Kontextualisierung

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Das Konzept der Kontextualisierung (contextualization) wurde erstmals 1976 von John Gumperz und Jenny Cook-Gumperz formuliert, 1982 von Gumperz in Discourse Strategies weiter entwickelt und seither in einer Reihe von Publikationen ausgefeilt. Die Theorie wurde zur Grundlage zahlreicher Arbeiten im anglo-amerikanischen Raum, deren einige etwa in den jeweils 1992 erschienenen Sammelbänden Rethinking Context (Goodwin & Duranti, eds.) und The Contextualization of Language, herausgegeben von Peter Auer und Aldo Di Luzio , zusammengefasst wurden. Auer selbst ist auch als wichtiger Vertreter dieses Forschungsparadigmas im deutschen Sprachraum zu nennen. Die vielen Arbeiten, die seit den achtziger Jahren unter dem Titel 'Kontextualisierung' entstanden sind, sind aber - gewissermaßen - nur schwer unter einen konzeptuellen Hut zu bringen (vgl. Auer 1992: 1 ), weil ihre Autoren aus verschiedenen wissenschaftlichen Traditionen kommen und unterschiedliche Zugangsweisen haben.

Diese Diversität kann vielleicht als Reflexion der eklektischen Genese des Konzepts angesehen werden. Gumperz' Ansatz integriert Ideen aus verschiedenen Disziplinen. Schmitt (1993: 328f.) nennt in seiner Überblicksdarstellung ein breites Spektrum an wissenschaftlichen "Vorläufer[n] und Artverwandte[n]" der Kontextualisierungsforschung:

die Tradition der amerikanischen "Kontextanalyse"...[,] die Ethnographie der Kommunikation, die Diskursanalyse, die Ethnomethodologie und Konversationsanalyse, die kognitive Anthropologie, die linguistische Pragmatik, die Mikroethnographie; daneben Autoren wie Gregory Bateson, Erving Goffman, Edward T. Hall und H. Paul Grice.

Konkret stellt Gumperz in der von ihm begründeten interaktionalen Soziolinguistik den soziolinguistischen Ansatz im Sinne Labovs in Frage, der davon ausgeht, dass linguistische Variabilität mehr oder weniger ausschließlich von sozialen Variabeln bedingt sei (vgl. Gumperz 1982: 130 ) - dass also beispielsweise gewisse phonologische Charakteristika auf Faktoren wie Alter, Geschlecht oder sozialer Schicht des Sprechenden zurückgehen. Gumperz bestreitet diesen Zusammenhang nicht, ist aber der Ansicht, dass eine derartige Konzeption zu kurz greift. Linguistische Variabeln sind nicht bloß ein unwillkürliches Spiegelbild der sozialen Identität des Sprechenden: sie können auch innerhalb einer Interaktion eingesetzt werden, um metakommunikativ etwas über die Interaktion oder über einen Sprechakt auszusagen . Das heißt: bestimmte sprachliche Elemente, so genannte Kontextualisierungshinweise, haben die Funktion, den Rezipienten auf den Kontext zu verweisen, in dem er/sie das kontextualisierte Element - sei es die gesamte Interaktion oder ein Sprechakt - interpretieren soll.

Der Begriff der Kontextualisierung "bezieht sich" demnach

auf die konstitutiven Leistungen der Interaktionspartner, mit denen sie in ihren Interaktionen Kontexte sprachlich oder durch sprachbegleitende Signale hervorbringen und relevant machen und mit denen sie ihre jeweiligen Aktivitäten wechselseitig interpretierbar und erschließbar machen.
Selting 1995: 8 [Hervorhebung im Original]

Dieses auf den ersten Blick komplexe Konzept wird ausgezeichnet illustriert durch eine musikalische Metapher. Auer (1992: 1ff.) stellt eine Passage aus Bachs Matthäuspassion vor, in der der Chor der Hohepriester den folgenden Text an den gekreuzigten Christus richtet: "Ist er der König Israel, so steige er nun vom Kreuz, so wollen wir ihm glauben." Die musikalische Ausgestaltung dieser Passage, nämlich eine plötzliche Modulation nach C-Dur, zeigt dem aufmerksamen Zuhörer, dass die Worte nicht als ernsthafte Versicherung, sondern als Spott zu verstehen sind: "Music provides the cues for counter-reading, revealing the 'true' interpretation of these lines" (Auer 1992: 2) .

Auer stellt nun die Frage, wie es möglich ist, dass das abstrakte System der Musik die Interpretation der "much more 'meaningful' linguistic signs" (ibid.: 3 ) steuern kann. Die Antwort liegt nach seiner Analyse in zwei Punkten: zum einen bemerkt der Hörer einen plötzlichen Harmoniewechsel, zum anderen fällt der Charakter dieses Wechsels auf - mitten im komplexen Wechselspiel von Punkt und Kontrapunkt gibt es plötzlich eine kurze Passage voll unerwarteter Klarheit und fast naiv anmutender Einfachheit. Diese beiden Faktoren haben zwei Effekte, die auch für das Konzept der Kontextualisierung von entscheidender Relevanz sind:

  1. Der erste Faktor, die Veränderung an sich, zieht Aufmerksamkeit auf die betreffende Passage und weist dadurch darauf hin, dass sie anders zu interpretieren ist als das umgebende Material.
  2. Der zweite Punkt, die mit der Art des Wechsels verbundenen Assoziationen, leiten die Interpretation in eine bestimmte Richtung.

Konkret widerspricht hier die Klarheit und Naivität der Passage der durch den narrativen Kontext der Handlungen der Hohepriester beim Hörer aufgebauten Erwartungshaltung und führt dadurch zu einem intuitiven Interpretations- und Schlussfolgerungsprozess, einer Inferenz, mit dem Ergebnis, dass die Äußerungen ironisch gemeint sein müssen.

Um diese Metapher auf den eigentlichen Gegenstandsbereich umzulegen:

The idea that lies at the heart of Gumperz' concept of contextualization is that everyday language has to be 'orchestrated' and 'put to music' by everyday language-users just as well; as Bach uses music to steer the interpretation of language, everyday speakers use a repertoire of vocal and non-vocal means for the same purpose. In both cases, the semiotic resources employed are crucial in order to create the proper context, in which the verbal message is to be understood.
Auer 1992: 3f. [Hervorhebung im Original]

Und er kommt zu der folgenden viel zitierten Definition:

In most general terms, contextualization therefore comprises all activities by participants which make relevant, maintain, revise, cancel... any aspect of context which, in turn, is responsible for the interpretation of an utterance in its particular locus of occurrence.
ibid.: 4 [Fettdruck im Original]

Kontextualisierung bezeichnet also eine sprecherseitige Bezugnahme auf jene kontextuellen Faktoren, die den kognitiven Hintergrund für die Interpretation jeder spezifischen Äußerung bilden sollen.

Aufgrund dieser

apparently paradoxical idea that utterances could somehow carry with them instructions about how to build the contexts in which they should be interpreted
Levinson 1997: 25

wird innerhalb der Kontextualisierungsforschung zunächst eine konzeptuelle Neuorientierung und Dynamisierung im Bereich des Kontextbegriffes notwendig. Jene "vocal and non-vocal means”, derer sich die Interaktionsteilnehmer bedienen, um wiederum kontextuelle Aspekte hervorzuheben, zu revidieren oder auszulöschen, bezeichnet Gumperz als Kontextualisierungshinweise (contextualization cues). Typische Beispiele sind prosodische Phänomene und code-switching. Kontextualisierungshinweise sind in hohem Maße kulturspezifisch und weisen typischerweise die beiden oben erörterten Eigenschaften auf: zum einen einen plötzlichen Wechsel in der 'Orchestrierung' der Sprache, der die Aufmerksamkeit des Rezipienten auf sich zieht, und zum zweiten gewisse Assoziationen, die die Interpretation des kontextualisierten Elements in eine bestimmte Richtung leiten. Diesen Interpretationsprozess bezüglich der kommunikativen Absichten des Interaktionspartners nennt Gumperz kommunikative Inferenz (conversational inference).

Für das Gelingen eines solchen Inferenzprozesses ist zunächst das Erkennen der relevanten Elemente als Kontextualisierungshinweise erforderlich. Der Interpretationsprozess selbst schließlich

requires first of all judgements of expectedness and then a search for an interpretation that makes sense in terms of what we know from past experience and what we have perceived.
Gumperz 1982: 170

Auch in der Kontextualisierungstheorie sind also Erwartungsstrukturen von entscheidender Bedeutung. Wie jede Situation wird auch eine Interaktion an erfahrungsbasierten Erwartungen gemessen. Jedes Element der Interaktion wird danach beurteilt, ob es in den unserer Meinung nach vorherrschenden Rahmen passt; je nachdem, wie diese Beurteilung ausfällt, wird nach einer passenden Interpretation dafür gesucht. Gumperz geht explizit von Goffmans Rahmenbegriff aus; als gesprächsspezifischen Typ von Rahmen verwendet er zusätzlich den Begriff der speech activity.

Die Interpretation von Kontextualisierungshinweisen wird also hochgradig vom vorherrschenden Rahmen geleitet - und umgekehrt: welche speech activity gerade gilt, wird unter anderem von Kontextualisierungshinweisen signalisiert. Kontextualisierungshinweise leiten die Interpretation bzw. führen zu Inferenzen auf zwei ineinander verzahnten Ebenen: auf der globalen Rahmen- und der lokalen Sprechaktebene.

[C]onversational inference involves several levels of inferencing. At the level of activity, it signals what the interaction is about and what the expectations are in terms of which coherence is established. At the local level, that is, the level of utterance, turn of speaking, interactional move or perhaps speech act, contextualization plays a major role in our assessment of illocutionary force.
Gumperz 1992a: 46

Ähnlich kategorisiert auch Schmitt, fügt aber aus seiner konversationsanalytischen Perspektive noch eine weitere Ebene hinzu:

  1. Ebene des konversationellen Managements

  2. lokale Einschätzungen unter einer pragmatischen Perspektive: kommunikative Absicht

  3. globale Rahmungen hinsichtlich komplexer sozialer Aktivitäten

nach Schmitt 1993: 336

Ebene des konversationellen Managements

Die Möglichkeiten der Kontextualisierung auf dieser niedrigsten Ebene beschreibt Schmitt so:

Hier werden z.B. Informationen hinsichtlich möglicher turn constructional units kommuniziert (ist ein Sprecher dabei, seinen Beitrag abzuschließen, wird gerade eine Nebensequenz realisiert, wird gerade eine neue Information gegeben etc.).
Schmitt 1993: 336

Da derartige Konventionen aufgrund der technischen Gegebenheiten in der Chat-Kommunikation stark von jenen der Face-to-Face-Interaktion abweichen müssen, läge eine detaillierte Betrachtung von Kontextualisierungskonventionen auf dieser Ebene außerhalb des Skopus der vorliegenden Arbeit. Daher werden im entsprechenden Unterkapitel des Abschnitts Ergebnisse lediglich einige allgemeine Beobachtungen getroffen.

Sprechaktebene

Diese Ebene "deals with something like the conversational analyst's preference organisation” ([Gumperz im Gespräch mit] Prevignano & Di Luzio 1997: 12 ). Konkret geht es um "local inferences concerning what is intended with any one move and what is required by way of a response” (ibid.). Schmitt (1993: 342) bezeichnet Kontextualisierungsprozesse auf dieser Ebene als "Kontextualisierung erster Ordnung”. Hier spielt der Ko-Text als Kontext eine gewichtige Rolle. Ein Beispiel findet sich etwa im Konzept des Adjazenzpaares: eine Äußerung kann nicht aufgrund kontextfreier phonologischer, syntaktischer oder semantischer Kriterien als 'Antwort' identifiziert werden, sondern nur dadurch, dass ihr eine Frage vorangeht, also aufgrund ihrer sequenziellen Position innerhalb der Interaktion. Diese Art der Kontextualisierung ist interaktive Routine und geschieht in jeder Kommunikation permanent. Kontextualisierung auf der Sprechaktebene ist allerdings auch mit der dritten Ebene, jener der globalen Rahmungen, eng verbunden:

The hypothesis is that any utterance can be understood in numerous ways, and that people make decisions about how to interpret a given utterance based on their definition of what is happening at the time of interaction.
Gumperz 1982: 130

Das heißt, dass die Interpretation der illocutionary force eines beliebigen Sprechakts von der Definition des geltenden Rahmens bzw. des Typus der speech activity abhängt. Im vorliegenden Datenmaterial finden sich Kontextualisierungskonventionen auf Sprechaktebene vornehmlich in den Bereichen Ironie und Emphase.

Rahmenebene

Kontextualisierung auf der Rahmenebene behandelt

global inferences of what an exchange is about and what mutual rights and obligations apply, what topics can be brought up, what is wanted by way of reply, as well as what can be put into words and what is to be implied...
[Gumperz im Gespräch mit] Prevignano & Di Luzio 1997: 12

- kurz, "what Goffman calls 'framing'” (ibid. ). Kontextualisierungshinweise signalisieren hier also, welcher Rahmen bzw. welche speech activity gerade vorliegt - im vorliegenden Datenmaterial konnten zahlreiche Phänomene identifiziert werden, die auf dieser Ebene wirksam werden.

Die Funktionen dieser Ebenen der Kontextualisierung sind eng ineinander verzahnt. Gumperz' Verständnis von Rahmen ist "the activity level presuppositions that affect interpretations at any one point in an exchange" (im Gespräch mit Prevignano & Di Luzio 1997: 22 ). Die Rahmenebene leitet also die Interpretation auf den anderen Ebenen und trägt damit dazu bei, "die potentielle Ambiguität auf den anderen Ebenen zu minimieren" (Schmitt 1993: 336 ). Das konversationelle Management und die Interpretation der Sprechaktebene dagegen tragen dazu bei, die globalen Rahmungen in der konkreten Situation zu erkennen, zu konstituieren und langfristig aufzubauen und zu modifizieren.

Wenn also kommunikative Inferenz erst durch die Identifikation und Definition des vorherrschenden Rahmens ermöglicht wird und letzteres auf kulturspezifischen Kontextualisierungshinweisen beruht, wird deutlich, dass die kulturelle Verortung im Herzen der Kontextualisierungstheorie liegt:

[I]f conversational inference is a function of identification of speech activities, and if speech activities are signalled by culturally specific linguistic signs, then the ability to maintain, control and evaluate conversation is a function of communicative and ethnic background.
Gumperz 1982: 167

Auf Basis dieses Gedankens führten Gumperz und seine Mitarbeiter zahlreiche Untersuchungen zu interkultureller Kommunikation durch und konnten überzeugend darlegen, dass viele Missverständnisse in derartigen Situationen nicht auf unterschiedliche Kompetenzen in Phonologie, Syntax oder Semantik zurückgehen, sondern auf divergierende Kontextualisierungskonventionen. In der vorliegenden Arbeit wird davon ausgegangen, dass der Kern der in den untersuchten Protokollen interagierenden Chatter tatsächlich eine eigene Gemeinschaft und Mikrokultur bildet. Die Ergebnisse können daher nicht ohne weiteres auf andere Chat-Gemeinschaften übertragen werden. Dennoch werden gewisse zentrale Konventionen sicherlich von einer größeren österreichischen, deutschsprachigen oder sogar internationalen Chat-Makrokultur geteilt.

Selbstverständlich gibt es auch Einwände gegen Gumperz' Ansatz bzw. den zu Anfang dieses Kapitels erwähnten gewissen Wildwuchs an unter 'Kontextualisierung' subsumierten Arbeiten. Letzterer demonstriert eine "'großzügige' Rezeption" (Schmitt 1993: 328 ) von Gumperz' Ansatz, bedingt teils sicherlich durch die vielfältigen Einflüsse, die darin eingegangen sind, teils aber wohl auch durch eine gewisse Vagheit bzw. 'fuzziness' (vgl. Auer 1992: 33 ) des Konzepts. Um dieser zu begegnen, unterscheidet Auer anhand der Form der Kontextualisierungshinweise zwischen einer engen und einer weiten Auffassung von Kontextualisierung und damit der Kontextualisierungsforschung. In der vorliegenden Arbeit soll die Kontextualisierungstheorie in ihrer engen Form angewandt werden.


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© Alexandra Schepelmann 2002-2003