Interaktives Online-Glossar: Ehe, Heirat und Familie
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Brautraub, Bräutigamraub
Definition:
Fingierte, symbolische Entführung der Braut, die ein wesentlicher Bestandteil des Hochzeitszeremoniells ist. Nach Hirschberg wird im Rahmen eines "symbolhaften Frauenraubs" die Braut zuvor verständigt, während die beteiligten Familien nach erfolgtem "Raub" die Höhe der Brautgabe aushandeln. Oft werden aus evolutionistischer Sicht Hochzeitsbräuche (wie symbolisches Sichweigern, Sichzieren, Weinen, Flüchten, Verstecken der Braut etc.) als Restformen der Raubheirat gedeutet. Neben dem "symbolischen Frauenraub" gibt es auch den "symbolischen Bräutigamraub", wobei Schamhaftigkeit, Sichverstecken und Sichsträuben gegen die Heirat vom Bräutigam gefordert werden, so daß in manchen Fällen der Bräutigam mit Gewalt geraubt und in das Haus der Braut gebracht werden muß (nördliches Neuguinea; Abchasen im westlichen Kaukasus) [Hirschberg 1988: 164].
Verwandte Begriffe:
Zum übergeordneten Begriff
Anmerkungen:
Bei den San entführt der Bräutigam die Braut während des Hochzeitsfestes und muß den Schlägen der Verwandten der Braut widerstehen. Der Bräutigam vollzieht die Heirat dann erfolgreich, wenn er die Schläge aushält und die Frau bei sich behalten kann [Warwick 1956:97]. Grundsätzlich lassen sich formlose Prozeduren der Eheschließung [z.B. Trobriander; [Malinowski 1929:60-65] von solchen unterscheiden, die von langwierigen (vielstufigen), aufwendigen und komplizierten Ritualen begleitet werden (z.B. Toba-Batak; [Vergouwen 1964:166-211]).

Von den Begründern der Ethnosoziologie (z.B. McLennan) wurde der Brautraub als Urform der Heirat in der Menschheitsgeschichte angesehen.
Ethnographische Forschungen im Feld ergaben jedoch, daß die bewiesenen Fälle von Heirat durch Brautraub das Vorhandensein einer klar definierten und allgemein anerkannten Heiratsordnung implizieren, so daß also diese Praxis historisch nicht älter sein kann als die Institution der Ehe, deren Existenz sie voraussetzt. In keinem einzigen Fall ist diese Form der Eheschließung die übliche oder auch nur die häufigste, außer die Entführung der Braut ist rein symbolisch und wird nach vorhergegangener offener oder heimlicher Übereinkunft mit der Gruppe, zu der die Braut gehört, durchgeführt, wie in manchen Gesellschaften Indonesiens oder Neuguineas. Weniger selten ist die Eheschließung nach einer tatsächlichen oder symbolischen Flucht der beiden zukünftigen Gatten, welche als Mann und Frau ins Dorf zurückkommen können, wenn es ihnen gelungen ist, während einer vorausbestimmten Zeit der Verfolgung zu entgehen. Hingegen beweisen eine Anzahl von Gesten und rituelle Verhaltensweisen, die bei einem Großteil der Heiraten vorkommen (Weinen, Schreien auf seiten der Familie der Braut, Scheingefechte zwischen den Gruppen des Bräutigams und der Braut etc.), die affektive Gewalt und die Universalität des Brautraubmythos, welche in die gleiche Kategorie wie der Ödipus-Mythos eingereiht werden kann [Panoff/Perrin1982:58].

Englisch: bride capture, groom capture, marriage by mock capture (of the bride, of the groom)

  © Lukas, Schindler, Stockinger 1993-11/10/97