| Thomas Schmidinger (Politikwissenschaft, Universität Wien) |
Integration: Schluss mit der Rede vom "Ende der Debatte" |
Erstabdruck im Standard vom 11. Nov. 10 Langfassung in Integration in Österreich (Hrsg. Herbert Langthaler, Studienverlag 2010) |
| [Reaktion auf den Appell "Schluß mit der Integrationsdebatte", abgedruckt im Standard vom Vortag.] |
| Der
gestern publizierte Protestaufruf gegen den "rassistischen"
Mainstream im Integrationsdiskurs bringt zwar vielberechtigte Kritik,
versteigt sich aber zu einem völlig unsinnigen Versuch eines
Diskussionsverbots. Ja, die Diskussion wird derzeit von weiten
Teilen der Politik und der Medien so geführt, als wäre "Integration"
eine Leistung, die Migranten abverlangt werden kann und ja, diese
Diskussion ist über weite Strecken zumindest implizit rassistisch
unterlegt und wird immer stärker auch offen rassistisch geführt. |
| Wenn linksliberale Bildungsbürger/innen aber glauben, die Schwäche
fortschrittlicher Kritik im Integrationsdiskurs durch den Versuch, die
Debatte zu beenden, kompensieren zu können, werden sie zu Recht von
niemandem außerhalb der eigenen Diskursblase ernst genommen werden. Eine
solche Argumentation mag sich radikal antirassistisch anhören, ist aber
letztlich nichts anderes als ein Oberschichtsdiskurs, der an der
sozialen Realität vieler Betroffener völlig vorbeigeht. |
| Es wird in Österreich nicht zu viel über Integration gesprochen. Es
wurde viel zu spät darüber gesprochen, und es wird falsch darüber
gesprochen. Vor allem aber wird offenbar von keinem der Beteiligten
dargelegt, was denn überhaupt unter Integration verstanden wird. Nur
weil die Linke dabei so völlig versagt hat, gelingt es der Rechten
überhaupt, diesen Begriff zu besetzen und erfolgreich in eine
Assimilationsleistung von Migranten umzudeuten. |
| Der Integrationsbegriff wird zwar in den letzten Jahren zunehmend
inflationär gebraucht, warum deswegen jedoch "bereits das ständige
Sprechen über Integration" ein "angebliches Anderssein" reproduziert und
"Teile der Gesellschaft unter Generalverdacht" stellt, wie in dem
Aufruf behauptet wird, ist für mich nicht nachvollziehbar. |
| Sozialwissenschaften meinen keine "Assimilation" |
| Bereits die frühen Soziologen des 19. Jahrhunderts wie Émile Durkheim, Herbert Spencer oder Georg Simmel beschreiben gesellschaftlichen Wandel auch als einen Wandel des Modus der sozialen
Integration. Trotz mancher begrifflicher Differenzen kann vereinfacht
gesagt werden, dass in den Sozialwissenschaften mit "Integration" immer die
(Wieder-)Herstellung eines Ganzen durch unterschiedliche Teile gemeint ist. Niemals war damit eine Assimilationsleistung gemeint, die von MigrantInnen gefordert werden könnte . |
| Wenn Integration nicht als Assimilation, sondern als wechselseitiger Prozess begriffen wird,
dann stellt sich nicht die Frage nach der "Integrationsbereitschaft" von
MigrantInnen und Flüchtlingen, sondern nach der "Integrationsbereitschaft"
einer gesamten Gesellschaft. Integration - nicht nur zwischen MigrantInnen
und Einheimischen, sondern zwischen unterschiedlichsten Sektoren einer
Gesellschaft - muss permanent stattfinden und das Ziel einer
Gesellschaft vor Augen haben, deren Mitglieder miteinander zu tun
haben. |
| Nur wo Integration stattfindet, gibt es Gesellschaft |
| Oder anders gesagt, nur wo Gesellschaft ist, findet auch Integration
statt, und nur wo Integration stattfindet, gibt es Gesellschaft. Die
neoliberale Vorstellung von einander bindungs- und herkunftslos
gegenüberstehenden isolierten und freien Individuen, die sich in
Margaret Thatchers bekanntem Diktum "there is no such thing as society"
verdichtete, entbehrt damit nicht nur jedes Bezuges zur sozialen
Realität, sondern würde, als politisches Programm verstanden, einen
Menschen schaffen, der kein soziales Wesen mehr ist. Wer glaubt, dass das Zusammenleben von Menschen auf dieser Basis
funktionieren kann, benötigt keine Gesellschaft und damit auch keine
Integration dieser Gesellschaft. |
| Ich
gestehe es hier eher mit Karl Marx zu halten, der in seinem „18.
Brumaire des Luis Bonaparte“ formulierte: „Die Menschen
machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus
freien Stücken; nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar
vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen“ (Marx/Engels
1990: 96). Wir alle leben also unter ökonomischen, sozialen und
gesellschaftlichen Bedingungen, die wir vorfinden, die
älter sind als wir selbst. Zugleich machen wir
aber unsere Geschichte. Dies bedeutet auch, dass wir in einer
Gesellschaft leben, von dieser geprägt sind, diese Gesellschaft aberauch verändern können. |
| Die Gesellschaft ist nicht nur die Summe ihrer Teile |
| Genau
dies ist es, was auch in Integrationsprozessen geschieht. Wenn
unterschiedliche Teile zu einem neuen Ganzen, in diesem Falle zu
Gesellschaft werden, ist das Resultat dessen nicht dasselbe, wie die
einzelnen Teile zuvor. Auf unsere Gesellschaft bezogen bedeutet dies,
dass die Frage der Integration von MigrantInnen auch eine Frage nach
dem Selbstverständnis unserer gemeinsamen Gesellschaft ist. Basis dafür
kann kein multikulturalistisches Nebeneinander sein, sondern ein
interkulturelles Miteinander, das Menschen- und Bürgerrechte für alle garantiert und von der Gleichheit der Mitglieder einer Gesellschaft ausgeht. |
| Wir
alle – MigrantInnen und hier Geborene – müssen uns darüber unterhalten,
streiten und bewusst werden, in welcher Gesellschaft wir leben wollen.
Dies bedeutet jedoch auch, dass wir gleiche Chancen und
Partizipationsmöglichkeiten für MigrantInnen und ihre Nachkommen
schaffen müssen, damit diese sich überhaupt entsprechend in einen solchen Prozess einbringen können. |
| Wer den Menschen als soziales
Wesen begreift, das in eine gesellschaftliche und politische Struktur
hineingeboren wird, diese aber auch verändern kann, der wird auch die
Notwendigkeit erkennen, dass sich eine Gesellschaft unter veränderten
Rahmenbedingungen ständig neu erfindet. Sich darüber zu verständigen
wäre, wenn alle Beteiligten entsprechend einbezogen werden, ein
lohnendes Ziel von Integrationsdebatten. |
| Begegnung auf Augenhöhe |
| Als organisierte Veranstaltungen habe ich Momente solcher Debatten
etwa bei den von Caritas und der Stadt Wr. Neustadt organisierten Wiener
Neustädter Integrationsgesprächen "ZusammenReden" in Niederösterreich
erlebt. Auch in Vorarlberg zeigt die Projektstelle "okay.zusammen leben"
seit Jahren erfolgreich, dass eine konstruktive Bearbeitung des Themas
mit etwas gutem Willen möglich ist. |
| Voraussetzung dafür ist eine Begegnung auf Augenhöhe, eine Einbindung
aller Betroffenen und das Ansprechen möglichst konkreter
Problembereiche. Letztlich entpuppen sich dabei viele vermeintlich
"kulturelle" Probleme als handfeste und damit auch lösbare Fragen der
Ökonomie, Bildung, der sozialen und politischen Teilhabe. |
| Deshalb brauchen wir auch kein Ende der Integrationsdebatte, sondern
eine andere Integrationsdebatte, in die sich möglichst viele Teile
dieser Gesellschaft einbringen. An dieser sollten sich auch die
Unterzeichner/innen des "Aus-Schluss-Basta-Aufrufs" möglichst konkret
beteiligen und das Feld nicht dem Innenministerium und der FPÖ
überlassen. |
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| People Against Xenophobia |