Für Herbst 2009 ist ein Sammelband geplant:

Vernunft und An-Archie – Zwischen Hegel und Levinas
Hg. v. Brigitta Keintzel und Burkhard Liebsch

Willkommen sind Beiträge, die das von Hegel und Levinas abgesteckte philosophische Terrain reflektieren. Formale Richtlinien für die Manuskriptherstellung werden rechtzeitig bekannt gegeben.

Einleitende Überlegungen:
Denken im Anschluss an Andere heißt immer zugleich: sie im Gedachten würdigen – oder es ist das verschwendete Papier nicht wert. Wie könnte man es besser tun als im Verzicht auf jegliches Besitzdenken? Also im Verzicht auf Aneignung, wie ihn, für Levinas beispielhaft, Jean Wahl vorgemacht hat? Oder handelt es sich hier um ein bloßes Missverständnis? Besteht Denken etwa gerade in der begrifflichen Aneignung des Gedachten? Verführt das aber nicht dazu, aus gewissen Idiomen, Philosophemen oder sogar aus der Philosophie selbst ein „intellektuelles Feudalsystem“ zu machen, das die Beschlagnahme der Objekte des Denkens auf Dauer stellt? Ist jede vorläufig noch offene philosophische Auseinandersetzung bestenfalls ein gegenseitiger Aneignungsversuch, in dem noch nicht bereits fertig Bedachtes frontal aufeinander trifft, so dass ermittelt werden kann, wer Recht behält und Andere unnachsichtig mit besten Gründen dazu zwingen kann, sich selbst davon zu überzeugen? Bleibt uns alternativ nur eine unfertige Dialektik ohne Synthese? Oder ist der Inhalt der Auseinandersetzung weit weniger wichtig als die Begegnung selbst, die sie möglich machen kann? Erfordert Offenheit für die Begegnung konsequenten Verzicht darauf, ihren möglichen Ausgang vorwegnehmen zu wollen – im Gegensatz zur großen Versuchung einschließlich des Endes der Geschichte, im Vorhinein begreifen zu wollen? Wenn alle möglichen Gegensätze im Vorhinein durch ein geistiges Telos überholt sind, das angeblich „sich verwirklichen will“, überspringt man dann nicht auch die unvorhersehbare Begegnung mit dem Anderen?
Levinas’ zentrale Überzeugung, dass Verantwortung für den Anderen Vorrang hat gegenüber menschlicher Selbstverwirklichung im Namen der Freiheit, betrifft den „Ort“ der Begegnung mit dem Anderen als das „Zwischenmenschliche“ bzw. das Zwischen als solches. Diese Überzeugung steht diametral Hegels Theorie entgegen, die das Verlangen nach Anerkennung in Gestalt der Herr-Knecht-Dialektik als konstitutiv für die Genese des Selbstbewusstseins auffasst. Während Hegel im Sinne eines sich selbst vollbringenden Skeptizismus in der „Phänomenologie des Geistes“ das Telos als ein unendliches Sichwiederfinden beschreibt, setzt Levinas mit dem Vorwurf ein, Hegel ziele dabei dennoch auf eine Gewissheit ab, „die der Wegweiser und Garant für das gesamte Abenteuer des Seins bleibt. Gerade deshalb aber ist dieses Abenteuer kein Abenteuer. Niemals ist es riskant. Es ist Selbstbesitz, Prinzipat, ’arché’.“
Levinas’ Philosophie nimmt ihren Ausgang von der An-Archie menschlicher Sensibilität, die als Nähe gedeutet wird und die nach Levinas ein anderes Wort für Frieden ist. Hier stellt sich die Frage, ob sich Nähe als „Ort der Begegnung“ im Sinne einer spekulativen Dialektik als unendliches Ziel (bzw. als Telos), das Gewalt auch als Strategie der Vernunft rechtfertigt, oder im Sinne Levinas’ als Zwischen (bzw. als Nicht-Anfänglichkeit) deuten lässt. Muss jeder dieser Versuche darauf hinauslaufen, diesen Ort der Begegnung territorial zu besetzen, oder bleibt er uneinnehmbar jeder Aneignung entzogen? Lässt er sich gleichsam nur anpeilen auf verschiedenen Denkwegen, die sich wie ein Chiasma kreuzen, aber niemals zur Deckung kommen werden, wo Konvergenz und Divergenz zusammentreffen? Paradoxerweise wird dieser grund-lose Boden vielleicht nur dort nicht sofort verspielt, wo man sich bedingungslos einlässt auf eine unvorhersehbare Auseinandersetzung, ohne deren Auseinandersetzungen, Spielregeln und deren Sinn vorweg bestimmen zu wollen. Ob das gelingen und ob Philosophie insoweit eine privilegierte Disziplin des Sicheinlassen gelten kann, das steht zwischen Hegel und Levinas auf dem Spiel. Konkrete Umrisse dieser Herausforderung erarbeiten in dieser Perspektive einleitende Überlegungen zwischen Vernunft und An-Archie.

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