Bücherrad von Agostino Ramelli, 1588  

Vor Google -
Suchmaschinen im analogen Zeitalter

Symposion in der Wienbibliothek im Rathaus
Do-Sa 9.-11.10.2008
 
Abstracts und Kurzbiografien der ReferentInnen
(Reihenfolge entsprechend dem Tagungsprogramm)

Version Oktober 2008

Programm - Abstracts/CVs - Fragestellungen - Literatur - Berichte/Medienreaktionen

Buchpublikation:
Brandstetter/Hübel/Tantner (Hg.): Vor Google. Transcript, 2012.

1) Stefan Rieger (Institut für Medienwissenschaften, Ruhr-Universität Bochum):
Eröffnungsvortrag:
Ordnung ist das halbe Leben. Zur Ökonomie von Benamung und Suche

Stefan Rieger ist Professor für Professor für Mediengeschichte und Kommunikationstheorie an der Ruhr-Universität Bochum. Studium der Germanistik und Philosophie. Stipendiat im Graduiertenkolleg Theorie der Literatur (Konstanz), im Anschluss daran Mitarbeiter im Sonderforschungsbereich Literatur und Anthropologie. Promotion über barocke Datenverarbeitung und Mnemotechnik, Habilitationsschrift zum Verhältnis von Medien und Anthropologie. Heisenberg-Stipendiat der DFG.

2) Daniel Weidner (Zentrum für Literaturforschung, Berlin):
"Wende sie um und um, alles ist in ihr"
Über das Suchen in Heiligen Texten

Das Suchen in Textkorpora gehört zweifellos zu den ältesten Formen medial unterstützter Suche. Der Beitrag untersucht zum einen die praktische Institutionalisierung dieser Suche, die immer mit politischen und epistemologischen Konsequenzen verbunden ist: Das bessere Zitat siegt. Zum anderen wird gezeigt, wie es eine Reihe von Instrumenten erlaubt, Textstellen mit bestimmten Eigenschaften oder bestimmten Koppelungen zu finden und damit auch die Struktur von Texten mit mehr oder weniger ästhetischer Prägnanz abzubilden: Mittelalterliche Evangelienharmonien notieren Parallelstellen in anderen Evangelien; Polyglottenbibeln machen es nicht nur möglich, die Übersetzung einer Stelle zu finden, sondern integrieren oft auch grammatisches und lexikalisches Wissen; frühneuzeitliche Konkordanzen und insbesondere das mit dem Druck entstehende System der Versnummerierung erlauben es, jeden Vers der Schrift ökonomisch und präzise zu adressieren; moderne Synopsen stellen nicht nur inhaltliche Parallelen nebeneinander, sondern ermöglichen es (in Form der quellenkritischen Synopse) auch, die verschiedenen genetischen Schichten eines Textes zu "finden". Alle diese Instrumente sind nicht nur wesentliche Hilfsmittel einer Suche, sondern tragen auch dazu bei, die Bibel zu einer Enzyklopädie zu machen, in der alles Wissen enthalten ist - wenn man es nur finden kann.

Daniel Weidner hat Philosophie, Soziologie, Germanistik und Wissenschaftstheorie in Freiburg, Jena und Wien studiert. 2000 Promotion über Gershom Scholem am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der FU Berlin, seit 2000 Mitarbeiter im Projekt "Figuren des Sakralen in der Dialektik der Säkularisierung", seit 2005 Leiter des Projekts "(Dis-)Figuration der Schrift. Bibelkritik und Literaturwissenschaft in der Neuzeit", beide am Zentrum für Literaturwissenschaft Berlin.

3) Volker Bauer (Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel):
Herrschaftsordnung, Datenordnung, Suchoptionen:
Recherchemöglichkeiten in Staatskalendern und -handbüchern des 18. Jahrhunderts

Zu den zahlreichen Personensuchmaschinen des 18. Jahrhunderts zählt auch die Gattung der Staatskalender oder Staatshandbücher (zusammenfassend Amtsverzeichnisse). Bei ihnen handelt es sich um jährliche Periodika, die im Kern aus Personallisten bestehen, welche die Angehörigen von Hof, Verwaltung und Militär einer Institution, Provinz oder Stadt, eines Landes oder mehrerer Herrschaftsgebiete verzeichnen und als typographische Datenbanken angelegt sind.
Auf territorialer Ebene entstanden bis 1806 insgesamt 110 Amtsverzeichnisserien mit 3.038 Jahrgängen, die maßgeblich unter obrigkeitlichem Einfluss standen. Sie ordneten die Datensätze (die jeweils Amtsbezeichnung und Amtsinhaber kombinierten) systematisch, d.h. nach Verwaltungsgliederung und Hierarchie. Auf diese Weise fungierten die Behördenlisten als druckförmige Abbildung des territorialen Fürstenregiments und als Element politischer Repräsentation: Herrschafts- und Datenordnung waren kongruent. Anders als die bewusst verworfene alphabetischen Reihenfolge erschwerte der systematische Aufbau die freie Personensuche. Offensichtlich war das Genre darauf ausgerichtet, nur ganz bestimmte, affirmative, Hof- und Fürstengesellschaft legitimierende Suchanfragen zu unterstützen.
Definiert man eine territoriale Amtsverzeichnisausgabe als typographischen Datenspeicher erster Ordnung, so lassen sich sekundäre Speichervorgänge ausmachen, die in dreierlei Form auftraten: als Sammlung, Bibliographie und Kompilation territorialer Publikationen. Möglich war dies, weil die einzelnen Verzeichnisse über den Buchmarkt zugänglich waren. Diese Überlieferungspraktiken betrafen stets mehrere unterschiedliche Jahrgänge und Serien und erlaubten daher ein komparatives Vorgehen, welches neue Fragestellungen und Abfragen generierte. Dies reichte bis zu einer quantitativ argumentierenden Staatenkunde, die den Entwicklungsstand eines Landes an bestimmten Kennziffern (z.B. Zahlenverhältnis Staatsdienerschaft/Erwerbsbevölkerung) maß. Die Sekundärspeicherungen unterliefen also die auf territorialer Ebene eingerichteten Suchkontrollen und öffneten zahlreiche neue Recherchemöglichkeiten: Auf der Gattungsebene konstituierten Staatskalender und Staatshandbücher eine gewaltige unkontrollierte Metasuchmaschine, die auch herrschaftskritische Abfragen zuließ.
Diese nichtintendierten Konsequenzen des Amtsverzeichniswesens beruhen letztlich auf der obrigkeitlichen Grundsatzentscheidung, die ursprünglich arkanen, nur in chirographischer Form und zum internen Dienstgebrauch der Kanzleien vorliegenden Personaldatensätze über den Buchdruck öffentlich zu verbreiten. Dies geschah mit dem Ziel der Herrschaftsrepräsentation, doch war damit ein schwerwiegender Kontrollverlust verbunden, da der Gebrauch dieser Publikationen nun nicht mehr auf spezifische Suchoperationen zu beschränken war.

Zur Materialbasis vgl. Volker Bauer: Repertorium territorialer Amtskalender und Amtshandbücher im Alten Reich. Adreß-, Hof-, Staatskalender und Staatshandbücher des 18. Jahrhunderts. 4 Bde. Frankfurt a.M. 1997-2005.

Volker Bauer hat Geschichte und Neuere Deutsche Literatur studiert. Promotionsstipendium am Europäischen Hochschulinstitut Florenz; 1993-2005 Arbeit an Drittmittelprojekten an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, am Institut für Europäische Kulturgeschichte (Universität Augsburg) und am Max-Planck-Institut für Europäische Rechtsgeschichte Frankfurt am Main; seit dem 2006 Koordinator Wissenschaftliche Veranstaltungen und stellvertretender Leiter der Abteilung 5 (Stipendienprogramme, Nachwuchsförderung, Wissenschaftliche Veranstaltungen) an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel.

4) Harald Bollbuck (Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel):
Historische Methode und loci communes als Such- und Ordnungsinstrumente im 16. Jahrhundert

Die durch den humanistischen Rückbezug auf das antike Wissen und die neuen Entdeckungen in Naturwissenschaften und Geographie begründete Wissensvermehrung im 16. Jahrhundert verlangte nach neuen Methoden ihrer Verwaltung. In den Schul- und Universitätsreformen des Jahrhunderts formte Philipp Melanchthon das System der loci communes, das Erasmus von Rotterdam bereits als Such- und Findinstrument populär gemacht hatte, zum wichtigsten didaktischen und mnemotechnischen Verfahren im protestantischen Deutschland. Seine Schüler entwickelten diese Praxis v.a. in historischen Kommentaren weiter. Die am Dekalog orientierten und aus den Texten herauspräparierten loci (im Sinne von Hauptbegriffen oder Argumenten) wurden zu Suchkriterien, die die historische Lektüre leiteten und als Scharnier zu Morallehren fungierten. Genealogische, chronologische, topographische, aber auch mikrohistorische empirische Befunde verdichteten das Werk zu einem engmaschigen Informationssystem. Quellenangaben kommunizierten die typographische Sekundärspeicherung des Wissens, so dass eine flüssige Verbindung zwischen bibliographischen Angaben, historischen Daten, Sittenlehren und Begriffen entstand. Die loci ermöglichten den Zugriff als eine durch Schöpfungswissen gestützte Meta-Suchmaschine; historische Gestalten und Ereignisse sowie ihre Datierung und Lokalisierung dienten als Informationsspeicher zweiter und dritter Ordnung. Vorteile dieses flüssigen Informationssystems waren die Integrations- und Adaptationsfähigkeit, Nachteile das Fehlen einer durchgreifend standardisierten Speicherung im Typographeum. Diese Methode war noch der skriptographischen Epoche verpflichtet.
Die Möglichkeiten des Druckmediums schöpften die Magdeburger Zenturien (1559-1575) weit mehr aus, die ein feingliedriges und formularhaftes System von loci communes als Such-, Ordnungs- und Exzerpierverfahren auf die gesamte Kirchengeschichte anwandten. Zugriff bieten Indexierungen über die loci, die das Gliederungselement des Textes stellen und zugleich jedem der in Jahrhunderte unterteilten Bücher als kurze Inhaltsangabe vorangestellt sind, aber auch Register, die Bibelzitate nach der Ordnung der Heiligen Schrift und herausgehobene Ereignisse, Figuren oder Debatten alphabetisch aufbereiten. Die Zenturien bändigen die Informationen und binden sie in den Druck ein, gehen dabei aber der Komplexität eines kontextualiserenden Informationsflusses verlustig. Die Wissensdaten befinden sich im historischen „Schauhaus“ an einem festen Platz.
Konrad Gessners „Bibliotheca universalis“ (1545–55) trat mit dem Anspruch an, die bis dato verfasste Literatur bibliographisch zu erfassen. Die flüssigen Suchmaschinen der loci communes bildeten zwar weiterhin das wichtigste Instrument für die Erschließung des Stoffes, doch wurden die Informationen nun ohne Rücksicht auf moralische, theologische, aber auch fachliche Kriterien allein alphabetisch aufbereitet. Die verknappte inhaltliche Indexierung von Autoren und literarischen Figuren lassen die Assoziationsmöglichkeiten gegenüber dem System der loci communes verkümmern und schränken den Datenfluss ein; im Alphabet wird jedoch ein voraussetzungsloseres Erschließungssystem erkannt.


Harald Bollbuck hat Geschichte, Klassische Archäologie und Latinistik in Rostock, Wien und an der Humboldt-Universität Berlin studiert. 1999-2002 Mitglied des Graduiertenkollegs „Imaginatio borealis“ an der Christian-Albrechts-Universität Kiel, Dissertation zum Thema: „Geschichts- und Raummodelle bei Albert Krantz (um 1448 – 1517) und David Chytraeus (1530 – 1500). Transformationen des historischen Diskurses im 16. Jahrhundert“ (publiziert 2006); 2002-2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Editionsprojekt „Martin Opitz von Boberfeld (1597-1639). Kritische Edition des Briefwechsels und ausgewählter Lebenszeugnisse“ unter der Leitung von Prof. Dr. Klaus Conermann an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, seit 2008 Bearbeiter des Projekts „Historische Methode und Arbeitstechnik der Magdeburger Zenturien. Kirchengeschichtsschreibung in einem gelehrten Netzwerk im 16. Jahrhundert. Mit einer kritischen digitalen Edition der methodischen Texte“. Publikationen u.a.: Universalgeschichte, Kirchengeschichte und die Ordnung der Schöpfung. Philipp Melanchthon und die Anfänge der protestantischen Geschichtsschreibung, in: Fragmenta Melanchthoniana, Bd. 4, hg. v. Günter Frank u.a., Heidelberg i. Druck; Martin Opitz: Briefwechsel, Eintragungen und andere Zeugnisse. Mit Übersetzungen und Erläuterungen, Drei Bände, hg. v. Klaus Conermann, unter Mitarbeit von Harald Bollbuck, Berlin vorauss. 2009.


5) Alix Cooper (History Department, State University of New York at Stony Brook):
Fragen ohne Antworten
Die Suche nach lokalen Informationen in der frühen Aufklärung

Dieser Vortrag geht der Frage nach, warum während des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts universelle Gebildete und virtuosi aus verschiedenen europäischen Ländern sich dem Genre der Befragung ("Quaestio" auf Latein, "Query" auf Englisch) zuwandten. Es ist bekannt, dass viele Koryphäen der sogenannten "Scientific Revolution" zu dieser Zeit handschriftliche und gedruckte Fragebögen verfassten und sie weitläufig verschickten. In diesen Fragebögen versuchten sie, Informationen über viele Themen zu erfassen. Die Fragen, die gestellt wurden, waren sehr weitreichend und erstreckten sich von "unterirdischen Schätzen und Seltenheiten" einer bestimmten Region bis zu deren Niederschlagsmengen und sogar der Qualität des dortigen Weins und Käses.
Bereits vor über einem halben Jahrhundert lenkte der sowjetische Historiker Boris Hessen die Aufmerksamkeit auf die Art und Weise, in der der berühmte englische Naturforscher Isaac Newton diese Praxis der Befragung nutzte - so z.B. in einem Brief, in dem Newton sich nach ungarischen Bergwerken erkundigte. In Hessens marxistischer Sicht dokumentierte dieser Brief eindeutig Newtons kapitalistische Einstellung. Die meisten europäischen und nordamerikanischen Wissenschaftshistoriker waren damals natürlich nicht dieser Meinung. Schnell wiesen sie Hessens Deutung zurück und erklärten Newtons Brief zu einer Anomalie. Bis vor ganz kurzer Zeit hat dies den Forschungsstand in der Wissenschaftsgeschichte geprägt.
Die Befragungen der frühen Aufklärung waren aber, wie in den letzten Jahrzehnten einige Forscher gezeigt haben, keineswegs eine Anomalie. Sie bildeten eine wichtige Schlüsselstrategie, die von allerlei unternehmerisch gesinnten Menschen benutzt wurde. Sie versuchten, neue Arten von Informantennetzwerken aufzubauen und landessprachliches Wissen in ein neues Wissen zu transformieren, das um einen zeitgenössischen Ausdruck zu verwenden, "gut Latein sprechen konnte".
Dieser Vortrag erforscht die Benutzung von Fragebögen und ähnlichen Techniken durch Gelehrte wie den in Norddeutschland geborenen Henry Oldenburg, den "Intelligencer" der Royal Society in London, Johann Jakob Scheuchzer aus Zürich, der Kompendien von schweizerischen "Naturgeschichten" verfasste (und sogar eine Zeitschrift zu diesem Thema), und Johann Jockusch aus Mansfeld, einen kaum bekannten Anhänger Scheuchzers. Der Vortrag untersucht die Spannungen zwischen dem utopischen Enzyklopädismus dieser Protagonisten und der ihnen entgegengebrachten Apathie, ja sogar dem Widerwillen, auf den sie manchmal stießen. Die Welt passte, wie diese Forscher fanden, nicht so einfach auf die Blätter des Fragebogens. Stattdessen gaben feste Kategorien zugunsten lokaler Realitäten und komplexer Erzählungen, die sich einer Klassifikation entzogen, nach. Obwohl die Verfasser von Fragebögen auf das "gemeine Wohl" verwiesen, teilten die örtlichen Autoritäten, deren Vorrat von Daten oft eine ganz andere Form annahm (z.B. Steuerdokumente), nicht immer dieselben Auffassungen wie sie.
Deshalb diskutiert der Vortrag das "Query", die Befragung, als eine entstehende Technologie, die in der frühen Aufklärung erst noch ausgebildet werden musste. Die wechselnde Gestalt und die unterschiedlichen Ergebnisse dieser Befragungen, die zu einer Zeit durchgeführt wurden, als Versuche der Standardisierung selbst noch nicht standardisiert waren, bieten heute nützliches Material für eine Fallstudie, die die Spannungen im Mittelpunkt der Forschung selbst analysiert.

Alix Cooper ist Associate Professor of History am History Department der State University of New York at Stony Brook. Sie lehrt dort europäische Geschichte der frühen Neuzeit, Wissenschafts-, Medizin- und Umweltgeschichte. 2007 erschien bei Cambridge University Press ihr Buch: Inventing the Indigenous: Local Knowledge and Natural History in Early Modern Europe.

6) Andreas Golob (Archiv der Universität Graz):
Das Zeitungskomptoir als Informationsdrehscheibe
Michael Hermann Ambros und seine Grazer Anzeigenblätter

Basierend auf der Monographie zu Michael Hermann Ambros (Heinrich K. Caspart: Michael Hermann Ambros. Ein österreichischer Journalist zwischen Aufklärung und Reaktion. Ein Beitrag zur österreichischen Mediengeschichte, 2 Bde) sowie auf eigenen Arbeiten (vor allem: Andreas Golob: Dynamisierung und Erstarrung in der Steiermärkischen Presselandschaft. In: Wandel einer Landschaft. Das "lange" 18. Jahrhundert und die Steiermark, hg. Harald Heppner und Nikolaus Reisinger, S. 411-431) gilt der Beitrag den Beilagen der Grazer Zeitungen des umtriebigen Journalisten.
Eine Auseinandersetzung mit den darin enthaltenen Annoncen erweist sich in mehrfacher Hinsicht als reiz- und sinnvoll. Zunächst ist Ambros' Umfeld durch den monographischen Ansatz und durch (weitere) Selbstzeugnisse des Zeitungsschreibers genügend ausgeleuchtet, um speziellere Auswertungen vor diesem Hintergrund anzusiedeln. Während zudem Ambros' Vermittlungstätigkeit in dessen Innsbrucker Phase zum Teil bei Caspart bereits kursorisch quantitativ erfasst wurde, fehlt ein diesbezüglicher Versuch für die Grazer Tätigkeit. Vordergründige Aufgabe der Untersuchung wird es also sein, pro Anzeigenblatt und Jahr das Verhältnis einzelner Anzeigeninhalte (amtliche Kundmachungen - kommerzielle Nachrichten - private Einschaltungen, jeweils mit entsprechenden Unterteilungen) zueinander zu beleuchten.
Abgesehen davon interessiert m. E. vor allem die geographisch über Graz hinausgreifende Tendenz der Annoncen. Nachdem für die Ambros'schen Zeitungsblätter mit ihren politischen Nachrichten schon auf das beeindruckende Korrespondentennetzwerk hingewiesen wurde, soll nun auch die geographische Streuung der Anzeigen thematisiert werden. In diesem Zusammenhang ist insbesondere auf Postulate einzugehen, die den Anzeigenblättern zentrale Bedeutung für die Steiermark, Innerösterreich, Ungarn, oder gar für die ganze Monarchie zumaßen. In diesen Kontext gehören zudem sowohl Ambros' wiederholte Versuche, Monopole für seine Informationsvermittlung zu erwirken, als auch gesamtsteiermärkisch und innerösterreichisch orientierte Phrasen anderer Grazer Presseorgane.
Ambros' Initiative zur Gründung eines Frag- und Kundschaftsamtes in Innsbruck, wohin er sich nach seiner Grazer Zeit begab, und die bloß bescheidene Präsenz einer vergleichbaren Institution in Grazer Medien werfen schließlich allgemeine Fragen zum Verhältnis von Zeitungskomptoiren einerseits respektive Frag- und Kundschaftsämtern andererseits auf.

Andreas Golob hat Geschichte und Kunstgeschichte an der Universität Graz studiert. 2005 Promotio sub auspiciis praesidentis rei publicae. Seit 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Archiv der Universität Graz. Forschungsschwerpunkte: Geschichte des Pressewesens, Wissenschaftsgeschichte, Rezeptionsgeschichte bedeutender Ereignisse im regionalen Kontext.

7) Markus Krajewski (Fakultät Medien, Bauhaus-Universität Weimar):
Ask Jeeves. Der Diener als Informationszentrale

Nicht erst seit P.G. Wodehouse ab 1923 seine Serie von Miniaturen über den Alleskönner und -kenner Jeeves startete, ist es ein Topos, dass beim Butler oder (Kammer-)Diener als Informationszentrale der "oikonomia" die Fäden des ganzen Hauses zusammenlaufen. Und nur folgerichtig nennt sich eine der mit Google konkurrierenden Suchmaschinen heute AskJeeves.com. Der Beitrag möchte dieser Konstellation in ihrer historischen und literarischen Fundierung nachspüren, um auf solche Weise eine kleine Geschichte des Dieners als Informationsdistributor sowie eine metaphorologische Analyse des historischen Domestiken als Denkfigur zu umreißen. Denn, so die hier vertretene These, der Vorläufer heutiger PDAs, denen sich Portale wie Google oder AskJeeves immer stärker annähern, ist der "Personal Domestic Assistant".

Markus Krajewski hat Neuere Deutsche Literatur, Philosophie und Soziologie an der Universität zu Köln und Kulturwissenschaften an der HU-Berlin studiert, 2000-2001 freier Autor und Programmierer, 2001-2002 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik (HU-Berlin), seit 2002 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Gerd-Bucerius-Stiftungsprofessur für Geschichte und Theorie der Kulturtechniken an der Bauhaus-Universität Weimar, seit 2008 Juniorprofessur für Mediengeschichte der Wissenschaften an der Bauhaus-Universität Weimar. Homepage: http://verzetteln.de

8) Hans Petschar (Österreichische Nationalbibliothek, Wien):
Der Zettelkatalog. Ein historisches System geistiger Ordnung

Der Vortrag gibt einen Einblick in die Geschichte der Katalogisierung an der kaiserlichen Hofbibliothek in Wien. In den Sommermonaten der Jahre 1780 und 1781 beschrieben sieben wissenschaftliche Hilfskräfte und 4 Skriptoren auf Anordnung des aufgeklärten Präfekten der Hofbibliothek Gottfried van Swieten alle Bücher des Prunksaales auf großformatigen Katalogzetteln in alphabetischer Ordnung. Der im Rekordtempo hergestellte sogenannte "Josephische Katalog" gilt einer der ältesten Zettelkataloge der Bibliotheksgeschichte und ist gleichzeitig als ein Projekt der österreichischen Aufklärung zu bewerten, die programmatisch einen universellen Zugang zum Wissen für die "gebildete Classe der Hauptstadt" fordert.

Hans Petschar hat Geschichte und Germanistik an der Universität Salzburg studiert. Während seines Studiums arbeitete er in verschiedenen Forschungsprojekten zu Semiotik und Linguistik an den Universitäten Salzburg und Paris. Seit 1986 arbeitete er in verschiedenen Abteilungen der Österreichischen Nationalbibliothek (MAS on Library Science 1992). An der ÖNB produzierte er eine Multimedia Enzyklopädie zur Geschichte und den Sammlungen der Bibliothek und leitete mehrere Forschungsprojekte zur Digitalisierung des kulturellen Erbes. Seit 2002 ist er Leiter des Bildarchivs an der ÖNB. Lehraufträge an den Universitäten Salzburg und Wien. Er ist der offizielle Vertreter der ÖNB im Board der Direktoren der Europäischen Nationalbibliotheken und arbeitete in verschiedenen EU-Projekten, z.B. REGNET, TNT, MINERVA, ERPANET, BRICKS, EDL, EDL-net.
Jüngste Publikationen: Österreichs Bundesländer in alten Fotografien, 9 Bde. (mit Herbert Friedlmeier) (2004-2006); Die junge Republik (2005) Anschluss. Ich hole Euch heim. Wochenschau und Fotografie im Dienst der NS-Propaganda. (2007)

9) Peter Haber (Historisches Seminar, Universität Basel):
Das Google-Syndrom in historischer Perspektive
Zu einigen medialen Bedingtheiten des phantasmatischen Allwissens

Mit dem Google-Syndrom wird die Tatsache bezeichnet, dass sich mit Suchmaschinen wie zum Beispiel Google nicht nur zu jedem Thema irgendetwas finden lässt, sondern gleichzeitig nach jeder Recherche mit Google die verunsichernde Gewissheit bleibt, man hätte auch noch mehr finden können. In diesem Beitrag soll der Frage nachgegangen werden, wie mit dem Anspruch, ein Thema "vollständig" recherchiert und bibliographiert zu haben, im vor-digitalen Zeitalter umgegangen wurde.
Suchsysteme wie Google konnten in den letzten Jahren einen durchschlagenden Erfolg verzeichnen, weil sie mehrere Wünsche und Erwartungen bedienen: Auf der einen Seite ist es mit Google möglich, zu fast jeder beliebigen Zeichenfolge einen Treffer zu erzielen. Dabei setzt die Tatsache, dass in weder fachlich noch sachlich erschlossenen Datenbeständen Volltextsuchen möglich sind, bei den Benutzerinnen und Benutzern völlig neue Kompetenzen voraus.
Auf der anderen Seite evoziert jede Suche mit Google eine Leerstelle, denn es ist nicht transparent, in welchen Datenbeständen und mit welchen Suchalgorithmen gesucht wurde. Jede Trefferliste präsentiert sich also als Teilergebnis eines bestimmten Wissensbestandes. Auch dieser Umstand verlangt von den Benutzerinnen und Benutzern neue Kompetenzen im Umgang mit diesen Tools.
Anhand einiger wissenschaftshistorischer Beispiele soll in diesem Beitrag die Frage diskutiert werden, wie der Anspruch auf Vollständigkeit in der vor-digitalen Zeit eingelöst wurde. Dabei richtet sich das Augenmerk auf die Frage, wie das Phantasma des Allwissens die Arbeitstechniken beeinflusst hat und welche Auswirkungen die Medialitäten des Wissens und der Wissensüberlieferung gespielt haben.

Peter Haber hat Geschichte, Soziologie, Philosophie und Staatsrecht in Basel und Freiburg im Breisgau studiert. Promotion in Basel bei Heiko Haumann in Allgemeiner Geschichte, Zusatzausbildung in Archiv- und Informationswissenschaften an der Universität Bern. 1998 zusammen mit Jan Hodel Gründung der Web-Plattform hist.net. Seit 1999 Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen in den Bereichen Neue Medien, Medienwissenschaft und Kulturwissenschaft. Seit 2005 eigenes Forschungsprojekt "digital.past" am Historischen Seminar der Universität Basel zu den Auswirkungen Neuer Medien auf die Geschichtswissenschaften. Zahlreiche Publikationen zum Thema Geschichtswissenschaften und Neue Medien. Weitere Informationen unter http://hist.net/haber.

10) Martin Schreiber (Seminar für Kultur- und Mediengeschichte, Universität des Saarlandes, Saarbrücken):
Vannevar Bush und die Technikutopie Memex
Visionen einer effizienten Speicherung und Verfügbarmachung von Information

Im Juni 1945 erschien in der Ausgabe 176 des Magazins "Atlantic Monthly" ein Aufsatz des amerikanischen Ingenieurs Vannevar Bush mit dem Titel "As We May Think". Ausgehend von dem Problem, dass der zunehmend rascher wachsende Bestand an wissenschaftlicher Literatur ("a growing mountain of research") kaum mehr zu überschauen sei, kam Bush in ihm zu dem Schluss, dass die damaligen Möglichkeiten zur Übertragung, Speicherung und Ordnung von Information unzureichend seien. Um dieser Herausforderung zu begegnen, präsentierte er den "Memory Extender" (Memex): ein fiktives System zur Erweiterung des persönlichen Gedächtnisses seiner Benutzer, das die Bibliothek und die Kartei eines Wissenschaftlers ersetzen sollte.
Bemerkenswert an Bushs Konzept ist sein Vorschlag, die "artificiality of systems of indexing" der traditionellen Informationsspeicher durch assoziative Indexierungsmethoden zu ersetzen. Im Unterschied zum traditionellen Archiv sollte es der Memex ermöglichen, Querverbindungen zwischen Materialien aufzubauen, indem die entsprechenden Mikrofilme (auf die Bush als primäres Speichermedium setzte) durch bestimmte Codes markiert werden. Als Vorbild diente Bush hierbei das "natürliche Denken", also die Art und Weise, wie der Mensch auf sein Gedächtnis zugreift. Gleichzeitig sollte der Memex jedoch helfen, die Schwächen des menschlichen Bewusstseins - wie das Verblassen von Erinnerungen oder Argumentationspfaden ("trails") - zu überwinden. Durch die Speicherung auf Mikrofilm und den Informationsaustausch durch die Weitergabe eigener "trails" an Dritte sollte mit der Zeit eine Art Weltenzyklopädie entstehen, ein "world record", der die Gesamtheit des verfügbaren Wissens umfasst. Damit griff Bush bereits den Überlegungen Theodor Nelsons zu dessen "literary machine" und dem Konzept des Hypertexts aus den 1960er Jahren vor.
Bushs Aufsatz endet mit der Schilderung der Utopie, dass durch neue Formen der Informationsspeicherung und -verarbeitung der Zugriff auf jegliche Informationen für jedermann möglich werde und so eine neue, bessere Welt entstehe. Und obwohl der Memex als Maschine nie konstruiert wurde, inspirierte "As We May Think" eine ganze Generation von Computer-Wissenschaftlern. Unter ihnen war auch Douglas Engelbart, der Bushs Ideen fünfzehn Jahre später aufgriff und in die Forschungen zur Personalcomputer-Entwicklung einbrachte. Bushs Vision vom "Memory Extender" ist damit ein gutes Beispiel dafür, wie Vorstellungen von der Erfassung, Speicherung und Verfügbarmachung von Wissen im Verlauf der technikhistorischen Entwicklung aufgegriffen, modifiziert und umgedeutet werden können.

Martin Schreiber hat historisch orientierte Kulturwissenschaften an der Universität des Saarlandes (Saarbrücken) studiert; er absolvierte 2003-2006 den Bachelor-Studiengang Informatik ab Oktober und schloss 2006 ein Master-Studium in Informatik an. Diplomarbeit im Rahmen einer Kooperation der Fachrichtung Geschichte der Universität des Saarlandes mit der Arbeitsgruppe "Databases and Information Systems" des Max-Planck-Instituts für Informatik, Saarbrücken. Seit Dezember 2006 Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kultur- und Mediengeschichte (Prof. Dr. Clemens Zimmermann) der Universität des Saarlandes.

11) Bernhard Rieder (Département Hypermédias, Université de Paris 8):
Zentralität und Sichtbarkeit
Mathematik als Hierarchisierungsinstrument am Beispiel der frühen Bibliometrie

Vannevar Bush, Ingenieur und Wissenschaftsadministrator, publiziert 1945 einen Artikel in dem er eine Maschine beschreibt - Memex -; die es erlauben würde, aus dem flüchtigen Assoziationsgeflecht des menschlichen Gedächtnisses eine greifbare Abbildung zu machen, ein mediales Konstrukt aus Verbindungen zwischen Dokumenten für das Ted Nelson zwanzig Jahre später die Begriffe Hypertext und Hypermedia entwickelt. Die Anwendung des Netzwerksbegriffs, zuerst als Metapher und später als Modell, auf Fragen der Informationsverwaltung (Bush, Otlet, im weiteren Sinne angelegt bei Descartes, Diderot oder Saint-Simon) öffnet den Weg zur Anwendung der mathematischen Graphentheorie auf unterschiedliche Formen der Verbindung zwischen Dokumenten diverser Natur. Während die Analyse von Zitaten wissenschaftlicher Publikationen schon in den 1920ern (Lotka, Gross & Gross) Form nimmt, markiert erst das Jahr 1955 die Annäherung zwischen der einer frühen Bibliometrie, dem Hypertext-Gedanken und der Mathematik der Netzwerke. Aus Eugene Garfields Idee, Zitationszusammenhänge quantitativ zu erfassen und zu analysieren; wird 1963 der Science Citation Index auf dessen Basis bis heute der Einfluss (impact) einzelner wissenschaftlicher Artikel und Zeitschriften berechnet wird: Je öfter eine Publikation zitiert wird, desto höher ihr impact, ihre Bedeutung in der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Für ForscherInnen lässt sich ein hoher impact factor in der Regel direkt in (zumindest symbolisches) Kapital übersetzen und die Sichtbarkeit der eigenen Arbeit steigt.
Mein Beitrag möchte am Beispiel der frühen Bibliometrie zeigen wie Mathematik progressiv als Instrument der Hierarchisierung von Information eingesetzt wird, welches mit der Entwicklung des impact factor den Grundstein für die Sichtbarkeitslogiken heutiger Suchmaschinen legt - PageRank basiert schließlich direkt auf der impact analysis.

Bernhard Rieder hat Kommunikationswissenschaft, Geschichte und Philosophie an der Universität Wien sowie Informationswissenschaft and der Universität Paris 8 studiert. Neben dem Studium arbeitete er einige Jahre als Web-Entwickler und Wissenschaftsjournalist. Er promovierte 2006 in Informationswissenschaft an der Universität Paris 8 und ist nunmehr Assistenzprofessor am dortigen Département Hypermédias, sowie Lehrbeauftragter and der American University of Paris. Forschungsschwerpunkte sind die Analyse der politischen, kulturellen und ethischen Aspekte von Informationstechnik, die Epistemologie von Technikforschung und die Untersuchung von Praxis und Methodologie von Software-Entwicklung. Homepage: http://bernhard.rieder.fr/

12) Henning Trüper (European University Institute, Florenz):
Suchen und Finden. Zettel, Fließtext und gelehrte Autorschaft im Fall des Historikers F. L. Ganshof

Henning Trüper hat in Göttingen, Berkeley und Gent Geschichte, Philosophie und Germanistik studiert. 2003-2004 Mitarbeiter der Max-Weber-Gesamtausgabe, 2004-2008 Doktorand am Europäischen Hochschulinstitut (EUI) in Florenz, 2008 Promotion mit der Arbeit "Topography of a Method. Francois Louis Ganshof and the Writing of History".

Kurzbiographien von Thomas Brandstetter und Anton Tantner:

Thomas Brandstetter studierte Philosophie in Wien und promovierte in Kultur- und Medienwissenschaft an der Bauhaus Universität Weimar. In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit dem Wandel des Maschinenbegriffs vom 17. bis zum 19. Jahrhundert am Beispiel der Maschine von Marly. Seit September 2006 ist er Mitarbeiter am Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der digitalen Medien am Institut für Philosophie der Universität Wien.

Anton Tantner studierte Geschichte und Kommunikationswissenschaften in Wien; 2004 Abschluss der Dissertation zur Geschichte der Volkszählung und Hausnummerierung in der Habsburgermonarchie. Seit Juli 2007 Mitarbeiter des FWF-Projekts Europäische Adressbüros in der Frühen Neuzeit. Weitere Informationen und Publikationsverzeichnis unter: http://tantner.net