Der Brief als Medium der "Res publica literaria"

Der Begriff der "Res publica literaria" ("Gemeinwesen der Gelehrten") wurzelt im Humanismus und meint die abstrakte Gesamtheit aller Gelehrten ebenso wie das durch sie verkörperte Wissen. Stark geprägt durch die antike (insbesondere die ciceronianische) Briefkultur und die darin transportierten Konzepte von Freundschaft und ethischem Verhalten, fungierte der Begriff der "Res publica literaria" als global akzeptierter Referenzrahmen für gelehrte Tätigkeit an sich und für die Gestaltung von Beziehungen zwischen einzelnen Gelehrten.

Obzwar sich zwischen Humanismus (etwa Erasmus) und Aufklärung (etwa Muratori) viele Philosophen explizit mit diesem Begriff auseinandersetzten, blieben doch Semantik und Praxis der "Res publica literaria" während der Frühen Neuzeit weitgehend offen und für die an ihr Teilnehmenden gestaltbar. Die benediktinischen Gelehrten konnten ebenso ihren Platz darin finden wie Descartes, Galileo, Leibniz oder Newton. Dies bedeutet freilich keineswegs notwendigermaßen eine ähnliche wissenschaftliche Ausrichtung der jeweiligen gelehrten Produktion, sondern meint einen unausgesprochenen Konsens hinsichtlich der Regeln und gemeinsam verfolgten Ideale der Gelehrtengemeinschaft.

Eines der zentralen Medien der "Res publica literaria" war die briefliche Korrespondenz. In ihr spiegeln sich zugleich oft andere wichtige Formen gelehrter Praxis, etwa das persönliche Gespräch, die Forschungsreise, die gelehrten Journale oder der Bücherverkehr. Briefe übermittelten nicht nur ihrem Inhalt nach vielfältige Informationen und Gedanken, von mathematischen oder philosophischen Reflexionen bis hin zur handschriftenkundlichen oder philologischen Mitteilung; die Sprache der Gelehrtenbriefe selbst formte die soziale und ethische Rolle des Gelehrten und präfigurierte sein Verhalten.

Hinzu kam der Aspekt der so genannten "Nova literaria" ("gelehrte Neuigkeiten"). Briefliche Mitteilungen über fachliche oder private Informationen aus dem Leben von Gelehrten etablierten sich einerseits als wichtige Informationsquellen, andererseits als praktikables Tauschobjekt innerhalb der "Res publica literaria", die bei aller egalitären Freundschaftsrhetorik gleichzeitig Gesetzen der Patronage unterlag. Dieser Umstand gewann überall dort an Bedeutung, wo es zu Überschneidungen und Interferenzen zwischen der abstrakten Gelehrtengemeinschaft (und ihrem Anspruch auf stets anwachsendes Wissen und gegenseitige Hilfeleistung) einerseits, konkreten Institutionen und Personen mit politischen Eigeninteressen andererseits kam (Höfe, Städte oder Klöster als Träger von Bibliotheken und Sammlungen, später auch Universitäten und Akademien).

All diese Spannungsfelder finden auch ihren Ausdruck in der Pez-Korrespondenz, in der die "Res publica literaria" als abstrakter Referenzrahmen ebenso wahrnehmbar ist wie Kloster, Hof und Buchmarkt als real wirksame politische und wirtschaftliche Faktoren. 

FWF Institut für Geschichte
IOeG
Uni Wien