IWK-Mitteilungen:
Jahrgänge 2010 - 2006
2010
Heft
1-2 (2010): DIE
SIMULATION KOMPLEXER SYSTEME - Forschen in der Von-Neumann-Galaxie
Noch 1996 konnte Stephan
Hartmann vom „Beginn der
Simulations-Ära“ sprechen. Heute, vierzehn Jahre später, scheinen wir
einigermaßen weit in diese Ära vorgedrungen. Computer-gestützte
Simulationen
sind zu allgegenwärtigen Test-, Analyse-, Kontroll-, Lern- und
Unterhaltungsinstrumenten
geworden. In den Wissenschaften werden sie mittlerweile in nahezu allen
wissenschaftlichen Disziplinen verwendet. In vielen Fächern sind sie
sowohl aus
der Forschung, wie auch immer mehr aus der Lehre kaum wegzudenken. Ihr
Einsatzgebiet reicht von den technischen Fächern über die Physik, die
Biologie,
die Medizin, die Ökonomie, die Sozialwissenschaften bis hin zu so
(scheinbar)
Technik-fernen Disziplinen wie der Kunstwissenschaft, der
Geschichtsforschung
oder der Philosophie. Die Beiträge in diesem Heft vermitteln einen
Eindruck von
der Bandbreite ihres Einsatzgebietes vor allem in
sozialwissenschaftlichen und
philosophischen Fächern.
Die Anwendungsbereiche und
Vorteile der
Computer-gestützten Simulation lassen sich heute kaum noch erschöpfend
aufzählen. Neben ihrem nicht zu verachtenden Unterhaltungseffekt und
ihrer ebenfalls
kaum hoch genug einzuschätzenden didaktischen und pädagogischen
Wirkung,
punktet sie in den Wissenschaften vor allem da, wo es um die
analytische
Erfassung von Dynamiken geht, die in ihrem Zusammenwirken Komplexität
generieren. Von einer Simulation komplexer Systeme zu sprechen, kommt
in diesem
Zusammenhang allerdings beinahe einem Pleonasmus gleich, gehört es doch
zum
Wesensmerkmal komplexer Systeme, vielen
herkömmlichen wissenschaftlichen Methoden – allem voran der Intuition –
unzugänglich zu bleiben (für ein Beispiel
solcher kontra-intuitiver Effekte vgl. etwa Abb. 1 und 2). Dass sich
soziale Kooperation etwa in der
Aggregation vieler eigennütziger Akteure stabilisiert, scheint auf den
ersten
Blick nicht nahe zu liegen (vgl. dazu den Beitrag von Wolfgang Radax
und
Bernhard Rengs in diesem Heft). Und auch wenn sich das Zusammenwirken
einiger
weniger Dynamiken – etwa nach dem Vorbild von Räuber-Beute-Beziehungen
– noch
mittels mathematisch-analytischer und im Anschluss daran graphischer
Methoden
(siehe IWK-Themenheft „Tabellen – Kurven – Piktogramme. Techniken der
Visualisierung in den Sozialwissenschaften“, Nr. 1-2/2009) untersuchen
lässt,
so stößt die Methode spätestens bei Aggregationen, wie sie für
sozialwissenschaftliche, mehr noch für physikalische Settings typisch
sind,
schnell an ihre Grenzen. Vielen gewöhnlichen
Differenzial-gleichungssystemen (ODEs) und fast allen partiellen
Differenzialgleichungen
(PDEs) bleibt ein analytischer Lösungsweg
versagt. Solche Zusammenwirkungen erschließen sich nur mehr iterativ.
Hier
punktet die Computersimulation.
Freilich birgt die Simulation
auch Risiken, die
insbesondere in den Sozialwissenschaften bedacht werden wollen. Die
Möglichkeit, mittlerweile auch sehr viele Parameter in Verbindung zu
setzen und
damit der Vorstellung zu erliegen, einer Abbildung der „Wirklichkeit“
nahezukommen, verleitet dazu, die Simulation, mehr als ihr gut tut, zur
Prognose heran zu ziehen. Schon die
ersten größeren „Erfolge“ dieser Methode in den 1970er Jahren erlagen
dieser Gefahr.
In der berühmten Studie The Limits to
Growth (Meadows et al. 1972) etwa aus dem Jahr 1972 wurden erstmals
Computer eingesetzt, um ökonomische und ökologische Entwicklungen im
globalen
Maßstab zu prognostizieren, nur um in Folge schnell festzustellen,
welch
komplexes Phänomen die Vorhersage selbst ist. Ähnlich ambitioniert
wurde in
Chile zu Zeiten Allendes versucht, die gesamte Wirtschaft des Landes
einem
Computersystem namens Cybersyn
anzuvertrauen (Medina 2006). Und auch dieses Vorhaben scheiterte
kläglich an
seiner Komplexität. Zwar wird nach wie vor diskutiert, inwiefern die
schwache
empirische Basis, die politischen Gegebenheiten oder auch die mangelnde
Leistungsfähigkeit
damaliger Rechner am Scheitern dieser und ähnlicher Projekte schuld
waren. Die
grundsätzliche Problematik der Vorhersagbarkeit bleibt aber bestehen.
Zum einen
sitzen Prognosen, sofern sie nicht-lineare Dynamiken betreffen – wie
spätestens
seit dem Lorenz’schen Schmetterlingseffekt bekannt ist (Lorenz 1963) –
der
Schwierigkeit auf, kaum jemals hinreichend exakte Ausgangsdaten zur
Verfügung
zu haben. Selbst vernachlässigbar scheinende Datenunterschiede zeigen
höchst unterschiedliche
Wirkungen. Das „deterministische Chaos“ widersetzt sich jedem Versuch,
es zu
fassen.
Zum zweiten erliegt die
Prognose in der Regel auch einer
für komplexe Systeme typischen Selbstbezüglichkeit. Je erfolgreicher
die
Simulation nämlich eine Entwicklung vorhersagt – gedacht sei etwa an
Börsenwerte oder Wechselkurse –, umso attraktiver wird es, sie zu
verwenden und
entsprechende Transaktionen daran zu orientieren. Genau dies unterspült
den
Erfolg der Prognose. Börsenwerte verhalten sich, wenn sie massenhaft
vorhergesagt werden, garantiert anders als
prognostiziert.
Für Prognosen wäre die
Simulation also mit Bedacht
zu verwenden. Dass sie in Maßen trotzdem durchaus erfolgreich sein
kann, zeigt
der tägliche Wetterbericht. Und natürlich liegt es nahe, Simulationen
in begrenztem
Rahmen auch zur Untersuchung etwa des Verhaltens von Systemen zu
verwenden, in
die in einer Weise eingegriffen wird, wie sie die Realität kaum
erlaubt,
beziehungsweise nicht ohne gravierende Beeinträchtigungen übersteht.
Ökologische
Zusammenhänge etwa vorab auf die Folgen massiver Eingriffe – dem Bau
einer
Autobahn, das Aussetzen Gen-manipulierter Pflanzen etc. – hin zu
überprüfen,
kann keinesfalls schaden. Genauso wie es Sinn macht, Stadtentwicklungen
in
Bezug auf Verkehrsaufkommen, Gen-trifikation, Größenwachstum etc. zu
planen.
Oder auch zu versuchen, den Möglichkeitsraum teurer Experimente – etwa
in der
Teilchenphysik, der Medizin, der Pharmazie – vorab mit Hilfe von
Simulationen
einzuschränken.
Ihren größten
Nutzen dürfte die Simulation freilich als Werkzeug zur
Hypothesenbildung
entfalten. Zwar liefert sie, weil niemals alle Faktoren zu erfassen
sind, keine
strengen Beweise. Wenn aber Zusammenwirkungen genau kontrollierbarer
Parameter
ein Verhalten erzeugen, dem bisher andere Ursachen zugeschrieben
wurden, so ist
dies in der Regel doch in der Lage, wissenschaftliche Suchrichtungen
erfolgreich
zu orientieren. „If you did’nt grow it,
you did’nt explain it” meinte Joshua Epstein (2007: xii) diesbezüglich
zur
Erklärungskraft von Simulationen. Zumindest wissen Simulanten
gewöhnlich,
welche Aspekte eines Zusammenhangs in ihrem Modell (noch) nicht
berücksichtigt wurden. Und schon dies liefert nicht selten
den entscheidenden Mehrwert.
Das vorliegende Heft
versammelt die Beiträge einer
seit dem Wintersemester 2009 am Wiener Institut
für Wissenschaft und Kunst durchgeführten Vortragsreihe mit
unterschiedlichen
disziplinären und inhaltlichen Ansätzen. Die Palette reicht von der
Analyse der
Simulationsspezifika spieltheoretischer Interaktionen im
Demographischen Gefangenendilemma
(Wolfgang Radax und Bernhard Rengs) über den Entwurf eines
Gentrifikationsmodells,
das die selbst-organisierte Kritizität entsprechender Entwicklungen zu
fassen
sucht (Roman Seidl), einem Projekt zur Integration unterschiedlicher
Modellierungsparadigmen (Ernst Gebetsroither), einen
systemtheoretisch-orientierten Befund zum epistemologischen Status von
Simulationen
unter
weltgesellschaftlichen Bedingungen (Volker Hafner), einer
marxistisch-inspirierten Deutung von Computersimulationen als
„Widerspiegelungen“ einer externen „Realität“ (Peter Fleissner) bis hin
zum
Versuch, die Stimmigkeit von Widerspiegelungstheorien mithilfe eines
simulierten Kommunikationsprozesses zu hinterfragen (Manfred Füllsack).
Literatur:
Epstein,
Joshua M. (2007): Generative Social Science: Studies in Agent-Based
Computational Modeling (Princeton Studies of Complexity). Princeton
University Press,
Princeton, NJ.
Füllsack, Manfred (2011):
Gleichzeitige Ungleichzeitigkeiten. Eine Einführung in die
Komplexitätsforschung. Wiesbaden. VS-Verlag.
Hartmann,
Stephan (1996): The
World as a Process: Simulations in the Natural and Social Sciences; in:
Hegselmann, Rainer et.al. (eds.), Simulation
and Modelling in the Social Sciences from the Philosophy of Science
Point of
View. Theory and Decision Library. Kluwer: Dordrecht 1996, pp. 77-100.
Lorenz,
Edward N. (1963): Deterministic Nonperiodic Flow; in: Journal of the
Atmospheric Sciences. vol. 20, No. 2, pp. 130–141.
Meadows , Dennis L. / Meadows,
Donella H. /
Randers, Jørgen / Behrens, William W. III (1972):
The Limits to Growth.
Universe Books.
Medina, Eden
(2006): Designing Freedom, Regulating a Nation: Socialist Cybernetics
in
Allende’s Chile; in: Journal for Latin American Studies 38, p. 571–606.
Manfred
Füllsack
Vorwort
Wolfgang
Radax, Bernhard Rengs
Anwendung
von Multiagentensimulationen in der Kooperationstheorie
Roman
Seidl
Segregation
als Self-Organized-Criticality:
ein toleranzbasiertes Nachfragemodell für Gentrification
Ernst
Gebetsroither
Die
Kombination von multi-agentenbasierter Modellierung
mit System Dynamics
Volker
Hafner
Sinnverlust
durch Komplexitätsreduktion:
Die Auswirkungen des technischen Fortschritts
auf das Technokratie-Tabu in Politik und Recht
Peter
Karl Fleissner
Mathematische
Modellierung und Computersimulation als Widerspiegelungsprozesse
Manfred
Füllsack
Die
Arbitrarität der Zeichen. Oder: Was widerspiegelt
ein Glider?
Simulationen
und die Unterscheidung
von beobachtetem und Eigen-Verhalten komplexer Systeme
Zurück
zum
Seitenanfang
Heft
3-4 (2010): WIEN, BERLIN UND DIE KULTUR DER MODERNE
Die hier vorgelegten
Texte sind die schriftlichen Fassungen von Vorträgen bei der am 28.
November
2008 im Institut für Wissenschaft und Kunst veranstalteten
Arbeitstagung zum
Thema „Wien, Berlin und die Kultur der Moderne”. Die Idee zu einer
Abfolge von Tagungen
und dazugehörigen Publika-tionen, die sich mit Zusammenhängen,
Vergleichen und
Gegensätzen von zwei zentraleuropäischen Metropolen der Moderne
beschäftigen
sollten, entstand im Rahmen eines Heinrich Heine-Kolloquiums in Berlin
bei
„Helle Panke“ (einem Verein zur Förderung von Politik, Bildung und
Kultur).
Im Juni 2007 hat „Helle
Panke“ eine erste Tagung mit dem Titel „Berlin-Wien. Eine Kulturbrücke“
veranstaltet. Die Wiener Arbeitstagung beschäftigte sich in Vorträgen
und
Diskussionen mit diversen Aspekten der Auseinanderset-zungen um die
Kultur der
Moderne.
Johann
Dvořák
Vorwort
Wolfgang
Beutin
Karl Kraus
(Wien) versus
Alfred Kerr (Berlin)
Simon
Ganahl
„Ad oculos
et aures“
Massenmediale
Bezüge der Dritten Walpurgisnacht von
Karl Kraus
Ursula
Prokop
Zur
Heterogenität der Wiener Moderne am Beispiel
Adolf Loos
versus Secession
Gerhard
Wagner
Vom
Ornament zum Verbrechen
Ästhetizismus-Kritik
bei Adolf Loos und Walter Benjamin
Johann
Dvořák
Robert
Musils „Mann ohne Eigenschaften“
im Spiegel
der Briefe von Walter Benjamin, Theodor W.
Adorno
und Alban
Berg
Zurück
zum
Seitenanfang
2009
Heft
1-2 (2009): TABELLEN, KURVEN, PIKTOGRAMME
- Techniken
der Visualisierung in den Sozialwissenschaften
Die
Aufsätze dieses Hefts gehen auf eine Tagung zurück, die
unter dem Titel „Tabellen, Kurven, Piktogramme. Techniken der
Visualisierung in
den Sozialwissenschaften“ vom 1. bis zum 3. November 2007 als
Kooperation
zwischen dem Institut für Philosophie der Universität Wien und dem
„Institut
für Wissenschaft und Kunst“ stattfand. Das Konzept für die Tagung wurde
von den
HerausgeberInnen in Kooperation mit Eric Brian, Directeur d'Etudes an
der Ecole
des Hautes Etudes en Sciences Sociales in Paris, erarbeitet.
Die
Tagung widmete sich der Frage, wie die graphische Darstellung
quantitativer
Daten die Sozialwissenschaften modifiziert hat. Es ging also nicht
allein
darum, historische Methoden und Beispiele aufzulisten, sondern auch
darum, nach
der spezifischen Episteme zu fragen: Wann, mit welchen Mitteln und auf
Grund
welchen Begehrens erscheinen graphische Darstellungen in den
Sozialwissenschaften? Inwiefern hängen sie an gleichsam naturwüchsig
verwendeten
Darstellungstechniken z.B. diagrammatischer Art? Welche Art von
Abstraktion
entspringt den jeweiligen graphischen Darstellungstechniken (Liste,
Tabelle,
Kurve, Landkarte, Stereogramm, Isotype etc.?) Welche Übergänge von der
Darstellung statistischer Daten in die künstlerische Graphik sind
denkbar und
welche in die graphischen Möglichkeiten des Computers? Wie Daten
dargestellt
werden, kann keinesfalls gleichgültig sein, denn die graphische
Umsetzung birgt
ebenso emanzipative wie irreführende Potenziale. Es handelt sich dabei
eben
nicht um Mittel, die gegenüber dem Gegenstand neutral sind, womit eine
gleichsam ideologiekritische Betrachtung unabweisbar wird.
In memoriam Manfred Jochum
(1942-2009)
Elisabeth Nemeth,
Wolfgang Pircher
Einleitung
Wolfgang Pircher
Anschaulicher Kapitalismus
Über Kurven in der Ökonomischen Theorie
Gilles Palsky
Land of Light and Shadow
Baron
Dupin’s Shaded Map and its Diffusion in Moral
and Medical Statistics
Sybilla Nikolow
„We could not photograph social objects even if
we tried.“
Otto Neuraths Bildstatistik als Beobachtungs- und
Darstellungsinstrument
sozialer Fakten
Elisabeth
Nemeth
Wissenschaftliche
Haltung und Bildersprache
Otto Neurath zur Visualisierung in den Sozialwissenschaften
Hadwig
Kraeutler
„Es war nicht
üblich, Daten und ‚Botschaften‘
in Erlebnisräumen umzusetzen …“ – Zur
Aktualität von Otto Neuraths Museums- und Ausstellungsarbeit
Zurück
zum
Seitenanfang
Heft 3-4 (2009): LIEBESKONZEPTE UND
GESCHLECHTERDISKURS
Was
die Soziologie schon vor zwei Jahrzehnten festgestellt hat, nämlich
dass sich in der jüngeren Zeit mit den veränderten ökonomischen,
politischen und sozialen Verhältnissen auch die Liebesbeziehungen
radikal verändert haben, sollte schließlich auch das Interesse der
Genderforschung auf sich ziehen. Liebe ist kein Vorrecht
heterosexueller Beziehungen mehr – mit der Pluralität der
Geschlechtsidentitäten scheint auch eine Pluralität von
Liebesbeziehungen und Liebespraktiken einherzugehen. Von daher versteht
sich die Skepsis mancher Gender- und QueerforscherInnen in Bezug auf
die Liebe: Wenn die Liebe das bevorzugte Modell heterosexuellen
Begehrens gewesen war, die heterosexuelle Norm mit guten Gründen als
die bestimmende Norm jedoch ad acta gelegt werden soll, dann sollte man
vielleicht auch auf die Liebe als Gegenstand der Forschung verzichten.
Die Gefahr der Reproduktion heterosexueller Normvorstellungen durch die
Beschäftigung mit der Liebe ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Dem
ist entgegenzuhalten, dass Liebe nichts ist, was nur gewissen
Geschlechtern geschieht und anderen nicht. Wenn die Liebe kommt, dann
kommt sie in der Regel nicht nur zu einigen Auserwählten. Sie fragt
nicht nach der Geschlechtsidentität, und sie ist vielleicht eines der
wenigen Ereignisse, die den vorherrschenden Geschlechternormen auf
gewisse Weise zuvorkommen oder sie sogar kurzfristig außer Kraft
setzen, wie beispielsweise Pierre Bourdieu in seiner Studie über die
männliche Herrschaft – und hinsichtlich der „amour fou“ – gemeint hat.
Wie sehr die Liebe, und welche genau, festgefahrene Geschlechternormen
unterlaufen kann, ist sicher eine offene Frage. Unzweifelhaft scheint
hingegen, dass nicht nur heterosexuell begehrende Subjekte lieben. Wenn
man sich auf diesen Punkt einigen kann, dann ist die Liebe nicht nur
ein Thema, das die feministische Forschung und die Gender Studies
angeht, sondern auch und gerade die Queer Studies, die zeigen könnten,
wie Liebe in Zeichen queerer Beziehungsformen heute aussehen kann.
Schließlich sollte noch etwas anderes in diesem Zusammenhang das
Interesse auf diesen spezifischen Themenbereich ziehen: die
Verwechslung bzw. Vermischung von Sexualität und Liebe. Es ist
erstaunlich, dass die moderne Geschlechterforschung, beispielsweise der
poststrukturalistische Feminismus der letzten 20 Jahre, mehrheitlich
von der Sexualität denn von der Liebe gesprochen hat. Obwohl kaum ein
poststrukturalistischer Ansatz ohne den Begriff des Begehrens auskommt,
haben deren VertreterInnen doch meistens vom sexuellen Begehren und
nicht von der Liebe gesprochen. So wird man in Judith Butlers Studie
der 1990er Jahre, nämlich in Das Unbehagen der Geschlechter, kaum das
Wort „Liebe“ finden. Die Studie ist geprägt von Debatten über Sex und
Gender, über Hetero- und Homosexualität oder über Sexualität und
Geschlechternorm. Die Liebe muss man sich selbst dazudenken. Es mussten
erst einige Jahrzehnte vergehen, bis die Hauptvertreterin des
poststrukturalistischen Feminismus und der philosophischen Gender
Studies einen Artikel verfasste, der sich exklusiv mit der Liebe
beschäftigte. Doch schon der Titel „Zweifel an der Liebe“ soll darauf
hinweisen, dass es eben nicht leicht ist, über die Liebe
sprechen.
Es ist in der Tat nicht leicht, über die Liebe zu sprechen. Viele, die
beginnen, sich damit auseinanderzusetzen, werden nicht müde, auf diese
Schwierigkeit aufmerksam zu machen. Doch andererseits, warum sollte ein
so bekanntes Phänomen wie die Liebe schwerer zu fassen sein als andere
Erfahrungen von nicht minderer Wirkmacht? Ist nicht vielleicht diese
Verlegenheit oder diese Verunsicherung gerade ein Zeichen dafür, dass
die Geschlechterforschung noch einziges zu tun hat?
Gerade deshalb und weil die Geschlechterforschung im Großen und Ganzen
die Liebe stiefmütterlich behandelte, hat sich die Vortragsreihe
„Feministische Theorie und Genderforschung“ am Institut für
Wissenschaft und Kunst dieser Frage angenommen. Zwei Semester lang – im
Wintersemester 2008/09 und im Sommersemester 2009 – waren Forscherinnen
unterschiedlicher Disziplinen eingeladen, ihre Ansätze über die Liebe
zur Diskussion zu stellen. Wie zu erwarten und nicht anders gewollt,
wurden unterschiedliche Aspekte eingebracht – und auch von
unterschiedlichen Disziplinen herkommend.
Susanne
Hochreiter, Silvia
Stoller
Vorwort
Silvia
Stoller
Der Schlaf
des Geliebten
Simone de Beauvoir über die Liebe
Gertrude Postl
Liebe im Kontext einer Politik der sexuellen Differenz:
Zum Wandel von Irigarays Liebesbegriff
Birgit Wagner
Liebe allein oder zu zweit?
Fragmente einer europäischen Diskursgeschichte
Barbara Schaff
Love Actually:
Liebe als Episode in der zeitgenössischen Populärkultur
Stefanie Rinke
„Ich glaube an das Geniessen der Frau“ (Jacques Lacan)
Liebeskonzepte der Mystik in psychoanalytischer Theorie
Angelika Baier
The First Cut is the Deepest: Über den Einsatz von
Erzählstimmen
in deutschsprachigen Raps über die Liebe
Zurück
zum
Seitenanfang
______________________________________________________________________________________________________________________
2008
Heft 1-2 (2008): 10
JAHRE "FRAUEN SICHTBAR MACHEN" BIOGRAFIA
Am 1. Juli 1998 startete die Projektinitiative „biografiA.
datenbank und lexikon österreichischer frauen“1 mit
dem Ziel
einer epochenumspannenden historisch-biografischen Aufarbeitung
österreichischer Frauenpersönlichkeiten.
Das Projekt biografiA ist eingebettet in die Tätigkeit der
Dokumentationsstelle Frauenforschung, welche als autonomes
Studentinnenprojekt an der Universität Wien ihren Anfang nahm
und
seit dem Jahr 1985 am Institut für Wissenschaft und Kunst
verankert ist.
Vielseitigem Engagement ist es zu verdanken, dass die Datenbank
biografiA derzeit Einträge zu rund 15.000 Frauen aus allen
Wirkungsbereichen und Zeitepochen aufweisen kann. Der Erfolg des
Unternehmens liegt vor allem auch im Aufbau eines Netzwerkes, in dem
der Austausch mit in- und ausländischen ForscherInnen, mit
Archiven, Bibliotheken und Dokumentationsstellen eine zentrale Rolle
spielt.
Der zeitliche Rahmen des Projekts spannt sich von der erstmaligen
Nennung Österreichs bis zur Gegenwart und bezieht sich auf
Österreich in seinen jeweiligen historischen Grenzen, wobei
Schwerpunkte im Bereich der Ersten Frauenbewegung, der
jüdischen
Geschichte, der Wissenschaftsgeschichte, der Widerstands- sowie der
Exilforschung erkennbar sind.
Thematische Modulprojekte ermöglichten es ExpertInnen,
einzelne
biografische Themenbereiche intensiver zu bearbeiten, wodurch
Kompetenzerweiterungen und Schwerpunktbildungen realisiert werden
konnten.
biografiA bietet die Grundlage für weitergehende Forschungen
im
Bereich der feministischen Geschichtsforschung, der
Wissenschaftsgeschichte und Frauenforschung. Durch wissenschaftliche
Projektarbeit, Publikationen und öffentliche Veranstaltungen
wird
biografiA national und international als Vernetzungsplattform
für
biografisch orientierte ForscherInnen wahrgenommen. Als interaktive
Drehscheibe für MeinungsbildnerInnen aus Wissenschaft, Kunst
und
Kultur und den Medien fördert biografiA die Wahrnehmung
für
spezifisch weibliche Themen und Strukturen im öffentlichen
Bewusstsein.
Das Jubiläumsheft zeigt einen Ausschnitt des Spektrums der
fachspezifischen Kooperationen. Es beinhaltet biografische Studien,
basierend auf Vorträgen im Arbeitskreis „biografiA.
Neue
Ergebnisse der Frauenbiografieforschung“ ebenso wie Berichte
über mehrjährig durchgeführte Modulprojekte.
Zu danken ist allen KollegInnen, KooperationspartnerInnen,
ForscherInnen und FreundInnen des Projekts, die in den vergangenen
Jahren zum Erfolg von biografiA beigetragen haben.
VORWORTE:
ILSE KOROTIN.
10 Jahre „Frauen sichtbar machen“ biografiA-
Datenbank und Lexikon Österreichischer Frauen
EDITH STUMPF-FISCHER
Am Anfang war eine Fussnote
CHRISTA BITTERMANN-WILLE:
Kleine Randbemerkung, Grosse Wirkung
HELGA HOFMANN-WEINBERGER:
Naturwissenschaftlerinnen an der Universität Wien/
biografische Skizzen und allgemeine Trends
Brigitte Bischof
NATURWISSENSCHAFTERINNEN AN DER UNIVERSITÄT WIEN
BIOGRAFISCHE SKIZZEN UND ALLGEMEINE TRENDS
Edith Stumpf-Fischer
„… AUS DEM DUNKEL WIEDER
AUFGETAUCHT“
ZUM BEISPIEL FRAUEN IM BUCHWESEN
Ilse Korotin
„WAS WIRD UNS DIESE FRAU DOKTOR SCHON WICHTIGES ZU
SAGEN HABEN?“
INTELLEKTUELLE FRAUEN IM WIEN DER ZWISCHENKRIEGSZEIT
Susanne Blumesberger
UNFASSBARE BIOGRAFIEN… VON DER MÖGLICHKEIT UND
UNMÖGLICHKEIT,
DEN LEBENSWEGEN JÜDISCHER FRAUEN NACHZUSPÜREN
Christine Kanzler, Karin Nusko
KEINE HELDINNEN? ÖSTERREICHISCHE FRAUEN IM WIDERSTAND
GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS
Klara Löffler
DAS (AUTO-)BIOGRAFISCHE INTERESSE. AUF EINE LANGE ZUKUNFT!
VON DER TOPIK DER FINDUNG ZUR TOPIK DER ERFINDUNG
Ingrid Roitner
HELENA ANTONIA AUS LÜTTICH
EINE VIRGO BARBATA AM HOF DER ERZHERZOGIN MARIA IN GRAZ
Felicitas Seebacher
„DIE MACHT DER IDEE“ – ROSA
KERSCHBAUMER UND DIE ÖFFNUNG
DER UNIVERSITÄT WIEN FÜR DAS
‚ANDERE“ GESCHLECHT
Brigitte Dorfer
„SO ANSCHEINEND TRAGÖDIENLOS“ –
DAS LEBEN VON MARTHA TAUSK
Zurück
zum
Seitenanfang
_______________________________________________________________________________________________________________________________________
Heft
3-4 (2008): WEITERBILDUNG OHNE
BILDUNG? (Beiträge aus
dem Jour Fixe Bildungstheorie)
Die Reihe „Jour fixe Bildungstheorie“ befragt den
Stellenwert
von Bildungstheorie in den aktuellen Diskursen der Erwachsenenbildung
– nicht
zuletzt im Hinblick auf Möglichkeiten der
Neuformulierungen des
Bildungsbegriffs für die Erwachsenenbildung. Veranstaltet wird
die Reihe seit
dem Wintersemester 2007/2008 vom Ring Österreichischer
Bildungswerke, vom
Verband Österreichischer Volkshochschulen sowie vom
Institut für Wissenschaft
und Kunst gemeinsam mit dem Institut für Bildungswissenschaft
der Universität
Wien – namentlich von Agnieszka Dzierzbicka, Wolfgang
Kellner, Klaus
Ratschiller und Stefan Vater.
Ausgangspunkt für die Frage nach der „Bildung in der
Weiterbildung“ ist der Befund, dass der Bildungsbegriff in
bildungspolitischen
und -wissenschaftlichen Diskursen gegenwärtig mit viel Pathos
ebenso
verabschiedet wie beschworen wird. In den dominanten – von
EU-Politiken
bestimmten – Debatten tritt er unzweifelhaft in den
Hintergrund. Nicht selten
geschieht dies unter Verweis auf die Unübersetzbarkeit des
„allzu deutschen“
Bildungsbegriffs in die angelsächsische
Life-Long-Learning-Terminologie.
Schlüsselkategorie der aktuellen
Life-Long-Learning-Politiken ist
„Employability“
– zumeist mit
„Beschäftigungsfähigkeit“
übersetzt. Dieser korrespondiert die
Durchsetzung der Kompetenzorientierung. Gleichzeitig ist aber auch in
EU-Bildungspolitiken eine verstärkte Ausrichtung auf
persönlichkeitsbezogenes
und gesellschaftsbezogenes Lernen identifizierbar –
insbesondere unter Bezugnahme
auf Schlüsselkompetenzen, auf aktive Bürgerschaft
(active citizenship) und ein
erweitertes Verständnis von Inklusion.
Der „Jour fixe Bildungstheorie“ entzieht sich der
Alternative, die als Verabschiedung oder als Beschwörung von
„Bildung“ die
aktuelle Diskussion prägt. Vielmehr fragt er nach
„alten“ und „neuen“ mit der
Bildungsidee verknüpften Zielen – wie allgemeine
Menschenbildung, politische
und ästhetische Bildung, vielleicht auch Glück und
Lebenskunst. Verhandelt
wurde diese Frage unter verschiedensten Perspektiven über
mehrere Semester
hinweg: „Weiterbildung ohne Bildung?“
(Sommersemester 2007), „Kompetenz ohne
Bildung?“ (Wintersemester 2007/2008), „Sprechen
über Bildung: Begriff,
Metaphern, Diskurse“ (Sommersemester 2008) und
„Bildung und Aktivierung: Zur
Ambivalenz der Aktivierungsdiskurse in der
Erwachsenenbildung“ (Wintersemester
2008/2009). Ein Zusatzangebot zum „Jour fixe“
bildet der „Workshop Bildungstheorie“.
Diesen bieten der
Ring Österreichischer Bildungswerke und das Institut
für Wissenschaft und Kunst
in jedem Semester an.
Er soll
anknüpfend an das jeweilige Jour-fixe-Thema die
Schwerpunktsetzungen der vier
Vortragsabende eines Semesters zusammenführen und zur
Diskussion stellen. Im
Rahmen dieses Workshops kann ein Zeugnis erworben werden, das von der
WeiterBildungsAkademie
Österreich (www.wba.or.at) als
„Seminar Bildungstheorie“ anerkannt wird.
Die folgenden Beträge aus der Reihe „Jour fixe
Bildungstheorie“ behandeln die Ambivalenzen der
Kompetenzorientierung an
Beispielen aus konkreten Lernfeldern, eröffnen aber auch
Ausblicke auf eine
„andere Bildung“ – beispielsweise dort,
wo die Gendersensibilität der Erwachsenenbildung
befragt wird oder das „alte“ Subjekt der
Bildung und der literarische Kanon
des „bürgerlichen
Bücherschranks“ – nicht ohne
Alternative – verabschiedet werden.
Wolfgang Kellner
Einleitung
Otto Nigsch
Demokratiekompetenz
und Gouvernance
Astrid Messerschmidt
Interkulturelle
Kompetenz. Infragestellung und Perspektivenwechsel
Roland Reichenbach
Neueuropäischer
Bildungsschwulst: Metaphorische Mutmaßungen
Wolfgang
Kellner
Die
Vermessung der Bildung? Europäischer Qualifikationsrahmen,
Kompetenzorientierung
und allgemeine Weiterbildung
Angela
Venth
Männlichkeitstypische
Muster in Diskursen der Erwachsenenbildung. Dominanzen und
Widersprüche
Stefan Vater
Der
Verlust des Subjekts der Bildung? Immaterielle Arbeit und
Subjektkonstitution
Klaus Ratschiller
Bildung
ohne Gedächtnis: Vom Kanon zur Liste
Zurück
zum
Seitenanfang
2007
Heft
1-2 (2007): WAHRHEIT IN
ZEITEN DES WISSENS
Wenn
Wissen zum primären Produktionsfaktor
wird, erhält auch die „Wahrheit“ eine
spezifische Funktion. Denn nur wahres
Wissen – so wird jedenfalls
angenommen – lässt sich gewinnbringend
veräußern. Falsches, unwahres
Wissen hat
keinen Wert. Allein, wenn Wissen gewinnbringend
veräußert werden soll,
wenn
also Profit im Vordergrund steht
und
nicht mehr das Wissen selbst, so wird auch dessen Wahrheit
anrüchig, dann lässt sich von wahrem Wissen nicht
mehr so ohne weiteres sprechen?
Unter
dieser Perspektive stellt sich
die Frage nach Funktion, Wert und Eigenwert von Wahrheit
in
der Wissensgesellschaft. Die vorliegenden Texte wollen
dieser Frage in Auseinandersetzung mit neuen und neuesten
philosophischen und
soziologischen Wahrheitskonzeptionen nachgehen, wie sie
einerseits im
Rahmen
des Pragmatismus, der analytischen Philosophie und der Gender-Forschung
diskutiert werden, und wie sie andererseits in der Theorie sozialer
Systeme, im
symbolischen Interaktionismus oder in Rational-Choice-Theorien eine
Rolle
spielen. Darüber hinaus sollen aber auch praktische
Bezüge wie etwa die
Leitorientierung der Wissenschaften oder auch der Justiz, oder etwa die
implizite Annahme, dass Produktivitätssteigerung,
wirtschaftliches
Wachstum
und sozialer Fortschritt auf „wahren“ Werten
beruhen, thematisiert
werden.
Das
Themenheft will damit einerseits
einen Beitrag zur interdisziplinären Annäherung der
thematisch einander
nahe
stehenden, aber institutionell oft bis zur Inkommunikabilität
getrennten
Disziplinen Philosophie und Soziologie leisten. Und es will
andererseits auch
einen Beitrag zur lebenspraktischen Nutzbarmachung differenzierter
wissenschaftlicher Erkenntnisse leisten, um damit eine Grundlage zu
schaffen,
auf der es möglich wird, sich den vielfältigen
Verwerfungen der
Wissensgesellschaft nicht bloß ausgeliefert zu
fühlen, sondern ihre
Ordnung
aktiv mitzugestalten.
Manfred
Füllsack:
VORWORT
Karen
Gloy:
KANTS
WAHRHEITSTHEORIE UND MODERNE POSITIONEN
Andreas
Balog:
WAHRHEIT UND SOZIOLOGISCHE THEORIE
Thomas
Auinger:
WAHRHEIT IN INFERENTIALISTISCHER UND IDEALISTISCHER SYSTEMATIK
Eva
Laquièze-Waniek:
VOM UNTERSCHIEDLICHEN GEBRAUCH, DIE WAHRHEIT ZU SAGEN - UND WARUM SIE
DEM MENSCHEN DENNOCH ZUMUTBAR IST
Manfred
Füllsack:
"KONTOFÜHREN" IN ZEITEN DES NICHT-WISSENS. ERKUNDUNGEN ZUR
PROBLEMATIK
"PRODUKTIVER ARBEIT" ANHAND EINES VERGLEICHS
ANALYTISCHER UND
SYSTEMTHEORETISCHER WAHRHEITSKONZEPTIONEN
Herbert
Hrachovec:
WAHRHEITEN, FALSCHHEITEN, NEBENSÄCHLICHKEITEN
Zurück
zum
Seitenanfang
_____________________________________________________________________________________________________________
Heft 3-4
(2007):
INTERKULTURALITÄT UND IDENTITÄT
Diese Ausgabe der IWK-Mitteilungen kreist um zwei Konzepte,
um
Interkulturalität und Identität, und um deren
Verhältnis
zueinander.
Der multikulturellste Ort in Italien, den er kenne, – und ein
möglicher Ort von Interkulturalität – sei
das
Gefängnis La Dozza bei Bologna, sagt Pier Cesare Bori. Seit
Jahren
geht er jeden Freitag Nachmittag dorthin, um mit Häftlingen
Texte
aus der Weisheitstradition vieler Völker zu lesen, zu
diskutieren
und zu meditieren: Platons Höhlengleichnis ebenso wie die
erste
Predigt des Buddha, das Buch Mencius oder Ibn Tufails philosophischen
Roman „Hayy Ibn Yaqdhan“.
Wozu? Und warum wollen Strafgefangene dabei mitmachen? Es geht um
„die Befreiung von Ignoranz durch Wissen“ sagt Bori
in
seinem Beitrag. Ist die „Höhle“ (Platons)
das
Gefängnis der Ignoranz, so ist der Ausweg daraus nicht in
einem
bloß intellektuellen Wissen, wohl aber in einem anderen
Wissen
möglich, einem sowohl emotionalen Wissen wie auch in einem
Bewusstsein von menschlicher Würde. Auch im Gefängnis.
Was ihnen am meisten fehle, wurden Flüchtlingsfrauen aus
Bosnien
in Göttingen gefragt. Die Antwort war überraschend:
ein
Garten. Es gibt nicht alles im Supermarkt zu kaufen, was frau braucht,
um Gewohntes zuzubereiten. Und es fehlt die Gemeinschaft. Daraus
entstand 1996 ein „interkultureller Garten“.
Inzwischen
wachsen auf etwa hundert solchen Gärten in Deutschland
Kräuter und Gewürze, Salate und Früchte
– nicht
nur aus Bosnien, sondern auch aus Asien und Afrika.
In Österreich gab es keine solchen Gärten, als Ursula
Taborsky die Idee im IWK vorstellte, aber einiges war im Werden und hat
sich bei dieser Gelegenheit vertieft. Seitdem hat sich viel getan: Als
„Gartenpolylog“ wurde ein Verein
gegründet, in Wien
und andernorts sind erste Gärten entstanden, andere sind im
Entstehen. Sie sind, „nicht nur ein einfaches Gartenprojekt,
sondern von ihnen gehen Impulse aus für zukünftige
Formen der
Integration, die von den MigrantInnen selbst mitgestaltet
werden“.
Die Insel Taiwan, die in meinen Schulbüchern noch Formosa
–
die Anmutige – hieß, war einige Jahrzehnte lang
sozusagen
ein Großreich im Exil. Es gab dort Provinzregierungen und
Parlamentarier für Gebiete, die unerreichbar fern jenseits
einer
schmalen Meeresstraße lagen, es gab eine Armee, die jene
Provinzen zurückerobern sollte, und es gab diplomatische
Vertretungen in aller Welt, die nicht diese Insel vertraten, sondern
das große China, das mit all seinen
Gebietsansprüchen
übrigens bedeutend größer war als das
heutige China.
Taiwan war nur eine kleine Provinz davon, aber in keiner anderen ihrer
Provinzen hatte die Regierung der „Republik China“
irgend
etwas zu sagen. Sie alle bildeten die „Volksrepublik
China“. Das ist längst Erinnerung, seit ab den
1970er Jahren
immer mehr Staaten die „Volksrepublik“ und nicht
die
„Republik“ als „China“
diplomatisch anerkennen
(heute in Europa nur der Vatikan). Die Frage zu beantworten, wer oder
was Taiwaner und Taiwanerinnen sind, ist damit nicht einfacher
geworden.
Hsueh-i Chen geht dieser Frage nach und führt dabei in eine
verwirrend vielfältige Welt. Nicht Herkunft, nicht Sprache,
nicht
Geschichte, überhaupt nicht Vergangenheit scheint es zu sein,
was
in Taiwan Identität stiften könnte. Sondern die
Zukunft. Er
spricht von einer „induktiven
Identitätsfindung“, in
der sich „Identität“ als etwas stets
Werdendes
entwickelt.
Als Almir Ibrić mich um ein Vorwort zu seinem Buch „Das
Bilderverbot im Islam“ bat (2004, also lange vor dem so
genannten
Karikaturenstreit), wunderte ich mich, ob denn Bilder von Menschen in
islamischen Gesellschaften verboten sein sollten, denn viele waren und
sind optisch sehr präsent: Wir alle kennen Bilder von Bin
Laden,
ebenso von vielen Politikern der islamischen Welt. Und das geht weit
zurück: Mehmet II., der Eroberer Konstantinopels,
ließ sich
im 15. Jahrhundert von Bellini hoch offiziell porträtieren,
das
Bild war nie geheim.
Was ist da eigentlich verboten und warum? Gibt es ein derartiges Verbot
schon im Koran? Oder erst in den Hadithen, von denen etwa 200 irgendwie
mit dem Thema zu tun haben? Wie wird das Verbot begründet?
Welche
Darstellungen betrifft es? Was ist mit den neuen Medien, mit TV und
Internet? In seinem Beitrag behandelt Ibrić diese Fragen und weist
darauf hin, dass es sich letztlich um ein Polytheismusverbot handelt,
also darum, sich keine Idole zu machen. In dieser Hinsicht
könnte
es – wenn auch nicht in der religiös intendierten
Weise
– sogar noch für AtheistInnen von Interesse sein.
Um Identität geht es ganz offensichtlich in den Debatten, die
Gudrun Perko mit Bezug auf den Terminus „queer“
vorstellt.
Perko schildert den Verlauf der Debatte in den USA und den
deutschsprachigen Ländern, sie stellt Queer Theory als
Pluralitätsmodell vor und zeigt, auf wie viele Arten und zu
welchen Zwecken jemand „wir“ (und somit auch
„sie“) sagen kann. Nicht von
„Kulturen“,
sondern von „Geschlechtern“ ausgehend, wird hier
die These
formuliert, die für beide Diskursarten gilt: Das
„Normale“ gibt es nicht, aber es gibt die
größere Freiheit in Pluralität.
Franz Martin Wimmer
Eine Einleitung
Pier Cesare Bori
DIE SUCHE NACH ETHISCHEM KONSENS
IN EINEM MULTIKULTURELLEN KONTEXT: DAS
GEFÄNGNIS
Ursula Taborsky
WARUM INTERKULTURELLE GÄRTEN?
Hsueh-I Chen
DIE KONZEPTION EINER IDENTITÄT AUS VIELFALT
AM BEISPIEL TAIWANS
Almir Ibrić
DAS BILDERVERBOT IM ISLAM
Gudrun Perko
QUEER STUDIES
Das Modell der Pluralität als Entwurf gegen
Identitätspolitiken
zugunsten von Social Justice
Zurück
zum
Seitenanfang
2006
Heft
1-2
(2006):
NORMALITÄT,
NORMAILISIERUNG, NORMATIVITÄT (1)
Normal
ist,
wenn die Füße eines Menschen ungefähr
gleich lang sind. Es
ist normal, in der Nacht zu schlafen und am Tag zu arbeiten. Wer normal
ist,
kann zwischen Träumen und der Realität unterscheiden.
Normal erscheint
uns,
woran wir uns gewöhnt haben. Was normal sein soll, sagt ein
Gesetz.
Normalität
ist ein Begriff, der im
Alltag, in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen (wie z. B.
der
Politik), aber auch in vielen Wissenschaften (z. B. Psychopathologie,
Medizin,
Soziologie, Ethnologie, Philosophie) ein zentraler Begriff ist, auch
wenn er
oft nicht eigens reflektiert wird. Normalität schillert dabei
zwischen
einem
deskriptiven Begriff (im Sinne des Alltäglichen,
Selbstverständlichen,
Gewöhnlichen, Regelhaften, Durchschnittlichen) und einem
präskriptiven
Begriff:
Normalität wird oft stillschweigend mit Normativität
gekoppelt. Auf
diese Weise
wird das Normale mit dem Richtigen, dem Gesunden, dem Wahren, dem
Sozialen, dem
Eigentlichen identifiziert. Darauf antworten andere wiederum mit einer
Parteinahme für das Abnormale, kritisieren ein zur Norm
erstarrtes
Normales.
Ulrike
Kadi, Gerhard Unterthurner:
EINLEITUNG
Thomas Rolf:
Sosein
und Seinsollen.
Lebensphilosophische
Erwägungen zum Normalitätsproblem
Hans-Herbert
Kögler:
Normalität
als Normalisierung?
Zur
Theorie des
Subjekts in Moderne und Postmoderne
Ramón
Reichert:
Medien
des Lebens. Interdependenzen
von Immunologie, Kybernetik und Politik
Christoph
Caspar
Pfisterer:
WITTGENSTEIN
ÜBER
DAS MÜSSEN
Margareth
Lanzinger:
"Und
werden sein die Zwey ein Fleisch"
- Das Eheverbot der
SchwägerschafT
Zurück
zum
Seitenanfang
Heft
3-4 (2006):
NORMALITÄT,
NORMAILISIERUNG, NORMATIVITÄT (2)
Die
Unterscheidung von normal und
abnormal bildet ein umkämpftes Interpretationsfeld und
fällt nicht vom
Himmel.
Sie verweist auf einen Prozess der Normalisierung, in dem Normen
verkörpert und
eine bestimmte Struktur der Erfahrung, ein Habitus und
gesellschaftliche
Lebensformen hervorgebracht werden. In der Moderne sind der Begriff der
Normalität und die Gegenbegriffe des Abnormalen, Anomalen oder
Pathologischen
zu einer zentralen Leitdifferenz für die Lebensweise des
Einzelnen,
aber auch
vieler gesellschaftlicher Bereiche geworden. Michel Foucault und
Jürgen
Link
sprechen in diesem Sinn von einer
„Normalisierungsgesellschaft“.
Diese
und die
vorhergehende Doppelnummer der „Mitteilungen des Instituts
für
Wissenschaft und
Kunst“ versammeln einige der Vorträge der Reihe
„Psyche und Soma“, die
sich vom
Wintersemester 2002 bis zum Sommersemester 2005 dem Thema
„Normalität,
Normalisierung, Normativität“ gewidmet hat.
Ulrike
Kadi, Gerhard Unterthurner:
Einleitung
Stefan
Vater:
Nur
Nicht aus der Reihe Tanzen.
Normalität
heißt: Sein wie
andere!
Peter
Zeillinger:
Badiou und
Paulus. Das Ereignis als Norm?
Gerhard
Hammerschmied:
Randphänomene
des Heils. Franz
Kafkas Hermeneutik des ungeschriebenen Gesetzes
Elisabeth
Holzleithner & Kati Danielczyk:
Normalität
und Abweichung in medizinischen Geschlechterdiskursen: Queere
Interventionen
Vera
Pfersmann:
Das psychiatrische Gutachten
Ruth
Weissensteiner:
Das
fette Selbst. Erfahrungen
einer Kinderärztin in der Behandlung von Magersucht
Zurück
zum
Seitenanfang