| People Against Xenophobia |
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| Michael Berger (Zentrum für Hirnforschung, Medizinische Universität Wien): |
Für die Fremden sind die Fremden wir |
| Vor allem in Vorwahlzeiten versuchen die meisten politischen Parteien
ihr Süppchen auch mit einer größeren oder
kleineren Prise Ausländerfeindlichkeit zu kochen. Nur die Grünen und
die Liberalen haben bisher immer das Gegenteil versucht: die Würze mit
Ausländerfreundlichkeit. Möglicherweise erklärt das ihr eher mäßiges
Abschneiden. Um
bei diesem Bild zu bleiben: Statt mit Salz haben sie versucht, mit
Seife zu würzen, und das
funktioniert kulinarisch halt überhaupt nicht. |
Menschen sind nichts anderes als soziale Tiere mit sehr gut
entwickelten Kommunikations-Fähigkeiten. In ständiger
Auseinandersetzung mit wechselnden Umweltbedingungen, mit anderen
Tieren, und mit Artgenossen sind sie über Millionen Jahre das geworden,
was sie heute sind. Auch wenn wir heute ins Theater gehen, kluge Bücher
lesen, für Artgenossen in Not spenden, und uns wochenlang daran
delektieren, wie 22 erwachsene Männer auf einer 105 x 68 Meter großen
Wiese herumlaufen und versuchen, einen Ball in 2 Metallrahmen zu
treten, so bleiben wir doch biologische Wesen, aufgebaut aus Zellen,
ausgestattet mit Gehirnen, Nervenzellen, Hormonen, Drüsen, die ganze
Palette natürlicher Gegebenheiten. Und aus diesem Grund werden Menschen
IMMER Angst haben vor Spinnen, vor Schlangen, vor 2 hellen knurrenden
Punkten in der Finsternis, und vor Fremden. Das ist einfach so. Man
kann das im Gehirn messen, es läuft völlig unbewußt ab und kann erst im
2. Moment, mit genügend Selbstdisziplin, reflektiert und beherrscht
werden. Jeder Politiker, der auf diesem Instrument spielt, wird ihm
Töne entlocken, das geht gar nicht anders. |
| Die einzig mögliche Gegenstrategie gegen eine populistische Überrumpelung der Wähler ist die WAHRHEIT. Man muß den Wählern sagen: Ja, ihr habt recht, die immer weiter zunehmende Anzahl der Fremden unter uns IST beängstigend; die fortschreitende Durchmischung unterschiedlicher Kulturen STELLT ein Problem dar; wir können NACHVOLLZIEHEN, daß ihr euch unwohl fühlt. Erst mit solchen Eröffnungen hat man eine reelle Chance auf das Vertrauen der Wähler. Es hat überhaupt keinen Sinn, dem Wähler etwas vorzuschwärmen vom "Reiz" einer multikulturellen Gesellschaft. Die fremde Kultur kann man gelegentlich zur Unterhaltung als Folklore genießen, aber der Mensch neigt eher nicht dazu, sich das Fremdkulturelle tagein, tagaus und überall reinzuziehen. Wir alle haben eine spontane, natürliche Vorliebe für das Vertraute, das Gewohnte, das worin wir schon als Kinder geübt wurden. Das gilt natürlich für alle Kulturen, nicht nur für unsere in Österreich. Jeder Türke, jeder Serbe, umso mehr jeder Afrikaner, der bei uns leben muß, ist zu bedauern, daß er um sich so viel mehr Fremde aushalten muß als wir. |
| Wir sind alle
Menschen, In- und Ausländer, und wir haben ALLE ein Problem mit
Fremdheit; und das Problem nimmt von Jahr zu Jahr zu. Kein Mensch geht wirklich
gerne anderen Menschen auf die Nerven. Ich würde z. B. gerne erfahren,
welche von meinen (österreichischen) Verhaltensweisen einem
Türken, einem Serben, einem Afrikaner auf die Nerven gehen. Ich
weiß es nicht, ich habe keine Ahnung. Umgekehrt werden die lieben türkischen, serbischen und afrikanischen
Kurz- oder Langzeit- Mitbürger vielleicht überrascht sein zu erfahren,
was uns Österreicher an ihren Gepflogenheiten stört. Ich frage mich
z.B., ob es Musliminnen überhaupt bewußt ist, daß sie durch das für uns
ungewohnte Kopftuch die Blicke männlicher Österreicher auf sich ziehen
(wo doch eigentlich das Gegenteil erreicht werden soll). |
Gelegentlich wird unsere Gesellschaft
als "modern" gepriesen und die steigende "Mobilität" und immer rascher
fortschreitende "Veränderung gesellschaftlicher Strukturen" willkommen
geheißen, gerade so als würden diese Enwicklungen der Natur des
Menschen entgegen kommen. Mit solchen Erwartungen ist man allerdings
auf dem Holzweg. Den Verhaltensforschern ist ein generelles und
permanentes Streben des Menschen nach Umwälzungen
unbekannt. Zwar gibt es im Leben jedes Menschen eine "mobile Phase",
verbunden mit dem Wunsch nach Veränderung, aber das gibt sich, wenn man
älter wird. Später herrscht die Vorliebe für Vertrautes vor. |
| Eine durch Mobilität und rasante Veränderung gekennzeichnete "moderne Gesellschaft" trägt nur für eine Minderheit attraktive Züge. Für die Mehrheit entwickelt sie sich immer mehr zu einer Belastung, die in den letzten Jahren schon einige erschreckende Blüten getrieben hat. Der Mensch ist ein soziales Wesen und darauf angewiesen, sich in einem Sozialverband geistig und infrastrukturell zu verorten. Hier erfährt er seine Regulative für sein Verhalten. Leider funktioniert die Prägung der heranwachsenden nächsten Generation nicht so wie im Märchen durch weise alte Menschen, die es wunderbar verstehen, die Jungen mit Lebensklugheiten und Kraft auszustatten. Nur in den seltensten Fällen gelingt das heute noch so. Die Jungen mit Migrations-Hintergrund erleben ihre Alten als solche, die in der neuen Gesellschaft nichts zu sagen haben. Sie suchen sich ihre Idole anderswo, und leider sind das nicht nur Kluge und Weise. Die Sozialisierung im liebevollen Familien- Zusammenhang findet kaum mehr statt. Junge Afrikaner rennen hier bei uns herum und haben keine "Heimat" mehr. Wir können sie ihnen kaum ersetzen, denn kaum jemand von uns Eingeborenen hat eine Ahnung, was für sie "Heimat" war. |
| Unsere Gesellschaft leidet. An vielen Ecken und Enden. Gehen wir nicht herum und predigen wir: "Es ist alles okay, alles super und leinwand, alle sind happy, man muß nur die Vorurteile ablegen" usw. Mit der Zeit werden uns die Betroffenen auslachen, mit einem bitteren Lachen. |
Gesellschaften brauchen Zeit, um sich zu entwickeln. Veränderungen müssen
verkraftet werden. Das dauert Zeiträume, die sich eher an der
Generationsdauer des Menschen orientieren, nicht an den Erfordernissen
des Marktes. Der Markt geht gerne über solch selbstverständliche
anthropologische Grundtatsachen hinweg, mit z.T. fatalen Ergebnissen.
Wir dürfen uns nicht mit Gutmensch- Gemeinplätzen
zufriedengeben; man wird uns sonst nicht ernst nehmen, und wir werden
damit auch den Problemen nicht gerecht. Wer hat gesagt "Die Wahrheit
ist dem Menschen zumutbar"? Ich glaube, die Bachmann war's. Recht hat
sie gehabt. |
| MB (7/08) |
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