Argumentative Trugschlüsse

Wie wir schon eingangs erwähnt haben, sollte Argumentation in der Wissenschaft immer rational sein. Das heißt nicht nur, dass sie nachvollziehbar sein, sondern auch dass sie logischen Kriterien entsprechen muss und nicht auf Trugschlüssen beruhen darf. Unter Trugschlüssen versteht man argumentative Fehler, durch die eine strittige These scheinbar gestützt (oder abgelehnt) wird. In diesem letzten Teil der Lerneinheit "Argumentieren und Erklären" erfahren Sie, welche die häufigsten Trugschlüsse sind und wie sie vermieden werden können.

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Durch Trugschlüsse wird das Publikum einer Argumentation getäuscht bzw. in die Irre geführt und nicht rational überzeugt. Allerdings werden Trugschlüsse von Argumentierenden immer wieder auch ohne irreführende Absicht verwendet und führen dann zu Selbsttäuschungen.

Beides sollte in der Wissenschaft vermieden werden. Deshalb sollten Sie Trugschlüsse auch in Ihrer Seminararbeit vermeiden, denn sie können nicht nur dazu führen, dass Sie zu falschen Schlussfolgerungen gelangen, sondern sie können sich auch in einer schlechten Beurteilung ihrer Arbeit niederschlagen.

Appelle an die Autorität

Gerade in wissenschaftlichen Texten beruft man sich oft auf die Autoritäten in einem Feld um die eigene Position zu unterstützen und den eigenen Argumenten mehr Gewicht zu verleihen (mehr darüber, wie das in einem wissenschaftlichen Text geht, erfahren Sie in der Lerneinheit „Verweisen und Zitieren“). Doch ist bei der Berufung auf wissenschaftliche Autoritäten auch Vorsicht geboten. Denn gerade in geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen gibt es in vielen Bereichen eine ganze Reihe von konkurrierenden wissenschaftlichen Schulen (und damit auch Theorien), die sich mit bestimmten Phänomenen beschäftigen und sie in theoretische Zusammenhänge bringen. Häufig sind hier Autoritäten nur in bestimmten Schulen allgemein akzeptiert, d.h. dass die Berufung auf eine Autorität immer nur in einem bestimmten Feld und/oder innerhalb einer bestimmten theoretischen Richtung erfolgreich sein kann.

Ein gutes Beispiel stellt hier der bekannte Linguist Noam Chomsky dar, der mit seinen linguistischen Arbeiten die Theorieentwicklung weiter Bereiche der theoretischen Sprachwissenschaft seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflusst hat.

Wenn Sie eine Arbeit im Bereich der theoretischen Sprachwissenschaft schreiben, so ist die Berufung auf Chomsky in vielen Fällen ein gewichtiges Argument, das den eigenen Standpunkt stützt. Doch bereits in vielen Gebieten der Angewandten Sprachwissenschaft sind Chomskys Positionen durchaus umstritten. Schreiben Sie deshalb eine Arbeit im Bereich der Angewandten Sprachwissenschaft, so muss die Berufung auf Chomsky als Autorität, die Ihre Position stützt, nicht unbedingt zielführend sein, da es hier eine Reihe von anderen Autoritäten gibt, die Chomskys Standpunkte ablehnen.

Gerade das Beispiel Chomskys lässt sich auch noch weiter führen. Denn Chomsky ist nicht nur ein maßgeblicher Theoretiker in weiten Bereichen der Sprachwissenschaft, er bezieht auch immer wieder öffentlich Position zu politisch-sozialen Fragen in den USA und der ganzen Welt und hat auch eine Reihe von politischen Büchern und Artikeln publiziert. Chomsky vertritt dabei eine dezidiert links-anarchistische politische Position, die bei vielen SozialwissenschaftlerInnen höchst umstritten ist. Wenn Sie deshalb eine Arbeit im Bereich der Politikwissenschaft schreiben und sich auf Chomsky berufen, dann müssen Sie sich darüber im Klaren sein, dass Chomskys Position u.U. nur eine schwache oder gar keine Stützung für Ihre Argumentation ist, da er in diesem Bereich keine Autorität sondern höchstens eine laute, aber umstrittene Stimme ist.

Diese beiden Beispiele zeigen Ihnen, dass Autoritätsargumente immer mit großer Sorgfalt zu verwenden sind und dass Sie vor der Verwendung eines derartigen Arguments sehr genau prüfen müssen, ob ein Autor in dem Feld, in dem Sie Ihre Arbeit verfassen, tatsächlich den Status einer Autorität hat.

Post hoc Argumente

Bei post hoc Argumenten (oder korrekt bei post-hoc-ergo-propter-hoc (“Danach und daher deshalb“-Argumente)) wird aus einer zeitlichen Aufeinanderfolge (oder auch Gleichzeitigkeit) unzulässigerweise auf eine kausale Beziehung zwischen zwei Ereignissen oder Fakten geschlossen. Dabei wird außer Acht gelassen, dass Ereignisse aus unterschiedlichen Gründen nacheinander oder gleichzeitig auftreten können (auch aus Zufall) und dass speziell in der Wissenschaft Ursache-Wirkungsbeziehungen meist im Rahmen eines theoretischen Ansatzes formuliert werden müssen, der einen derartigen Trugschluss eigentlich vermeiden sollte. Post-hoc Argumente treten deshalb häufig bei der vorschnellen und theoretisch zu wenig reflektierten Interpretation eigener Daten auf, die im Rahmen explorativer Fallstudien erhoben wurden.

Ein bei Statistikern beliebtes Beispiel für einen solchen Fehlschluss ist das zeitliche Zusammenfallen des Eintreffens der Störche mit einer erhöhten Geburtenrate im Frühjahr in vielen Gegenden Österreichs. Naive Gemüter könnten daraus den Schluss ziehen, dass diese Korrelation tatsächlich ein empirisches Argument dafür sei, dass Störche die kleinen Kinder bringen. Tatsächlich führt die erhöhte sexuelle Aktivität vieler Paare im Sommerurlaub zu einer erhöhten Geburtenrate im darauf folgenden Frühjahr. Damit zeigt dieses Beispiel auch, dass post-hoc Fehlschlüsse oft auch dann auftreten, wenn intervenierende Faktoren (Variable), die von den Untersuchenden nicht oder nicht ausreichend in Betracht gezogen werden, einen Einfluss auf Ereignisse haben.

Ad hominem Argumente

Unter ad hominem Argumenten versteht man Argumente, die nicht auf einen Standpunkt sondern auf die Person, die ihn vorgebracht hat, abzielen und die Glaubwürdigkeit, Lauterkeit oder generell den Charakter dieser Person in Zweifel ziehen, um so ihren Standpunkt zu schwächen. Gerade in der Wissenschaft würde man nicht erwarten, dass derartige Trugschlüsse überhaupt auftreten, denn hier geht es ja – wie oben erwähnt – um rationales Argumentieren und nicht um persönliche Angriffe und Diffamierungen.

Allerdings findet man auch in der Wissenschaft immer wieder eine Spielart dieses Trugschlusses, nämlich dann, wenn der ExpertInnenstatus einer AutorIn angezweifelt oder ihre „Berechtigung“ in Frage gestellt wird, zu einem bestimmten Problem oder einer Fragestellung überhaupt eine relevante Stellungnahme abgeben zu können. Relativ häufig kommt dieser Fehlschluss deshalb zwischen VerteterInnen unterschiedlicher theoretischer Positionen (Schulen) zum Einsatz, die ihre Positionen dann wechselseitig als irrelevant, als an der Sache vorbei oder in anderer Weise als nicht diskussionswürdig einstufen. Dabei kann oft gerade ein Blick von „außerhalb“ dabei helfen, festgefahrene theoretische Positionen und blinde Flecken in Argumentationen aufzudecken.

Für Ihre Arbeit heißt das nicht nur, dass Sie ad hominem Argumente tunlichst vermeiden sollten, sondern auch, dass Sie bei der Lektüre jener Publikationen, die Sie für Ihre Arbeit lesen, aufmerksam sein sollten und gegenüber der eben dargestellten Spielart der ad hominem Argumente in der Wissenschaft kritisch sein sollten. Denn oft sind es gerade die Autoritäten in einem Feld, die ihren unbestrittenen ExpertInnenstatus dazu nützen, anderen die Berechtigung abzusprechen, überhaupt am wissenschaftlichen Diskurs in einem bestimmten Bereich teilzunehmen. Davon sollten Sie sich nicht blenden lassen, auch wenn Sie „noch“ zu den Studierenden eines Faches gehören, denn das kritische Hinterfragen von Positionen gehört zu den grundlegenden wissenschaftlichen Aktivitäten und so manche ExpertIn eines Faches hat ihre Reputation darauf begründet, „unhinterfragbare“ Standpunkte ihres Faches hinterfragt zu haben.

Das Ignorieren von Gegenbeweisen

Dieser Trugschluss tritt dann auf, wenn zwar eine Reihe von Argumenten für eine Position angeführt wird, bekannte Gegenargumente allerdings einfach unter den Tisch fallen gelassen werden. Die Vermeidung dieses Argumentationsfehlers ist deshalb besonders in der Phase des Sammelns der Pro- und Kontra-Argumente, die oben erläutert wurde, relevant. Für Sie bedeutet das, dass Sie die Literatur zu dem von ihnen bearbeiteten Thema/ Problem möglichst umfassend aufarbeiten sollten, denn nur so können Sie gewährleisten, dass Sie keine relevanten Kontra-Argumente zu Ihrer Position übersehen. Das bedeutet in der Folge auch, dass Sie ihr Thema immer so einengen müssen, dass es tatsächlich im Laufe eines Semesters bearbeitbar ist. Bei Forschungsgebieten mit einer sehr reichhaltigen Forschungsliteratur können Sie natürlich auch auf Literaturüberblicke („state-of-the-art“ Publikationen) zurückgreifen.

Das folgende Beispiel illustriert, wie der Autor einer Seminararbeit den Vorwurf Gegenbeweise (bzw. Gegenargumente) zu ignoreren explizit zu vermeiden versucht. In seiner Arbeit "Vom Schilling zum Euro" (die vor der Einführung des Euro als europäischer Einheitswährung verfasst wurde) diskutiert er unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten die Konsequenzen der bevorstehenden Euroeinführung. Dabei schreib er in der Einleitung u.a.:

Ein politisch oft lanciertes Argument für die Währungsunion ist, dass die Länder innerhalb der EU aufgrund der fixen Wechselkurse von wettbewerbsfördernden Abwertungen Abstand nehmen müssen und so zukünftiger Protektionismus (Handelsbarrieren) abgewendet werden kann. Dieses integrationspolitische Argument ist zwar einsehbar, kann aber nicht als einziger Grund gewertet werden. Monetaristen wie Milton Friedman schrieben in den 50er Jahren das genaue Gegenteil, dass nämlich nur freie Wechselkurse den Freihandel garantieren könnten(2).

Im ersten Satz beschreibt er ein Argument, das ihm zufolge häufig zur Unterstützung einer Währungsunion vorgebracht wird. Im darauf folgenden Satz allerdings schränkt er sofort ein, dass bereits in den 50er Jahren (des. 20. Jhdts.) Gegenargumente gegen diese Position formuliert wurden. Er führt diese zwar nicht weiter aus, sondern begnügt sich mit einem Literaturverweis (Fußnote 2) und er versucht an dieser Stelle auch nicht, sie zu entkräften, aber er erwähnt sie und setzt sich damit nicht dem Vorwurf aus, Argumente, die gegen eine Währungsunion sprechen, ignoriert zu haben.

Der Zirkelschluss

Bei einem Zirkelschluss wird die strittige These, die durch die Argumentation bewiesen werden soll, gleichzeitig zum Ausgangspunkt dieser Argumentation gemacht. Das klingt - so auf den Punkt gebracht - absurd und jede/r denkt, dass einem das bei einer durchdachten, rationalen Argumentation nicht passieren könnte. Die Gefahr von Zirkelschlüssen besteht allerdings häufig dann, wenn die Schlussfolgerung und die (mit dieser identischen) Prämisse unterschiedlich formuliert sind und so auch der AutorIn selbst nicht auffällt, dass sie einen Zirkelschluss begangen hat. Die Gefahr von Zirkelschlüssen ist auch gegeben, wenn eine Forschungsfrage zu spezifisch formuliert wird und Alternativfragen gar nicht mehr in Betracht gezogen werden. Deshalb wird in quantitativ-empirischen Arbeiten häufig ein Set von Alternativhypothesen als Ausgangspunkt formuliert, von denen dann im Zuge der Untersuchung eine (oder einige) angenommen und andere abgelehnt werden.

Wäre die Autorin der von uns oben im Abschnitt über „Pro- und Kontra-Argumente“ erwähnten Arbeit über die Erfassung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität bereits von der Prämisse ausgegangen, dass Interviews zur Erfassung der Lebensqualität besser geeignet sind und hätte sie genau diese Prämisse dann im Zuge ihrer Arbeit „bewiesen“, hätte sie einen klassischen Zirkelschluss begangen. So aber bestand ihre Ausgangsfragestellung darin, ein Instrument zur Erfassung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität zu entwickeln, das Bedürfnisse von PatientInnen und ÄrztInnen gleichermaßen berücksichtigt. Erst im Zuge der Diskussion der Forschungsliteratur zu diesem Thema im zweiten Abschnitt der Arbeit kommt sie dann zu ihrer These, dass ein Interview einem Fragebogen überlegen sei. Dies These stützt sie dann durch empirische Daten.

Einen Zirkelschluss innerhalb von wenigen Sätzen hat der Autor der folgenden Erkärung begangen. Er "schließt" aus der Tatsache, dass der betriebswirtschaftliche Terminus "Implementierung" u.a. auch dadurch definiert wird, dass eine Implementierung erfolgreich sein muss, um als solche bezeichnet werden zu können, dass ein Implementierungsprozess erfolgreich sei:

„Erfolgreich“ steckt bereits in der Definition von Implementierung nach Reiß (1995, S 292). Implementierung verfolgt stets ein Ziel, das möglichst gut erreicht werden soll. Daraus leitet sich dann der Erfolg ab. Der Definition von Reiß (1995, S 292) folgend kann gar nicht von einer Implementierung gesprochen werden, falls das Ziel nicht erreicht wurde bzw. der Erfolg sich nicht einstellt.

Der Strohmann Trugschluss

Dieser Trugschluss tritt häufig dann auf, wenn jemand gegen eine Position argumentiert und diese verzerrt oder einseitig darstellt, damit es leichter fällt, dagegen zu argumentieren. Wie Ihnen aus eigener Erfahrung sicherlich geläufig ist, tritt dieser argumentative Fehlschluss häufig in politischer oder massenmedialer Kommunikation auf, doch leider sind auch WissenschaftlerInnen nicht immer davor gefeit .

Strohmann-Argumentationen müssen allerdings nicht immer in verzerrender Absicht verwendet werden, sondern können insbesondere in wissenschaftlichen Texten gerade dann „passieren“, wenn sich AutorInnen mit der Position, gegen die sie argumentieren, nicht gründlich genug auseinander gesetzt haben.

Am einfachsten vermeiden können Sie eine Strohmann Argumentation (oder den Vorwurf eine solche durchgeführt zu haben) dadurch, dass Sie ein wörtliches Zitat finden, das die Position, gegen die Sie argumentieren wollen, klar und deutlich ausdrückt. Setzen Sie dieses Zitat an den Anfang Ihrer Argumentation und entwickeln Sie dann systematisch ihre Gegenargumente, indem Sie die Methode anwenden, die Sie im Abschnitt über Argumentation kennen gelernt haben.

Dieses Vorgehen ist natürlich nicht immer möglich, denn nicht in allen Fällen lässt sich eine Position, gegen die sie argumentieren wollen, durch ein prägnantes wörtliches Zitat ausdrücken. In diesem Fall müssen Sie die Gegenposition zu Ihrer Argumentation möglichst umfassend darstellen und versuchen, keine relevanten Einzelheiten auszulassen, damit Sie sich nicht dem Vorwurf einer Strohmann- Argumentation aussetzen. Dabei ist es häufig besser, den gegnerischen Standpunkt zu ausführlich als zu kurz darzustellen, denn bei kurzen Darstellungen ist die Gefahr, relevante Details auszulassen größer als bei umfangreicheren Darstellungen.

Sie haben hier jene argumentativen Trugschlüsse kennen gelernt, die in (schlechten) wissenschaftlichen Texten auftreten können. Daneben gibt es noch eine ganze Reihe von Trugschlüssen, die von Argumentationstheoretikern untersucht und beschrieben wurden, die aber in Wissenschaftstexten kaum oder nie zu finden sind. Darüber hinaus haben wir hier auch versucht, Sie dafür zu sensibilisieren, wie Sie diese Trugschlüsse in Ihrer Arbeit vermeiden können.
Ein wichtiges Korrektiv ist auch die Seminargruppe, vor der Sie über Ihre Arbeit referieren. Auch Ihre KollegInnen werden Sie auf mögliche Fehl- oder Trugschlüsse hinweisen und achten auch Sie bei den Referaten Ihrer KollegInnen kritisch auf derartige Fehler. Die Seminardiskussion gibt Ihnen also die Möglichkeit, sich gegenseitig auf die Schwächen der im Entstehen befindlichen Arbeiten aufmerksam zu machen. Formulieren Sie Kritik dabei aber immer so, dass sie sich auf die Sache und nicht auf die Person bezieht (vermeiden Sie also ad hominem Argumente) und versuchen Sie auch immer, Kritik mit dem Aufzeigen von Alternativen zu verbinden.

Weiterführende Literatur zu diesem Thema sind folgende Werke:
  Naess, Arne (1975): Kommunikation und Argumentation. Eine Einführung in die angewandte Semantik. Kronberg: Scriptor Verlag.
  Walton, Douglas (1987): Informal Fallacies. Towards a Theory of Argument Criticism. Amsterdam: John Benjamins.
  Mitchell Sally & Riddle, M. (2000): Improving the Quality of Argument in Higher Education: Final Report, School of Lifelong Learning and Education, Middlesex University.
 
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