People Against Xenophobia
Wolf
Wolf Science Center
Kurt Kotrschal (Konrad Lorenz Forschungsstelle Grünau)

Die Biologie der Xenophobie: Schicksal oder Chance?

Kolumne in der PRESSE vom 16.9.08
Xenophobie ist böse und muss abgeschafft werden. Sie stört das
Zusammenleben zwischen den Kulturen und ist leicht von Demagogen instrumentalisierbar, die Menschen gegeneinander hetzen wollen. Wie wahr! Nur: wegwünschen wird man die Fremdenangst nicht können, vor allem wenn sich eine Mehrheit im Lande darin wohlzufühlen scheint. So lange die Stammtische mit xenophobem Gebrabbel zu gewinnen sind, stehen die gebildeten Idealisten im Regen.
Die Wurzel der menschlichen Skepsis den Anderen gegenüber liegt in der evolutionären Geschichte. Menschen, Schimpansen, Wölfe und viele andere Säugetiere neigen dazu, Gruppenterritorien zu verteidigen und “geschlossene Gesellschaften” zu bilden. Alle diese Arten verteidigen damit lebenswichtige Ressourcen, meist Nahrung. Ob und wie das geschieht, hängt aber von Dichte und -verteilung dieser Ressourcen ab.
Menschen - und Wölfe etwa - verteidigen gewalttätig, wenn es viel Nahrung in vorhersagbarer Verteilung gibt, etwa hohe Wilddichten und/ oder ertragreiche Böden. Nicht nur an den Papua- Stammesgrenzen Neuguineas fließt regelmäßig Blut, sondern auch zwischen den großen Timberwolf-Rudeln im Yellowstone Park. Vor allem junge männliche Gruppenmitglieder sterben dabei, ein Wechsel zwischen Gruppen ist unter diesen Umständen kaum möglich.
In Gebieten mit geringer Nahrungsdichte überlappen dagegen die Streifgebiete benachbarter Gruppen, man toleriert einander; Sesshaftigkeit wiederum ist von Verteilung und Vorhersagbarkeit
der Ressourcen abhängig. Schimpansen führen übrigens ihre latenten Kriege letztlich um die Weibchen. Die Männchen reiben einander an den Grenzen auf, während Weibchen relativ frei die Gruppe wechseln können, oder eben gewaltsam requiriert werden.
Diese Beispiele zeigen, dass die Bereitschaft zur Abgrenzung gegen “die Anderen” (also gegen jene, die nicht zur eigenen Gruppe/ Klan/ Kultur/ Subkultur/ Glaubengemeinschaft, etc. gehören) immer in einem aktuellen funktionellen Kontext ausgebildet wird, historisch und auch heute noch. Öko-soziale Funktionen schaffen auf evolutionärem Weg  psychologische Dispositionen. So beruht die Skepsis der “Unterschicht” gegenüber Zuwanderern nicht nur auf Bildungsferne, sondern auch auf konkreter und teils berechtigter Konkurrenzangst um Arbeitsplätze und Sozialleistungen.
Gerade die Xenophobie kann aber als Beispiel dafür gelten, dass evolutionär-psychologische Voreinstellungen weit weniger determinieren, als das manch rechtskonservativer Politiker gerne hätte. Obwohl die Grundeinstellung der Menschen in Richtung Xenophobie zu gehen scheint (weil einfach zu fördern, aber nur unter erheblichem Aufwand abzubauen), ist genügend Flexibilität im unseren sozialen und psychologischen Systemen vorgesehen, weswegen Bildung und treffgenaue Sozialmaßnahmen Xenophobie wirksam bekämpfen können.
Gerade aus Sicht der evolutionären Psychologie kann Integration sehr wohl klappen. Man muss nur wollen. Die friedliche Zukunft Österreichs wird also auch davon abhängen, wie viele Wähler sich für die Instrumentalisierer der xenophoben Urängste entscheiden werden.
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Aktuelles über das Wolfsforschungsprojekt gibt es laufend unter www.wolfscience.at oder von Angesicht zu Angesicht mit den Wolfswelpen bei einem Besuch im täglich geöffneten Cumberland Wildpark Grünau.
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