Das Architekten- und Designerehepaar Jacques und Jacqueline Groag
Der Holocaust bedeutete nicht nur die physische Vernichtung der Juden, sondern war auch der Versuch der Auslöschung all dessen was seitens jüdischer Künstler und Intellektueller geschaffen wurde. Symptomatisch steht hier der Fall Jacques Groag, der in der Zwischenkriegszeit ein durchaus bekannter Wiener Architekt war und heute völlig vergessen ist. Neben seiner Zusammenarbeit mit Adolf Loos und Ludwig Wittgenstein, war Groag insbesondere auch als Architekt für die Wiener Prominenz tätig. Von den Nationalsozialisten in die Emigration getrieben, gelang es ihm in England nur mühsam eine neue Existenz aufzubauen. Wie häufig bei Emigrantenehepaaren war es seine Frau, die viel besser mit den neuen Gegebenheiten zurecht kam. Jacqueline Groag, eine Schülerin von Josef Hoffmann und Franz Cizek, war in der Zwischenkriegszeit als Textildesignerin für die Wiener Werkstätte tätig; sie schaffte es, mit ihren Stoff- und Tapetenentwürfen zu einer der erfolgreichsten Designerinnen der Nachkriegszeit in England zu werden.
Dr. Ursula Prokop, die Autorin des im Böhlau Verlages erschienenen Buches, stellt ihre Arbeit im Rahmen eines Vortrages vor und lädt zu einer anschließenden Diskussion ein.
Montag, 20. März 2006, 18.30 Uhr
Vortrag
Helena Lanzer-Sillen. "Ein Flüchtlingskind, das Schwedin wurde"
Helena Lanzer-Sillen, geboren 1931, erlebte als Kind Verfolgung, Flucht und Exil. Zusammen mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester und ihrer Mutter, Dr. Wanda Lanzer (ehemalige AK-Wien-Bibliothekarin und Gründerin der Arbeitermittelschule), konnte sie sich Dank der Hilfe des schwedischen Sozialdemokraten Rickard Sandler im Frühjahr 1939 nach Schweden retten. Kurz darauf folgte ihnen auch die Großmutter, die Sozialwissenschaftlerin Dr. Helene Bauer, aus Paris nach.
Nach einleitenden Worten von Dr. Ilse Korotin und unter der Moderation von Karl Peter Lhotzky berichtet Helena Lanzer-Sillen anlässlich ihres Besuches in Wien über ihre Kindheit in Schweden, über die alltägliche Bewältigung der Integration, aber auch über ihre Erinnerungen an weitere geflüchtete oder vertriebene SozialdemokratInnen und deren Familien.
Dienstag, 16. Mai 2006, 18.30 Uhr
Tagung
Österreichische Bibliothekarinnen auf der Flucht - Verfolgt, verdrängt, vergessen?
Konzept und Organisation: Dr. Ilse Korotin
/ Mag. Barbara Kintaert
In Kooperation von AG biografiA - Datenbank
und Lexikon österreichischer Frauen und frida - Verein zur Förderung
und Vernetzung frauenspezifischer Informations- und Dokumentationseinrichtungen
in Österreich
Die Tagung beschäftigt sich mit Frauen,
die in einer Phase ihres Lebens als Bibliothekarinnen beschäftigt
waren und aus unterschiedlichen Gründen ausgegrenzt, verfolgt, ins
Exil getrieben und im schlimms-ten Fall ermordet wurden. Ziel der Veranstaltung
ist es, die heute der Öffentlichkeit zum Teil unbekannten Frauen und
deren Wirkungsvielfalt zu betrachten und so wieder ins Bewusstsein zurückzuholen.
Schwerpunktmäßig wird das Leben und Wirken der wissenschaftlichen
Bibliothekarinnen, der Frauen, die in Arbeiterbibliotheken und den jeweiligen
Nachfolgeinstitutionen tätig waren und jener die im staatlichen Bereich
arbeiteten, diskutiert. Zentral behandelt werden dabei die Schicksale der
politisch / rassisch verfolgten und ins Exil getriebenen Frauen. Bei jenen
Exilantinnen, die erst in einem fremden Land diesen Beruf ergriffen, wird
nach deren Motiven und Schwierigkeiten gefragt.
Das Selbstverständnis der in Bibliotheken
tätigen Frauen, aber auch die Tatsache, dass dieser Berufszweig sehr
oft als Zwischenlösung oder - von Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen
- zur Sicherung des Lebensunterhaltes gewählt wurde, wird in die Diskussion
mit den Zeitzeuginnen Eingang finden.
Die Referentinnen stammen aus unterschiedlichen
Bereichen des Dokumentations- und Bibliothekswesens.
Freitag, 19. Mai 2006, 10.00 - 17.00 Uhr:
Mag. Dr. Susanne Blumesberger (Wien):
Bibliothekarinnen im Exil. Beruf oder
Berufung?
Mag. Barbara Kintaert (Wien):
Vertrieben und vergessen - Bibliothekarinnen
in der Arbeiter- und Kinderfreundebewegung
Dr. Ilse Korotin (Wien):
"... vorbehaltlich eines jederzeit zulässigen
Widerrufes genehmigt."
Ausgrenzung und Verfolgung jüdischer
Wissenschaftlerinnen und Bibliothekarinnen am Beispiel von Amalia Rosenblüth,
Marianne Schmidl und anderen
Renate Obadalek (Wien):
Frauen im Arbeiter- und Volksbüchereisystem
- Ehre, Leidenschaft und Verfolgung
Dr. Edith Stumpf-Fischer (Wien):
Wie überlebt man "finstere Zeiten"?
Fünf Bibliothekarinnen, fünf Antworten
Abschließend findet eine Diskussion
mit folgenden Zeitzeuginnen statt:
Prof. Renate Jeschaunig (Wien), Helena
Lanzer-Sillen (Stockholm), Regierungsrätin Maria Razumovsky (Wien)
"Eine Brücke über
den Riss der Zeit ..."
Das Leben und Wirken
der Journalistin und Schriftstellerin Hertha Pauli
Konzept und Organisation: Mag. Dr. Susanne
Blumesberger / Univ. Doz. Mag. Dr. Ernst Seibert
In Kooperation mit der Österreichischen
Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung (ÖG-KJLF)
Die "Freundin bedeutender Männer",
wie sie oft bezeichnet wurde, begann schon als Achtjährige Gedichte
und Erzählungen zu schreiben. Sie nahm bei Hedwig Bleibtreu Schauspielunterricht
und erhielt 1925 ihr erstes Engagement am Breslauer Lobe-Theater. 1927
wurde sie von Max Reinhardt nach Berlin geholt, veröffentlichte nebenbei
unter anderem im "Simplicissimus" und in der Prager "Bohemia". 1933 kehrte
sie nach Wien zurück und betrieb mit Karl Frucht die "Österreichische
Korrespondenz", eine literarische Agentur. 1936 erschien ihr erster Roman
"Toni"; ihr zweiter Roman, der sich Bertha von Suttner widmete, wurde am
8. März 1938 in Deutschland auf die "Liste des schädlichen und
unerwünschten Schrifttums" gesetzt. Als sie daraus im Wiener Rundfunk
eine Lesung hielt, wurden Stinkbomben in den Senderaum geworfen. 1938 floh
sie über die Schweiz nach Paris, führte ihre literarische Agentur
weiter und verfasste antifaschistische Texte, die - in harmlose, weit verbreitete
Bücher eingebunden - nach Deutschland geschmuggelt wurden. 1940 ging
sie nach Marseille und trug mit ihrer Unterschrift zur Gründung des
Emergency Rescue Committees bei. Ihre Flucht nach New Jersey schilderte
sie in Fortsetzungen im "Aufbau". Sie konnte daraufhin ihre Kontakte zu
Kolleginnen und Kollegen erneuern und erhielt viele Aufträge. 1941
ging sie nach Hollywood und war als Sekretärin von Walter Mehring
für die Filmgesellschaft MGM tätig. Ab 1942 lebte sie wieder
in New York. 1952 kam sie erstmals wieder nach Wien und von da an besuchte
sie ihre Heimatstadt einmal im Jahr. Sie unternahm zahlreiche Europareisen,
hielt Lesungen und Vorträge und verfasste Biografien und Kinderbücher.
Ihr besser bekannter Bruder, der Physiker Wolfgang Pauli (1900-1958) erhielt
1945 den Nobelpreis.
Die Tagung soll nicht nur das facettenreiche
Leben einer in mehreren Berufen erfolgreichen Frau behandeln, sondern vor
allem den Aspekt der weiblichen Emigration herausgreifen. Ein wichtiger
Punkt wird auch das "literarische Netz", das sie sich geschaffen hat, sein.
Freitag, 9. Juni 2006:
10.00 Uhr - 10.30 Uhr
Mag. Dr. Susanne Blumesberger (Wien):
Begegnungen - Freundschaften - Abschiede.
Literarische Vernetzungen im Leben Hertha
Paulis
10.30 Uhr - 11.00 Uhr:
Dr. Ilse Korotin (Wien):
Hertha Pauli als Biografin
11.00 Uhr - 11.15 Uhr : Pause
11.15 Uhr - 11.45 Uhr:
Mag. Rahel Rosa Neubauer (Wien):
"Silent Night" and "Christmas Tree".
Der Beginn von Hertha Paulis Karriere
als Kinder- und Jugendschriftstellerin in den Vierzigerjahren
11.45 Uhr - 12.15 Uhr:
Univ. Ass. Mag. Dr. Petra Herczeg (Wien):
Hertha Pauli als Journalistin
12.15 Uhr - 14.00 Uhr: Mittagspause
14.00 Uhr - 14.30 Uhr:
Mag. Sonja Niederacher (Wien):
Hertha Pauli in der Emigration
14.30 Uhr - 15.00 Uhr:
Univ. Doz. Mag. Dr. Ernst Seibert (Wien):
Hertha Pauli und ihr Roman "Jugend nachher"
(1959)
Buchpräsentation
"Luftfrauen". Der Mythos einer jüdischen Frauenidentität
Der 1849 in Budapest geborene und zu seiner Zeit sehr bekannte Schriftsteller und Journalist Max Simon Nordau prägte den Begriff des "Luftmenschen". Als Luftmenschen wurden von ihm jüdische Menschen bezeichnet, die - mit unterschiedlichen Talenten ausgestattet - ohne eine wirkliche geografische und intellektuelle Heimat zu finden von den Stürmen ihres Schicksals von einer Örtlichkeit zur anderen getrieben wurden. Dieses Phänomen einer latenten "Wurzellosigkeit" scheint der Autorin der einzige gemeinsame Nenner zu sein, den sie bei ihrer "Spurensuche" nach einer jüdischen Frauenidentität finden konnte.
Charlotte Kohn interviewte jüdische Frauen, die vor und nach dem Holocaust geboren wurden, wobei sie auf deren unterschiedliche Identifizierungen und Lebenseinstellungen achtete. Achtzehn dieser Interviews zeigt sie uns nun als spannungsgeladene Lebensbeschreibungen. Das Leben sämtlicher Frauen, die sich ihr für ein Interview zur Verfügung stellten, hat eine gemeinsame Prägung durch die Shoa. Selbst Frauen, die rechtzeitig fliehen konnten oder erst nach 1945 geboren wurden, sind durch diesen Zivilisationsbruch traumatisiert. Die Folgeerscheinungen einer solchen extremen Ausgrenzung, der völlige Verlust jedes Menschenrechtes bis hin zur Vernichtung, sind bis heute katastrophal. "Alle meine Interviewpartnerinnen" - so Charlotte Kohn - "sind extreme Individualistinnen, hinter jeder stehen leidvolle Erfahrungen und Enttäuschungen. Manchen jüdischen Frauen ist es gelungen - ohne große Lebenslügen - ihren Platz in der Welt zu finden. Viele von ihnen sind "Luftfrauen" geworden, sie befinden sich noch auf der Suche nach einer geistigen und geographischen Heimat."
Nach einleitenden Worten von Dr. Ilse Korotin, der Herausgeberin der Reihe "biografiA. Neue Ergebnisse der Frauenbiografieforschung" (Praesens Verlag Wien), in deren Rahmen als Band 2 das Buch von Charlotte Kohn erschienen ist, stellt die Autorin ihre Arbeit vor und lädt zu einer anschließenden Disussion ein.
Dienstag, 13. Juni 2006, 18.30 Uhr
Version: 1. Juni 2006
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