Den Abstract

des Forschungsprojekts "Schmerz- und Krankheitsdarstellung II" finden Sie auf dieser Seite.

Der vorliegende Projektantrag baut unmittelbar auf dem FWF-Projekt Schmerzdarstellungen und Krankheitserzählungen auf, das im Februar 2007 abgeschlossen wurde. Er hat zum Ziel, auf der Basis der gefundenen Ergebnisse die folgenden drei Fragenkomplexe zu vertiefen und zu ergänzen, die Forschungslücken in der Diskursforschung nahe legen und sich auch in den Besprechungen mit Medizinern als für die ärztliche Gesprächsführung besonders relevant herausgestellt haben.
Erstens zeigt eine Reihe von epidemiologischen und klinischen Studien einen ausgeprägten Zusammenhang von primären Kopfschmerzen und psychischen Beschwerden, allen voran Angst und Depression, wobei zunehmend deutlich wird, dass das subjektive Angsterleben entscheidende Hinweise zu einem besseren Verständnis der Krankheit liefert. Da dieses jedoch nur über Interaktion vermittelt zugänglich ist, soll in diesem Projekt die Fragestellung, wie PatientInnen selbst den Zusammenhang von Angst und Schmerz thematisieren und interaktiv bearbeiten, verfolgt werden.
Zweitens zeigten sich im Vorgängerprojekt beträchtliche Passungsprobleme zwischen den Gesprächsplänen der ÄrztInnen und den Anliegen der PatientInnen, die die Schmerzambulanzen aufsuchen. Eine weiterführende linguistische Analyse des Datenmaterials soll systematisch Aufschluss über die unterschiedlichen kommunikativen Formen von Beteiligungsangeboten und -aktivitäten (Stichworte: patientenzentrierte Medizin, empowerment, Entscheidungsfindung) von ÄrztInnen und PatientInnen geben und erfolgreiche und nicht erfolgreiche Formen ihrer interaktiven Bearbeitung beschreiben.
Drittens schließlich wurde von den medizinischen Kooperationspartnern die besondere Problematik der Schmerzdarstellung von PatientInnen mit einem anderen kulturellen Hintergrund unterstrichen. Da gerade bei primären Schmerzen die kommunikative Darstellung entscheidend ist, soll der Frage nachgegangen werden, ob sich in der Schmerzdarstellung Rückschlüsse auf kulturelle Unterschiede ziehen lassen. Allerdings wird es hier gelten, eine Reihe von caveats, die wir zusammengestellt haben, zu beachten.
Das Projekt kann großteils auf das Datenmaterial des Vorgängerprojekts zurückgreifen, das punktuell gemäß den Fragestellungen ergänzt werden soll. Damit wird dann eines der größten deutschsprachigen Videocorpora von Schmerzdarstellung zur Verfügung stehen.
Theoretische und methodische Basis bildet der in nunmehr über dreißigjähriger Forschungstradition entwickelte Wiener Ansatz zur Erforschung institutioneller Kommunikation, der in integrativer Art Kritische Diskursanalyse mit gesprächsanalytischen Fragestellungen verbindet und an Erkenntnisse der Medizinsemiotik und z.T. der Systemisch-Funktionalen Linguistik anknüpft.
Gemäß der Praxisorientierung des Wiener Ansatzes sollen die Ergebnisse, möglicherweise sogar schon in Form von Empfehlungen, auch an die medizinische Praxis zurückgebunden werden können.