Marietta Blau (1894 - 1970) |
![]() |
Marietta Blau wurde am 29. April 1894 in Wien geboren. Sie legte die Matura am Mädchengymnasium des Vereines für erweiterte Frauenbildung in Wien am 14. Juli 1914 ab und studierte von 1914 - 1918 an der Universität Wien Physik und Mathematik. Blau beendete ihr Studium 1919 mit einer Dissertation "Über die Absorption divergenter a -Strahlen". Ihre Referenten waren Professor F.S. Exner und Professor Stefan Meyer. Bis 1923 hatte Marietta Blau mehrere Stellungen in Österreich und Deutschland inne, unter anderem auch in der Industrie. Zuletzt war sie am Institut für physikalische Grundlagen der Medizin in Frankfurt am Main angestellt.
Da ihre nunmehr alleinlebende Mutter jedoch erkrankte, kehrte Blau nach Wien zurück und arbeitete als freie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Radiuminstitut. Sie beschäftigte sich hauptsächlich mit der "photographischen Methode" zum Nachweis von einzelnen Teilchen. 1932/33 ging sie mit einem Stipendium des "Verbandes Österreichischer Akademikerinnen" zu Professor Pohl nach Göttingen und darauf ein Semester nach Paris an das Institute de Radium von Professor Marie Curie. Ein geplantes weiteres Semester in Göttingen mußte Blau aufgrund der veränderten politischen Lage in Deutschland nach den Wahlen und der Machtergreifung der Nationalsozialisten absagen.
Zurück in Wien setzte Blau ihre Arbeiten zur photographischen Methode gemeinsam mit ihrer ehemaligen Schülerin Hertha Wambacher fort. 1937 erhielten die beiden in Anerkennung ihrer Untersuchungen der photographischen Wirkungen von a -Strahlen, Protonen und Neutronen den I. L. Lieben-Preis der Österreichischen Akademie der Wissenschaften verliehen. Höhepunkt und auch Abschluß der gemeinsamen Arbeit war die Entdeckung der "Zertrümmerungssterne" in photographischen Emulsionen, nachdem diese der kosmischen Strahlung ausgesetzt worden waren.
Es waren diese wichtigen Vorarbeiten die in der Folge zur Entdeckung eines neuen Teilchens führten. Angeregt durch die Arbeit von Blau und Wambacher wiederholte C. F. Powell diese Experimente und entdeckte so das Pion.
Blau selbst hatte natürlich auch geplant ihre Versuche fortzusetzen, aber die dramatischen Veränderungen in Österreich machten dies unmöglich. 1938 mußte Marietta Blau emigrieren. Sie verließ Österreich recht überstürzt und war insbesondere besorgt um ihre Mutter, die sie in Wien zurücklassen mußte. Auf Einladung von Professor Ellen Gleditsch ging Blau zuerst an das Chemische Institut in Oslo, auf Empfehlung von Albert Einstein erhielt Blau einen Ruf an die Technische Hochschule in Mexico City als Professorin für Physik und emigrierte 1939 nach Mexiko.
1944 ging sie nach New York und arbeitete dort in der Industrie (Canadian Radium & Uranium Corporation), aber auch in wissenschaftlichen Einrichtungen (Columbia University, Brookhaven Laboratories, University of Miami).
1960 kehrte Marietta Blau nach Österreich zurück und erhielt am Radiuminstitut eine bescheidene Möglichkeit ihre wissenschaftliche Arbeit weiterzuführen. Sie betreute Dissertationen am europäischen Kernforschungszentrum CERN. 1962 gab die Akademie der Wissenschaften die Verleihung des Schrödingerpreises an "Dr. Marietta Blau, ehemaliger Professor an der Universität Miami (Florida)," bekannt, nachdem die Akademie 1960 einem Antrag von Professor Karl Przibram, Marietta Blau als korrespondierendes Mitglied aufzunehmen, nicht nachkam.
Marietta Blau war zu Lebzeiten und auch noch im nachhinein gewiß mangelnde Anerkennung widerfahren. Diese begründete sich einerseits wohl in der Persönlichkeit Blau`s, die immer als besonders zurückhaltend und bescheiden charakterisiert wird, andererseits in den Rahmenbedingungen ihrer Zeit. In einem universitären Umfeld, welches von Antisemitismus durchzogen war und in dem Frauen erst mühsam um gleichberechtigten Zugang kämpften, war es für eine Person, die beides - Frau und Jüdin - in sich vereinte, wohl unmöglich, wirklich Fuß zu fassen.
Marietta Blau, die auch wegen der besseren und billigeren medizinischen Versorgung nach Österreich zurückgekehrt sein soll, starb am 27. Jänner 1970 im Krankenhaus Lainz nach einem längeren Leiden.
Quellen:
Rigorosenblatt 4557, Uniarchiv
Biografieordner ZB Physik
Almanach der Österreichischen Akademie der Wissenschaften für 1937
Briefwechsel Marietta Blau - Berta Karlik
Almanach der AdW 1962, S242
Alle Texte sind der Broschüre zur Ausstellung "Physikerinnen - 100 Jahre Frauenstudium an den Physikalischen Instituten der Universität Wien" von Brigitte Bischof entnommen.Copyright bei Brigitte Bischof 1998.