Hans Kelsen

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Hans Kelsen wurde am 11. Oktober 1881 in Prag geboren. Er studierte in Wien Rechtswissenschaften und habilitierte sich 1911 für Staatsrecht und Rechtsphilosophie. Ab 1918 Professor an der Universität Wien, 1919-30 auch Mitglied des Verfassungsgerichtshofes, verließ er 1930 aus politischen Gründen Österreich und wurde Professor an der Universität Köln, von wo er 1933 wegen seiner jüdischen Abstammung emigrieren mußte. Es folgten Aufenthalte am Institut universitaire de hautes études Internationales in Genf und an der Deutschen Universität Prag sowie an der Harvard Law School in den USA, bis er an der University of California in Berkeley eine dauernde Bleibe fand und hier bis 1952 lehrte. Er starb am 19. April 1973 in Orinda bei Berkeley.

 

Seine Bekanntheit über die Welt der Juristen hinaus verdankt Kelsen vor allem seiner Mitarbeit am österreichischen Bundes-Verfassungsgesetz vom 1. Oktober 1920, zu dem er eine Reihe von Vorentwürfen erstellte. Sein persönlicher Einfluss auf den Inhalt des Verfassungswerkes darf freilich nicht überschätzt werden, vielfach ging es nur darum, den von den widerstreitenden politischen Kräften mühsam erzielten Konsens in Gesetzesform zu gießen. Maßgeblichen Einfluß hatte Kelsen aber jedenfalls bei der Ausgestaltung der Verfassungsgerichtsbarkeit, ein Werk, das weltweit Beachtung und vielfach Nachahmung erfuhr. Kelsen selbst war ein Verfechter der Demokratie, deren Wert er vor allem in dem durch sie gewährleisteten Frieden sah, was er v.a. in seiner Schrift "Vom Wesen und Wert der Demokratie" (1920; 2. Aufl. 1929) darlegte, und er setzte sich auch kritisch mit anderen Systemen, v.a. dem Sozialismus, auseinander. Große Hoffnungen setzte Kelsen in die UNO; seine Völkerrechtslehre ist u.a. in den "Principles of International Law" (1952) dargelegt.

 

Die größte Bedeutung erlangte Kelsen aber mit seinen rechtstheoretischen Arbeiten, in deren Zentrum die "Reine Rechtslehre" (1934; 2. Aufl. 1960) steht. Ausgehend von einem Wertrelativismus einerseits, einer Trennung von Sein und Sollen andererseits, entwickelte er eine Rechtstheorie, die sich sowohl von den Naturrechtslehren als auch von den positivistischen Lehren seiner Zeit deutlich abhob. Besondere Bekanntheit erhielt insbesondere die von ihm erst allmählich entwickelte Theorie von der Grundnorm, einer obersten Norm, die, da nicht gesetzt, vorausgesetzt sein müsse und die erst die Geltung des positiven Rechts ermögliche. Die Grundnorm hat bloß erkenntnistheoretische Bedeutung und ist nicht in der Lage, irgendeine positive Rechtsordnung moralisch zu rechtfertigen, gleichwohl ist sie oft in diese Richtung mißverstanden worden. Die von Kelsen zunächst vor allem für das Verfassungsrecht konzipierte Reine Rechtslehre ist von seinen Schülern Adolf J. Merkl und Alfred Verdroß auch in das Verwaltungsrecht und in das Völkerrecht übertragen worden, heute wird diese "Wiener Rechtstheoretische Schule" außer in Österreich vor allem in Südeuropa und in Lateinamerika weiter entwickelt. Ihr bedeutendster Vertreter blieb Hans Kelsen selbst.