Die Öffentlichkeitsarbeit

des Forschungsprojekts "Schmerz- und Krankheitsdarstellung II" finden Sie auf dieser Seite zusammengefasst.

Zusammenfassung: Schmerz- und Krankheitsdarstellung II
Viele ÄrztInnen zählen die Gesprächsführung mit PatientInnen mit geringen oder fehlenden Deutschkenntnissen bzw. anderen soziokulturellen Hintergründen zu ihren größten kommunikativen Herausforderungen. Denn der Umgang mit Kopfschmerzen und damit auch die Frage ihrer erfolgreichen medizinischen Behandlung hängen wesentlich von kommunikativen Faktoren ab. Je besser die Kommunikation zwischen ÄrztInnen und PatientInnen in Bezug auf die Anamnese, die körperliche Unter­suchung, die Diagnose, den Therapievorschlag, die Terminvereinbarung und die Kontrolle des therapeutischen Erfolgs gelingt, desto besser lassen sich die mit Kopfschmerzen verbundenen Krankheitsbeschwerden lindern. Das am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien durchgeführte FWF-Projekt „Schmerz- und Krankheitsdarstellung II“ hat die Besonderheiten und Probleme solcher Gesprächssituationen untersucht. Insgesamt wurden 56 Erst- und Kontrollgespräche zwischen ÄrztInnen und PatientInnen mit geringen oder fehlenden Deutschkenntnissen auf der Kopfschmerzambulanz des Wiener Allgemeinen Krankenhauses auf Video aufgezeichnet. In 20 dieser Gespräche dolmetschen jeweils Familienangehörige oder eine professionelle Dolmetscherin.
Es hat sich erwiesen, dass die Kommunikation zwischen den ÄrztInnen, PatientInnen und FamiliendolmetscherInnen umso eher gelingt, je erfolgreicher und häufiger verschiedene Verfahren der Verständnisförderung (z.B. einfache Fragen, keine Doppelfragen, Körpersprache, Wiederholungen, Zeichnungen und Bilder) zum Einsatz kommen. Derartige Verfahren sind in den analysierten Gesprächen besonders wichtig, weil der sprachliche, kulturelle und gegenstandbezogene Wissenshintergrund der Gesprächspartner stark divergiert.
Allerdings wurde auch deutlich, dass unter den derzeitigen Bedingungen alle am Gespräch beteiligten Parteien überfordert sind: die PatientInnen, die trotz geringer Deutschkenntnisse versuchen, sich verständlich zu machen, und die zum Gesprächsgegenstand werden, über den entschieden wird, die dolmetschenden Familienangehörigen, denen die Aufgabe der Dolmetschung übertragen wird, obwohl ihnen die dazu notwendige Neutralität und Dolmetschkompetenz fehlt und die ÄrztInnen, die trotz sichtbaren Bemühens unter den derzeitigen Bedingungen im Gesundheitswesen oftmals damit überfordert sind, sich im Gespräch auch noch darum zu kümmern, dass Familienangehörige angemessen dolmetschen.
Bei den Schwierigkeiten in ärztlichen Gesprächen mit PatientInnen mit geringen oder fehlenden Deutschkenntnissen handelt es sich also um ein strukturelles Problem. Diesem sollte mit gezielten Maßnahmen begegnet werden: einem Ausbau und systematischen Einsatz des professionellen Dolmetschdienstes (die einzige Form, die Chancengleichheit für PatientInnen beinhaltete), der Nutzung des Potentials lebensweltlicher Mehrsprachigkeit (Fortbildungen zur Schulung von Dolmetschkompetenz bei mehrsprachigem Pflegepersonal, verstärkter Einsatz von mehrsprachigen ÄrztInnen) sowie einer gezielten Schulung von ÄrztInnen zur Sensibilisierung für die spezifischen Anforderungen der Gesprächsführung unter Beteiligung von FamiliendolmetscherInnen.