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Vor Google -
Suchmaschinen im analogen Zeitalter
Symposion in der Wienbibliothek im Rathaus
Do-Sa 9.-11.10.2008
Abstracts und Kurzbiografien der ReferentInnen
(Reihenfolge entsprechend dem Tagungsprogramm)
Version Oktober 2008
Programm - Abstracts/CVs - Fragestellungen - Literatur - Berichte/Medienreaktionen
1) Stefan Rieger (Institut für Medienwissenschaften, Ruhr-Universität Bochum):
Eröffnungsvortrag:
Ordnung ist das halbe Leben. Zur Ökonomie von Benamung und Suche
Stefan Rieger
ist Professor für Professor für Mediengeschichte und Kommunikationstheorie an der Ruhr-Universität Bochum. Studium der Germanistik und Philosophie. Stipendiat im Graduiertenkolleg Theorie der Literatur (Konstanz), im Anschluss daran Mitarbeiter im Sonderforschungsbereich Literatur und Anthropologie. Promotion über barocke Datenverarbeitung und Mnemotechnik, Habilitationsschrift zum Verhältnis von Medien und Anthropologie. Heisenberg-Stipendiat der DFG.
2) Daniel Weidner (Zentrum für Literaturforschung, Berlin):
"Wende sie um und um, alles ist in ihr"
Über das Suchen in Heiligen Texten
Das
Suchen in Textkorpora gehört zweifellos zu den ältesten
Formen medial unterstützter Suche. Der Beitrag untersucht zum
einen die praktische Institutionalisierung dieser Suche, die immer mit
politischen und epistemologischen Konsequenzen verbunden ist: Das
bessere Zitat siegt. Zum anderen wird gezeigt, wie es eine Reihe von
Instrumenten erlaubt, Textstellen mit bestimmten Eigenschaften oder
bestimmten Koppelungen zu finden und damit auch die Struktur von Texten
mit mehr oder weniger ästhetischer Prägnanz abzubilden:
Mittelalterliche Evangelienharmonien notieren Parallelstellen in
anderen Evangelien; Polyglottenbibeln machen es nicht nur möglich,
die Übersetzung einer Stelle zu finden, sondern integrieren oft
auch grammatisches und lexikalisches Wissen; frühneuzeitliche
Konkordanzen und insbesondere das mit dem Druck entstehende System der
Versnummerierung erlauben es, jeden Vers der Schrift ökonomisch
und präzise zu adressieren; moderne Synopsen stellen nicht nur
inhaltliche Parallelen nebeneinander, sondern ermöglichen es (in
Form der quellenkritischen Synopse) auch, die verschiedenen genetischen
Schichten eines Textes zu "finden". Alle diese Instrumente sind nicht
nur wesentliche Hilfsmittel einer Suche, sondern tragen auch dazu bei,
die Bibel zu einer Enzyklopädie zu machen, in der alles Wissen
enthalten ist - wenn man es nur finden kann.
Daniel Weidner
hat Philosophie, Soziologie, Germanistik und Wissenschaftstheorie in
Freiburg, Jena und Wien studiert. 2000 Promotion über Gershom
Scholem am Institut für Allgemeine und Vergleichende
Literaturwissenschaft der FU Berlin, seit 2000 Mitarbeiter im Projekt
"Figuren des Sakralen in der Dialektik der Säkularisierung", seit
2005 Leiter des Projekts "(Dis-)Figuration der Schrift. Bibelkritik und
Literaturwissenschaft in der Neuzeit", beide am Zentrum für
Literaturwissenschaft Berlin.
3) Volker Bauer (Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel):
Herrschaftsordnung, Datenordnung, Suchoptionen:
Recherchemöglichkeiten in Staatskalendern und -handbüchern des 18. Jahrhunderts
Zu den
zahlreichen Personensuchmaschinen des 18. Jahrhunderts zählt auch
die Gattung der Staatskalender oder Staatshandbücher
(zusammenfassend Amtsverzeichnisse). Bei ihnen handelt es sich um
jährliche Periodika, die im Kern aus Personallisten bestehen,
welche die Angehörigen von Hof, Verwaltung und Militär einer
Institution, Provinz oder Stadt, eines Landes oder mehrerer
Herrschaftsgebiete verzeichnen und als typographische Datenbanken
angelegt sind.
Auf territorialer Ebene entstanden bis 1806 insgesamt 110
Amtsverzeichnisserien mit 3.038 Jahrgängen, die maßgeblich
unter obrigkeitlichem Einfluss standen. Sie ordneten die
Datensätze (die jeweils Amtsbezeichnung und Amtsinhaber
kombinierten) systematisch, d.h. nach Verwaltungsgliederung und
Hierarchie. Auf diese Weise fungierten die Behördenlisten als
druckförmige Abbildung des territorialen Fürstenregiments und
als Element politischer Repräsentation: Herrschafts- und
Datenordnung waren kongruent. Anders als die bewusst verworfene
alphabetischen Reihenfolge erschwerte der systematische Aufbau die
freie Personensuche. Offensichtlich war das Genre darauf ausgerichtet,
nur ganz bestimmte, affirmative, Hof- und Fürstengesellschaft
legitimierende Suchanfragen zu unterstützen.
Definiert man eine territoriale Amtsverzeichnisausgabe als
typographischen Datenspeicher erster Ordnung, so lassen sich
sekundäre Speichervorgänge ausmachen, die in dreierlei Form
auftraten: als Sammlung, Bibliographie und Kompilation territorialer
Publikationen. Möglich war dies, weil die einzelnen Verzeichnisse
über den Buchmarkt zugänglich waren. Diese
Überlieferungspraktiken betrafen stets mehrere unterschiedliche
Jahrgänge und Serien und erlaubten daher ein komparatives
Vorgehen, welches neue Fragestellungen und Abfragen generierte. Dies
reichte bis zu einer quantitativ argumentierenden Staatenkunde, die den
Entwicklungsstand eines Landes an bestimmten Kennziffern (z.B.
Zahlenverhältnis Staatsdienerschaft/Erwerbsbevölkerung)
maß. Die Sekundärspeicherungen unterliefen also die auf
territorialer Ebene eingerichteten Suchkontrollen und öffneten
zahlreiche neue Recherchemöglichkeiten: Auf der Gattungsebene
konstituierten Staatskalender und Staatshandbücher eine gewaltige
unkontrollierte Metasuchmaschine, die auch herrschaftskritische
Abfragen zuließ.
Diese nichtintendierten Konsequenzen des Amtsverzeichniswesens beruhen
letztlich auf der obrigkeitlichen Grundsatzentscheidung, die
ursprünglich arkanen, nur in chirographischer Form und zum
internen Dienstgebrauch der Kanzleien vorliegenden
Personaldatensätze über den Buchdruck öffentlich zu
verbreiten. Dies geschah mit dem Ziel der
Herrschaftsrepräsentation, doch war damit ein schwerwiegender
Kontrollverlust verbunden, da der Gebrauch dieser Publikationen nun
nicht mehr auf spezifische Suchoperationen zu beschränken war.
Zur Materialbasis vgl. Volker Bauer: Repertorium
territorialer Amtskalender und Amtshandbücher im Alten Reich.
Adreß-, Hof-, Staatskalender und Staatshandbücher des 18.
Jahrhunderts. 4 Bde. Frankfurt a.M. 1997-2005.
Volker Bauer
hat Geschichte und Neuere Deutsche Literatur studiert.
Promotionsstipendium am Europäischen Hochschulinstitut Florenz;
1993-2005 Arbeit an Drittmittelprojekten an der Herzog August
Bibliothek Wolfenbüttel, am Institut für Europäische
Kulturgeschichte (Universität Augsburg) und am Max-Planck-Institut
für Europäische Rechtsgeschichte Frankfurt am Main; seit dem
2006 Koordinator Wissenschaftliche Veranstaltungen und
stellvertretender Leiter der Abteilung 5 (Stipendienprogramme,
Nachwuchsförderung, Wissenschaftliche Veranstaltungen) an der
Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel.
4) Harald Bollbuck (Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel):
Historische Methode und loci communes als Such- und Ordnungsinstrumente im 16. Jahrhundert
Die durch den humanistischen
Rückbezug auf das antike Wissen und die neuen Entdeckungen in
Naturwissenschaften und Geographie begründete Wissensvermehrung im 16. Jahrhundert
verlangte nach neuen Methoden ihrer Verwaltung. In den Schul- und Universitätsreformen
des Jahrhunderts formte Philipp Melanchthon das System der loci communes, das Erasmus von Rotterdam bereits als Such- und
Findinstrument populär gemacht hatte, zum wichtigsten didaktischen und
mnemotechnischen Verfahren im protestantischen Deutschland. Seine Schüler
entwickelten diese Praxis v.a. in historischen Kommentaren weiter. Die am
Dekalog orientierten und aus den Texten herauspräparierten loci (im Sinne von Hauptbegriffen oder Argumenten) wurden zu Suchkriterien,
die die historische Lektüre leiteten und als Scharnier zu Morallehren
fungierten. Genealogische, chronologische, topographische, aber auch
mikrohistorische empirische Befunde verdichteten das Werk zu einem engmaschigen
Informationssystem. Quellenangaben kommunizierten die typographische Sekundärspeicherung
des Wissens, so dass eine flüssige Verbindung zwischen bibliographischen
Angaben, historischen Daten, Sittenlehren und Begriffen entstand. Die loci ermöglichten den Zugriff als eine durch
Schöpfungswissen gestützte Meta-Suchmaschine; historische Gestalten und
Ereignisse sowie ihre Datierung und Lokalisierung dienten als
Informationsspeicher zweiter und dritter Ordnung. Vorteile dieses flüssigen
Informationssystems waren die Integrations- und Adaptationsfähigkeit, Nachteile
das Fehlen einer durchgreifend standardisierten Speicherung im Typographeum. Diese
Methode war noch der skriptographischen Epoche verpflichtet.
Die Möglichkeiten des Druckmediums
schöpften die Magdeburger Zenturien (1559-1575) weit mehr aus, die ein
feingliedriges und formularhaftes System von loci communes als Such-, Ordnungs- und Exzerpierverfahren auf die
gesamte Kirchengeschichte anwandten. Zugriff bieten Indexierungen über die loci, die das Gliederungselement des
Textes stellen und zugleich jedem der in Jahrhunderte unterteilten Bücher als
kurze Inhaltsangabe vorangestellt sind, aber auch Register, die Bibelzitate
nach der Ordnung der Heiligen Schrift und herausgehobene Ereignisse, Figuren
oder Debatten alphabetisch aufbereiten. Die Zenturien bändigen die Informationen
und binden sie in den Druck ein, gehen dabei aber der Komplexität eines
kontextualiserenden Informationsflusses verlustig. Die Wissensdaten befinden
sich im historischen „Schauhaus“ an einem festen Platz.
Konrad Gessners „Bibliotheca
universalis“ (1545–55) trat mit dem Anspruch an, die bis dato verfasste
Literatur bibliographisch zu erfassen. Die flüssigen Suchmaschinen der loci communes bildeten zwar weiterhin
das wichtigste Instrument für die Erschließung des Stoffes, doch wurden die
Informationen nun ohne Rücksicht auf moralische, theologische, aber auch
fachliche Kriterien allein alphabetisch aufbereitet. Die verknappte inhaltliche
Indexierung von Autoren und literarischen Figuren lassen die
Assoziationsmöglichkeiten gegenüber dem System der loci communes verkümmern und schränken den Datenfluss ein; im
Alphabet wird jedoch ein voraussetzungsloseres Erschließungssystem erkannt.
Harald Bollbuck hat Geschichte, Klassische
Archäologie und Latinistik in Rostock, Wien und an der Humboldt-Universität
Berlin studiert. 1999-2002 Mitglied des Graduiertenkollegs „Imaginatio
borealis“ an der Christian-Albrechts-Universität Kiel, Dissertation zum Thema: „Geschichts- und
Raummodelle bei Albert Krantz (um 1448 – 1517) und David Chytraeus (1530 –
1500). Transformationen des historischen Diskurses im 16. Jahrhundert“
(publiziert 2006); 2002-2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Editionsprojekt
„Martin Opitz von Boberfeld (1597-1639). Kritische Edition des Briefwechsels
und ausgewählter Lebenszeugnisse“ unter der Leitung von Prof. Dr. Klaus
Conermann an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, seit 2008 Bearbeiter
des Projekts „Historische Methode und Arbeitstechnik der Magdeburger Zenturien.
Kirchengeschichtsschreibung in einem gelehrten Netzwerk im 16. Jahrhundert. Mit
einer kritischen digitalen Edition der methodischen Texte“. Publikationen u.a.:
Universalgeschichte,
Kirchengeschichte und die Ordnung der Schöpfung. Philipp Melanchthon und die
Anfänge der protestantischen Geschichtsschreibung, in: Fragmenta Melanchthoniana,
Bd. 4, hg. v. Günter Frank u.a., Heidelberg i. Druck; Martin Opitz: Briefwechsel, Eintragungen und andere
Zeugnisse. Mit Übersetzungen und Erläuterungen, Drei Bände, hg. v. Klaus Conermann,
unter Mitarbeit von Harald Bollbuck, Berlin vorauss. 2009.
5) Alix Cooper (History Department, State University of New York at Stony Brook):
Fragen ohne Antworten
Die Suche nach lokalen Informationen in der frühen Aufklärung
Dieser
Vortrag geht der Frage nach, warum während des späten 17. und
frühen 18. Jahrhunderts universelle Gebildete und virtuosi
aus verschiedenen europäischen Ländern sich dem Genre der
Befragung ("Quaestio" auf Latein, "Query" auf Englisch) zuwandten. Es
ist bekannt, dass viele Koryphäen der sogenannten "Scientific
Revolution" zu dieser Zeit handschriftliche und gedruckte
Fragebögen verfassten und sie weitläufig verschickten. In
diesen Fragebögen versuchten sie, Informationen über viele
Themen zu erfassen. Die Fragen, die gestellt wurden, waren sehr
weitreichend und erstreckten sich von "unterirdischen Schätzen und
Seltenheiten" einer bestimmten Region bis zu deren Niederschlagsmengen
und sogar der Qualität des dortigen Weins und Käses.
Bereits vor über einem halben Jahrhundert lenkte der sowjetische
Historiker Boris Hessen die Aufmerksamkeit auf die Art und Weise, in
der der berühmte englische Naturforscher Isaac Newton diese Praxis
der Befragung nutzte - so z.B. in einem Brief, in dem Newton sich nach
ungarischen Bergwerken erkundigte. In Hessens marxistischer Sicht
dokumentierte dieser Brief eindeutig Newtons kapitalistische
Einstellung. Die meisten europäischen und nordamerikanischen
Wissenschaftshistoriker waren damals natürlich nicht dieser
Meinung. Schnell wiesen sie Hessens Deutung zurück und
erklärten Newtons Brief zu einer Anomalie. Bis vor ganz kurzer
Zeit hat dies den Forschungsstand in der Wissenschaftsgeschichte
geprägt.
Die Befragungen der frühen Aufklärung waren aber, wie in den
letzten Jahrzehnten einige Forscher gezeigt haben, keineswegs eine
Anomalie. Sie bildeten eine wichtige Schlüsselstrategie, die von
allerlei unternehmerisch gesinnten Menschen benutzt wurde. Sie
versuchten, neue Arten von Informantennetzwerken aufzubauen und
landessprachliches Wissen in ein neues Wissen zu transformieren, das um
einen zeitgenössischen Ausdruck zu verwenden, "gut Latein sprechen
konnte".
Dieser Vortrag erforscht die Benutzung von Fragebögen und
ähnlichen Techniken durch Gelehrte wie den in Norddeutschland
geborenen Henry Oldenburg, den "Intelligencer" der Royal Society in
London, Johann Jakob Scheuchzer aus Zürich, der Kompendien von
schweizerischen "Naturgeschichten" verfasste (und sogar eine
Zeitschrift zu diesem Thema), und Johann Jockusch aus Mansfeld, einen
kaum bekannten Anhänger Scheuchzers. Der Vortrag untersucht die
Spannungen zwischen dem utopischen Enzyklopädismus dieser
Protagonisten und der ihnen entgegengebrachten Apathie, ja sogar dem
Widerwillen, auf den sie manchmal stießen. Die Welt passte, wie
diese Forscher fanden, nicht so einfach auf die Blätter des
Fragebogens. Stattdessen gaben feste Kategorien zugunsten lokaler
Realitäten und komplexer Erzählungen, die sich einer
Klassifikation entzogen, nach. Obwohl die Verfasser von Fragebögen
auf das "gemeine Wohl" verwiesen, teilten die örtlichen
Autoritäten, deren Vorrat von Daten oft eine ganz andere Form
annahm (z.B. Steuerdokumente), nicht immer dieselben Auffassungen wie
sie.
Deshalb diskutiert der Vortrag das "Query", die Befragung, als eine
entstehende Technologie, die in der frühen Aufklärung erst
noch ausgebildet werden musste. Die wechselnde Gestalt und die
unterschiedlichen Ergebnisse dieser Befragungen, die zu einer Zeit
durchgeführt wurden, als Versuche der Standardisierung selbst noch
nicht standardisiert waren, bieten heute nützliches Material
für eine Fallstudie, die die Spannungen im Mittelpunkt der
Forschung selbst analysiert.
Alix Cooper
ist Associate Professor of History am History Department der State
University of New York at Stony Brook. Sie lehrt dort europäische
Geschichte der frühen Neuzeit, Wissenschafts-, Medizin- und
Umweltgeschichte. 2007 erschien bei Cambridge University Press ihr
Buch: Inventing the Indigenous: Local Knowledge and Natural History in Early Modern Europe.
6) Andreas Golob (Archiv der Universität Graz):
Das Zeitungskomptoir als Informationsdrehscheibe
Michael Hermann Ambros und seine Grazer Anzeigenblätter
Basierend
auf der Monographie zu Michael Hermann Ambros (Heinrich K. Caspart:
Michael Hermann Ambros. Ein österreichischer Journalist zwischen
Aufklärung und Reaktion. Ein Beitrag zur österreichischen
Mediengeschichte, 2 Bde) sowie auf eigenen Arbeiten (vor allem: Andreas
Golob: Dynamisierung und Erstarrung in der Steiermärkischen
Presselandschaft. In: Wandel einer Landschaft. Das "lange" 18.
Jahrhundert und die Steiermark, hg. Harald Heppner und Nikolaus
Reisinger, S. 411-431) gilt der Beitrag den Beilagen der Grazer
Zeitungen des umtriebigen Journalisten.
Eine Auseinandersetzung mit den darin enthaltenen Annoncen erweist sich
in mehrfacher Hinsicht als reiz- und sinnvoll. Zunächst ist
Ambros' Umfeld durch den monographischen Ansatz und durch (weitere)
Selbstzeugnisse des Zeitungsschreibers genügend ausgeleuchtet, um
speziellere Auswertungen vor diesem Hintergrund anzusiedeln.
Während zudem Ambros' Vermittlungstätigkeit in dessen
Innsbrucker Phase zum Teil bei Caspart bereits kursorisch quantitativ
erfasst wurde, fehlt ein diesbezüglicher Versuch für die
Grazer Tätigkeit. Vordergründige Aufgabe der Untersuchung
wird es also sein, pro Anzeigenblatt und Jahr das Verhältnis
einzelner Anzeigeninhalte (amtliche Kundmachungen - kommerzielle
Nachrichten - private Einschaltungen, jeweils mit entsprechenden
Unterteilungen) zueinander zu beleuchten.
Abgesehen davon interessiert m. E. vor allem die geographisch über
Graz hinausgreifende Tendenz der Annoncen. Nachdem für die
Ambros'schen Zeitungsblätter mit ihren politischen Nachrichten
schon auf das beeindruckende Korrespondentennetzwerk hingewiesen wurde,
soll nun auch die geographische Streuung der Anzeigen thematisiert
werden. In diesem Zusammenhang ist insbesondere auf Postulate
einzugehen, die den Anzeigenblättern zentrale Bedeutung für
die Steiermark, Innerösterreich, Ungarn, oder gar für die
ganze Monarchie zumaßen. In diesen Kontext gehören zudem
sowohl Ambros' wiederholte Versuche, Monopole für seine
Informationsvermittlung zu erwirken, als auch gesamtsteiermärkisch
und innerösterreichisch orientierte Phrasen anderer Grazer
Presseorgane.
Ambros' Initiative zur Gründung eines Frag- und Kundschaftsamtes
in Innsbruck, wohin er sich nach seiner Grazer Zeit begab, und die
bloß bescheidene Präsenz einer vergleichbaren Institution in
Grazer Medien werfen schließlich allgemeine Fragen zum
Verhältnis von Zeitungskomptoiren einerseits respektive Frag- und
Kundschaftsämtern andererseits auf.
Andreas Golob
hat Geschichte und Kunstgeschichte an der Universität Graz
studiert. 2005 Promotio sub auspiciis praesidentis rei publicae. Seit
2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Archiv der Universität
Graz. Forschungsschwerpunkte: Geschichte des Pressewesens,
Wissenschaftsgeschichte, Rezeptionsgeschichte bedeutender Ereignisse im
regionalen Kontext.
7) Markus Krajewski (Fakultät Medien, Bauhaus-Universität Weimar):
Ask Jeeves. Der Diener als Informationszentrale
Nicht
erst seit P.G. Wodehouse ab 1923 seine Serie von Miniaturen über
den Alleskönner und
-kenner Jeeves startete, ist es ein Topos, dass beim Butler oder
(Kammer-)Diener als Informationszentrale der "oikonomia" die Fäden
des ganzen Hauses zusammenlaufen. Und nur folgerichtig nennt sich eine
der mit Google konkurrierenden Suchmaschinen heute AskJeeves.com. Der
Beitrag möchte dieser Konstellation in ihrer historischen und
literarischen Fundierung nachspüren, um auf solche Weise eine
kleine Geschichte des Dieners als Informationsdistributor sowie eine
metaphorologische Analyse des historischen Domestiken als Denkfigur zu
umreißen. Denn, so die hier vertretene These, der Vorläufer
heutiger PDAs, denen sich Portale wie Google oder AskJeeves immer
stärker annähern, ist der "Personal Domestic Assistant".
Markus Krajewski
hat Neuere Deutsche Literatur, Philosophie und Soziologie an der
Universität zu Köln und Kulturwissenschaften an der HU-Berlin
studiert, 2000-2001 freier Autor und Programmierer, 2001-2002
wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hermann von Helmholtz-Zentrum
für Kulturtechnik (HU-Berlin), seit 2002 wissenschaftlicher
Mitarbeiter an der Gerd-Bucerius-Stiftungsprofessur für Geschichte
und Theorie der Kulturtechniken an der Bauhaus-Universität Weimar,
seit 2008 Juniorprofessur für Mediengeschichte der Wissenschaften
an der Bauhaus-Universität Weimar. Homepage: http://verzetteln.de
8) Hans Petschar (Österreichische Nationalbibliothek, Wien):
Der Zettelkatalog. Ein historisches System geistiger Ordnung
Der Vortrag gibt einen Einblick in die Geschichte der Katalogisierung an der kaiserlichen Hofbibliothek in Wien. In den Sommermonaten der Jahre 1780 und 1781 beschrieben sieben wissenschaftliche Hilfskräfte und 4 Skriptoren auf Anordnung des aufgeklärten Präfekten der Hofbibliothek Gottfried van Swieten alle Bücher des Prunksaales auf großformatigen Katalogzetteln in alphabetischer Ordnung. Der im Rekordtempo hergestellte sogenannte "Josephische Katalog" gilt einer der ältesten Zettelkataloge der Bibliotheksgeschichte und ist gleichzeitig als ein Projekt der österreichischen Aufklärung zu bewerten, die programmatisch einen universellen Zugang zum Wissen für die "gebildete Classe der Hauptstadt" fordert.
Hans Petschar
hat Geschichte und Germanistik an der Universität Salzburg studiert. Während seines Studiums arbeitete er in verschiedenen Forschungsprojekten zu Semiotik und Linguistik an den Universitäten Salzburg und Paris. Seit 1986 arbeitete er in verschiedenen Abteilungen der Österreichischen Nationalbibliothek (MAS on Library Science 1992). An der ÖNB produzierte er eine Multimedia Enzyklopädie zur Geschichte und den Sammlungen der Bibliothek und leitete mehrere Forschungsprojekte zur Digitalisierung des kulturellen Erbes. Seit 2002 ist er Leiter des Bildarchivs an der ÖNB. Lehraufträge an den Universitäten Salzburg und Wien. Er ist der offizielle Vertreter der ÖNB im Board der Direktoren der Europäischen Nationalbibliotheken und arbeitete in verschiedenen EU-Projekten, z.B. REGNET, TNT, MINERVA, ERPANET, BRICKS, EDL, EDL-net.
Jüngste Publikationen: Österreichs Bundesländer in alten Fotografien, 9 Bde. (mit Herbert Friedlmeier) (2004-2006); Die junge Republik (2005) Anschluss. Ich hole Euch heim. Wochenschau und Fotografie im Dienst der NS-Propaganda. (2007)
9) Peter Haber (Historisches Seminar, Universität Basel):
Das Google-Syndrom in historischer Perspektive
Zu einigen medialen Bedingtheiten des phantasmatischen Allwissens
Mit dem
Google-Syndrom wird die Tatsache bezeichnet, dass sich mit
Suchmaschinen wie zum Beispiel Google nicht nur zu jedem Thema
irgendetwas finden lässt, sondern gleichzeitig nach jeder
Recherche mit Google die verunsichernde Gewissheit bleibt, man
hätte auch noch mehr finden können. In diesem Beitrag soll
der Frage nachgegangen werden, wie mit dem Anspruch, ein Thema
"vollständig" recherchiert und bibliographiert zu haben, im
vor-digitalen Zeitalter umgegangen wurde.
Suchsysteme wie Google konnten in den letzten Jahren einen
durchschlagenden Erfolg verzeichnen, weil sie mehrere Wünsche und
Erwartungen bedienen: Auf der einen Seite ist es mit Google
möglich, zu fast jeder beliebigen Zeichenfolge einen Treffer zu
erzielen. Dabei setzt die Tatsache, dass in weder fachlich noch
sachlich erschlossenen Datenbeständen Volltextsuchen möglich
sind, bei den Benutzerinnen und Benutzern völlig neue Kompetenzen
voraus.
Auf der anderen Seite evoziert jede Suche mit Google eine Leerstelle,
denn es ist nicht transparent, in welchen Datenbeständen und mit
welchen Suchalgorithmen gesucht wurde. Jede Trefferliste
präsentiert sich also als Teilergebnis eines bestimmten
Wissensbestandes. Auch dieser Umstand verlangt von den Benutzerinnen
und Benutzern neue Kompetenzen im Umgang mit diesen Tools.
Anhand einiger wissenschaftshistorischer Beispiele soll in diesem
Beitrag die Frage diskutiert werden, wie der Anspruch auf
Vollständigkeit in der vor-digitalen Zeit eingelöst wurde.
Dabei richtet sich das Augenmerk auf die Frage, wie das Phantasma des
Allwissens die Arbeitstechniken beeinflusst hat und welche Auswirkungen
die Medialitäten des Wissens und der Wissensüberlieferung
gespielt haben.
Peter Haber
hat Geschichte, Soziologie, Philosophie und Staatsrecht in Basel und
Freiburg im Breisgau studiert. Promotion in Basel bei Heiko Haumann in
Allgemeiner Geschichte, Zusatzausbildung in Archiv- und
Informationswissenschaften an der Universität Bern. 1998 zusammen
mit Jan Hodel Gründung der Web-Plattform hist.net. Seit 1999
Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen in den Bereichen Neue
Medien, Medienwissenschaft und Kulturwissenschaft. Seit 2005 eigenes
Forschungsprojekt "digital.past" am Historischen Seminar der
Universität Basel zu den Auswirkungen Neuer Medien auf die
Geschichtswissenschaften. Zahlreiche Publikationen zum Thema
Geschichtswissenschaften und Neue Medien. Weitere Informationen unter http://hist.net/haber.
10) Martin Schreiber (Seminar für Kultur- und Mediengeschichte, Universität des Saarlandes, Saarbrücken):
Vannevar Bush und die Technikutopie Memex
Visionen einer effizienten Speicherung und Verfügbarmachung von Information
Im Juni
1945 erschien in der Ausgabe 176 des Magazins "Atlantic Monthly" ein
Aufsatz des amerikanischen Ingenieurs Vannevar Bush mit dem Titel "As
We May Think". Ausgehend von dem Problem, dass der zunehmend rascher
wachsende Bestand an wissenschaftlicher Literatur ("a growing mountain
of research") kaum mehr zu überschauen sei, kam Bush in ihm zu dem
Schluss, dass die damaligen Möglichkeiten zur Übertragung,
Speicherung und Ordnung von Information unzureichend seien. Um dieser
Herausforderung zu begegnen, präsentierte er den "Memory Extender"
(Memex): ein fiktives System zur Erweiterung des persönlichen
Gedächtnisses seiner Benutzer, das die Bibliothek und die Kartei
eines Wissenschaftlers ersetzen sollte.
Bemerkenswert an Bushs Konzept ist sein Vorschlag, die "artificiality
of systems of indexing" der traditionellen Informationsspeicher durch
assoziative Indexierungsmethoden zu ersetzen. Im Unterschied zum
traditionellen Archiv sollte es der Memex ermöglichen,
Querverbindungen zwischen Materialien aufzubauen, indem die
entsprechenden Mikrofilme (auf die Bush als primäres
Speichermedium setzte) durch bestimmte Codes markiert werden. Als
Vorbild diente Bush hierbei das "natürliche Denken", also die Art
und Weise, wie der Mensch auf sein Gedächtnis zugreift.
Gleichzeitig sollte der Memex jedoch helfen, die Schwächen des
menschlichen Bewusstseins - wie das Verblassen von Erinnerungen oder
Argumentationspfaden ("trails") - zu überwinden. Durch die
Speicherung auf Mikrofilm und den Informationsaustausch durch die
Weitergabe eigener "trails" an Dritte sollte mit der Zeit eine Art
Weltenzyklopädie entstehen, ein "world record", der die Gesamtheit
des verfügbaren Wissens umfasst. Damit griff Bush bereits den
Überlegungen Theodor Nelsons zu dessen "literary machine" und dem
Konzept des Hypertexts aus den 1960er Jahren vor.
Bushs Aufsatz endet mit der Schilderung der Utopie, dass durch neue
Formen der Informationsspeicherung und -verarbeitung der Zugriff auf
jegliche Informationen für jedermann möglich werde und so
eine neue, bessere Welt entstehe. Und obwohl der Memex als Maschine nie
konstruiert wurde, inspirierte "As We May Think" eine ganze Generation
von Computer-Wissenschaftlern. Unter ihnen war auch Douglas Engelbart,
der Bushs Ideen fünfzehn Jahre später aufgriff und in die
Forschungen zur Personalcomputer-Entwicklung einbrachte. Bushs Vision
vom "Memory Extender" ist damit ein gutes Beispiel dafür, wie
Vorstellungen von der Erfassung, Speicherung und Verfügbarmachung
von Wissen im Verlauf der technikhistorischen Entwicklung aufgegriffen,
modifiziert und umgedeutet werden können.
Martin Schreiber
hat historisch orientierte Kulturwissenschaften an der Universität
des Saarlandes (Saarbrücken) studiert; er absolvierte 2003-2006
den Bachelor-Studiengang Informatik ab Oktober und schloss 2006 ein
Master-Studium in Informatik an. Diplomarbeit im Rahmen einer
Kooperation der Fachrichtung Geschichte der Universität des
Saarlandes mit der Arbeitsgruppe "Databases and Information Systems"
des Max-Planck-Instituts für Informatik, Saarbrücken. Seit
Dezember 2006 Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kultur- und
Mediengeschichte (Prof. Dr. Clemens Zimmermann) der Universität
des Saarlandes.
11) Bernhard Rieder (Département Hypermédias, Université de Paris 8):
Zentralität und Sichtbarkeit
Mathematik als Hierarchisierungsinstrument am Beispiel der frühen Bibliometrie
Vannevar Bush, Ingenieur und Wissenschaftsadministrator, publiziert 1945 einen Artikel in dem er eine Maschine beschreibt - Memex
-; die es erlauben würde, aus dem flüchtigen
Assoziationsgeflecht des menschlichen Gedächtnisses eine greifbare
Abbildung zu machen, ein mediales Konstrukt aus Verbindungen zwischen
Dokumenten für das Ted Nelson zwanzig Jahre später die
Begriffe Hypertext und Hypermedia entwickelt. Die
Anwendung des Netzwerksbegriffs, zuerst als Metapher und später
als Modell, auf Fragen der Informationsverwaltung (Bush, Otlet, im
weiteren Sinne angelegt bei Descartes, Diderot oder Saint-Simon)
öffnet den Weg zur Anwendung der mathematischen Graphentheorie auf
unterschiedliche Formen der Verbindung zwischen Dokumenten diverser
Natur. Während die Analyse von Zitaten wissenschaftlicher
Publikationen schon in den 1920ern (Lotka, Gross & Gross) Form
nimmt, markiert erst das Jahr 1955 die Annäherung zwischen der
einer frühen Bibliometrie, dem Hypertext-Gedanken und der
Mathematik der Netzwerke. Aus Eugene Garfields Idee,
Zitationszusammenhänge quantitativ zu erfassen und zu analysieren;
wird 1963 der Science Citation Index auf dessen Basis bis heute der Einfluss (impact)
einzelner wissenschaftlicher Artikel und Zeitschriften berechnet wird:
Je öfter eine Publikation zitiert wird, desto höher ihr impact, ihre Bedeutung in der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Für ForscherInnen lässt sich ein hoher impact factor in der Regel direkt in (zumindest symbolisches) Kapital übersetzen und die Sichtbarkeit der eigenen Arbeit steigt.
Mein Beitrag möchte am Beispiel der frühen Bibliometrie
zeigen wie Mathematik progressiv als Instrument der Hierarchisierung
von Information eingesetzt wird, welches mit der Entwicklung des impact factor den Grundstein für die Sichtbarkeitslogiken heutiger Suchmaschinen legt - PageRank basiert schließlich direkt auf der impact analysis.
Bernhard Rieder
hat Kommunikationswissenschaft, Geschichte und Philosophie an der
Universität Wien sowie Informationswissenschaft and der
Universität Paris 8 studiert. Neben dem Studium arbeitete er
einige Jahre als Web-Entwickler und Wissenschaftsjournalist. Er
promovierte 2006 in Informationswissenschaft an der Universität
Paris 8 und ist nunmehr Assistenzprofessor am dortigen
Département Hypermédias, sowie Lehrbeauftragter and der
American University of Paris. Forschungsschwerpunkte sind die Analyse
der politischen, kulturellen und ethischen Aspekte von
Informationstechnik, die Epistemologie von Technikforschung und die
Untersuchung von Praxis und Methodologie von Software-Entwicklung.
Homepage: http://bernhard.rieder.fr/
12) Henning Trüper (European University Institute, Florenz):
Suchen und Finden. Zettel, Fließtext und gelehrte Autorschaft im Fall des
Historikers F. L. Ganshof
Henning Trüper hat in Göttingen, Berkeley und Gent Geschichte, Philosophie und Germanistik studiert. 2003-2004 Mitarbeiter der Max-Weber-Gesamtausgabe, 2004-2008 Doktorand am Europäischen Hochschulinstitut (EUI) in Florenz, 2008 Promotion mit der Arbeit "Topography of a Method. Francois Louis Ganshof and the Writing of History".
Kurzbiographien von Thomas Brandstetter und Anton Tantner:
Thomas Brandstetter studierte Philosophie in Wien und promovierte in Kultur- und Medienwissenschaft an der Bauhaus Universität Weimar. In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit dem Wandel des Maschinenbegriffs vom 17. bis zum 19. Jahrhundert am Beispiel der Maschine von Marly. Seit September 2006 ist er Mitarbeiter am Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der digitalen Medien am Institut für Philosophie der Universität Wien.
Anton Tantner studierte Geschichte und Kommunikationswissenschaften in Wien; 2004 Abschluss der Dissertation zur Geschichte der Volkszählung und Hausnummerierung in der Habsburgermonarchie. Seit Juli 2007 Mitarbeiter des FWF-Projekts Europäische Adressbüros in der Frühen Neuzeit. Weitere Informationen und Publikationsverzeichnis unter: http://tantner.net

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