Zusammenfassung

Das Forschungsprojekt „Mittelstädtische Urbanitäten. Ethnographische Stadtforschung in Wels und Hildesheim“ widmet sich aus alltagskulturwissenschaftlicher Perspektive der ethnographischen Erforschung zweier zentraleuropäischer mittelgroßer Städte. Es läuft seit Oktober 2011 unter Leitung von Brigitta Schmidt-Lauber am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien und wird gefördert für einen Zeitraum von drei Jahren vom Austrian Science Fund (FWF): P23390-G17.

Ziel des Forschungsprojektes ist es, das Verständnis des Städtischen zu erweitern und die Aufmerksamkeit auf bislang weithin ausgeblendete Dimensionen urbanen Lebens zu richten. Die Stadtforschung konzentrierte sich bislang vorwiegend auf Großstädte und Metropolen, in denen das „Städtische“ in besonderer Weise verortet wird, oder auf urbane Transformationsprozesse einzelner Städte oder Regionen. Aus dem Blick gerät dadurch die Lebensrealität einer Vielzahl von Menschen: So lebt in Europa ein großer Teil der Bevölkerung in Städten mit einer Einwohnerzahl zwischen 20.000 und 250.000 und gerade nicht in Großstädten und Metropolen.

Mittelstädte werden in diesem Projekt aus der lebensweltlich-ethnographischen Perspektive der Europäischen Ethnologie untersucht und mittelstädtische Urbanitäten anhand intensiver Feldforschungen vor Ort spezifiziert. Die Ausgangshypothese des Projektes lautet, dass es mittelstädtische Urbanitäten gibt, die sich in Alltagspraxen und Erfahrungsmodi manifestieren und in relationalem, zugleich differentem Bezug zu anderen urbanen und nicht-urbanen Lebensweisen stehen. Mittelstädte werden dementsprechend im Forschungsprojekt als Orte spezifischer Formen von Stadtleben erforscht. Damit wird der weitgehend normativ ausgelegte und allein auf große Städte ausgerichtete Begriff von „Urbanität“ einer kritischen Reflexion unterzogen und durch die systematische Erforschung von exemplarischen Mittelstädten bzw. mittelstädtischen Urbanitäten pluralisiert.

„Mittelstadt“ wird anhand zweier Fallbeispiele untersucht: am Beispiel der Bildungs- und Kulturstadt Hildesheim im norddeutschen Bundesland Niedersachsen und der ehemaligen Industriestadt Wels in Oberösterreich. Sie werden nach gleichem Forschungsdesign untersucht und aus vergleichender Sicht auf ihre mittelstädtischen Lebensformen hin befragt. Dabei wird die Kategorie „Mittelstadt“ selbst einer kritischen Reflexion unterzogen, weil die numerische Bestimmung ohne sozial-räumlichen Bezug fragwürdig scheint. Insofern begreifen wir die Mittelstadt im Rahmen des Projektes aus einer praxeologischen Perspektive als dynamische Kategorie.

Die Ergebnisse des Projektes werden in Form von Workshops, Kongressen, Publikationen und Diskussionsrunden publik gemacht. Im Rahmen des Forschungsprojektes werden eine Dissertation, diverse Artikel in Fachzeitschriften sowie zwei Masterarbeiten entstehen.