird die Ausschaltung der Doktorenkollegien aus dem Verbande der Universität verlangt, sie galten nicht zuletzt als Hort der katholischen Reaktion. Wegen der Konflikte und Streitigkeiten zwischen Professoren- und Doktorenkollegien blieben viele Professoren der Jubiläumsfeier Anfang August 1865 überhaupt fern. Nicht unterschrieben hatten die genannte Adresse die 11 Theologen, 11 der Juristen, 7 Mediziner und 4 Professoren der philosophischen Fakultät. Auf der anderen Seite scheiterte noch der Versuch, die evangelisch-theologische Fakultät in die Universität zu integrieren. Die endgültige Ordnung der Universitätsverfassung anstelle des seit 30.9.1849 bestehenden provisorischen Gesetzes über die Organisation der akademischen Behörden wurde erst 1873 durch den liberalen Unterrichtsminister Stremayr verwirklicht. Das neue Gesetz fußte zwar weitgehend auf dem Thun'schen Provisorium, doch wurde nunmehr die volle Entkonfessionalisierung der Universitäten verankert; die Fähigkeit, zu akademischen Ehrenstellen und Würden gewählt zu werden(wie Rektor, Dekan) als unabhängig vom Glaubensbekenntnis festgelegt. Zugleich verloren die in Wien und Prag bestehenden Doktorenkollegien ihre Befugnisse in den Fakultäten und schieden aus der Universität aus, bestanden aber als selbständige berufsständische Korporationen weiter. Das bereits durch die Maigesetze 1868 inhaltlich weitgehend abgeänderte Konkordat fiel gleichfalls dem Umschwung Anfang der 70er Jahre zum Opfer. Zum Anlaß wurde die Unfehlbarkeitserklärung des Papstes durch das 1. Vatikanische Konzil am 18.7.1870, die auch gegen den Willen und in Abwesenheit des österreichischen und ungarischen Episkopats beschlossen wurde. Daraufhin ließ der liberale Kultusminister Stremayr im August d. J. das Konkordat für unwirksam erklären, da sich das Verhältnis der Vertragspartner dadurch verändert habe, indem einer derselben durch die Erklärung der Unfehlbarkeit ein anderer geworden sei. Formell wurde das Konkordat 1874 aufgehoben und durch ein einseitig vom Staat erlassenes Gesetz (Katholikengesetz) ersetzt. Zugleich wurden mit dem sog. Anerkennungsgesetz die Altkatholiken, die die Ablehnung der päpstlichen Unfehlbarkeit mit den Liberalen verband, als Religionsgesellschaft zugelassen.

In einem Epilog möchte ich noch einmal kurz auf die Philosophie zurückkommen. Mit der Berufung Zimmermanns 1861 war die erste personale Krise der Philosophie in Wien behoben. So blieb es mehr als 10 Jahre lang. 1872 aber trat Lott in den Ruhestand. Damit war wieder einer der beiden Lehrstühle vakant. Eine Kommision wurde gebildet, bestehend aus Zimmermann, Scherer und dem Slawisten Miklosich. Auf ihren Bericht schlug das Professorenkollegium am 27.3. 1872 als Dreiervorschlag die beiden deutschen Herbartianer Julius Baumann (Göttingen) und Ludwig Strümpell (Leipzig) vor, sowie Dilthey (Breslau). Strümpell galt als Favorit, außerdem wurde noch W. Wundt (Heidelberg) ins Spiel gebracht, in der Absicht, die naturwissenschaftliche Richtung in der Philosophie in Wien auszubauen. Es kam zu Unstimmigkeiten und Verzögerungen. Schließlich kam wieder Strümpell in Vorschlag. Sein hoher Stellenwert mag sich dadurch erklären, daß er seit fast einem Vierteljahrhundert zu Österreich in einem engen Bezug stand. Exner wollte ihn schon 1848 als seinen Nachfolger in Prag, scheiterte aber am Widerspruch der Kirche, da Strümpell, der bei Herbart noch in Königsberg studiert hatte, Protestant war. Und Eitelberger, der Begründer der Wiener Kunstgeschichte, aber auch selbst ein begabter Philosoph, hat Strümpells "Geschichte der griechischen Philosophie" (1854) in seinem Schreiben vom 26.11.1854 keinem Geringeren als dem Unterrichtsminister Graf Leo Thun auf dessen Anfrage zur Orientierung über den Stand der Forschung auf dem Gebiet der Geschichte der Philosophie empfohlen. Eitelberger verband damit den Hinweis, daß Strümpell Anhänger der Philosophie Herbarts sei, die anders als jene Hegels "trotz ihrer mehr als 30-jährigen Wirksamkeit nirgend mit den bestehenden Konfessionen oder politischen Staatsordnungen in Konflikt gekommen sei."

Aber auch 1872/73 kam es nicht zur Berufung Strümpells, der sich statt für Wien für Leipzig entschieden hatte. Als auch Volkmann, der 1860 gegen Zimmermann unterlegen war, ablehnte und weiter in Prag blieb, wurde das Problem der zweiten Professur immer akuter. Zuletzt durchbrach man den engeren Kreis der Herbart'schen Schule und entschied sich auf Empfehlung Lotzes, der als überragende philosophische Kapazität im deutschen Sprachraum galt, für den damals 35-jährigen Franz Brentano. Dieser, seit 1866 habilitiert, 1872 a.o. Professor in Würzburg, dann dort resigniert wurde am 14.1.1874 vom Kaiser auf Vorschlag Stremayrs zum ord. Professor der Philosophie ernannt. Die zweite Besetzungskrise der Philosophie an der Universität Wien war so in glücklicher Weise gelöst worden, zumindest für die folgenden sechs Jahre. Zugleich war ein neues Kapitel der bzw. auf dem Wege zur österreichischen Philosophie aufgeschlagen.