Rekonstruktionen keltischer Wohnanlagen und warum ich nicht an sie glaube

Raimund KARL, Wien

1.) Einleitung und Methodik

Rekonstruktionen keltischer Wohnanlagen finden sich nicht nur in fast jedem mehr oder weniger ernstzunehmenden allgemeinen Buch über die Kelten sowie in so gut wie jeder Arbeit über keltische Siedlungsarchäologie, sondern auch in so manchem archäologischen Freilichtmuseum in Europa. Bei aller Verschiedenheit im Detail, die zwischen diesen Rekonstruktionen zu finden sein mag, und bei allen diversen Varianten, die an den verschiedensten Stellen angeboten werden, haben doch generell fast alle dieser Rekonstruktionen ein bestimmtes Grundelement gemeinsam, das mich an diesen Rekonstruktionen zweifeln läßt (siehe Punkt 2., Definition des Standpunktes der Betrachtung). Doch bevor ich darauf im Detail eingehe, müssen einige grundsätzliche Dinge festgestellt werden, die für das Verständnis der vorliegenden Arbeit vonnöten sind.
Zu allererst sei hier angemerkt, daß diese Arbeit keinen Anspruch auf formale Richtigkeit erhebt. Das bedeutet natürlich nicht, daß ich nicht der Meinung bin, daß die Aussage, die hier getroffen werden soll, eine korrekte Aussage ist, sondern daß ich in Bezug auf Details, seien sie chronologischer, technischer oder auch struktureller Natur, keine besondere Rücksicht auf konkrete Belegbarkeit genommen habe. Ich halte diese formale Richtigkeit für meine tatsächliche Aussage für irrelevant und habe daher diesen Gesichtspunkt bewußt etwas stiefmütterlich behandelt.
Zweitens erhebt diese Arbeit keinen Anspruch auf direkte Überprüfbarkeit in dem Sinn, daß meine Aussage auf einer auf konkreten Daten basierenden Argumentationskette aufgebaut wäre. Ich halte es im speziellen Fall nicht nur für unmöglich, eine derartige Argumentationskette aufzubauen, vor allem, weil für den Großteil dessen, was in Rekonstruktionen dargestellt wird, jegliche praktisch überprüfbaren Daten fehlen, sondern tatsächlich, unter gewissen Umständen, auf die ich später noch kurz eingehen werde, für kontraproduktiv. Daher bin ich gezwungen, auf eine Argumentation zurückzugreifen, die auf Elementen aufbaut, die großteils entweder nur ex silentio genommen oder nur aus Allgemeinem deduzierend auf die spezielle Fragestellung angewendet werden können und deren Gewichtigkeit daher eher mit dem gesunden Menschenverstand im Sinne eines Common Sense nach Popper1 als mit einer spezifischen wissenschaftlichen Methodik bewertet werden müssen. Deshalb möchte ich diese Arbeit als einen Versuch konstruktivistischer Methodik in der historischen Forschung betrachten, was speziell bei Rekonstruktionen nicht gerade ein unlogischer Ansatz ist; entsprechend sind die in dieser Arbeit aufgestellten Rekonstruktionen bezüglich ihrer praktischen Existenzmöglichkeit in der Eisenzeit zu bewerten.
Drittens versucht diese Arbeit bewußt provokativ zu sein. Insofern stellen viele Elemente, vor allem in den von mir als Alternative zu gängigen Rekonstruktionen angebotenen Rekonstruktionszeichnungen, aber auch im Text der folgenden Arbeit, nicht notwendigerweise meine tatsächlichen Ansichten und Meinungen dar, sondern sind vor allem als Mittel zur verstärkten Kontrastierung zu verstehen.
Viertens will ich in dieser Arbeit keinerlei konkrete Kritik an einzelnen Rekonstruktionsvorschlägen diverser Kollegen üben. Meine Kritik ist, sozusagen, eher allgemeiner Natur denn spezifischer. Deshalb sind alle Rekonstruktionen, die in diesem Artikel vorgelegt werden, von mir angefertigt worden, sowohl die, die ich als Beispiel für „klassische“ Rekonstruktionen verwende, als auch jene, die ich als Alternativen anbiete. Dadurch unterliege ich natürlich dem Problem, daß beide Varianten, sowohl die „klassische“ als auch die Alternativvariante, natürlich zur Verdeutlichung meines Standpunktes überzeichnet sind, wenngleich ich jedoch denke, daß sie nicht extrem übertrieben sind.

2.) Definition des Standpunktes der Betrachtung

Um zu definieren, was mich nun konkret an den diversesten Rekonstruktionen keltischer Wohnanlagen stört, ist es zunächst notwendig den Standpunkt, unter dem ich die Rekonstruktionen betrachtet habe, klarzulegen.
Was mich in dieser Arbeit an Rekonstruktionen keltischer Wohnanlagen tatsächlich interessiert ist der Eindruck, den sie dem Betrachter vermitteln, sei es jetzt bei der Lektüre der Bücher, in denen Rekonstruktionen abgebildet sind, oder auch beim Besuch von Freilichtmuseen. Ich ignoriere daher die meisten technischen Details, sowohl in meinen schriftlichen als auch in den bildlichen Ausführungen. In Bezug darauf gehe ich davon aus, daß die Kelten den Umgang mit dem Werkstoff Holz in hoher Qualität beherrschten und daher die Bearbeitung dieses Werkstoffs notwendigen Vorkenntnisse vorausgesetzt sowie die auch heute bekannten grundlegenden Holzverbindungen verwendet werden können. Da ich mich mit den technischen Details nicht beschäftige, kann ich also alle rein technischen Rekonstruktionen2 für diesen Artikel beiseite lassen.
Meiner Einschätzung nach ist aber, gerade bei Rekonstruktionen, die schließlich die Ergebnisse der Archäologie, auch und besonders für den Laien zu visualisieren helfen sollen, das dem Betrachter vermittelte Bild nicht nur ein nebensächliches Element, sondern der zentrale Aspekt, der angestrebt wird. Wie wir wissen, sind die Ergebnisse der Archäologie, wie die jeder Wissenschaft, stark durch die Vorstellungen des Bearbeiters beeinflußt3, und dies gilt in ganz besonderem Maß für Rekonstruktionen4. Diese Rekonstruktionen wiederum beeinflussen in starkem Maß die Vorstellungen der Betrachter, sowohl im Bewußten, als auch, und das in einem besonders starken Maß, im Unterbewußten. Daher halte ich es für sehr wesentlich, sie auch und besonders unter diesem Standpunkt zu betrachten.
Gerade aus diesem Grund halte ich es aber auch für beinahe kontraproduktiv, eine Rekonstruktion rein anhand einer wissenschaftlich fundierten Argumentationskette, die ausschließlich nur solche Elemente enthält, die durch Funde oder Befunde dokumentiert sind, aufzustellen – was, trotz teilweise gegenteiliger Behauptungen, tatsächlich ja auch nie geschieht5. Archäologische Argumentationsketten unterliegen, gerade bei Kulturen deren Bauten hauptsächlich aus Holz bestanden, dem Problem, daß sie zwangsweise Elemente aus nicht vergänglichem Material bzw. solche, die deutliche Spuren hinterlassen haben, überbewerten und dadurch das rekonstruierte Bild massiv verfälschen können. Das jedoch macht es unumgänglich, Details in Rekonstruktionen ex silentio einzubauen, in diesem Sinn zu „konstruieren“, wozu wir primär das Bild, das wir uns in unserer Vorstellung von keltischen Wohnanlagen machen, heranziehen.
Dadurch jedoch beeinflussen wir massiv das Bild, und dabei hauptsächlich das unterbewußte Bild, das sich zukünftige Forscher ebenso wie Laien von den Lebensumständen der Kelten machen, was es um so notwendiger erscheinen läßt, uns des Eindrucks, den wir durch unsere Rekonstruktionen vermitteln, bewußt zu sein.

3.) Betrachtung

Bei der Betrachtung der Rekonstruktionen, die es über keltische Wohnanlagen gibt, unter diesem Gesichtspunkt, fiel mir eines besonders auf: Alle diese Rekonstruktionen haben gemeinsam, daß sie „primitiv“ wirken. Dies mag nun nicht als eine besonders weltbewegende Erkenntnis erscheinen, und tatsächlich läßt sich ein solcher Primitivismus nicht nur bei der Rekonstruktion keltischer Wohnanlagen finden, sondern tritt in ähnlicher Weise auch bei Rekonstruktionen von Bauten anderer Epochen auf6. Bei einer genaueren Betrachtung jedoch bemerkte ich, besonders bei experimentellen Rekonstruktionen, daß sie zusätzlich zu dem bereits in der Rekonstruktion implizierten Primitivismus tatsächlich viel mehr noch einen heruntergekommen, geradezu schäbigen Eindruck erwecken7. Und beides, vor allem gemeinsam, erzeugt, so denke ich zumindest, ein falsches Bild.

3.1.)  Die „klassische“ Rekonstruktion eines keltischen Wohnhauses

Abbildung 1a zeigt eine „klassische“ Rekonstruktion eines keltischen Wohnhauses8. Vergleichbare Rekonstruktionen finden sich zuhauf in einschlägiger Literatur ebenso wie in Museen.
Es handelt sich dabei um einen Pfostenbau, der im Inneren im wesentlichen ungegliedert ist. Willkürlich im Raum angeordnet finden sich Herdstellen mit zugehörigem Kochgeschirr, Material für den Tagesgebrauch, Werkzeuge, Waffen und Geräte sowie entweder direkt auf dem Boden aufgelegte oder aber roh zusammengezimmerte Schlafstätten, manchmal mit altem Stroh bestreut und mit ein paar schmutzigen Fellen belegt. In einigen Fällen finden sich improvisierte Sitzgelegenheiten, oft auch nicht. Der Boden ist einfach naturbelassen und wo Abfälle zu Boden fallen, werden diese einfach liegengelassen oder bestenfalls unordentlich zur Seite geschoben.
Der Raum selbst ist zwar, durch die nach unten hin offen belassene Dachkonstruktion, recht hoch, die Wände jedoch sind so niedrig als möglich gestaltet, die Höhe des Eingangs so gewählt, daß sich auch kleingewachsene Erwachsene jedesmal und Kinder über 12 Jahren ebenfalls fast regelmäßig zumindest den Kopf stoßen, größergewachsene (das bedeutet über 1,40 m Körpergröße) sich in jedem Fall jedoch stark bücken müssen, um überhaupt den Raum betreten zu können. Im Inneren ist es sehr finster, Tageslicht dringt bestenfalls durch eine oder zwei kleine Oberlichten unter dem Giebel, die gleichzeitig auch als Rauchabzug dienen, und eventuell durch die Eingangstür ein.
Die Konstruktion ist derart beschaffen, daß möglichst wenig Arbeitsprozesse involviert waren, um das Haus zu errichten; das bedeutet die Pfosten sind weitgehend naturbelassene Äste oder Stämme, deren Gabelungen man möglichst geschickt für die Konstruktion genutzt hat, die Holzverbindungen sind zumeist in Gabelungen aufgelegte Balken, die festgeschnürt wurden; nur wo es völlig unumgänglich war sind sie genagelt. Das Dach ist meist aus Schilf, ohne weitere Verzierungen oder Verstärkungen.
Die einzige Verzierung, die am ganzen Haus manchmal zugelassen wird, ist ein (halbverwester) Tierschädel, der am Dachfirst oder an einem Pfahl vor der Tür befestigt ist.
Sieht man von der von solchen Bauten ausgestrahlten Abenteuerromantik einmal ab, und ignoriert man die Museumsbesuchern eigene Art, alles zu betreten und zu berühren was nur irgendwie möglich ist, käme kein Mensch freiwillig auf die Idee, ein solches Haus betreten oder darin etwas berühren zu wollen, geschweige denn, darin länger zu wohnen. Natürlich ist dies durch moderne Sauberkeitsvorstellungen beeinflußt, keine Frage. Aber das bedeutet nicht, daß die durchschnittliche Keltin oder der durchschnittliche Kelte unbedingt daran Freude fand, möglichst schmutzig zu sein und dementsprechend sein Wohnhaus so einrichtet, daß sich das nicht vermeiden läßt.
Tatsächlich hege ich starke Zweifel, daß jemand seinen goldglänzenden Bronzeschmuck, seinen Glasschmuck (oder gar Goldschmuck), seine buntgemusterten, eventuell sogar bestickten oder sonstwie verzierten Kleider (deren bunte Muster keinen Sinn und keinen schmückenden Charakter haben, wenn sie von braungrauem Schmutz bedeckt sind) oder seine wertvollen Waffen in einem solchen Haus ablegt, wenn er des Abends heimkehrt, vor allem, wenn es ihm technisch durchaus möglich ist, ein ganz anderes Haus zu bauen, das er bewohnen kann. Noch unverständlicher ist mir, weshalb man ein solches Haus mit einer mit Schlüssel verschließbaren Türe versehen sollte, wenn man mit einem einzigen Tritt die schlampig verputzte Wand daneben eintreten könnte.

Abbildung 1a: „Klassische“ Rekonstruktion eines keltischen Wohnhauses.

3.2.) Argumentation zum keltischen Wohnhaus

Betrachten wir nun einige Elemente im Zusammenhang mit dieser Rekonstruktion.
Beginnen wir mit der Innengliederung. Tatsächlich haben wir nicht viele Indizien dafür, ob keltische Oberflächenbauten über eine Innengliederung verfügten oder nicht. Allerdings gibt es doch einige verwertbare Hinweise. So gibt es aus Berching-Pollanten, Lkr. Neumarkt9 einen Befund einer Grubenhütte, also eines Objektes, das nicht annähernd die Fläche eines Oberflächenbaus bedeckt, die eine Innenteilung aufweist. Auch aus diversen Befunden von Oberflächenbauten läßt sich eine derartige Innengliederung zumindest vermuten, z.B. in Köfering, Lkr. Regensburg10, oder auch in der Gewerbesiedlung vom Dürrnberg, wo Thomas Stöllner in einem Fall eine deutliche Raumeinteilung zu erkennen glaubt11. Abgesehen davon ist eine solche Inneneinteilung sinnvoll und praktisch und kann daher eventuell für zumindest einen Teil der Oberflächenbauten als gegeben angenommen werden.
Für eine vertikale Gliederung des Raumes in Form einer eingezogenen Zwischendecke gibt es keinerlei archäologische Belege, aber es spricht eigentlich auch nichts dagegen. Die Tragkraft der stehenden Pfosten, deren Durchmesser oft aus Verfärbungen in Pfostenlöchern abgeleitet werden kann und häufig deutlich über 20 Zentimeter beträgt12, war sicherlich absolut ausreichend, um zusätzlich zu einer Dachkonstruktion auch das Gewicht einer eingezogenen Zwischendecke und die Einrichtung und Benutzer eines Obergeschoßes zu tragen, vor allem in Fällen, wo diese Stützen im Abstand von nur wenig über einem Meter entlang der Längsachse des Gebäudes aufgestellt waren13. Nimmt man auch noch an, daß die auf norischen Häusern des 2. nachchristlichen Jahrhunders zu erkennenden hölzernen Bauten mit einem ersten Stock14 vielleicht in gewisser keltischer Tradition stehen, ist die Möglichkeit, auch bei vorchristlichen Bauten einen Dachausbau anzunehmen gar nicht so abwegig. Auch der Einbau eines derartigen Obergeschoßes ist natürlich praktisch und sinnvoll, wir können daher also annehmen, daß zumindest in manchen Gebäuden eine solche vertikale Raumteilung verwendet wurde.
Wenn wir also von einer sowohl horizontalen als auch vertikalen Raumgliederung bei zumindest manchen Gebäuden ausgehen können, ist es vermutlich nicht unsinnig anzunehmen, daß spezielle Räume für spezielle Funktionen abgegliedert wurden, wie z.B. eine eigene Kochräumlichkeit, ebenso wie Arbeitsräume sowie „allgemeine Aufenthaltsräume“, z.B. in der Art von bäuerlichen „Stuben“.
Bietet schon eine Innengliederung des Gebäudes die Möglichkeit, Gegenstände des Tagesgebrauchs, Waffen und Geräte in speziell dafür vorgesehenen Räumlichkeiten zu verstauen und damit „ordentlich“ zu verwahren, sollte man ebenso nicht vergessen, daß man auch annehmen kann, daß zusätzlich dazu spezielle Behältnisse für die Aufbewahrung von Gegenständen aller Art in Verwendung waren. So sind aus Grabfunden organische Behältnisse, z.B. Schatullen oder kleine Kästchen oder andere organische Behältnisse15, durchaus bekannt. Daraus läßt sich meiner Einschätzung nach ableiten, daß man auch mit anderen derartigen Behältnissen, wie z.B. Truhen, rechnen muß. Gerade zur Aufbewahrung von Kleidung und Schmuck sind solche Behältnisse hochgradig sinnvoll, vor allem wenn man annehmen muß, daß zumindest reichere Mitglieder der Gesellschaft wenigstens über einige „Reservekleidungsstücke“ oder zusätzliche Sets an Kleidung (z.B. für besondere Anläße, etc.) und vielleicht auch verschiedene Schmuckensembles verfügten – schließlich müssen solche Gegenstände irgendwo verstaut werden. Sieht man sich z.B in diesem Zusammenhang die Irischen Gesetzestexte über sozialen Status an, so kann man eindeutig erkennen, daß zumindest reichere Mitglieder der Gesellschaft sogar über mehrere Kleidungssets verfügen mußten16, und diese wurden sicherlich auf eine halbwegs schonende Weise aufbewahrt.
Derartige Truhen, Kisten und Schatullen bieten sich natürlich auch als Material für kunstvolle Holzarbeiten wie plastische Ornamentik in Form von Schnitzereien als auch für Bemalungen an, Verzierungsarten, die von anderen Materialgattungen wie Metall oder Keramik durchaus bekannt sind und daher für Holzarbeiten auch als gegeben angenommen werden können. Daß sich derartige Ornamentierungen, sowie sicherlich auch Drechselarbeiten, nicht nur auf Kisten und Truhen, sondern vermutlich auch auf Schlafstätten (Betten), Sitzgelegenheiten17, Tischen18 und auch fixen Bestandteilen der Hauskonstruktion finden können, ist evident; die Kunstfertigkeit, in der sie ausgeführt sein konnten, kann wohl direkt aus equivalenten Formen in anderen Materialgattungen abgeleitet werden.
Auch die Tatsache, daß die Kelten scheinbar auf Sauberkeit19 einen gewissen Wert legten, wird in beinahe allen gängigen Rekonstruktionen, vor allem den in Freilichtmuseen errichteten, beinahe regelhaft vergessen. Aus der Tatsache, daß man in einem Haus, in dem nicht generell auf Sauberkeit Wert gelegt wird, nur schwer sauber essen kann, läßt sich meiner Einschätzung aber eindeutig ableiten, daß auch das Haus generell eher sauber gehalten wurde, was nicht nur notwendig macht das entsprechende Geräte zum Sauberhalten des Hauses vorhanden sind sondern auch, daß diese benutzt werden. Natürlich bedeutet das nicht, daß moderne Maßstäbe in Bezug auf Sauberkeit angelegt werden können, aber dennoch, daß zumindest die Böden gekehrt und die meisten Oberflächen abgestaubt bzw. halbwegs regelmäßig gereinigt werden, und natürlich, daß besonders der gröbere Schmutz regelmäßig entfernt wird. Da eine Reinhaltung des Inneraumes erleichtert wird, wenn bereits verhindert wird, daß grober Schmutz überhaupt ins Haus kommt, sind Möglichkeiten, diesen bereits vor dem Eingang abzustreifen nicht auszuschließen, ebenso wie möglicherweise Einrichtungen, die es erleichtern den Boden sauber zu halten (wie Bretterböden20 oder vielleicht auch Teppiche, die ausgeklopft werden können und zusätzlich noch als Zierde dienen).
Schon durch die reine Praktikabilität, aber auch durch die Möglichkeit eingezogener Zwischendecken, ist es sinnvoll anzunehmen, daß Wände ebenso wie Türen eine gewisse Mindesthöhe aufweisen, die eine halbwegs aufrechte Körperhaltung beim Betreten und Verlassen von Räumen ebenso wie in den Räumen ermöglichen. Eine Hintertüre, wie sie z.B. in den irischen Gesetzestexten als Standard angenommen wird21, ist zwar nicht unbedingt vorauszusetzen, aber ebensowenig auszuschließen. Das relativ häufige Vorkommen von Schlüsseln erlaubt es uns auch anzunehmen, daß zumindest manche dieser Türen mit einem Sperrmechanismus versehen waren, woraus sich meiner Einschätzung nach ableiten läßt, daß diese Türen durchaus qualitätvoll gearbeitet gewesen sein dürften22.
Ebenfalls sinnvoll, vor allem bei einer existierenden Teilung des Innenraums aber auch generell, ist der Einbau von Fenstern um Innenräume auch mit natürlichem Licht zu erhellen. Solche Fenster sind zwar nicht (eindeutig) nachweisbar, aber es spricht auch nichts gegen ihre Existenz, vor allem wenn man die Tatsache beachtet, daß solche Fenster auf sämtlichen frühneuzeitlichen Gebäuden, selbst im hochalpinen Raum, wo der Temperaturverlust sicher ein größeres Problem war als bei normalerweise im Flachland errichteten keltischen Wohnanlagen, vorkommen. Nachdem auch auf Abbildungen norischer Häuser im 2.Jhdt.n.Chr., die wohl zumindest teilweise auch in keltischer Tradition standen, auf ikonographischen Quellen Fenster zu erkennen sind23, ist ihre Existenz eigentlich als sehr wahrscheinlich anzunehmen.
Ebenfalls nützlich ist die Existenz von Rauchabzügen, vor allem bei einer vorausgesetzten Innenteilung in spezielle Räume, in denen die Entstehung größerer Rauchmengen anzunehmen ist, wie z.B. in Küchen. Solche Rauchabzüge können durchaus aus organischem Material wie eben Holz errichtet sein, Holzkamine sind an frühneuzeitlichen Gebäuden durchaus nachgewiesen und weisen auch keine besonders erhöhte Brandgefährdung auf24. Daß ausschließlich Giebellöcher als Rauchabzug gedient haben, ist  eine rein a priori getroffene Annahme und ebenso viel oder wenig durch den archäologischen Befund gerechtfertigt wie z.B. Holzkamine.
Auch die Annahme, daß die Konstruktion regelhaft so beschaffen ist, daß möglichst wenige Arbeitsprozesse involviert waren, ist ebenfalls nicht unbezweifelt so zu akzeptieren. Zwar deuten Holzverfärbungen in Pfostenlöchern und Abdrücke auf Lehmstücken häufig darauf hin, daß hauptsächlich Rundhölzer in Verwendung waren, dies bedeutet aber weder, daß dies unbedingt für jedes Haus oder auch für die gesamte Hauskonstruktion gelten muß25. Auch Rundhölzer können solide verarbeitet werden und mit klassischen Holzverbindungen miteinander verbunden werden, und die Verwendung solcher „zugearbeiteter“ Teile ermöglicht es auch, diese leichter auszutauschen und nicht unbedingt jedesmal speziell gewachsene Hölzer suchen zu müssen, die an den richtigen Stellen Gabelungen aufweisen, um beschädigte Teile zu ersetzen. Zusätzlich dazu gibt es auch Nachweise von rechteckig zugearbeiteten Hölzern26, sodaß auch nicht auszuschließen ist, daß zumindestens Teile von Bauten oder auch manche Bauten gänzlich aus solchen rechteckig zugearbeiteten Hölzern errichtet waren.
Auch sollte einmal darauf hingewiesen werden, daß für das Dach auch andere Deckungsarten als die „klassische“ Deckungsweise mit Schilf vorstellbar wären: von Grassodendeckung bis zu Holzschindeln gibt es ein breites Spektrum an möglichen Deckungsarten27, auch davon abhängig, welches Material in welcher Menge in der Nähe des Bauplatzes zur Verfügung stand. Auch der Einbau von Fenstern im Dach, vor allem bei Nutzung eines Dachgeschoßes als (möglicher) Wohnraum, sollte zumindest einmal angedacht werden – die technischen Möglichkeiten dafür waren zweifellos vorhanden – eine Holzverarbeitungstechnik, die es erlaubt, Radreifen aus einem einzelnen Stück Holz zu biegen, wie es durch Radfunde definitv nachgewiesen ist28, erlaubt sicherlich auch den Einbau einer Dachgliederung. Zusätzliche Dachverstärkungen, um eine höhere Haltbarkeitsdauer von Dächern zu gewährleisten, sind ebenso nicht auszuschließen.
Abschließend soll noch einmal darauf hingewiesen werden, daß Verzierungen aller Art im und am Haus durchaus vorstellbar, wenn nicht gar anzunehmen sind. Sagen aus dem britischen Raum beschreiben uns wunderbar gestaltete Paläste29. Daß diese rein aus der Phantasie der Dichter oder aus Kenntnis römischer Bauten genommen sein sollten, läßt sich meiner Einschätzung nach durch nichts begründen. Außerdem läßt sich selbst ein relativ bescheidenes Haus durchaus gemütlich gestalten. Zusätzlich zu „fixen“ Verzierungen wie Schnitzereien und Bemalungen sind alle möglichen „mobilen“ Zierelemente von Vorhängen über Blumenkästen bis hin zu Wandteppichen vorstellbar, die einen wie auch immer gearteten Raum wohnlicher gestalten können.
Nimmt man nun diese alle Elemente zusammen, läßt sich ein völlig anders aussehendes keltisches Haus rekonstruieren, als man es üblicherweise auf irgendwelchen Rekonstruktionen, gleichgültig ob zeichnerisch oder tatsächlich errichtet, findet. Wir wollen uns nun aber eine Rekonstruktion ansehen, die genau die hier argumentierten Elemente enthält.

3.3.) Die alternative Rekonstruktion eines keltischen Wohnhauses

Abbildung 1b zeigt uns nun die alternative Rekonstruktion desselben Gebäudes, das wir schon auf Abbildung 1a rekonstruiert gesehen haben. Diese unterscheidet sich in dem, was sich im archäologischen Befund von diesem Gebäude finden würde, durch nichts von der „klassischen“ Rekonstruktion.
Es handelt sich dabei wie bei Abbildung 1a um einen Pfostenbau, der jedoch im Gegensatz zu dieser im Inneren gegliedert ist, und zwar sowohl in der Horizontalen als auch in der Vertikalen. Der wohl gravierendste Unterschied zu Abbildung 1a ist, daß das Haus in Abbildung 1b einen genutzten Dachraum aufweist, indem eine Zwischendecke eingezogen wurde. Dieser Dachraum ist in mehrere Räume gegliedert, teilweise durch fest eingebaute Trennwände, teilweise durch mobile Abtrennungen wie Vorhänge. Das Dachgeschoß wird  großteils als Schlafraum genutzt, als Schlafgelegenheit dienen Betten, es stehen zumindest Pölster als Unterlage für den Kopf zur Verfügung und das Bett ist zwar ebenso aus Stroh, jedoch in Form einer Strohmatratze, wie sie bis in die Neuzeit in Verwendung standen, und vor allem mit sauberen Decken versehen. Noch stärker als das Dachgeschoß ist das Erdgeschoß gegliedert. Hier sind mehrere Räume für unterschiedliche Funktionen durch feste Wände voneinander getrennt. Die Herdstelle findet sich in einer eigens als solche ausgewiesenen Küche mit angeschlossener Speisekammer; das zugehörige Kochgeschirr und das Material für den Tagesgebrauch ist in dafür vorgesehenen Regalen und anderen Stauraumeinrichtungen untergebracht oder mit Haken an der Wand befestigt. Werkzeuge, Waffen und Geräte finden sich entweder in dafür vorgesehenen Behältnissen wie Truhen oder Schatullen oder aber in dafür vorgesehenen Räumen. Zusätzlich dazu findet sich (auf dem Bild im vorderen Teil des Hauses) eine „Stube“ (ohne die gängige volkskundliche oder mittelalterarchäologische Definition anwenden zu wollen), in der für entsprechende niedere Sitzbänke, die mit Decken und Polstern belegt sind ebenso gesorgt ist wie für einen Eßtisch und Platz für alltägliche Arbeiten. Der Boden ist ebenso wie in der Abbildung 1a verfestigter Lehm, jedoch teilweise mit „Teppichen“ belegt und nicht mit dem alltäglichen Müll verschmutzt sondern sauber gekehrt (was bei gestampftem Boden durchaus möglich ist).
Der Raum selbst ist, durch die vertikale Gliederung, nicht so hoch wie in Abbildung 1a, die Wände jedoch sind nicht so niedrig als möglich gestaltet, die Höhe des Eingangs so gewählt, daß auch größer gewachsene Erwachsene sogar mit vollen Händen bequem eintreten können, die Türe ist mit einem eher komplexeren Schließsystem (für das man einen Hakenschlüssel braucht) verschlossen. Das Innere wird durch mehrere Fenster erhellt, die nicht unbedingt sehr groß sind oder sein müssen, aber doch zumindest für einen gewissen Tageslichteinfall sorgen. Als Rauchabzug dient, zumindest in der Küche, ein „Kamin“ aus Holz oder lehmverschmiertem Flechtwerk. Dies ist durchaus möglich und keineswegs besonders feuergefährlich.
Die Konstruktion ist so beschaffen, daß ein möglichst stabiles Gebäude erreicht wird und Bauteile möglichst leicht austauschbar sind. Das bedeutet: die Pfosten sind weitgehend bearbeitet, die Holzverbindungen sind gängige Varianten von mit einander verzapften und verzinkten Balken mit Holzvernagelung. Das Dach ist wie bei Abbildung 1a aus Schilf, jedoch mit einer zusätzlichen Verstärkung des Giebels und vor allem der Firstenden, sowie mit einer Dachrinne, und, in unserem Fall, mit einem „Wetterschwein“ (so etwas wie ein Wetterhahn) als Verzierung.
Im ganzen Haus finden sich vielerlei Verzierungen, sowohl an Teilen des Hauses selbst sowie an mehr oder minder mobilen Einrichtungsgegenständen, Schnitzereien ebenso wie gedrechselte Teile, vor allem aber auch Vorhänge, Blumenkisten vor den Fenstern und Teppiche auf den Böden.

Abbildung 1b: Alternative Rekonstruktion eines keltischen Wohnhauses.
Im Endeffekt ergibt sich dadurch natürlich ein völlig anderes Bild als auf Abbildung 1a; ein Bild, das auch eine völlig andere Botschaft vermittelt als Abbildung 1a. Waren die Bewohner der Hauses auf Abbildung 1a schmutzige, heruntergekommene Barbaren, sind die Bewohner des Hauses auf Abbildung 1b saubere, schmucke Bauern aus einem idyllischen Bild eines romantischen Malers. Die Aussage könnte unterschiedlicher gar nicht sein, tatsächlich ist jedoch beides für keltische Häuser möglich.
Bevor wir weitergehen, betrachten Sie die beiden Bilder auf Abbildung 1a und 1b noch einmal und beantworten Sie sich bitte die Frage: In welchem dieser Häuser würden Sie lieber wohnen?

3.4.) Die „klassische“ Rekonstruktion des Wohnbaus und seiner unmittelbaren Umgebung

Nun wollen wir einen Schritt weiter machen und, sozusagen, das Wohnhaus verlassen und seine nähere Umgebung betrachten. Abbildung 2a zeigt eine Einheit, die ich an anderer Stelle als „funktionale Einheit“ bezeichnet habe30. Es handelt sich dabei um den in Abbildung 1a rekonstruierten Wohnbau sowie ein zugehöriges Gebäude, das sich im Befund als eingetieftes Objekt darstellen würde.

Abbildung 2a: „Klassische“ Rekonstruktion eines keltischen Wohnbaus und seiner unmittelbaren Umgebung.
Wir kennen bereits das Wohnhaus selbst; von außen erkennt man es nun als schmuckloses, simples Gebäude ohne spezielle äußere Kennzeichen. Wie auf vielen Rekonstruktionen bröckelt der Lehmputz an vielen Stellen von den Wänden. Das angeschlossene Nebengebäude ist ebenso schmucklos und ungepflegt.
Die beiden Gebäude sind miteinander und mit ihrer Umgebung durch einfach durch das Gras und Unkraut der Umgebung mehr oder minder niedergetretene Pfade verbunden, auf denen sich, ebenso wie im Inneren des Wohnhauses, all jene Abfallreste zufällig verteilt dort finden, wo sie zu Boden fielen. Diese Pfade werden nicht gepflegt; sammeln sich aufgrund von entsprechenden Bodenverhältnissen nach Regengüssen mitten auf dem Weg größere Lacken, werden diese entweder umgangen oder durchwatet, je nachdem was den Bewohnern des Hauses gerade besser gefällt.
Direkt ans Wohnhaus angeschlossen befindet sich ein Misthaufen, der als Toilette für die Hausbewohner ebenso wie für den anfallenden größeren Restmüll, der nicht einfach dort, wo er zu Boden fiel, liegengelassen werden konnte sondern aus dem Weg geräumt werden mußte, dient. Eventuelle Flüssigkeiten, die aus diesem Misthaufen herauslaufen könnten, laufen einfach unreguliert wie es die Bodenverhältnisse erlauben über den Vorplatz des Hauses.
Die Bereiche, die nicht häufiger als Wege begangen werden, werden von Gras oder Unkraut bewachsen, hinter dem Haus wächst auf unserer Abbildung zufällig ein Baum, der niemandem im Weg zu sein scheint, weshalb er noch stehen dürfte. Vielleicht ist er zufällig gewachsen, nachdem irgend jemand einen Apfelbutzen weggeworfen oder einen Kirschkern dorthin gespuckt hat, in diesem Fall könnte es sich vielleicht sogar um einen Obstbaum handeln.
Um es offen zu sagen, habe ich eher größere Probleme mir vorzustellen, wie ein keltischer Krieger mit seinem schön verzierten und geschmückten Streitwagen, wie er z.B. in irischen Sagen beschrieben wird, von erfolgreichem Kampf zurückkehrend vor ein solches Ensemble vorfährt.

3.5.) Argumentation zum Wohnhaus und seiner unmittelbaren Umgebung

Betrachten wir nun wieder einige Elemente dieser Rekonstruktion im Detail.
Aus der vorhergehenden Argumentation ergibt sich natürlich bereits klarerweise, daß das Wohngebäude keineswegs ein schmuckloses, simples Gebäude sein muß, sondern durchaus auch ein hübsches, schmuckes Häuschen sein kann, und dasselbe gilt natürlich ebenso für das Nebengebäude. Auch der Zustand des Ensembles in Bezug auf die Pflege der Fassaden ist natürlich genausogut gepflegt möglich, wie er schäbig sein kann – jedenfalls ist die Schäbigkeit und Vernachlässigung keineswegs zwingend vorgegeben.
Ebensowenig ist es zwingend, daß die Wege zwischen den Gebäuden vernachlässigt und eigentlich nur niedergetrampelte Pfade sind, die mit mehr oder minder grobem Abfall verschmutzt sind. Wenn wir im Gegenteil annehmen wollen, daß (zumindest manche) Kelten Wert auf eine gewisse Sauberkeit im Haus legten, ist es vermutlich nur sinnvoll und logisch, daß die Wege vor dem Haus und zu dessen unmittelbaren, häufiger genutzten Nebengebäuden, gepflegt sind. Dadurch wird die Wahrscheinlichkeit, daß grober Schmutz vom direkten Vorbereich des Hauses, vor allem wenn die Wetterbedingungen gerade nicht optimal sind, ins Haus hinein verbracht wird, dramatisch gesenkt, ebenso wie durch eventuelle zusätzliche Maßnahmen, wie das Belegen der Wege mit Holzlatten oder Rindenresten, oder auch die Anlage von begleitenden Gräbchen zur Ableitung von Oberflächenwasser, auch die Gefahr eines groben Verschlammens der Wegoberflächen gebannt wird.
Außerdem könnte man zumindest die Möglichkeit in Betracht ziehen, ob nicht auch hölzerne Dachrinnen an den Dächern, zumindest an manchen Gebäuden, angebracht waren, einerseits um den direkten Nahebereich des Hauses vor größeren Mengen an Oberflächenwasser zu schützen und außerdem, um möglicherweise Regenwasser in Tonnen zu sammeln, um eventuell einen gewissen Wasservorrat in der Nähe des Hauses zu haben, was den Vorteil hat, nicht jedesmal für Wasser an den nächsten Bach oder den nächsten Brunnen gehen zu müssen. Andererseits wäre es auch möglich, daß bei anderen Gebäuden, wie z.B. bei Grubenhütten, die sicher bis zu einem gewissen Grad durch Oberflächenwasser gefährdet sind, das Wasser vom Dach durch ein das Gebäude mehr oder minder umgebendes Gräbchen abgeleitet wurde, wie man es auch hin und wieder schon auf einer Rekonstruktionszeichnung gefunden hat31.
Es stellt sich auch die Frage, ob der Misthaufen, der wohl auch als Abort gedient hat32, dessen Existenz wohl als gesichert anzunehmen ist, unbedingt direkt an der Mauer des Wohnhauses und noch dazu an dessen Vorderfront errichtet werden muß. Tatsächlich ist eher anzunehmen, daß man einen solchen Haufen in einem gewissen Abstand vom Haus, und vielleicht auch nicht direkt an der ständig begangenen Vorderseite des Hauses errichtet hat. Auch eventuell aus einem solchen Haufen auslaufende Flüssigkeiten könnte man wohl gut mittels kleinen Gräbchen aus dem unmittelbaren Nahebereich des Hauses abgeleitet haben.
Die freien Flächen im Bereich eines solchen Ensembles aus Wohn- und direkt zugehörigen Nebengebäuden wird ebenfalls kaum völlig willkürlich mit Unkraut bewachsen und durch Trampelpfade durchschnitten worden sein. Hier besteht durchaus die Möglichkeit, daß eingehegte und gepflegte Beete33 angelegt gewesen sein könnten, im Sinne eines Kräuter- oder Nutzpflanzengartens34, oder aber andererseits eine halbwegs gepflegte Wiese oder ein sauberer Platz vor dem Haus35. Ist in unmittelbarer Umgebung eines solchen Wohnbereichs tatsächlich ein Garten angelegt, so ist durchaus anzunehmen, daß dieser auch Obstbäume enthalten konnte.
In Anbetracht der Tatsache, daß es eine Abgrenzung geben muß, um den Nahebereich des Hauses rein zu halten und auch einen eventuell in der unmittelbaren Umgebung des Hauses angelegten Gemüsegarten vor Viehschäden zu schützen, kann man wohl auch annehmen, daß dieser Bereich des Gebäudes durch einen Zaun, z.B. in Form eines relativ leichten Flechtwerkzaunes oder einer ähnlichen Konstruktion, vielleicht auch in Verbindung mit einer mehr oder minder dichten Hecke, eingegrenzt und geschützt war. Derartige Zaunkonstruktionen wurden in der Literatur bereits hin und wieder vermutet, teilweise finden sich sogar in Befunden Gräbchen, die als Spuren solcher Einzäunungen innerhalb des Hofbereichs, sogar durchaus von stabilen Eingrenzungen, herstammen dürften36.
Die Elemente, die aus dieser Argumentation gewonnen werden können, gemeinsam mit denen aus der vorhergehenden Argumentation über das Wohnhaus selbst, geben erneut ein völlig anderes Bild als die „klassische“ Rekonstruktion vermittelt. Versuchen wir nun erneut, ein alternatives Bild entsprechend den hier argumentierten Punkten zu rekonstruieren.

3.6.) Die alternative Rekonstruktion des Wohnbaus und seiner unmittelbaren Umgebung

Als Kontrast zu Abbildung 2a betrachten wir nun Abbildung 2b. Wie bei Abbildung 2a zeigt diese den entsprechend in Abbildung 1b rekonstruierten Wohnbau sowie ein zugehöriges Gebäude, das sich im Befund als eingetieftes Objekt darstellen würde.
Wir kennen auch hier bereits das Wohnhaus; von außen erkennt man es nun als schmuckes Häuschen mit einigen blumengeschmückten Fenstern zu ebener Erde und im ersten Stock. Das an den Giebelenden vorspringende Dach wird gleich als Lagerplatz für Feuerholz als auch als Platz für eine Wäscheleine genutzt. Das Dach selbst wird, wie schon erwähnt, durch Dachrinnen unten abgeschlossen, die eventuell vom Dach ablaufendes Wasser in Regentonnen sammeln. Das Gebäude wirkt von außen ebenso gepflegt wie von innen. Das angeschlossene Nebengebäude ist ebenso schmuck und weist Blumenkästen an den Fenstern auf, wenngleich es im Gegensatz zum Wohnhaus  keine Dachrinne aufweist, sondern das Wasser durch ein kleines umgebendes Gräbchen abgeleitet wird. Hölzerne Gitter als Fußabstreifer vor beiden Gebäuden sorgen dafür, daß kein allzu grober Schmutz ins Haus mitgenommen wird.
Die beiden Gebäude sind miteinander und mit ihrer Umgebung durch angelegte Wege verbunden, die eventuell sogar durch ein Gräbchen zum Sammeln und Ableiten von Oberflächenwasser begleitet sein könnten. Diese Pfade werden auch gepflegt, um größere Lacken und daraus resultierende Schlammgruben zu vermeiden. Zwischen diesen Pfaden sind Beete angelegt, die sauber begrenzt sind und die zum Anbau von diversen Gartenkräutern, Blumen und Gemüse genutzt werden.

Abbildung 2b: Alternative Rekonstruktion eines keltischen Wohnbaus und seiner unmittelbaren Umgebung.
Hinter dem Wohnhaus befindet sich ein Misthaufen, der auch als Toilette für die Hausbewohner dient, der kompostiert wird und so auch wieder im Garten verwendet werden kann. Eventuelle Flüssigkeiten, die aus diesem Misthaufen herauslaufen könnten, werden durch ein kleines Gräbchen aus dem Bereich des Gartens abgeleitet.
Neben und hinter dem Haus sind auch mehrere Bäume zu finden, die als Obstbäume genützt werden und zu diesem Zweck vermutlich auch geplant gepflanzt und gehegt wurden.
Umgeben ist das gesamte Ensemble von einem Flechtwerkzaun, der den Zweck hat, diverses Kleinvieh, das sich auf jedem Bauernhof herumtreibt, vom Gemüsegarten und dem direkten Eingangsbereich des Wohnhauses fernzuhalten. In unserem speziellen Fall hat eine passioniertere Gärtnerin sogar einen Heckenrosenbogen über einen der Eingänge in diesen Bereich gezogen.
Gerade in diesem Bild zeigt sich besonders kraß der Unterschied zwischen der „klassischen“ Art, eine solche Einheit zu rekonstruieren und der hier von mir vorgeschlagenen Alternative. Zeigt uns das Bild auf Abbildung 2a einen heruntergekommenen Schuppen, so sehen wir auf Abbildung 2b ein Haus mit Garten, das man wohl auch ohne weiteres als „Werbebild“ für ein Ferienhäuschen in einer beliebigen bäuerlichen Region benutzen könnte. Von beiden würde jedoch im archäologischen Befund dasselbe übrigbleiben.
Bevor wir noch einen Schritt weiter machen, betrachten Sie die beiden Bilder auf Abbildung 2a und 2b noch einmal und beantworten Sie Sich bitte die Frage: In welchem dieser Häuser können Sie sich Ihre Großmutter eher vorstellen?

3.7.)  Die „klassische“ Rekonstruktion einer keltischen Siedlung

Wenden wir uns nun noch der Siedlung im allgemeinen zu. Beginnen wir dazu mit Abbildung 3a, die eine „klassische“ Rekonstruktion einer keltischen Siedlung darstellt37. Dabei findet sich im Vordergrund des Bildes erneut die funktionale Einheit, die wir bereits aus Abbildung 2a kennen, dahinter finden sich dann weitere Siedlungsbauten, die andere Funktionen aufweisen könnten, wie z.B. als Stallbereich genutzt werden, oder als Werkstättenbereich für ein wie auch immer geartetes, in der Siedlung ausgeführtes Handwerk.

Abbildung 3a: „Klassische“ Rekonstruktion einer keltischen Siedlung.
Die hier gezeigte Siedlung besteht aus einer mehr oder minder willkürlichen Ansammlung von Bauten, die ohne viel zu überlegen einfach wild aufgestellt wurden. Die Bauten entsprechen in ihrer grundlegenden Ausführung alle dem Wohngebäude, das ja schon oben im Detail beschrieben wurde.
Verbunden sind die Gebäude in dieser Siedlung mit Pfaden und Wegen, die denen in der funktionalen Einheit in Abbildung 2a entsprechen. Sie sind nicht geplant angelegt, sondern eher zufällig so entstanden, wie eben die ersten häufiger begangenen Strecken waren, die dann soweit niedergetreten wurden, daß eben kein Gras und Unkraut mehr auf ihnen wuchs. Auf und neben ihnen liegt der bereits mehrfach erwähnte Kleinmüll, der einfach dort liegengelassen wurde, wo er niederfiel. Der Hauptpfad, mehr oder minder die „Hauptstraße“ der Siedlung, die diese vermutlich auch mit anderen Siedlungen in der näheren Umgebung verbindet, durchquert auch unweit der Siedlung in einer einfachen Furt den nahe an der Siedlung vorbeifließenden Bach.
Im Bildhintergrund ist ein aufgelassenes eingetieftes Objekt noch recht gut zu erkennen, das nun langsam zuerodiert, teilweise wird auch anfallender Müll hineingeworfen, jedoch eher nur dann, wenn er zufälligerweise in der Nähe dieses Loches entsteht.
Nicht unweit davon befindet sich eine Feuerstelle, wie hin und wieder eine ohne Zusammenhang mit Objekten zu finden ist.
In der Siedlung stehen auch noch einige Bäume und Hecken herum, die jedoch nicht willkürlich angelegt sondern eher zufällig stehengeblieben oder gewachsen sind, wo sie niemanden störten. Sie haben keinen besonderen Nutzen, bieten aber wenigstens kleineren Wildtieren Unterschlupf.
Um ganz ehrlich zu sein, ich habe eher größere Schwierigkeiten, mir diese Siedlung als von Menschen bewohnt vorzustellen, die hier tatsächlich ihr Leben verbringen, um sich ihren Lebensunterhalt zu erarbeiten. Für mich sieht diese Siedlung eher verlassen aus.

3.8.) Argumentation zur keltischen Siedlung

Viele Details verbleiben nun nicht mehr, die nicht bereits in der letzten Argumentation zum Wohnhaus und seiner direkten Umgebung abgedeckt wurden.
Die Pflege der anderen Wege und weiteren Gebäude in der Siedlung ist mit Sicherheit mehr von ihrem praktischen Zweck abhängig, als dies beim Wohnhaus der Fall ist. Ein Stall ist zwangsweise mit einem gewissen Schmutz verbunden; das läßt sich auch auf einer sonst sauber gehaltenen Siedlung nicht vermeiden; und Viehpfade vom Stall hinaus auf die Weiden sind sicherlich zwangsweise bis zu einem gewissen Grad zerwühlt und mit Fäkalien verschmutzt; aber zumindest die Wege zu den diversen Wirtschaftsgebäuden, die nicht mit unvermeidlicher Beschädigung verbunden sind, entsprechen sicher ungefähr den Wegen im Nahbereich des Hauses. Wir können auch annehmen, sollte nicht derselbe Misthaufen benutzt werden, den auch das Wohnhaus benutzt, daß es für die Tierexkremente einen eigenen Dunghaufen gibt38.
Tatsächlich sollte man noch darauf hinweisen, daß in einer solchen keltischen Siedlung vermutlich noch eine ganze Menge an Zäunen und sonstigen Begrenzungen vorkommen, einerseits um Vieh innerhalb der Siedlung einpferchen zu können, andererseits um es von jenen Bereichen der Siedlung, in denen z.B. Handwerke ausgeübt werden, fernzuhalten. Diese Zäune können unterschiedlichster Art sein, von leichten Flechtwerkzäunen bis hin zu schweren Palisadenzäunen, je nach konkreter Funktion. In so durch Zäune geschützten Bereichen können sich durchaus auch noch weitere Gärtchen finden, ebenso wie Kleinvieh in solchen eingezäunten Bereichen gehalten werden kann.
Umgeben ist die Siedlung mit ziemlicher Sicherheit von einem Zaun, der das gesamte Areal einschließt, wie auch diverse Befunde bereits nahegelegt haben39. Tatsächlich muß eine derartige Einfriedung vermutlich nicht unbedingt aus einem durchgehenden Zaun sein, sondern kann sich durchaus aus verschiedenen „Zauntypen“ in verschiedenen Bereichen der Umzäunung bestehen. Die prinzipielle Existenz eines solchen Zaunes, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vor allem eine juristische Bedeutung hatte40, ist aber kaum zu bezweifeln.
Jedenfalls ergibt sich auch daraus wieder, vor allem in Verbindung mit den Elementen der vorhergehenden Argumentationen, ein sehr verschiedenes Bild von dem, was auf „klassischen“ Rekonstruktionen zu sehen ist, und darauf wollen wir nun noch abschließend einen kleinen Blick wagen.

3.9.) Die alternative Rekonstruktion einer keltischen Siedlung

Im Gegensatz zu Abbildung 3a steht nun die Rekonstruktion, die auf Abbildung 3b zu sehen ist. Wie bei Abbildung 3a findet sich im Vordergrund des Bildes erneut die funktionale Einheit, die wir hier aus Abbildung 2b kennen, dahinter finden sich dann weitere Siedlungsbauten wie auch auf Abbildung 3a.
Die hier gezeigte Siedlung besteht aus einer grundsätzlich geplanten Ansammlung von Bauten, die, je nach ihrer Funktion, zusammen gruppiert oder voneinander getrennt aufgestellt wurden. Die Bauten entsprechen auch hier in ihrer Ausführung dem Wohngebäude, das ja schon oben im Detail beschrieben wurde.

Abbildung 3b: Alternative Rekonstruktion einer keltischen Siedlung.
Verbunden sind die Gebäude in dieser Siedlung mit Pfaden und Wegen, die denen in der funktionalen Einheit in Abbildung 2b entsprechen. Im Gegensatz zu Abbildung 3a sind sie geplant angelegt, also zum Großteil gerade, und sind auch halbwegs gepflegt, wenngleich nicht unbedingt alle derartig gut wie die im direkten Gartenbereich des Wohnhauses. Die Wege innerhalb der Siedlung werden nicht besonders gesäubert, aber doch soweit von Müll freigehalten als für ihre grundsätzliche Instandhaltung notwendig ist. Der Hauptpfad, hier klar erkennbar die „Hauptstraße“ der Siedlung, die diese mit anderen Siedlungen in der näheren Umgebung verbindet, wird unweit der Siedlung mittels einer einfachen Holzbrücke über den vorbeifließenden Bach geführt, um zumindest in direkter Siedlungsnähe nicht jedesmal, wenn der Bach überquert werden muß, nasse Füße zu bekommen und schwer beladene Karren durch eine schlammige Furt zu zerren.
Im Bildhintergrund ist ein aufgelassenes eingetieftes Objekt noch mit etwas Glück zu  erkennen, das mit Material vom Mist- bzw. Komposthaufen zugeschüttet wurde und das nun als „Beet“ zur Anpflanzung zweier neuer Obstbäume dient.
Überhaupt finden sich mehrere Nutzbäume in der Siedlung, teilweise Obstbäume, die im Obstgarten hinter dem Wohnhaus, aber auch am Rand der Siedlung, wie eben in dem aufgelassenen eingetieften Objekt, gezielt angepflanzt wurden. Außerdem werden Bäume auch als Windschutz für die Siedlung im allgemeinen genutzt, dienen dabei gleichzeitig auch als Materiallieferanten für Holz für den täglichen Gebrauch. Hecken sind ebenfalls in der Siedlung häufig in Verwendung, vor allem als Begrenzung, als „natürliche Zäune“, aber teilweise auch als Materiallieferant wie z.B. zum Korbflechten.
Innerhalb der Siedlung finden sich an mehreren, geeigneten Stellen eingegrenzte Beete, ebenso wie die im Garten des Wohnhauses, für diverse weitere Nutz- und Nährpflanzen. Auch diese sind gepflegt und durch angelegte Wege begehbar.
Die Siedlung selbst ist eingezäunt, wobei verschiedene Varianten von Einzäunungen für verschiedene Aufgaben gewählt wurden. Wo Kleinvieh eingepfercht oder von etwas ferngehalten werden soll, sind dies vor allem eher leichte Zäune, wie z.B. Flechtwerkzäune, wo hingegen größeres Vieh betroffen ist, sind festere Zäune wie z.B. Balkenverhaue oder auch dichte Hecken angelegt.
Wiederum zeigt sich zwischen den beiden alternativen Rekonstruktionen ein extremer Unterschied in der Aussage der Bilder. Einerseits finden wir hier auf der „klassischen“ Rekonstruktion eine heruntergekommene Siedlung, die eher verlassen, zumindest jedoch nicht dauernd bewohnt erscheint, auf der alternativen Rekonstruktion hingegen findet sich eine Siedlung, die mehr an ein idyllisches Bauerndorf für Wandertouristen erinnert. Wieder stehen wir jedoch vor der Tatsache, daß sich im archäologischen Befund, der von beiden Siedlungen übrigbliebe, kein Unterschied zwischen den beiden feststellen lassen würde.
Bevor wir zu meinen Schlußfolgerungen kommen, betrachten Sie noch einmal die beiden Abbildungen 3a und 3b und beantworten Sie sich die Frage: Welche der beiden Siedlungen erinnert sie mehr an Bauerndörfer in ländlichen Gegenden Ihrer Heimat?

4.) Schußfolgerungen

Natürlich habe ich, wie ich auch in der Einleitung ausgeführt habe, bewußt und beabsichtigt die Rekonstruktionen so gewählt, daß vor allem meine Alternativrekonstruktionen einen geradezu kitschig-idyllischen Eindruck beim Betrachter erwecken und eher an Puppenhäuschen und Postkartenromantik erinnern als den Eindruck einer prähistorischen Siedlung zu erwecken. Tatsächlich halte ich diese extreme Darstellung jedoch für notwendig, um einmal das Spektrum aufzuzeigen, das möglich ist, ohne die Grundlagen des Befundes zu verlassen.
Mir stellt sich nun allerdings die Frage, warum, wenn uns ein derart breites Spektrum an Möglichkeiten für die Rekonstruktion keltischer Wohnanlagen zur Verfügung steht, wir immer das eine, übermäßig primitiv wirkende, Ende des Spektrums als typisch wählen?
Wenn man diese Frage tatsächlich stellt, so werden eine Reihe von Gründen angegeben, weshalb die Rekonstruktion so gewählt wurde: von ethnographischen Parallelen (sehen alle Häuser in Kulturen auf eisenzeitlichem Niveau derartig schäbig aus? Ich denke nicht!) über technische Gründe (z.B. zu hoher Wärmeverlust durch Fenster - warum dann die meisten Häuser des 16. Und 17. Jahrhunderts in volkskundlichen Museen, in denen auch keine anderen Heiztechniken zur Verfügung standen als in keltischen Häusern, durchaus Fenster haben, bleibt offen), historische Daten (z.B. Bildzeugnisse auf römischen Siegesdenkmalen - wobei ich keinen Grund erkennen kann, warum diese Häuser nicht meinen alternativen Rekonstruktionen genauso entsprechen könnten) bis hin zu „wissenschaftstheoretischen“ Gründen (es wird nur das rekonstruiert, was wir halbwegs belegen können - eine Begründung die kaum weniger fundiert sein könnte, denn die Belegsituation für die Außenwand eines Hauses ist, außer eventuell durch die Vorstellungskraft des Betrachters begründet, um nichts besser belegt als Trennwände, genauso wie grobe Hocker aus einfach aus Bäumen geschnittenen Scheiben durch nichts besser belegt sind als fein geschnitzte Sessel) und „historischen“ Begründungen (die Nazis wollten die Germanen mit „schmucken“ Rekonstruktionen verherrlichen, deswegen wird heute alles primitiv rekonstruiert - eine durchaus interessante Begründung, aber heute könnte dieses Trauma doch bereits überwunden sein) erstreckt sich das Spektrum der Antworten auf diese Frage; ich kann jedoch keines dieser Argumente als relevant anerkennen. Es lassen sich für alle dieser Argumente ohne große Anstrengung eine Menge an Gegenbeispielen bringen (mit Ausnahme dessen der Gegenreaktion auf nationalsozialistisch beeinflußte Rekonstruktionen, aber dieses Argument ist ein politisches, kein wissenschaftlich relevantes).
Damit bleibt eigentlich keines der gängigen Argumente mehr, das uns zwischen den „klassischen“ und meinen alternativen Rekonstruktionen als qualifizierendes Kriterium zur Verfügung steht, was die konkrete Notwendigkeit darstellt, endlich von verallgemeinernden A-priori-Annahmen wegzukommen und konkret die durchaus ja bekannten Fakten zu verwenden, die ich hier in meiner Argumentation angerissen habe. Dabei kann man natürlich keineswegs davon ausgehen, daß die von mir gebrachten Argumente alle in gleichem Maße gültig sind oder man teilweise manche davon nicht sogar völlig verwerfen muß; jedoch sollte dies meiner Einschätzung nach mit einer aus der Faktenlage genommenen Begründung geschehen. Ich gebe z.B. gerne zu, daß man die Relevanz der irischen Gesetzestexte für Rekonstruktionen kontinentalkeltischer Wohnanlagen durchaus bezweifeln kann, besonders unter dem Gesichtspunkt, daß das konkrete Siedlungsbild im Irland des 6. bis 10.Jahrhunderts nach Christus sich ja bekanntermaßen komplett von dem im kontinentalen, vorchristlichen Europa unterscheidet. Aber andererseits ist eine Vernachlässigung daraus abzuleitender Elemente, die wie z.B. im Fall des Gemüsegartens zumindest linguistisch auf eine Bildung des Terminus in der gemeinkeltischen Periode hindeuten, meiner Einschätzung nach nicht berechtigt, zumindest nicht ohne eine vernünftige Begründung dafür bieten zu können.
Tatsächlich möchte ich gar nicht behaupten, daß meine alternativen Rekonstruktionen nun das „wahre“ Bild keltischer Wohnanlagen wiedergeben, wie mehrfach erwähnt sind diese ja bewußt überzeichnet. Was ich jedoch behaupte ist, daß so manche keltische Wohnanlage meinen Vorschlägen wesentlich ähnlicher sah als den „klassischen“ Rekonstruktionen. Was ich postulieren möchte ist, daß es bei keltischen Wohnanlagen tatsächlich auch ein ganzes Spektrum von Gestaltungsmöglichkeiten gab, von schäbigen und heruntergekommenen Anlagen, die ganz dem Stil der „klassischen“ Rekonstruktionen entsprechen, bis hin zu echten „Schmuckkästchen“, die sehr nahe an meinen alternativen Rekonstruktionen lagen, sowie alles, was dazwischen zu finden ist und, möglicherweise, sogar noch einige noch extremere Ausformungen als in den hier geboten Überzeichnungen.
Da wir Archäologen, besonders wenn wir Rekonstruktionszeichnungen oder rekonstruierte Bauten anfertigen, ein Bild und eine Aussage damit vermitteln, halte ich es für sehr bedenklich, daß all die existenten Rekonstruktionen einen unterbewußten Primitivismus vermitteln, der meiner Einschätzung nach das Bild des modernen Menschen vom prähistorischen Kelten sehr stark beeinflußt hat und weiter beeinflussen wird, der jedoch in der Weise wie wir ihn bisher präsentiert haben zumindest zweifelhaft und daher so nicht gerechtfertigt ist. Tatsächlich sollten wir uns einmal bewußt fragen, ob dieses Bild, das wir mit solchen Rekonstruktionen zeigen, tatsächlich dem entspricht, was wir von der keltischen Kultur an Hinterlassenschaft haben, und wie weit wir nicht dadurch Mitschuld an z.B. dem modernen esoterischen Keltenbild haben, das den antiken Kelten eine tiefere Spiritualität bei mehr oder weniger weitgehender Vernachlässigung der materiellen Lebensumstände zuschreibt, oder auch dem weitverbreiteten Vorstellungsbild Vorschub leisten, daß die „überlegenen“ Kulturvölker des circummediterranen Raumes erst ein lebenswertes Leben und den Segen der Hochkultur in das „barbarische Dunkel“ des Nordens brachten, ja ob nicht unsere dementsprechenden Darstellungen tatsächlich erst so ein Bild ausgelöst haben.
Um einer solchen Vermittlung falscher oder unbegründeter Bilder entgegenzuwirken möchte ich meine alternativen Rekonstruktionen verstanden wissen und hoffe, daß in Zukunft etwas mehr Abwechslung in der und mehr Begründungen für die konkrete Ausführung von Rekonstruktionen keltischer Wohnanlagen gefunden werden kann.41


Fußnoten:
1  K.R. Popper, Die Logik der Forschung. 9.verbesserte und erweiterte Ausgabe, Bonn 1982.
2  Als rein technische Rekonstruktionen betrachte ich solche, die nur technische Details darstellen wollen, also z.B. Rekonstruktionen der Pfostenkonstruktion, und zwar ausschließlich der Pfostenkonstruktion, in einem Oberflächenbau, oder auch der Dachkonstruktion, z.B. in Form einer reinen Strichzeichnung oder einer eindeutigen auf technische Aspekte und Fragen reduzierten Konstruktionszeichnung.
3  Siehe dazu J.Rehork, Sie fanden, was sie kannten: Archäologie als Spiegel der Neuzeit. Ismaning bei München, 1987.
4  Daß dies auch Archäologen durchaus bewußt ist, geht aus diversen archäologischen Arbeiten zu diesem Thema hervor, siehe dazu z.B. W.Lobisser und A.Stuppner, Zur Rekonstruktion eines kaiserzeitlichen Wohnstallgebäudes in Elsarn im Straßertal. Archäologie Österreichs 9/1, 1998, s.71.
5  Andernfalls dürfte schließlich niemals ein Dach rekonstruiert werden, weil es für Art und Aussehen der Dachkonstruktion und –deckung tatsächlich absolut keine Begründung aus gesicherten Befunden oder auch nur halbwegs verläßlichen Abbildungen gibt – dennoch geschieht dies regelmäßig, ebenso mit Unmengen anderer Rekonstruktionsbestandteile, die durch nichts tatsächlich dokumentiert sind.
6  Eine ähnlich unterschwellig implizierter Primitivismus findet sich auch bei archäologischen Rekonstruktionen mittelalterlicher Bauten, siehe dazu H.Geisler, Haus und Hof im frühmittelalterlichen Bayern nach den archäologischen Befunden. In: H.Beck und H.Steuer (Hrsg.), Haus und Hof in ur- und frühgeschichtlicher Zeit. Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften Göttingen – philologisch-historische Klasse III, 218, 1997, s.465, wo er über den Vergleich zwischen Hausrekonstruktionen aus Gesetzestexten und aus archäologischen Befunden das folgende schreibt: „Als problematisch erwies sich allerdings die Übertragung des so gewonnenen Bildes auf die ausgegrabenen Befunde, insbesondere wenn die Vorstellung von einer gewissen Primitivität im frühmittelalterlichen Bauwesen impliziert wurde.“.
7  Auch dieses Faktum ist vielen Archäologen bewußt und wird oft mit historisch motivierten Gründen erklärt (z.B.: nationalsozialistische Rekonstruktionen), oft genug aber auch mit anderen Gründen, oder gar nicht. In vielen Fällen liegt das wohl auch daran, daß die Erzeuger diverser Rekonstruktionen sich, bewußt oder unbewußt, einfach an die „Forschungstradition“ hielten. Siehe auch dazu z.B. W.Lobisser und A.Stuppner, Zur Rekonstruktion eines kaiserzeitlichen Wohnstallgebäudes in Elsarn im Straßertal. Archäologie Österreichs 9/1, 1998, s.73.
8  Als konkrete Rekonstruktionsgrundlage diente hier ein Oberflächenbau aus der mittellatènezeitlichen Siedlung von Göttlesbrunn, p.B. Bruck an der Leitha, siehe dazu S.-U.Prochaska, Die latènezeitliche Siedlung von Göttlesbrunn/Bruck a.d. Leitha. (Die Grabungssaisonen 1992, 93 und 94). unpubl.Diss., Wien 1998.
9  Th.Fischer, S.Rieckhoff-Pauli und K.Spindler, Grabungen in der spätkeltischen Siedlung im Sulztal bei Berching-Pollanten, Landkreis Neumarkt, Oberpfalz. Germania 62, 1984, 320ff.
10  M.M.Rind, Siedlungen und Hausbau in Bayern während der Metallzeiten. In: Bauern in Bayern von den Anfängen bis zur Römerzeit. Katalog des Gäubodenmuseums Straubing Nr.19, Straubing 1992, s.123, wenn die Vorschläge für Hausgrundrisse nach Osterhaus stimmen.
11  Th.Stöllner, Neue Grabungen in der latènezeitlichen Gewerbesiedlung im Ramsautal am Dürrnberg bei Hallein – Ein Vorbericht -. Archäologisches Korrespondenzblatt 21, 1991, s.264.
12  Siehe dazu z.B. R.Karl, Die latènezeitliche Siedlung von Göttlesbrunn, p.B. Bruck an der Leitha, Niederösterreich. Die Notbergung im Rahmen des Baus der A4-Ostautobahn im Jahr 1989. Unpubl.Dipl., Wien 1995.
13  Wie z.B. im Fall der Siedlung von Göttlesbrunn mehrfach festzustellen war, siehe dazu R.Karl, Die latènezeitliche Siedlung von Göttlesbrunn, p.B. Bruck an der Leitha, Niederösterreich. Die Notbergung im Rahmen des Baus der A4-Ostautobahn im Jahr 1989. Unpubl.Dipl., Wien 1995 und auch S.-U.Prochaska, Die latènezeitliche Siedlung von Göttlesbrunn/Bruck a.d. Leitha (Die Grabungssaisonen 1992, 93 und 94). Unpubl. Diss., Wien 1998.
14  Solche Gebäude sind z.B. auf der Markussäule zu erkennen.
15  So z.B. aus dem keltischen Gräberfeld in Wederath-Belginum, siehe dazu A.Haffner, Das spätlatènezeitliche Kriegergrab 1178 mit Feinwaage. In: A.Haffner (Hrsg.), Gräber, Spiegel des Lebens. Zum Totenbrauchtum der Kelten und Römer am Beispiel des Treverer-Gräberfeldes Wederath-Belginum. Schriftenreihe des Rheinischen Landesmuseums Trier Nr.2, 1989, s.174.
16  So findet sich z.B. im irischen Gesetzestext Crith Gablach (IV 312.) folgendes darüber, was ein relativ reicher Bauer vom Rang eines mruigfer an Kleidung zu besitzen hat: „He and his wife have (each) four costumes.“
(E.MacNeill, Ancient Irish Law: Law of Status and Franchise. Proceedings of the Royal Irish Academy C36, 1921-1924, s.291).
17  Wenngleich uns historische Quellen berichten, daß die Kelten beim Essen am Boden auf Fellen (Diodor V,28), Stroh (Strabon IV, 4, 3) oder trockenem Gras sitzen (Athenaios,IV, 36), so sind Sitzgelegenheiten für diverse Tätigkeiten zumindest nicht auszuschließen (z.B. Töpfern, Weben, etc.), und wenn man dies in Zusammenhang mit dem aus Autun aus dem Anualus-Heiligtum überlieferten canecosedlon sieht, das heute zumeist als Polster aus Wollgras interpretiert wird (H.Birkhan, Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. Wien 1997, s.776), kann dies durchaus auch breiter interpretiert werden, Gras oder Stroh könnten durchaus nicht lose, sondern in Form von Pölstern und „Matratzen“ gefaßt gewesen sein, die vielleicht auch auf hölzernen Unterlagen lagen.
18  Athenaios (IV, 36) berichtet uns ja ebenso, daß die Kelten von niederen Tischen aßen und dabei auch auf Sauberkeit scheinbar großen Wert legten, was in den gängigen Rekonstruktionen kaum möglich zu sein scheint – unter anderem wegen des Fehlens von genau solchen Tischchen. Tatsächlich findet sich ein solches kleines Tischchen, sogar mit gedrechselten Verzierungen, in einem latènezeitlichen Grab aus dem Gräberfeld von Wederath-Belginum. Siehe dazu R. Cordie-Hackenberg, Eine latènezeitliche Doppelbestattung mit Holzmöbel (Grab 1311). In: A.Haffner (Hrsg.), Gräber, Spiegel des Lebens. Zum Totenbrauchtum der Kelten und Römer am Beispiel des Treverer-Gräberfeldes Wederath-Belginum. Schriftenreihe des Rheinischen Landesmuseums Trier Nr.2, 1989, s.195.
19  Siehe dazu ebenfalls das soeben erwähnte Zitat aus Athenaios, aber auch den Hinweis auf die Reinlichkeit (Ammianus Marcellinus XV, 12) aber auch Eitelkeit der Kelten, eine Eigenschaft die sich kaum mit der Heruntergekommenheit und Verschmutzung der gängigen Rekonstruktionen vereinbaren läßt, einmal völlig abgesehen von der hohen Wahrscheinlichkeit, daß jemand, der auf schmuckes Äußeres Wert legt, auch auf ein schmuckes Wohnhaus Wert legen dürfte.
20  wie möglicherweise aus dem Befund von Montereale Valcellina zu erkennen, siehe dazu S.Corazza, Lo scavo della „casa die dolii“.
In: S.Vitri, Montereale Valcellina, La casa dell’età del ferro il restauro die metalli.Montereale Valcellina,1998, s.10.
21  Siehe auch dazu z.B. den Gesetzestext Crith Gablach (V 304, 79.), wo es über das Haus eines Kleinbauern vom Rang eines Ócaire heißt: „Two doorways in it. A door for one of them, a hurdle for the other, and this (the hurdle) without (projecting) wattles, without protuberances (?).“ (E.MacNeill, Ancient Irish Law: Law of Status and Franchise. Proceedings of the Royal Irish Academy C36, 1921-1924, s.287f.).
22  Schließlich macht es wenig Sinn, eine ohnehin schlecht gearbeitete Türe, die einem möglichen Eindringling keinen ernsthaften Widerstand bieten kann, mit einem doch relativ komplizierten Schließmechanismus zu versehen.
23  So z.B. auf der Markussäule.
24  Zu „feuerfestem“ Holz siehe die Ausstellung im Steirischen Holzmuseum in St.Ruprecht/Murau, siehe dazu auch J.Paungger, Th.Poppe, Vom richtigen Zeitpunkt. Die Anwendung des Mondkalenders im täglichen Leben. München 1991,s.191f. Ein Haus mit hölzernem Kamin findet sich z.B. im Freilichtmuseum Maria Saal in Kärnten, siehe dazu K.Eisner, O.Moser und J.Schwertner, Das Kärntner Freilichtmuseum in Maria Saal. 6.Aufl., Maria Saal 1992.
25  Schließlich legt man auch heute auf die Optik der Fundamente eines Hauses nicht annähernd den gleichen Wert als auf Fassade oder Innenarchitektur. Daß die antiken Kelten nicht ebenfalls die unterirdischen und damit unsichtbaren Bereiche des Hauses nicht weniger elaborat gestaltet haben sollten als die sichtbaren Teile, kann nicht a priori ausgeschlossen werden.
26  Siehe dazu z.B. Th.Stöllner, Neue Grabungen in der latènezeitlichen Gewerbesiedlung im Ramsautal am Dürrnberg bei Hallein – Ein Vorbericht -. Archäologisches Korrespondenzblatt 21, 1991, s.264.
27  Wenn man sich in diesem Zusammenhang z.B. die irischen Gesetzestexte ansieht und die Beschreibung des Daches eines tech nincis, des Hauses eines Ziehsohnes der gegen Kost, Quartier und späteres Erbe für den Unterhalt des alten Hofbesitzers sorgt, also dem Haus einer Person am unteren Ende des sozialen Spektrums, betrachtet, in der beschrieben wird: „From the level of the lintel (fordorus) upwards there are feathers between every second band of wattling, i.e. a layer of feathers is set under the thatch.“
(F.Kelly, Early Irish Farming. Early Irish Law Series vol.IV, 1997, s.362) zeigt sich, welche speziellen Maßnahmen selbst bei einem Dach eines einfachen Hauses unternommen wurden und mit welchen Möglichkeiten zur zusätzlichen Wärmedämmung vielleicht auch in unserem Raum zu rechnen ist.
28  Siehe dazu die Funde aus La Tène (A.Furger-Gunti, Der keltische Streitwagen im Experiment. Nachbau eines essedum im Schweizerischen Landesmuseum. Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 50/3, 1993, s.215.).
29  Siehe dazu z.B. Beschreibungen wie in Fled Bricrend: „...
Yet it surpassed the buildings of that period entirely for material and for artistic design, for beauty of architecture – ist pillars and frontings splendid and costly, it‘s carving and lintel-work famed for magnificence.“ (Chapter 1, §1.) oder „...It was set with carbuncles and other precious stones which shone with a lustre of gold and silver, radiant with every hue, making night like unto day“(Chapter 1, §2.) (G.Henderson, Fled Bricrend - The Feast of Bricriu. Irish Texts Society Vol.II, 1899, reprinted 1993, s.2 ff.).
30  Zum Thema „funktionale Einheit“ siehe R.Karl, Latènezeitliche Siedlungen in Niederösterreich. Untersuchungen zu Fundtypen, Keramikchronologie, Bautypen, Siedlungstypen und Besiedlungsstrukturen im latènezeitlichen Niederösterreich. Historica Austria Bd.2-3, Wien 1996, s.153ff. Die hier gezeigte Einheit möchte ich als Einheit von Wohnbau mit zugehörigem Erdkeller/Geräteschuppen betrachten. Es liegt der Abbildung kein Originalbefund zugrunde, sie ist jedoch entsprechenden Situationen in der Siedlung von Göttlesbrunn, p.B. Bruck an der Leitha, NÖ, nachempfunden.
31  Siehe dazu z.B. H.Sedlácková, Ein latènezeitliches Haus aus Mittelböhmens (samt Rekonstruktionsvorschlag). Mannus 56, 1990, s.37.
32  Tatsächlich ist es in den irischen Gesetzestexten sogar ein Vergehen, ein Haustier einen Weg in der Nähe eines Hauses oder einen Versammlungsplatz durch seine Fäkalien verunreinigen zu lassen. Im letzteren Fall muß der Besitzer der Tiere, die diese Verunreinigungen verursacht haben, den Versammlungsplatz säubern und die betroffenen Bereich mit feinem Lehm abdecken.
(F.Kelly, Early Irish Farming. Early Irish Law Series vol.IV, 1997, s.143ff). Umso wahrscheinlicher ist es, daß ein eigener Platz als Abort für Menschen eingerichtet war. Tatsächlich findet sich ein Abort in den walisischen Gesetzen erwähnt (D.Jenkins, The Law of Hywel Dda. Llandysul 1986 (reprint 1990), s.41).
33  Solche Beete können diverseste Nutzpflanzen enthalten, und unter anderem können auch Brennesseln, wie sie Waldhauser für Radovesice für die freien Flächen im Siedlungsinneren teilweise festgestellt hat (J.Waldhauser et al., Die hallstatt- und latènezeitliche Siedlung mit Gräberfeld bei Radovesice in Böhmen. Arch.výz.v severních Chechách 21, 1993, s.370 und Anm.1118) sowohl als Nahrungspflanzen in einem solchen Garten genutzt worden sein, als sie auch als Eingrenzung und natürlicher Ungezieferschutz für solche Beete dienen konnten (siehe dazu auch schon R.Karl, Die latènezeitliche Siedlung von Göttlesbrunn, p.B. Bruck an der Leitha, Niederösterreich. Die Notbergung im Rahmen des Baus der A4-Ostautobahn im Jahr 1989. Unpubl.Dipl., Wien 1995, s.182f.).
34  In den irischen Gesetzestexten sind solche „Gemüsegärten“ im Text Bechbretha belegt, und zwar mit dem Terminus „lubgort“, ein Begriff der direkte Entsprechungen im cymrischen „lluarth“, bretonischen „liorz“ und cornischen „lowarth“ hat und somit auf einen gemeinkeltischen Wortstamm zurückgehen dürfte. In einem solchen Garten könnten auch Obstbäume gestanden haben, wie ebenfalls für solche Gärten im Text Bethu Brigte belegt.
(F.Kelly, Early Irish Farming. Early Irish Law Series vol.IV, 1997, s.368). Der Vollständigkeit halber muß angemerkt werden, daß ein solcher Gemüsegarten im irischen Siedlungswesen etwas außerhalb des direkten Wohnortes situiert wird, normalerweise außerhalb der Einfriedung des Wohnbereichs, in der üblicherweise keine landwirtschaftlichen Tätigkeiten stattgefunden zu haben scheinen. Da das konkrete irische Siedlungsbild aber dem kontinentalen nicht besonders gut entspricht, glaube ich, daß diese Tatsache hier ignoriert werden kann. Tatsächlich gibt es aber sogar in den irischen Gesetzen einen Fall, wo tatsächlich Beete (air. indrad) innerhalb dieser Einfriedung des effektiven Wohnbereichs angelegt sind, nämlich von einem Ziehsohn, der die Versorgung eines alten Landbesitzers übernimmt. (F.Kelly, Early Irish Farming. Early Irish Law Series vol.IV, 1997, s.367).
35  In den irischen Texten gibt es einen solchen, sogar gepflasterten Bereich im Eingangsbereich der Einzäunung des Wohnplatzes, der scheinbar speziell sauber gehalten wurde; war er schmutzig, wurde das als Zeichen für schlechte Verhältnisse in diesem Hof bewertet. (F.Kelly, Early Irish Farming. Early Irish Law Series vol.IV, 1997, s.367).
36  Siehe dazu z.B. P.C.Ramsl, Inzersdorf-Walpersdorf. Studien zur späthallstatt-/latènezeitlichen Besiedlung im Traisental, Niderösterreich. FÖ Materialhefte A6, Wien 1998, Abb.7.
37  Die hier dargestellte Siedlung ist weitgehend fiktiv, jedoch erneut der Siedlung von Göttlesbrunn, p.B. Bruck an der Leitha, NÖ, nachempfunden.
38  Solche Dunghaufen tauchen ebenfalls in diversen irischen Texten auf, z.B. auch im schon genannten Fled Bricrend (F.Kelly, Early Irish Farming.
Early Irish Law Series vol.IV, 1997, s.364).
39  Vor allem sogenannte Herrenhöfe weisen eine solche deutliche Einzäunung auf, es ist aber eigentlich bei allen Siedlungen mit einem solchen Begrenzungszaun, wenn auch nicht in equivalent aufwendiger Ausführung, zu rechnen.
40  Zäune spielen in dieser Beziehung auch eine sehr bedeutende Rolle in den irischen Gesetzestexten, wo genau geregelt ist, welcher Zaun wie gebaut zu sein hat, und welcher Schadenersatz für eine Beschädigung oder aber auch nur das Übersteigen eines Zaunes an den Besitzer desselben zu bezahlen ist, aber auch welche Schäden Schuld der Person sind, die ihren Zaun nicht in ordentlichem Zustand gehalten hat, auf daß er seinen Zweck auch erfülle. Außerdem bestimmt der umzäunte Bereich auch für viele soziale Schichten das Gebiet, in dem der Besitzer anderen Personen Schutz gewähren kann, und hat eine ganze Menge anderer juristischer Bedeutungen darüber hinaus.
Siehe dazu F.Kelly, A Guide to Early Irish Law. Early Irish Law Series III, 1988 (reprint 1995), s.142 und besonders F.Kelly, Early Irish Farming. Early Irish Law Series vol.IV, 1997, s.372ff. Wann solche Gesetzesnormen entstanden sind, läßt sich natürlich nicht genau sagen, dadurch, daß Zaungesetze jedoch sowohl in verwandten indogermanischen Rechtssystemen wie z.B. in den verschiedenen germanischen Gesetzen vorkommen, als es auch vernünftig ist, mit existenten Zäunen „Rechtsnormen“ wie Verbote, solche Zäune einfach zu übersteigen, sie zu beschädigen oder dergleichen zu verbinden, kann man derartige Normen wohl mit relativer Sicherheit bereits für die altkeltische Periode annehmen.
41  Mein besonderer Dank gilt für wesentliche Anregungen, sowohl bei der Anfertigung der alternativen Rekonstruktionszeichnungen als auch der Entwicklung der Gedankengänge, die in diesem Artikel formuliert wurden, Kollegin S.-U.Prochaska, Wien.