Tabellen, Kurven, Piktogramme.
Techniken der
Visualisierung in den Sozialwissenschaften.
Das Schicksal des Stereogramms.
Zum Material der Abstraktion und seinen Spuren im kollektiven
Gedächtnis
(Vortrag in englischer Sprache.
Powerpoint-Präsentation auf
Englisch und Deutsch)
Éric Brian (Directeur d'Études an
der École des Hautes Études en Sciences
Sociales, Paris).
Gegen 1880 sehen die Statistiker im Stereogramm ein neues Verfahren der
graphischen Umsetzung ihrer Ergebnisse. Dabei handelt es sich um eine
Darstellung in drei Dimensionen. Diese Möglichkeit graphischer
Darstellung wurde vergessen, blieb aber im kollektiven
Gedächtnis
der Sozialwissenschaften, der Künstler und Graphiker teilweise
erhalten. Wie hat sich das Material, das diesem Verfahren zugrunde
liegt, damals auf die Form der Abstraktion ausgewirkt? Und welche
Spuren davon sind bis heute erhalten geblieben?
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Europe
at a glance oder: Wie sich Staaten weiterbilden
Günter Hefler (Wissenschaftlicher Mitarbeiter an
der Donau-Universität Krems und bei 3s (
www.3s.co.at) in Wien)
Kein Politikfeld der Europäischen Union, in dem nicht
über
einen eklatanten Mangel an vergleichbarer statistischer Information -
zu den Mitgliedsstaaten und darüber hinaus - geklagt wird.
Aber
auch kein Feld, in dem nicht eine große Anzahl statistischer
Indikatoren Auskunft über die Verhältnisse in den
Mitgliedsländern der EU und Anlass für Lob und
Rüge
geben würden. Und wir sind gewohnt, Europa auf einmal in den
Blick
zu nehmen, zusammengedrängt in Diagrammen, die uns sagen, wie
sich
die Länder in dem unterscheiden, was als Zähleinheit
genannt
worden ist. Im Vortrag wird am Beispiel der europäischen
Statistiken zum Lebenslangen Lernen der Frage nachgegangen, welche
Erwartungen die Produktion und Rezeption der europäischen
Sozialstatistik steuern. Was tun wir, wenn wir in unserer Arbeit bei
der Statistik unseren Ausgangspunkt nehmen? Die Produktionsweisen der
Europäischen Statistik sind dabei insgesamt von ihrer
wissenschaftlichen Rechtfertigung weitgehend unabhängig und
gehorchen Mustern politischer Interessenvereinbarung, die bereits
für die europäischen Statistikkongresse des 19.
Jahrhunderts
üblich waren. Das politische Potential, das in der Forderung
nach
statistischer Repräsentation steckt, wird entschärft,
indem
ExpertInnengremien die Indikatoren vorgeben, die ausreichen sollen,
darzustellen, was immer dargestellt zu werden lohnt. Die durchaus "im
Licht der Öffentlichkeit" erzeugten Datenbestände
drohen dann
zu einem Erkenntnishindernis zu werden: Präsentiert als
statistische Diagramme verhindern sie die Sichtbarkeit eines Mangels an
Wissens.
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Zur
Epistemologie von Powerpoint-Karaoke
Herbert Hrachovec (Professor am Institut für Philosophie an
der
Universität Wien.
Weitere Informationen unter
http://hrachovec.philo.at)
"Powerpoint-Karaoke" ist ein Partyspass. Die Vortragenden erhalten
eine willkürlich gewählte Präsentation und
müssen
dazu live ein Referat improvisieren. Die Slides wirken wie die
Musikbegleitung im Hintergrund, der Umgang mit dem Text ist allerdings
anspruchsvoller - er hat ein Element von Stegreifkunst. Das Spiel
reißt auseinander, was in den entsprechenden
Präsentationen
geschickt kombiniert werden sollte, und eröffnet dadurch einen
Einblick in die Rhetorik dieser computer-unterstützten
Kommunikationsform. Die globale Verbreitung des Instruments in
professionellen Zusammenhängen affiziert unsere Denkweise. Der
Jux
deckt einige gewöhnlich ungenannte Faktoren auf.
„Es
war nicht üblich, Daten und ‚Botschaften’
in Erlebnisräumen umzusetzen …“
Zu Otto Neurath als (r)evolutionärem Wissenskommunikator
Hadwig
Kräutler (Mitarbeiterin der Österreichischen Galerie
Belvedere)
Otto Neurath (1882-1945) kann als ein
‚Wissenskommunikator’
gesehen werden, der durchwegs auf breite demokratische Beteiligung hin
arbeitete. Im Roten Wien gründete Neurath das Gesellschafts-
und
Wirtschaftsmuseum (1925-1934), erforschte die musealen und
expografischen Möglichkeiten emanzipierender Kommunikation und
die
Bedingungen dieser Medien. International bekannt wurde diese Arbeit
Neuraths als „Wiener Methode der Bildstatistik“,
und
später, seit seinem holländischen Exil, unter dem
Akronym
ISOTYPE (International System of TYpographic Picture Education). Die
Prinzipien von ISOTYPE und der strategisch-strukturelle, von Neurath
eingeführte Mechanismus ‚Transformer’
waren
entscheidend für die relevante Aufbereitung von sozialen
Themen - dies für unterschiedlichste
Kommunikations-Settings (informelle, institutionalisierte; lokale,
regionale, internationale; multidisziplinäre), mit Wirkung in
eine
möglichst große Öffentlichkeit
(über Klassen-,
Bildungs- und Kulturgrenzen hinweg). Neuraths Ansatz war auf ein
radikal neues Verständnis von gesellschaftlich konstruiertem
und
tradiertem Wissen gegründet und zielte auf dessen prinzipielle
‚Humanisierung’ ab. Der Beitrag diskutiert diese
Überlegungen anhand von Otto Neurath's Technik der
Visualisierung
durch Kombination von Schrift und Bild (u.a. Piktogramme), seinen
‚Rules to Keep in Mind’ und Neurath's Auffassung
von
ISOTYPE Arbeit als Ausdruck politisch/wissenschaftlicher Haltung, sowie
mit Dokumenten aus der Ausstellungsarbeit.
Nationalitätenkarten
und -statistiken: Visualisierung oder Quantifizierung? (Mitteleuropa im
19. Jahrhundert)
Morgane Labbé („Maître de
conférence“
an der École des Hautes Études en Sciences
Sociales)
Im 19. Jahrhundert haben die politischen Ansätze zur
Errichtung von Nationalstaaten und der Aufschwung ihrer Verwaltungen
die Herstellung von Nationalitätenkarten und -statistiken
begünstigt. Dabei wurde auf ein breites Spektrum gelehrter
Traditionen wie Geographie, Philologie, Statistik etc.
zurückgegriffen. Statistische Tabellen und ethnographische
Karten
bildeten die bevorzugten Instrumente, die nationale
Zugehörigkeit
eines Territoriums oder einer Bevölkerung zu
repräsentieren,
d.h. in Objekten zu materialisieren und in wissenschaftlicher Sprache
zu objektivieren. Dabei ist es aber verblüffend, dass die
Repräsentationen in Karten und in Zahlen lange voneinander
getrennt blieben. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurden in Mittel-
und Osteuropa Nationalitätenkarten hergestellt, aber sie
verwendeten keine Zahlen oder nur in geringfügigem
Maße.
Zwar waren die Fakten hinsichtlich der Nationalität
der
Bevölkerung schon sehr früh verfügbar,
später
– ab der Mitte des 19. Jahrhunderts – wurden sie in
Volkszählungen gesammelt. Ethnographische Karten statistischen
Typs wurden aber erst spät, nicht vor den 60er Jahren des 19.
Jahrhunderts, hergestellt. Um dieses Auseinanderklaffen zu
erklären, wird der Vortrag eine Hypothese formulieren. Ihr
zufolge
kann die Einfügung von Ziffern in ethnographische Karten nicht
auf
eine technische Frage reduziert werden. Vielmehr muss diese technische
Frage auf Veränderungen in der Konfiguration des Wissens
bezogen
werden. Einer der markantesten Züge dieses Wandels ist das
Zurückweichen der historischen Philologie und der Aufstieg der
Demographie als jener Wissenschaft, der in Bezug auf Fragen der
Nationalität die größte Autorität
zukam. Die
demographische Herangehensweise an Fragen der Nationalität
führt die Frage des Messens ein – und in
Entsprechung
dazu die neuen Visualisierungstechniken: Es geht nicht mehr allein
darum zu sehen, sondern vorauszusehen.
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Bildsprache
und Wissenschaftssprache
Otto Neurath zur
Visualisierung in den Sozialwissenschaften
Eilsabeth Nemeth (a.o. Professorin am Institut für Philosophie
an der
Universität Wien)
Die Bildstatistik (ISOTYPE), die Otto Neurath in den 1920er Jahren
gemeinsam mit Gerd Arntz am Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum in
Wien entwickelt hat, ist zunächst vor allem als neues
pädagogisches Verfahren und als Mittel der
Wissenschaftspopularisierung bekannt geworden. Neurath hat sich aber
schon in seinen frühen ökonomisch-soziologischen
Arbeiten mit
der Frage beschäftigt, welche methodischen und konzeptionellen
Auswirkungen es hat, wenn unterschiedliche Formen graphischer
Repräsentation in den Sozialwissenschaften angewendet werden.
Diese frühen Überlegungen sollen einerseits mit
seinen
Arbeiten zur Bildstatistik und andererseits mit den Auffassungen zur
Wissenschaftssprache, die Neurath im Wiener Kreis vertreten hat,
zusammengeführt werden.
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„We
could not
photograph social objects even if we tried”
Otto Neuraths
Bildstatistik als Beobachtungs- und Darstellungsinstrument sozialer
Fakten
Sibylla Nikolow (Privatdozentin an der Technischen
Universität Braunschweig und Wissenschaftshistorikerin am
Institut
für Wissenschafts- und Technikforschung, Universität
Bielefeld)
Otto Neurath (1882-1945) visualisierte in seiner Bildstatistik Objekte
entsprechend ihrer Menge durch eine Anzahl von Zeichen, die nach einer
bestimmten Grammatik zu Sprachbildern zusammengesetzt wurden. Anders
als ihm die Kritiker unter den Statistikern entgegenhielten, ging es
ihm dabei weder um eine 1:1 Abbildung von Zahlenwerten noch um eine
verfälschende Reduktion komplexer Zusammenhänge.
Neurath
visualisierte mit seiner Methode nicht ein anderswo schon gegebenes
Wissen in ein neues, möglicherweise populäreres
Medium.
Für ihn war die Bildstatistik eine geeignete Methode, mit der
die
rationalistische Denkhaltung des Wiener Kreises innerhalb der
Wissenschaften wie der Lebenswelt verbreitet werden kann. Neurath ging
es um die Entwicklung eines rationalen Beobachtungs- und
Darstellungsinstrumentes von Fakten, über welches die
Naturwissenschaften z. B. mit dem Mikroskop oder dem Fernrohr bereits
verfügten. Die Bildstatistiken führten in diesem
Sinne auf
leicht zugängliche Weise gegenstandsbezogene Fakten vor und
halfen, Beobachtungsaussagen zu formulieren, die den engen Kriterien
des Empirismus und der Metaphysikfreiheit der wissenschaftlichen
Weltauffassung entsprachen.Im Vortrag wird auf Neuraths
epistemologische und pädagogische Kritik an
zeitgenössischen
Visualisierungsversuchen wie Zahlen-, Mengen-, Kurvenbilder
eingegangen und an Beispielen die Entwicklung und Anwendung seiner
Methode beleuchtet. Es wird damit konkret aufgezeigt, wie er sich
geeigneter graphisch-gestalterischer Mittel bediente, um zwischen
seinen wissenspolitisch-erkenntnistheoretischen und
pädagogisch-aufklärerischen Ambitionen mit der
Bildstatistik
einen geeigneten Kompromiss zu finden.
Land
of Light and Shadow
Baron Dupin’s shaded map and its
diffusion in moral and medical statistics
Gilles Palsky (Professor an der Univerität Paris 1 –
Panthéon – Sorbonne)
The first modern statistical map was designed by the baron Charles
Dupin and inserted in 1826 in his treatise on French political economy,
Forces productives et commerciales de la France. This type of map,
known today as a “choropleth map”, was named by
Dupin a
shaded map (carte teintée): it expressed the numerical data
through a scale of shades ranging from white to black. I explore in
this paper the scientific and ideological context of this cartographic
milestone, as well as the immediate reputation Dupin acquired with this
illustration in the learned circles. The shaded map quickly diffuse in
the works of social observers and then of reformers-hygienists and
physicians. Indeed, it allowed them to comment upon the spatial
structures of the data, as well as to compare maps built upon different
variables, even if this common practice suffered from theoretical
flaws. Maps could thus appear as scientific tools, possibly superiors
to the tables of numbers, that helped to reason and to discover new
information.
Bilder
von Morgen
Die
Diagramme der Futurologie
Claus Pias (Professor am Institut für Philosophie der
Universität Wien)
Der Gebrauch von Kurven in der Futurologie scheint zunächst spärlich: Ossip
Flechtheims Standardwerk enthält auf 430 Seiten gerade mal eine einzige und
Alfred Bönischs Übersicht gar keine. Dennoch sind Kurven und Diagramme für die
»Verwissenschaftlichung der Zukunft« während des Kalten Krieges von großer
Bedeutung, und dies in zweierlei Hinsicht. Einerseits als Technik der
Interpolation in der »surpise-free-prediction« einer hypothetischen
»Normalwelt«, in deren Zukunft es keine qualitativen Brüche, sondern nur
quantitative Veränderungen gibt. Andererseits aber bei den Visualisierungen von
Computersimulationen innerhalb der »Systems Analysis«, die gerade die
Unvorhersagbarkeit nichtlinearer komplexer Systeme anschaulich belegen. Der
Vortrag will dieser doppelten Figur der Interpolation und der Unberechenbarkeit
in der Zukunftsforschung an prominenten Beispielen nachgehen.
Anschaulicher
Kapitalismus
Tabellen, Diagramme und Kurven in der Ökonomie
Wolfgang Pircher (Assistenzprofessor am Institut für
Philosophie der Universität Wien)
Seit der Zeit des Beginns der Politischen Arithmetik unterhält
die
Ökonomie, die allerdings im 17. Jahrhundert noch nicht ihre
heutige Gestalt hatte, eine enge Beziehung zur Statistik.
Hierfür
charakteristisch ist William Petty. Die Tabelle war ein
fleißig
gebrauchtes Mittel der Politischen Arithmetik, die sich dadurch auch
von der später so genannten deutschen
Universitätsstatistik
unterscheidet. Das bekannteste Diagramm der Ökonomie des 18.
Jahrhunderts ist wohl das Tableau économique von Quesnay.
Als
William Playfair Ende des 18. Jahrhunderts ökonomische
Zeitreihen
in Kurven umzeichnet, rückt die simple
zahlenmäßig
darstellbare Empirie in ein doppeldeutiges Verhältnis zur
Theorie
ein. Die Kurven dienen sowohl zur Darstellung empirischer Daten, wie
für die Veranschaulichung theoretisch bestimmter
Zusammenhänge. Die Kurve wird damit in gewisser Weise zum
Modell.
Als solches wird sie zum epistemisch prägenden Moment.
Verschwommene
Referenzen
Hausnummer und Tabelle um 1770
Anton
Tantner (Lehrbeauftragter am Institut für Geschichte der
Universität Wien)
Ausgehend von einer Klage eines habsburgischen Beamten von 1774
über die Mühsal, so viele Tabellen verfertigen zu
müssen, möchte ich in meinem Vortrag die Aufgabe
behandeln,
die der Hausnummer zukommt, zwischen der papierenen Tabelle und
dem flüchtigen Realen einen möglichst
unauflösbaren
Zusammenhang zu stiften. Nicht immer kann jedoch die Aufgabe der
eindeutigen Adressierung problemlos geleistet werden, was am Beispiel
der Schiffsmühlen gezeigt wird.Behandelt werden weiters zwei
frühe Formen von Tabellen, die in Form des Buchs angelegt
wurden:
Zum einen die Hofquartiersbücher, die in Wien ab Ende des 16.
Jahrhunderts zur Verzeichnung freier, für
Hofangehörige
verfügbarer Wohnflächen verfasst wurden; zum anderen
die
Kirchenbücher („Matriken“), die der
Verzeichnung der
Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle dienten.
Im Falle
der ersteren wurden der besseren Übersicht den aufgenommenen
Häusern Nummern zugeordnet, die jedoch nicht an den
Häusern
selbst angebracht wurden; im Falle der Kirchenbücher wurde im
Zuge
der 1770/71 in den westlichen Provinzen der Habsburgermonarchie
vorgenommenen Volkszählung
(„Seelenkonskription“) und
Hausnummerierung staatlich angeordnet, für die Hausnummer eine
eigene Rubrik aufzunehmen.