Geschichte der Österreichisch-Südpazifischen Gesellschaft

Im Mai des Jahres 1996 nahm die Österreichisch-Südpazifische Gesellschaft (OSPG) ihre gemeinnützige Tätigkeit als Verein auf. Die OSPG versteht sich seit ihrer Gründung als Plattform für die Auseinandersetzung mit der Region Ozeanien und deren Menschen und Kulturen sowie als Interessensvertretung zum Informationsaustausch für gegenseitiges Verständnis und Kennenlernen zwischen Menschen aus der pazifischen Region und Österreich.

Die OSPG ist bis heute die einzige Gesellschaft in Österreich, die sich schwerpunktmäßig diesem Ziel widmet. Im Vordergrund stand und steht dabei das Ziel, ÖsterreicherInnen, die an der Region mit ihrer kulturellen, sprachlichen und religiösen Vielfalt interessiert sind und in Österreich lebenden „Pacific Islanders“ ein Forum zu bieten und den gegenseitigen Austausch zu fördern. Weiters das Wissen um die Pazifische Inselregion zu intensivieren und Brücken nach Ozeanien zu bauen und damit eine Ausgangsbasis für all jene zu bieten, die auf den verschiedensten thematischen Ebenen Veranstaltungen und sonstige Aktivitäten mit Ozeanienbezug mitorganisieren und besuchen wollen, um die Kenntnis über diese Region zu vertiefen.

Grundlage und inhaltlicher sowie organisatorischer Ausgangspunkt für die Gründung der OSPG war und ist der traditionell am Wiener Institut für Kultur- und Sozialanthropologie (vormals: Institut für Völkerkunde) angesiedelte Forschungsschwerpunkt Ozeanien/Pazifische Inselwelt. Er verbindet sich mit so bekannten Namen und Forscherpersönlichkeiten wie Robert von Heine-Geldern und Hugo Bernatzik, aber auch Richard Thurnwald und Rudolf Pöch haben in Wien studiert und später Forschungen in Ozeanien durchgeführt, die heute als bahnbrechend gelten. Der Forschungsschwerpunkt fand seine Fortführung in den Aktivitäten von Karl R. Wernhart, der vor allem die Polynesienforschung intensivierte und insbesondere auf (ethno-)historische und religionsbezogene Fragestellungen und Themen fokussierte. Im Jahr 1994 fand mit der Betrauung des damaligen Universitätsassistenten Hermann Mückler durch Professor Wernhart, den Ozeanienschwerpunkt am Institut weiter zu entwickeln, eine zusätzliche Akzentuierung statt.


Es war damals bereits erkennbar, daß neben der rein fachwissenschaftlich orientierten Auseinandersetzung, eine grundsätzliche Verbreiterung des Angebots an Informationsmöglichkeiten für alle an der Region Interessierten notwendig war. Erstens, um leichter einen Überblick über die in Österreich vorhandenen Kompetenzen zur Region gewinnen und damit wieder Impulse für die Forschungsausrichtung erhalten zu können. Zweitens aber auch, um die akademisch erarbeiteten Kenntnisse zur Region einem breiteren Publikum zugänglich machen und damit den gesellschaftlichen Auftrag besser erfüllen zu können. Die OSPG sollte daher also von Anfang auch für diejenigen, die außerhalb des akademischen Bereichs standen, aber nichts desto trotz oft substantielle Kompetenzen und persönliche Erfahrungen zu Teilbereichen einbringen konnten und wollten, offen sein.

Dieser Erkenntnis folgend wurde, von Hermann Mückler initiiert und von Ingfrid Schütz-Müller (Institut für Politikwissenschaft) sowie Raimund Pawlik unterstützt, die Österreichisch-Südpazifische Gesellschaft (OSPG) als gemeinnütziger Verein mit Sitz am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien nach dem österreichischen Vereinsrecht im April 1996 aus der Taufe gehoben. Mit der konstituierenden Generalversammlung im Mai desselben Jahres wurde die rechtlich begründete Existenz offiziell bestätigt und nach außen sichtbar. Die ordentliche Tätigkeit konnte aufgenommen werden. Nach kurzer Zeit kam eine neue Gruppe von interessierten Studierenden hinzu, die ihre Interessen und Arbeitskraft in die OSPG einbrachten, wie z.B. Margit Wolfsberger, die in der Folge in vielfältiger Weise sowohl in der Veranstaltungsplanung und -durchführung als auch beim Aufbau einer funktionierenden Organisationsstruktur substantielles leistete. Weitere Namen von engagierten Personen, die im Vorstand tätig waren oder sind: Katarina Ferro, Margot Wallner und Igor Eberhard, die neben der „kreativen“ inhaltlichen Arbeit auch bereit waren, sich in die notwendige und arbeitsaufwendige Administration einzubinden.

Im Bereich der Veranstaltungen wurde von Anbeginn an ein am akademischen Ablauf orientiertes Modell mit Winter- und Sommersemester-Zyklus umgesetzt. Bis heute ist die Grundforderung, die sich der Vorstand selbst gesetzt hat, daß es zumindest eine Veranstaltung pro Monat gibt. Kernbereich des Programms sind dabei die seit 1996 in ununterbrochener Folge laufenden Vorträge, zu denen regelmäßig aus dem In- und Ausland Vortragende eingeladen werden. In den vergangenen zehn Jahren waren zahlreiche FachwissenschaftlerInnen sowohl aus den Kultur- als auch Naturwissenschaften, Politiker, Diplomaten, Missionare, MitarbeiterInnen aus der Entwicklungszusammenarbeit, VertreterInnen aus NGO’s, KünstlerInnen, Musiker und viele andere, die spezielle Erfahrungen und Eindrücke zu vermitteln und zu teilen bereit waren, Gäste der OSPG. Unter anderen waren dies: Pedro Abraham, Thomas Bargatzky, Thorolf Lipp, Carmen Petrosian-Husa, Dea Birkett, Dieter Riemenschneider, Verena Keck, Borut Telban, Erich Kolig, Christine Binder-Fritz, Chin Min Lee, Marie Salaün, Mark Mosko, Filip Lamasisi, Christa Riedl-Dorn, Monika Tscholakov, Helmut Fuchs, Viktor Gorlitzer, Gabriele Schätzle-Edelbauer, Beatriz Moral, Mark Jackson, Tuti Hinekahukura, Barbara Treide, Dietrich Treide, Ferdinand Karl, Dieter Lüpnitz, Marion Melk-Koch, Jürg Wassmann, Wolfgang Lichtl, Gerd Koch, Michael Kiehn, Milan Cesar Boie, Claudia Lauterbach, Roland Seib, Heinz Schürmann-Zeggel, Julie Park, Peter Naumann, Grant McCall, Andrew Robson, Harald Werber, Brijl Lal, Gabriele Weichart, Katerina Teaiwa, Max Quanchi, Christina Toren, Beatrice Achaleke, Maria Kopilam, Günter Zöhrer, Tony Crook, Wilhelm Rossi, Erika Neuber, Helmut Lukas, Georg Schifko, Erich Lehner, Viktor Krupa, Tusiata Avia.

In der Zeit von 4. bis 6. Juli 2002 fand in Wien die von der OSPG als Trägerorganisation organisierte „5th Conference of the European Society of Oceanists (ESfO)“ an der Universität Wien und insbesondere am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie statt. Mit über 300 TeilnehmerInnen und über 100 Vortragenden fand die Veranstaltung unter ihrem Generalthema „Recovering the Past: Resources, Representations and Ethics of Research in Oceania“ damals auch in den Medien großes Echo. Eine 45-minütige Dokumentation wurde vom ORF gedreht und diese im Rahmen eines dreiteiligen Ozeanien-Zyklus im Sender Bayern-Alpha gezeigt.

Es gab jedoch bereits in den Jahren davor Veranstaltungen, die von der OSPG in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen geplant und durchgeführt wurden. Im Jahr 1997 hatte die Ausstellung „Die Entdeckung der Südsee im Spiegel alter Karten, Ansichten und Reiseberichte“ im Wiener Museum für Völkerkunde unter tatkräftiger Mithilfe von Gabriele Weiss stattgefunden, wo eine Auswahl von Stichen aus der umfangreichen Ozeanien-Sammlung Schütz-Müller präsentiert wurde, was auch in einem schon kurz nach seiner Veröffentlichung vergriffenen Katalog seinen Niederschlag gefunden hatte. Eine Fortsetzung fand die Präsentation von Beständen dieser in Österreich wahrscheinlich einzigartigen Sammlung in einer im Jahr 2002 in Schloß Grafenegg in Niederösterreich durchgeführten Ausstellung gleicher Art.


Neben Vorträgen und Ausstellungen waren gab es auch die Durchführung von Filmvorführungen sowie die speziellen von Margit Wolfsberger, Monika Tscholakov und Gabriele Schätzle-Edelbauer organisierten Stadtspaziergänge („Auf den Spuren der Südsee in Wien“), zu denen auch eine Publikation erschienen ist.

Ein eintägiges Symposium zum Thema „Im Spiegel der Anderen. Präsentation und Repräsentation von Ozeanien in Museen“, welches im Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig im Herbst 2006 in Wien stattfand, vereinte Fachleute aus Deutschland, der Schweiz und Österreich zu einem Thema, welches international heftig diskutiert wird.

Die OSPG hat sich parallel dazu in den vergangenen Jahren auch verstärkt als wissenschaftliche Fachgesellschaft positionieren können. Ausgangspunkt dafür war der Umstand, daß im akademischen Bereich derzeit aus Kapazitätsgründen nur ein Teil der wünschenswerten Forschungsarbeit an den Universitätsinstituten, vor allem im geistes- und kulturwissenschaftlichen Bereich, geleistet werden kann. Gerade bei der drittmittelfinanzierten Forschung sind das Andocken und die Kooperation von akademischen mit sonstigen fachspezifischen Gesellschaften gefordert und gewünscht. Hier konnte sich die OSPG in geeigneter Weise zwischen der Universität Wien und speziellen Forschungsbereichen einbringen. Daß diese Strategie von Erfolg gekrönt ist, läßt sich aus den abgeschlossenen und laufenden Projekten der OSPG ablesen. Das vom Dachverband der Österreichisch-Ausländischen Gesellschaften in Österreich im Jahr 2002 mit dem PaN-Preis (PaN – Partner aller Nationen) prämierte Projekt „Auf den Spuren der Südsee in Wien“ war hier ein Anfang. Derzeit läuft ein Projekt, welches – vom Jubiläumsfond der Österreichischen Nationalbank unterstützt – österreichische MigrantInnen bzw. Migrationsdynamiken nach Ozeanien unter die Lupe nimmt. Weitere Projekte betreffen die publizistische Aufarbeitung von historischen Themen sowie die enzyklopädische Erfassung des Wissens zur Region.

Die fachwissenschaftlichen Leistungen können gut an den Inhalten der Publikationsreihe der OSPG, der „Novara – Beiträge zur Pazifikforschung“, abgelesen werden, die seit 1997 in regelmäßigen Abständen erscheint. Die einzelnen, anfangs auf deutsch und nun auch in englischer Sprache erscheinenden Bände, vereinen jeweils zu einem Schwerpunktthema Beiträge verschiedener dazu eingeladener ExpertInnen aus Europa und Übersee. In den vergangenen Jahren wurde so zu Identitätsfragen, genderspezifischen Themen, historischen Einzelbereichen und über Aspekte der Migration in Ozeanien aus der Sicht von Fachleuten berichtet und dabei auf aktuelle Entwicklungen hingewiesen. Die jährlich erscheinenden Bände werden Mitgliedern der OSPG als Teil der Leistungen der Gesellschaft gratis übermittelt, alle anderen können diese im Buchhandel sowie direkt über die OSPG erwerben.

Um der wiederholt gestellten Nachfrage nach schriftlichen Ausarbeitungen der besten Vorträge zu begegnen, wurde 2006 eine separate, kostengünstiger hergestellte, sogenannte „Dossierreihe“ ins Leben gerufen, um anlaßorientiert schnell auf den Bedarf mit Manuskripten reagieren zu können, die von den Vortragenden zur Verfügung gestellt werden. Diese Dossierreihe wird von Igor Eberhard, Julia Gohm und Bernhard Sengstschmid betreut.

Die Tätigkeit der OSPG fand in den vergangenen Jahren zunehmend auch bei öffentlichen bzw. staatlichen Stellen Beachtung, was einerseits in der Förderbereitschaft verschiedenster Institutionen sichtbar wurde, andererseits im wachsenden Stellenwert erkennbar ist, den die Gesellschaft im Gefüge der Auslandsbeziehungen Österreichs spielt. Die OSPG fühlt sich dem grundsätzlichen Auftrag der Völkerverständigung vor dem Hintergrund der Überparteilichkeit und Unabhängigkeit seit Anbeginn verpflichtet. Im September 2006 wurde diesem Anliegen durch eine symbolische Würdigung seitens der Republik Österreich Rechnung getragen, indem der Gesellschaft vom Dachverband der Österreichisch- Ausländischen Gesellschaften im Bundesministerium für Auswärtige Angelegenheiten in Wien im Rahmen einer offiziellen Feier die rot-weiß-rote Österreich-Krawatte für zehn Jahre Verdienste um die Völkerverständigung verliehen wurde. Diese symbolische Würdigung für die im engeren Sinne nicht bilaterale sondern multilateral agierende Gesellschaft stellt die offizielle Anerkennung der Leistungen auf einer der Diplomatie nachrangig beigeordneten aber mindestens ebenso wichtigen Ebene der Kommunikation zwischen Menschen verschiedener Länder dar, wie es damals der Vertreter des Bundesministeriums Martin Sajdik in seiner Rede formulierte. Eine Ebene, die gerade auch dort, wo die offizielle Diplomatie nicht agieren kann, auf informeller Ebene Brücken schlagen und gegebenenfalls Mißverständnisse ausräumen helfen kann. Gerade die Einbindung und Zusammenarbeit der OSPG im und mit dem Dachverband Partner aller Nationen unter ihrem verdienten Präsidenten Claus Walter hat vielfache Synergieeffekte und Kontakte zu Partnergesellschaften ergeben.

Dieser letzte Aspekt steht indirekt stellvertretend für das grundsätzliche programmatische Anliegen der OSPG: über den eigenen Tellerrand hinauszublicken, für Neues offen zu sein, Vorurteile abzubauen, Bewährtes auszubauen sowie allen Ozeanieninteressierten eine Heimstatt, Anlaufstelle und Kommunikationsmöglichkeit zu bieten.

Hermann Mückler

 

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