Theologie aus der Perspektive der Dritten Welt
Sich der Herausforderung stellen - Verantwortung wahrnehmen

von Gunter M. Prüller-Jagenteufel

Das Kennzeichen der Christen: Verantwortung füreinander wahrnehmen

Geht uns die Theologie der Dritten Welt überhaupt etwas an? Nun, man könnte zum Beispiel sagen: Sie geht uns deshalb etwas an, weil es die "Dritte Welt" gar nicht gibt - auch keine zweite oder vierte. Es gibt nur die eine Welt, und die geht uns immer schon etwas an, weil es unsere gemeinsame Welt ist.

Also anders gefragt: Wieso sollen wir uns dafür interessieren? Oder noch mehr: mitverantwortlich fühlen? Die eine Antwort ist: Weil wir letztlich auch alle mitbetroffen sind, ob wir wollen oder nicht. "Globalisierung" heißt, Gemeinschaft ist Schicksal; wir kommen einander nicht aus.

Aber diese Antwort gefällt mir gar nicht so sehr, sie ist mir zu negativ. Also versuchen wir eine andere Antwort: Weil Christus nur einmal für alle Mensch geworden ist, weil sein Erlösungshandeln alle meint - und daher auch die Kirche alle meinen muss, will sie nicht aufhören, Kirche zu sein. "Universalitätsanspruch"? Durchaus, aber nicht so, wie er gemeinhin verstanden wird. Nicht eine Herrschaft des Christentums über alle, sondern der Dienst der Christen an allen und für alle - "Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist" (Dietrich Bonhoeffer). Und so muss auch die Option Gottes für die Menschen universal weitergetragen werden: Christliche Solidarität ist unteilbar.

Die Philippinen als Modellfall

Die philippinische Gesellschaft weist viele Parallelen zu lateinamerikanischen Ländern auf, waren doch die Philippinen vierhundert Jahre spanische Provinz - und auch die Probleme sind ähnlich, sozial wie politisch. Kaum der Militär-Diktatur des Ferdinand Marcos entronnen, wurden die Philippinen zum Spielball der globalen Wirtschaftsinteressen, mit der Folge, dass ein sozialer Kahlschlag stattfindet und nur die sehr dünne Oberschicht von den wirtschaftlichen Leistungen profitiert.

Das ist der erste Bereich, an dem die philippinische Kirche Verantwortung wahrnimmt. 1992 hat sie in einer großen nationalen Synode den Grundsatzbeschluss gefasst, als "Kirche der Armen" leben und wirken zu wollen. Die Träger dieser vorrangigen Option für die Armen sind - ähnlich wie in Lateinamerika - vor allem die Ordensleute, Männer und Frauen. Der Rückhalt, den ihnen die internationale Vernetzung der Orden gibt, prädestiniert sie dazu, die Konflikte auszutragen, die die Solidarität mit den Armen und Unterdrückten immer mit sich bringt.

Aber es gibt noch einen zweiten Bereich, an dem die philippinische Kirche Verantwortung wahrnimmt. Die Philippinen sind so etwas wie der Brückenkopf des Christentums in Asien - 85% der Filipinos sind katholisch. Der Dialog mit den asiatischen Kulturen und Religionen ist ein wesentliches Anliegen. Schließlich ist die Globalisierung ja nicht nur ein ökonomisches, sondern ebenso ein kulturelles Projekt, und bedeutet ebenso, dass Dominanzkulturen die anderen übertrumpfen und auflösen. Die "Theology of Struggle" ist daher ebenfalls ein kulturelles Projekt: Sie sucht nach einer Theologie und einer Kirche, die der Kultur der Philippinen entspricht.

Sandiwaan - Solidarität Among Peoples in Theology

Verantwortung für andere wahrzunehmen bedeutet auch, sich auf die Erfahrungen des Anderen und des Fremden einzulassen, um so wirklich aus zwei getrennten Welten - "erster" und "dritter" - eine einzige zu machen. Das Institut für Moraltheologie unterhält seit 1994 eine Partnerschaft mit einer philippinischen Ordenshochschule, die die Option für die Armen schon im Studium zum Kriterium der Theologie macht.. Diese Partnerschaft soll den Austausch zwischen philippinischen und österreichischen Theologiestudierenden fördern; hier bietet sich Gelegenheit, die Erfahrung des Fremdseins zu machen und die Herausforderung der Verantwortung füreinander wahrzunehmen - und zwar nicht einseitig, sondern im Dialog.

So werden regelmäßig Exkursionen auf die Philippinen angeboten, wo Leben und Theologie im Kontext der Armut erfahrbar werden. Jeweils im Jahr darauf laden wir philippinische OrdensstudentInnen nach Österreich ein. Dabei geht es weder um eine falsch verstandene Missionierung, als ob wir auf die Philippinen gute Theologie bringen müssten, noch um einen Dritte-Welt-Tourismus, um von dort die gute Theologie zu uns zu holen. Gute Theologie entsteht im Dialog und im Wahrnehmen der Verantwortung für die Welt - die eine Welt ist, weil sie immer schon Gottes Welt ist.

 

 

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