Kurzbeschreibung
des Forschungs-Projekts
Ziel des
Forschungsvorhabens ist es, die Praxis und die Folgen der Kinder- und
Jugendfürsorge im Nationalsozialismus am Beispiel Wiens aufzuarbeiten.
Die hierzu vorgeschlagene Forschungsstrategie setzt auf zwei verschiedenen
Ebenen gleichzeitig an: auf einer biographischen und einer sozialgeschichtlichen
Ebene. Auf der biographischen Ebene steht zunächst die Traumatisierung
von Kindern als unmittelbare oder auch mittelbare Folge fürsorgerischer
Maßnahmen während der NS-Zeit im Vordergrund. Insbesondere
interessiert dabei der Aspekt der psychischen Verarbeitung und Bewältigung.
Welche psychischen Mechanismen spielen dabei eine Rolle? Gibt es so
etwas wie altersspezifische Traumatisierungen? Lassen sich Zusammenhänge
zwischen Lebensalter, Intensität der Traumatisierung und Art bzw.
Schweregrad psychischer Störungen im Erwachsenenalter zeigen? Auf
der biographischen Ebene soll dann aber auch ein Zugang zu Sichtweisen,
Motiven und Verarbeitungsstrategien jener, die damals die Gesetze und
Verordnungen im Fürsorgebereich exekutiert haben FürsorgerInnen
und ErzieherInnen also gefunden werden. Dabei geht es vor allem
um die Frage nach der Ausformung spezifisch fürsorgerischer Haltungen:
Haltungen zu Erziehungsfragen im allgemeinen, aber auch zu sozialer
Abweichung etc. Für die sozialhistorische Untersuchung sollen folgende
Gesichtspunkte maßgebend sein:
1. Die Gesundheits- und Sozialadministration der Stadt Wien war während
der NS-Zeit in die schließlich im Kontext der Medizin erfolgte
Umsetzung von Maßnahmen sowohl zur Zwangssterilisation von als "erbkrank"
bezeichneten Jugendlichen als auch zur Vernichtung von psychisch kranken
und behinderten Kinder insofern involviert, als ihr dabei eine entscheidende
Selektions- und damit "Zulieferungsfunktion" zufiel.
2. Die Planungen der NS-Zeit gingen über die Vernichtung psychisch
kranker und behinderter Kinder- und Jugendlicher weit hinaus und waren
auf die Erfassung, Disziplinierung und unter Umständen auch Vernichtung
von Angehörigen sozialer Randgruppen im allgemeinen orientiert.
3. An diesem Projekt einer nach rassistischen Grundsätzen orientierten
Vernichtungs- und Ausgrenzungspolitik waren verschiedenen Berufsgruppen
(Kinder-)Psychiater, Psychologen, Heilpädagogen etc.
beteiligt, die durch ihre Mitarbeit der Kinder- und Jugendwohlfahrt
nicht nur konkrete praktische Gestalt, sondern auch wissenschaftliche
Legitimität verliehen. Aus der sozialen Position der Berufsgruppen
zueinander bestimmten sich Befugnisse und Kompetenzen, die von ihnen
in fürsorgerischen Entscheidungsabläufen wahrgenommen wurden.
4. Neben einer institutionellen und personellen Kontinuität ist
im Bereich der Kinder- und Jugendwohlfahrt über die Zäsuren 1938
und 1945 hinweg insofern auch von einer inhaltlichen Kontinuität
auszugehen, als sich wie eine erste Durchsicht einschlägiger
Quellen (Fürsorgeakten, Krankengeschichten etc.) ergab vor
allem in Hinblick auf die sachliche Begründung fürsorgerischer
Maßnahmen weitgehende Parallelen in Argumentation und Sprachduktus
aufzeigen lassen. Neben der Zweiteilung des Untersuchungsansatzes besteht
die Besonderheit des vorgestellten Forschungsvorhabens darin, daß
es in Zusammenarbeit in einem multiprofessionellen Team, dem Psychiater,
Psychoanalytiker, Psychologen, Erziehungswissenschafter und Historiker
angehören, verwirklicht werden soll. Die Interdiziplinarität
soll gewährleisten, daß die beiden skizzierten Untersuchungsstrategien
nicht unverbunden nebeneinander, sondern im wechselseitigen Austausch
miteinander verfolgt werden.
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im Nationalsozialismus am Beispiel Wiens Mechanismen der Traumatisierung
und psychische Verarbeitungsstrategien.
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