Tabellen, Kurven, Piktogramme.
Techniken der Visualisierung in den Sozialwissenschaften. 
   
Programm Konzept TeilnehmerInnen & Abstracts



Gegen Ende des 18. Jahrhunderts setzen sich in der Statistik vereinzelt graphische Umsetzungen der Daten durch. Berühmtestes Beispiel ist der Commercial and Political Atlas von William Playfair. In der jüngsten Neuausgabe heißt es dazu: "To those interested in the effective visual communication of quantitative phenomena, William Playfair's Atlas is like The Bible: an ancient and revered book that is often cited but rarely read." An Playfairs Unternehmung knüpfte sich allerdings keine Entwicklung an, sein Werk blieb, neben anderen (Crome z.B.), vereinzelt. Erst am Beginn des 20. Jahrhunderts lässt sich von einer kontinuierlich werdenden Entfaltung der graphischen Umsetzung quantitativer Daten sprechen. Das geht Hand in Hand mit der Übernahme technischer Darstellungen in die Sozialwissenschaft. So waren Kurvendarstellungen, als graphische Umsetzungen von Messergebnissen, in der Technik wie in der Naturwissenschaft im 19. Jahrhundert schon gebräuchlich, um sich sodann z.B. auch in den Wirtschaftswissenschaften als Darstellungsform durchzusetzen und zwar nicht nur als Umsetzung gewonnener Daten, sondern auch als abstrakte Funktionsverläufe von Variablen. So hat 1915 Walter G. Waffenschmidt mit seinem Aufsatz im Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik „Graphische Methode in der theoretischen Oekonomie, dargestellt in Anlehnung an das Tauschproblem“ versucht, damit die mathematische Ökonomie in Deutschland überhaupt populär zu machen.  Nach dem Ersten Weltkrieg kommt es schließlich durch Neurath's Bildstatistik zu einer deutlichen Erweiterung des Bereiches der graphischen Darstellung sozialer Daten. Neurath sah in der Bildstatistik einerseits ein Mittel zur Verbreitung von ökonomischem und soziologischem Wissen im Rahmen des sozialdemokratischen Arbeiterbildungsprogramms. Andrerseits betreffen seine Überlegungen zur „visuellen Sprache“ auch die Frage, welcher Art das Wissen ist, das durch die von ihm vorgeschlagenen Visualisierungstechniken hervorgebracht wird. Neuraths Bildstatistik ist nur ein Thema, dem sich die Tagung widmen wird.

Die Tagung soll allgemein dem Thema nachgehen, wie die graphische Darstellung quantitativer Daten in den Sozialwissenschaften und ihren Praxisfeldern, das Denken in diesen Wissenschaften modifiziert hat. Es geht also nicht allein um ein Aufweisen historischer Methoden und Beispiele, sondern auch um die Frage nach der spezifischen Episteme. Es lassen sich folgende Fragen stellen: wann, durch welche Mittel und welches Begehren erscheinen graphische Darstellungen in den Sozialwissenschaften? Inwiefern hängen sie an gleichsam naturwüchsig verwendeten Darstellungstechniken z.B. diagrammatischer Art? So verwenden die österreichischen Volkszählungen (und bei allen anderen ist es sicherlich nicht anders) schon im 18. Jahrhundert die alten diagrammatischen Techniken der tabellarischen Darstellung von Zählergebnissen. Problematisiert wird diese Verwendung, als die (geheime) Verwaltungsstatistik in öffentliche Konkurrenz zur sog. Universitätsstatistik tritt, die ein beschreibendes Verfahren betreibt. Dann taucht auf der Seite dieser Universitätsstatistiker das pejorativ gemeinte Wort von den „Tabellenknechten“ auf, die Darstellungsform wird zu einem Charakteristikum einer „falschen“ Art der Statistik. Das ist die Zeit, Anfang des 19. Jahrhunderts, wo sich in ganz Europa die Tradition der sog. „Politischen Arithmetik“ durchzusetzen beginnt und das heißt, die quantitative Form gegenüber der beschreibenden qualitativen. Letztere hat sich allerdings ebenso naturwüchsig und unproblematisiert eines anderen alten diagrammatischen Mittels bedient: der List
Schließlich finden sich in dieser Zeit auch Modifikationen anderer graphischer Techniken, z.B. der Landkarten, wie sie aus dem Vermessungswesen des 18. Jahrhunderts hervorgingen, mit Einschreibungen der Bevölkerungszunahme = Geburten pro Planquadrat (siehe Eric Brian: La mesure de l'Etat, S. 285). Dies ist ein durchaus anderer Anknüpfungspunkt an die Geographie, als die Landesbeschreibungen, welche die Universitätsstatistik unternahm. Von hier aus lässt sich dagegen ein kleines Universum graphischer Techniken erschließen, wie sie beispielhaft in dem Buch des Geographen Jacques Bertin, Graphische Semiologie (1974) aufgelistet werden.

So eng also die graphische Darstellung von Datenmengen an die quantitative Methode gebunden ist, entspringen ihre Techniken gleichwohl nicht dem Bereich der Zahl - und, wie man hinzufügen muss, auch nicht dem der Schrift, sondern eher jenem Entwicklungsstrang den man Graphé (Peter Koch) genannt hat, mangels eines eigenen Begriffs dafür. Aus den hier versammelbaren Techniken der Liste. Tabelle, etc. bis hin zur Cartesianischen analytischen Geometrie und deren praktischer Anwendung (also alle Arten von Kurven, sei es aus Messdaten extrapolierte, seien sie mit selbstaufzeichnenden Geräten gewonnen) formt sich ein graphischer Medienkomplex, der sowohl Zahlen wie Schrift in sich aufzunehmen imstande ist. Man würde allerdings fehl gehen, würde man diese Techniken unter den Begriff „Bild“ bringen wollen. Es handelt sich um eigenständige Techniken, deren operativ werden in den Sozialwissenschaften bzw. Sozialstatistiken hier untersucht werden soll.
Das Werk von Edward R. Tufte kann schließlich als repräsentativ dafür gelten, wie ein Übergang von der Darstellung statistischer Daten in die künstlerische Grafik und schließlich in die graphischen Möglichkeiten des Computers denkbar ist. Damit zeigt sich allerdings auch, dass es keineswegs gleichgültig sein kann, wie Daten dargestellt werden, denn diese Umsetzung birgt ebenso emanzipative (O.Neurath) wie irreführende Potenzen. Es handelt sich eben nicht um gegenüber dem Gegenstand neutrale Mittel, womit eine gleichsam ‚ideologiekritische’ Betrachtung ebenso unabweisbar wird.  

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