Interaktives Online-Glossar: Ehe, Heirat und Familie
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Levirat
Definition:
Die präferierte oder obligatorische Heiratsverbindung einer Witwe mit dem direkten bzw. klassifikatorischen Bruder oder einem anderen nahen Agnaten ihres verstorbenen Mannes, um für diesen Nachkommen zu zeugen und ihn so mit einem Nachfolger und Erben für seinen Namen, seine Linie und seinen Besitz zu versehen. Eine neue Heirat ist daher nicht erforderlich: Die Witwe wird weiterhin als mit ihrem verstorbenen Gatten verheiratet betrachtet. Daraus ergibt sich, daß die aus Leviratsverbindungen stammenden Kinder als legitime Nachkommen eines Mannes gelten, der nicht ihr Genitor ist, und sie sowohl die Linie des Verstorbenen fortführen als auch ihn beerben.

lat.-hebr., LEVIR = Bruder des Gatten, Schwager: Der Begriff Levirat ist von dem offenbar selten im Lateinischen verwendeten Wort levir für Schwager abgeleitet. Er birgt eine Verpflichtung in sich, die im Judaismus Rechtskraft hatte; im Islam war sie gebräuchlich; in Rom aber existierte sie nicht. [Goody 1989:72].

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Anmerkungen:
Die Institution des Levirats ist engstens mit betont patrilinearen Systemen, der Polygynie und der Brautgabe verbunden. Die Institution des Levirats kann (ähnlich wie die des Sororats) auf der Basis der Deszendenztheorie wie auch auf der der Allianztheorie beschrieben und erklärt werden. Diese beiden Ansätze sind miteinander nicht grundsätzlich unvereinbar. "Customs such as the levirate and sororate are open to both explanations. In the levirate, when a man dies one of his brothers has the right and obligation to marry the wife and raise children ´to the name of´ the dead man. To the descent theory, these are clearly devices to preserve the continuity of the lineage (Erhaltung der Linie); to alliance theory, they are ways of perpetuation the alliance (Erhaltung der Allianz). [Fox 1967, S.235]

Während in einigen Gesellschaften, der Gedanke der posthumen Fortsetzung der Linie für Männer, die zu Lebzeiten keine Söhne zeugten, im Vordergrund steht (Deszendenzaspekt), ist die Leviratsehe in Allianzgesellschaften eher eine Strategie zur Aufrechterhaltung feststehender Heiratsbeziehungen zwischen Abstammungsgruppen über den Tod der ursprünglichen Ehegatten hinaus (Allianzaspekt) [Barnard/Good 1984:120; Vivelo 1981:330;
Beattie 1976:119f,107f,129].

Die im Rahmen von Feldforschungen erhobenen Daten sind meist zu komplex, um einer der beiden binären Kontrastdefinitionen Levirat - Frauenerbschaft eindeutig und ausschließlich zugeordnet werden zu können [Abrahams 1973:163-174].

Levirat nach Beattie:
Nach Beattie zeichnet sich das Levirat durch folgende Merkmale aus:
  1. Eine neue Heirat ist nicht unbedingt erforderlich; die Witwe kann daher weiterhin als Frau des Verstorbenen betrachtet werden
  2. Die Kinder aus der Ehe mit dem Bruder werden als Nachkommen des Verstorbenen betrachtet
  3. Das Levirat kommt in betont patrilinearen Gesellschaften vor; daher besteht dessen Hauptfunktion in der Ermöglichung einer posthumen Fortsetzung der Linie für jene Männer, die zu Lebzeiten keine Söhne zeugten
  4. Das Erbe des Verstorbenen geht an die von dessen Bruder stellvertretend gezeugten Söhne
  5. Die Witwe kann anstelle des wirklichen oder klassifikatorischen Bruders auch ein anderes Mitglied der Verwandtschaftsgruppe des Verstorbenen heiraten
Levirat nach Vivelo:
Eine davon abweichende Definition des Levirats liefert Vivelo, für den das wichtigste Unterscheidungskriterium zur Witwenerbschaft in der intendierten Funktion der Heirat besteht, d.h. ob sie ein Verfahren zur Fortsetzung der Linie oder ein Verfahren zur Aufrechterhaltung der Allianzbeziehung darstellt: "In Gesellschaften, die das Levirat praktizieren, gibt die Verwandtschaftsgruppe eines Mannes nach dessen Tode seiner Witwe zum Ersatz einen anderen Mann als Ehegatten. Das Levirat wird oft als eine Praktik beschrieben, nach der der Bruder eines verstorbenen Mannes dessen Witwe heiratet (oder, in Hinblick auf die Frau formuliert, man erwartet von der Frau, daß sie den Bruder ihres verstorbenen Gatten heiratet). Aber dies muß nicht immer ganz genau stimmen. Oft muß sie nicht seinen Bruder (den wirklichen oder klassifikatorischen) heiraten, sondern irgend ein bestimmtes Mitglied seiner Verwandtschaftsgruppe. Da der Ehekontrakt die Gruppe miteinbezogen hatte, ersetzt die Gruppe das verstorbene Mitglied. Das Levirat ist daher ein Mechanismus für die Fortsetzung der durch eine Ehe eingegangene Beziehung zwischen Gruppen über den Tod des ursprünglichen Ehegatten hinaus. Wenn ein Mann stirbt, setzt seine Verwandtschaftsgruppe einen anderen Mann an seine Stelle als Gatten für die Witwe. [Vivelo 1981:245f, 330]
Beispiel:Nuer/Ostafrika
Die Leviratsheirat unterscheidet sich sehr von der Geistheirat, wo der stellvertretende Ehemann die Frau tatsächlich heiratet, indem er Rinder zahlt und die Heiratsriten durchführt, obwohl er dies im Namen eines anderen macht. Bei der Leviratsheirat wurde all dies vom legalen Ehemann schon durchgeführt, sodaß der Bruder als stellvetretender Ehemann genau genommen keine neue Heirat eingeht und in eine bereits bestehende Familie eintritt. Eine Frau wird nicht nur vom Ehemann, sondern auch von dessen Brüdern mitgeheiratet, da die Rinder aus der gemeinsamen Herde stammen. Die Witwe wird immer als Frau des toten Mannes bezeichnet und nie als Frau des stellvertretenden Ehemannes, wie dies hingegen in der Geistheirat der Fall ist. Darüber hinaus sehen sich die Kinder als Mitglieder einer legalen Familie, zu der ihr sozialer Vater (pater) nicht zählt, obwohl er ihr genitor sein kann. Hat eine Witwe bereits mehr als zwei Kinder geboren, so kann sie wählen, wo und mit wem sie zusammenleben will (s. Witwenkonkubinat) [Evans-Pritchard 1951:112ff].
Literatur:
Englisch: levirate
Französisch: lévirat

  © Lukas, Schindler, Stockinger 1993-11/10/97