Zwischen Hegel und Levinas
Between Hegel and Levinas
ReferentInnen und Abstracts
Robert Bernasconi
Totality and Infinity in Hegel’s „
Glauben und
Wissen“
Much of the
negative criticism to be found in
Levinas’s „
Totality and
Infinity“
is
directed against Hegel’s mature
system and particularly his „
Philosophy of
Right“
.
Nevertheless, there are
strong and important connections that can be drawn between the
philosophical
problems addressed by the young Hegel and Levinas’s own set
of questions. In
this paper I focus on the connections that can be drawn between
Levinas’s „
Totality
and Infinity" and Hegel’s „
Glauben und
Wissen“
. „
Glauben und
Wissen“
is noteworthy for its diagnosis of the problems facing religion in the
aftermath of the enlightenment and its quest for good conscience. This
provides
the background for an examination of Hegel’s account of the
infinite in its
relation to finitude. Although Levinas consistently looks primarily to
Descartes for legitimation of his notion of the infinite,
Hegel’s more highly
developed notion of the infinite offers valuable elaboration of the
conditions
of any such thought. Furthermore, given Levinas’s
juxtaposition of totality and
infinity in the title of his book, and most reader’s simple
identification of
the word „
totality“
as code for
Hegel, the rich
account of totality offered by
Hegel in „
Glauben und
Wissen“
complicates matters
considerably. Hegel’s
account of reason can thus serve to throw light on Levinas’s
own thinking and
establishes a bond between Hegel and Levinas against the philosophies
of
finitude: Kant, Jacobi, Fichte – and Heidegger. My attempt to
bring Hegel and
Levinas together raises once more the very questions at the heart of
Hegel’s
and Schelling’s project in „
The Critical
Journal of
Philosophy“
of going
beyond negative readings of the history of philosophy. My claim is that
reading
Levinas in the light of Hegel’s „
Glauben und
Wissen“
opens the way to a
philosophically richer account of Levinas’s philosophical
enterprise than is customary
today.
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Petar Bojanic
On violence and
negation – Hegel, Levinas, Derrida
In
diesem Vortrag versuche ich, Levinas’ Lektüre von
Hegel und sein
Verständnis der Gewalt, der Feindes und des Krieges zu
rekonstruieren, indem
ich auf Franz Rosenzweigs Texte über Hegels Staat und Derridas
Interpretation
der unterschiedlichen Attribute der Gewalt bei Emmanuel Levinas
zurückgreife.
Mich interessieren die Klassifizierung einiger Figuren der Gewalt aus
unterschiedlichen Perioden von Hegels Leben und die Spuren dieser
Figuren in
Levinas’ Texten, beginnend mit „Liberté
et commandement“ aus dem Jahr
1953. Die Analyse von Hegels berühmter Analogie zwischen
Souveränität und
Organismus aus seiner „Rechtsphilosophie“ bzw. die
parallele Lektüre einiger
Abschnitte seiner „Naturphilosophie“ wird die
Verbindung zwischen Totalität und
Gewalt sowie Levinas’ Konzept einer „ontologie en
tant qu’une
allergologie“ zu erklären versuchen.
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Alfred
Hirsch
Tyrannische Freiheit und die „
Furie des Verschwindens“
Levinas’ Verhältnis zur Freiheit ist
‚schwierig’ – und das nicht nur in der
von ihm
gewählten ausdrücklichen Thematisierung. Viel zu
selten ist
bisher berücksichtigt worden, dass Levinas’ Kritik
der
freiheitsphilosophischen Tradition des deutschen Idealismus selbst
aporetisch bleibt. Levinas oszilliert mit seinen Überlegungen
zwischen der Zurückweisung einer
‚solipsistischen’
Freiheitskonzeption, wie sie sich bei Kant und Hegel findet, einerseits
und der ‚guten’ Freiheit, die von der
primären
Verantwortung für den Anderen her gedacht wird. Doch sowohl
die
Kant-Kritik als auch insbesondere die Hegel-Kritik Levinas’
greifen zu kurz und sollten vornehmlich als provokative Anstiftung zur
Relektüre Hegels (und Kants) aufgefasst werden. Levinas
Zurückweisung eines Freiheitsbegriffs, der im
‚Für
sich’ sein des ichs die letzte und höchste Instanz
des
Wissens ausmacht, ist zwar all zu verständlich.
„Nicht dass
das ‚Für sich’ begrenzt oder unaufrichtig
wäre!
– vielmehr ist es durch sich selbst nur Freiheit, d.h.
zufällig und ohne Rechtfertigung und in diesem Sinne
hassenswert;
es ist Ich, Egoismus.“ (Totalité et Infini) Wenn
diese
Überlegungen in der Kritik
der ‚schlechten’ Freiheit
gegen Hegel gewendet sind, dann lassen sie zumindest dessen
Bemühen außer Acht, die ‚absolute
Freiheit’
einer eingehenden und – für das politische Denken
der
Moderne – wegweisenden Infragestellung zu unterziehen. Schon
in
seinem ‚Naturrechtsaufsatz’, aber exponierter dann
in der
‚Phänomenologie des Geistes’
bemüht sich Hegel um
ein Freiheitsdenken, das über die Bestimmung von Freiheit als
Unabhängigkeit, Selbständigkeit und Autonomie
hinauszugehen
beabsichtigt. Dies wird besonders deutlich in dem
Kapitel ‚Die
absolute Freiheit und der Schrecken’ der
‚Phänomenologie des Geistes’. Die
‚absolute
Freiheit’ wird hier als die Geltung eines
‚allgemeinen
Willens’ eingeführt. Die Anknüpfung Hegels
an Rousseaus
‚volonté générale’
– und mithin
an dessen theoretische Probleme – sind offensichtlich. Der
Widerspruch zwischen der theoretischen Generierung des Staates und
dessen Regierung aus dem ‚allgemeinen Willen’
einerseits
und den in der Praxis exerzierten Entscheidungen und Handlungen, die
den einzelnen konkreten historischen Subjekten richtig und geeignet
scheinen andererseits, führen zum
‚Schrecken’ zum
‚terreur’ der Revolution. Mit großer
Skepsis sieht
Hegel hier die Gefahren moderner politischer Tyrannei heraufziehen, die
gleichwohl keinen Spielraum für eine Alternative zur
rechtsstaatlich verbrieften Freiheit lassen. Hierin antizipiert er
zweifelsfrei das Diktum Levinas’, nämlich dass
Freiheit
keine Realität außerhalb der sozialen und
politischen
Institutionen zu finden vermag.
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Henning Tegtmeyer
Dialektik und Dialog. Die
Form der Vernunft bei Hegel und Buber
Hegel entwirft in der Wissenschaft der Logik einen konsequent
dialektischen Vernunftbegriff, der auch die Form seines eigenen
Philosophierens bis ins Detail prägt. Dialektik scheint dabei
aber
prima facie kaum im antiken Sinn, nämlich als Kunst des
wahrheitsorientierten Streitgesprächs deutbar zu sein.
Vielmehr
ist die Vernunft anscheinend für Hegel deswegen dialektisch,
weil
sie das Medium der Selbstbewegung des Begriffs ist. Personen als
denkende Wesen und damit als Agenten begrifflicher Entwicklung
kämen demnach im Rahmen von Hegels Vernunftauffassung
allenfalls
aus akzidentellen Gründen in den Blick, etwa als Beispiele
für ein bestimmtes Denkmoment oder auch als Hemmnisse einer an
sich notwendigen geistigen Entwicklung.
Demgegenüber scheint in der dialogischen Philosophie Martin
Bubers, etwa in Ich und Du, der einzelne Mensch als Person ganz ins
Zentrum des Vernunftverständnisses zu rücken.
Vernunft
scheint hier gar nicht anders denkbar zu sein denn als die Vernunft
eines sprechenden, gesprächsbedürftigen und das
Gespräch
suchenden Wesens, einer konkreten Person. Selbst das Gespräch
mit
Gott muss nach Buber – trotz der unendlichen Differenz
zwischen
Gott und Mensch – als ein Gespräch zwischen Personen
gedeutet werden, was die biblische Rede von der Gottesebenbildlichkeit
des Menschen unterstreicht. Eine allgemeine Vernunft im Sinne Hegels
scheint hier allenfalls sekundär, nämlich als
theoretische
Abstraktion von der konkreten Vernunft des Gesprächs und des
gemeinschaftlichen Tuns, denkbar.
Beide Positionen wären in ihrer jeweiligen Einseitigkeit
durchaus
kritikwürdig. Ließe ein personenneutraler, formaler
Vernunftbegriff, wie man ihn Hegel zuschreibt, keinen Raum für
das
Verständnis individueller Personalität, so
unterschlüge
ein individualisierter Vernunftbegriff, wie man ihn mit Buber
verbindet, gerade die Allgemeinheit und Universalität
vernünftigen Denkens und machte so auch das zum
Rätsel, was
er zu erklären vorgibt, nämlich die
Möglichkeit
personaler Kommunikation. Doch bei näherem Hinsehen erweist
sich
ohnehin, dass weder Hegel noch Buber die ihnen so oft von
außen
zugeschriebenen Positionen vertreten, auch wenn sie solche Lesarten
durch gelegentliche Formulierungen zu ermutigen scheinen. Im Gegenteil
gelangt Hegel gerade über die Reflexion der Form der Vernunft
zu
einem emphatischen Begriff individueller personaler Freiheit,
während Buber im Gespräch zwischen konkreten Personen
die
Universalität der Vernunft auffindet. Diese Beobachtung mag zu
einer weiter gehenden Suche nach den nicht so offensichtlichen
Konvergenzen zwischen Hegels und Bubers Vernunftauffassung ermutigen,
ohne dabei die offensichtlichen Differenzen zu unterschlagen. Ein
solcher Vergleich ist zugleich aufschlussreich für die
Konzeption
der Vernunft bei Levinas.
Abstract auf Englisch
Gabriella Baptist
Derridas „
Glas" zwischen
Hegel und Levinas
Obwohl direkte Verweise auf Levinas nicht explizit
vorkommen, kann man Derridas „Glas“
– ein
Werk, über das meistens immer noch
geschwiegen wird – doch auch als
eine Auseinandersetzung mit Hegel nach Levinas deuten. Derridas
Stellungnahme zu den ‚immensen Schatten’ der
Tradition (so in „Gewalt und Metaphysik“)
wird in „Glas“ wortwörtlich zu
einer Entgrenzung,
wobei etwa im Überschuss der Wunde oder der Schrift
nach dem
‚Anderen’ des griechischen
Logos gesucht wird. Der
‚Totalität’ des Hegel'schen Diskurses, der
man
sich angeblich archäologisch anzunähern
habe,
wird in „Glas“ allerdings nicht die
eschatologische
‚Unendlichkeit’ des noch metaphysisch-mystischen
Jenseits einer ethischen
Andersheit entgegengesetzt, sondern vielmehr jene ‚endliche
Unendlichkeit’
eines diesseitigen transgressiven Wunsches, welcher auch
‚graphisch’ Ausdruck
findet. Die Sprache, die Kunst und die Literatur bieten - vielmehr als
die
religiöse
Dimension - dann den alternativen Oszillationsrahmen, um das
vermeinlich
abgeschlossene System des absoluten Wissens der Gegenwart zu lesen, und
können als jene
‚äußerliche’
phänomenologische Transzendenz gelten, an der es
gemessen wird. Zwischen der Urtragödie der Tradition (bzw. der
Identität, der
Geschichte, der Erbschaft usw.) und dem Triumph der irdischen
Öffnung einer
anderen Erfahrung der Kontingenz spielt die Philosophie dann weiterhin
ihre
entstellende, fragende und problematisierende Rolle.
„Glas“ soll im Vortrag hauptsächlich vor
dem Hintergrund von
Derridas Deutung von Levinas und dessen
Hegelianismus/Antihegelianismus, in der
Auseinandersetzung mit Husserl und mit Heidegger, sowie im Hinblick auf
die
Entgegensetzung/Dissymmetrie von Dialektik/Dialog und
Differenz/Andersheit
gedeutet werden. Einige in „Glas“
bearbeitete
Themen sollen auch gemäß den theoretischen
Anregungen von „Totalität und
Unendlichkeit“ interpretiert werden - dabei wird
besonders die
Frage nach der Gerechtigkeit im Mittelpunkt stehen.
Brigitta Keintzel
Transformationen des
Weiblichen in der Philosophie der Moderne (Hegel,
Derrida und Levinas)
Das Subjekt reflektiert und artikuliert sich durch kulturelle Modelle,
Bilder und Symbole. Umgekehrt gestaltet und verändert das
Subjekt
jene Modelle, Bilder und Symbole. Die Fähigkeit sich selbst zu
begreifen, hängt von den Möglichkeiten und Grenzen
ab, sich
zur Sprache zu bringen (Wittgenstein), und von der Art und Weise, wie
wir glauben, dass Andere (f/m) uns wahrnehmen. Diese
Möglichkeiten
werden durch Anerkennung impliziter Formen und Ideen, die kulturellen
Modellen, Bildern und Symbolen zugrunde liegen, strukturiert Einen
wesentlichen Anteil an diesen Anerkennungsprozess hat nicht nur die
Forderung an die Individuen ihre Bedürfnisse,
Wünsche,
Fantasien zur Sprache zu bringen (Foucault / Castel), sondern ebenso
die Forderung, die aus dem öffentlichen
„Selbstvergewisserungsprozess der Moderne“
(Habermas)
resultiert, die allgemeinen, individuellen und
geschlechterdifferenzierenden Belange in einen neuen Zusammenhang zu
bringen, ohne auf metaphysische Illusionen Bezug zu nehmen.
Nach Hegel ist das Relevantwerden der Geschlechterdifferenz ein
wesentlicher und zweifacher Bestandteil in der Kultur der Moderne:
Erstens durch die Neuformulierung des subjekt-orientierten
Standpunktes, der Freiheiten des Subjekts im Kontext
geschlechtsspezifischer Zusammenhänge begreift. Zweitens durch
die
Neuformulierung des substantialistischen Standpunktes, der die Annahme
impliziert, dass das Subjekt normativ bestimmt ist, und diese Normen
eine genderspezifische Prägung aufweisen. Hier bildet die
Grundlage für die Betrachtung der Geschlechterdifferenz ein
platonisch geprägtes komplementäres Modell, das die
Frau in
Ableitung zum Mann beschreibt. Nach 1830 zeichnet sich ein Bruch mit
dieser Sichtweise ab: Geschlecht wird nicht über Differenz,
sondern primär in seiner weiblichen Ausprägung
begriffen. Im
postmetaphysischen Verständnis von Wahrheit ist die Idee nicht
mehr über die „Präsenz der
Anwesenheit“
charakterisiert, sondern die Idee tritt im Verständnis von
Derrida
und Sarah Kofman und in Anknüpfung an Nietzsche
zurück und
wird „transzendent unzugänglich“ und
„verführerisch“. Sie steht für
das Wechselspiel
von An- und Abwesenheit, Auflösung und Verschiebung eines
„Simulakrums des Anwesens“. Levinas führt
diese
Tradition fort. Geschlechtlichkeit begreift Levinas
in „Autrement qu’être ou
au-delà de
l’essence“ nicht über die Macht der
Positivität
bestehender Differenzen, sondern dekonstruktiv über die Macht
der
Verschiebung. Welche Rückwirkung diese Sichtweise für
eine
Neubetrachtung der Geschlechterverhältnisse hat, wird unter
Bezugnahme auf die Tragödie Antigone von
Sophokles diskutiert.
Abstract auf Englisch
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Tanja
Stähler
Früher
als die Kultur: Levinas’ Platonismus als
Antihegelianismus?
Der
erste Teil meines Titels wurde dem Titel entlehnt, den
Levinas für Abschnitt
VIII seines Essays „Die Bedeutung und der Sinn“
(1972) wählt. In jenem Text
stellt Levinas die „zeitgenössische
Philosophie der Bedeutung“ dem Platonismus
gegenüber. Die zeitgenössische Philosophie der
Bedeutung wird dabei vorrangig
von Hegel, Bergson und Merleau-Ponty repräsentiert. Deren
Standpunkt kann in
der These zusammengefasst werden: „[D]ie Wahrheit ist nicht
von ihrem
historischen Ausdruck zu trennen“ (BS,
22). In meinem Vortrag möchte ich untersuchern, inwiefern
diese und ähnliche
Aussagen auf Hegels Philosophie zutreffen.
Worin besteht Levinas’ Kritik an den
Philosophien der Bedeutung und der Kultur? Er kritisiert sie nicht
für ihre
Betonung der Kultur als solche, sondern für die Annahme, dass
Kultur eine
irreduzible, ursprüngliche Struktur oder Kategorie sei.
Levinas schreibt, dass
„die zeitgenössische Philosophie, und zwar zurecht,
mit Nachdruck auf der
hermeneutischen Struktur der Sprache und auf der kulturellen
Anstrengung des
inkarnierten Seienden, das sich ausdrückt“, besteht.
Doch in diesem
berechtigten Bestehen wird „die Richtung auf den Anderen
hin“ vergessen, der
nicht bloß Mitglied einer bestimmten Kultur, sondern zuerst
und vorrangig
„Gesprächspartner“ ist (BS,
39). Eine
Untersuchung von Kultur darf nicht vergessen, dass ein Interesse an
kulturellen
Strukturen nur aufkommt, weil die ursprüngliche dyadische
Beziehung mich
inspiriert und motiviert, solche Untersuchungen zu unternehmen.
Für
diese erste Beziehung ist der kulturelle Hintergrund des Anderen
irrelevant.
Damit ist jedoch eine spätere Besinnung auf kulturelle Welten
nicht
ausgeschlossen - vorausgesetzt, die ursprüngliche Dimension
wird nicht
vergessen oder verletzt.
Levinas’
Argument für die Asymmetrie und Irreduzibilität
meiner Beziehung
zum Anderen schließt ein, dass es keinen gemeinsamen
„Grund“ für mich und den
Anderen gibt. Das Fehlen einer gemeinsamen Welt könnte demnach
gerade ein
Argument für eine analoge Asymmetrie zwischen Kulturen
darstellen. Levinas’
Gegner in diesem Essay scheinen radikaler Historismus und Relativismus
zu sein
– doch Hegel gehört weder der einen noch der anderen
Gruppe zu.
Gegen Ende des Abschnitts
„Früher als die Kultur“ schreibt
Levinas, dass
die Normen der Moral „nicht in die Geschichte und die Kultur
verwickelt“ sind;
vielmehr machen sie „jede Bedeutung, selbst die kulturelle,
möglich und
erlauben, die Kulturen zu beurteilen“ (BS,
50). Hier bekennt Levinas deutlich Farbe als Platoniker; es
muss untersucht
werden, wie solche moralischen Normen zugänglich sind. In
jedem Fall findet
Levinas nicht die Erforschung kultureller Welten als solche
problematisch,
sondern vielmehr die oftmals damit einhergehende Annahme, dass den
kulturellen
Werten nichts vorhergeht. Wenn der Vorhergang moralischer Ideen und der
Vorrang
der Ethik bewahrt werden, steht der Untersuchung von Kultur und
Geschichte
nichts entgegen. Solange die Begegnung von Antlitz zu Antlitz als
Ausgangspunkt
anerkannt wird, kann durchaus gefragt werden, wie wir von dort aus zu
größeren
Gemeinschaften gelangen. Wenn eine solche Lektüre sich als
plausible erweist,
stellt sich heraus, dass Levinas’ Platonismus
nicht zwangsläufig ein
Antihegelianismus ist.
BS
= Emmanuel
Levinas, „Die
Bedeutung und der Sinn“ (1972). In: Ders., Der
Humanismus des anderen Menschen. Übers. L. Wenzler.
Hamburg: Meiner, 1989, S. 9-59.
Abstract auf Englisch
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Werner Stegmaier
„
Wie
jedes
Geschlecht über die Liebe sein Vorurteil hat.“
Nietzsche zwischen Hegel
und Levinas
Die
Philosophien von Hegel und Levinas zeigen ganz eigene Gesichter. Sie
einander
face-to-face begegnen zu lassen, schließt aus, sie abstrakt
nach bestimmten Lehrmeinungen zu
vergleichen. So würde entweder die eine den Begriffen der
andern
unterworfen oder beide den Begriffen einer (mehr oder weniger deutlich
artikulierten) dritten. Der Beitrag setzt darum dort an, wo die beiden
Philosophien selbst von der Unvergleichbarkeit handeln, bei der
Unvergleichbarkeit der Geschlechter. Das
Geschlechterverhältnis ist
ein Testfall des face-to-face. Es ist das Verhältnis, in dem
Menschen einander leiblich am nächsten
kommen und in dem sie als Geschlechter dennoch unüberwindlich
andere bleiben: jedes Geschlecht kann das Verhältnis zum
anderen nur von seinem eigenen Geschlecht
aus bestimmen, keines kann es neutral betrachten. Wie Philosophien das
Geschlechterverhältnis einordnen, ist darum auch ein Testfall
für sie,
und sie lassen einander darin zuordnen. Der Beitrag geht bei dieser
Zuordnung
aber wieder nicht von einem abstrakten Dritten, sondern von einer
Philosophie
mit einem wiederum eigenen Gesicht aus, der Philosophie Nietzsches. Sie
liegt
zugleich zeitlich zwischen den Philosophien von Hegel und Levinas und
zeigt an,
wie stark sich in dieser Zeit die Haltung zum
Geschlechterverhältnis
gewandelt hat: Nietzsche geht bereits von grundlegend neuen sozialen
Voraussetzungen aus und dann noch einmal Levinas. Der Beitrag setzt mit
der
Interpretation eines Aphorismus von Nietzsche aus dem V. Buch der
„Fröhlichen
Wissenschaft” ein „Wie jedes
Geschlecht über die Liebe sein Vorurteil hat” (Nr.
363) und blickt von dort aus auf die Philosophie
Hegels zurück- und auf die Philosophie Levinas’
voraus. Beide
arbeiten mit denselben leitenden Begriffen wie Nietzsche, Hingabe und
Besitz,
deuten daraus jedoch das Geschlechterverhältnis
charakteristisch anders.
Abstract auf Englisch
Sandra Lehmann
Totalität
der Vernunft versus Totalität des Lebens – Zu Franz
Rosenzweigs Kritik der
Staatsphilosophie Hegels
In meinem Vortrag soll es darum
gehen, die Kritik der politischen Sphäre in den Blick zu
bringen, die sich in
Franz Rosenzweigs Stern der Erlösung
abzeichnet. Da der zentrale Opponent von Rosenzweigs Kritik die
Staatsphilosophie Hegels ist, wird zunächst zu zeigen sein,
inwiefern sie aus
Rosenzweigs Sicht die Kristallisation einer sich im Zuge der Moderne
auf sich
selbst stellenden und sich im weiteren totalisierenden Vernunft bildet.
Hegels
Staatsphilosophie „erfasst“ – so
ließe sich mit Rosenzweig sagen –
tatsächlich
„ihre Zeit in Gedanken“. Sie reflektiert auf die
Situation des modernen Lebens,
um diese zugleich als das non plus ultra
zu erweisen und abzusichern. Die Bedeutung des Politischen wird dabei
fundamental. Das Politische bildet die Sphäre, in der sich das
Vernunftwesen
Mensch primär gestaltet, d.h. sich eine objektive Wirklichkeit
schafft.Ich
werde die gerade genannten Aspekte im Rekurs auf den Dritten Teil des
Sterns der
Erlösung vertiefen. Die Kategorien der Hegelschen
Staatsphilosophie (Volk, Sitte, Recht, Gewalt, Gesetz, Staat) sind
in diesem Teil prominent. Rosenzweig verwendet sie immer da, wo es sich
um die
politischen Manifestationen menschlicher Vernunft handelt. Um die
kritische
Dimension von Rosenzweigs Bezugnahme auf Hegel zu verstehen, sind
dessen
politisch-philosophische Kategorien im Gesamt der Systematik zu sehen,
die
Rosenzweigs Stern aufmacht. Ihre
Stellung ist hier bezeichnend. Rein weltgeschichtlich, d.h. auf den
immanenten
menschlichen Geschichtsraum bezogen, erfassen sie nur einen Ausschnitt
der
menschlichen Seinswirklichkeit, die tatsächlich – so
Rosenzweig – in der transzendenten
Gottesrelation gründet. Die Hegelschen Kategorien sind daher
nicht unwahr. Sie
sind aber ebenso wenig in dem vollen Sinne wahr, den sie beanspruchen.
Die sie
einordnenden Kategorien des Sterns der
Erlösung sind ihnen überlegen. Konkret umgelegt
bedeutet das, dass das
Politische, mit Rosenzweig verstanden, nicht die Grundform menschlicher
Praxis
ausmacht. Die Frage, was Rosenzweig zufolge an die Stelle des
Politischen
tritt, lässt sich mehrsinnig beantworten (die Handlung zum
„Nächsten“, jüdische
Lebenspraxis, christliche Lebenspraxis). Ich werde diese Mehrsinnigkeit
zugunsten eines Modells säkularer Solidarität
aufzulösen versuchen, das sich
meines Erachtens von Rosenzweig her entwickeln lässt.
Pascal Delhom
Staat,
Recht und die Verletzung der Freiheit
In einem Abschnitt
über die
„Wahrheit des Willens“ in
„Totalität und Unendlichkeit“
stimmt
Levinas mit Hegel überein, dass der gute Wille nur dann wahre
Freiheit ist, wenn er über die Mittel seiner Verwirklichung
verfügt, die ihm durch soziale und politische Institutionen
gegeben werden. Die Freiheit verwirklicht sich im Staat und durch die
Gesetze. Gegenüber der Gewalt ist die reine innerliche
Freiheit
eine Illusion, die der Gefahr des Verrats ausgesetzt ist.
Doch Levinas fügt
sofort hinzu,
dass die in der Objektivität des Gesetzes gesicherte Freiheit
nur
noch existiert, als ob sie tot wäre, als ob ihre
Subjektivität, die sich in der ersten Person
ausdrückt, davon
ausgeschlossen worden wäre. Und er setzt bekanntlich dem
universellen Urteil der Geschichte die Apologie der
Subjektivität
entgegen, die in der ersten Person spricht. Diese Entgegensetzung
bedeutet allerdings nicht, dass Levinas die Notwendigkeit der
Institutionen und des Gesetzes bestreitet. Er behauptet nur die
Notwendigkeit eines Wortes hinter ihnen, das sich der Gewalt des
Urteils der Geschichte entzieht. Hierbei distanziert er sich von Hegel,
allerdings auf Grund einer Eigenschaft der Freiheit, die gerade Hegel
unterstrichen hatte: ihrer Verletzlichkeit.
Hegel verbindet
nämlich die Idee
der Freiheit nicht nur mit dem Recht und mit den verschiedenen Etappen
ihrer Verwirklichung. Er betont auch die Verletzlichkeit der Freiheit
und des Rechts, sobald sie sich im Dasein verwirklichen. In seinen
Grundlinien der Philosophie des Rechts beschreibt er die verschiedenen
Ebenen dieser Verletzung, die den Ebenen der Verwirklichung des Rechts
entsprechen. Und er betont die Rolle der Verletzung des Rechts im
Willen des Verbrechers für den Übergang vom Recht in
die
Moralität. Denn nur durch die Verletzung des verletzenden
Willens
in der Strafe, die zugleich das eigene Recht dieses Willens
enthält, wird sich dieser Wille des eigenen Rechts bewusst:
Der an
sich seiende Wille wird auch für sich und wirklich.
Auch Levinas verbindet die
Moralität der Freiheit mit der Entdeckung ihrer eigenen
Schuld.
Allerdings erfolgt bei ihm diese Entdeckung durch das Wort des anderen
und nicht durch die Strafe und deren entscheidendes Element ist die
Verletzung des anderen und nicht, wie bei Hegel, die Verletzung des
Rechts im Willen des Verbrechers (Hegel erwähnt zwar die
Verletzung des Rechts im Verletzten und in allen, vervolgt sie aber
nicht weiter). Dieser Unterschied könnte die Quelle ihres
Dissenses in der Auffassung sowohl der Rechtfertigung der Freiheit wie
auch ihres Verhältnisses zum Gesetz, zu den Institutionen und
zum
Staat sein.
Burkhard Liebsch
Ethische versus geschichtliche Gewalt?
Mit Verachtung hat Levinas ein Geschichtsdenken bedacht,
das
sich indifferent über die Singularität des und der
Anderen
hinwegsetzt, wie er meint. Wie aber kann es diese Kritik vermeiden, die
Geschichte nur zu verachten und
gerade
dadurch zu ihrem Komplizen zu
werden, wenn sie nicht ihrerseits als Gesagtes bzw. als
„Zeugnis
des Geistes“ (Hegel) sich auch äußert und
zu einer
anti-geschichtlichen Kraft wird? Keineswegs zeugt die Wahrheit
für
sich selbst, wie es sich Rosenzweig erhofft hatte. Sie ereignet sich
ursprünglich „zwischen uns“, wie einer von
Levinas’ Buchtiteln besagt, und bedarf der praktischen
Bewährung – aber fern von einer
fragwürdigen Emphase
der Bezeugung, die nicht einmal ahnen würde, wie nahe eine
unkritische Berufung auf ein Zeugnis für den Anderen
(
attestation)
eben der Gewalt zu kommen droht, gegen die sich Levinas mit seinen
ganzen Werk gestemmt hat.
Wenn man sich nicht einer unbegrenzten
ethischen Gewalt
ausliefern
will, muss man dann nicht auf das Politische zurückkommen, so
wie
es sich geschichtlich manifestiert? Kann die Ethik, die Levinas
verteidigt, nicht allenfalls als außer-ordentliche Subversion
des
Politischen gelten, dessen sie aber gerade deshalb bedarf, wenn sie
nicht jeglichen Ordnungsbezug einbüßen soll? Liegt
Levinas
in dieser Hinsicht wirklich so fern ab vom Hegelianismus, wie es
zunächst den Anschein hat? Hat nicht Hegel die
Würdigung, die
Antigone ihrem Bruder noch im Tod zu schulden glaubte, ganz nahe an den
Gedanken einer außer-ordentlichen Verantwortung für
den
sterblichen Anderen herangerückt, aber so, dass sie
anti-politisch
im Politischen zur Geltung kommt und nicht einfach aus ihm
ausschert?
Wäre daraus für Levinas’ Philosophie nichts
zu lernen?
Oder reduziert Hegel die Verantwortung doch auf eine familiale, der
polis sich
im Einzelfall widersetzende Pietät? Nichts
dergleichen
ist bei Levinas gemeint, wo von der Singularität des Anderen
die
Rede ist. Jeder Andere, will Levinas einschärfen, ist einzig
in
seiner Art, nicht aber deshalb, weil er nur einmal vorkommt wie ein
Unikat oder Unikum. Aber ist es so abwegig, Hegels Antigone-Deutung mit
Levinas zu revidieren, um zu zeigen, wie die noch dem toten Anderen
geschuldete Verantwortung anti-politisch im Politischen virulent wird?
Wenn die Verantwortung für den Anderen, die sich für
Levinas
niemals in einer sittlichen Lebensform aufheben lässt, mit
letzterer keine Synthese bilden kann, sind wir dann mit einem
tragischen Wider-streit zwischen Sittlichkeit und Verantwortung
konfrontiert?