Gregory Bateson und die Gruppe von Palo Alto

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Quelle: [12.10.2003]

Die Kommunikationstheorie des Anthropologen und Ethnologen Gregory Bateson (1904-1980) und der von ihm mitbegründeten 'Gruppe von Palo Alto' – der etwas später unter anderen auch Paul Watzlawick angehörte – basiert auf Konzepten aus der Systemtheorie und Kybernetik. Die wichtigsten Grundsätze dieses Ansatzes lassen sich in drei Punkten zusammenfassen :

  1. Kommunikation wird als Gesamtheit von relationalen, interaktiven Prozessen innerhalb eines Systems betrachtet. In diesem Erklärungsrahmen sind nicht die einzelnen, statischen Elemente innerhalb des Systems (z.B. die Individuen) ausschlaggebend, sondern die dynamischen Vorgänge zwischen ihnen. Diese Prozesse verändern oder festigen die Struktur des Systems. Offene Systeme werden darüber hinaus auch durch ihren Kontext bestimmt.
  2. Jedes menschliche Verhalten, ob bewusst oder unbewusst, hat einen Kommunikationswert.
  3. Psychische Probleme beim Menschen gehen häufig auf Störungen der Kommunikation innerhalb des Systems, dem er angehört (z.B. die Familie), zurück.

Die Gruppe von Palo Alto geht weiters davon aus, dass jede Mitteilung aus zwei Ebenen besteht – der Inhaltsebene und der Beziehungsebene, wobei die Beziehungsebene der Inhaltsebene übergeordnet ist und diese kommentiert. Kommunikation erfolgt mittels zwei Arten von Kodes, die häufig (aber nicht ausschließlich) mit einer dieser Ebenen korrespondieren:

  1. Der analoge Kode ist geprägt durch eine Analogie zwischen Zeichen und Bezeichnetem; er ist tendenziell eher emotional und bildlich, aber weniger präzise und eignet sich damit weniger für die Kodierung der Inhaltsebene. aber gut zur Kodierung der Beziehungsebene. Beispiele dafür sind etwa Metaphern und Symbole, Gestik und Mimik.
  2. Der digitale Kode ist tendenziell präzise, logisch und analytisch, aber weniger unmittelbar als der analoge Kode. Er ist konventionell und arbiträr, unterliegt den Gesetzen der Syntax und Semantik und erlaubt dadurch Kommunikation nur zwischen Individuen, die den Kode beherrschen. Die Inhaltsebene einer Mitteilung ist meist digital kodiert.

Sowohl die Inhalts- als auch die Beziehungsebene kann metakommunikativ kommentiert werden. Batesons Theorie der Metakommunikation wurde angestoßen durch die Erkenntnisse, die er beim Beobachten von spielenden Tieren im Zoo gewonnen hatte – wie konnten die Tiere ihre spielerischen Bisse und Angriffe von echten Feindseligkeiten unterscheiden? Bateson (1972 [1955]) kam zu dem Schluss, dass hier metakommunikative Hinweise vorliegen mussten, die den Interaktionspartner veranlassten, das scheinbar aggressive Verhalten als Spiel zu interpretieren – in anderen Worten, es als Spiel zu rahmen. Dieses Konzept des Rahmens (frame) wurde von Erving Goffman weiterentwickelt und ist eine der grundlegenden theoretischen Voraussetzungen für die Kontextualisierungsforschung; Batesons eben beschriebene Vorstellung von metakommunikativen Hinweisen als Unterscheidungsmerkmal zwischen möglicherweise zutreffenden Rahmen hat viel mit Gumperz' Konzept der Kontextualisierungshinweise gemeinsam, wie auch Auer (1992: 23) feststellt:

Bateson's concept of "metacommunication" ... is almost identical to Gumperz' notion of "contextualization cues"; it refers to the information interactants need to send off in addition to what they want to convey as a message, in order to mark the boundaries of the message and in order to indicate its type.

Formal kann man unterscheiden zwischen expliziter, verbaler Metakommunikation, nonverbaler Metakommunikation (z.B. ein Heben des Glases, das das Gesagte als Trinkspruch rahmt) und Metakommunikation durch den extralinguistischen Kontext (etwa die Wahl einer bestimmten Umgebung für ein Gespräch).

Das primäre Interesse der Gruppe von Palo Alto und damit auch das vorrangige Ziel ihrer Kommunikationstheorie lag in der Entwicklung einer kurzen und wirksamen Therapie von psychischen Erkrankungen, die ihrer Ansicht nach häufig durch Störungen der Kommunikation verursacht oder zumindest aufrechterhalten werden. So kann etwa (gemäß der bekannten Double-Bind-Hypothese) eine systematische Diskrepanz zwischen Kommunikation und Metakommunikation – wenn etwa eine Mutter bei der Interaktion mit ihrem Kind die Aussage "Ich liebe dich" ständig mit (unbewusst) ablehnender Körpersprache kombiniert – bei einem Familienmitglied zu schweren Störungen bis hin zur Schizophrenie führen.


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© Alexandra Schepelmann 2002-2003