| People Against Xenophobia |
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| Patrizia Giampieri-Deutsch (Institut für Philosophie, Universität Wien): |
Psychoanalytische Notiz über die Fremdenfeindlichkeit |
| Beitrag zu "SOS Aufbau-Wohnen" Ideen für ein soziales Bauen Entwürfe zum Thema Flüchtlings- und Integrationswohnbau Wien 1993 |
| Welche sind die triebhaften Grundlagen der Fremdenfeindlichkeit? Es herrscht in den Ergebnissen der aus verschiedenen Ausgangspunkten durchgeführten Untersuchungen europaweiter Phänomene wie Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus seitens Psychoanalytikern wie Janine Chasseguet-Smirgel und Werner Bohleber Elnstimmigkeit zumindest über eine unbewußte, aus archaischen Entwicklungsstufen stammende Wunschphantasie, die der Fremdenfeindlichkeit zugrundeliegt: Die Nation wird als imaginäre, homogene, organische Gemeinschaft phantasiert, die der Fremde (“Rassenfremde“) mit seinem Anders-Sein bedrohen und zerstören würde: Die Heimat ist der Körper der präödipalen Mutter. Um die gänzliche Wiedervereinigung mit dem primären Objekt, dem Mutterleib, und eine ewige illusionäre Dualunion zu ermöglichen, muß jede störende Differenz vernichtet werden: “Das Pack muß weg.“ |
| Wenn diese tiefen Deutungen auf den unbewußten, regressiven Kern des scheinbar rationalen Diskurses der Öffentlichkeit hinweisen, begegnet man üblicherweise fremdenfeindlichen Reden, die an die Vernunft appellieren: Es geht um Schutz der Wirtschaft, der Kultur, der fortschrittlichen Werte, der westlichen Demokratie, sogar der Frauenwürde (in der Polemik gegen die Moslems) und eine Frage entsteht: wie werden irrationale, regressive Wünsche zu quasi-rationalen Diskursen? |
| Wenn jemand öffentlich erklären würde, daß er für immer im Bauch der Mutter verweilen möchte, würde er vermutlich kaum auf Zustimmung stoßen, man würde ihm vielleicht raten, sich um psychotherapeutische Hilfe umzuschauen. Dieser Wunsch ist offensichtlich regressiv und gilt ja in der Alftagslogik als irrational. Soweit darf es durchschnittlich - “normal“ - gar nicht kommen, vielmehr beurteilt das Subjekt selbst diesen Wunsch bei dessen Auftauchen als bizarr und verpönt und verurteilt ihn. In psychoanalytischer Sprache: dieser Wunsch fällt der Zensur zum Opfer. So bleibt zu beantworten, wie es dem primärprozeßhaften, unbewußten Denken gelingen kann, die Zensur zu umgehen, zum Bewußtsein durchzudringen und somit den Weg zur Sprache zu finden. |
| Ich möchte auf die Analysen des ungarischen Psychoanalytikers Imre Hermann zurückgreifen, der auf einige Vorgänge zur Umgehung der Zensur seitens der unbewußten Wünsche aufmerksam gemacht hat. Hermann hatte die spezifische Rationalisierungsweise des Antisemitismus untersucht. Die Ergebnisse seiner Studie sind aber auch auf die Analyse der Rationalisierungsvorgänge jenes Rassendenkens anwendbar, das bei der Marginalisierung der Flüchtlinge am Werk ist. Hermann spricht vom Eindringen der primärprozeßhaften, unbewußten Wünsche in den Sekundärvorgang des normalen, bewußten Denkens. Die Alltagslogik wird dadurch modifiziert, wird zum paralogischen Diskurs. |
| Ohne diese quasi-rationale Form würde die Fremdenfeindlichkeit in ihrer manifesten Irrationalität eine Randerscheinung bleiben, derer man sich schämen müßte und die Urteilsfunktion würde sie verurteilen. Die von Hermann untersuchten Denkvorgänge sind betreffend deren Wirkung am ehesten mit der Verneinung zu vergleichen: “Ein verdrängter Vorstellungs- oder Gedankeninhalt kann (...) zum Bewußtsein durchdringen, unter der Bedingung, daß er sich verneinen läßt. (...) Vermittels des Verneinungssymbols macht sich das Denken von den Einschränkungen der Verdrängung frei (...)“ |
| Der erste Denkvorgang ist ein Fehler im lnduktionsvorgang, eine unzulässige Verallgemeinerung, die vom Konkreten zum Abstrakten vorgeht. Ein beliebiges Merkmal eines zu einer Gruppe gehörenden Individuums wird als sein “Wesen“ abgetrennt - isolierende Abstraktion - und allen Individuen dieser Gruppe - generalisierende Abstraktion - zugeschrieben, die somit zu einem Gattungsbegriff gehören. |
| Ein Flüchtling bekommt eine Notstandshilfe. Es wird von allen Merkmalen, die ihn als Mensch kennzeichnen, abgesehen und das Merkmal “Notstandshilfeempfänger“ wird isoliert und auf alle anderen Flüchtlinge übertragen, seien sie in der Tat Notstandshilfeempfänger oder nicht. Somit werden alle Flüchtlinge im Gattungsbegriff “Notstandshilfeempfänger" oder - wie, in nostalgischer Anspielung an die Zeit, die das Wort prägte, formuliert wird - “Sozialschmarotzer“ subsumiert. |
| Ein anderer Denkvorgang ist das Fehlen eines objektiven Vergleiches in den Anklagen gegen Flüchtlinge mit anderen nicht hilfsdürftigen oder gar bewunderten “Völkern“ bzw. “Rassen“ und noch mehr mit der eigenen Bevölkerung. Wenn man Flüchtlinge anklagt, sie seien schmutzig, nicht arbeitsam, kriminell, wird sorgfältig vermieden, komparativ vorzugehen und einen objektiven Vergleich herzustellen. Hat man sich irrsinnig über einen gewissen Gestank aus der Wohnung oder der Person des Nachbars aufgeregt, wird diese noch frische Erinnerung abends in der erhitzten Rede über die angeblich mangelnde Sauberkeit der Flüchtlinge am Stammtisch oder im Club vergessen. Sie wurde gespalten - nicht verdrängt, da sie morgen wieder in dem vertrauten häuslichen Zank gegen den Nachbarn gegenwärtig wird. |
| Ein drftter Denkvorgang ist das Folgern nach dem Auswahl-Axiom oder Axiom des “guten Beispieles“: “Diese Art Folgerung nimmt aus einer vollen Menge ein einziges 'gutes' Beispiel, erprobt an diesem die Wahrheit oder Falschheit einer Behauptung und dehnt das so gewonnene Resultat auf alle Mengenglieder aus.“ Es handelt sich um eine Argumentation a fortiori: wenn man feststellt, daß der Flüchtling, der für den fleißigsten von allen gehalten wird, in der Tat nicht so arbeitsam oder produktiv ist, müssen alle andere Flüchlinge also zwingend faul und unproduktiv sein. |
| Man könnte hinzufügen, daß alle erwähnten Denkvorgänge eine Verdinglichung des Menschen - nach Hermann ein primitiver Denkschritt - voraussetzen, worauf in einem anderen Zusammenhang Bohleber selbst mit dem Begriff der Entpersonalisierung der Flüchtlinge hingewiesen hat. |
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