Kunst Macht Bildung
Positionen zur aktuellen Bildungsdebatte

Beschreibung der Fragestellungen und Themenkomplexe

Thematisch werden in den Vorträgen der Ringvorlesung vor allem folgende Fragen zu klären sein:

Fragen-, Thesenkomplex 1 der Ringvorlesung: Wert
• Inwiefern stellt das Thema Bildung keinen Wert im Sinne eines quantifizierbaren Kalküls dar?
• Was widersetzt und entzieht sich im Akt der Bildung einer quantitativen Bewertung?
• Liegt das subversive Potential einer aktuellen Bildungsdebatte womöglich darin, ein ausgezeichnetes Beispiel eines Sujets zu sein, das sich dem herrschenden Diskurs von Effizienzsteigerung und Zeitgewinn widersetzt? – Da Bildung nicht ohne Umwege, Verzögerungen, Muße, vielleicht sogar Müßiggang auszukommen scheint, um ihr „Optimum“ zu erreichen?

Fragen-, Thesenkomplex 2: Widerstand
• Sollten die Widerstände, die dem Akt der Bildung entgegentreten, ein konstitutives Moment seines eigenen Bildungsprozesses sein? (Verschränkung von Akt-Generativität-Sachverhalt)
• Sind diese Widerstände deshalb unüberwindbar, weil education acts selbst diese Widestände sind, – auch sofern ihre rhetorische Funktion als ein entscheidendes Moment eingreift und auf vielen Weisen das innere Gleichgewicht des Modells beseitigt?
• Sollte Bildung erst im Wie der Auseinandersetzung mit den ihr entgegengebrachten Widerständen zu sich selbst kommen? –: Im Wie des Anerkennens von Widerständen, im Wie des Umgang mit Widerständen, im Bezeugen der Fähigkeit, an Widerständen reifen zu können Aber auch in der Fähigkeit, eigene Widerstände gegen fremde aufgeben zu können.

Fragen-, Thesenkomplex 3: Singularität
• Sollte sich die These bewähren, dass sich der Akt der Bildung per se auf etwas bezieht, das ihm Widerstand leisten kann – education acts –, dann stellt sich die Frage, ob – und inwieweit – Bildung überhaupt verordnet werden kann, ob sie jenseits von Instruktionen überhaupt möglich ist?
• Sollte Bildung den Status von Instruktionen hinterfragen und jede Verordnung lediglich als singuläre Versuchsanordnung denken, ist sie jenseits der Perspektive von Dominanz und Sanktion überhaupt möglich?
• Falls Bildung das Ereignis von Ensembles sein sollte, wie ist dann die gemeinsame Erfahrung, die Bildung prägt, in ihrer Singularität zu denken?


Fragen- Thesenkomplex 4: Akt
• Wenn Bildung per se nichts mit der Formung toter Materien und lebloser Stoffe zu tun hat, denen zweckmäßige Formen im naturwissenschaftlichen Sinne einfach widerstandslos aufgeprägt (in-formiert) werden können, dann gilt es sich zu fragen, was die Formung lebloser Dinge von der Bildung lebendiger Wesen grundsätzlich unterscheidet und wie dieser Unterschied methodisch zu verstehen ist?
• Sollten sich die Methoden einer naturwissenschaftlich-technischen Betrachtung von Gegenständen prototypisch dem Umgang mit leblosen Materien verdanken, dann wäre es offenbar fatal, solche Methoden auf Bildungsmodelle übertragen zu wollen. Denn dort, wo Bildung zu einem Gegenstand eines technowissenschaftlichen Kalküls geworden ist, wird a priori so getan, als ob es sich bei den auszubildenden Menschen um lebloses Material handeln würde. – Als ob es um die Frage nach einer möglichst effizienten Formung passiver, widerstandloser, lebloser Massen ginge.
• Wie aber ist eine Bildung zu verstehen, die den Maßstab ihrer Kriterien aus der ‚Performance’ des ‚Lebendigen’ selbst nimmt? Wie soll – gerade in einem performativen education act – das Wechselseitige, Gegenseitige, Reziproke des Lebens sich ereignen, zur Bildung und Ausbildung kommen können?

Die Fiktion und Gefahren jenes „Als ob“ aufzuzeigen und zu hinterfragen, das in Hinblick auf technowissenschaftliche Modelle so tut, als ob der Akt „Bildung“ primär ein Sachverhalt wäre, bei dem es um eine möglichst effiziente Formung von Singularitäten ginge, ist eine zentrale Aufgabenstellung dieser Ringvorlesung. Es wird uns aber auch darum gehen müssen, alternative Akten eines anderes gearteten Bildungsdiskurses anzulegen, der sich weniger einem verrechnenden Denken (computare), als einem analytisch-systematischen Blick auf die Kreativität des Menschen verdankt, die ihm innewohnt, um ausgebildet zu werden.
Vielleicht, um konstruktive Leerstellen in jeder Lehre offen zu legen.
Vielleicht, um den education act – statt bloß als Kommunikation von Inhalten – als Kontamination von Gedanken zu prägen: als Halt und Haltung des geistigen Widerstands, als eine gemeinsame Erfahrung von der Singularität des Denkens.