Der hier vorliegende Artikel erschien ursprünglich in Brennos -Studia Celtica Austriaca -1/1995.

Bei der Navigatio Sancti Brendani handelt es sich um einen mit vielen märchenmotiven angereicherten bericht über eine (vielleicht gar nicht fiktive) seereise des irischen heiligen Brendan aus dem 6. jahrhundert, die ihn weit über den Nordatlantik, möglicherweise sogar bis nach Amerika brachte. Der bericht stammt aus dem 9. jahrhundert und wurde am kontinent wahrscheinlich von einem irischen mönch im exil auf mittelllatein niedergeschrieben. Diese geschichte erfreute sich im mittelalter einer ungeheuren verbreitung - die überlieferung in mehr als hundert handschriften zeugt davon. Obwohl die geschichte stark von monastischen elementen überlagert ist, ist seine herkunft und die ähnlichkeit mit den irischen seefahrergeschichten (immrama) noch immer deutlich zu erkennen.
Die vorliegende übersetzung entstand im rahmen einer lehrveranstaltung von Dr. Michaela Zelzer im wintersemester 1993/94.

NAVIGATIO SANCTI BRENDANI
DIE REISE DES HEILIGEN BRENDAN

von David Stifter, Universität Wien

1
Der heilige Brendan mac Findlocha mac Alti aus dem clan der Eoganacht stammte vom Lough Lein in der provinz Munster. Er zeichnete sich durch strenge askese aus und war berühmt für seine wunder. Er war abt von etwa dreitausend mönchen.
Sein leben, das dem kampf für Christus geweiht war, verbrachte er an dem ort, der Tal der Wunder Brendans oder Clonfert heisst. Eines abends kam der abt Barrind mac Neill zu ihm.
Der heilige wollte ihn gleich mit zahlreichen fragen bestürmen, doch Barrind fing zu weinen an und warf sich zu boden, um lange zu beten. Brendan half ihm wieder hoch und küsste ihn:
"Vater, wieso müssen wir bei deiner ankunft traurig sein? Bist du nicht gekommen, um uns zu trösten? Du solltest lieber fröhlichkeit unter meinen brüdern verbreiten. Sag uns Gottes wort, erzähl uns von den vielen wundern, die du auf see erlebt hast."
Auf diese bitten Brendans hin begann der heilige Barrind von einer insel zu erzählen:
'Mein sohn Mernoc - er kümmert sich um die armen des Herrn - verliess mich, um eremit zu werden. Er kam auf eine insel in der nähe von Sliabh Liacc mit dem namen Die Reizende oder Inis Cain. Nach langer zeit erhielt ich dann einmal die nachricht, dass etliche mönche bei ihm seien und Gott viele wunder durch ihn wirke. Deswegen machte ich mich dorthin auf, um ihn zu besuchen. Als ich nach drei tagen reise endlich ankam, kam er mir mit seinen mitbrüdern schon entgegengelaufen. Gott hatte ihn nämlich von meinem kommen in kenntnis gesetzt. Wie ein bienenschwarm schwirrten uns aus ihren verstreuten cellen die brüder entgegen, denn ihre behausungen liegen zwar weit getrennt voneinander, trotzdem leben sie einmütig in glaube, liebe und hoffnung, essen gemeinsam und sind eine gemeinde beim Gottesdienst. Zum essen werden nur obst, nüsse, wurzeln und anderes gemüse aufgetischt. Nach der schlussandacht zieht sich jeder der brüder in seine celle zurück, wo er die nacht bis zum hahnenschrei oder dem läuten der glocke allein verbringt. Als ich mir am nächsten tag die insel ansah, nahm mich mein sohn an die westküste, wo er mir ein boot zeigte:
"Vater, komm auf das schiff und fahren wir auf eine insel im westen, die Verheissenes Land der Heiligen heisst, und die Gott am ende der zeiten unseren nachfahren geben wird."
Kaum waren wir an bord und abgesegelt, da senkten sich von allen seiten so dichte nebelschwaden auf uns herab, dass wir kaum bug oder heck des schiffs erkennen konnten. Es verging etwa eine stunde, bis plötzlich gleissend helles licht um uns erstrahlte und sich vor uns ein weites, üppiges und äusserst fruchtbares land auftat. Wir landeten und sprangen an den strand. Wir erkundeten fünfzehn tage die insel, ohne dass wir ihr anderes ende entdecken konnten. Alle pflanzen standen in voller blüte; kein baum war ohne frucht, und selbst die steine dort sind wertvoll. Nach zwei wochen kamen wir dann an einen fluss, der von osten nach westen fliesst. Das erschien uns alles so wunderbar, dass wir nicht wussten, was wir jetzt tun sollten. Schliesslich beschlossen wir, den fluss zu überqueren, wollten aber trotzdem zuvor noch auf ein zeichen Gottes warten. Als wir uns darüber noch berieten, erschien plötzlich ein hellglänzend umstrahlter mann vor unseren augen, der gleich einen jeden bei seinem namen rief und uns begrüsste:
"Willkommen, meine lieben brüder. Der Herr hat euch zu diesem land geleitet, das Er einmal Seinen heiligen geben will. Mit diesem fluss hier habt ihr die hälfte der insel erreicht. Weiter als bis hierher dürft ihr nicht mehr vordringen. Kehrt lieber wieder an den ausgangspunkt eurer expedition zurück."
Ich fragte ihn sofort nach seiner herkunft und seinem namen.
"Was fragst du mich, woher ich bin und wie ich heisse?" antwortete er. "Warum willst du nichts über diese insel erfahren? Denn so, wie du sie jetzt siehst, ist sie schon seit anbeginn der welt geblieben. Geht dir etwas zu essen oder zu trinken oder anzuziehen ab? Jetzt bist du schon ein jahr auf der insel und hast noch keine nahrung zu dir nehmen müssen. Niemals hat dich schlaf übermannt, und keine nacht ist über dich hereingebrochen, denn die tage hier kennen die blindmachende dunkelheit nicht. Unser Herr Jesus Christus selbst ist ihr licht!"
Wir machten uns gleich auf den rückweg und der mann begleitete uns an die küste zum boot. Kaum dass wir es bestiegen hatten, wurde er unseren blicken entrissen. Durch die dunstige zone, von der ich schon oben erzählt habe, fuhren wir wieder heim nach Inis Cain. Als die brüder uns sahen, brachen sie über unsere heimkehr in riesigen jubel aus, aber auch in tränen, da wir so lange fortgewesen waren:
"Väter, wieso habt ihr eure schafe ohne hirten in dieser wildnis herumirren lassen? Unser abt hat uns schon so oft verlassen, um irgendwohin zu reisen, das haben wir gewusst, aber wir wussten nie wohin. Dann bleibt er manchmal ein monat fort, manchmal ein oder zwei wochen, aber es kommt auch vor, dass es kürzer oder länger dauert."
"Meine brüder, seht doch nur das gute daran!" beruhigte ich sie, "Ihr wohnt nicht weit vom tor zum Paradies, glaubt mir. Hier in der nähe liegt eine insel, die Verheissenes Land der Heiligen heisst. Dort gibt es keine nacht, die tage finden kein ende. Dort hält sich euer abt Mernoc oft auf. Die insel steht unter dem schutz eines engels Gottes. Habt ihr denn nicht schon am geruch unserer kleidung gemerkt, dass wir in Gottes Paradies waren?"
"Ja abt, wir wissen, dass du in Gottes Paradies warst, aber wir wissen nicht, an welcher stelle im meer es sich genau befindet. Wir haben schon oft festgestellt, dass die kleider unseres abtes auch noch vierzig tage nach seiner heimkehr so gut dufteten."
Mein sohn und ich brauchten auch noch zwei wochen danach weder feste noch flüssige nahrung zu uns nehmen. Wir waren nämlich noch so gesättigt, dass die anderen meinten, wir hätten uns mit wein angetrunken. Nach vierzig tagen gaben mir die brüder und der abt ihren segen und ich brach mit meinen gefährten auf, um in meine celle zurückzukehren, wohin ich auch morgen gehen will.'
Als sie diese geschichte gehört hatten, warfen sich der heilige Brendan und alle mitbrüder seiner klostergemeinschaft zur erde, um Gott zu loben:
"Gerecht ist der Herr in allen Seinen Wegen und heilig in allen Seinen Werken, da Er Seinen Knechten so zahlreiche und herrliche Wunder gezeigt hat, und gesegnet in Seinen Geschenken, da Er uns heute mit solch geistigem Genuss labte."
Und nach diesem lob Gottes fügte der heilige Brendan noch hinzu:
"Aber jetzt wollen wir auch unseren körper laben und uns an eine neue aufgabe machen."
Am nächsten morgen erhielt der heilige Barrind den segen der brüder und brach zu seiner celle auf.
2
Der heilige Brendan wählte anschliessend vierzehn brüder seiner ganzen klostergemeinschaft und zog sich mit ihnen in einen betraum zurück, weil er sich mit ihnen unterreden wollte:
"Meine allerliebsten mitstreiter in Christus, ich erwarte euren rat und eure hilfe: mein ganzes interesse und alle gedanken gelten einem wunsch. Und wenn mir der von Gott eingegeben ist, dann nehme ich mir aus ganzem herzen vor dieses land zu suchen, von dem uns vater Barrind erzählt hat, das den heiligen verheissen ist. Was ist eure meinung dazu, welchen rat könnt ihr mir geben?"
Die hatten den plan ihres heiligen abtes schon erraten, und antworteten wie aus einem mund:
"Abt, wir wünschen uns dasselbe wie du. Haben wir nicht unsere eltern im stich gelassen, auf unser erbe verzichtet, unseren leib in deine hände gelegt? Daher sind wir auch gerne bereit, mit dir überall hinzugehen, sogar in den tod. Wir wollen nur das eine, was Gott will."
3
Der heilige Brendan und seine mitbrüder beschlossen dann, über einen zeitraum von vierzig tagen zu fasten, immer drei tage lang, und danach aufzubrechen. Die vierzig tage vergingen, die brüder sagten einander lebewohl, dem prior des klosters, der dort später Brendans nachfolger werden sollte, wurden alle daheimbleibenden anvertraut, und schliesslich brach Brendan mit einer mannschaft von vierzehn brüdern richtung westen zur insel eines heiligen abtes namens Ende auf, wo er drei tage blieb.
4
Von abt Ende und dessen mönchen gesegnet, machte er sich auf den weg zu einem weit entfernten teil seiner heimat, wo seine eltern wohnten. Aber die wollte er nicht sehen, sondern er schlug an der spitze einer landzunge, die weit in die see hinaus reicht (der ort heisst Brendans Sitz), ein zelt auf, in das ein schiff hineinpasste.
Brendan und seine gefährten besorgten sich werkzeug und bauten ein leichtes boot mit einem gerippe und seitenplanken aus eiche nach der tradition des landes. Darüber wurden in eichenrinde gegerbte und rotgefärbte rindsfelle gespannt, deren nahtstellen an der aussenseite mit fett bestrichen wurden. Bausätze für zwei weitere schiffe aus anderem leder wurden im boot verstaut. Ausserdem kamen lebensmittel für vierzig tage als proviant mit, sowie fett, um felle zum abdecken des schiffs imprägnieren zu können, und andere ausrüstungsgegenstände, die man zum überleben braucht. In der mitte des schiffs wurden ausserdem noch ein mast und ein segel aufgerichtet und die ganze übrige steuerung des schiffes installiert. Dann forderte der heilige Brendan seine brüder im namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes auf ins schiff zu steigen.
5
Er stand noch allein am strand, um den hafen zu segnen, als plötzlich drei mönche seines klosters, die ihnen nachgekommen waren, erschienen. Sie warfen sich ihm zu füssen und baten:
"Vater, lass uns mit dir gehen, wohin du gehst; sonst treten wir in hungerstreik! Wir sind nämlich entschlossen, die tage unseres lebens in der fremde zu verbringen."
Der Gottesmann sah ihre entschlossenheit und befahl ihnen einzusteigen:
"Euer wunsch soll in erfüllung gehen, meine söhne!"
und er fügte hinzu:
"Ich weiss, wie eure reise hierher verlaufen ist! Dieser bruder hier hat eine hervorragende tat getan, und dafür hat ihm Gott schon den besten ort bereitgestellt. Aber euch beide wird Er mit einem fürchterlichen urteil richten!"
6
Daraufhin ging auch der heilige Brendan an bord und sie setzten die segel. Die reise führte nach norden. Ein günstiger wind wehte, sodass sie lediglich die segel in fahrtrichtung zu halten hatten.
Nach fünfzehn tagen flaute der wind aber ab und die mannschaft musste rudern, bis ihr die kraft ausging. Brendan ermunterte sie gleich und trieb sie an:
"Meine brüder, ihr braucht keine angst zu haben, denn Gott selbst ist unser helfer, ein seemann und steuermann. Zieht alle ruder und das steuer ein. Lasst nur die segel gesetzt, damit Gott mit Seinen knechten und Seinem schiff verfahren kann, wie Er will."
Sie assen immer abends. Einmal kam wind auf, sie verloren aber die orientierung. Sie wussten weder, aus welcher richtung der wind wehte, noch wohin sie getrieben wurden.
So vergingen vierzig tage und alle nahrungsreserven waren aufgezehrt. Da sahen sie im nor-den eine felsige, steile insel aus dem horizont auftauchen. Sie näherten sich der küste, fanden dort aber bloss klippen so steil wie wände vor und bäche, die von der spitze der insel herab ins meer stürzten. Bei denen fanden sie allerdings keinen hafen, wo ihr schiff hätte ankern können. Die mannschaft war schon schrecklich erschöpft von hunger und durst. Ein paar nahmen töpfe zu hilfe, um zumindest ein bisschen wasser aufzufangen. Als der heilige Brendan das bemerkte, rief er:
"Hört auf damit! Was ihr da macht, ist dumm. Gott hat uns bis jetzt noch keinen hafen zeigen wollen, in den wir einlaufen könnten, wollt ihr also einen raub verüben? Unser Herr Jesus Christus wird Seinen knechten in drei tagen einen hafen und einen ort zeigen, wo wir bleiben und uns von unseren strapazen ausrasten können."
Drei tage segelten sie also die küste entlang, bis sie am dritten tag schliesslich am nachmittag einen hafen fanden, der platz genug für ein schiff bot. Sofort sprang Brendan auf und segnete die einfahrt. Die felsen zu beiden seiten waren nämlich so scharf eingeschnitten und steil wie eine mauer. Als die mannschaft von bord und an land gegangen war, verbot ihnen Brendan geschirr vom schiff mitzunehmen.
Sie wanderten am meeresufer entlang, als sie auf einem schmalen pfad einem hund begegneten, der gleich, wie es hunde normalerweise nur bei ihren herren tun, zu Brendans füssen hinlief. Da meinte der heilige Brendan:
"Hat uns Gott da kein gutes zeichen gegeben? Folgen wir ihm!"
Und so gingen Brendan und seine mitbrüder dem hund bis zu einer siedlung nach.
In der siedlung fanden sie einen grossen palast vor, der mit betten und pölstern bedeckt war, und dort gab es auch wasser, um sich die füsse zu waschen. Sie liessen sich nieder, Brendan aber warnte seine gefährten:
"Passt auf, brüder, dass euch der Teufel nicht in versuchung führt! Denn ich kann es schon sehen, wie er einen der drei brüder, die uns nachgekommen sind, zu einem ganz schlimmen diebstahl überreden will. Betet für seine seele, denn sein fleisch gehört schon dem Teufel!"
Ringsum an allen wänden des hauses, in dem sie sich niedergelassen hatten, hingen gefässe aus den verschiedensten metallen, daneben aber auch ketten und versilberte hörner.
Brendan befahl dem diener, dessen aufgabe es war, den brüdern das brot aufzutragen, er solle das mahl bringen, das ihnen Gott bereitet habe. Der erhob sich gleich und fand tatsächlich einen tisch und leinen vor, mit ganz weissen broten und fischen gedeckt. Als alles da war, segnete der heilige Brendan das mahl und sagte zu seinen brüdern:
"Loben wir Gott im Himmel, der allem Fleisch seine Nahrung gibt!"
Die brüder setzten sich wieder und priesen Gott. Genauso bekamen sie auch getränke, soviel sie wollten. Nach dem essen und dem Gottesdienst meinte Brendan:
"Jetzt legt euch nieder; dort sind ja betten gemacht. Ihr müsst euch endlich ausruhen vom anstrengenden rudern!"
Als seine mitbrüder eingeschlafen waren, bemerkte Brendan ein teufelswerk: einen jungen, und zwar einen schwarzen, der eine kette in der hand hielt und vor dem schon erwähnten bruder herumtollte. Sofort sprang der heilige Brendan auf und hob zu beten an, und das machte er die ganze nacht bis in die morgenstunden.
Am nächsten tag in der früh, als die brüder sich zum Gottesdienst und danach zum schiff aufmachten, hatten sie wiederum einen gedeckten tisch wie am vortag. So sorgte Gott drei tage lang für die mahlzeiten seiner knechte.
7
Schliesslich brach Brendan mit seiner mannschaft wieder auf und sagte:
"Schaut, dass sich niemand von euch irgendeinen gegenstand von der insel mitnimmt."
"Auf keinen fall soll ein diebstahl unsere reise gefährden", antworteten sie. Da erklärte ihnen Brendan:
"Aber schaut nur euren bruder an, auf den ich euch schon gestern hingewiesen habe: an seiner brust verbirgt er eine silberne kette, die ihm heute nacht der Teufel zugesteckt hat!"
Der genannte bruder riss die kette auf diese worte hin von seiner brust und warf sich dem Gottesmann zu füssen:
"Ich habe gesündigt, vater, verzeih mir! Bete für meine seele, damit sie nicht zugrunde gehe!"
Auf der stelle warfen sich alle zu boden und flehten Gott um die seele ihres mitbruders an. Aber kaum waren sie wieder aufgestanden und hatte der heilige vater dem einen bruder aufgeholfen, als sie den schwarzen jungen aus seiner brust hüpfen sahen. Der heulte irrsinnig laut und schrie:
"Warum, wirfst du mich aus meiner behausung, du Gottesmann, wo ich schon seit sieben jahren hause, und beraubst mich meines erbes?"
Der heilige Brendan antwortete auf diese worte:
"Ich befehle dir im namen unseres Herrn Jesus Christus keinem menschen mehr schaden zuzufügen bis an den tag des gerichts!"
Dann wandte sich der gottesmann wieder dem bruder zu:
"Hier, nimm den leib und das blut des Herrn, da deine seele bald deinen körper verlassen wird. Hier befindet sich der platz für dein grab. Aber dein bruder dort, der mit dir das kloster verlassen hat, er hat sein grab in der hölle!"
Und so empfing er noch die eucharistie, dann verliess seine seele den körper und wurde vor den augen der mitbrüder von den engeln des lichts aufgenommen. Die leiche aber wurde genau dort begraben, wo es der heilige vater vorhergesagt hatte.
8
Dann begaben sich die brüder mit Brendan zum strand der insel, wo ihr schiff lag. Als sie schon eingestiegen waren, erschien noch ein junger mann, der ihnen einen korb voll brot und eine amphore mit wasser brachte, und sagte:
"Nehmt noch diese gaben aus der hand eures knechts mit. Euch steht nämlich noch eine lange reise bevor, bis ihr das ziel eurer erquickung findet. Trotzdem werden euch von heute bis Ostern brot und wasser nicht ausgehen."
Sie nahmen das geschenk an und segelten hinaus auf die see. Alle zwei tage assen sie. So durchkreuzte das schiff die verschiedensten teile des meeres.
9
Einmal entdeckten sie nicht weit entfernt eine insel vor sich. Als sie sich deswegen in die rie-men legten, kam ihnen ein günstiger wind zur hilfe, sodass sie sich nicht mehr anstrengen muss-ten, als sie aushalten konnten. Nach der landung befahl ihnen der Gottesmann auszusteigen, er selbst ging aber als letzter von bord. Sie wanderten über die ganze insel und fanden zahlreiche quellen, die von fischen wimmelten und denen gewaltige wassermassen entströmten. Der heilige Brendan meinte zu seinen brüdern:
"Hier können wir den Gottesdienst halten. Bringen wir Gott ein fleckenloses opferlamm dar, weil heute Gründonnerstag ist."
Dort blieben sie bis Karsamstag.
Auf ihren streifzügen über die insel entdeckten sie so viele schafsherden, deren tiere alle die gleiche farbe hatten, nämlich weiss, dass sie vor lauter schafen gar nicht mehr den erdboden erkennen konnten. Brendan rief seine brüder zusammen:
"Besorgt alles, was wir zum fest brauchen, aus der herde."
Die brüder rannten sogleich zur herde und schnappten sich einen widder. Sie fesselten ihn an den hörnern und er folgte dem, der die fessel hielt, so willig, als wäre er zahm, bis dorthin, wo der Gottesmann stand. Brendan wiederholte zu einem bruder:
"Besorg noch ein fleckenloses lamm aus der herde!"
Der beeilte sich, alles, wie aufgetragen, auszuführen.
Als schliesslich alles für den Gottesdienst am nächsten tag fertig war, kam plötzlich ein mann mit einem korb voller aschenbrot und was man sonst noch braucht in seiner hand. Das stellte er vor dem Gottesmann nieder und warf sich selbst dreimal zu Brendans füssen flach aufs gesicht und sagte:
"Wodurch habe ich das verdient, du perle Gottes, dass du dich an den feiertagen von meiner hände arbeit nährst?"
Der heilige Brendan half ihm aufzustehen und gab ihm einen kuss:
"Mein sohn, unser Herr Jesus Christus hat uns an diesen ort geführt, um hier das fest Seiner auferstehung zu begehen."
"Vater, den Karsamstag werdet ihr hier feiern," antwortete der mann, "aber um die nacht-officien und die messen zu Seiner auferstehung zu feiern, hat euch Gott die insel, die ihr dort drüben seht, bestimmt."
Anschliessend ging er Gottes dienern hilfreich zur hand und richtete alles her, was für den nächsten tag benötigt wurde. Als alles fertig am schiff war, sagte der mann zu Brendan:
"Euer boot kann nicht mehr transportieren. In einer woche werde ich euch die ganze nahrung, die ihr bis Pfingsten braucht, schicken."
"Woher weisst du denn, wo wir in einer woche sind?" wollte Brendan wissen.
Der mann antwortete:
"Heute nacht seid ihr auf der insel in der nähe, bis morgen mittag. Dann fahrt ihr zu einer anderen insel, die nicht weit davon im westen liegt und Vogelparadies heisst. Dort bleibt ihr bis acht tage nach Pfingsten."
Der heilige Brendan wollte von ihm auch noch erfahren, wie die schafe denn nur eine solche grösse erreichen konnten, wie es sie hier zu sehen gab. Die schafe waren nämlich noch grösser als rinder.
"Niemand melkt die schafe dieser insel und der winter stört sie nicht, sondern sie können tag und nacht auf der weide bleiben. Daher sind sie bei uns auch grösser als bei euch."
Danach begaben sie sich wieder auf ihr schiff, segneten einander und legten ab.
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Als das schiff zur anderen insel kam, lief es schon auf grund, bevor es noch in einen hafen einfahren konnte. Brendan befahl seiner mannschaft, ins meer zu springen, was sie auch taten. An beiden seiten machten sie seile am rumpf fest und zogen das schiff so in den hafen. Der felsigen insel fehlte jede vegetation. Holz gab es nur ganz wenig und am strand lag kein sand.
Die brüder verbrachten die nacht dort ausserhalb des bootes mit gebeten und messfeiern, während der Gottesmann im boot sitzen blieb. Er wusste nämlich schon, welche bewandtnis es mit der insel hatte, wollte es aber den anderen nicht sagen, damit sie nicht in panik gerieten.
Am morgen trug er jedem priester auf, messen zu halten. Nachdem auch Brendan selbst im boot eine messe gefeiert hatte, holten die brüder rohes fleisch von bord, um es zu salzen, sowie die fische, die sie von der anderen insel mitgebracht hatten. Sie stellten einen topf aufs feuer. Als sie aber das feuer mit scheitern schürten und der topf am kochen war, begann sich die insel plötzlich wie wogen auf und ab zu bewegen. Die brüder stürzten zum schiff und flehten den heiligen vater um schutz an. Er fasste einen nach dem anderen an den händen und zog sie an bord. Sie liessen alles, was sie mitgebracht hatten, auf der insel zurück und ruderten los. Die insel aber schoss hinaus in den Ocean. Das feuer konnte man noch über eine entfernung von zwei meilen sehen. Der heilige Brendan klärte seine mannschaft darüber auf, was das war:
"Meine brüder, ihr wundert euch vielleicht, was mit dieser insel passiert ist?"
"Ja, es ist uns völlig rätselhaft", antworteten sie. " Ein riesiger schrecken ist uns in die glieder gefahren."
Daraufhin erklärte er ihnen:
"Meine söhne, ihr braucht euch nicht zu fürchten. Gott hat mir nämlich heute nacht in einer vision die lösung dieses rätsels gezeigt. Das war nämlich gar keine insel, wo wir waren, son-dern ein fisch, der grösste aller meeresbewohner. Er versucht immer, mit seiner schwanzflosse den kopf zu erreichen, aber er schafft es nicht, weil er so lang ist. Er heisst Iascon."
11
Dann segelten sie die insel entlang, auf der sie drei tage zuvor gewesen waren und kamen an ihre westlichste landzunge. Dort entdeckten sie, dass eine andere insel mit ihr verbunden war, getrennt nur durch eine schmale wasserstrasse. Diese andere insel war bedeckt von wiesen und wäldern voller blumen. Auf der suche nach einem hafen segelten sie um die insel herum. Als sie zu ihrer südküste fuhren, fanden sie einen ins meer mündenden bach. Dort landeten sie. Sie stiegen aus und Brendan befahl ihnen, das schiff an tauen gegen die strömung den fluss hinauf zu ziehen, soweit sie konnten. Der fluss war gerade so breit wie das schiff. Der vater blieb im boot sitzen. Auf diese weise kamen sie etwa eine meile weit, bis sie an die quelle des flusses gelangten. Da meinte der heilige Brendan:
"Schaut nur, unser Herr Jesus Christus hat uns diesen ort gegeben, damit wir hier das fest Seiner auferstehung verbringen." Und er merkte noch an:
"Wenn wir ausser dieser quelle sonst keine nahrung hätten, würde sie uns trotzdem, glaube ich, für speis und trank reichen."
Oberhalb der quelle wuchs ein baum von unglaublichem umfang und höhe, der von leuchtend weissen vögeln völlig bedeckt war. Sie sassen so dicht, dass man kaum blätter und zweige des baums erkennen konnte. Bei ihrem anblick begann der Gottesmann für sich nachzudenken und zu überlegen, was es wohl damit auf sich habe und was der grund sei, dass ein schwarm aus so vielen vögeln bestehen könne. Darüber wurde er so deprimiert, dass tränen über seine wangen liefen und er sich hinkniete, um Gott anzuflehen:
"Gott, Du kennst alles unbekannte und erhellst alles verborgene, Du kennst die verzweiflung in meinem herzen. Ich flehe Deine grösse an, dass Du mich sünder für würdig erachtest, mir in Deiner barmherzigkeit Dein geheimnis zu erhellen, das ich selbst gerade vor augen habe. Aber ich nehme mir das nicht wegen der verdienste meiner würde heraus, sondern aufgrund Deiner unermesslichen gnade."
Als er so bei sich gebetet und sich hingesetzt hatte, da kam auch schon einer der vögel vom baum zum schiff herbeigeflogen, wo der Gottesmann sass. Seine flügel klingelten dabei wie schellen. Er liess sich auf der bugspitze nieder und streckte seine flügel gewissermassen als zeichen der freude aus und sah den heiligen vater mit freundlichem ausdruck an. Der mann Gottes erkannte gleich, dass Gott seine bitten erhört hatte, und sagte zum vogel:
"Wenn du ein bote Gottes bist, dann sag mir doch bitte, wo all die vögel herkommen und wieso sie sich hier versammeln?"
"Wir sind gemeinsam mit dem alten feind gestürzt worden", antwortete der, "doch waren wir in wirklichkeit mit dessen sünden überhaupt nicht einverstanden. Aber als wir geschaffen waren, wurden wir in seinem sturz und dem seiner anhänger mitgerissen. Jedoch, unser Gott ist gerecht und wahrhaft! In Seinem grossen urteil hat Er uns hierher geschickt. Wir erleiden jetzt nicht einmal qualen und können sogar Gottes helligkeit sehen. Nur von unseren artgenossen, die stehengeblieben sind, sind wir getrennt. Wir ziehen durch die lüfte, über das firmament und über die verschiedensten länder, wie die anderen geister, die ausgeschickt werden. Aber zu den sonn- und feiertagen nehmen wir die gestalt an, die du jetzt sehen kannst. Dann sind wir hier zusammen und loben unseren Schöpfer.
Aber du und deine brüder, ihr seid jetzt schon ein jahr unterwegs. Sechs jahre stehen euch noch bevor. Dort, wo du heute Ostern gefeiert hast, wirst du es jedes jahr feiern, und erst dann wirst du das erreichen, was du dir vorgenommen hast, nämlich das Verheissene Land der Heiligen zu finden."
Mit diesen worten erhob sich der vogel vom bug und flog wieder zu seinen artgenossen.
Zur vesperstunde begannen alle vögel auf dem baum wie mit einer stimme zu singen und schlugen dabei mit ihren flügeln:
"Dir, Gott in Sion, ziemt Lobgesang. Dir soll man Gelübde entrichten in Jerusalem!"
Diesen vers wiederholten sie immer wieder, etwa eine stunde lang. Dem Gottesmann und seinen gefährten kamen diese weise und das flügelschlagen fast wie ein trauerlied vor, weil es so sanft dargeboten wurde.
Schliesslich meinte der heilige Brendan zu seinen brüdern:
"Jetzt könnt ihr eure körper mit nahrung laben, da unsere seelen ja heute durch göttliche labung gesättigt worden sind."
Nach dem nachtmahl hielten sie einen Gottesdienst. Dann erst gönnten sich der Gottesmann und seine gefährten endlich ruhe. Um mitternacht erwachte Brendan und weckte seine brüder für die vigilien der heiligen nacht. Er hob mit folgendem vers an:
"Herr, tu auf meine Lippen."
Nach dem eröffnungsvers von Brendan liessen auch die vögel wieder alle ihr gefieder und ihre stimmen ertönen, indem sie sangen:
"Lobt den Herrn, all Seine Engel! Lobt Ihn, all Seine Mächte!"
Und genauso wie zur vesper sangen sie auch jetzt eine stunde ununterbrochen.
Bei den ersten strahlen der morgenröte sangen sie:
"Des Herrn, unseres Gottes, Güte möge über uns walten!"
Das sangen sie mit der gleichen psalmmelodie und dauer wie für die morgenlaudes. Genauso machten sie es zur terz, das heisst um neun uhr:
"Lobsingt unserm Gott, lobsingt! Lobsingt unserm König, lobsingt Ihm weise!"
Und zur sext, das heisst zu mittag:
"Gott sei uns gnädig! Er segne uns! Er lasse leuchten Sein Antlitz über uns!"
Und zur non, um drei am nachmittag sangen sie den psalm:
"Sieh wie das schön, wie das lieblich ist, wenn Brüder friedlich beieinander wohnen!"
So priesen und lobten die vögel Gott tag und nacht. Und deswegen liess der heilige Brendan seine mitbrüder sich eine woche an der österlichen feier laben.
Nach dem ende der festtage meinte er:
"Wir sollten an der quelle hier endlich einmal auch unseren proviant auffrischen, denn bis jetzt haben wir sie ja nur dazu verwendet, um unsere hände und füsse zu waschen."
In dem augenblick kam der mann, bei dem sie drei tage vor Ostern gewesen waren und der ihnen die speisen für Ostern gegeben hatte, in einem boot gefüllt mit lebensmitteln zu ihnen. Sie holten alles von bord und der mann sagte vor dem heiligen vater:
"Meine brüder, mit dem hier habt ihr genug proviant bis zum Pfingstfeiertag. Von dieser quelle solltet ihr allerdings nicht trinken, denn sie ist ziemlich stark, wenn man davon trinkt. Ich kann euch etwas über ihre wirkung sagen: wer etwas davon trinkt, fällt sofort in tiefen schlaf und es müssen erst vierundzwanzig stunden vergehen, eher wird er nicht aufwachen. Wenn das wasser aber erst einmal aus der quelle herausgeflossen ist, schmeckt und wirkt es wie ganz normales wasser."
Er empfing vom heiligen vater den segen und kehrte wieder in seine heimat zurück.
Brendan blieb dort bis acht tage nach Pfingsten, denn der gesang der vögel belebte sie sehr. Nach der messe, die der heilige Brendan am Pfingsttag mit seinen brüdern feierte, kam wieder ihr fürsorger und brachte alles mit, was zur feier des festes nötig war. Beim mittagstisch sagte ihnen der mann:
"Euch steht noch ein langer weg bevor. Füllt euch alle eure gefässe an der quelle an und nehmt euch auch trockenes brot mit, denn das könnt ihr ruhig bis nächstes jahr aufbewahren. Ich werde euch soviel mitgeben, wie euer schiff noch tragen kann."
Das geschah auch so, der mann empfing wieder den segen und kehrte heim.
Eine woche später liess Brendan das schiff mit allem beladen, was ihnen der mann gebracht hatte, und die gefässe an der quelle anfüllen. Sie zogen alles an den strand hinunter, als der eine vogel im eilflug herbeistürzte und sich am bug des bootes niederliess. Der Gottesmann erkannte gleich, dass er ihm etwas mitteilen wollte. Der vogel sprach mit menschlicher stimme:
"Ihr werdet Ostern und den ganzen zeitraum danach auch kommendes jahr bei uns feiern. Und wo ihr heuer Gründonnerstag verbracht habt, seid ihr auch kommendes jahr am selben tag, und genauso werdet ihr die nacht auf Ostern dort feiern, wo ihr sie zuerst gefeiert habt, nämlich am rücken des Iascon. Ausserdem werdet ihr in acht monaten eine insel finden, die ist nach Ailbes gemeinschaft benannt, um dort Weihnachten zu feiern."
Nach diesen worten kehrte er an seinen platz zurück. Die mannschaft setzte segel und ruderte auf die see hinaus, und die vögel sangen wie mit einer stimme:
"Erhör uns, Gott, unser Heiland, Du Zuversicht aller Enden der Erde, der fernsten Meere!"
12
Daraufhin wurde der heilige vater mit seiner mannschaft drei monate auf see hin und her getrieben. Nie erblickten sie etwas anderes als himmel und meer. Sie assen immer in abständen von zwei, drei tagen.
Eines tages tauchte nicht weit entfernt eine insel auf. Als sie sich ihrer küste näherten, trieb sie ein wind wieder zur seite ab. So mussten sie vierzig tage im kreis um die insel rudern, ohne aber je eine stelle zum landen finden zu können. Die mannschaft begann Gott unter tränen an-zuflehen, Er möge ihnen beistehen, denn ihre kräfte waren von den unerträglichen strapazen schon fast völlig aufgezehrt. Als sie so drei tage mit ununterbrochenem beten und fasten ver-bracht hatten, entdeckten sie eine enge hafeneinfahrt, in der gerade platz genug für ein schiff war. Dort gab es zwei quellen, eine brausend und aufgewühlt, die andere ruhig und klar. Die brüder stürzten sich mit dem geschirr dorthin, um wasser zu schöpfen. Als der Gottesmann sie sah, untersagte er es ihnen:
"Meine söhne, macht doch nichts unerlaubtes ohne die erlaubnis der alten männer, die auf dieser insel leben. Sie werden euch dieses wasser freiwillig geben, das ihr gerade heimlich wie diebe trinken wollt."
Daher verliessen sie ihr schiff und waren gerade am überlegen, in welche richtung sie jetzt gehen sollten, als ihnen ein greis, eine würdevolle erscheinung, entgegenkam. Von schlohweisser farbe war sein haar, sein gesicht hell und leuchtend. Dreimal warf er sich zu boden, bevor er den Gottesmann küsste. Brendan und seine brüder halfen ihm vom boden aufzustehen. Sie küssten einander, der alte mann fasste den heiligen vater an der hand und ging hand in hand mit ihm die ungefähr zweihundert meter bis zu seinem kloster.
Brendan und seine brüder blieben vor dem klostertor stehen und fragten den alten mann:
"Wem gehört denn dieses kloster, wer ist sein vorsteher und woher stammen die bewohner dieses klosters?"
Der heilige vater versuchte das sogar in mehreren sprachen zu erfahren, aber nie erhielt er vom greis eine andere antwort, als ein unglaublich sanftes handzeichen, mit dem er ihm bedeutete, schweigen zu wahren.
Der heilige vater begriff auf der stelle, welches gelübde man hier getan hatte, und er wies seine brüder darauf hin:
"Ihr solltet an diesem ort darauf achten, euren mund geschlossen zu halten, sonst werden die brüder hier durch eure geschwätzigkeit entweiht."
Damit verbot er ihnen zu sprechen. Da kamen ihnen auch schon elf brüder mit reliquienschreinen und kreuzen hymnen singend entgegen, wobei sie folgenden vers recitierten:
"Erhebt euch von euren Lagern, ihr Heiligen Gottes, und eilt der Wahrheit entgegen! Heiligt diesen Ort, segnet das Volk, seid uns gnädig und lasst uns, eure Diener, im Frieden wachen."
Dann küsste der abt der reihe nach den heiligen Brendan und seine gefährten, und auch seine mönche küssten die mönche des heiligen mannes.
Nach den friedensküssen geleiteten sie sie ins kloster, und zwar nach der tradition des westens unter gebeten. Der abt und seine mönche wuschen den gästen die füsse und sangen die antiphon "Einen neuen Auftrag gebe ich euch". Schliesslich empfing er sie im speisesaal, wobei er grosses schweigen wahrte. Ein gong ertönte, sie wuschen sich die hände und er hiess sie sich setzen. Dann ertönte der gong ein zweites mal, einer der mönche erhob sich und trug ganz wei-sse brote und unglaublich schmackhaftes gemüse auf. Die brüder des klosters sassen der reihe nach abwechselnd mit ihren gästen. Zwei brüder bekamen je ein ganzes brot. Derselbe mönch bediente sie auch mit getränken, als der gong ein weiteres mal ertönte.
Der abt ermunterte seine gäste und sagte recht gut gelaunt:
"Von der quelle, wo ihr heute heimlich trinken wolltet, könnt ihr jetzt ein brüderliches liebesmahl halten, mit fröhlichkeit und Gottesfurcht. An der anderen quelle, der aufgewühlten, die ihr gesehen habt, waschen sich meine brüder jeden tag die füsse, weil ihr wasser immer warm ist.
Das brot, das ihr seht, von dem wissen wir eigentlich nicht, wo es gebacken wird und wer es in unseren vorratskeller bringt. Wir wissen nur, dass es uns knechten aus Gottes grossem erbarmen von irgendeiner niederen creatur zugetragen wird. Wir sind hier vierundzwanzig brüder. Jeden tag gibt es bei uns zwölf brote zum essen, immer ein brot für zwei. Aber an den sonn- und feiertagen gibt Gott jedem bruder ein ganzes brot, damit sie von den überbleibseln noch etwas zum nachtmahl haben, und auch wegen eurer ankunft bekommen wir die doppelte ration.
So sorgt Christus seit der zeit des heiligen Patrick und des heiligen Ailbe, unseres abtes, für unsere ernährung, ganze achzig jahre schon. Trotzdem wird die last des alters und die schwäche in unseren gliedern nicht beschwerlicher. Auf dieser insel geht uns solches essen, das man mit feuer zubereiten müsste, nicht ab. Es ist uns auch nie zu kalt oder zu heiss. Und wenn es zeit für die messe oder die nachtwachen ist, gehen die leuchter unserer kirche, die wir aus göttlicher vorsehung aus unserer heimat mitgenommen haben, von selbst an und brennen bis es tag wird. Keiner dieser leuchter geht je aus."
Sie tranken dreimal, dann schlug der abt, wie sie es jetzt schon gewohnt waren, den gong und die brüder erhoben sich alle auf einmal still und würdevoll vom tisch und gingen den heiligen vätern voraus in die kirche. Der heilige Brendan und der abt des klosters folgten ihnen. Als sie die kirche betraten, kamen ihnen gerade zwölf andere brüder daraus entgegen und machten vor ihnen eine fröhliche verbeugung. Bei ihrem anblick fragte der heilige Brendan:
"Abt, warum haben die nicht gemeinsam mit uns gegessen?"
"Euretwegen", antwortete er, "weil wir nicht alle auf einmal an den tisch passen. Sie gehen jetzt essen, es wird ihnen an nichts fehlen. Aber wir gehen jetzt in die kirche und singen die vesper, damit unsere brüder, die nun essen, nach uns rechtzeitig ihre vesper singen können."
Nach dem gebührenden abendgottesdienst fragte sich Brendan, wie diese kirche denn gebaut war. Sie war quadratisch, sieben leuchter befanden sich darin, drei vor dem hauptaltar im centrum, zwei vor den beiden anderen altären. Die altäre bestanden aus quadratischem cristall, ebenso die gefässe darauf, nämlich hostienteller, kelche, die behälter für wein und weihwasser und all das andere geschirr, das man für die messfeier benötigt, sowie die sessel, von denen ringsum in der ganzen kirche vierundzwanzig standen. Der abt hatte seinen sitzplatz zwischen den beiden chorgestühlen. Die eine hälfte des chorgestühls begann nämlich bei ihm und endete auch wieder bei ihm, und die andere ebenfalls. Keiner auf beiden seiten getraute es sich herauszunehmen, mit einem vers vor dem abt anzufangen. Im ganzen kloster gab es kein vorlautes wort oder geräusch. Wenn ein bruder irgendwas dringend benötigte, ging er zum abt und kniete vor ihm nieder. Er brauchte nur in seinem herzen danach zu verlangen, woran mangel herrschte, und schon nahm der heilige vater tafel und stift zur hand, schrieb auf, was Gott offenbarte und konnte dem bruder zu der angelegenheit rat geben, deretwegen der gekommen war.
Der heilige Brendan dachte noch über all das nach, als der abt zu ihm sagte:
"Vater, es ist schon zeit, um sich wieder in den speisesaal zu begeben, damit alles bei tageslicht geschieht."
Und es ging wieder auf dieselbe art vor sich, wie zu mittag. Als dann alle der reihe nach ihren tagesablauf beendet hatten, gingen sie schon voll vorfreude zum complet, dem letzten chorgebet des tages.
Nachdem zuerst der abt mit dem schon erwähnten vers, nämlich "Gott, komm mir zu Hilfe" eingeleitet hatte und sie der Dreifaltigkeit den gleichen preis zuteil werden liessen, setzten sie mit dem vers "Wir taten Unrecht und begingen Frevel. Schone uns Du, da Du ein treuer Vater bist, Herr! Im Frieden will ich sorglos schlafen und ruhen, da Du, Herr, allein mich in Hoffnung gesetzt hast." fort. Anschliessend sangen sie das für diese stunde vorgesehene officium.
Als sie zum ende der psalmengesangsordnung gekommen waren, gingen alle brüder hinaus, und jeder nahm einen gast in seine celle mit. Nur der abt blieb noch mit dem heiligen Brendan in der kirche sitzen, um mit ihm das erscheinen des lichts abzuwarten. Brendan erkundigte sich beim heiligen vater über ihr schweigegelübde und überhaupt über ihr leben hier, wie denn so etwas im menschlichen fleische überhaupt möglich sein könne.
Der abt antwortete mit unglaublicher ergebenheit und demut:
"Abt, ich vertraue es dir vor Christus an: Es sind jetzt schon achzig jahre, dass wir auf diese insel gekommen sind. Wir haben niemals die stimme eines menschen vernommen, ausser wenn wir Gottes lob singen. Niemand von uns vierundzwanzig erhebt seine stimme, wir geben einander nur zeichen mit fingern und augen, und das nur die älteren. Keiner von uns musste je schwächen des fleisches und der gedanken, die das menschengeschlecht heimsuchen, erleiden, seit wir hierhergekommen sind."
"Dürfen wir denn jetzt auch hier bleiben?", wollte da der heilige Brendan wissen.
"Nein", antwortete der abt, "denn Gott will das nicht. Warum fragst du mich so etwas, vater? Hat dir denn Gott nicht offenbart, was du tun musst, bevor du zu uns gekommen bist? Dein auftrag ist es ja mit deinen vierzehn brüdern in die heimat zurückzukehren, denn dort hält Gott für euch das grab bereit. Aber von den zwei brüdern, die noch überbleiben, wird der eine auf der sogenannten Einsiedlerinsel als mönch leben, der andere allerdings ist zu einem grauenvollen tod in der hölle verurteilt."
Während sie so miteinander sprachen, schoss auf einmal vor ihren augen ein pfeil beim fenster herein, entzündete alle leuchter, die vor den altären standen, und verschwand sofort wieder nach draussen. Das prächtige licht aber brannte auf den leuchtern weiter.
Da fragte Brendan wieder den abt:
"Und wer löscht die leuchter in der früh?"
"Komm, schau dir das geheimnis, das dahinter steckt, selbst an", sagte der. "Siehst du, der docht brennt genau in der mitte der schale. Trotzdem verbrennt nichts davon, sodass es etwa weniger und weniger würde; es bleibt auch kein stäubchen asche zurück, weil es ein geistliches licht ist."
"Wie mag wohl", meinte da Brendan, "in einem materiellen medium ein immaterielles licht materiell brennen?"
"Hast du noch nie die geschichte vom brennenden dornbusch am Sinai gelesen? Diesem busch hat ja das feuer auch nichts anhaben können!", antwortete der greis.
Sie blieben noch die ganze nacht bis zum morgen auf. Dann bat Brendan um die erlaubnis, sich wieder auf die fahrt machen zu dürfen.
"Nein, vater", sagte der greis. "Du musst die Weihnachtsfeiertage bis acht tage nach Epiphanias bei uns feiern."
Daher blieb der heilige vater mit seiner gemeinschaft diese ganze zeit bei den vierundzwanzig vätern auf der insel, die nach der klostergemeinschaft des Ailbe benannt ist.
13
Am ende der festlichen zeit erhielten sie proviant und segen von den heiligen männern, und dann setzten der selige Brendan und seine anhänger die segel ihres schiffes so bald wie möglich in richtung hohe see. Segelnd und rudernd kreuzte das schiff durch die verschiedensten teile des Oceans bis zum beginn der fastenzeit vor Ostern.
Eines tages sahen sie gerade vor sich, nicht weit entfernt, eine insel. Bei ihrem anblick ruderten die männer noch schneller, weil sie von hunger und durst schon ziemlich erschöpft waren. Drei tage zuvor waren ihnen nämlich die vorräte ausgegangen.
Nachdem der heilige vater den hafen gesegnet hatte und alle von bord gegangen waren, entdeckten sie eine cristallklare quelle, um die herum zahlreiche kräuter und wurzeln wuchsen. Im bett des bachs, der von der quelle ins meer floss, tummelten sich die verschiedensten arten von fischen.
Brendan meinte zu seinen mitbrüdern:
"Gott hat uns den ort hier gegeben, damit wir uns von unseren strapazen erholen. Fangt soviel fische, wie wir zum essen brauchen, und bratet sie über einem feuer. Ausserdem sammelt das gemüse, das der Herr für Seine knechte wachsen liess."
Das taten sie dann auch. Als sie dabei wasser zum trinken schöpfen wollten, warnte sie der Gottesmann:
"Brüder, passt auf, dass ihr nicht mehr von diesem wasser verwendet, als unbedingt notwendig ist, damit ihr nicht unter den nebenwirkungen leidet."
Die brüder legten den rat des Gottesmannes unterschiedlich aus: die einen tranken einen becher voll, andere zwei, die übrigen drei. Diese fielen dann auch in einen dreitägigen schlaf, die anderen in einen, der zwei tage dauerte, die restlichen schliefen einen tag. Der heilige vater betete unablässig für seine brüder zum Herrn, da ihnen wegen ihrer unerfahrenheit so etwas gefährliches passiert war.
Nach den drei tagen erklärte er seinen gefährten:
"Brüder, wir fliehen besser von dieser tödlichen gefahr, sonst passiert noch schlimmeres. Der Herr hat uns zwar nahrung zur verfügung gestellt, aber ihr habt da auch noch etwas schädliches daraus gemacht. Ihr solltet diese insel besser verlassen. Nehmt euch fische von hier als proviant und richtet so viel her, wie wir bis Gründonnerstag brauchen, wenn wir immer in dreitagesabständen essen. Und vom wasser auch einen becher pro mann und tag, und genausoviel gemüse."
Sie beluden das schiff mit allem, was ihnen der Gottesmann aufgetragen hatte, setzten segel und legten richtung norden ab.
14
Aber nach drei tagen flaute der wind ab und das meer war auf einmal wie geronnen, so unbeweglich lag es da.
"Zieht die ruder ein und setzt die segel lockerer. Wo immer Gott will, soll Er das boot hinsteuern", befahl der heilige vater. So trieb das schiff etwa zwanzig tage. Danach liess ihnen Gott wieder einen günstigen westwind aufkommen, sie setzten die segel höher, und machten sich auch wieder ans rudern. Alle drei tage assen sie.
15
Eines tages erschien weit entfernt vor ihnen eine insel, fast noch so undeutlich wie eine wolkenbank, und der heilige Brendan fragte:
"Nun, meine söhne, kommt euch diese insel noch bekannt vor?"
Sie verneinten. Da erklärte er ihnen:
"Ich kann mich noch gut an sie erinnern. Denn es ist genau die insel, wo wir letztes jahr zu Gründonnerstag waren, wo unser guter fürsorger lebt."
Aus lauter vorfreude legte sich da die mannschaft mit noch mehr eifer in die riemen, wie sie es gerade noch aushalten konnten. Brendan bemerkte das und riet ihnen:
"Verausgabt euch doch nicht so dumm, kinder. Ist denn nicht Gott der Allmächtige unser steuermann und selbst ein seemann auf diesem schiff? Überlasst es doch Ihm, denn Er lenkt uns ja, wie Er es will."
Als sie der küste der insel schon sehr nahe waren, kam ihnen bereits ihr fürsorger in einem boot entgegen und lotste sie in den hafen, wo sie schon im jahr zuvor von bord gegangen waren. Er pries Gott und küsste einem jeden die füsse, vom heiligen vater angefangen bis zum jüngsten mönch, und er rief:
"Gott ist voller Wunder in Seinem Heiligtum! Israels Gott, Macht und Stärke verleiht er Seinem Volk. Gott sei gepriesen!"
Danach holte er ihnen alles von bord, stellte ein zelt auf, richtete ein bad her (weil ja Gründonnerstag war), kleidete alle brüder neu ein und ging ihnen überhaupt die ganzen drei tage hilfreich zur hand. Die brüder begingen die Passion des Herrn mit grosser andacht bis Karsamstag.
Als sie am samstag die gebetsordnung vollendet, Gott geistliche opfer dargebracht und auch schon ihr essen beendet hatten, wandte sich ihr fürsorger an Brendan und seine gefährten:
"Geht schnell an bord, damit ihr die nacht und den Auferstehungssonntag bis mittag dort feiern könnt, wo ihr ihn letztes jahr gefeiert habt. Dann fahrt wieder zum Vogelparadies, wo ihr letztes jahr von Ostern bis acht tage nach Pfingsten wart. Nehmt euch alles an nahrung mit, was ihr benötigt. Ich werde mich mit euch wieder nächsten sonntag treffen."
So machten sie es auch. Er selbst lud ihnen die nahrungsmittel aufs schiff, brot, getränke, fleisch und andere genüsse, soviel nur platz hatte. Der heilige Brendan segnete ihn und stieg an bord. Sofort segelten sie zur anderen insel los.
Als sie an den landeplatz kamen, fanden sie auch gleich ihren kochtopf wieder, den sie im jahr davor liegengelassen hatten. Brendan stieg mit seinen brüdern aus dem schiff und sang dabei den gesang der drei jünglinge ganz durch. Anschliessend warnte der Gottesmann seine mitbrüder:
"Meine söhne, seid wachsam und betet darum, dass ihr nicht in versuchung geratet. Denkt immer daran, wie Gott dieses gigantische untier unter uns ohne irgendeine art von fessel unterworfen hat."
Die brüder wachten daher über die insel verstreut bis in die morgenstunden. Dann brachte jeder der priester Gott bis neun uhr messen dar. Der selige Brendan opferte Gott ein fleckenloses lamm und sagte seinen mitbrüdern:
"Letztes jahr habe ich hier die Auferstehung des Herrn gefeiert. Das will ich auch heuer tun."
Anschliessend brachen sie zur vogelinsel auf. Sie fuhren schon in den hafen ein, der ihr ziel war, da sangen alle vögel wie mit einer stimme:
"Heil unserem Gott, der am Thron sitzt, und dem Lamm!"
Und weiter:
"Gott ist der Herr, Er liess es licht für uns werden. Festopfer bindet mit Stricken bis an die Hörner des Altars!"
Daraufhin liessen sie ihr gefieder und ihre stimmen lange ertönen, fast eine halbe stunde lang, bis der heilige vater und seine heilige gemeinschaft mit allem, was sie mit hatten, das schiff verlassen und sich in ihr zelt begeben hatten.
Dort feierte er mit seinen schülern das Osterfest. Ihr fürsorger kam wie versprochen am sonntag, eine woche nach Ostern, wieder zu ihnen und brachte alle nahrungsmittel, die man zum überleben braucht, mit.
Als sie sich zu tisch gesetzt hatten, liess sich der uns schon bekannte vogel wieder an der spitze des bugs nieder und spreizte die flügel, wobei er töne von sich gab, die wie eine grosse orgel klangen. Da erkannte der Gottesmann gleich, dass er ihm irgendetwas mitteilen wollte. Der vogel sagte nämlich:
"Gott hat euch vier orte für vier zeitpunkte gezeigt, bis die sieben jahre eurer pilgerschaft endlich zu ende sind, und zwar: Gründonnerstag bei eurem fürsorger, der jedes jahr da sein wird; Ostern feiert ihr am rücken des meerestieres; bei uns die zeit bis acht tage nach Pfingsten; und schliesslich feiert ihr bei Ailbes gemeinschaft Weihnachten. Aber nach sieben jahren, und bis dorthin stehen euch noch zahlreiche und verschiedenste gefahren bevor, werdet ihr endlich das Verheissene Land der Heiligen finden, das ihr sucht. Dort werdet ihr euch vierzig tage aufhalten, dann führt euch Gott wieder in euer geburtsland zurück."
Der heilige vater warf sich mit seinen brüdern zu boden, als er das hörte, und dankte und lobte seinen Schöpfer. Der vogel kehrte an seinen platz zurück, als der ehrwürdige greis damit fertig war.
Nach dem essen meinte der fürsorger:
"Mit Gottes hilfe komme ich an dem tag wieder mit proviant zu euch, an dem der Heilige Geist über die apostel kam."
Er empfing noch den segen des heiligen vaters und all seiner begleiter und fuhr zu seinem heim zurück. Der ehrwürdige vater blieb im weiteren die vorhergesagte anzahl von tagen dort. Als die festtage vorüber waren, befahl Brendan seinen mitbrüdern die reise vorzubereiten und die gefässe an der quelle aufzufüllen. Als das schiff schon ins wasser gezogen war, kam doch noch ihr gefährte in seinem mit essen beladenen boot zu den brüdern. Er verstaute alles im boot des heiligen mannes, sie küssten einander, und dann kehrte er dorthin zurück, wo er hergekommen war.
16
Der ehrwürdige vater segelte mit seinen cameraden auf die hohe see hinaus. Das schiff fuhr vierzig tage. Eines tages tauchte weit hinter ihnen ein gigantisches ungeheuer auf. Gischt blies es aus seinen nasenlöchern und durchschnitt die wellen so rasch, als wollte es sie verschlingen. Die brüder riefen den Herrn an, als sie es sahen:
"Befrei uns, Herr, aus dieser notlage, damit uns dieses ungeheuer nicht verschlingt!"
Der heilige Brendan sprach ihnen mut zu:
"Habt doch keine angst, ihr kleingläubigen. Gott hat uns bis jetzt noch immer verteidigt, und Er wird uns auch aus dem schlund dieses ungeheuers befreien, genauso wie aus anderen gefährlichen situationen."
Als es ihnen ganz nahe gekommen war, liefen ihm schon meterhohe wogen zum schiff voraus, und die brüder bekamen es natürlich stark mit der angst zu tun. Aber der ehrwürdige greis streckte seine hände gen himmel und rief:
"Herr, rette Deine knechte, wie Du David aus der hand des riesen Goliath gerettet hast. Herr, rette uns, wie Du Jonas aus dem magen des grossen walfischs gerettet hast."
Nach diesen drei anrufungen erschien im westen ein gewaltiges tier, schwamm an ihnen vorbei dem anderen ungeheuer entgegen, und stürzte sich gleich in den kampf mit diesem, dass es feuer aus seinem schlund spie. Der greis sprach zu seinen mitbrüdern:
"Schaut euch nur die grossen wunder unseres Erlösers an, meine söhne. Schaut nur, wie die tiere ihrem Schöpfer gehorchen. Aber wartet jetzt nur ab, wie das ausgeht. Denn ihr werdet von dem kampf keinen kratzer abbekommen, und das habt ihr alles Gottes ruhm zu verdanken!"
Während er das sagte, wurde das erbärmliche geschöpf, das die diener Christi gejagt hatte, vor ihren augen in drei teile zerrissen und kam um. Das andere verschwand siegreich dorthin, wo es hergekommen war.
Am nächsten tag sahen sie in weiter ferne eine ausgedehnte, von bäumen bewachsene insel. Als sie dorthin fuhren und ausstiegen, entdeckten sie an der küste den rückenteil des getöteten ungeheuers.
"Schaut ihn euch nur an, der wollte euch verschlingen", meinte Brendan. "Und jetzt könnt ihr ihn verschlingen. Euch steht eine ganze menge zeit auf dieser insel bevor. Zieht deshalb das boot weiter landeinwärts und sucht einen platz im wald, wo ihr euer zelt aufstellen könnt."
Der heilige vater bestimmte dann selbst den platz, wo sie ihr lager errichten sollten. Sie machten alles so, wie er es ihnen auftrug, und brachten auch die ganze ausrüstung ins zelt. Brendan wandte sich dann an seine mitbrüder:
"Besorgt euch jetzt vom fleisch dieses ungeheuers soviel proviant, dass es euch für drei monate reicht, denn heute nacht werden sich die raubtiere über den cadaver hermachen."
Bis in die nacht waren sie damit beschäftigt, gemäss den anordnungen des heiligen vaters soviel fleisch herbeizutragen, wie sie brauchten. Als sie damit fertig waren, sagten sie:
"Abt, wie sollen wir denn hier ohne wasser überleben?"
"Ist es denn für Gott schwieriger, euch wasser als nahrung zu spenden?" antwortete er ihnen. "Geht an die südküste der insel, dort gibt es eine cristallklare quelle, auch mit vielen kräutern und wurzeln. Davon nehmt mir etwas zum essen mit, aber massvoll bitte."
Sie fanden alles genau so vor, wie es ihnen der Gottesmann beschrieben hatte. Brendan blieb schliesslich drei monate dort, da auf dem meer ein sturm tobte, heftiger wind und unbeständige witterung mit wolkenbrüchen und hagel.
Die brüder waren neugierig, ob mit dem ungeheuer tatsächlich das geschehen war, was der Gottesmann gesagt hatte. Also gingen sie an die stelle an der küste, wo der cadaver zuvor angeschwemmt worden war. Ausser knochen konnten sie nichts mehr entdecken. Sie liefen gleich wieder zum Gottesmann:
"Abt, es stimmt, was du gesagt hast."
"Ich weiss, meine söhne, dass ihr nachprüfen wolltet, ob ich die wahrheit gesagt habe", meinte er. "Aber ich gebe euch noch einen weiteren beweis dafür: heute nacht wird noch ein stück eines fisches dort angeschwemmt, und morgen esst ihr davon."
Am folgenden tag begaben sich die brüder wieder an den strand und fanden, dass wieder das eingetreten war, was der mann Gottes vorhergesagt hatte. Soviel sie konnten, nahmen sie mit. Der ehrwürdige vater trug ihnen auf:
"Legt das ordentlich in salz ein, für den fall, dass ihr es einmal braucht. Heute wird uns Gott freundliches wetter schicken, auch morgen und übermorgen. Das aufgewühlte meer und die fluten werden sich beruhigen. Dann könnt ihr endlich von hier aufbrechen."
Nach ablauf dieser tage befahl der heilige Brendan seinen brüdern das schiff zu beladen, die schläuche und die anderen gefässe anzufüllen und kräuter und wurzeln für ihn zu sammeln, da er seit seiner priesterweihe michts mehr angerührt hatte, worin sich fleischlicher lebensgeist befand. Als alles im schiff verstaut war, setzten sie segel und brachen richtung norden auf.
17
Eines tages sahen sie weit vor sich eine insel.
"Könnt ihr die insel sehen?" fragte Brendan.
"Ja", antworteten sie.
Da erzählte er ihnen folgendes:
"Drei gruppen von männern verschiedenen alters gibt es auf dieser insel, eine gruppe von jugendlichen, eine von erwachsenen und die dritte ist die der alten männer. Ein bruder von euch wird als mönch hier bei ihnen bleiben."
Seine mitbrüder fragten ihn, um wen von ihnen es sich dabei handle. Weil sie so lange nachbohrten, und weil er sah, dass sie deswegen recht betrübt waren, verriet er es ihnen:
"Der hier ist der bruder, der da bleiben wird."
Und zwar handelte es sich um einen der brüder, die Brendan aus dem kloster nachgekommen waren, von denen er schon früher ähnliches gesagt hatte, als sie in der heimat an bord gegangen waren.
Sie fuhren zur insel, bis das schiff am strand landete. Die insel war merkwürdigerweise ganz flach, dass sie den eindruck hatten, sie befinde sich auf dem selben niveau wie das meer. Es wuchsen keine bäume auf ihr oder sonst irgendetwas, was sich im wind bewegen hätte können. Aber sie war dennoch sehr ausgedehnt und bedeckt von weissen und purpurnen scalten, das ist eine bestimmte art von frucht. Sie sahen auch wirklich drei gruppen von männern, wie es ihnen der Gottesmann vorhergesagt hatte. Zwischen den gruppen lag jeweils ein abstand von einem steinwurf (mit einer schleuder). Sie wandelten immer hin und her, wobei immer eine gruppe stehen blieb und folgenden psalm sang:
"Die Heiligen gehen von Wunder zu Wunder und sie werden den Gott der Götter in Sion sehen!"
Wenn eine gruppe mit dem vers fertig war, blieb eine andere stehen und begann dieses lied zu singen, und das machten sie ununterbrochen. Die jugendliche gruppe trug weisse kleider, die zweite blaue, und die dritte trug rote dalmatinerkleider.
Um zehn uhr liefen sie in den hafen ein. Als es zwölf wurde, sangen alle gruppen gemeinsam, und zwar "Gott erbarme Sich unser" ganz, und "Gott, komm mir zu Hilfe", sowie als dritten psalm "Ich glaubte" und das gleiche gebet wie oben. Ebenso zur non drei andere psalmen: "Aus der Tiefe", "Sieh, wie gut" und "Lobe, Jerusalem, den Herrn".
Zur vesper sangen sie: "Dir geziemt Lob, Gott in Sion", "Rühme, meine Seele, den Herrn" und "Herr, mein Gott", und als dritten psalm "Lobt, Kinder, den Herrn". Die fünfzehn gradualpsalmen sangen sie im sitzen.
Sofort nach dem ende dieses singens verdunkelte eine merkwürdige, leuchtende wolke die insel. Was sie vorher gesehen hatten, konnen sie jetzt nicht mehr sehen, da die wolke so dicht war. Die stimmen der männer, die das oben erwähnte lied ohne unterbrechung bis in die morgenstunden sangen, konnten sie dennoch hören. Die gruppen sangen dann: "Lobt den Herrn im Himmel", "Singet dem Herrn" und als drittes "Lobt den Herrn in Seinem Heiligtum". Anschliessend sangen sie die nach der psalterordnung folgenden zwölf psalmen.
Als es schliesslich tag wurde, lichtete sich die wolke wieder über der insel. Sogleich sangen sie die drei psalmen: "Gott, erbarm Dich meiner", "Gott, mein Gott, an Dich wende ich mich wegen des Lichts" und "Herr, meine Zuflucht". Zur terz sangen sie drei andere psalmen, nämlich "Alle Völker", "Gott, in Deinem Namen", und als dritten "Ich liebe den Herrn, denn..." unter halleluja. Darauf opferten sie ein fleckenloses lamm und alle kamen zur communion, wobei sie folgendes sangen: "Nehmt diesen heiligen Leib des Herrn und des Heilands Blut zu eurem ewigen Leben".
Nach dem opfer brachten zwei aus der erwachsenengruppe einen korb voll mit purpurnen scalten und verstauten sie im schiff.
"Nehmt euch doch obst von der insel der ausdauernden männer mit", sagten sie. "Lasst uns dafür unseren mitbruder da und brecht in frieden auf."
Der heilige Brendan rief den genannten zu sich und sagte zu ihm:
"Gib deinen brüdern einen kuss und geh mit ihnen mit, denn sie haben dich gerufen. Deine mutter hat dich in einer glücksstunde empfangen, denn du bist würdig genug, bei dieser gemeinschaft zu wohnen."
Der bruder gab allen brüdern und dem heiligen vater einen kuss. Da meinte Brendan noch:
"Mein sohn, denk immer daran, welche wohltaten Gott dir hier im diesseits zuteil werden liess. Geh und bete für uns."
Und damit ging er mit den zwei männern in ihre schule.
Der ehrwürdige vater ruderte mit seinen begleitern los. Um drei uhr trug er seiner mann-schaft auf, scalten von der insel der ausdauernden männer zu essen. Der Gottesmann erhielt gleich eine, doch als er sah, wie gross und wie saftig sie innen war, musste er sehr staunen:
"Bis jetzt habe ich noch keine scalten gesehen oder von welchen gelesen, die so gross waren."
Sie glich nämlich einem grossen ball. Deswegen liess sich der Gottesmann einen krug bringen und presste den saft der scalte darin aus. Sie enthielt ein pfund saft. Der heilige vater teilte sie in zwölf und gab jedem eine unze. So ernährten sich die brüder zwölf tage lang immer von einer scalte. Sie behielten immer einen geschmack wie von honig im mund.
18
Nach einigen tagen ordnete der heilige vater ein dreitägiges fasten an. Nach diesen drei tagen kam auf einmal ein riesiger vogel aus der fahrtrichtung geflogen. In seinem schnabel hielt er einen zweig eines unbekannten baums, auf dessen spitze eine grosse, blutrote traube hing. Er liess den zweig aus seinem schnabel in den schoss des heiligen vaters fallen.
Brendan rief seine brüder zu sich:
"Schaut euch das an und nehmt euch das zum essen, was euch Gott geschickt hat."
Die trauben waren so gross wie äpfel. Jedem bruder gab der Gottesmann eine traube, und so hatten sie wieder für zwölf tage etwas zum essen.
Danach fastete der Gottesmann wieder mit seiner mannschaft. Am dritten tag sahen sie nicht weit entfernt eine insel, über und über von bäumen dicht bedeckt, die eben diese traubenfrüchte so unglaublich reich trugen, dass sie alle zu boden gebeugt waren, alle mit den gleichen früchten und alle die gleiche farbe. Kein baum war leer und keine andere sorte gedieh auf dieser insel. Die mannschaft legte im hafen an. Der Gottesmann ging von bord und besichtigte die ganze insel. Es roch dort wie in einem haus voller granatäpfel. Währenddessen wartete die mannschaft im schiff, bis Brendan zurückkam. Ab und zu trug ihnen der wind den angenehmen geruch zu, dass sie beinahe in versuchung gerieten, ihr fasten aufzugeben. Der ehrwürdige vater entdeckte sechs quellen, die einen sumpf bildeten, auf dem pflanzen grünten und verschiedene wurzeln gediehen. Er kehrte mit der ausbeute dieser insel zu seinen brüdern zurück und sagte:
"Steigt aus! Stellt das zelt auf und kräftigt euch an den herrlichen früchten dieses bodens. Gott hat ihn uns gezeigt!"
Vierzig tage ernährten sie sich von den trauben, kräutern und wurzeln der quellen. Am ende dieses zeitraums gingen sie wieder an bord und nahmen so viele früchte mit, wie sie im schiff unterbringen konnten.
19
An bord setzten sie die segel im schiff, wohin der wind sie leitete. Und als sie so fuhren, tauchte ein vogel auf, und zwar ein greif, noch weit entfernt, aber er flog genau auf sie zu. Bei seinem anblick rief die mannschaft zum heiligen vater:
"Dieses ungeheuer kommt, um uns zu fressen!"
"Seid doch nicht so ängstlich", antwortete ihnen der Gottesmann. "Gott ist unser beistand, Er wird uns auch dieses mal helfen."
Der vogel streckte schon seine krallen aus, um die knechte Gottes zu packen, da erschien plötzlich der vogel, der ihnen unlängst den zweig mit den trauben gebracht hatte, und griff den greif im sturzflug an. Der versuchte ihn sofort zu verschlingen, aber der vogel wehrte sich, bis er die oberhand gewann und dem greif die augen aushacken konnte. Da schoss der greif in die höhe, dass ihn die brüder beinahe nicht mehr sehen konnten, doch sein bezwinger liess nicht ab von ihm, bis er ihn umbrachte. Der cadaver stürzte nicht weit vom schiff vor den augen der mannschaft ins meer. Der andere vogel flog dorthin zurück, wo er hergekommen war.
20
Nach nicht allzuvielen tagen erblickten der heilige Brendan und seine seemänner die insel der gemeinschaft Ailbes. Dort feierte er mit seinen brüdern Weihnachten. Nachdem der ehrwürdige vater am ende der feiertage den segen des abtes und seiner schüler empfangen hatte, befuhr er die see lange zeit in alle himmelsrichtungen, ausser zu den erwähnten festtagen, nämlich zu Ostern und Weihnachten. Denn während dieser zeit ruhte er sich an den jeweiligen orten aus.
21Als der heilige Brendan einmal auf dem schiff das fest des apostels Petrus feierte, entdeckten sie, dass das meer plötzlich so klar war, dass sie bis auf seinen grund schauen konnten. Wie sie da in die tiefe blickten, sahen sie die verschiedensten arten von ungeheuern am sand liegen. Sie hatten den eindruck, sie könnten sie mit ihrer hand berühren, so durchsichtig war das meer an der stelle. Sie lagerten genauso wie herden auf ihren weiden. Es waren so viele, dass es aussah, als lägen sie da wie eine gemeinde im kreis, den kopf jeweils am schwanz des nächsten.
Die brüder ersuchten den heiligen vater, er möge die messe in stille feiern, damit die tiere nichts hörten und nicht heraufkämen, um ihnen nachzusetzen. Der heilige vater lächelte und antwortete:
"Ich wundere mich ganz schön über eure dummheit. Vor diesen tieren fürchtet ihr euch, aber vor dem, der alle meerestiere verschlingt und der ihr meister ist, vor dem habt ihr euch nicht gefürchtet, obwohl ihr schon so oft auf seinem rücken gesessen seid und psalmen gesungen habt? Ihr habt auf ihm ja sogar holz geschnitten, feuer gemacht und fleisch gekocht. Wieso fürchtet ihr euch plötzlich vor denen da? Ist denn nicht der Gott aller tiere unser Herr Jesus Christus, der alle wesen sanft macht?"
Und dann sang er noch viel lauter, wie er nur konnte. Aber die übrigen brüder mussten sich immer umdrehen und nach den tieren schauen, denn als die die stimme des singenden hörten, kamen sie vom meeresboden herauf und schwammen im kreis um das boot, dass die männer in keiner richtung mehr etwas sehen konnten vor lauter meerestieren. Aber dem schiff kamen sie trotzdem nicht nahe, sondern hielten immer einen gewissen abstand davon und schwammen so hin und her, bis der Gottesmann mit der messe fertig war. Erst dann schwammen die ganzen tiere gewissermassen fluchtartig auf den verschiedensten meereswegen von den knechten Gottes davon. Brendan aber kam auf der durchsichtigen meeresstelle acht tage lang trotz günstigen windes und straffer segel so gut wie nicht voran.
22
Als sie eines tages die messe feierten, tauchte vor ihnen im meer eine säule auf. Sie hatten den eindruck, als sei sie nicht weit entfernt, aber sie brauchten ganze drei tage um hinzugelangen. Als sie endlich herangekommen waren, versuchte der Gottesmann die spitze zu erblikken, konnte das aber wegen der höhe der säule überhaupt nicht, denn sie reichte weit über die region der luft hinaus. Ausserdem war sie von einem weitmaschigen netz überzogen. Die maschen waren so weit, dass das schiff durch die öffnungen hindurchfahren konnte. Aus welchem material das netz gefertigt war, wussten sie nicht. Seine farbe war silber, trotzdem schien es ihnen härter als marmor. Die säule selber war aus reinstem cristall.
"Zieht die ruder ins schiff", ordnete Brendan seinen mitbrüdern an, "auch den mastbaum und die segel, und die anderen von euch sollen inzwischen die maschen des netzes festhalten."
Zwischen dem gewebe und der säule lag überall ein weiter zwischenraum von etwa einer meile, der sich auch in der tiefe fortsetzte. Als sie das machten, befahl ihnen der Gottesmann:
"Jetzt zieht das schiff durch eine öffnung hinein, damit wir uns die wunderwerke unseres Schöpfers ganz genau anschauen können."
Sie fuhren hinein und blickten sich nach allen seiten um. Da bemerkten sie, dass das meer so klar war, dass es wie gläsern wirkte und sie alles unter sich betrachten konnten. Sie konnten bis zum sockel der säule und dem untersten teil des netzes schauen, das ebenfalls am meeresboden lag. Das licht der sonne war im wasser genauso stark wie ausserhalb.
Der heilige Brendan vermass daraufhin eine netzöffnung, die zwischen vier öffnungen lag, und kam auf jeder seite auf knapp zwei meter. Danach ruderten sie den ganzen tag eine seite der säule entlang und sogar im schatten konnten sie die hitze der sonne spüren. Das machten sie bis drei uhr. Dabei vermass der Gottesmann andauernd die eine der vier seiten der säule, die ungefähr sechshundertdreissig meter hatte. Vier tage war der ehrwürdige vater mit den vier ecken des turms beschäftigt.
Am vierten tag entdeckten sie einen kelch aus demselben material wie das netz und eine schale von der gleichen farbe wie die säule. Sie lagen in einer fensteröffnung an der südlichen seite der säule. Der heilige Brendan nahm dieses geschirr gleich an sich und sagte:
"Unser Herr Jesus Christus hat uns dieses wunderwerk gezeigt, und damit sie vielen menschen gezeigt werden und diese dadurch glauben, hat Er mir diese beiden geschenke gegeben."
Auf der stelle ordnete der Gottesmann der mannschaft an, einen Gottesdienst zu feiern und danach zu essen, weil sie jetzt, nachdem sie diese säule gesehen hatten, keinen widerwillen vor nahrung mehr empfanden.
Am nächsten morgen ruderte die mannschaft nach norden. Als sie durch eine der öffnungen hinausgefahren waren, stellten sie den mastbaum und die segel wieder auf, während die anderen die maschen des netzes festhielten, bis alles im schiff wieder hergerichtet war. Und kaum hatten sie alle segel gesetzt, als ein günstiger wind aus ihrem rücken zu blasen begann. Sie mussten nur das tauwerk und das steuer halten. So eilte das schiff acht tage nach norden.
23Nach acht tagen erblickten sie in nicht allzugrosser entfernung eine sehr unwirtliche insel, nur von felsbrocken und schlacke bedeckt. Auf ihr gab es keine vegetation, stattdessen war sie voller schmieden.
Der verehrte vater meinte zu seiner mannschaft:
"Meine brüder, wegen dieser insel bin ich wirklich besorgt. Ich will dort nicht hinfahren, geschweige denn landen, aber der wind treibt uns direct dorthin."
Als sie in einer entfernung von etwa einem steinwurf vorbeifuhren, konnten sie schon den lärm der blasebalge hören, das klang wie donner, und die hämmer, wie sie auf stahl und amboss krachten. Da schlug der verehrte vater das kreuzzeichen in alle vier himmelsrichtungen, um sich zu wappnen, und rief dabei:
"Herr Jesu Christ, steh uns bei, dass wir von dieser insel entkommen!"
Kaum hatte der Gottesmann das gebet gesprochen, da kam einer der bewohner der insel aus einer werkstatt, der anscheinend irgendetwas zu tun hatte. Dieses wesen war stark behaart und von feuer und rauch ganz geschwärzt. Als es Christi diener nahe der insel vorbeisegeln bemerkte, rannte es wieder in seine schmiede zurück. Der Gottesmann bekreuzigte sich noch einmal und sagte zur mannschaft:
"Meine söhne, setzt die segel höher und rudert gleichzeitig so schnell ihr könnt und schauen wir, dass wir von dieser insel entkommen!"
Aber bevor er noch ausgesprochen hatte, kam auch schon wieder dieses wilde wesen an den strand direct ihnen gegenüber gerannt und bei sich hatte es eine zange mit einem unglaublich grossen und heissen klumpen glühender schlacke, den es nach den dienern Christi warf. Aber er traf nicht, sondern flog noch fast zweihundert meter über sie hinweg, und dort, wo er ins meer fiel, begann dieses zu kochen, als ob es sich um den einschlag eines feuerbergs handelte, und eine säule aus dampf stieg wie aus einem feuerofen auf. Als der Gottesmann etwa eine meile von der stelle fortgekommen war, wo der klumpen ins meer gestürzt war, erschienen schliesslich alle bewohner der insel am strand, und alle hatten ebensolche klumpen bei sich. Die einen warfen nach ihnen und einer nach dem anderen schleuderte seinen klumpen den dienern Gottes nach ins meer, dann rannten sie in ihre schmieden zurück, heizten sie an, und so hatte man den eindruck, als brenne gewissermassen die ganze insel wie ein einziger ofen, und das meer brodelte so wie ein kochtopf voll mit fleisch, wenn gut nachgelegt wird.
Den ganzen tag über hörten sie riesiges geschrei von der insel. Sogar als sie sie nicht mehr sehen konnten, blieb doch noch das getöse der inselbewohner in ihren ohren und ein stechender geruch in ihren nasen. Der heilige vater sprach seinen mönchen mut zu:
"Ihr soldaten Christi, holt euch kraft aus unserem wahren glauben und unseren geistlichen waffen, da wir uns jetzt im bereich der hölle befinden. Seid also wachsam und benehmt euch wie männer!"
24
Am nächsten tag tauchte nicht weit vor ihnen im norden ein hoher berg im Ocean auf, wie in dichten nebel gehüllt, aber aus seiner spitze stieg viel rauch auf. Gleichzeitig riss sie ein sturm in rasender fahrt zur küste dieser insel hin, bis das schiff nicht weit vom land auf grund lief. Das ufer war nämlich sehr hoch, sodass sie seine spitze fast nicht sehen konnten, völlig kohlschwarz und senkrecht wie eine wand.
Der eine, der von den drei brüdern, die Brendan aus dem kloster nachgekommen waren, noch mit dabei war, sprang vom schiff und ging draussen herum, bis zum fuss des ufers. Plötzlich begann er zu schreien:
"Hilfe, vater, ich werde von euch fortgerissen. Ich habe keine möglichkeit mehr, zu euch zu kommen!"
Die mannschaft zog das schiff auf der stelle vom land zurück ins meer und rief zum Herrn:
"Erbarm Dich unser, Herr, erbarm Dich unser!"
Der ehrwürdige vater musste mit seinen gefährten mit ansehen, wie der unglückliche von einer grossen menge dämonen zur folter geschleppt wurde und wie er inmitten von ihnen von feuer erfasst wurde. Brendan sagte:
"Weh dir, mein sohn, dass du ein solches ende gefunden hast, deinem leben und deinen taten würdig."
Und wieder erfasste sie ein günstiger wind und trieb sie nach süden. Als sie viel später noch einmal zur insel zurückblickten, sahen sie, dass sich der rauch über ihr aufgelöst hatte und dass sie jetzt flammen bis an den äther spuckte, und die flammen kamen wieder zurück zu ihr herab, sodass der ganze berg bis ans meer hinunter den eindruck eines einzigen scheiterhaufens erweckte.
25
Der heilige Brendan fuhr anschliessend sieben tage richtung süden, bis vor ihnen im meer eine gestalt auftauchte. Sie erinnerte an einen auf einem felsen sitzenden menschen. Weit vor ihm flatterte ein fetzen, der ungefähr einem mantel glich, an zwei eisengabeln, und er wurde von den fluten so geschüttelt wie ein boot in einem strudel. Ein paar brüder behaupteten, das sei ein vogel, andere meinten, es handle sich um ein schiff. Der Gottesmann hörte zu, wie sie deswegen aneinander gerieten. Schliesslich befahl er:
"Hört auf zu streiten! Das schiff soll curs dorthin nehmen."
Als der Gottesmann nahe herangekommen war, erstarrten die wellen, wie wenn sie geronnen wären. Sie fanden einen ungepflegten und hässlichen mann vor, der auf einem felsen kauerte. Wenn die wellen von allen seiten an ihn heranströmten, schlugen sie über seinem kopf zusammen, und wenn sie wieder zurückfluteten, konnte man den nackten felsen sehen, auf dem der unglückselige sass. Auch der fetzen, der vor ihm flatterte, wurde ihm einmal vom wind fortgeblasen, aber dann wieder um augen und stirn gepeitscht.
Der selige Brendan fragte ihn, wer er sei, für welche vergehen er hierhergesetzt worden sei, beziehungsweise was für ein verbrechen er begangen habe, dass er einer solchen bestrafung un-terzogen werde. Der mann antwortete:
"Ich bin Judas, der unselige, der schändliche händler. Nicht wegen eines verbrechens sitze ich hier, sondern wegen der unaussprechlichen barmherzigkeit Jesu Christi. Ich halte diesen ort nicht für eine strafe, sondern für eine gnade, die mir der Heiland aufgrund der würde des auferstehungtages des Herrn gewährt."
Es war nämlich sonntag.
"Mir scheint es", fuhr er fort, "ich müsse im Paradies sein, so geniesse ich es, wenn ich hier sitze, aus angst vor den folterqualen, die mir noch heute abend drohen. Tag und nacht muss ich wie ein flüssiger klumpen blei in einem topf brennen, genau in dem berg, den ihr ja schon gesehen habt. Dort haust Leviathan mit seinen genossen. Ich war auch dabei, als er euren mitbruder verschlang. Sein tod in der hölle war so grauenvoll, dass er riesige flammen hinausschleuderte. So geht es immer, wenn er die seelen der ungläubigen verschlingt.
Ich kann mich jeden sonntag von abend bis abend hier erholen, sowie noch zu Weihnachten bis zur Theophanie, von Ostern bis Pfingsten und zu Mariä Lichtmess und Himmelfahrt. Davor und danach werde ich in den tiefen der hölle gemeinsam mit Herodes, Pilatus, Hannas und Kaiphas gemartert. Deswegen flehe ich euch auch beim Heiland der welt an: Seid doch so gnädig und und erwirkt bei unserem Herrn Jesus Christus, dass es mir erlaubt sei, bis morgen zum sonnenaufgang hier zu sein, dass mich die dämonen nicht wegen eurer ankunft martern und zu meinem schlimmen erbteil schleppen, das ich mir durch üblen lohn erworben habe."
"Der wille des Herrn geschehe!" antwortete ihm der heilige Brendan. "Heute nacht wirst du den dämonen nicht als opfer dienen, bis morgen früh."
Dann fragte ihn der Gottesmann noch:
"Und was ist mit dem fetzen?"
"Diesen fetzen", antwortete Judas, "habe ich einem leprakranken geschenkt, als ich kämmerer des Herrn war, obwohl er gar nicht mir gehört hat, sondern dem Herrn und seinen brüdern. Deswegen bringt er mir überhaupt keine erleichterung, ja er ist mir eher eine last. Die eisengabeln, an denen der fetzen hängt, habe ich den priestern im tempel als gestänge für einen topf gegeben. Und den felsen, auf dem ich sitze, den habe ich, bevor ich noch schüler des Herrn war, in ein schlagloch unter die füsse der fussgänger gelegt."
Als die abendliche stunde ihre schatten über Thetys warf, da verdeckten unzählige dämo-nenscharen Thetys' antlitz ringsum. Sie erhoben ihre stimmen und riefen:
"Weiche von uns, Gottesmann, da wir nicht zu unserem genossen können, wenn du nicht von ihm weichst. Wir wagen uns auch nicht unter die augen unseres Fürsten, bis wir ihm nicht seinen freund bringen. Du hast uns unser opfer weggenommen. Wehe, du beschützt ihn heute nacht!"
"Ich beschütze ihn ja gar nicht! Unser Herr Jesus Christus hat ihm erlaubt, die heutige nacht bis morgen früh hier zu verbringen!" antwortete ihnen der Gottesmann.
"Wie kannst du den namen des Herrn für ihn anrufen, wo er doch selbst der verräter des Herrn ist?"
Da rief der Gottesmann:
"Ich verbiete euch im namen unseres Herrn Jesus Christus ihm bis morgen früh irgendeinen schaden zuzufügen!"
Als der Gottesmann am nächsten morgen in aller früh aufbrechen wollte, bedeckte eine endlose dämonenschar die oberfläche des abgrunds. Sie fluchten, schimpften, lästerten und brüllten:
"Gottesmann, verflucht sei dein eingang und dein ausgang, denn unser Fürst prügelte und schlug uns heute nacht ganz fürchterlich, weil wir ihm den verfluchten gefangenen nicht überreichten."
"Eure flüche tun uns überhaupt nichts, nur euch selbst", antwortete der Gottesmann. "Denn wen ihr verflucht, der ist gesegnet, und wen ihr segnet, der ist verflucht."
"In den nächsten sechs tagen wird der unselige Judas seine doppelte strafenration bekommen, weil du ihn vergangene nacht beschützt hast", antworteten die dämonen.
"Dazu habt ihr gar keine befugnis, nicht einmal euer Fürst hat sie, sondern sie liegt ganz allein bei Gott", rief der ehrwürdige vater, und er fügte hinzu: "Ich befehle euch im namen unseres Herrn Jesus Christus und eurem Fürsten, ihn nicht mehr zu martern als sonst!"
"Bist du denn aller Herr, dass wir deinen worten gehorchen müssen?"
"Ich bin Sein knecht, und was ich in Seinem namen befehle, damit habe ich macht von Ihm über die, die Er mir anvertraut", antwortete Brendan.
Also mussten sie ihm folgen, bis sie Judas aus den augen verloren. Da erst kehrten die dämonen wieder um und holten sich die unselige seele in ihre mitte, wobei sie grosses geschrei und geheul aufführten.
26
Der heilige Brendan und seine mitstreiter ruderten nach süden und priesen dabei Gott in allen Seinen werken. Nach zwei tagen tauchte weit vor ihnen im süden eine kleine insel auf. Weil die mannschaft gleich wieder rascher zu rudern begann, um zur insel zu gelangen, ermahnte sie Brendan neuerlich:
"Meine brüder, verausgabt eure körper nicht übermässig! Es ist ohnehin schon so anstrengend genug. Diese Ostern, die ja bald kommen, sind es schon sieben jahre, dass wir unsere heimat verlassen haben. Aber jetzt werdet ihr gleich den geistlichen eremiten Paulus sehen, der schon seit sechzig jahren ohne irgendwelche leibliche nahrung auf der insel lebt. Die dreissig jahre davor bekam er sein essen von einem tier."
Als sie zur küste kamen, konnten sie keine einfahrt entdecken, da das ufer so steil war. Die insel selbst war klein und rund mit einem druchmesser von etwa zweihundert meter. Keine schicht erde bedeckte sie, sondern der blanke fels schimmerte kieselfarben hervor. Sie reichte genauso weit in die höhe, wie sie lang und breit war. Sie ruderten um die insel herum und entdeckten eine so enge hafeneinfahrt, dass ihr schiffsbug kaum hineinpasste. Auch der aufstieg war sehr schwierig. Brendan sagte zu seinen mitbrüdern:
"Wartet hier, bis ich wieder zurückkomme. Ihr dürft diese insel nicht ohne erlaubnis des mannes Gottes, der hier wohnt, betreten."
Der verehrte vater kletterte bis zum höchsten punkt der insel hinauf. Dort, auf der ostseite, sah er zwei höhlen, deren öffnungen einander gegenüberlagen, daneben eine kleine quelle, rund wie eine schale, die dem fels vor dem eingang der höhle entsprang, wo der soldat Christi hauste. Aber das wasser der quelle wurde sofort wieder vom fels geschluckt. Der heilige Brendan ging zu einem der höhleneingänge, da trat ihm der greis aus der anderen entgegen und grüsste ihn:
"Wie gut und erfreulich ist es, wenn Brüder beieinander wohnen."
Dann bat er Brendan, alle brüder vom schiff kommen zu lassen. Sie küssten einander und liessen sich nieder, wobei er jeden von ihnen mit seinem namen anredete. Die brüder waren höchst erstaunt, als sie das hörten, nicht nur über seine prophetische gabe, sondern auch über sein aussehen. Sein ganzer körper war nämlich von kopf bis fuss von seinem haar, bart und der sonstigen körperbehaarung bedeckt, und zwar schneeweiss, weil er schon so alt war. Man konnte gerade sein gesicht und seine augen erkennen. Er trug keine andere kleidung als das haar, das auf seinem körper wuchs. Es traf Brendan sehr, als er ihn so sah. Er sagte:
"Wie schrecklich, dass ich noch mönchsgewand trage, und dass mir noch so viele mönche im namen dieser regel unterstellt sind, wo ich doch einen fleischlichen menschen in engelsgleichem zustand vor mir sitzen sehe, von körperlichen lastern unversehrt."
"Ehrwürdiger vater", antwortete ihm der Gottesmann darauf, "Welch menge von beeindruckenden wundern hat dir Gott gezeigt, die Er sonst keinem der heiligen väter zuteil werden liess! Und du sagst noch, du seist in deinem herzen nicht wert mönchsgewand zu tragen, wo du doch selbst viel mehr bist als ein mönch! Ein mönch muss seine eigenen hände bei der arbeit verwenden und sich davon kleiden, aber dich ernährt Gott in Seinen geheimen ratschlüssen schon seit sieben jahren mitsamt deiner mannschaft und kleidet dich. Und ich sitze so armselig wie ein vogel auf diesem felsen, nackt bis auf meine haare."
Der heilige Brendan erkundigte sich dann bei ihm, wie er hierher gekommen sei, woher er sei, und wie lange er schon dieses leben erdulde.
"Fünfzig jahre", antwortete der, "wurde ich im kloster des heiligen Patrick ernährt. Ich kümmerte mich dort um den friedhof. Eines tages zeigte mir der dekan eine stelle, wo ich das grab für einen verstorbenen schaufeln sollte. Plötzlich kam ein alter mann, den ich nicht kannte, und sagte:
'Mach da keine grube, bruder, denn es ist schon das grab von jemand anderem.'
'Wer bist du, vater?' fragte ich ihn.
'Wieso erkennst du mich nicht? Bin ich es denn nicht, dein abt?' fragte er.
'Der heilige Patrick ist mein abt.'
'Und der bin ich auch', antwortete er. 'Gestern bin ich nämlich aus dem diesseits geschieden. Und hier an diesem ort soll ich begraben werden. Doch mach nur ruhig weiter mit dem grab für unseren bruder und erzähl keinem, was ich dir gesagt habe. Aber morgen geh zur küste, dort wirst du ein boot finden. In das steig ein, und es wird dich an einen ort bringen, wo du den tag deines todes erwarten kannst."
Am nächsten morgen ging ich also, wie es mir der heilige vater aufgetragen hatte, zur küste und fand dort tatsächlich alles so vor, wie er es vorhergesagt hatte. Ich stieg ins boot, und ruderte los, das machte ich drei tage lang so. Danach liess ich das schiff einfach treiben, wohin der wind wollte. Nach sechs tagen kam ich an diesen felsen, auf den ich sofort kletterte. Das boot gab ich auf. Ich gab ihm mit dem fuss einen stoss, dass es wieder dorthin trieb, wo es hergekommen war. Ich sah, wie es gleich die schnellste route heim ins vaterland nahm, wie es die wogen auf dem meer durchschnitt. Ich bin hier geblieben. Irgendwann am nachmittag brachte mir ein otter mein essen aus dem meer, das heisst, er hatte einen fisch im maul sowie ein kleines päckchen reisig für ein feuer zwischen den vorderbeinen. Dabei marschierte er auf seinen hinterbeinen! Nachdem er fisch und holz vor mir abgelegt hatte, verschwand er wieder. Ich nahm mir ein stück eisen, schlug damit gegen einen stein und machte mir so ein feuer mit dem brennholz. Aus dem fisch bereitete ich mir mein essen. So ging es dreissig jahre: alle drei tage kam derselbe gehilfe und brachte mir dasselbe essen, das heisst den fisch, für drei tage. Jeden tag ass ich ein drittel fisch, und aus Gottes gnade musste ich nie durst leiden, sondern jeden sonntag kam ein bisschen wasser dort aus dem felsen, von dem ich mir etwas zum trinken nehmen konnte und meinen kübel anfüllte, um mir die hände zu waschen. Nach dreissig jahren fand ich dann diese beiden höhlen und die quelle. Davon lebe ich jetzt. Die ganzen sechzig jahre seither habe ich mich nie von etwas anderem ernährt, als von dieser quelle. Neunzig jahre bin ich hier schon auf der insel, dreissig jahre mit fischnahrung, sechzig jahre ernährt von dieser quelle, und fünfzig jahre war ich in meiner heimat. Alle meine lebensjahre bis jetzt zusammengezählt ergeben hundertvierzig. Und hier kann ich bald, so wurde mir versprochen, den tag des gerichts in diesem fleische erwarten.
Beeilt euch jetzt in eure heimat, nehmt eure kübel an der quelle gefüllt mit. Ihr werdet sie nämlich brauchen, denn ihr habt jetzt noch eine vierzigtägige reise vor euch, nämlich bis Karsamstag. Karsamstag, Ostern und die Osterfeiertage werdet ihr wieder dort feiern, wo ihr sie schon sechs jahre gefeiert habt. Dann empfangt ihr den segen eures fürsorgers und brecht in das Verheissene Land der Heiligen auf, wo ihr vierzig tage bleiben werdet. Und am ende wird euch der Gott eurer väter gesund und unversehrt in euer geburtsland geleiten."
27
Dann empfingen der heilige Brendan und seine mitbrüder den segen des mannes Gottes und ruderten die ganze fastenzeit in richtung süden. Ihr boot wurde hin und hergetrieben. Obwohl sie bloss wasser von der insel des Gottesmannes als verpflegung hatten und sich von dem nur in dreitagesabständen ernährten, bekam keiner von ihnen hunger oder durst und blieben alle in guter stimmung.
Schliesslich kamen sie, wie vom Gottesmann vorhergesagt, zu Karsamstag zur insel ihres fürsorgers. Als sie in den hafen fuhren, lief er ihnen schon freudig entgegen. Er half allen eigenhändig aus dem boot auszusteigen. Nach dem Gottesdienst an diesem heiligen tag trug er ihnen ein mahl auf. Am abend gingen sie wieder an bord, und diesmal auch der mann.
Sie mussten nicht viel rudern, als sie das meeresungeheuer schon an der gewohnten stelle fanden. Dort sangen sie die ganze nacht Gottes lob und am morgen messen. Nach der messe begann Iascon seine eigenen wege zu ziehen. Alle brüder, die bei Brendan waren, riefen den Herrn an:
"Erhöre uns, Gott, unser Heiland, Du Hoffnung aller Enden der Welt und weit im Meer."
Der heilige Brendan sprach seinen mitbrüdern mut zu:
"Ihr braucht keine angst haben. Euch wird nichts zustossen, denn wir können einen beistand für unsere reise erwarten."
Das meersungeheuer hielt geradewegs auf die Vogelinsel zu. Dort blieben sie bis acht tage nach Pfingsten.
Am ende der festlichen zeit riet ihr fürsoger, der jetzt bei ihnen war, Brendan:
"Geht an bord und füllt eure schläuche an der quelle hier an. Diesmal werde ich euch auf der reise begleiten und leiten. Ohne mich könnt ihr das Verheissene Land der Heiligen nicht finden."
Wie sie im schiff waren, sangen alle vögel der insel wie mit einer stimme:
"Der Gott unseres Heils lasse eure Reise glücklich sein."
28
Der heilige Brendan und seine begleiter ruderten zur insel ihres fürsorgers (und der natürlich auch). Dort besorgten sie sich proviant für vierzig tage. Ihre fahrt ging vierzig tage nach osten, wobei ihr fürsorger ihnen voraus fuhr und ihnen die richtung wies. Nach den vierzig tagen senkte sich plötzlich starker, dichter nebel auf sie herab, als es gerade abend wurde. Sie konnten einander kaum mehr sehen. Der fürsorger fragte Brendan:
"Wisst ihr, was das für ein nebel ist?"
"Nein, was ist damit?"
"Dieser starke nebel umgibt die insel, die ihr seit sieben jahren sucht."
Nach etwa einer stunde umstrahlte sie plötzlich gleissendes licht und ihr schiff lief an land.
Als sie von bord gegangen waren, sahen sie ein weites land vor sich, voll von reichen obstbäumen wie zur herbstzeit. Sie wanderten über das land, und nie hatten sie nacht. Sie konnten sich soviel obst pflücken, wie sie wollten, und von den quellen trinken. So untersuchten sie vierzig tage lang das land, konnten aber nicht an sein anderes ende kommen. Eines tages entdeckten sie einen grossen fluss, der mitten durch die insel floss.
"Diesen fluss können wir nicht überqueren, und so werden wir nie wissen, wie gross dieses land wirklich ist", sagte Brendan zu seinen mitbrüdern. Sie dachten darüber noch nach, da kam ihnen plötzlich ein junger mann entgegen, küsste sie mit grosser freude, nannte jeden bei seinem namen und sagte:
"Selig, die in Deinem Hause wohnen. In Ewigkeit werden sie Dich loben."
Dann wandte er sich an den heiligen Brendan:
"Das hier ist also das land, das du so lange zeit gesucht hast. Du hast es deswegen nicht gleich finden können, weil Gott dir Seine zahlreichen geheimnisse im grossen Ocean zeigen wollte. Kehre jetzt wieder in dein geburtsland zurück. Nimm dir soviel von den früchten dieses landes und den edelsteinen mit, wie dein schiff transportieren kann. Die tage deiner letzten reise kommen schon, nach der du bei deinen vätern schlafen wirst. Es muss noch sehr viel zeit verfliessen, aber dann wird dieses land euren nachkommen zugesprochen, wenn wieder eine christenverfolgung hereinbricht. Dieser fluss hier teilt die insel. Wie ihr sie jetzt vor euch seht, an früchten reif, ist es hier die ganze zeit, ohne dass je der schatten der nacht hereinbräche. Denn das licht dieser insel ist Christus."
Sie nahmen sich dann, gesegnet vom fürsorger und dem jungen mann, die sie dort verliessen, früchte des landes und alle arten von edelsteinen. Schliesslich bestiegen der heilige Brendan und seine mitbrüder das boot und ruderten mitten durch den dichten nebel hindurch. Auf der anderen seite kamen sie nach Inis Cain. Dort genossen sie drei tage lang die gastfreundschaft, und gesegnet kehrte der heilige Brendan auf geradem wege in seine heimat zurück.
29
Seine brüder empfingen ihn jubelnd und lobten Gott, weil Er ihnen in Seiner liebe den anblick ihres vaters, durch dessen abwesenheit sie so lange verwaist waren, nicht weiter vorenthalten wollte. Der selige mann freute sich über ihre zuneigung und erzählte ihnen alles von der reise, woran er sich erinnern konnte, und was für wunder zu sehen Gott ihn für wert gefunden hatte. Schliesslich merkte er auch noch an, dass sein ende bald bevorstünde, genauso wie es der junge mann im Verheissenen Land der Heiligen ihm vorausgesagt hatte.
Der lauf der dinge bestätigte dies, denn nachdem er alles für danach wohl geordnet hatte und gar nicht viel zeit vergangen war, reiste er, geschützt von Gottes sacramenten, unter den händen seiner schüler ehrenvoll zum Herrn, der ruhm und ehre in alle ewigkeit hat. Amen.