Als Bernhard Pez 1709 seine ersten Enzykliken verschickt, ist Frankreich der Gegner in einem erbittert geführten Krieg und Bayern von österreichischen Truppen besetztes Gebiet. Dennoch gewinnt er in beiden Ländern eifrige Korrespondenten. Sein als Einstandsgeschenk versandtes literarisches Erstlingswerk ist ihnen gegenüber freilich erklärungsbedürftig, handelt es sich doch um eine nicht gerade unparteiische Darstellung des französisch-bayerischen Einfalls in Tirol von 1703.
Das Beispiel zeigt deutlich, dass zwischen dem Anspruch der gemeinsamen Bürgerschaft in einer übernationalen "Gelehrtenrepublik" und den (proto-)nationalen Selbstzuordnungen der Gelehrten ein kompliziertes Verhältnis besteht. Tatsächlich lassen sich durch gemeinsame wissenschaftliche Interessen in erheblichem Maße die politischen, nationalen und auch die konfessionellen Barrieren überwinden oder zumindest umgehen; die völlige Ausblendung dieser Gegensätze gelingt jedoch meist nicht. Während die Brüder Pez mit französischen und protestantischen Korrespondenten Briefe voller Freundlichkeiten tauschen, aus denen sensible Themen wohlweislich ausgeklammert bleiben, herrscht in ihren anderen gleichzeitig geführten Briefwechseln oft ein scharfer antifranzösischer Ton und für Evangelische die Bezeichnung als "Ketzer", "Heterodoxe" usw.
Freilich schlägt sich das Zeitgeschehen auch sonst immer wieder in der Korrespondenz nieder. Briefe sind ein Nachrichtenmedium, in der Frühen Neuzeit sogar eines der wichtigsten. Immer wieder werden Ereignisse mitgeteilt oder beschrieben: Schlachten, Epidemien, die Kaiserkrönung Karls VI., Begebenheiten an den Fürstenhöfen. Vieles davon wäre den Empfängern sonst gar nicht, weniger rasch oder weniger zuverlässig zur Kenntnis gelangt. Manche Nachricht beruht sogar auf einem privilegierten Zugang zu Informationen, denn die Verflechtungen zwischen Gelehrsamkeit und den Zentren geistlicher und weltlicher Macht sind vielfältig.
Etliche Pez-Korrespondenten stehen im Hofdienst: Gentilotti oder Garelli in Wien, Eckhart in Hannover und später in Würzburg, Sigler in Fulda und Würzburg; andere sind selbst Machtträger als Prälaten (Bessel, etliche Äbte von Reichsstiften) oder Inhaber höchster Hofämter (Sinzendorf). Derartige Verbindungen schaffen viele Möglichkeiten, vom Zugang zu Bibliotheken und Archiven über die Ermöglichung von Reisen bis hin zur Perspektive der Schaffung neuer Forschungsinstitutionen. Das Bemühen der Brüder Pez um die Gewinnung von hochgestellten Protektoren am Kaiserhof, das – freilich letztlich gescheiterte – Bestreben zur Gründung einer Gelehrtenakademie unter kaiserlicher Förderung, vielleicht auch überhaupt die Hinwendung zu landesgeschichtlichen Themen sind (auch) unter dem Gesichtspunkt zu sehen, dass sie den Brüdern die Möglichkeit hätten eröffnen können, sich von ihrem ursprünglichen Auftraggeber und Herrn zu emanzipieren: von Abt Dietmayr.