Tabellen, Kurven, Piktogramme.
Techniken der Visualisierung in den Sozialwissenschaften.

Programm Konzept TeilnehmerInnen & Abstracts



TeilnehmerInnen

Vortragstitel/Abstract

Eric Brian (Paris)  Das Schicksal des Stereogramms
Zum Material der Abstraktion und seinen Spuren im kollektiven Gedächtnis

Günter Hefler (Wien) Europe at a glance
Oder: Wie sich Staaten weiterbilden
Herbert Hrachovec (Wien)   Zur Epistemologie von Powerpoint-Karaoke
Hadwig Kräutler (Wien)  „Es war nicht üblich, Daten und ‚Botschaften’ in Erlebnisräumen umzusetzen …“ 
Zu Otto Neurath als (r)evolutionärem Wissenskommunikator
Morgane Labbé (Paris) Nationalitätenkarten und -statistiken:
Visualisierung oder Quantifizierung? (Mitteleuropa im 19. Jahrhundert)
Elisabeth Nemeth (Wien)   Bildsprache und Wissenschaftssprache
Otto Neurath zur Visualisierung in den Sozialwissenschaften

Sibylla Nikolow (Bielefeld) „We could not photograph social objects even if we tried”.Otto Neuraths Bildstatistik als Beobachtungs- und Darstellungsinstrument sozialer Fakten
Gilles Palsky (Paris) Land of Light and Shadow
Baron Dupin’s shaded map and its diffusion in moral and medical statistics
Claus Pias (Wien)  Bilder von Morgen
Die Diagramme der Futurologie
Wolfgang Pircher (Wien)   Anschaulicher Kapitalismus
Tabellen, Diagramme und Kurven in der Ökonomie
Anton Tantner (Wien) Verschwommene Referenzen
Hausnummer und Tabelle um 1770



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Das Schicksal des Stereogramms.

Zum Material der Abstraktion und seinen Spuren im kollektiven Gedächtnis
(Vortrag in englischer Sprache. Powerpoint-Präsentation auf Englisch und Deutsch)
Éric Brian (Directeur d'Études an der École des Hautes Études en Sciences Sociales, Paris).

Gegen 1880 sehen die Statistiker im Stereogramm ein neues Verfahren der graphischen Umsetzung ihrer Ergebnisse. Dabei handelt es sich um eine Darstellung in drei Dimensionen. Diese Möglichkeit graphischer Darstellung wurde vergessen, blieb aber im kollektiven Gedächtnis der Sozialwissenschaften, der Künstler und Graphiker teilweise erhalten. Wie hat sich das Material, das diesem Verfahren zugrunde liegt, damals auf die Form der Abstraktion ausgewirkt? Und welche Spuren davon sind bis heute erhalten geblieben?


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Europe at a glance oder: Wie sich Staaten weiterbilden
Günter Hefler (Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Donau-Universität Krems und bei 3s (www.3s.co.at) in Wien)

Kein Politikfeld der Europäischen Union, in dem nicht über einen eklatanten Mangel an vergleichbarer statistischer Information - zu den Mitgliedsstaaten und darüber hinaus - geklagt wird. Aber auch kein Feld, in dem nicht eine große Anzahl statistischer Indikatoren Auskunft über die Verhältnisse in den Mitgliedsländern der EU und Anlass für Lob und Rüge geben würden. Und wir sind gewohnt, Europa auf einmal in den Blick zu nehmen, zusammengedrängt in Diagrammen, die uns sagen, wie sich die Länder in dem unterscheiden, was als Zähleinheit genannt worden ist. Im Vortrag wird am Beispiel der europäischen Statistiken zum Lebenslangen Lernen der Frage nachgegangen, welche Erwartungen die Produktion und Rezeption der europäischen Sozialstatistik steuern. Was tun wir, wenn wir in unserer Arbeit bei der Statistik unseren Ausgangspunkt nehmen? Die Produktionsweisen der Europäischen Statistik sind dabei insgesamt von ihrer wissenschaftlichen Rechtfertigung weitgehend unabhängig und gehorchen Mustern politischer Interessenvereinbarung, die bereits für die europäischen Statistikkongresse des 19. Jahrhunderts üblich waren. Das politische Potential, das in der Forderung nach statistischer Repräsentation steckt, wird entschärft, indem ExpertInnengremien die Indikatoren vorgeben, die ausreichen sollen, darzustellen, was immer dargestellt zu werden lohnt. Die durchaus "im Licht der Öffentlichkeit" erzeugten Datenbestände drohen dann zu einem Erkenntnishindernis zu werden: Präsentiert als statistische Diagramme verhindern sie die Sichtbarkeit eines Mangels an Wissens.


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Zur Epistemologie von Powerpoint-Karaoke
Herbert Hrachovec (Professor am Institut für Philosophie an der Universität Wien. Weitere Informationen unter http://hrachovec.philo.at)

"Powerpoint-Karaoke" ist ein Partyspass. Die Vortragenden erhalten eine willkürlich gewählte Präsentation und müssen dazu live ein Referat improvisieren. Die Slides wirken wie die Musikbegleitung im Hintergrund, der Umgang mit dem Text ist allerdings anspruchsvoller - er hat ein Element von Stegreifkunst. Das Spiel reißt auseinander, was in den entsprechenden Präsentationen geschickt kombiniert werden sollte, und eröffnet dadurch einen Einblick in die Rhetorik dieser computer-unterstützten Kommunikationsform. Die globale Verbreitung des Instruments in professionellen Zusammenhängen affiziert unsere Denkweise. Der Jux deckt einige gewöhnlich ungenannte Faktoren auf.


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„Es war nicht üblich, Daten und ‚Botschaften’ in Erlebnisräumen umzusetzen …“
Zu Otto Neurath als (r)evolutionärem Wissenskommunikator
Hadwig Kräutler (Mitarbeiterin der Österreichischen Galerie Belvedere)

Otto Neurath (1882-1945) kann als ein ‚Wissenskommunikator’ gesehen werden, der durchwegs auf breite demokratische Beteiligung hin arbeitete. Im Roten Wien gründete Neurath das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum (1925-1934), erforschte die musealen und expografischen Möglichkeiten emanzipierender Kommunikation und die Bedingungen dieser Medien. International bekannt wurde diese Arbeit Neuraths als „Wiener Methode der Bildstatistik“, und später, seit seinem holländischen Exil, unter dem Akronym ISOTYPE (International System of TYpographic Picture Education). Die Prinzipien von ISOTYPE und der strategisch-strukturelle, von Neurath eingeführte Mechanismus ‚Transformer’ waren entscheidend für die relevante Aufbereitung von sozialen Themen  -  dies für unterschiedlichste Kommunikations-Settings (informelle, institutionalisierte; lokale, regionale, internationale; multidisziplinäre), mit Wirkung in eine möglichst große Öffentlichkeit (über Klassen-, Bildungs- und Kulturgrenzen hinweg). Neuraths Ansatz war auf ein radikal neues Verständnis von gesellschaftlich konstruiertem und tradiertem Wissen gegründet und zielte auf dessen prinzipielle ‚Humanisierung’ ab. Der Beitrag diskutiert diese Überlegungen anhand von Otto Neurath's Technik der Visualisierung durch Kombination von Schrift und Bild (u.a. Piktogramme), seinen ‚Rules to Keep in Mind’ und Neurath's Auffassung von ISOTYPE Arbeit als Ausdruck politisch/wissenschaftlicher Haltung, sowie mit Dokumenten aus der Ausstellungsarbeit.


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Nationalitätenkarten und -statistiken: Visualisierung oder Quantifizierung? (Mitteleuropa im 19. Jahrhundert)
Morgane Labbé („Maître de conférence“ an der École des Hautes Études en Sciences Sociales)

Im 19. Jahrhundert haben die politischen Ansätze zur Errichtung von Nationalstaaten und der Aufschwung ihrer Verwaltungen die Herstellung von Nationalitätenkarten und -statistiken begünstigt. Dabei wurde auf ein breites Spektrum gelehrter Traditionen wie Geographie, Philologie, Statistik etc. zurückgegriffen. Statistische Tabellen und ethnographische Karten bildeten die bevorzugten Instrumente, die nationale Zugehörigkeit eines Territoriums oder einer Bevölkerung zu repräsentieren, d.h. in Objekten zu materialisieren und in wissenschaftlicher Sprache zu objektivieren. Dabei ist es aber verblüffend, dass die Repräsentationen in Karten und in Zahlen lange voneinander getrennt blieben. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurden in Mittel- und Osteuropa Nationalitätenkarten hergestellt, aber sie verwendeten keine Zahlen oder nur in geringfügigem Maße. Zwar waren die Fakten hinsichtlich der Nationalität der Bevölkerung schon sehr früh verfügbar, später – ab der Mitte des 19. Jahrhunderts – wurden sie in Volkszählungen gesammelt. Ethnographische Karten statistischen Typs wurden aber erst spät, nicht vor den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts, hergestellt. Um dieses Auseinanderklaffen zu erklären, wird der Vortrag eine Hypothese formulieren. Ihr zufolge kann die Einfügung von Ziffern in ethnographische Karten nicht auf eine technische Frage reduziert werden. Vielmehr muss diese technische Frage auf Veränderungen in der Konfiguration des Wissens bezogen werden. Einer der markantesten Züge dieses Wandels ist das Zurückweichen der historischen Philologie und der Aufstieg der Demographie als jener Wissenschaft, der in Bezug auf Fragen der Nationalität die größte Autorität zukam. Die demographische Herangehensweise an Fragen der Nationalität führt die Frage des Messens ein – und in  Entsprechung dazu die neuen Visualisierungstechniken: Es geht nicht mehr allein darum zu sehen, sondern vorauszusehen.


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Bildsprache und Wissenschaftssprache
Otto Neurath zur Visualisierung in den Sozialwissenschaften
Eilsabeth Nemeth (a.o. Professorin am Institut für Philosophie an der Universität Wien)

Die Bildstatistik (ISOTYPE), die Otto Neurath in den 1920er Jahren gemeinsam mit Gerd Arntz am Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum in Wien entwickelt hat, ist zunächst vor allem als neues pädagogisches Verfahren und als Mittel der Wissenschaftspopularisierung bekannt geworden. Neurath hat sich aber schon in seinen frühen ökonomisch-soziologischen Arbeiten mit der Frage beschäftigt, welche methodischen und konzeptionellen Auswirkungen es hat, wenn unterschiedliche Formen graphischer Repräsentation in den Sozialwissenschaften angewendet werden. Diese frühen Überlegungen sollen einerseits mit seinen Arbeiten zur Bildstatistik und andererseits mit den Auffassungen zur Wissenschaftssprache, die Neurath im Wiener Kreis vertreten hat, zusammengeführt werden.


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„We could not photograph social objects even if we tried”
Otto Neuraths Bildstatistik als Beobachtungs- und Darstellungsinstrument sozialer Fakten

Sibylla Nikolow (Privatdozentin an der Technischen Universität Braunschweig und Wissenschaftshistorikerin am Institut für Wissenschafts- und Technikforschung, Universität Bielefeld)

Otto Neurath (1882-1945) visualisierte in seiner Bildstatistik Objekte entsprechend ihrer Menge durch eine Anzahl von Zeichen, die nach einer bestimmten Grammatik zu Sprachbildern zusammengesetzt wurden. Anders als ihm die Kritiker unter den Statistikern entgegenhielten, ging es ihm dabei weder um eine 1:1 Abbildung von Zahlenwerten noch um eine verfälschende Reduktion komplexer Zusammenhänge. Neurath visualisierte mit seiner Methode nicht ein anderswo schon gegebenes Wissen in ein neues, möglicherweise populäreres Medium. Für ihn war die Bildstatistik eine geeignete Methode, mit der die rationalistische Denkhaltung des Wiener Kreises innerhalb der Wissenschaften wie der Lebenswelt verbreitet werden kann. Neurath ging es um die Entwicklung eines rationalen Beobachtungs- und Darstellungsinstrumentes von Fakten, über welches die Naturwissenschaften z. B. mit dem Mikroskop oder dem Fernrohr bereits verfügten. Die Bildstatistiken führten in diesem Sinne auf leicht zugängliche Weise gegenstandsbezogene Fakten vor und halfen, Beobachtungsaussagen zu formulieren, die den engen Kriterien des Empirismus und der Metaphysikfreiheit der wissenschaftlichen Weltauffassung entsprachen.Im Vortrag wird auf Neuraths epistemologische und pädagogische Kritik an zeitgenössischen Visualisierungsversuchen wie Zahlen-, Mengen-, Kurvenbilder  eingegangen und an Beispielen die Entwicklung und Anwendung seiner Methode beleuchtet. Es wird damit konkret aufgezeigt, wie er sich geeigneter graphisch-gestalterischer Mittel bediente, um zwischen seinen wissenspolitisch-erkenntnistheoretischen und pädagogisch-aufklärerischen Ambitionen mit der Bildstatistik einen geeigneten Kompromiss zu finden.


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Land of Light and Shadow
Baron Dupin’s shaded map and its diffusion in moral and medical statistics

Gilles Palsky (Professor an der Univerität Paris 1 – Panthéon – Sorbonne)

The first modern statistical map was designed by the baron Charles Dupin and inserted in 1826 in his treatise on French political economy, Forces productives et commerciales de la France. This type of map, known today as a “choropleth map”, was named by Dupin a shaded map (carte teintée): it expressed the numerical data through a scale of shades ranging from white to black. I explore in this paper the scientific and ideological context of this cartographic milestone, as well as the immediate reputation Dupin acquired with this illustration in the learned circles. The shaded map quickly diffuse in the works of social observers and then of reformers-hygienists and physicians. Indeed, it allowed them to comment upon the spatial structures of the data, as well as to compare maps built upon different variables, even if this common practice suffered from theoretical flaws. Maps could thus appear as scientific tools, possibly superiors to the tables of numbers, that helped to reason and to discover new information.


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Bilder von Morgen

Die Diagramme der Futurologie
Claus Pias (Professor am Institut für Philosophie der Universität Wien)
Der Gebrauch von Kurven in der Futurologie scheint zunächst spärlich: Ossip Flechtheims Standardwerk enthält auf 430 Seiten gerade mal eine einzige und Alfred Bönischs Übersicht gar keine. Dennoch sind Kurven und Diagramme für die »Verwissenschaftlichung der Zukunft« während des Kalten Krieges von großer Bedeutung, und dies in zweierlei Hinsicht. Einerseits als Technik der Interpolation in der »surpise-free-prediction« einer hypothetischen »Normalwelt«, in deren Zukunft es keine qualitativen Brüche, sondern nur quantitative Veränderungen gibt. Andererseits aber bei den Visualisierungen von Computersimulationen innerhalb der »Systems Analysis«, die gerade die Unvorhersagbarkeit nichtlinearer komplexer Systeme anschaulich belegen. Der Vortrag will dieser doppelten Figur der Interpolation und der Unberechenbarkeit in der Zukunftsforschung an prominenten Beispielen nachgehen.


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Anschaulicher Kapitalismus
Tabellen, Diagramme und Kurven in der Ökonomie

Wolfgang Pircher (Assistenzprofessor am Institut für Philosophie der Universität Wien)

Seit der Zeit des Beginns der Politischen Arithmetik unterhält die Ökonomie, die allerdings im 17. Jahrhundert noch nicht ihre heutige Gestalt hatte, eine enge Beziehung zur Statistik. Hierfür charakteristisch ist William Petty. Die Tabelle war ein fleißig gebrauchtes Mittel der Politischen Arithmetik, die sich dadurch auch von der später so genannten deutschen Universitätsstatistik unterscheidet. Das bekannteste Diagramm der Ökonomie des 18. Jahrhunderts ist wohl das Tableau économique von Quesnay. Als William Playfair Ende des 18. Jahrhunderts ökonomische Zeitreihen in Kurven umzeichnet, rückt die simple zahlenmäßig darstellbare Empirie in ein doppeldeutiges Verhältnis zur Theorie ein. Die Kurven dienen sowohl zur Darstellung empirischer Daten, wie für die Veranschaulichung theoretisch bestimmter Zusammenhänge. Die Kurve wird damit in gewisser Weise zum Modell. Als solches wird sie zum epistemisch prägenden Moment.


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Verschwommene Referenzen
Hausnummer und Tabelle um 1770

Anton Tantner (Lehrbeauftragter am Institut für Geschichte der Universität Wien)

Ausgehend von einer Klage eines habsburgischen Beamten von 1774 über die Mühsal, so viele Tabellen verfertigen zu müssen, möchte ich in meinem Vortrag die Aufgabe behandeln, die der Hausnummer zukommt, zwischen der papierenen Tabelle und dem flüchtigen Realen einen möglichst unauflösbaren Zusammenhang zu stiften. Nicht immer kann jedoch die Aufgabe der eindeutigen Adressierung problemlos geleistet werden, was am Beispiel der Schiffsmühlen gezeigt wird.Behandelt werden weiters zwei frühe Formen von Tabellen, die in Form des Buchs angelegt wurden: Zum einen die Hofquartiersbücher, die in Wien ab Ende des 16. Jahrhunderts zur Verzeichnung freier, für Hofangehörige verfügbarer Wohnflächen verfasst wurden; zum anderen die Kirchenbücher („Matriken“), die der Verzeichnung der Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle dienten. Im Falle der ersteren wurden der besseren Übersicht den aufgenommenen Häusern Nummern zugeordnet, die jedoch nicht an den Häusern selbst angebracht wurden; im Falle der Kirchenbücher wurde im Zuge der 1770/71 in den westlichen Provinzen der Habsburgermonarchie vorgenommenen Volkszählung („Seelenkonskription“) und Hausnummerierung staatlich angeordnet, für die Hausnummer eine eigene Rubrik aufzunehmen.


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