Tacitus, Dialogus de Oratoribus ^

Referat von Kirsten Harshman Lengyel (Juni 2002)

Tacitus, Das Gespräch über die Redner

Tacitus verfasste seinen Dialogus de oratoribus als inhaltlich treue Wiedergabe eines Gesprächs, welchem er als junger Mann beigewohnt hatte. Der Dialogus behandelt die Bedeutung und Qualität der Dichtkunst im Vergleich zur klassischen und modernen Beredsamkeit. Quintilian, ein Lehrer des Tacitus-Freundes Plinius (der Jüngere), schrieb ein Werk über die Ursachen des Verfalls der Beredsamkeit (De causis corruptae eloquentiae). Tacitus sah dafür andere Gründe verantwortlich und brachte diese auf literarische Weise zum Ausdruck. Im Gegensatz zu Quintilian, der den Hauptgrund für den Verfall im "schlechten Geschmack seiner Zeitgenossen"(1) sah, machte Tacitus die politischen Zustände verantwortlich. Tacitus veröffentlichte seine ersten Werke als reifer Mann, nach dem Tod des Tyranns Domitian 96 n.Chr. und nach einem selbst auferlegten (in De vita et moribus Iulii Agricolae, 3,2, einer Biographie seines Schwiegervaters genannten) fünfzehn jährigen Schweigen. Es ist daher nachvollziehbar, daß dieses Thema ihm sehr am Herzen lag.

Wie er uns am Anfang des Werkes mitteilt, schreibt Tacitus den Dialogus als Antwort auf eine Frage seines Freundes, Iustus Fabius. Dem I. Fabius ist diese Schrift auch gewidmet und obwohl man heute nicht sicher sein kann, wird es vermutet, daß sie im Jahre 101 n. Chr. geschrieben wurde. Für möglich wird auch gehalten, daß es dem Fabius zum Antritt seines Amtes als Consul gewidmet wurde. Die Schrift fängt tatsächlich wie ein Brief an, indem Tacitus seinen Freund direkt, im Vokativ (Iuste Fabi) anspricht. Er möchte gerne dessen Frage, warum die Beredsamkeit so verkommen ist, beantworten, behauptet aber - fiktiverweise - dieser Aufgabe nicht ganz gewachsen zu sein. Danach erklärt Tacitus, daß er die Frage beantworten wird, und zwar mit einem Gespräch unter den redekundigsten Männern, welchem er als junger Mann zugehört hatte. So schafft er den Kunstgriff, einen Dialog, durch seine eigene Sprache und Stil, in Literatur zu verwandeln.

Die Redner des Dialogs sind alle historische Personen. Tacitus scheint zu jedem eine Art Beziehung gehabt zu haben und dadurch erklärt sich seine Fähigkeit, nicht nur die sachlichen Äußerungen des Gesprächs überhaupt wiederzugeben, sondern auch jeden einzelnen als selbständigen Charakter zu zeichnen.

Wie hier, im übersetzten Textteil der Messallarede, beschrieben, erhielt Tacitus eine für damals übliche Grundausbildung. Es gab einen Elementarunterricht (prima elementa, 30,1), danach die Ausbildung in Grammatik, Rhetorik und Dialektik, deren wichtigstes Ziel es war, die lateinische Kunstprosa der klassischen Zeit zu verstehen und anwenden zu lernen (in auctoribus cognoscendis, 30,1). Die Fächer welche den dritten Teil der Bildung formten, waren Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musiklehre, zusammen mit der Philosophie (in evolvenda antiquitate, 30,1).

Ähnlich dem Cicero, mit dieser Ausbildung alleine unzufrieden, suchte Tacitus Kontakt mit dem bekannten Juristen und Rhetor M.Iulius Aper und Iulius Secundus. In seinem jugendlichen Eifer, folgte er ihnen nach und versuchte sich selbst, durch diesen persönlichen Umgang, nach altrömischer Weise zu lehren. Dabei hatte er zugehört, als diese ihre beeindruckenden Gerichtsreden hielten und bemühte sich ihre edlen Eigenschaften anzueignen. Beide Männer kamen aus Gallien.

Auch für Curiatius Maternus, in dessen Haus das Gespräch stattfand, wird Herkunft aus Gallien vermutet, er war aber länger in Rom Zuhause. Er war Anwalt, der sich dann ganz der Dichtkunst widmete. Er schrieb die Tragödie Cato, über M. Porcius Cato Uticensis, und um deren Veröffentlichung zu diskutieren, hatten sich die drei anderen Unterredner bei ihm versammelt. Es schien nämlich gefährlich, in der Kaiserzeit ein republikanisches Vorbild wie Cato zu loben, und die anderen drei machten sich Sorgen um ihren Freund. Im Dialogus, überragt er die anderen Mitunterredner und überzeugt mit dem (überlegenen) Argument, daß politische Zustände die Redefreiheit eingeschränken oder sogar ausgelöschen konnten. Er meinte, daß die Redefreiheit viel wichtiger als die Beredsamkeit sei, und daß eigentlich ohne Redefreiheit die Beredsamkeit gar nicht existieren könne. Interessant ist, daß ein Maternus von Domitian 91 zum Tode verurteilt wurde. Könnte es dieser Maternus gewesen sein? Hinsichtlich dieser Information, haben wir erhöhtes Verständnis für die Realität rund um Tacitus´ "fünfzehnjähriges Schweigen".

Der vierte Unterredner, dessen Rede hier zum Teil übersetzt ist, war der einzige Stadtrömer der Gruppe. Vipstanus Messalla enstammte einer adeligen römischen Familie, hatte also sicherlich die Erziehung und Ausbildung, welche die Römer als "ideal" bezeichneten. Daher sind seine Verteidigung und sein Lob der alten Traditionen Roms verständlich. Tacitus schätzte ihn sehr, wie sein hohes Lob in den Historien 3, 9, 3(2) zeigt und auch seine mehrfache Nennung in diesen Werken. Seine altmodischen Ansichten sind das ergänzende Gegenstück zu dem "Emporkömmling" Aper. Was er zu sagen hat ist inhaltlich interessant und knüpft an einem scheinbar immer aktuellen Thema, nämlich der Kindererziehung, an. Seine Rede wurde im Kommentar von F.A. Wolf als "die Perle des ganzen Gesprächs"(3) bezeichnet. Wenn man die zentrale Rolle betrachtet, welche die Erziehung und Ausbildung im Leben adeliger römischer Jugendlicher in der römischen Geschichte gespielt hat, versteht man die eigentliche Bedeutung von Messallas Rede besser. - Kinder waren für die Armen eine hohe, finanzielle Belastung und wenn sich eine Familie kein Kind mehr leisten konnte, wurde es gewöhnlich ausgesetzt. Kinder, welche erzogen wurden, wurden als Investition für die Zukunft gesehen und fingen früh an, am Hof zu arbeiten. Familien, welche sich eine Lehre für ihre Söhne leisten konnten, haben diese mit der Absicht bezahlt, ein späteres Einkommen für die Familie einzubringen, sobald sie ausgebildet waren.

Kinder der Adeligen und Familien mit genügend Geld mußten zwar keinen Lohn einbringen, hatten aber den Druck, den Gesellschaftstand ihrer Familie beizubehalten, wenn nicht gar zu verbessern. Die höchste Patrizierklasse waren die Senatoren (senatores), die zweithöchste die Reiter (equites) und danach kamen die Dekurionen (decuriones).

Die Klasse der Senatoren war eine, in der man das Privileg dazuzugehören immer wieder erarbeiten mußte. Daher war es unerläßlich, eine qualitativ hohe Erziehung und passende Ausbildung für die Kinder dieser Familien zu ermöglichen. Leute, die einen höhere Status im Leben ihrer Kinder anstrebten, haben auch die allerbeste Ausbildung, die sie leisten konnten, arrangiert, in der Hoffnung, daß die Söhne (Kinder) danach in der Gesellschaft aufstiegen.

Für Menschen dieser sozialen Ränge war die Erziehung äußerst wichtig. Die Bezugsperson, ob Mutter, Verwandte, Vater (selten) oder in manchen Fällen ein Tutor, hatte die Verantwortung dem Kind von klein auf ein kultiviertes, hoch qualitatives Umfeld zu geben. Dieses Ambiente lehrte das Kind die idealen Vorzüge der römische Kultur.

Von höchster Bedeutung waren die Lehrer der Kinder. Wie im Text beschrieben, suchten Cornelia, Aurelia und Atia die allerbesten Lehrer für ihre Söhne aus. Cornelia, zum Beispiel, war selbst eine hoch gebildete Frau, was in dieser Epoche selten war. Es steht fest, daß sie die griechische Bibliothek ihres Onkels, L. Aemilius Paullus Macedonicus, gemeinsam mit ihren Brüdern und Cousins benutzten durfte und dadurch zumindest zum Teil gebildet war. Durch diese ihre eigene Bildung war sie selbst sehr geeignet die besten griechischen Lehrer, unter welchen Diophanes von Mytilene war, für ihre Söhne auszusuchen. Charakter und Bildung waren die Voraussetzungen des Erfolges. Wer profundes Wissen und umfassendes Verständnis hatte und noch dazu außerordentlich beredt war, konnte sich auf ein Leben in Einklang mit den allgegenwärtigen Idealen freuen.

Gründe des Verfalls der Beredsamkeit
28-30 Rede des Messalla

28.1: Et Messalla : Non reconditas, Materne, causas requiris nec aut tibi ipsi aut huic Secundo vel huic Apro ignotas, etiam si mihi partes assignatis proferendi in medium, quae omnes sentimus.
partes assignatis (Metapher aus der Bühnensprache) - ihr weist die Rolle zu
quae omnes sentimus Bescheidenheitsformel zur Einleitung der eigenen Meinung
Nicht nach verborgenen Ursachen suchst du, lieber Maternus, und sie sind weder dir selbst noch Secundus noch Aper unbekannt, auch wenn ihr mir die Rolle zuweist, das vorzutragen, was wir alle meinen.
quis enim ignorat et eloquentiam et ceteras artes descivisse ab illa vetere gloria non inopia hominum, sed desidia iuventutis et neglegentia parentum et inscientia praecipientium et oblivione moris antiqui? quae mala primum in urbe nata, mox per Italiam fusa, iam in provincias manant.
Wer weiß nämlich nicht, daß sowohl die Beredsamkeit also auch die übrigen Künste von jenem vergangenen Ruhm abgefallen sind, nicht durch Mangel menschlicher Fähigkeiten, sondern durch Trägheit der Jugend, durch Nachlässigkeit der Eltern, durch die Unwissenheit der Lehrenden und das Vergessen der alten Sitte? Diese Übel, zuerst in Rom entstanden und bald über Italien ausgebreitet, fließen schon in die Provinzen.
quamquam vestra vobis notiora sunt, ego de urbe et his propriis ac vernaculis vitiis loquar, quae natos statim excipiunt et per singulos aetatis gradus cumulantur, si prius de severitate ac disciplina maiorum circa educandos formandosque liberos pauca praedixero.
Obwohl euch eure (Umstände) bekannter sind, werde ich von Rom und den charakteristischen Merkmalen und selbstgemachten Fehlern sprechen, welche sofort Kinder befallen und durch jede Altersstufe vermehrt werden, wenn ich vorher ein wenig über die Strenge und Disziplin unserer Vorfahren bei der Erziehung und Bildung gesprochen habe.
Nam pridem suus cuique filius, ex casta parente natus, non in cellula emptae nutricis, sed gremio ac sinu matris educabatur, cuius praecipua laus erat tueri domum et inservire liberis.
pridem: Gegensatz zu nunc 29,1
emptae nutricis: die Idee ist, wenn eine Sklavin benutzt werden müßte, denn wäre es besser, wenn sie eine verna wäre
gremio ac sinu matris: gleichbedeutende Doublette (Hendiadyoin)
ex casta parente: hier ist es interessant zu bemerken, daß Tacitus eindeutig "Mutter" meint, also, parens mit femininer Bedeutung, obwohl es im vorigen Satz als "Eltern" zu übersetzen ist.
Denn früher wurde eines jeden Sohn, von einer sittenreinen Mutter geboren, nicht in der winzigen Kammer einer gekauften Amme, sondern auf dem Schoß und an der Brust der Mutter großgezogen, deren höchstes Lob es war, das Haus zu hüten und sich um die Kinder zu kümmern.
Eligebatur autem maior aliqua natu propinqua, cuius probatis spectatisque moribus omnis eiusdem familiae suboles committeretur; coram qua neque dicere fas erat quod turpe dictu, neque facere quod inhonestum factu videretur.
dictu (dicere), factu (facere): Supinum auf "u" - bei Adjektiven verwendet
autem: ferner
suboles, -is f: Nachkommen (ein veraltetes Wort, bei Messalla absichtlich gewählt um Nachdruck den Kindern und ihren Platz in der Familie zu verleihen.)
fas est: es ist erlaubt
Weiters wurde eine ältere Verwandte ausgesucht, deren geschätztem und ausgezeichnetem Charakter die gesamte Nachkommenschaft derselben Familie anvertraut wurde; in ihrer Gegenwart war es nicht erlaubt etwas unanständiges zu sagen, noch zu tun, was unehrenhaft erschienen wäre.
Ac non studia modo curasque, sed remissiones etiam lususque puerorum sanctitate quadam ac verecundia temperabat.
cura,-ae f: (Kinder)Beschäftigungen
tempero 1: richtig leiten, lenken
verecundia,-ae f: Zurückhaltung
Und sie lenkte nicht nur die Studien und Beschäftigungen auf richtige Art und Weise, sondern auch die Erholung und Spiele der Kinder (Knaben) mit einer gewissen Rechtsschaffenheit und Zurückhaltung.
Sic Corneliam Gracchorum, sic Aureliam Caesaris, sic Atiam Augusti matrem praefuisse educationibus ac produxisse principes liberos accepimus.
princeps,-cipis (adj u. Subst) erster; Haupt
ac-cipio 3: (Verb der Wahrnehmung) zwei AcI sind davon abhängig:
accepimus (Corneliam, Aureliam, Atiam matrem praefuisse educationibus) / (Corneliam, A & A produxisse principes liberos)
matrem: erscheint nachgestellt im Satz, sodaß man es auf jede der genannten Frauen beziehen kann.
Wir haben gehört, daß auf diese Weise Cornelia, die Mutter der Gracchen, Aurelia, die Mutter Caesars, und Atia, die Mutter des Augustus, die Erziehung leiteten und ihre Söhne zu führenden (Personen) heranbildeten.
Quae disciplina ac severitas eo pertinebat, ut sincera et integra et nullis pravitatibus detorta uniuscuiusque natura toto statim pectore arriperet artes honestas et, sive ad rem militarem sive ad iuris scientiam sive ad eloquentiae studium inclinasset, id solum ageret, id universum hauriret.
artes honestas: angesehene Tätigkeiten / Gewerbe
inclinasset = inclinavisset
Diese Disziplin und Strenge diente dazu, daß eines jeden Charakter aufrichtig, unverdorben und durch keine üble Eigenschaft verdreht, sich sogleich mit ganzem Herzen die angesehenen Künste aneignete und ob er zu militärischem Dienst oder zur Rechtskenntnis oder zu einem Studium der Redekunst neigte, dies allein betrieb, dies ganz aufnahm.
29.1 At nunc natus infans delegatur Graeculae alicui ancillae, cui adiungitur unus aut alter ex omnibus servis, plerumque vilissimus nec cuiquam serio ministerio accommodatus.
nunc: rhetorischer Kontrast zu pridem 28,4
unus aut alter: zeigt Gleichgültigkeit
Aber ist heute ein Baby geboren worden, wird es irgendeiner griechischen Magd anvertraut, welcher der eine oder andere von allen Sklaven beigesellt wird, gewöhnlich der wertloseste der zu keiner ernsthaften Dienstleistung geeignet ist.
Horum fabulis et erroribus et virides statim et rudes animi imbuuntur; nec quisquam in tota domo pensi habet, quid coram infante domino aut dicat aut faciat.
pensi habere: auf etw. achten
quid.....dicat, quid....faciat: quid + Konj(I) - indirekte Frage
Mit deren Märchen und falschen Vorstellungen werden sogleich die jungen und unerfahrenen Seelen getränkt; und niemand im ganzen Haus achtet darauf, was er in Gegenwart des jungen Herrn sagt oder tut.
Quin etiam ipsi parentes non probitati neque modestiae parvulos assuefaciunt, sed lasciviae et dicacitati, per quae paulatim impudentia irrepit et sui alienique contemptus.
quin etiam: ja sogar
Ja, sogar die Eltern selbst gewöhnen die kleinen Kinder weder an Rechtsschaffenheit noch an Mäßigung, sondern an Ausgelassenheit und Witze, wodurch sich allmählich Unverschämtheit und Mißachtung des Eigenen und des Fremden einschleichen.
Iam vero propria et peculiaria huius urbis vitia paene in utero matris concipi mihi videntur, histrionalis favor et gladiatorum equorumque studia: quibus occupatus et obsessus animus quantulum loci bonis artibus relinquit?
iam: ferner, außerdem
propria et pecularia: Allitteration (um der Sprache Nachdruck zu verleihen)
occupatus et obsessus animus: Allitteration; "geistig beschäftigt und besessen"
propria videntur concipi: NcI
Außerdem aber scheinen mir die charakteristischen und eigenartigen Fehler dieser Stadt beinahe im Mutterleib empfangen zu werden: die Liebe zum Theater und die Zuneigung für die Gladiatoren und Wagenrennen: wenn der Geist mit diesen Dingen so beschäftigt und besetzt gehalten ist, wie wenig Platz läßt er den kulturellen Bestrebungen?
Quotum quemque invenies qui domi quicquam aliud loquatur? quos alios adulescentulorum sermones excipimus, si quando auditoria intravimus?
quotus quisque: wie wenige?
quando (nach si): einmal, jemals (= aliquando)
auditorium, -i n: Ställe oder Plätze, eigentlich, in einer Kolonnade, wo der Lehrer seinen Unterricht hielt.
Wie wenige findet man, die zu Hause über irgend etwas anderes sprechen? Welche anderen Gespräche der ganz jungen Männer hören wir, wenn wir einmal die Hörsäle betreten haben?
Ne praeceptores quidem ullas crebriores cum auditoribus suis fabulas habent; colligunt enim discipulos non severitate disciplinae nec ingenii experimento, sed ambitione salutationum et illecebris adulationis.
Und nicht einmal die Lehrer führen irgendwelche Gespräche öfter mit ihren Zuhörern; sie sammeln nämlich die Schüler, weder durch die Strenge ihres Unterrichts noch durch Beweis ihres Talents, sondern durch Bewerbung der Morgenbegrüßung und durch die Reize der Schmeichelei.
30.1 Transeo prima discentium elementa, in quibus et ipsis parum laboratur: nec in auctoribus cognoscendis nec in evolvenda antiquitate nec in notitia vel rerum vel hominum vel temporum satis operae insumitur.
discentium: PPA im Genitiv Plural
in auctoribus cognoscendis: attributives Gerundiv: beim Kennenlernen der (literarischen)Vorbilder in evolvenda antiquitate: attributives Gerundiv: bei der Darstellung des Altertums
Ich übergehe die ersten Lehren der Lernenden, in welchen selbst zu wenig gearbeitet wird: und weder auf das Kennenlernen der Schriftsteller noch auf die Darstellung der Geschichte, noch auf die Kenntnis der Tatsachen, der Menschen oder der Zeit, wird genügend Mühe verwendet.
Sed expetuntur quos rhetoras vocant; quorum professio quando primum in hanc urbem introducta sit quamque nullam apud maiores nostros auctoritatem habuerit, statim dicturus referam necesse est animum ad eam disciplinam, qua usos esse eos oratores accepimus, quorum infinitus labor et cotidiana meditatio et in omni genere studiorum assiduae exercitationes ipsorum etiam continentur libris.
rhetoras: Akk. Pl. von rhetor (griech.)
quam + que: und wie
necesse + esse: nötig/notwendig sein usos esse eos oratores - AcI, abhängig von accepimus
Aber die werden aufgesucht, welche man Rhetoren nennt; wann deren Gewerbe zum erstenmal in dieser Stadt eingeführt wurde und wie wenig Ansehen es bei unseren Vorfahren gehabt hat, werde ich sogleich aussprechen; es ist vorher notwendig, daß ich die Gedanken auf diese Ausbildung zurückbringe, die, wie wir annehmen, die Redner genossen haben, deren unendliche Arbeit, tägliches Nachdenken und emsige Übungen auf jedem Gebiet der Wissenschaften auch in ihren Werken enthalten sind.
Notus est vobis utique Ciceronis liber, qui Brutus inscribitur, in cuius extrema parte (nam prior commemorationem veterum oratorum habet) sua initia, suos gradus, suae eloquentiae velut quandam educationem refert: se apud Q. Mucium ius civile didicisse, apud Philonem Academicum, apud Diodotum Stoicum omnes philosophiae partes penitus hausisse; neque iis doctoribus contentum, quorum ei copia in urbe contigerat, Achaiam quoque et Asiam peragrasse, ut omnem omnium artium varietatem complecteretur.
peragrasse = peragravisse
se apud Q. Mucium ius civile didicisse: AcI
(se) apud Philonem, apud Diodotum omnes philosophiae partes hausisse: AcI
ut.....complecteretur: ut + Konj (II) Pass: Finalsatz
Bekannt ist euch jedenfalls das Buch Ciceros, das "Brutus" betitelt wird, in dessen letztem Teil (denn der frühere enthält die Erwähnung der alten Redner) seine eigenen Anfänge, seine Fortschritte, und so gewissermaßen die Bildung seiner Beredsamkeit wiedergibt: daß er bei Quintius Mucius bürgerliches Recht erlernt hatte, bei dem Akademiker Philo und dem Stoiker Diodotus alle Teile der Philosophie völlig in sich aufgenommen hatte; und nicht zufrieden mit diesen Lehren, von denen er in Rom eine große Menge gehört hatte, hatte er auch Griechenland und Kleinasien durchwandert, um die ganze Mannigfältigkeit aller Wissenschaften zu begreifen.
Itaque hercule in libris Ciceronis deprehendere licet non geometriae, non musicae, non grammaticae, non denique ullius ingenuae artis scientiam ei defuisse.
scientiam ei defuisse: AcI
Daher kann man, beim Herkules, an den Schriften Ciceros erkennen, daß ihm die Kenntnis der Mathematik, der Musik, der Grammatik, überhaupt irgendeiner edlen Wissenschaft nicht gefehlt hat.
Ille dialecticae subtilitatem, ille moralis partis utilitatem, ille rerum motus causasque cognoverat.
res, rei f: Sache - hier: Natur
Er hatte die Genauigkeit der Dialektik, die Nützlichkeit der Ethik, Bewegungen der Natur und ihre Ursachen kennengelernt.
Ita est enim, optimi viri, ita; ex multa eruditione et plurimis artibus et omnium rerum scientia exundat et exuberat illa admirabilis eloquentia; neque oratoris vis et facultas sicut ceterarum rerum angustis et brevibus terminis clauditur, sed is est orator, qui de omni quaestione pulchre et ornate et ad persuadendum apte dicere pro dignitate rerum, ad utilitatem temporum, cum voluptate audientium possit.
multa - plurimis - omnium: sehr schöne Verwendung der Steigerung
ad persuadendum: ad + Gerundium im Akk: zum Überzeugen
audientium: PPA im Genitiv
Denn so ist es, treffliche Männer, so; von viel Bildung und noch mehreren Fähigkeiten und aus der Kenntnis aller Dinge strömt und quillt jene bewunderungswürdige Beredsamkeit; und des Redners Kraft und Geschicklichkeit wird nicht, wie in den übrigen Dingen, in schmalen und kleinen Grenzen geschlossen, sondern, der ist ein Redner, der über jede Frage schön, ehrenvoll, überzeugend und geschickt reden kann, entsprechend der Würde der Sachen, der Nützlichkeit der Zeit und mit Freude der Zuhörenden.
Wie bei vielen Antiken Schriften, ist die Überlieferung des Dialogus eine faszinierende Geschichte. Um 830-850 hatte man in Hessen, in Fulda oder Hersfeld, Abschriften gemacht, einen gewissen Codex Hersfeldensis. Darin enthalten waren die zu uns gekommenen Abschriften der kleineren Werke des Tacitus. Von einem Inventarverzeichnis wissen wir, daß dieser Codex die Germania, den Agricola, den Dialogus von Tacitus, und den Grammatiker und Rhetoriker von Sueton enthielten. Dies wurde in einem Brief von einem Hersfelder Mönch dem päpstlichen Sekretär Francesco Poggio 1425 mitgeteilt, der um einen Tausch sehr bemüht war. Dieser kam aber nie zustande und erst im Jahr 1455, auf Aufforderung des Papstes Nicolaus V, kam dieser Codex mit dem Mönch Albert Enoch von Ascoli nach Rom, wo der Humanist Pier Candido Decembrio ihn gesehen und genau beschrieben hat. Papst Nicolaus starb im selben Jahr, und es wird vermutet, daß Enoch von Ascoli den Codex trennte und die verschiedenen Teile an Gelehrte oder Klöster verkaufte. Der überaus größte Teil des Codex Hersfeldensis bleibt verschollen; was erhalten bleibt, sind nur vier Doppelblätter, worauf nur Agricola (13,1-40,2) ist.

Quellen:
1. Dixon, S., The Roman Family, 1992, Johns Hopkins University Press
2. Hemelrijk, E.A., Matrona Docta, Educated women in the Roman elite from Cornelia to Julia Domna, 1999, Routledge