von Peter Stockinger
Anfang Juni wurden bei der internationalen Neutrino-Konferenz in Japan die neuesten Ergebnisse des sehr eindrucksvollen Super-Kamiokande Experiments, welches unter anderem Neutrinos mißt, die in der Erdatmosphäre durch die kosmische Strahlung erzeugt werden, präsentiert. Dieses Experiment läuft bereits seit zwei Jahren und bestätigte bald die von früheren Experimenten her bekannte "atmosphärische Neutrino-Anomalie". Nach andauernden Verbesserungen der Datenstatistik wurde nun erstmals das Phänomen der Neutrino-Oszillationen als eindeutig beste Erklärung dafür vorgelegt. Da Neutrino-Oszillationen nur für massive Neutrinos auftreten können, wäre damit gleichzeitig die andere sehr wichtige Frage der Teilchenphysik nach der Existenz von Neutrinomassen beantwortet. Dieses Experiment ist das erste seit langer Zeit, das nicht von dem sonst außergewöhnlich erfolgreichen Standardmodell der Elementarteilchenphysik vorhergesagt wurde und könnte daher auch beim Auffinden der ``Großen Vereinheitlichten Theorie'' eine wichtige Rolle spielen.
Bereits seit Wolfgang Pauli 1930 das Neutrino postuliert hat, um die
Energieerhaltung beim
-Zerfall zu sichern, hat dieses Teilchen eine entscheidende Rolle
bei der Entwicklung unseres Verständnisses der schwachen Wechselwirkung gespielt.
Abgesehen von der Teilchenphysik, begannen sich auch die Kosmologen für die Neutrinos zu
interessieren, da diese in großer Zahl schon im frühen Universum präsent gewesen sein
sollten. Ihre Eigenschaften beeinflußten die Evolution des Universums und folglich auch
seine gegenwärtige Struktur. Außerdem sind die Neutrinos ein wesentlicher Teil jenes
Prozesses1 , der im Kern
der Sonne stattfindet. Dieser Prozeß liefert die Energie, die den Kollaps der Sonne
verhindert und sie zum Scheinen bringt. Da die Neutrinos nur an der schwachen
Wechselwirkung beteiligt sind, entkommen sie fast ungestört der Sonne und nehmen etwa 2 -
3 Prozent der gesamten emittierten Energie mit sich. Das entspricht einem Neutrinofluß
auf der Erde von etwa
. Das Interessante daran ist, daß
Neutrinos - im Gegensatz zur bekannten elektromagnetischen Strahlung - Informationen über
den Kern der Sonne mitbringen und deshalb zur Überprüfung existierender Modelle,
betreffend die Struktur und Entstehung der Sterne, herangezogen werden können. Für
massive Sterne endet die stellare Evolution in einer gigantischen Explosion, bezeichnet
als Supernova, nach der der stellare Kern entweder zu einem Neutronenstern oder zu einem
Schwarzen Loch wird. Der äußere Mantel jedoch wird in den interstellaren Raum
katapultiert und irgendwann könnte daraus wieder ein Planet oder ein neuer Stern
entstehen. Während des Kernkollapses werden beinahe 99 Prozent der freiwerdenden Energie
in Form von kinetischer Energie der Neutrinos weggetragen. Diese Neutrinos gewähren uns
einerseits Einsicht in den Prozeß einer Supernovaexplosion und dienen andererseits zur
Untersuchung der Eigenschaften der Neutrinos.
Wie man sieht, ist es erst die Tatsache, daß Neutrinos mit Materie
nur schwach wechselwirken2
, die sie für die Astrophysik besonders interessant macht. Diese Tatsache stellt jedoch
auch den Grund für den enormen experimentellen Aufwand zu deren Nachweis dar, was
wiederum zur Folge hat, daß einige ihrer grundlegenden Eigenschaften, wie deren Massen
und magnetische Momente, so gut wie nicht bekannt sind. Im Standardmodell der
Teilchenphysik sind Neutrinos per Definition (es werden keine ``rechtshändigen''
Neutrinofelder eingeführt) masselos und kommen in drei verschiedenen Arten (Flavor), als
Elektron-Neutrino
,
Myon-Neutrino
und
Tau-Neutrino
,
vor. Sie werden jeweils einem geladenen und massiven Partnerteilchen, nämlich dem
Elektron (e-), Myon (
) und dem Tau (
), zugeordnet da sie in Reaktionen wie z.B.
immer gemeinsam auftreten. Dabei stehen N und P hier für das Neutron und Proton die eventuell in Kernen von Atomen gebunden sind. Es gibt allerdings schon länger experimentelle Hinweise - z.B. auch von den Sonnenneutrinos (Sonnenneutrino Rätsel3 )- die zeigen, daß das Standardmodell eventuell in Bezug auf die Masse der Neutrinos erweitert werden muß. Überdies werden massive Neutrinos von den meisten Erweiterungen des Standardmodells und den meisten interessanten Großen Vereinheitlichten Theorien vorausgesagt. Massive Neutrinos sind auch die aussichtsreichsten Kandidaten für Dunkle Materie im Universum. Auf jeden Fall zählt die Erforschung der Neutrinoeigenschaften zu den wichtigen Aktivitäten in der modernen Physik.
Wie bereits erwähnt, stellt aber dieses Vorhaben die
Experimentalphysik vor große Probleme, die nur mit erhelblichem Aufwand überwunden
werden können. Die Super-Kamiokande Gruppe verwendet als Detektor einen riesigen Tank mit
50.000 Tonnen extrem reinem Wasser, welcher sich ca. 1 km unter der Erde in einer
aufgelassenen Mine in der Nähe von Takayama, Japan, befindet. An der Innenseite des Tanks
befinden sich mehr als 13.000 Photomultiplier4. Diese registrieren das charakteristische
Tscherenkov-Licht5 der
hochenergetischen Myonen und Elektronen, welche durch inelastische Streuung (siehe Gl. (2)) der Neutrinos an Kernen von Wassermolekülen im Wassertank
entstehen. Die Experimentatoren sind dadurch in der Lage zwischen registrierten Elektron-
und Myon-Neutrinos zu unterscheiden. Der Super-Kamiokande Detektor sucht nun nicht nur
nach Neutrinos von der Sonne oder möglichen Supernovae (wie z.B. 1987), sondern auch nach
Neutrinos, die in der Atmosphäre entstehen. Der obere Teil der Atmosphäre ist nämlich
einem dauernden Bombardment von Teilchen der kosmischen Strahlung aus dem Weltraum
ausgesetzt. Diese besitzen sehr hohe Energien und lösen beim Auftreffen auf Partikel der
Erdatmosphäre ganze Schauer von Sekundärteilchen6 wie vor allem Pionen aus. Diese Pionen
zerfallen dann fast ausschließlich in Myonen und Myon-Neutrinos und die so produzierten
Myonen weiter wie folgt in Elektronen und Neutrinos:
|
(3) |
(Es wurde in den Formeln der Einfachheit halber keine Ladung angegeben da im Super-Kamiokande Experiment zwar zwischen verschiedenen Flavors aber nicht zwischen Teilchen und Antiteilchen unterschieden werden kann.) Wie sofort ersichtlich ist, erwartet man ein Verhältnis von Myon- zu Elektron-Neutrinos von 2. In den meisten Experimenten bisher, wurde aber ein Verhältnis von 1 festgestellt. Diese Diskrepanz zwischen Theorie und Experiment wurde als "Anomalie der atmosphärischen Neutrinos" bezeichnet. Eine Fülle von verschiedenen Erklärungsversuchen - u.a. mit Hilfe von Neutrino-Oszillationen - waren dann die Folge.
Die zugrundeliegende Idee dieses Phänomens der
Neutrino-Oszillationen ist in vereinfachter Form leicht zu verstehen.
Neutrino-Oszillationen sind ein typischer quantenmechanischer Effekt. Betrachten wird der
Einfachheit halber nur zwei Neutrinoarten wie
und
. Als
bezeichnen wir streng genommen den Zustand
, der in
einem Prozeß wie
erzeugt wird und wiederum z.B. durch
ein Myon produzieren und so nachgewiesen werden kann. Wenn nun Neutrinos Masse besitzen,
so könnte der Zustand
aus einer Linearkombination von zwei verschiedenen
Masseneigenzuständen
und
mit den Massen m1 und m2
bestehen:
| (4) |
Der Zustand
wäre dann orthogonal zu
und man kann daher schreiben
![]() |
(5) |
Der Winkel
wird
als Mischungswinkel bezeichnet. Das bedeutet, daß der Zustand
kein Teilchen bestimmter
Masse repräsentiert, sondern eine Kombination von Zuständen verschiedener Teilchen mit
verschiedener Masse darstellt. Bei einer Messung der Masse 7 könnte man mit der Wahrscheinlichkeit
das Teichen 1 und
mit einer Wahrscheinlichkeit
das Teilchen 2 feststellen. Bei einer Messung der Neutrinos über
deren schwache Wechselwirkung jedoch wird - wie auch im Superkamiokande-Experiment- nicht
nach den Masseneigenzuständen (Teilchen 1 oder 2), sondern nach den spziellen
Linearkombinationen
und
abgefragt. Wird nun ein Myon-Neutrino mit bestimmten Impuls p
produziert so würden sich die verschiedenen Masseneigenzustände im Raum mit
verschiedenen Geschwindigkeiten ausbreiten. Bei der Bewegung der Teilchen durch den Raum
geraten dann die Massenzustände aus ihrer gegenseitigen Phasenbeziehung, so daß sich der
von ihnen gebildete Mischzustand mit der Zeit verändert. Auf diese Weise könnte sich der
Mischzustand, der ursprünglich zu dem Teichen gehörte das wir Myon-Neutrino nennen, auf
dem Weg zwischen Produktion und Detektion in einen Mischzustand umwandeln, der dem
Tau-Neutrino entspricht. Die Berechnung der Wahrscheinlichkeit für diesen Übergang
ergibt in unserem Fall8
zu
wobei
als Oszillationslänge bezeichnet
wird und
. Aus Gleichung (10) erkennt
man sofort die oszillatorische Abhängigkeit der Wahrscheinlichkeit, ein
zu messen,
von der Distanz L zwischen Produktion und Detektion. Diesen Effekt nennt man
Neutrino-Oszillationen. In unserem Fall bedeutet ein Ansteigen der Wahrscheinlichkeit ein
zu
messen eine Verminderung von
. Es ist aus Gleichung (10)
ebenfalls sofort zu erkennen, daß ein nicht verschwindender Mischungswinkel (
) und eine von Null
verschiedene Differenz der Massenquadrate (
) eine Voraussetzung für das Eintreten
von Neutrino-Oszillationen darstellt. Wenn wir unsere Erkenntnisse nun auf das Problem mit
den atmosphärischen Neutrinos anwenden, so ist eine mögliche Erklärung für die
Verringerung des Verhältnisses von
eine Oszillation von
in
oder
. Die Besonderheit am Super-Kamiokande Experiment
liegt nun darin, daß es in der Lage ist, die Richtung der einlaufenden Elektron - und
Myon-Neutrinos festzustellen. Dadurch wird es möglich, den Neutrinofluß verschiedener
Richtungen zu vergleichen, insbesonders die Neutrinos welche von "oben" kommen
mit jenen von "unten", d.h. mit jenen, die die ganze Erde durchqueren. Die
Super-Kamiokande Analyse zeigt nun eine Abhängigkeit des Myon-Neutrinoflusses vom
Zenitwinkel (ca. doppelt soviele Myon-Neutrinos von "oben" als von
"unten") währenddessen der Elektron-Neutrino-Fluß konstant bleibt 9. Diese Tatsache weist nun
sehr darauf hin, daß Myon-Neutrinos während ihres Weges zwischen der Produktion in der
Atmosphäre und dem Detektor in Tau-Neutrinos oszillieren. Denn Neutrinos, die durch die
Erde von unten kommen, haben eine viel größere Distanz (12.000 km) zurückgelegt, als
die Neutrinos von "oben" (20 km) und hatten daher laut Gleichung (10) mehr Zeit in andere Neutrinoarten zu oszillieren (typische
Oszillationslängen für atmosphärische Neutrinos sind von der Größenordnung des
Erddurchmessers). Die Daten von Super-Kamiokande können damit sehr gut erklärt werden
und würden wie oben besprochen, Neutrinos mit Masse voraussetzen. Das Ergebnis für die
relevanten Parameter lautet
10
und
.
Trotz der beeindruckenden Ergebnisse von Super-Kamiokande wird man noch auf Bestätigungen von anderen Experimenten warten müssen, um die Hypothese von massiven Neutrinos endgültig absichern zu können. Das Standardmodell kann auf ganz einfache, aber nicht eindeutige Weise erweitert werden, um diese Effekte erklären zu können. In diesem Sinn wäre die derzeitige physikalische Theorie der Elementarteilchen nicht grundlegend abzuändern, sondern nur zu ergänzen. Trotzdem würde uns ein genaueres Wissen über die Eigenschaften der Neutrinos einen großen Schritt im Verständnis der fundamentalen Naturgesetze unserer Welt weiterbringen .

http://www.phys.hawaii.edu:80/~jgl/neutrino.gif

Schematischer Aufbau des Super-Kamiokande-Detektors
http://www-sk.icrr.u-tokyo.ac.jp/doc/sk/photo/sk_build01.jpg