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Institut für Wissenschaft und Kunst

TÄTIGKEITSBERICHT 2004
 

Das Institut für Wissenschaft und Kunst, 1946 in Wien gegründet, begreift sich als Schnittstelle zwischen wissenschaftlicher Forschung und wissenschaftlicher Bildungstätigkeit. Es umfasst eine Summe von Forschungswerkstätten, in denen aktuelle Ergebnisse und neue Ansätze der Wissenschaft präsentiert und diskutiert werden, insbesondere Themen und Problemstellungen, die trotz ihrer Aktualität und Dringlichkeit noch nicht Eingang in den institutionalisierten Wissenschaftsbetrieb gefunden haben. Damit leistet das Institut einen Beitrag dazu, dass derartige Themen wissenschaftlich fundiert untersucht werden können. Aufgrund der interdisziplinären Ausrichtung bleiben die Themenstellungen nicht jeweils einer Disziplin vorbehalten, sondern werden aus unterschiedlichen Perspektiven reflektiert. Begründbare Beurteilungen der Problemstellungen für einzelne wissenschaftliche Disziplinen werden dadurch möglich.
Die Aktivitäten des IWK konzentrieren sich auf den gesellschaftsbezogenen Forschungsbereich, der in die Schwerpunkte "Frauenforschung / Gender Studies", "Emigrationsforschung" und "weitere Gesellschaftswissenschaften" unterteilt ist. Letzter Schwerpunkt ist wiederum untergliedert in: "Interkulturalität", "Kunst und Ästhetik", "Politik, Demokratie und Arbeit", "Psychoanalyse und Psychiatrie", "Sozial- und Kulturwissenschaften / Medientheorie", "Universität, Wissenschaft und Bildung". Die Schwerpunktthemen werden auf den Ebenen von Lehre und/oder Forschung realisiert und in Form von Symposien, Tagungen, Workshops, Seminarreihen, Arbeitsgruppen, Einzelvorträgen, Buchpräsentationen, Publikationen oder Forschungsprojekten umgesetzt.
 
 

EMIGRATIONS- UND EXILFORSCHUNG

FRAUENFORSCHUNG / GENDERSTUDIES

INTERKULTURALITÄT

KUNST UND ÄSTHETIK

POLITIK, DEMOKRATIE UND ARBEIT

PSYCHOANALYSE UND PSYCHIATRIE

SOZIAL- UND KULTURWISSENSCHAFTEN / MEDIENTHEORIE

UNIVERSITÄT, WISSENSCHAFT, BILDUNG




EMIGRATIONS- UND EXILFORSCHUNG
 

DOKUMENTATIONS- UND FORSCHUNGSSTELLE

Die Dokumentations- und Forschungsstelle "Österreichische Wissenschaftsemigration" dokumentiert in einer quantitativen und qualitativen Bestandsaufnahme die verlust- und folgenreiche Vertreibung österreichischer Intellektueller in der Epoche des Faschismus. Eine über das Internet zugängliche Datenbank (http://iwk.phl.univie.ac.at/emigration) baut auf den drei Elementen Person (z. B. EmigrantIn / AutorIn), Institution (z. B. Universität / Institut) und Werk (z. B. eines Emigranten / einer Emigrantin, eines nicht-emigrierten Autors / einer nicht-emigrierten Autorin) auf. Diese drei Elemente, Person-Institution-Werk, ermöglichen mit ihrer Verknüpfung vielfältige und komplexe Abfragen. Aufbauend auf diese Datenbank und eng damit verbunden, ist das 2002 abgeschlossene Projekt Wissensportal Science Exile, das einen experimentellen Versuch der Community-Bildung in Lehre und Forschung darstellt sowie Lehrenden und Lernenden die Möglichkeit gibt, selbstständig netzbasiert weiterzuarbeiten und ihre Ergebnisse zu präsentieren. Die Datenbank wird durch eine ständig wachsende Präsenzbibliothek zur österreichischen Wissenschaftsemigration bereichert. Damit existiert eine institutionalisierte Plattform für eine fächerübergreifende Exil- und Emigrationsforschung, die eine Lücke in der Forschung und Dokumentation zum österreichischen Wissenschaftsexil schließt.
 

VERANSTALTUNGEN

Tagung
Österreichische Kinder- und Jugendliteratur zwischen Hakenkreuz, Widerstand und Exil
Konzept und Organisation: Mag. Dr. Susanne Blumesberger
In Kooperation mit der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung (ÖGKJLF)

Ziel dieser Veranstaltung war es, die in den Jahren 1938 bis 1945 erschienene und von Österreicherinnen verfasste Literatur für Kinder sichtbar zu machen. Dabei sollte nicht nur jene Literatur betrachtet werden, die man als "nationalsozialistisch" bezeichnen könnte, sondern vor allem auch jene Bücher, die im Ausland erscheinen mussten, weil sich ihre Urheberinnen dem neuen Regime widersetzten beziehungsweise aus politischen oder "rassischen" Gründen keine Möglichkeit mehr hatten, in Österreich zu publizieren. ExpertInnen sprachen zur allgemeinen Situation der Kinder- und Jugendliteratur während des Dritten Reiches und beleuchteten auch die philosophischen Hintergründe. Sie diskutierten die Situation der Verlage und erläuterten an einigen biografischen Fallbeispielen die konkreten Folgen der damaligen politischen Situation. Weiters wurde die Situation der Exilschriftstellerinnen, die sich in ihren Werken mit der NS-Zeit beschäftigt haben, anhand einiger Kinder- und Jugendbuchautorinnen dargestellt und auf die Rezeption der Kinder- und Jugendbücher im Zeitraum von 1939 bis 1945 eingegangen.

Mag. Dr. Susanne Blumesberger (Wien): Jüdische Kinderbuchautorinnen. Ihre Werke und ihre Schicksale. Ein Überblick
Univ. Doz. Dr. Johann Dvorak (Wien): Zur Theorie des Lesens und der modernen Literatur. Anmerkungen zu den Lektüren von Kindern und Jugendlichen und ihrer politischen Bedeutung
Mag. Elisabeth Hellmich (Wien): "Damals war ich noch nicht vierzehn". Leseerfahrungen einer Zeitzeugin
Dr. Ilse Korotin (Wien): "Volk als Schicksal und Aufgabe". Philosophisches zur Erziehung im Nationalsozialismus
Dr. Peter Malina (Wien): Aufzeichnungen aus bewegter Zeit. Kinder- und Jugendbuchautorinnen schreiben Zeitgeschichten
Univ. Doz. Mag. Dr. Ernst Seibert (Wien): Aufklärung und Verdrängung. Anschluss, Widerstand und Stunde Null am Beispiel österreichischer Kinderbuchautorinnen
 

Seminarreihe
biografiA / Frauen im Exil - Schwerpunkte: Fremdheit  / Die weibliche Perspektive
Konzept und Koordination: Mag. Siglinde Bolbecher (FrauenAG der Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung) und
Dr. Ilse Korotin (AG biografiA - Datenbank und Lexikon österreichischer Frauen)

Die Projektinitiative "biografiA - Datenbank und Lexikon österreichischer Frauen" am IWK hat die umfassende historisch-biografische Erfassung österreichischer Frauenpersönlichkeiten zum Ziel. Von Beginn an war es ein Anliegen, der Dokumentation von Verfolgung, Widerstand und Exil einen besonderen Stellenwert beizumessen. Die "Österreichische Gesellschaft für Exilforschung" (öge), die sich die Erforschung der Geschichte des Exils aus Österreich im 20. Jahrhundert und ihre Koordination und Kommunikation in Wissenschaften und Öffentlichkeit zur Aufgabe gemacht hat, sie befasst sich in ihrer FrauenAG mit der frauenspezifischen Situation von Exilantinnen des Austrofaschismus und Nationalsozialismus. Die erste und zweite Generation von Akademikerinnen, Künstlerinnen und Kulturschaffenden wurden durch die Vorgeschichte 1934 und die Zäsur 1938 in einem großen Ausmaß aus politischen oder rassistischen Gründen ausgegrenzt, verfolgt und ermordet. Der Verlust dieses Potenzials und der Bruch in der gesellschaftlichen Entfaltung von Frauen reicht bis in die Gegenwart Österreichs. Im Exil fanden sich Möglichkeiten, es konnte unter erkämpften, aber doch freieren Bedingungen gearbeitet und gelebt werden. Die Kooperation von biografiA und öge-FrauenAG fördert die differenzierte Erforschung dieser vielschichtigen Exilerfahrungen. Die kurze demokratische Periode, in der Frauen das Wahlrecht und den Zugang zu höherer Bildung erreicht hatten, fand 1934 gewaltsam ihr Ende. Durch die Zäsur 1938 wurden in großem Ausmaß Frauen aus politischen und rassistischen Gründen ausgegrenzt, verfolgt und ermordet. Der Verlust dieses Potenzials und der Bruch in der gesellschaftlichen Entfaltung von Frauen reicht bis in die Gegenwart Österreichs. Im Exil fanden sich Möglichkeiten, konnte unter erkämpften, aber doch freieren Bedingungen gearbeitet und gelebt werden.  Anlässlich neu erschienener Bücher wurden in der Seminarreihe folgenden Fragen nachgegangen: Welche beruflichen und intellektuellen Neuorientierungen mussten oder konnten Frauen im Exil bewältigen? Wie reagierten sie auf die extrem frauenfeindliche NS-Herrschaft? Auf welche Weise wurde die Gebrochenheit des eigenen Lebens durch die Erfahrung der Verfolgung und des Verlustes von Familienangehörigen und Freunden verarbeitet? Welche Gründe waren für eine Rückkehr ausschlaggebend und welche "Fremdheitserfahrungen" waren damit verbunden?

Dr. Susanne Bock / Univ. Prof. Dr. Hilde Haider-Pregler / Dr. Sandra Wiesinger-Stock (Wien): Fremdheit und Sprache
Koordination: Dr. Sandra Wiesinger-Stock
Sprache beheimatet uns, behaust uns. Sie ist der Raum, in dem wir uns bewegen, in dem wir denken, in dem wir sind. Tut sie dies nicht, sind wir ohne Halt. Doch ist (Alltags-, Hoch-, Umgangs-, Berufs- und Fach-)Sprache, perfekt beherrscht, umgekehrt eine Garantie für das Heimischwerden in einer neuen Kultur? Und: führt eine Rückkehr in die alte Sprache unbedingt zu neuerlicher Verwurzelung? Sprache und Kommunikation: Gibt es im Exil jeweils einen spezifisch weiblichen Zugang? Welche Rolle spielen männliche Verhaltensweisen bei der weiblichen Überwindung von Sprachbarrieren und  Integrationsschwierigkeiten? Der Vortrag suchte eine Annäherung anhand dreier (unbekannter und prominenter) Frauenbiografien des 20. Jahrhunderts.

Mag. Siglinde Bolbecher (Wien): "Es sind die Gejagten den Jägern voraus". Zu Lyrik und Prosa von Stella Rotenberg
Lesung: Mag. Siglinde Bolbecher und Dr. Sandra Wiesinger-Stock (Wien)
Moderation: Dr. Evelyn Adunka (Wien)
1940 begann die aus Wien geflüchtete Medizinstudentin Stella Rotenberg zu schreiben. Mit einem Hausgehilfinnen-Permit war sie über die Niederlande 1939 nach Großbritannien gelangt, wo sie in verschiedenen Provinzstädten u. a. als Pflegerin in einem Spital für psychisch Kranke, als Arzthelferin und Bürogehilfin arbeitete. Nach Kriegsende erfuhr sie von der Ermordung ihrer Eltern und nahezu all ihrer Verwandten. Als britische Staatsbürgerin lebt sie seit 1946 in Leeds. Das Besondere an ihr ist die Treue zur Muttersprache, das Außerordentliche, was sie uns über die Trauer nach Auschwitz zu sagen weiß, und wie sie durch diese hindurch einen uneingeschränkten Blick aufs Menschliche erringt.

Dr. Susanne Bock (Wien): "Heimgekehrt und fremd geblieben. Eine alltägliche Geschichte aus Wien 1946 bis 1955" (Buchpräsentation)
Moderation: Dr. Ulrike Oedl (Wien)
Nach acht Jahren Exil in Großbritannien kehrte Susanne Bock Anfang Jänner 1946 nach Österreich zurück. Über ihre vielfältigen, wechselvollen, meist harten und enttäuschenden Erfahrungen und Erlebnisse im Wien der unmittelbaren Nachkriegsjahre berichtet sie lebendig und auf humorvolle Weise; kulturelle Fremdheitserfahrungen aus der Zeit im Exil und dann in der Heimat wurden im Vortrag gegenübergestellt und reflektiert. Ihr neues Buch bietet einen wichtigen Beitrag zur Frauengeschichte in der Nachkriegszeit und berührt die Nahtstellen zwischen Faschismus und Zweiter Republik.

Dr. Irene Nawrocka (Wien): Die weibliche Perspektive - Briefwechsel im Exil. Briefe von Carl Zuckmayer, Gottfried Bermann-Fischer, Alice Herdan-Zuckmayer und Brigitte Bermann-Fischer
Moderation: Mag. Siglinde Bolbecher (Wien)
Alice Herdan-Zuckmayer, 1901 in Wien geboren, flieht im März 1938 über Berlin in die Schweiz und emigriert im Mai 1939 mit ihrer Familie in die USA. Während des Krieges leben sie und ihr Mann, Carl Zuckmayer, als Farmer in Vermont. Im Exil beginnt sie zu schreiben und veröffentlicht ihre Erfahrungen in ihrem ersten Buch Die Farm in den grünen Bergen (1949), wo sie u. a. über "Hühnerkrankheiten, Ziegeneuter und Dünger" und den Alltag im Exil schreibt. Wie sich ihr Leben als Schriftstellerin und Ehefrau eines Dramatikers gestaltete, konnten einige Passagen aus ihren Briefen veranschaulichen.

Barbara Holzheu (Wien): Eine Heimkehr gibt es nicht - Eine biografische Analyse der Remigration Hilde Zaloscers
Moderation: Dr. Ilse Korotin (Wien)
Die 1903 geborene und 2002 in Wien gestorbene Kunsthistorikerin Hilde Zaloscer schildert in ihrer 1988 erschienenen Autobiografie ihr dreimaliges Exil und ihren zweifachen Versuch, nach Wien zu remigrieren. Obwohl sie - ausgezeichnet mit dem Theodor Körner-Preis, dem Adolf Schärf-Preis, dem "goldenen" Doktorat der Universität Wien - nach außen hin die Integration in die österreichische Scientific Community geschafft hat, betrachtet sie selbst ihre Rückkehr als ein Scheitern. Durch diese Erfahrung ist die nur scheinbar geglückte Rückkehr einer mehrmals vertriebenen Frau einerseits exemplarisch für das Unerwünschtsein vieler RemigrantInnen nach 1945, andererseits für die doppelte Problematik der Remigration einer jüdischen Wissenschaftlerin.

Charlotte Kohn (Wien): "Luftfrauen. Der Mythos einer jüdischen Frauenidentität" - Ein Buchprojekt
Moderation: Dr. Evelyn Adunka (Wien)
Das Buch "Luftfrauen" basiert auf zwanzig Tiefeninterviews von jüdischen Frauen zweier Generationen, die über den langwierigen seelischen Genesungsprozess nach der Shoah Aufschluss geben und zeigen, dass es eine einheitliche jüdische Identität von Frauen nicht gibt.
 

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FRAUENFORSCHUNG / GENDERSTUDIES
 

VERANSTALTUNGEN
 

Tagung
Helene Scheu-Riesz (1880-1970) - Eine Frau zwischen den Welten
Konzept und Organisation: Mag. Dr. Susanne Blumesberger

Helene Scheu-Riesz war eine erfolgreiche Schriftstellerin und Übersetzerin, gab zahlreiche Märchen neu heraus, übersetzte und schrieb Geschichten für Kinder. Vor siebzig Jahren erschien ihr Roman "Gretchen Discovers America". Sie war aber auch eine bekannte Journalistin, Feuilletonistin bei der "Neuen Freien Presse" und eine bedeutende Verlegerin in Österreich und den USA. Außerdem setzte sie wichtige Akzente in der Frauenbewegung und bemühte sich ihr ganzes Leben um "gute" Literatur für Kinder. In ihrem von Adolf Loos gebauten "Scheu-Haus" in Hietzing führte die vielseitige Persönlichkeit einen interessanten Salon. Nicht nur der Architekt zählte zu ihrem engeren Freundeskreis, sondern auch "Fraudoktor" Eugenie Schwarzwald, die Gründerin der Schwarzwald-Schule, die von Persönlichkeiten wie Hilde Spiel, Helene Weigel und Elisabeth Neumann-Viertel besucht wurde. Auch mit den Lehrern an dieser Schule, darunter Oskar Kokoschka und Arnold Schönberg, hielt sie engen Kontakt. Doch nicht nur diese gesellschaftlichen Beziehungen machten sie zu einer schillernden Wiener Persönlichkeit, sie engagierte sich auch im sozialen Bereich und versuchte, nicht nur Kindern aus ärmeren Schichten "wertvolle" Literatur anzubieten, sondern betätigte sich auch ganz praktisch, als sie im Wiener Nachkriegswinter 1918 mithilfe der "Quäker", denen sie sehr nahe stand, Kakao an bedürftige Kinder ausgab und diese "Kakaoräume" schließlich in "Leseräume" umwandelte. Damit wurde ein Grundstein für die Gründung ihrer Verlage in Österreich und während ihres Exils in den USA gelegt. Sie setzte sich auch theoretisch mit Schulfragen auseinander und nahm aktiv an der "Lesebuchfrage" teil. Ihr Lebensziel war es, eine Universalbibliothek für Kinder zu schaffen. Aber auch ihr familiäres Umfeld ist interessant. So war sie mit Dr. Gustav Scheu verheiratet, dem sozialdemokratischen Gemeinderat der Ersten Republik, ihr Schwiegervater war Josef Scheu, Gründer der Arbeitersängerbewegung, und ihr Sohn, Dr. Friedrich Scheu, war Journalist und Korrespondent und leitete von 1954 bis 1972 das außenpolitische Ressort der Wiener "Arbeiter-Zeitung". Die Tagung beleuchtete die vielen Facetten dieser in mehreren Bereichen bedeutenden Frau aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln.

Dr. Susanne Blumesberger (Wien): Einleitung
Dr. Edith Stumpf-Fischer (Wien): Wer war Helene Scheu-Riesz? Eine Antwort aus Literatur und Familienerinnerungen
Dr. Renate Göllner (Wien): Zwischen Tradition und Assimilation - Bemerkungen zur Emanzipationsgeschichte jüdischer Frauen
Dr. Ilse Korotin (Wien): Das Interesse an der proletarischen Jugend - Zur Entwicklung der Jugendforschung
Dr. Johann Dvorak (Wien): Demokratie, Wissenschaft und Bildungsreformen in der 1. Republik
Dr. Susanne Blumesberger (Wien): Sesam öffne dich - Vision einer modernen Bibliothek
Dr. Ernst Seibert (Wien): "Gretchen Discovers America" - Helene Scheu-Riesz als Kinderbuchautorin
Mag. Siglinde Bolbecher (Wien): "Wir haben nichts als unsere Leiblichkeit und unsere Verwundbarkeitî (Stella Rotenberg) - Zum Schreiben von Frauen im Exil
 

Buchpräsentation
Die Revolutionierung des Alltags. Zur intellektuellen Kultur von Frauen im Wien der Zwischenkriegszeit

In dem von Doris Ingrisch, Ilse Korotin und Charlotte Zwiauer herausgegebenen Sammelband werden Frauen vorgestellt, die sich mit dem Anliegen der Sozialdemokratie beschäftigten und an deren Beispiel die intellektuelle weibliche Kultur der Zwischenkriegszeit in Wien sichtbar gemacht wird. Viele dieser Frauen kamen aus aufgeklärten jüdischen Familien des Bürgertums, die als Reaktion auf den Antisemitismus ein distanziertes Verhältnis zu ihrer religiösen Tradition entwickelt hatten. In der Sozialdemokratie, wo die Religion keine Rolle mehr spielen sollte, suchten die Frauen, die nicht mehr länger Außenseiterinnen sein wollten, eine Lösung ihrer Probleme. Überlagert vom Frauenbild des Faschismus und Antisemitismus, wurde durch die Vertreibung bzw. Ermordung dieser Frauen die Erinnerung an sie verschüttet. Mit ihnen waren auch ihre Ideen, ihre Analysen und ihre Sicht der Welt, die einen wichtigen Teil der intellektuellen Tradition von Frauen ausmachten, vertrieben worden.
Präsentation des Buches durch Dr. Doris Ingrisch, Dr. Ilse Korotin und Dr. Charlotte Zwiauer, anschließende Diskussion der Herausgeberinnen mit Univ. Doz. Dr. Johann Dvorak und Dr. Brigitte Lichtenberger-Fenz
 

Seminarreihe
biografiA / Frauen im Exil - Schwerpunkt: Fremdheit
Zu den Aktivitäten dieser Seminarreihe siehe Schwerpunkt "Exilforschungî.
 

Seminarreihe
Feministische Theorie und Geschlechterforschung
Konzept und Koordination: Dr. Silvia Stoller / Dr. Eva Waniek (Wien)

Die Vortragsreihe widmet sich aktuellen Themen aus dem Bereich der feministischen Theorie, der Frauenforschung und den Gender Studies. Auch in diesem Jahr ging es um die Bestandsaufnahme der feministischen Theorie: Welche Themen stehen im Mittelpunkt der gegenwärtigen Auseinandersetzung? Welche Probleme werden diagnostiziert, und wie sehen deren Lösungsmöglichkeiten aus? Nicht zuletzt war mehr denn je die Frage virulent, welchen Stellenwert die feministische Theorie im Vergleich zu anderen gegenwärtigen Ansätzen heute hat. Die Referentinnen, die aus den kultur-, geistes- oder sozialwissenschaftlichen Bereichen wie der Philosophie, der Pädagogik, der Theater-, Sprach-, Literatur- und Museumswissenschaften bzw. der Architekturtheorie stammen, sind, ausgehend von ihrer eigenen Forschungsarbeit, diesen Fragestellungen nachgegangen und stellten ihre Analysen zur Diskussion.

Mag. Elke Krasny (Wien): Museum Macht Geschlecht
www.musieum.at ist ein virtuelles Museum, in dem Objekte aus dem Wien Museum, dem Jüdischen Museum Wien, dem Österreichischen Museum für Volkskunde sowie dem Technischen Museum Wien unter genderspezifischem Fokus präsentiert werden. In dreizehn interaktiv vernetzten Themenräumen entfalten die Objekte ihre vielschichtigen Bedeutungen. Elke Krasny, eine der zwei Kuratorinnen des Projekts, stellte im Vortrag Arbeitsansatz und Fragestellung der interaktiven Sammlung vor und ging dem fordernden Verhältnis zwischen theoretischen Ansätzen der Gender Studies und praktischer Ausstellungsarbeit nach. Budgetnöte und Blockbuster bedeuten schwierige Zeiten für differenzierte Zugänge zum Sammlungsbestand von Museen. Wie kann man dennoch anders, als es der hegemoniale Mainstream nahe legt, das Verhältnis zwischen Gender und Museum bearbeiten und so neue Zugänge zu repräsentativen Blickachsen herstellen? Und wie kann man in diesem Spannungsverhältnis neue Partizipationsspielräume eröffnen? Unter dem Gesichtspunkt der Geschlechterdifferenz wurden andere Rezeptionsformen für das Verhältnis zwischen dem Sichtbaren und dem Sagbaren im Raum des Museums geschaffen.

Mag. Esther Schmidt (Klagenfurt): Deplatzierungen der Wissenschaft
Beschreibungen der Gesellschaft als Entscheidungs-, Multioptions- oder Wissensgesellschaft treten heute immer mehr in den Vordergrund. Die Problematisierung von Entscheidung, Wahl und Wissen verweist dabei auf ein offenes und neues Feld der Verknüpfung von Ethik, Politik, Wissenschaft und Organisation. Auf dieses Feld beziehen sich inter- und transdisziplinäre Wissenschaftskonzepte wie Interventionswissenschaft, partizipative Wissenschaft oder Wissenschaft als sozialer Prozess (Wissenschaft Modus 2). Gemeinsam ist die Ausrichtung hin auf Praxis- und Problemorientierung und die Einsicht, dass Wissenschaft weder bloß disziplinär funktionieren noch unter einem vorausgesetzten und einheitlichen Wahrheitsbegriff gestellt werden kann. Dabei wird auf radikale Weise das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft neu verhandelt. Welche Beiträge zu diesem Paradigmenwandel leisten Ansätze feministischer Wissenschaftstheorie? Inwiefern stellen feministische Theorien Modelle für einen neuen Wissenschaftsbegriff dar? Diese Fragen wurden anhand des Themas der Entscheidung konkretisiert und an Beispielen aus der Forschungspraxis erläutert.

Mag. Dr. Katharina Pewny (Wien): Verdeckte Präsenzen. Theatertheoretische Interventionen in rezentes Denken von "Geschlecht"
Welche Erkenntnismöglichkeiten bergen feministische Theorien, an welchen Stellen ist ihre Verbindung mit anderen Ansätzen produktiv? Diesen Fragen wurde anhand der Nachzeichnung ihrer Kategorienbildung in theater- und performancetheoretischen Diskursen nachgegangen. Theatertheoretische Begriffe (Inszenierung, Maskerade, Mimesis, Performanz) sind in rezenten Diskursen zu "Geschlecht" sehr präsent, Theater selbst hingegen kaum explizit bedacht. Im Vortrag zeigte sich, dass diese "traumatische" Struktur von Verdecken und Verweisen "tragischen" Verquickungen von Psyche und Soma geschuldet ist.

Univ. Ass. Dr. Michaela Ralser (Innsbruck): Wenn der Leib spricht ...
Dass kollektive Krankheitsbilder mit den kulturellen und sozialen Verhältnissen einer Zeit, den Wissenssystemen und Ideologieformen verwoben sind, kann als Erkenntnis vorausgesetzt werden. Auf welche Weise sich dieser Zusammenhang realisiert und wie er erfahrungsseitig organisiert ist, steht als Frage noch offen. Die neuen wie die alten Leiden der Seele, die den weiblichen Körper als Austragungsort wählen, geben darüber Auskunft, was an sozialen und kulturellen Anforderungen in pathologischen Mengen in die Individuen eingezogen ist in Gestalt vielfach pathogenen KörperSprechens: in den Essstörungen ebenso wie im Borderline-Komplex, in den Angststörungen ebenso wie in den depressiven Erschöpfungen. Darin ist der weibliche Körper Teil des reflexiven Projekts der Subjektbildung unter postmodernen Bedingungen und reflektiert die Klage des Subjekts (die Klage am Subjektverlust) auf symptomatische Weise. Historisch spezifisch agiert der weibliche Leib an der Wende zum 21. Jahrhundert - wie schon einmal - an der Wende zum 20. Jahrhundert Allianzen und Differenzen zwischen der besprochenen und der sprechenden Frau. Wie der leibhaften Seite des konkreten Subjekts mehr Gewicht zukommen könnte - gesellschafts- und subjektseitig ebenso wie auf der Ebene wissenschaftlicher Praxis -, wurde im Vortrag diskutiert.

Univ. Prof. Dr. Fina Birules (Barcelona): Difference, Freedom, and Violence
Der Vortrag beinhaltete eine Reflexion auf zentrale Begriffe und Konzepte, die im Allgemeinen den Diskurs über Feminismus und Politik bestimmen. Lenkt man die Aufmerksamkeit auf den begrifflichen Hintergrund, in dem solche Begriffe wie Gleichheit, Identität, Differenz oder Freiheit entstehen, kann man feststellen, dass politische Freiheit und rechtliche Gleichheit nicht synonym sind. Man kann im Zuge dessen auch die Hartnäckigkeit erklären, mit der nach wie vor Gewalt gegen Frauen in einer Gesellschaft ausgeübt wird, in der gleiche Rechte durchaus praktisch umgesetzt worden sind. Ziel des Vortrags war es aufzuzeigen, dass die Trennung von Gleichheit und Differenz überdacht werden muss. (Der Vortrag fand in englischer Sprache statt.)

Dr. Elisabeth Mixa (Wien): Genieße! Selbst - Inszenierungen und Bedeutungsproduktionen in Wellness-Diskursen
Wie gestaltet sich die Sorge um das Selbst und welche Gestaltungen finden sich gegenwärtig im um sich greifenden Wellness-Trend? In einer Verbindung von Feldforschung und Diskursanalyse wurde der Versuch unternommen, Spuren in der Grauzone von Kategorien und Neologismen des Wellness-Diskurses aufzufinden und unterschiedlichen Narrationen der Sprach-Bilder nachzuspüren. Im Fokus standen Visualisierungen und (psychische) Räume wie das ÇMentalparadiesë, Wohlfühl-Oasen oder Wasserfrauen, die sich als zentrale Konfigurationen und Imaginationen zeigen. Stimulierte sinnliche Sensationen, Selbstmanagement und Çemotional designë erweisen sich als Praktiken und Technologien der Selbst-Normalisierung und -optimierung in einer 'individualistischen Multioptionsgesellschaftë. Aufgelöst und revitalisiert gleichermaßen, werden Körper, Geist und Seele, deren ganzheitliche Betrachtung und Harmonisierung als das proklamierte Heilsversprechen des Wellness-Diskurses schlechthin gelesen werden können, zu TeilhaberInnen einer so genannten Ich-AG. Zur Diskussion standen dementsprechend Vorstellungen von Körperlichkeit, Selbst/Identitäten und Geschlecht, wie sie in der neuen Wohlfühl-Gesundheitskultur mit diesem versteckten Imperativ zum Glücklichsein diskursiviert und produziert werden.
 
 

DOKUMENTATIONS- UND FORSCHUNGSSTELLE

Die "Dokumentationstelle Frauenforschung" wurde 1985 am IWK als Forschungs- und Servicestelle eingerichtet. Eine Datenbank, in der an österreichischen Universitäten verfasste Arbeiten zum Thema "Frau" von der Jahrhundertwende bis zum Beginn der 1980er-Jahre enthalten sind, war Ausgangspunkt für den Aufbau einer umfassenden Literaturdatenbank zur Frauenforschung und feministischen Forschung. Mit den in der Bibliothek vorhandenen Dissertationen, Diplom- und Hausarbeiten, Abstracts, Zusammenfassungen und den "rein" bibliographischen Angaben, umfasst die Literaturdatenbank etwa 18.000 Einträge.
 Die Forschungs- und Projektinitiative "biografiA" verfolgt das Ziel einer biografischen Datenbank bzw. eines Lexikons österreichischer Frauen, wobei eine umfassende historisch-biografische Aufarbeitung österreichischer Frauenpersönlichkeiten angestrebt wird. Dabei sollen die unterbewerteten und unsichtbar gemachten Beiträge von Frauen in Kultur und Wissenschaft rekonstruiert werden, um deren Lebensgeschichte und Wirken als Korrektiv in die Geschichte der Wissenschaftsdisziplinen einzuschreiben, in der sie bislang nur marginal existierten. Im Rahmen des Gesamtprojektes wurde ein Datenbankprototyp entwickelt, in den in Form eines thematischen Modulsystems laufend Datensätze einfließen. Derzeit umfasst die Datenbank zirka 10.500 Frauenbiografien.
 Neben der Funktion als Service- und Beratungsstelle für SchülerInnen, StudentInnen und ForscherInnen werden von den Mitarbeiterinnen der Dokumentationsstelle Seminarreihen, Tagungen und Symposien veranstaltet, wobei es von besonderer Bedeutung ist, mit ForscherInnen aus dem Ausland Kontakt aufzunehmen, um am internationalen Diskurs der jeweiligen Fachbereiche aktiv teilnehmen zu können.
 
 

FORSCHUNGSPROJEKTE
 

biografiA. Biografische Datenbank und Lexikon österreichischer Frauen (Folgeprojekt)
Auftraggeber: Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur
Projektleitung: Dr. Ilse Korotin
Laufzeit: November 2002 - Oktober 2004

Das Gesamtprojekt "biografiA. Biografische Datenbank und Lexikon österreichischer Frauen" wurde von Beginn an (1998) als Datenbank, Buch und vor allem für die Nutzung des biografischen Forschungs- und Dokumentationsbereichs im Internet konzipiert und kann derzeit auf rund 10.500 biografische Datensätze in unterschiedlichen Ausarbeitungsstufen verweisen. Das auf zwei Jahre konzipierte Folgeprojekt sieht die Bearbeitung nachstehender Bereiche vor:
» 1. Teilbereich: Datenbank (Nachbearbeitung der Datenbank: Beschlagwortung, Ereigniskategorien / Dateneingabe: Schwerpunkt Mittelalter und Frühe Neuzeit / Ergänzung des bisherigen Schwerpunktes (19. und 20. Jahrhundert). / Erfassung von biografischen Datensätzen / fachhistorische Nachbearbeitung von ausgewählten 300 Biografien.
» 2. Teilbereich: Internet (Homepage: Laufende Aktualisierung der Projektinformationen. Präsentation von Biografien und web-fertigen Grafiken aus den ÖNB-Projekten "Wissenschaftlerinnen", "Naturwissenschaftlerinnen", "Kinder- und Jugendbuchautorinnen" sowie aus dem Basisprojekt biografiA. / Internet-Datenbank: Für eine weitere Ausbaustufe der Internet-Präsenz ist eine direkte Internet-Datenbankschnittstelle vorgesehen, die eine kombinierte Suche nach Daten (Grunddaten) ermöglicht.
 

Biografische Datenbank und Lexikon österreichischer Frauen.
Modul: Jüdische Frauen in Österreich und ihr Beitrag zu Wissenschaft, Kunst und Kultur. Ein biografischer Überblick
Projektleitung: Gen. Dir. a. D. Dr. Johann Marte
Projektbearbeitung: Mag. Dr. Susanne Blumesberger
Laufzeit: Jänner 2003 - März 2005

Dieses Projektmodul soll das Leben, Schaffen und Wirken von Frauen jüdischer Herkunft, die innerhalb der jeweiligen historischen Grenzen der Republik Österreich im Zeitraum des 18. bis 20. Jahrhundert geboren wurden, bzw. eine wichtige Phase ihres Lebens hier tätig waren, durch das Erstellen von ausführlichen Biografien beleuchten. Als Grundlage dient der methodische Ansatz, welcher im Rahmen der Entwicklung des Projekts "Biografische Datenbank und Lexikon österreichischer Frauen" (www.biografia.at), diskutiert wurde. Ausgehend von den theoretischen Überlegungen einer feministisch orientierten Biografieforschung wurde eine kritische Auseinandersetzung mit scheinbar allgemein gültigen Kategorien, die in der Betrachtung von menschlichen Lebensläufen nach wie vor bestimmend sind, initiiert und in unterschiedlichen Bereichen eine geschlechterdifferente Sichtweise eingefordert.
Das Projekt ist damit vorrangig auf die biografische Methode ausgerichtet. Ergebnisse werden nicht nur im Bereich Frauenforschung sondern auch im Bereich der jüdischen Geschichte erwartet.
Biografien von Frauen, und besonders von jüdischen Frauen, sind durch mehrere Faktoren schwerer nachzuzeichnen als die der Männer. Zum einen, weil Frauen traditionell eher im Hintergrund tätig waren, bzw. tätig sein mussten und nur wenn es ihnen gelang an die Öffentlichkeit zu treten, ihre Namen in Lexika zu finden sind, und zum Zweiten, weil ihre Spuren durch Namenwechsel und aufgezwungene Pseudonyme oft sehr verwischt sind.
Bei diesem Projektmodul werden die Kategorien des Basisprojekts BiografiA berücksichtigt, bei denen man sich um eine kritische Auseinandersetzung mit den an männlichen Lebensläufen orientierten Dokumentationsmodellen bemühte. Die Entwicklung des BiografiA-Kategorien-Schemas folgte den theoretischen Überlegungen einer feministischen Biografieforschung und hatte den Anspruch, die in der Gesellschaft offenkundigen Unterschiede von Männer- und Frauenleben erkennbar zu machen. Veränderungen im weiblichen Lebenslauf durch Bildung, Erwerbsarbeit und Familie sollten dokumentierbar werden und im Weiteren eine feministische, geschlechtssensible Biografieanalyse ermöglichen.
Jüdinnen und Juden haben die Kulturlandschaft Österreichs entscheidend mitgeprägt. Unter ihnen sind zahlreiche Frauen vertreten, die zum Teil heute wegen der oben genannten Faktoren in Vergessenheit geraten sind, bzw. von denen nur noch der Name, aber keine Lebensumstände bekannt sind. In den meisten Lexika, besonders bei früheren Ausgaben, ist der weibliche Anteil an den verzeichneten Personen deutlich unterre-präsentiert. (Das im Jahre 2002 erschienene "Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft", Hg. von der Österreichischen Nationalbibliothek, verzeichnet 688 Autorinnen von über 8100 Gesamteinträgen)
Das Projekt will einen möglichst breiten Überblick über all jene Frauen schaffen, die die österreichische Kultur mitgetragen haben, sei es in öffentlichen Positionen oder im Hintergrund und zugleich die jeweiligen Lebenswege möglichst genau recherchieren und darlegen. Dabei sollen möglichst viele individuelle, unverwechselbare Lebensläufe, um mit Bettina Dausien (Dausien, Bettina: Frauengeschichten. Perspektiven der Biografieforschung in der Frauen- und Geschlechterforschung. In: Desiderate der österreichischen Frauenbiografieforschung Hg. Elisabeth Lebensaft. Östereichische Akademie der Wissenschaften Wien 2001 S. 26) zu sprechen, möglichst viele "rote Fäden" die in individuelle Geschichten verstrickt sind, aufgenommen und die verschiedenen "Webmuster" entziffert werden. Der gemeinsame jüdische Hintergrund der aufgenommenen Frauen wird, unabhängig vom jeweiligen religiösen Bekenntnis, als Schicksalsgemeinschaft begriffen. Die Zugehörigkeit zu Österreich meint hier nicht nur die Geburt innerhalb der jeweiligen historischen Grenzen  sondern bezieht auch all jene Frauen mit ein, die durch ihre Staatsbürgerschaft als österreichisch zu definieren sind, bzw. die hier ihren Lebensmittelpunkt gefunden haben.
Der Untersuchungszeitraum umfasst das 18. bis 20. Jahrhundert, also eine Zeitspanne die sowohl die Emanzipationsbestrebungen innerhalb des Judentums, als auch deren Zunichtemachung durch Vertreibung und Ermordung enthält. Biografien stellen nicht nur die Lebensgeschichte der Menschen dar, sondern bieten auch einen Überblick über das jeweilige politische und gesellschaftliche Umfeld, in dem die Personen jeweils lebten und wirkten.
Bei Personen jüdischer Herkunft ist dieser Umstand verstärkt erkennbar, bedenkt man die Tatsache, dass Jüdinnen und Juden in unserem Land besonders im 20. Jahrhundert Verfolgungen ausgesetzt waren. Dabei waren Frauen jüdischer Herkunft oft doppelt unterdrückt, einmal als Frau, die eine Rolle in der Gesellschaft einnehmen wollte und einmal als Person jüdischer Herkunft.
 
 

PUBLIKATIONEN

Susanne Blumesberger (Hg.): Frauen schreiben gegen Hindernisse.
Zu den Wechselwirkungen von Biografie und Schreiben im weiblichen Lebenszusammenhang
Edition Praesens, Wien 2004 (Tagung 2003)

In diesem Band wird die Frage diskutiert, inwieweit weibliche Biografie Einfluss auf das Schreiben hat und umgekehrt, wie das Publizieren von Texten Einfluss auf das weitere Leben haben kann. Die AutorInnen beschäftigen sich mit dem Schreiben von Frauen in den unterschiedlichsten Zusammenhängen. Es kommen sowohl WissenschaftlerInnen zu Wort als auch Frauen, die über ihre eigenen Erfahrungen schreiben. Die Annäherungen an das Thema erfolgen aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln, wobei sich der Bogen vom Mittelalter bis in die Gegenwart spannt. Im Mittelpunkt stehen folgende Fragen: Ist es denkbar, dass es einen Zeitpunkt im weiblichen Lebenslauf gibt, der das Schreiben ermöglicht bzw. an dem das Schreibe eine Möglichkeit ist, das Leben zu strukturieren? Welche Bedingungen müssen dabei gegeben sein, dass sich eine Frau schreibend an die Öffentlichkeit wendet? Welche Texte können eventuell daraus entstehen? In welcher Form kann sich das Publizieren von Texten auf das weitere Leben der jeweiligen Frau auswirken? Die WissenschaftlerInnen mehrerer Disziplinen und die Autorinnen berichten anhand konkreter Beispiele unter anderem über das Schreiben in Extremsituationen, über das Verfassen von Autobiografien als Ausdrucksmittel, über das literarische Wirken im Exil und ob bzw. wie man Hindernisse auch als Chancen nutzen kann.

Johanna Rachinger: Geleitwort
Susanne Blumesberger: Vorwort
Katharina Beta: Welche Bedeutung das Schreiben in meinem Leben hat, ...
Susanne Blumesberger: Schreiben um zu (über-)leben. Texte als Produkte von Grenzerfahrungen
Susanne Bock: Heimgekehrt und fremd geblieben
Christian Gastgeber: Zum Selbstbewusstsein der schreibenden Frau im Mittelalter
Lotte Ingrisch: Frauen schreiben gegen Hindernisse. Aber bin ich eine Frau?
Ilse Kilic: Die Autobiografie als unsichererer Ort
Ilse Korotin: Den Nationalsozialismus denken. Zur (Auto-)Biografie der Mathilde von Kemnitz-Ludendorff
Friederike Mayröcker: "will nicht mehr weiden". Requiem für Ernst Jandl
Barbara Neuwirth: Vom Mut, an sich zu glauben. Weibliche Biografien und literarisches Schaffen
Karin Nusko: Am Ende des Weges: Letzte Briefe von hingerichteten österreichischen Widerstandskämpferinnen im Landegericht Wien (1941-1943)
Käthe Recheis: Hindernisse, die zur Chance werden
Ernst Seibert: Fortschreiben und Selbstinterpretation in der Literatur Marlene Haushofers
 

Ilse Korotin / Doris Ingrisch / Charlotte Zwiauer (Hg.):
Die Revolutionierung des Alltags. Zur intellektuellen Kultur von Frauen im Wien der Zwischenkriegszeit
Peter Lang, Frankfurt am Main 2004

Die Beiträge dieses Bandes behandeln Leben und Werk von Frauen, die sich mit den Anliegen der Sozialdemokratie identifizierten und zeigen beispielhaft die intellektuelle weibliche Kultur der Zwischenkriegszeit in Wien. Viele dieser Frauen kamen aus aufgeklärten jüdischen Familien des Bürgertums, die als Reaktion auf den Antisemitismus ein distanziertes Verhältnis zu ihrer religiösen Tradition entwickelt hatten. In der Sozialdemokratie, wo die Religion keine Rolle mehr spielen sollte, suchten sie - die nicht mehr länger Außenseiterinnen sein wollten - eine Lösung ihrer Probleme. Überlagert vom Frauenbild des Faschismus und Antisemitismus wurde durch die Vertreibung bzw. Ermordung dieser Frauen die Erinnerung an sie verschüttet und damit auch ihre Ideen, ihre Analysen und ihre Sicht der Welt, die einen wichtigen Teil der intellektuellen Tradition von Frauen ausmacht.

Johann Dvorak: Helene Bauer - Materialistische Theorien von Wirtschaft und Gesellschaft und der Austromarxismus
Renate Flich: Auguste Fickert - "Rote" Lehrerin und radikal bürgerliche Feministin
Ernst Glaser: Die Zeit der Illegalität - Muriel Gardiner (1901-1985) und Ilse Kulcsar (1902-1976)
Bernhard Handlbauer: Psychoanalytikerinnen und Individualpsychologinnen im Roten Wien
Ilse Korotin: Oda Olberg-Lerda, die eugenische Bewegung und ihre Rezeption durch die Linke
Brigitte Lichtenberger-Fenz: "Sklavin Frau" und "Junges Weib der Gegenwart". Zur Genese normativer Frauenbilder und -rollen in der österreichischen Sozialdemokratie der Ersten Republik
Rüdiger Schiferer: Raissa Adler (1872-1962). Von der bürgerlichen Frauenbewegung zum österreichischen Trotzkismus
Michaela Schneider / Margit Wolfsberger: Marianne Pollak - Schreiben für den Neuen Menschen
Barbara Serloth: Käthe Leichter: Eine unorthodoxe Sozialdemokratin im austromarxistischen Umfeld
Charlotte Zwiauer: Aufbruch der Geschlechter zwischen Moderne und Antimoderne: Die Künstlerin Und Kunstpädagogin Friedl Dicker (1898-1944)
Christine Zwingl: Grete Lihotzky, Architektin in Wien, 1920-1926
 
 

Beiträge in Zeitschriften und Sammelbänden:

Susanne Blumesberger: Sesam öffne dich: Helene Scheu Riesz und die Vision einer modernen Bibliothek  für Kinder nach dem Ersten Weltkrieg
In: Biblos. Beiträge zu Buch, Bibliothek und Schrift. Heft 53, 1/2004. Herausgegeben von der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien 2004

Susanne Blumesberger: "Also geschlafen hat sie nie, die Fantasie". Friedl Hofbauer über das Schreiben von Kinderliteratur.
In: libri liberorum. Mitteilungen der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung Wien. Edition Praesens, Jahrgang 5, Heft 15/März, Wien 2004

Susanne Blumesberger: Hannelore Valencak (1929-2004).
In: libri liberorum. Mitteilungen der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung Wien. Edition Praesens, Jahrgang 5, Heft 16/Juni, Wien 2004

Susanne Blumesberger: Helene von Druskowitz. Eine Frau zwischen weiblicher Genialität und Wahnsinn.
In: Arbeitskreis Emanzipation und Partnerschaft. Feministische Zeitschrift für Politik und Gesellschaft . 31. Jahrgang, Nr. 3, Wien 2004

Susanne Blumesberger: Die Illustratorin, Grafikerin und Autorin Bettina Ehrlich. Ein Leben für die Kunst in Wien und London.
In: Arbeitskreis Emanzipation und Partnerschaft. Feministische Zeitschrift für Politik und Gesellschaft . 31. Jahrgang, Nr. 4, Wien 2004

Ilse Korotin: Irene Harand. Pazifistin, Widerstandskämpferin und Schriftstellerin.
In: Arbeitskreis Emanzipation und Partnerschaft. Feministische Zeitschrift für Politik und Gesellschaft. 31. Jahrgang, Nr. 2, Wien 2004
 

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INTERKULTURALITÄT
 

VERANSTALTUNGEN
 

Internationale Konferenz
Menschenrechte zwischen Wirtschaft, Recht und Ethik / Human Rights Between Economy, Law and Ethics
Konzept und Organisation: Mag. Hsueh-i Chen / Dr. Hakan Gürses / Mag. Mathias Thaler / Univ. Prof. Dr. Franz M. Wimmer
Gemeinsame Veranstaltung des IWK mit der Wiener Gesellschaft für interkulturelle Philosophie (WIGIP), der Österreichischen UNESCO-Kommission und der Österreichischen Liga für Menschenrechte
Gefördert von: bm:bwk, Diplomatische Akademie Wien, GPA, Österreichische Entwicklungszusammenarbeit, ÖGB, Unesc0 Arbeitsgemeinschaft Wien

Auf die Frage, wie das Menschenrechtssystem auf die zunehmende Bedeutung von "global players" als Gestalter der Lebensumstände der Menschen reagieren kann, sollten aus theoretischer, juristischer und praktischer Sicht Antworten gefunden werden. Es ging daher um Fragen nach Globalität und Regionalität, nach der Rolle und Wirkungsweise von Wirtschaft und Recht sowie nach konzeptueller Weiterentwicklung des Menschenrechtssystems. An zwei Tagen fanden zehn Hauptreferate mit jeweils einem vorbereiteten Kommentar und anschließender Diskussion statt.
Die Konferenz stand unter dem Ehrenschutz des Österreichischen Bundespräsidenten Dr. Heinz Fischer und fand in den Räumlichkeiten der Wiener Hauptbücherei am Gürtel statt.

Begrüssung: Dr. Johann Marte, Präsident der Österreichischen UNECO-Kommission / Univ. Prof. Dr. Heinrich Neisser, Vizepräsident der Österreichischen Liga für Menschenrechte / Univ. Prof. Dr. Franz M. Wimmer, Präsident der Wiener Gesellschaft für Interkulturelle Philosophie

Themenschwerpunkt Philosophie:
Zu Fragen der Theorie von Menschenrechten heute referierten unter der Moderation von Dr. Hakan Gürses (Wien):
Univ. Prof. Dr. Jan Sokol (Prag): Woher kommen die Menschenrechte? / Mag. Mathias Thaler (Wien): Kommentar
Univ. Prof. Dr. Herlinde Pauer-Studer (Wien): Menschenrechte - zwischen moralischem Anspruch und politischer Instrumentalisierung / Univ. Prof. Dr. Franz M. Wimmer (Wien): Kommentar
Univ. Prof. Dr. Pavel Barsa (Prag): Wage a War in the Name of Human Rights? / Univ. Prof. Dr. Christian Stadler (Wien): Kommentar

Themenschwerpunkt Recht:
Zu Fragen der internationalen Rechtsentwicklung im Zusammenhang mit Menschenrechten referierten unter der Moderation von Dr. Dilek Cinar (Wien):
Univ. Prof. Dr. Yersu Kim (Seoul): Expanding the Grounds of Universality of Human Rights / Dr. Benedikt Wallner (Wien): Kommentar
Univ. Prof. Dr. Ann Elisabeth Mayer (Philadelphia): Clashing Human Rights Priorities: How the United States and Muslim Countries Selectively Use
Provisions of International Human Rights Law / Univ. Ass. Dr. Jameleddine Ben-Abdeljelil (Wien): Kommentar
Univ. Prof. Dr. Stefan Hammer (Wien): Menschenrechte als Schutzansprüche gegenüber wirtschaftlicher Macht / Mag. Konrad Pleterski (Wien): Kommentar

Themenschwerpunkt Praxis:
Zu Möglichkeiten der Zivilgesellschaft und Fragen der Arbeitsbedingungen in internationalen Zusammenhängen referierten unter der Moderation von Max Koch (Wien):
Univ. Prof. Mgr. Andrea Barsova (Prag): Possibilities and Limits of the Civil Society in Human Rights Protection / Dr. Dieter Schindlauer (Wien): Kommentar
Univ. Prof. Dr. Ursula Schneider (Graz): Governance statt Government? / Univ. Ass. Mag. Dr. Dragana Damjanovic (Wien): Kommentar
Univ. Doz. Dr. Paul Kolm (Wien): BürgerInnenrecht im Betrieb - ein blinder Fleck in der öffentlichen Wahrnehmung / MMag. Volker Frey (Wien): Kommentar

Abschlussvortrag:
Univ. Prof. Dr. Gregor Paul (Karlsruhe): Der "Krieg gegen den Terrorismusî: Eine grundsätzliche Kritik / Dr. Ingvild Birkhan (Wien): Kommentar
 

Während der Konferenz wurden im Rahmen der Impulswochen "Wissen schafft Demokratie" Interviews mit Vortragenden filmisch aufgezeichnet und mit einer DVD dokumentiert. Eine Publikation der Konferenz ist in Form eines Themenheftes von "polylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren" in Vorbereitung.
 

Seminarreihe
Theorie und Praxis der Interkulturalität
Konzept und Koordination: Univ. Prof. Dr. Franz M. Wimmer

Unter dem Schwerpunkt "Menschenrechte im Kulturvergleichî wurden im Sommersemester aus der Sicht unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen Bereiche thematisiert, in denen aufgrund der gegenwärtigen Entwicklungen Grundrechte von Menschen in vielen Regionen in Frage gestellt sind. Dies betraf allgemeine Sozialrechte ebenso wie Frauenrechte und auch individuelle Freiheitsrechte. Wie Menschenrechte in den verschiedenen Kulturtraditionen verankert sind und welche Ideen angesichts der heutigen Entwicklung daraus zu gewinnen sind, war die leitende Frage des Semesters. Im Wintersemester wurde unter dem Schwerpunkt "Perspektiven von Identitätenî der Wahrnehmung kultureller Differenzen nachgegangen. Die ausgehende Fragestellung war hierbei, wie das Verständnis und die Sicht dessen, was und warum etwas als Eigenes oder als Fremdes gesehen wird, in interkulturellen Prozessen im Allgemeinen eine entscheidende Rolle spielt. Hierbei wurde besonderes Aspekte im Zusammenhang mit Identität beleuchtet. Die Entstehung einer taiwanesischen Identität war hier ebenso einschlägig wie die Frage nach der Verwandtschaft westlicher und buddhistischer Traditionen, das Verständnis moderner Religionen (am Beispiel von Candomblé) oder Hintergrund und Bedeutung des so genannten Bilderverbots in islamischen Gesellschaften.

Dr. Jameleddine Ben Abdeljelil (Wien): Toleranzkonzepte im islamisch-arabischen Kontext
Ausgehend von dem im Koran grundgelegten Gebot der Religionstoleranz gegenüber "Menschen des Buches" (Juden, Christen und Sabäer), wurde die Bedeutung und Entwicklung dieser Idee in der islamisch-arabischen Tradition dargestellt. Es handelte sich um einen umstrittenen Begriff, der insgesamt auch nicht ausreicht, um Spannungen innerhalb moderner Gesellschaften auszugleichen. Vielmehr ist der Begriff der Toleranz in unterschiedlichen Kontexten immer wieder neu zu definieren.

Mag. Viktoria Frysak / Daniela Kersic (Wien): Olympe de Gouges - "Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin (1791)"
Zur Zeit der Französischen Revolution, da - wie sich bald herausstellte - der Mann und Bürger die herrschende Klasse darstellte und die Frau in Gesellschaft und Politik keine Stimme hatte, erscheint die Veröffentlichung der "Declaration des droits de la femme et de la citoyenne" (1791) als bemerkenswert. Sofort stellen sich Fragen: Wer war Olympe de Gouges und was oder wer hat sie bewogen, ihre Erklärung zu schreiben? Was ist der Inhalt ihrer Erklärung und an wen ist sie gerichtet? Wie ist unter dem Aspekt der offensichtlichen Rechtlosigkeit der Frau die "Deklaration der Rechte des Menschen und Bürgers" von 1789 zu sehen? Wie ist es um die Gültigkeit der Menschenrechte für weibliche Menschen bestellt? Was ist aus der Erklärung geworden? Und schließlich: Erhebt die Erklärung de Gouges' universalen Anspruch? Das heißt, und das ist die zentrale Frage: Kann sie für alle Menschen gültig sein?

Dr. Benedikt Wallner (Wien): "Ethics at work" - Die Menschenrechte des 21. Jahrhunderts und was der Polylog für sie tun kann
Inwiefern gelten Menschenrechte als Schutzrechte gegen den Nationalstaat westlicher Prägung in einer Welt weiter, in der Nationalstaaten gegenüber den wahren Machtzentren, den multinationalen Unternehmen, zunehmend an Terrain verlieren? Kann man als Individuum einen Konzern klagen, kann man sein Recht angesichts der Konzern-Übermacht durchsetzen? Anhand konkreter Fälle, die der Vortragende gegen Konzerne, vornehmlich Banken, erfolgreich vertreten hatte, wurde die Effizienz des Privatrechts gegen die veränderte Bedrohung der Bürgerrechte im 21. Jahrhundert demonstriert. Darüber hinaus wurde die Frage gestellt, wie und in welchem Ausmaß die in der interkulturellen Philosophie entwickelte Idee eines Polylogs in diesem Zusammenhang weiterführen kann.

Buchpräsentation und Diskussion:
Franz Martin Wimmer: Interkulturelle Philosophie - Eine Einführung
(Wiener Universitäts Verlag / UTB 2004)
In diesem Buch werden Ansätze interkultureller Philosophie, wie sie in den letzten Jahrzehnten verstärkt entwickelt worden sind, präsentiert. An hermeneutischen und ethischen Fragestellungen wie derjenigen nach der Universalität der Menschenrechte wird gezeigt, dass die Situation der Globalisierung angesichts unterschiedlicher Traditionen der Philosophie eine Neuinterpretation der Philosophiegeschichte erfordert und eine neue inhaltliche Orientierung möglich und nötig ist. Nach einleitenden Worten von Dr. Michael Huter (WUV) diskutierten Univ. Prof. Dr. Anand Amaladass (Chennai-Madras), Dr. Jameleddine Ben Abdeljelil (Wien) und Univ. Prof. Dr. Ram Adhar Mall (München) zum Thema.
Die Diskussionsleitung und Moderation übernahm Dr. Hakan Gürses (Wien).

Mag. Almir Ibric (Wien): Das Bilderverbot im Islam
Das Thema wurde von seinen Ursprüngen (vorislamische Bilderverbotstendenzen) bis in die Gegenwart (Auswirkungen des Bilderverbots unter Muslimen heute) präsentiert. Die Hauptquellen des Bilderverbots (Koran, Überlieferung) sowie Probleme und mögliche Lösungen wurden vorgestellt: Wie ist das Bilderverbot im Islam zu verstehen? Wie definiert man ein Bild entsprechend der islamischen Kunsttheorie? Wie lautet die ("ascharitische") Atomismustheorie bezüglich des Bilderverbots? Warum spricht man von einem Abbildungsverbot der schattenbildenden Objekte bzw. Wesen? Warum kann ein Maler "nichts Lebendiges schaffen"? Die Antworten auf diese Fragen sollten ein neues Bild zur Frage des Bilderverbots entwerfen.

Mag. Adalberto Mikosz (Wien): Candomble - eine Religion in europäischer Spiegelung
Afrobrasilianische Kulte entstanden aus den von Sklaven überlieferten Religionen und aus diskursiven Praktiken der brasilianischen Gesellschaft. Sie stellen sich zweifach dar: Candomble als moderne Rekonstruktion, die sich als orthodoxe Form sieht; und Umbanda, eine Verbindung mit dem Katholizismus, die von Candomble als Abweichung von einer echten afrikanischen Religion verstanden wird. Als Religionen der Ekstase berühren sie eine der Kernfragen okzidentaler Wissenschaft und Rechtstheorie - die Frage der Identität. Nach einer knappen Darstellung von Begriffen und sozialer Organisation dieser Kulte wurden Annahmen analysiert, die als zentral für diese Praktiken gelten, wie die Frage der Oralität, der Orthodoxie und der Hierarchie, aber auch ihrer Funktion als Instrument des Widerstands gegen alltägliche Unterdrückung.

Mag. Hsueh-I Chen (Wien): Konzeption einer Identität aus Vielfalt am Beispiel Taiwans
Wie sind Menschen von unterschiedlicher Herkunft, Kultur usw. zu einer gemeinsamen kollektiven Identität zusammenzuführen - und dies im Einklang mit ihrer jeweiligen Eigenständigkeit? Dies ist nicht nur eine viel diskutierte Frage in der jüngst erweiterten europäischen Union, sondern sie betrifft auch die Insel Taiwan, wo zahlreiche Völker im Laufe der Geschichte ihre Heimat gefunden haben. Mittels Begriffen wie z. B. "deduktiv" und "induktiv" wurden im Vortrag verschiedene Zugangsarten zur kollektiven Identität erörtert und diese in einen zeitlichen Kontext - vergangenheits-, gegenwarts- und zukunftsorientiert - gestellt. Das Problem der gegenseitigen Anerkennung trotz unüberbrückbarer Differenzen wurde thematisiert und darüber hinaus die Frage gestellt, welche Funktion der Demokratie in Bezug auf die Identitätsfrage zuteil wird.
 

PUBLIKATION
 

Menschenrechte im Kulturvergleich
IWK-Mitteilungen 1-2/2004 (Seminarreihe)

Dass Menschen Grundrechte haben, die zu respektieren und zu garantieren sind, ist kein selbstverständlicher Gedanke. Ebenso ist nicht selbstverständlich, welche Rechte dies sind. Kulturelle und religiöse Traditionen differieren in dieser Frage, es gibt aber auch unabhängig davon Entwicklungen in der Gegenwart, die es notwendig erscheinen lassen, Menschenrechte im Kulturvergleich von verschiedenen Seiten her zu betrachten, wie das der IWK-Arbeitskreis zu Fragen der Interkulturalität 2003/04 thematisiert hat. Dabei ist es wichtig, den Blick auch auf die Gegenwart mit Phänomenen wie der Globalisierung von Märkten, massiven Migrationen, der Entstehung von kulturell hybriden Megastädten und der Wirksamkeit fundamentalistischer oder terroristischer Ideologien zu richten.
Mathias Thaler behandelt in seinem Beitrag zwei Pro-blembereiche. Erstens fragt er nach, worin sich Einwände gegen die universelle Gültigkeit von Menschenrechten, die auf einen Kulturrelativismus zurückgehen, von anderen Einwänden unterscheiden. Es geht ihm also um die so genannten "kulturellen" Argumente. Zweitens fragt er nach theoretischen Möglichkeiten, solchen Einwänden zu begegnen und kommt zu der These, dass zwar die Prämissen einer "kulturell sensiblen" Kritik an Menschenrechtsideen durchaus richtig sind, dass aber Schlussfolgerungen daraus, die aufgrund einer "Fehleinschätzung der Kategorie Kultur" gezogen werden, aus praktischen wie aus theoretischen Gründen nicht haltbar sind.
Im Aufsatz von Benedikt Wallner ist die Ausgangsfrage, inwiefern Schutzrechte für den Einzelnen, die der jeweilige Staat zu garantieren hat, auch dann noch einzufordern sind, wenn diese Staaten "gegenüber den wahren Machtzentren, den multinationalen Unternehmen, zu-nehmend an Terrain verlieren." Kann ein Einzelner gegenüber internationalen Konzernen seine (Menschen-) Rechte einklagen? Wallner führt anhand konkreter Fälle aus, wie der "veränderten Bedrohung der Bürgerrechte im 21. Jahrhundert" durch die (Weiter-)Entwicklung von Rechtsinstituten und Regelungstechnik, die "eine Fort-existenz durch Koexistenz ermöglicht", begegnet werden kann. Er schlägt vor, die Idee des "Polylogs" (vgl. IWK-Texte Nr. 4) in diesem Zusammenhang weiterzuführen, um ein "Weltrecht" zu entwickeln und nicht "die Zivilisationen wie in der Steinzeit aufeinander prallen zu lassen".
Mit dem "Projekt Weltethos", das vor allem durch den Theologen Hans Küng bekannt wurde, befasst sich Paulina Prinz. Es geht dabei darum, auf der Grundlage von Werten und Normen, die alle großen Religionen gemeinsam haben, ein globales Menschheitsethos zu etablieren. Die beiden wichtigsten Dokumente in diesem Zusammenhang sind die 'Erklärung zum Weltethos' des Parlaments der Weltreligionen und die 'Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten' des InterAction Council, einer Gruppe von ehemaligen Regierungschefs unter der Leitung von Helmut Schmidt. Der Vorschlag einer 'Erklärung der Menschenpflichten' sollte 1998 von der UNO ein halbes Jahrhundert nach deren 'Erklärung der Menschenrechte' offiziell verabschiedet werden, wozu es nicht gekommen ist. Dennoch sind die inhaltlichen Voraussetzungen und Konsequenzen beider Projekte bedeutsam und zu hinterfragen.
In ihrer Analyse von Begründungsversuchen der Universalität von Menschenrechten nehmen Natalia Hartmann und Alexander Konas neben der UNO-Erklärung auch mehrere regionale Deklarationen - wie die 'Afrikanische Charta der Rechte der Menschen und Völker', die 'Kairoer Erklärung über Menschenrechte im Islam' u. a. - in den Blick. Sie gehen dabei davon aus, dass nach dem 11. September 2001 in Staaten "Grund- und Menschenrechte - ohne großen Protest seitens der betroffenen Menschen - eingeschränkt" worden sind, die zuvor die universale Geltung dieser Rechte stark betont hatten. "War das nur Rhetorik?" Im Vergleich der Deklarationen und an Einzelfällen wird gezeigt, dass nicht ernsthaft von einer universellen Geltung gesprochen werden kann, dass vielmehr die reale Gefahr besteht, hinter eine zwar stets kompromisshafte, aber doch humane Entwicklung zurückzufallen.
Jameleddine Ben Abdeljelil thematisiert Toleranzkonzepte, wie sie im islamisch-arabischen Raum entwickelt worden sind. Dabei geht er von dem bekannten Toleranzgebot aus, das der Koran gegenüber "Menschen des Buches" (Juden, Christen und Sabäern) formuliert, bringt dann aber Entwicklungen in Erinnerung, die eine religiös-weltanschauliche Heterogenität und somit auch politisch-praktische Toleranz in islamischen Staaten für lange Epochen belegen. Erst in jüngerer Zeit, bedingt durch den Widerstand gegen Kolonialismus, sind "Symptome der Mono-kulturalisierung" in islamischen "Nationalstaaten" festzustellen, die wiederum "Toleranz" bedingen. Im Rückgriff auch auf islamische Tradition wäre dem jedoch die Entwicklung einer "aktiven Interkulturalität" vorzuziehen.
Ein halb vergessenes, erst in der feministischen Forschung wieder bekannt gemachtes Dokument der europäischen Geistesgeschichte besprechen Viktoria Frysak und Daniela Kersic, nämlich die 'Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin' von Olympe de Gouges aus der Zeit der Französischen Revolution. Sie antwortet der berühmten Erklärung "des droits de l'homme et du citoyen", in der Frauen nicht nur dem Wortlaut nach nicht "gemeint sind", sondern in einem Zustand spezifischer Rechtlosigkeit verblieben. Wie bei den anderen Themen stellt sich auch hier immer noch die Frage nach einer tatsächlichen und konsequenten Allgemeingültigkeit.

Franz Martin Wimmer: Einleitung
Mathias Thaler: Menschenrechte, Kulturrelativismus und interkulturalität
Benedikt Wallner: "Ethics at Work" - Die Menschenrechte des 21. Jahrhunderts und was der Polylog für sie tun kann
Paulina Prinz: Menschenrechte - Menschenpflichten
Natalia Hartmann / Alexander Konas: Universalität der Menschenrechte? Begründungsversuche in Menschenrechtsdeklarationen
Jameleddine Ben Abdeljelil: Toleranzkonzepte im arabisch-islamischen Kontext
Viktoria Frysak / Daniela Kersic: Olympe de Gouges - Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin (1791)
Hakan Gürses: Ist Philosophie ein abendländisches Erzeugnis?
(Buchbesprechung)
 

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KUNST UND ÄSTHETIK
 

VERANSTALTUNGEN
 

Tagung
Theodor W. Adorno und Wien nach 1945
Konzept und Organisation: Univ. Doz. Dr. Johann Dvorak

Theodor W. Adorno lernte am Beispiel der Wiener Moderne sehr früh die gesellschaftliche Bedeutung von Kunst, Wissenschaft und Kultur als Felder politischer Auseinandersetzungen kennen; gerade in Wien bedurfte es der ständigen sorgfältigen Analyse, um nicht dem schönen Schein zu verfallen, um wahrhaftige Modernität vom bloß Modischen zu unterscheiden. So diente Adornos Beschäftigung mit Wien und seiner eigentümlichen Moderne der Grundlegung seiner ästhetischen Theorie und seiner Vorstellungen von Kultur. Bei dieser Arbeitstagung - die aus Anlass des 35. Todestages von Adorno am 11. September stattfand - wurde insbesondere seiner Wirkung in Wien nach 1945 und seiner Auseinandersetzung mit Wien in dieser Zeit nachgegangen.

Univ. Doz. Dr. Johann Dvorak: Begrüßung und Einführung in die Thematik
Dr. Gerald Kertesz (Wien): Theodor W. Adorno an der Wiener Universität. Aufnahme in der Wissenschaft und unter den Studierenden
Dr. Gerhard Scheit (Wien): Adorno und Mahler. Voraussetzungen einer musikalischen Physiognomik in Wien
Univ. Doz. Dr. Johann Dvorak (Wien): Ostern, 1967. Theodor W. Adornos Eindrücke und Bemerkungen in Wien
 

Tagung
Ästhetik, Gesellschaftstheorie und Politik bei Robert Musil
Konzept und Organisation: Univ. Doz. Dr. Johann Dvorak
Gemeinsame Veranstaltung mit der Kleinen Galerie - Gesellschaft für Kunst und Volksbildung

Musil hat sich in seinen Texten immer wieder mit Fragen der modernen Lebensweise, der Kunst- und Gesellschaftstheorie und der politischen Gestaltung der Gesellschaft beschäftigt. Die Tagung behandelte an zwei Tagen diese Themen und diskutierte die Rahmenbedingungen von Musils Werk. Im Rahmen einer Ausstellung wurde darüber hinaus auch eine außergewöhnliche Entdeckung - nämlich Illustrationen zu Musils großem Roman, die auf die Texte der Erstauflagen zurückgehen - vorgestellt.

Die Eröffnung der Ausstellung von Ernst Gassenmeiers Illustrationen zu Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" begann mit folgenden einführenden Vortrag in der Kleinen Galerie (Kundmanngasse 30, 1030 Wien): Univ. Prof. Dr. Michael Gassenmeier (Duisburg): Ernst Gassenmeiers Musil-Illustrationen - Künstlerische Lesungen des "Mann ohne Eigenschaften"

Am nächsten Tag referierten am IWK:
Dr. Ursula Prokop (Wien): Visuelle Künste und Moderne in Wien, 1918 bis 1933 - ein Versuch (anhand ausgewählter Beispiele)
Univ. Doz. Dr. Johann Dvorak (Wien): Die bruchstückhafte Rezeption von Musils "Mann ohne Eigenschaften" bei Theodor W. Adorno und ihre Bedeutung für Kontroversen um die Moderne
 
 

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POLITIK, DEMOKRATIE UND ARBEIT
 

VERANSTALTUNGEN
 

Arbeitstagung
Die Welt verändern, ohne die Macht zu ergreifen
Konzept und Leitung: Dr. Karl Reitter

John Holloway hat mit seinem Werk "Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen" eine umfassende Analyse emanzipatorischen und systemüberwindenden Handelns vorgelegt, das weltweit breit diskutiert wurde. Das Buch stellt nicht nur eine kritische Bilanz der bisherigen sozialen und politischen antikapitalistischen Bewegungen dar und resümiert deren grundlegende methodische Defizite, sondern zeigt auch, ausgehend vom Begriff des Tuns und dem Gegensatz von "power-to-do" und "power-over", Richtlinien für die gegenwärtige und zukünftige Bewegung auf. Bei dieser Arbeitstagung stellte John Holloway einige seiner Thesen zur Diskussion, die weiteren Referaten beleuchteten einzelne Aspekte und Konsequenzen seines Denkens.

Prof. Dr. John Holloway (Mexiko City): Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen
Lars Stubbe (Hamburg): Peripherer Widerstand? Herausforderungen durch die neuen Bewegungen in Lateinamerika
Dr. Karl Reitter (Wien): Binärer Antagonismus - Einheit des Wir?
 

Tagung
Staat, Demokratie und Menge
Konzept und Organisation: Dr. Karl Reitter / Dr. Bernd Maier

In dieser Arbeitstagung sollte das Verhältnis von Demokratie und Staat kritisch hinterfragt werden. Insbesondere wurde das Spannungsverhältnis zwischen Selbstkonstitution der Menge und der Staatsorientiertheit, ja Staatszentriertheit zahlreicher Demokratiekonzepte aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Gegenüber der begrifflichen Engführung von Demokratie durch ihre Reduktion auf repräsentativ-parlamentarische Modelle konnte die These zur Diskussion gestellt werden, dass erst eine soziale Praxis, die staatszentrierte Demokratievorstellungen überwindet, zu menschlicher Emanzipation führen kann. Der Bogen wurde dabei von den Konstitutionsproblemen der antiken Polis über die Analyse der spezifischen konstituierenden Entgegensetzungen des modernen, nachrevolutionären Staates bei Marx bis zu aktuellen demokratiepolitischen Debatten gespannt.

Dr. Karl Reitter / Dr. Bernd Maier (Wien): Begrüßung und Einführung in die Thematik
Dr. Jürgen Behre (Frankfurt am Main): Volkssouveränität und Demokratie
Dr. Karl Reitter (Wien): Der Staatsbegriff in den Marx'schen Frühschriften
Univ. Prof. Dr. Alice Pechriggl (Wien / Klagenfurt): Von der Menge zur Polis
 

Tagung
Philosophie trifft Migrationsforschung. Migrations- und Asylpolitik in Zeiten der Globalisierung
Konzept und Organisation: Dr. Ralf Rother

Angesichts der steigenden Anzahl von toten Asylsuchenden und (illegalen) MigrantInnen an den EU-Außengrenzen und bei der Abschiebung aus der EU erweist sich eine Politik der geschlossenen Grenzen als hilflos und tödlich, als ethisch unverantwortbar, angesichts der Probleme als perspektivlos und als kriminalitätsfördernd. Diskussionen zu möglichen Internierungslagern der EU (Blair-Papier und Schily-Vorschlag) weisen auf eine einseitige sicherheitspolitische Ausrichtung der Migrationspolitik hin und zeigen, dass eine territoriale Politik auf die Beseitigung des Asylrechts drängt. Vor diesem Hintergrund stellten sich die Fragen nach der zukünftigen Gestalt einer letzten Zuflucht und nach den künftigen politischen Strukturen einer Migrationsgesellschaft. Bei der Tagung sollten einerseits Zustände, Strategien und Perspektiven einer globalen Migrations- und Asylpolitik diskutiert werden, andererseits wurde die Frage behandelt, ob nicht eine Politik der Stadt - wie sie seit der Antike für das menschliche Zusammensein bestimmend war - überholt ist. Interdependenzen und Widersprüche zwischen Raum und Bewegung, Globalisierung und Weltlosigkeit, Recht und Gewalt, Politik, Menschenrechte und Asylrecht waren hier zu untersuchen, um Krisen und Grenzen der aktuellen Migrations- und Asylpolitik aufzuzeigen. Überlegungen zur Fremdheit, Heimatlosigkeit und Gastfreundschaft zeigten schließlich, dass es die Welt als universelle Stadt - als eine Auflösung von Ungleichheit und Gewalt - nicht gibt. Welche Chancen die Politik der Migration und dem Asylrecht noch geben kann, war dementsprechend eine leitende Fragestellung der Tagung.

Dr. Ralf Rother (Wien): Eröffnung
Dr. Karl Kopp (Frankfurt am Main): Europäisches Asylrecht oder kollektiver Ausstieg aus dem internationalen Flüchtlingsschutz?
Dr. Stefan Nowotny (Wien): Globalisierung, Migration und die gesellschaftliche Produktion von Klandestinität
Mag. Dr. Katharina Zakravsky (Wien): Personally Displaced. Zur Genealogie der Querwelteinbürgerung
Univ. Ass. Dr. Andreas Niederberger (Frankfurt am Main): Vom "bios" zur "polis"? Asyl und Migration im Horizont der Konstitution von Politik
Dr. Maria Vassilakou (Wien): Endstation Großstadt? - Integrationspolitik und Städteprojektionen im Zeitalter von Migration und Globalisierung

Die Beiträge der Tagung werden in den IWK-Mitteilungen publiziert .
 

Seminarreihe
Studien zur Arbeiter/Innenbewegung
Konzept und Koordination: Paul Habr / Peter Ulrich Lehner (Redaktion der Zeitschrift "mitbestimmung")

Diese Seminarreihe beschäftigt sich seit vielen Jahren mit aktuellen Themen der ArbeiterInnenbewegung. In diesem Jahr begann sie mit einem Vortrag aus dem noch letztjährigen Schwerpunkt "Natur und Arbeit". Das Sommersemester stand dann unter dem Thema Streik: Öffentliche Betriebsversammlungen, gewerkschaftliche Protestdemonstrationen und schließlich mehrere, zum Teil massive Streiks im Jahr 2003 in Österreich waren für einen Großteil der Bevölkerung ungewohnte Ereignisse. Dies wurde hier zum Anlass genommen, um Zielsetzungen, Mittel und (Miss-)Erfolge des Streiks im Kontext der ArbeiterInnenbewegung zu reflektieren: Haben sich Hoffnungen erfüllt oder Befürchtungen bewahrheitet? Welche Beweggründe gibt es für Streiks? Wie wurden sie organisiert? Wie wurde die Öffentlichkeit informiert, wie informierten die Veröffentlicher die Öffentlichkeit? Welche Stellung hat der Streik im politischen und im Rechtssystem? Welches "vorschwebende Bessere" verbirgt sich hinter der "Abwehrhaltung" Streik? Das Wintersemester stand schließlich unter dem Schwerpunkt Utopie - das "vorschwebende Bessere": Hier wurde folgenden Fragen nachgegangen: Welche gesellschaftliche Bedeutung haben Utopien? Wodurch kommen sie zustande? Wer sind ihre Träger/innen? Wie werden sie geschichtsmächtig? Was wurde im Lauf ihrer Verwirklichung aus ihnen? Gibt es machbare Utopien?  Die ReferentInnen waren eingeladen, diesen Fragestellungen nachzugehen und aus praktischer und theoretischer Sicht zur Diskussion zu stellen.

Zum Schwerpunkt "Natur und Arbeit":
Prof. Dr. Anton Szanya / Univ. Prof. Dr. Harald Wilfing / Prof. Dr. Rudolf O. Zucha (Wien): Einleitungen zu "Menschenwissenschaft"

Zum Schwerpunkt "Streik - Nur Alien oder Event?":
Bernd Brandstetter (Wien) / Peter Haumer (Wien) / Robert Hengster (Wien) / Michael Gehmacher (Wien): Einleitungen zu "Streik - Manöver und Kritik"
Eduard Giffinger (Wien) / Mag. Erich König (Wien)/ Peter Weidner (Wien) / Dr. Astrid Zimmermann (Wien): Einleitungen zu "Streik und Veröffentlichkeit"
Mag. MSc. Iris Eisenberger (Wien) / Heinz Dürr (Wien) / Mag. Gerda Marx (Wien) / Mag. David Mum (Wien): Einleitungen zu "Streik und politisches System"

Zum Schwerpunkt "Utopie - Das vorschwebende Bessere":
Mag. Sonja Grusch (Wien) / Mag. Dr. Erich Gumplmaier (Linz) / Dr. Peter Wasservogel (Wien): Einleitungen zu "Das 'vorschwebende Bessere'?"
Dr. Gerald Kertesz / Dr. Karl Reitter (Wien): Einleitungen zu "Zur Bedeutung von Utopie"
Dr. Doris Ingrisch / Dr. Franz Schandl / Dr. Emanuel Tomaselli (Wien): Einleitungen zu "Utopie und Sozialismus"
Claudia Groiss / Dr. François Naetar / Dr. Michael Straehle (Wien): Einleitungen zu "Internet - eine verwirklichte Utopie?"
 
 

PUBLIKATIONEN

Mitbestimmung. Zeitschrift für Demokratisierung der Arbeitswelt
Hg. von der Arbeitsgemeinschaft zur Demokratisierung der Arbeitswelt, Wien 2004

In dieser sechsmal jährlich erscheinenden Zeitschrift werden laufend die Ergebnisse des Arbeitskreises "Studien der Arbeiter/innenbewegung" veröffentlicht. In den Nummern 1-6/2004 wurden folgende Referate und Diskussionsbeiträge publiziert:
1/2004: Theater der Arbeitenden - Ulf Birbaumer: Politisches Theater. Kein bürgerliches Theater 1 / Wilhelm Pellert: Eine Kulturschande. Kein bürgerliches Theater 2
2/2004: Theater der Arbeitenden - Klaus Uhlich: Gesellschaftliche Zustände aufzeigen. Kritisches Theater 1 / Rolf Schwendter: Wieder auf den Text besinnen. Kritisches Theater 2 / Gerhard Werdeker: Theater als Gemeinschaftserlebnis. Kritisches Theater 3 / Conny Hannes Meyer: Ensemblegeist der Unzufriedenen. Kritisches Theater 4
3/2004: Theater der Arbeitenden - Didi Macher. In Betrieben gespielt / Harald Ruppert: Amateure machen Theater / Eva Brenner: Freie Theatergruppen im freien Fall / Herbert Exenberger: Ein Kunstkollektiv / Walter Stern: Wiederbelebung durch Aufbruchsstimmung?
4/2004: Natur und Arbeit - Gerald Kertesz: Zwischen Aufklären und Unterdrücken. Naturwissenschaft und Gesellschaft 1 / Anton Szanya: Von der Biologie zur Psychologie. Naturwissenschaft und Gesellschaft 2 / Friedrich Katscher: Physik und Gesellschaft. Kräfte der Natur 1 / Hans Mikosch: Außerhalb des Reagenzglases. Kräfte der Natur 2 / Helga Kromp-Kolb: Wechselwirkungen. Kräfte der Natur 3 / Helmut Rauch: Wirklichkeit und Wahrnehmung. Kräfte der Natur 4
5/2004: Natur und Arbeit - Friedrich Katscher: Die Biologen und der Atheismus. Lebenswissenschaft 1 / Karl Edlinger: Anpassung oder Eigenaktivität? Lebenswissenschaft 2
6/2004: Natur und Arbeit - Anton Szanya: Die Frage nach dem Sinn des Lebens. Menschenwissenschaft 1 / Rudolf A. Zucha: Am Beispiel des Mobbings. Menschenwissenschaft 2 / Harald Wilfing: Eine Wissenschaftsentwicklung. Menschenwissenschaft 3
 

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PSYCHOANALYSE UND PSYCHIATRIE
 

VERANSTALTUNGEN

Seminarreihe
Psyche und Soma
Konzept und Koordination: DDr. Ulrike Kadi / Mag. Gerhard Unterhurner

Auf die Frage, was wir uns unter Normalität vorstellen sollen, fällt die Antwort nicht schwer: Alltägliches, Selbstverständliches, Gewöhnliches. Doch wie kommt es dazu, dass etwas als normal gilt, als normal erfahren wird? Normalität fällt nicht vom Himmel. Sie verweist auf einen Prozess der Normalisierung, in dem Normen verkörpert und eine bestimmte Struktur der Erfahrung, ein Habitus und gesellschaftliche Lebensformen hervorgebracht werden. Das Normale ist folglich eine Erfindung, die eine besonders weitreichende gesellschaftliche Akzeptanz kennzeichnet. Die Bedeutung des Normalen hat in den letzten hundert Jahren sehr zugenommen. Gegenwärtige westliche Gesellschaften werden daher mit Recht als Normalisierungsgesellschaften angesehen. Das Normale spielt in ihnen gleichermaßen eine stützende wie eine disziplinierende Rolle. Der Weg zum Normalen führt über eine Vielzahl von Normalisierungsprozessen, die Psyche und Soma umfassen. Dabei werden Unterscheidungen getroffen, Diskriminationen, die zu Diskriminierungen werden können. Die Vortragsreihe setzte den disziplinübergreifenden Schwerpunkt der vergangenen Semester mit Vorträgen zu Normalisierungsprozessen aus den Bereichen Philosophie, Psychoanalyse, Wissenschaftstheorie, Rechtswissenschaft, Geschichte und Medizin fort.

Mag. Georg Gröller (Wien): Ist die Psychoanalyse ein Instrument der Normierung?
In der Tradition von Michel Foucault und Deleuze/Guattari wird der Psychoanalyse immer wieder der Vorwurf gemacht, mit ihrer Zentrierung um die Theorie des Ödipuskomplexes und dessen Ausarbeitung in der Übertragungsbeziehung betreibe sie letztlich die Fortschreibung und Verfestigung bestehender Herrschaftsverhältnisse. Diese Kritik bietet eine gute Gelegenheit, die Rolle des "Nebenmenschen" (Freud) in der Konstituierung des Subjekts von neuem zu reflektieren. Weit entfernt davon, die Macht des Anderen nur als Effekt bestimmter "Wahrheitsspiele" zu sehen (Foucault), begründen für die Psychoanalyse sowohl die Abhängigkeit des Kindes von seinen primären Objekten wie auch die Errichtung des Inzestverbots die Erfahrung einer konstitutiven Rolle des Anderen, die im Menschen eine unabschließbare Dialektik von Bindung und Befreiung, Heteronomie und Autonomie in Gang setzt.

Univ. Doz. Dr. Michael Turnheim (Paris / Wien): Über die Auslöschung des Fremden
Der verrückte Senatspräsident Schreber behauptet in seinen Denkwürdigkeiten zu einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens ein "fremdes Herz" gehabt zu haben. Sind solche seltsamen Körpererscheinungen als bloße Äußerungen seelischen Verfalls anzusehen oder könnten sie eine im Normalfall kaum mehr zugängliche Wahrheit enthalten?

Dr. Waltraud Ernst (Wien): Zivilisationsgeschichten. Das Erotische zwischen "Natur" und "Zivilisation" im europäischen Diskurs der Aufklärung
Erotische Gefühle, Praktiken und Verhältnisse waren zentrale Indizien der "Zivilisation" in den mannigfaltigen Erzählungen über "die" menschliche Entwicklung, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Europa publiziert wurden. Die Autorinnen und Autoren legen lineare Entwicklungen dar, mit widerstreitenden Anfangs- und Endpunkten. In der Erforschung der Natur und der Frage nach der Aktivität der Materie erhielt die Erotik einen ebenso prominenten diskursiven Raum. So bezeichnen etwa Denis Diderot und Pierre-Louis Moreau de Maupertuis die erotische Sinnenlust als das "größte Vergnügen, das die Natur dem menschlichen Begehren bereitstellt". Im Vortrag wurde folgenden Problemen nachgegangen: Was sind die Implikationen dieses Diskurses über die Erotik für eine heute von vielen als normal empfundene patriarchale Fortpflanzungssexualität? Was sind dessen Verbindungen zu einem rassistischen und sexistischen Kolonialdiskurs? Was sind die Konsequenzen für die aktuelle Diskussion um sexuelle Identitätspolitiken?

Dr. Birgit Griesecke (Berlin / Wien): Pathologische Sprachspiele? Zur Normalisierung von Rausch und Schmerz
Die Narkose scheint heute ein normales Verfahren und unexperimentell zu sein. Demgegenüber rief dieser Vortrag vor dem Hintergrund der Beziehung des Normalen und Pathologischen die rauschhafte Vorgeschichte der Anästhesie und ihre Experimente in Erinnerung. Mittels canguilhemscher und wittgensteinscher Denkfiguren wurden dabei Grenzen der Normalisierung aufgezeigt, der gegenwärtige Komplex von Schmerz/Betäubung/Drogen unterlaufen und die getilgten "unlauteren Bastarde" der Wissenschaftsgeschichte in die normalen Diskurse eingeschleust.

Ass. Prof. Hans-Herbert Kögler (Jacksonville / Klagenfurt): Normalität in Moderne und Postmoderne - Gefahren und Quellen offener Identitätskonstruktion
Der Vortrag thematisierte "Normalität" als Frage nach der gesellschaftlichen Funktion von unbefragt geltenden Grundannahmen in Bezug auf Selbst, Sein und soziale Normen. Wittgenstein und der hermeneutischen Tradition folgend, wurde davon ausgegangen, dass ein unbefragtes Hintergrundverständnis eine notwendige Voraussetzung allen Denkens und Sprechens ist. Zugleich aber sollte mit modernitätskritischen Ansätzen untersucht werden, in welchem Maße das "normale Welt- und Selbstverständnis" machtbedingte Konstruktionen enthält bzw. wie unsere existenzielle Situation (Heidegger, Binswanger), soziale Identität (Mead, Bourdieu) und humanwissenschaftliche Diskurse (Foucault, Hacking) zu einer machtkonformen Fixierung solcher Grundannahmen beitragen und diese verstärken. Insofern eine sozialkonstruktivistische Kritik die unbefragte Geltung von machtfunktional-normativen Hintergrundannahmen zerstören kann, ergibt sich die Möglichkeit zu anderen, offeneren Identitätskonstruktionen. Der Vortrag fragte nach Bedingungen und Chancen für einen derart reflexiven Umgang mit Normalität in Moderne und Postmoderne.

Dr. Margareth Lanzinger (Wien): "Und werden sein die Zwey ein Fleisch" - Ein Körper- und Ehekonzept mit normativen Konsequenzen
Die katholische Vorstellung der Verschmelzung durch den ehelichen Akt hatte Konsequenzen für Ehekonzepte und insbesondere für die Ausbildung von Ehehindernissen im kanonischen Recht. Diese lagen nicht nur zwischen Blutsverwandten vor, sondern auch zwischen Verschwägerten - eine Ausdehnung von "Inzest", die auf den ersten Blick nicht ganz einsichtig erscheinen mag. Grundlage dafür ist der im Titelzitat angesprochene una-caro-Gedanke: Mann und Frau als "ein Fleisch". Die geistliche Befragung nach einem eventuell vorliegenden Schwägerschaftsverhältnis galt dabei auch vorehelichen sexuellen Kontakten, etwa mit der Schwester der Braut oder mit dem Bruder des Bräutigams. In diesen "geheimen Fällen" bedurfte es ebenfalls eines spezifischen Prozederes, um das Ehehindernis aufzuheben. Der skizzierte Normierungsrahmen wurde im 19. Jh. zunehmend brüchig, beschäftigte die geistlich-bischöflich-päpstlichen Stellen - wie z. B. aus der Diözese Brixen im Vortrag gezeigt wurden - dennoch weiterhin.

Dr. Ruth Weissensteiner (Wien):  Ess-Störungen - Von der Fettphobie und der Verleugnung des "fetten Selbst"
Die Vorstellung von Normalgewicht und ästhetischer Körperform befindet sich im steten Wandel. Welche Bedeutung hat dabei das Fett erlangt? Im wissenschaftlichen Bereich erscheinen täglich neue Studien über die Gefahren der Adipositas, über neue Theorien ihrer Auslösung oder über erfolgreiche Behandlungsstrategien. Man gewinnt den Eindruck einer Dämonisierung des Fettes. Zudem ist Essen für viele Menschen zum Fokus vergeblicher Versuche der Selbstfindung geworden. Doch die erste menschliche Nahrung ist frühestes Kommunikationsmedium, und entlang der nährenden Kommunikation geschieht die erste Entwicklung der Symbolisierungsfähigkeit, der erste Gedanke im Sinne Bions. "Der Mensch ist, was er isst" hat Ludwig Feuerbach vorausblickend geschrieben.

Mag. Christoph C. Pfisterer (Zürich): "Aber ich folge der Regel doch ganz normal!"
Ein zentrales Thema Wittgensteins Spätphilosophie bilden seine Bemerkungen über das Regelfolgen. Was heißt es, einer Regel zu folgen? Wie kann ich sicher sein, dass ich der richtigen Regel gefolgt bin? In Wittgensteins Überlegungen haben namhafte Vertreter der analytischen Sprachphilosophie (Dummett, Kripke, Horwich) Unterstützung für ihre Positionen (v. a. innerhalb der Bedeutungstheorie) gefunden, welche, ausgehend von der Ablehnung der Normativität von konstruktivistischen Ansätzen, bis hin zum "Regel-Skeptizismus" reichen. Mit der Besinnung auf Wittgensteins "Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik" verfolgte der Vortrag das Anliegen, zu Wittgensteins mathematisch motivierter Ausgangsfrage (die Regelfolgeproblematik betreffend) zurückzufinden und anhand dieser die Problemstellung neu zu bewerten. Dabei wurde  auf Wittgensteins Verständnis von Notwendigkeit sowie auf den damit verknüpften Begriff des Normalen eingegangen.
 
 

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SOZIAL- UND KULTURWISSENSCHAFTEN / MEDIENTHEORIE
 

VERANSTALTUNGEN
 

Internationaler Workshop:
Visualisierung: Zwischen wissenschaftlichem Film und Fotografie
Konzept und Organisation: IWK-Forschungsgruppe "Sozial- und Kulturwissenschaften":
Mag. Marianne Kubaczek / Univ. Ass. Prof. Dr. Wolfgang Pircher / Mag. Dr. Eva Waniek und Dr. Brigitte Mayr
Gemeinsame Veranstaltung mit Synema - Gesellschaft für Film und Medien in Kooperation mit dem Österreichischen Filmmuseum
Gefördert von: Magistrat der Stadt Wien / MA 7 - Wissenschafts- und Forschungsförderung

Eine Archäologie der Medien vom Standpunkt der Visualisierung aus, muss sich auch jener Bilderzeugung widmen, die wir heute als die technische Realisierung "wirklicher" Abbilder der äußeren Welt ansehen. Der Blick auf die Geschichte der wissenschaftlichen Fotografie und des wissenschaftlichen Films zeigten bei dieser Veranstaltung, dass vor allem solche Bewegungsphänomene von Interesse waren, die zu schnell waren, um vom menschlichen Blick hinreichend erfasst zu werden. In der Röntgenfotografie wiederum wurde ein Medium benutzt, das bis dahin Unsichtbares anschaulich machen konnte, bzw. mit einer Technik jenseits der Optik. Damit stand am Anfang dieser wissenschaftlich gebrauchten Medien nicht so sehr die wirklichkeitsgetreue Abbildung als die Sichtbarmachung von bislang Unsichtbarem. Nichts zeigt den Werkzeugcharakter der Medien deutlicher. Der zweitägige Workshop zu diesem Thema zentrierte sich um die Aufnahme des frühen wissenschaftlichen Films als eine Quelle des Films, überhaupt durch Gustav Deutsch in "Film ist.1-6". Ausgehend von den hier behandelten Beispielen und unter Einbeziehung jener wissenschaftlichen Fotografie, die den späteren Film mit fotografischen Mitteln vorwegnahm, ist eine Archäologie der Medientechnik als Kulturtechnik der Visualisierung konzipiert worden. Gleichzeitig wurden damit Kapitel österreichischer Wissenschaftsgeschichte (am Beispiel von Ernst Mach, Joseph Maria Eder, u. a.) behandelt. Die zweitägige Veranstaltung fand im Österreichischen Filmmuseum statt.

Nach der Eröffnung durch Dr. Brigitte Mayr (Synema), Ass. Prof. Dr. Wolfgang Pircher und Mag. Dr. Eva Waniek (IWK) wurde der Film von Gustav Deutsch: Film ist. 1-6 vorgeführt. Im Anschluss dazu hielt der Künstler den Vortrag:
DI Gustav Deutsch (Wien): "Film ist. 1-6î. Das wissenschaftliche Labor als Wiege der Kinematographie

Danach referierten:
Dr. Ramon Reichert (Wien): Von der Normalie zur ästhetischen Subversion. Zur Philosophie des Studien- und Lehrfilms
Dr. Monika Faber (Wien): Der Atlas typischer Spektren - J. M. Eder und die chemische Analyse des Lichtes
Dr. Christoph Hoffmann (Berlin): "Über Sichtbares". Zur Funktion der fotografischen Aufzeichnung in den Versuchen von Mach und Salcher
Prof. Dr. Herta Wolf (Essen): Modalitäten der Visualisierung in der astronomischen Fotografie um 1874
Ass. Prof. Dr. Wolfgang Pircher (Wien): Sehen, Erkennen, Wissen
 

Seminarreihe
Internet - Forschung - Lehre
Konzept und Koordination: Dr. Charlotte Zwiauer (Wien) In Kooperation mit der Lehrentwicklung der Universität Wien
Gefördert von: bm:bwk / Abteilung Erwachsenenbildung - IT-Weiterbildungsoffensive

In dieser Seminarreihe wurden zentrale Themen in den Bereichen Lehre mit Neuen Medien sowie Forschung zu eLearning und Neuen Medien Thematisiert und diskutiert. Im Mittelpunkt standen erprobte und ressourcenschonende Modelle des eLearning, allgemeine didaktische Konzepte und Spezifika der Webdidaktik, Fragen der Standardisierung sowie innovative Open Source Entwicklungen. Ziel der Reihe ist es, den TeilnehmerInnen Einblick in den aktuellen Stand der Medienentwicklung im Bildungsbereich zu geben sowie Vernetzung und Erfahrungsaustausch zu fördern.

Dr. Sabine Payr (Wien): Lernen mit animierten Software-Agenten: Potenziale, Probleme und pädagogische Hintergründe
Schon seit einigen Jahren wird in mehreren Forschungszentren an der Entwicklung autonomer virtueller Charaktere gearbeitet, die in Lernumgebungen zum Einsatz kommen. Es gibt virtuelle Instruktoren, Tutoren, Coaches, Kollegen und Trainees, aber auch Akteure in interaktiven Rollenspielen. Anhand von Beispielen wurden in diesem Vortrag die zugrunde liegenden pädagogischen Ansätze dieser Agenten aufgezeigt. In Gegenüberstellung zu den heute im eLearning üblichen Technologien wurden ihre Potenziale zur Bereicherung und Verbesserung des eLearning diskutiert.

Christian Nowak (Wien): Zertifikatslehrgang eL.SD / eLearning self directed - Methoden Didaktik Instrumente
eLearning ist in den letzten Jahre zum viel zitierten Schlagwort geworden - in der Praxis ist aber mit (kostspieliger) Technik und standardisierten Contents oft wenig für effektive Lehr- und Lernprozesse gewonnen, und es mangelt an konkreten Vorstellungen, welche Formen und Funktionen von eLearning vor allem in der Erwachsenenbildung sinnvoll eingesetzt werden können. Der Lehrgang eL.SD (eLearning self directed) basiert auf den Erfahrungen der Volkshochschulen Floridsdorf und Meidling, die im Rahmen mehrjähriger Pilotprojekte eLearning in Vorbereitungslehrgängen des 2. Bildungsweges entwickelt und durchgeführt haben (mit Unterstützung des bm:bwk und des ESF). Der zugrunde liegende Ansatz geht von der Überzeugung aus, dass es in der Erwachsenenbildung nicht um standardisiertes Training von "skills" und automatisierte Lernschritte gehen kann. eLearning-Angebote können aber bei geeignetem Kursdesign und ausreichender Betreuung in den Online-Phasen zur flexibleren Gestaltung von Lernprozessen beitragen und selbstverantwortliches Lernen fördern.

Univ. Prof. Dr. Wolfgang Schmale / Mag. Jakob Krameritsch (Wien): Rote Fäden durch Serendip. Zur kooperativen Erstellung von (wissenschaftlichen) Hypertextnetzwerken
Für die kooperative Entwicklung eines kohärenten, argumentativ und semantisch stimmigen Hypertextes mit wissenschaftlichem Inhalt sind Teamarbeit, das Sehen und Denken von strukturellen Zusammenhängen, ein Verständnis für Textkategorien und Schreibinteressen sowie die Beschäftigung mit den "Spielregeln" und der "Spezifik" des Mediums Internet Voraussetzung - mithin allesamt auch (soziale wie wissenschaftliche) Schlüsselkompetenzen für (angehende) Geistes- und KulturwissenschaftlerInnen, die verstärkt in die universitäre Lehre Eingang finden (sollten).
Die diesbezüglichen Erfahrungen mit dem Hypertextnetzwerk zum 16. Jahrhundert www.pastperfect.at, für das mehr als sechzig AutorInnen über siebenhundert Originalbeiträge verfassten, waren Ausgangspunkt für die Entwicklung einer Datenbanksoftware (für das Projekt: Geschichte Online), die im Zuge von Lehrveranstaltungen sowohl Lehrende wie Studierende unterstützen soll, kulturwissenschaftliche Themen medienadäquat und gewinnbringend aufzubereiten und zu vermitteln. Die aus der Umsetzung dieser Projekte gewonnenen Erkenntnisse wurden im Vortrag präsentiert und diskutiert.

Mag. Thomas Pfeffer (Wien): Contentmanagement und Blended Learning an Universitäten
Lehrmaterial (Content) und Lehrleistung (Instruktion, Community-Building, Prüfung etc.) unterscheiden sich ganz wesentlich in ihren Möglichkeiten, bereitgestellt und verbreitet zu werden. Vom technischen Aufwand her besteht zwischen der Archivierung elektronischer Unterlagen und ihrer Weiterverbreitung kein großer Unterschied, da die Zahl der Nutzer kaum Einfluss auf die entstehenden Kosten hat. Ganz anders ist der Aufwand in der Lehre, bei der jede zusätzlich zu betreuende Person den Interaktionsaufwand erhöht. Aus diesem Grund besteht zwischen den Strategien für die Verbreitung von Content und denen zur Verbreitung von Lehrleistung nur eine indirekte Verbindung. Im Vortrag wurden drei Ebenen des Contentmanagement unterschieden (individuell, institutionell und überinstitutionell/disziplinär) und strategische Optionen für das blended Learning an traditionellen Universitäten diskutiert.

Gitta Stagl (Wien): Zur Rolle von Kontext und Konzeption im Verhältnis von Lernen und Technologie
Bei der Entwicklung von offenen Lernformen, gerade auch mit ICT, sind zentrale Kategorien wie Individualisierung, Selbstständigkeit, Selbsttätigkeit des Lernens, Zugänglichkeit und Darstellungsvielfalt von Wissen, Kooperation und Instrumente des Lernens. Erfahrungen in transeuropäischen Kooperationsprojekten zur Förderung und Etablierung offener Lernformen zeigen, dass jedes dieser zentralen Anliegen für die Beteiligten unterschiedliche Funktionen erfüllt und zu unterschiedlichen Erwartungen und Zielvorstellungen für brauchbare Lösungen im Bereich "Lernen und Technologie" führt. Im Vortrag berichtete die Referentin von diesen Erfahrungen und thematisierte einige dieser Unterschiede vor allem auf dem Gebiet individueller Lernstile und der individuellen Nutzbarkeit von Lerntechnologien. Es hat sich als brauchbar erwiesen, diese Unterscheidungen explizit zu machen und dabei die folgenden Fragen zu stellen: Welche Rolle spielen diese Kategorien im konkreten Lern- und Vermittlungsambiente der Beteiligten, was sind Rahmenbedingungen des Einsatzes? Auf welche theoretischen und methodischen Konzepte und Auffassungen über das Lernen stützen sich die Beteiligten, wo bestehen Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede?

Dr. Christian Swertz (Bielefeld): Grundlagen der Webdidaktik
Mit der Webdidaktik nach Norbert Meder wird die Produktion und Bereitstellung multimedialen Materials im Internet (WBT) gesteuert. In WBTs müssen Inhalte bildschirmgerecht präsentiert werden. Damit eine individuelle Navigation (polylineare Struktur) möglich ist, sind in sich geschlossene Bildschirmseiten erforderlich, die in eine didaktisch strukturierte Wissensbasis eingebunden werden. Die Webdidaktik liefert die geeignete didaktische Struktur. Ansatzpunkt ist eine Standardisierung der Inhaltsproduktion auf der Grundlage eines Metadatensystems im Rahmen des LOM-Standards (domänenspezifische Ontologie). Die Webdidaktik ermöglicht eine individuelle Navigation, die sowohl auf Grundlage individuell gewählter didaktischer Modelle als auch mithilfe von Retrievaltechniken erfolgen kann und so fremd- und selbstgesteuertes Lernen gleichermaßen ermöglicht.

Dr. Gerhard Funk (Linz): Reflexive Visualisierung mit Neuen Medien am Beispiel des Visualisators
(ein Softwaretool für kulturwissenschaftliche Forschung und Wissensvermittlung)
Präsentiert wurde das Konzept und der teilweise realisierte Prototyp des Visualisators. Der Visualisator ist ein Satz an Softwaretools für kulturwissenschaftliche Forschung und Wissensvermittlung. Diese Tools entstanden zum einen als Abbildung spezifisch kulturwissenschaftlicher Verfahrensweisen im Computer (wie Vergleich, Assoziation), zum anderen im Versuch, in anderen Zusammenhängen durch den Computer generierte Verfahrensweisen (z. B. Modifikatoren in 3D-Programmen) für kulturwissenschaftliche Zwecke zu nutzen. Sie basieren auf dem Konzept der offenen Präsentation als Texteinheit eines künftigen, auf die Neuen Medien abgestellten Diskurses des Wissens. Eine solche Präsentation besteht zum einen aus der Gesamtheit der für die Beurteilung der jeweils mitgeteilten Forschungsergebnisse relevanten digitalen Daten und erfordert zum anderen eine Form der Darstellung, die nicht nur auf die Rezeption von Forschungsergebnissen, sondern auch auf den Nachvollzug der Genese des mitgeteilten Wissens abzielt. Rezeption wäre in einem mittels derartiger Präsentationen ablaufenden Diskurs des Wissens wesentlich selbst wiederum Forschung. Der Visualisator entstand im Rahmen des von Univ. Prof. Dr. Herbert Lachmayer beantragten und vom bm:bwk finanzierten Forschungsprojekts "Bilder des Wissens. Reflexive Visualisierung als Forschungs- und Vermittlungsstrategie".

Univ. Doz. Dr. Franz Embacher (Wien): Das Konzept der Lernpfade in der Mathematik-Ausbildung
Im Rahmen zweier Projekte im Mathematikbereich wurde ein Werkzeug (das Open Studio von www.mathe-online.at/) eingesetzt, das es Lehrenden erlaubt, "Lernpfade" anzulegen, den Bedürfnissen von Lehrveranstaltungen und Unterrichtsabläufen anzupassen und damit ihren Studierenden die elementaren Funktionalitäten einer Lernumgebung zur Verfügung zu stellen. Das Konzept einer schlanken, transparenten und offenen, auf die notwendigsten Funktionalitäten beschränkten Lernumgebung scheint sich gut dafür zu eignen, Neue Medien auf breiter Basis in Lehre und Unterricht zu integrieren.

Univ. Prof. Dipl. Ing. Dr. techn. Wolfgang Klas (Wien): Aktuelle Entwicklungen im "Mobilen Lernen"
LOM (Learning Object Metadata) ist ein prominenter Standard, der zur Beschreibung von Lehrinhalten vorgeschlagen wurde. Der Vortrag stellte LOM, den Standardisierungsprozess und die Einbettung in andere relevante Standards, kurz vor. An Beispielen wurden im Vortrag die Möglichkeiten und Probleme bei der Verwendung von LOM in Anwendungen aufgezeigt.

Univ. Prof. Dr. Michael Kerres (Duisburg-Essen): E-Learning an Hochschulen - Von Einzelprojekten zur Gesamtstrategie
Die meisten Aktivitäten im Bereich des E-Learning an Hochschulen sind bislang in Form von Projekten und in der Verantwortung Einzelner betrieben worden. Dabei zeigt sich, dass die Potenziale der neuen Medien erst zum Tragen kommen, wenn diese nachhaltig in den Studienbetrieb integriert werden und als Mittel für neue Modelle des Lehrens und Lernens genutzt werden. Der Vortrag beschrieb Möglichkeiten und Anforderungen einer solchen systemischen Sichtweise von E-Learning-Innovationen in der Universität.

Univ. Prof. Dipl. Ing. Dr. Christian Stary (Linz): Didaktik-Explizierung und -Transformation in elektronischen Content für selbstbestimmten Wissenstransfer
Im Vortrag wurde ein Vorgehensmodell, basierend auf dem Linzer framework für selbstbestimmten Wissenstransfer, zur Didaktisierung von Inhalt vorgestellt. Die Phasen 'Erhebung' bis 'Umsetzung' und 'Evaluierung' wurden anhand von Beispielen und Erfahrungen aus einschlägigen Projekten diskutiert.

Univ. Doz. Ing. MMag. Dr. Andreas Holzinger (Graz): Was macht eigentlich ein gutes Lernobjekt aus?
Der Begriff "Lernobjekt" lehnt sich an das Paradigma der objekt-orientierten Programmierung aus der Softwaretechnik an. Ein Lernobjekt soll dabei die Fähigkeit zur Interoperabilität, Portabilität und Reusabilität erfüllen; Interoperabilität ist dabei die Fähigkeit, Informationen über gemeinsam nutzbare Datenformate zu nutzen. Während Portabilität die Lauffähigkeit von Anwendungen auf unterschiedlichen Systemen gewährleistet, sichert Interoperabilität die Fähigkeit der Anwendungen zur verteilten Zusammenarbeit auf einer Kommunikationsinfrastruktur. Interoperabilität wird heute durch den Einsatz von Metadaten sichergestellt. Reusabilität ist die Fähigkeit, ein Lernobjekt wieder zu verwenden, d. h.: es in einen anderen Kontext wieder einzubauen. Ein zentraler Ansatz dazu ist die Modularisierung, ebenfalls ein Paradigma aus der Informatik. Ein gutes Lernobjekt muss weit mehr erfüllen als nur gewisse technische Eigenschaften. Es muss vor allem einem soliden didaktischen Modell entsprechen. Aber auch hier leistet die Informatik im Fach Mensch-Maschine-Kommunikation wichtiges Grundlagenwissen und Erkenntnisse, die zum User-centered-Design komplexer Lernobjekte verwendet werden können.
 
 

PUBLIKATIONEN
 

Internet - Forschung - Lehre. Teil 2
IWK-Mitteilungen 3-4/2004 (Seminarreihe)

Ein zentrales Ziel der in Kooperation mit dem Projektzentrum Lehrentwicklung der Universität Wien mittlerweile seit Sommersemester 2002 durchgeführten Vortragsreihe war es, erfolgreiche eLearning Projekte zu präsentieren, kritisch zu analysieren und aus den Erfahrungen zu lernen. Das Spektrum der Projekte reichte von kooperativen Lernumgebungen bis zu vorbildhaft organisierten Ressourcensammlungen für bestimmte Fachbereiche, von Selbstlernszenarien mit der Option zielgruppenspezifische Lernpfade anzulegen bis zu multimedialen, offen angelegten Hypertextumgebungen, die in unterschiedlichsten Bildungskontexten zum Einsatz kommen können. Dabei galt es immer wieder die Rolle der Lern- bzw. Wissensumgebungen innerhalb des didaktischen Gesamtfeldes auszuloten, in dem diese zur Anwendung kommen. Einzelne Lernumgebungen sind auch bereits in ein konsistentes Bildungsprogramm eingebettet.
Die in der Vortragsreihe vorgestellten Projekte und Erfahrungen bezogen sich auf sehr unterschiedliche institutionelle Kontexte und Zielgruppen - teilweise sind sie im universitären Bereich angesiedelt, aber auch an den Übergängen von Schule, Hochschul- und Weiterbildung. Sie wurden als Anreicherung zur Präsenzlehre konzipiert oder aber als Distance Learning Szenarien. Ein typischer Anwendungsfall des Letzteren ist in der Erwachsenenbildung zu finden; die Zielgruppen der mehr oder weniger formalisierten, im Distance Learning Modus angebotenen Bildungsangebote sind hier Life Long Learners. Die BeiträgerInnen dieses Heftes sind mit den von ihnen vorgestellten Projekten in der skizzierten Matrix ganz unterschiedlich einzuordnen. Ihre jeweils deutlich herausgearbeiteten Konzepte sind von hohem Orientierungswert und sie halten als herausragende Umsetzungen international Bestand. In den Beiträgen und Diskussionen der Vortragsreihe wurde ein Fokus auf die Offenlegung bewährter Konzepte der Reformpädagogik, der Fernlehre und der Erwachsenenbildung sowie der forschungsorientierten Lehre als wesentlicher Bestandteil der didaktischen Fundamente der konkreten Projekte gelegt. Dieser Zugang wurde im Bemühen um eine methodische Konsolidierung des eLearning systematisch forciert. Ein weiterer Fokus in den Diskussionen lag auf der Analyse der durch die Einbindung dieser Projekte in die alltägliche Lehre hervorgerufenen Veränderungsprozesse des Umfeldes im Sinn eines mehr oder weniger breiten und andauernden Innovationsschubes; über die Projektperspektive hinaus ging es um neu etablierte Prozessabläufe insbesondere in universitärer Forschung und Lehre, etwa durch die hohe Verfügbarkeit von vernetzten digitalen Wissensressourcen, auf die bei der - verstärkt kooperativen - Produktion von neuen Ressourcen zurückgegriffen werden kann und die Offenlegung dieser neuen Wissens- bzw. Lehrbestände für die Fachöffentlichkeit oder auch eingeschränktere Zielgruppen. Hier konnten durch die interdisziplinäre Herkunft der mit diskutierenden TeilnehmerInnen Aspekte aus ganz unterschiedlichen Disziplinen wie der Wissenschaftssoziologie, der Geschäftsprozessforschung sowie der Technikfolgenabschätzung eingebracht werden. In der Vortragsreihe gelang es also, trotz der Heterogenität der vorgestellten Projekte einen roten Faden zu knüpfen, wobei ich meinen Dank ganz besonders an die AutorInnen dieses Heftes richten möchte, die sich jeweils auch dem Anspruch stellten, ihre methodischen Zugänge, ihre Erfahrungen in der Durchführung sowie institutionellen Verankerung von eLearning-Projekten  zu verdeutlichen und bereit waren, ihr Erfahrungswissen zu explizieren.

Charlotte Zwiauer: Einleitung
Franz Palank: Didaktische Implikation der eLearning Entwicklung
Gerhard Budin: Dynamische Wissensorganisation und Lehrinhaltsentwicklung in eLearning Projekten
Thomas Pfeffer: Contentmanagement und Blended Learning an Universitäten: Über den Hörsaal hinaus
Jakob Krameritsch / Wolfgang Schmale: Hypertext in der Forschungs-, Lehr- und Unterrichtspraxis
Franz Embacher: Das Konzept der Lernpfade In der Mathematik-Ausbildung
Barbara Oberwasserlechner: eL.SD / eLearning self directed - eLearning für TrainerInnen, TutorInnen, BeraterInnen und Führungskräfte
 

Marianne Kubaczek / Wolfgang Pircher / Eva Waniek (Hg.):
Kunst. Zeichen. Technik. Philosophie am Grund der Medien
Konturen politischen Denkens 2, LIT Verlag, Münster 2004 (Symposium 2001)

Angeregt von der Spannung zwischen nationalen und natürlichen Sprachen, verfolgen die Autoren dieses Bandes die verschiedenen Dimensionen sprachlicher und nichtsprachlicher Äußerungsformen in elektroakustischer Musik, Kunst, Psychoanalyse, Sprachwissenschaft, Philosophie und Technik. Alle Beiträge eint ein medien-philosophischer Gestus.

Marianne Kubaczek / Wolfgang Pircher / Eva Waniek (Hg.): Vorwort

Kunst und Bild:
Catherine Z. Elgin: Der Beitrag der Kunst zur Erweiterung des Verstehens. Oder: Die Rolle der Kunst im Fortschritt des Verstehens
Beat Wyss: "Deja vu". Die Nachträglichkeit des Neuen. Die Krux mit dem Authentischen
Robert Pfaller: Das trügerische Bild der Vergangenheit huscht herbei. Nachträglichkeit und das Imaginäre der Kulturwissenschaften
Sergius Kodera: Schattenhafte Körper, erotische Bilder. Zur Zeichentheorie im Renaissance-Neuplatonismus bei Marsili Ficino
Richard Heinrich: Das Wissen der Renaissance
Hans Dickel: Zeichen und Zeichnung. Die Wissensformen der bildenden Kunst  als Grundlage und Grenze der Lehrbarkeit
Wolfgang Prircher: Die Perspektiven der Zeichnung

Elektroakustische Musik:
Peter Niklas Wilson: Wege zu einer 'oral-electronic Tradition'. Formen und Funktionen sekundärer Oralität im kreativen musikalischen Prozess
Denis Smalley: Spektromorphologie. Ein Zeichensystem zum Verständnis einer neuen Klangkunst
Mathias Fuchs: Schwarze Töne - Weiße Töne: Spektromorphologie im interkulturellen Kontext
Marianne Kubaczek: Ein Wissen und seine Medien. Musik zwischen Schrift, Oralität und Aufzeichnung

Sprache:
Jürgen Trabant: Was wissen wir, wenn wir eine Sprache können?
Hans Julius Schneider: Die Sprache - Trübes Medium oder Lebenselement der Kommunikation?
Markus Arnold: Die 'leeren' Formen des Narrativen: Zu den Bedingungen der Erfahrung menschlicher Freiheit
 
 

Ludwig Nagl / Eva Waniek / Brigitte Mayr (Hg.):
Film/Denken / Thinking Film - Film und Philosophie
Synema, Wien 2004 (Symposium 2002)

Um die Vielschichtigkeit des Phänomens Film gerecht zu werden, wurden internationale VertreterInnen aus dem Bereich der Film-, Medien- und Kulturwissenschaften eingeladen, ihre filmtheoretischen Ansätze und Analysen darzulegen. Sie alle arbeiten mit unterschiedlichen filmwissenschaftlichen Methoden und gehören verschiedenen Denktraditionen an (wie jener des Strukturalismus, Poststrukturalismus, der spät- bzw. postanalytischen Philosophie, des Neopragmatismus, der Diskursanalyse, der Medientheorie und Kulturphilosophie). Da ein Dialog zwischen ihnen, ein Ideenaustausch zu all den divergenten Zugangsformen zum Film jedoch selten bis kaum stattfindet, wurde das dem Buch zugrundeliegende gleichnamige Symposium initiiert. Das daraus entstandene Buch soll dazu beitragen, ein produktives Gespräch zwischen den verschiedenen Schulen in Gang zu bringen, um aktuelle Probleme und Defizite der Film- und Medientheorie zu thematisieren und Lösungsvorschläge für offene Probleme vorzubereiten.

Ludwig Nagl / Eva Waniek / Brigitte Mayr: Ein Vorwort

Der Beitrag der Philosophie zur interdisziplinären Filmtheorie:
Slavoj Zizek: Film as the Continuation of Philosophy with other Means - The Case of Gilles Deleuze
Ludwig Nagl: "Film and Self-knowledge"- Philosophische Reflexionen im Anschluss an Cavell und Mulhall
Thomas Korschil: Zur Ontologie des Films bei Stanley Cavell - Zum Beitrag von Ludwig Nagl
Gertrud Koch: Motion Picture - Bausteine zu einer Ästhetik des Films
Gabriele Jutz: Berührung und Index: Kommentar zum Beitrag von Gertrud Koch
Birgit Recki: Überwältigung und Reflexion - Der Film als Mythos und als Kunst
Gloria Withalm: Film als Semiose - Der Beitrag semiotischer Theorien zu Film Studies. Ein Kommentar zum Beitrag von Birgit Recki

Film als eigenes Medium und im Kontext der Neuen Medien:
Mike Sandbothe: Filmphilosophie als Medienphilosophie - Pragmatische Überlegungen zu "The Matrix" und "Minority Report"
Herbert Hrachovec: Das "Gute Leben" und die Medienphilosophie - Ein Kommentar zum Beitrag von Mike Sandbothe
David N. Rodowick: The Virtual Life of Film
Laura Mulvey: Das Stille im bewegten Bild - Möglichkeiten der Visualisierung von Zeit und ihrem Vergehen (aus dem Englischen von Camilla R. Nielsen)
Wolfgang Pircher: Hollywoods Gespenster - Martin Arnolds filmische Dekonstruktionsarbeit Film, Affekt, Gefühl und die Konstitution des Subjekts:
Noel Carroll: Film, Emotion and Genre
Cynthia Freeland: Empiricism and the Philosophy of Film
Anna Schober: Die Gewalt des Alltäglichen - Fragen an pragmatistische Theorien der (Medien-)Welt-Gestaltung
Raymond Bellour: Wie man mit Daniel Stern das Kino besser fühlen-denken kann
August Ruhs: Der Film denkt - Oder: Als die Bilder laufen lernten, lernten sie auch sprechen. Psychoanalytische Reflexionen
 
 

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UNIVERSITÄT, WISSENSCHAFT UND BILDUNG
 
 

VERANSTALTUNGEN
 

Seminarreihe
Universität, Wissenschaft und Demokratie in Österreich
Konzept und Koordination: Univ. Doz. Dr. Johann Dvorak

Unter diesem Titel steht eine systematische und kontinuierliche Auseinandersetzung mit der Geschichte, der gegenwärtigen Lage und möglichen zukünftigen Entwicklungen des österreichischen Wissenschaftsbetriebes. In Vorträgen und Diskussionen wurden 2004 unter Bezugnahme auf aktuelle politische Auseinandersetzungen universitäre und außeruniversitäre Forschung sowie Universitätspolitik im internationalen Vergleich behandelt.

Univ. Doz. Dr. Johann Dvorak (Wien): Wissenschaft, Demokratie und politische (Selbst-)Bildung an den österreichischen Universitäten (im 20. Jahrhundert)

Dr. Gabriele Sorgo / Univ. Prof. Dr. Franz Martin Wimmer (Wien): & und die Genderdimension nicht vergessen - Erfahrungen und Perspektiven zur Reform der Universitäten
Ausgehend von Erfahrungen im Mentoringprojekt für Nachwuchswissenschaftlerinnen an der Universität Wien (2001-2003) wurde die Frage gestellt, wie sich hier die Situation von Frauen bisher verändert hat, was von den Strukturen zu erwarten ist, die durch das UG 02 bedingt sind - und schließlich, wie mit diesen umzugehen sein wird, um Chancengleichheit zu erhalten oder erst zu erreichen.

Univ. Doz. Dr. Johann Dvorak (Wien): Zu den gesellschaftlichen Funktionen universitärer Ausbildung
Derzeit werden Finanzierungsprobleme, mangelnde Wettbewerbsfähigkeit, 'mangelnde Effizienz' der Universitäten und daraus sich ergebende Notwendigkeiten von Reformen in einer Reihe europäischer Staaten debattiert und dabei immer wieder die USA als vorbildliches Beispiel verwendet. Nicht weiter diskutiert wird allerdings meist, welche soziale und ökonomische Bedeutung die Universitäten in ihren jeweiligen Gesellschaften tatsächlich haben (oder haben sollten) und was das Absolvieren universitärer Studien an erweiterten Berufs- und Lebenschancen ermöglicht. Darauf wurde in diesem Vortrag anhand internationaler Vergleiche eingegangen.

Dr. Norbert Rozsenich (Wien): Die österreichische Forschungsförderung im Spannungsfeld zwischen autonomer Selbstregulierung und staatlichen Dirigismus
In diesem Vortrag wurden folgende Punkte behandelt und diskutiert: Historischer Rückblick (Forschungsförderungsgesetz 1967 und Novellen) / Forschungspolitische Prioritäten in den Legislaturperioden seit 1970 / Grundlagenforschung gegen Angewandte Forschung - ein Scheinproblem? / Antragsforschung gegen Auftragsforschung - ein zweites Scheinproblem? / Der Rat für Forschung und Technologieentwicklung - ein autonomes oder lobbyistisches Gremium? / Die Reformen des Kabinetts Schüssel II - Aufbruch zu neuen Ufern oder zu Dirigismus und Postenversorgung?
 

Seminarreihe
Forschung, Technologie und Gesellschaft in Österreich
Konzept und Organisation: Dr. Norbert Rozsenich / Univ. Doz. Dr. Johann Dvorak
Gemeinsame Veranstaltung mit der Österreichischen Gesellschaft für Technologiepolitik

Die wechselseitige Interaktion zwischen der wissenschaftlich-technischen Entwicklungsdynamik und den sozioökonomischen Entwicklungsmöglichkeiten hat seit dem Beitritt Österreichs zur EU stark zugenommen und zeigt neue Eigengesetzlichkeiten auf, die vor allem von einer immer stärker werdenden internationalen Verflechtung des Kapital- und Wissenstransfers dominiert werden. Im Vergleich dazu sind die Instrumente der demokratisch legitimierten Festlegung von gesellschaftlich wünschenswerten Forschungsprioritäten nur schwach ausgeprägt. Im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe wurden die Defizite, aber auch Chancen einer wirtschaftlich und gesellschaftlich ausgewogenen Forschungs- und Technologiepolitik aufgezeigt und anhand repräsentativer Beispiele aus der österreichischen F&E-Szene diskutiert.

Univ. Prof. Dr. Erich Gornik (Wien): Die Zukunft der ausseruniversitären Forschung in Österreich
Univ. Prof. Dr. Gunther Tichy (Wien): Technikfolgenabschätzung - Entscheidungshilfe in einer komplexen Welt
Univ. Doz. Dr. Josef Hochgerner (Wien): Wissenschaftlicher Fortschritt und soziale Innovationen
 
 

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Letzte Bearbeitung: 10. Februar 2005

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