Interaktives Online-Glossar: Ehe, Heirat und Familie
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Witwenbräuche/Witwerbräuche
Definition:
Mit der Witwenschaft zusammenhängende Bräuche wie z.B. die Trauerpflicht Witwenverbrennung . Besonders häufig war die von den Witwen geforderte Trauer um den verstorbenen Ehemann in Form des Anlegens einer Trauertracht, Scheren des Haupthaares, Auflage einer dicken Fettschicht, Holzkohle oder Lehm, farblose oder absichtlich schmutzige Kleidung, Duft- und Schmucklosigkeit etc. mit dem Ziel, die Attraktivität der Witwe zu reduzieren. Durch Verhüllung (Gras- und Bastgewänder, Netzumhüllungen, Schleier etc.) soll sie z.B. für den bedrohlichen Geist des toten Mannes unkenntlich werden.
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Zum übergeordneten Begriff
Anmerkungen:
Bei den Wald-Papua auf Neuiguinea trägt die Witwe in einem dicken Wulst um die Leibesmitte das Haupthaar und den Schmuck ihres verstorbenen Mannes; auf den Andamanen und auf den Trobriand-Inseln wird der Schädel oder Unterkiefer des verstorbenen Mannes als Schmuck und Amulett auf der Brust getragen [Hirschberg 1988:524f; Malinowksi 1929:102-112].

Mit der Witwerschaft sind zahlenmäßig weit weniger und meist nur schwach ausgeprägte (mit einem Statusverlust einhergehende) Witwerbräuche verbunden. Dies hängt damit zusammen, daß

  1. die Frauen sich in den meisten menschlichen Gesellschaften einer höheren Lebenserwartung als die Männer erfreuen und die Männer häufig wegen ihres im Vergleich zu den Frauen höheren Heiratsalters (Altersunterschied zwischen den Eheleuten) oder durch Gewalteinfluß etc. früher als diese sterben (niedrigere Sterblichkeit der Frauen), und
  2. daß die meisten Sozialordnungen bei der Erwerbung und Übertragung von Besitz die Männer bevorzugt werden und der der Witwe zugewiesene Anteil am Besitztum insofern nur vorübergehenden Charakter hat, als daß der gemeinsame Familienbesitz sich oft beim Tod des Gatten auflöst und neu konstituiert werden muß.
Beispiel: Trobriander (Boyowa und andere Inseln des Trobriandarchipels/Papua Niugini)

"Stirbt ein Mann, so wird seine Gattin durch dieses Ereignis keineswegs frei. Ohne paradox zu sein, kann man behaupten, daß die strengsten und schwersten Ehefesseln einer Frau erst dann auferlegt werden, wenn das eigentliche Band durch den Tod gelöst ist. Die Sitte zwingt ihr die lästige Rolle der Hauptleidtragenden auf; vom Augenblick des Hinscheidens ihres Gatten an muß sie monate-, ja manchmal jahrelang ihren Kummer auf höchst dramatische und beschwerliche Art zur Schau tragen. Sie spielt ihre Rolle vor den wachsamen Augen der Öffentlichkeit, die streng darauf sieht, daß die überlieferten Forderungen der Sitte genau erfüllt werden; am argwöhnischsten wacht darüber die Sippe des Verstorbenen, die es als besonders schwere Beleidigung der Familienehre betrachtet, wenn die Witwe auch nur einen Augenblick in ihrer Pflicht erlahmt. Dasselbe gilt in geringerem Grad für den Witwer, doch ist die Trauer in seinem Fall nicht so umständlich und beschwerlich und die Überwachung weniger streng. ... Die geltende Moral verlangt, daß sie (die Witwe, die Kinder und die angeheirateten Verwandten) leiden und sich durch den Tod beraubt fühlen. Doch dabei leiden sie nicht direkt; sie trauern nicht um einen Verlust, der ihren eigenen Unter-Clan (dala) und somit ihre eigene Person betrifft. Ihr Leid ist nicht spontan wie das Leid der veyola (Verwandte mütterlicherseits), sondern eine beinahe künstliche Pflicht, die sich aus erworbenen Verpflichtungen herleitet. Deshalb müssen sie ihren Kummer sichtbarlich ausdrücken, zur Schau tragen und durch äußere Zeichen bezeugen. ... Besonders auffällig im ganzen Verlauf von Begräbnis, Exhumierung und Grabpflege ist das Tabu für mutterseitige Verwandte, das ihnen Fernbleiben zur Pflicht macht: für sie ist es gefährlich, sich der Leiche zu nähern, und überflüssig, Kummer zur Schau zu tragen. Der Witwe jedoch und ihren Verwandten kommt es zu, Kummer zu zeigen und alle Leichendienste zu erweisen - dadurch betont die Tradition die Stärke und Dauer der ehelichen Bande. Über den Tod hinaus setzt sich so jenes seltsame System von Leistungen fort, die einem verheirateten Mann von der Familie seiner Gattin - einschließlich ihrer selbst und ihrer Kinder - erwiesen werden müssen." [Malinowski: 1929:102, 104]

Das für die Witwen vorgeschriebene Scheren des Haares erzeugt die von den Trobriandern als häßlich angesehene Kahlköpfigkeit:
"Der geschorene Kopf, der mit einer dicken Schicht von Fett und Holzkohle geschwärzte Körper, die farblose und schmutzige Kleidung, Duft- und Schmucklosigkeit - das sind die äußeren Zeichen der Trauer... Durch die Trauertracht soll vor allem die Witwe so häßlich gemacht werden, daß sie auf andere Männer nicht mehr anziehend wirkt".[Malinowski: 1929:202]

Angesichts der enormen Reinlichkeit und der ästhetischen Scheu vor körperlicher Unreinheit ist jedoch die "härteste Forderung der Trauersitte nicht das Beschmieren des Körpers mit Ruß und Holzkohle, sondern das Waschverbot."[Malinowski: 1929:306]

Die Witwe ist erst nach Ablauf der langen Trauzerzeit wieder heiratsfähig. [Malinowski: 1929:56]

Literatur:

  © Lukas, Schindler, Stockinger 1993-11/10/97