Institut für Wissenschaft und Kunst

Internationales Symposium:
Derrida und Adorno - Zur Aktualität von Dekonstruktion und Frankfurter Schule

Veranstalter: Institut für Wissenschaft und Kunst gemeinsam mit dem Französischen Kulturinstitut, Wien - Institut francais de Vienne sowie dem Institut für Philosophie der Universität Wien und dem Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien

Konzept: Mag. Dr. Eva Waniek in Zusammenarbeit mit Univ. Doz. Dr. Johann Dvorak

Das Symposium wird gefördert durch: bm:bwk, Abt. Z4 - Förderung Wissenschaftsbereich und allgemeine Kulturförderung, Magistrat der Stadt Wien / MA 7 - Wissenschafts- und Forschungsförderung, Österreichische Forschungsgemeinschaft.

Bei diesem internationalen Symposium wird mit Derrida und Adorno das Verhältnis zweier unterschiedlichen Philosophien analysiert, um ihrer Aktualität für Fragen und Probleme der Gegenwart kulturwissenschaftlich zu untersuchen. Für beide - Derrida und Adorno - stellt die Beschäftigung mit ästhetischen Fragestellungen eine konstitutive Voraussetzung für das Philosophieren dar, die im Sinne einer Herausforderung für das bewußte (und auch unbewußte) Denken genutzt werden soll, um gesellschaftsrelevante Aspekte besser erfassen zu können. Obgleich sich beide Theoretiker in diesem Punkt einig sind, beschritten sie - was die Mittel zur Realisierung dieser Zielsetzung anbelangt - unterschiedliche methodische Wege (negative Dialektik / Dekonstruktion, Mimesis / Différance usw.). Dies mag mit den verschiedenen historischen, aber auch kulturellen Kontexten oder Traditionen, denen sich beide verpflichtet fühlen, zusammenhängen.

Ziel der Tagung ist es, sowohl die Gemeinsamkeiten dieser beiden Denker bzw. Schulen als auch ein besseres Verständnis, was die Unterschiede anbelangt, herauszuarbeiten und zur Diskussion zu stellen (anhand u. a. folgender Fragestellungen: "Welche innovative Rolle kann Kunst im Verhältnis zur Gesellschaft spielen? Welche Konzepte und Methoden wurden hierzu von der Frankfurter Schule und der Dekonstruktion entwickelt? Worin unterscheiden sie sich? Wo lassen sich Übereinstimmungen finden?").
Darüber hinaus soll vor allem aber auch gefragt werden, inwiefern beide Philosophien einen Beitrag zur Analyse gegenwärtiger politischer Probleme leisten können bzw. worin sie darin eventuell scheitern (z. B.: "Wie werden die hegemonialen, ideologischen, patriarchalen und ökonomischen Strukturen unserer Gesellschaft beschrieben? Welche Methoden der Kritik entwickelten Frankfurter Schule und Dekonstruktion, um ausgleichende soziale Veränderungen zu forcieren? Welche Möglichkeiten denken sie hier der allgemeinen Öffentlichkeit bzw. Politik und welche dem/der Einzelnen zu? Inwiefern lassen sich mit den von den beiden Schulen entwickelten Methoden oder Strategien aktuelle gesellschaftliche Probleme erfassen wie z. B. jener der Ungleichbehandlung der Geschlechter bzw. der zunehmenden Globalisierung?").

Hierzu sind renommierte internationale ReferentInnen nach Wien eingeladen, um diesen Fragestellungen in den Bereichen von Ästhetik und Politik nachzugehen. Dies soll zum einen eine Analyse der Themenstellung bewirken, etwaige Defizite aufzeigen und zu Lösungsvorschlägen führen. Das Symposium bezweckt zum anderen, das aktuelle und auch kritische Inbeziehungsetzen dieser zwei meist nur isoliert betrachteten Traditionen und will dem entgegen einen fruchtbaren Dialog zwischen VertreterInnen der französisch- und deutschsprachigen Denkrichtungen anregen. (Die Publikation der Beiträge ist geplant).

Freitag, 21. Jänner 2005:

16.30 Uhr: Eröffnung / Begrüßung durch die Veranstalter:
Dir. Georges Touzenis (Leiter des Französischen Kulturinstituts, Wien - Institut francais de Vienne)
Mag. Dr. Eva Waniek (Institut für Wissenschaft und Kunst)
Dekan Univ. Prof. Dr. Peter Kampits (Institut für Philosophie der Universität Wien)
Univ. Doz. Dr. Johann Dvorak (Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien)

17.00 Uhr: Eröffnungsvortrag:
Univ. Prof. Jay M. Bernstein, Ph. D. (New York): "The dead speaking of stone and stars": Adorno and Derrida reading Celan
Moderation und Diskussion: Univ. Doz. Dr. Johann Dvorak (Wien)

Samstag, 22. Jänner 2005:

10.00 Uhr:
Univ. Prof. Dr. Alice Pechriggl (Klagenfurt/Wien): Psycho/Analyse der Herrschaft zwischen Dialektik und Dekonstruktion
Moderation und Diskussion: Univ. Prof. Dr. Gertrude Postl (Selden, N. Y.)

11.00 Uhr:
Univ. assoc. Prof. Dr. Eleni Varikas (Paris): The secret life of concepts: Gender, historicity, disidentification
Moderation und Diskussion: Drr. Ulrike Kadi (Wien)

12.00-14.00 Uhr: Mittagspause

14.00 Uhr:
Univ. Prof. Dr. Erik M. Vogt (Hartford/Wien): Auschwitz-Politik
Moderation und Diskussion: Mag. Dr. Eva Waniek (Wien)

15.00 Uhr:
Univ. Prof. Dr. Christoph Menke (Potsdam): Diesseits und Jenseits des Guten: das Subjekt
Moderation und Diskussion: Univ. Doz. Mag. Dr. Arno Böhler (Wien)

16.00-16.15 Uhr: Kaffeepause

16.15 Uhr:
Univ. Prof. Hugh J. Silverman, Ph. D. (Stonybrook/ N.Y.): The Limits of Enlightenment and the Event of Limit: Derrida and Adorno
Moderation und Diskussion: Dr. Silvia Stoller (Wien)

Sonntag, 23. Jänner 2005:

11.00 Uhr:
Univ. Doz. Dr. Michael Turnheim (Paris/Wien): Warum der Jazz so traurig ist
Moderation und Diskussion: Dr. Govanni Leghissa (Triest/Wien)

12.00 Uhr: Abschlußvortrag:
Univ. Prof. Dr. Hent de Vries (Baltimore/Amsterdam): Dialectics, Deconstruction, and the "Truthî and "Moralî of Skepticism
Moderation und Diskussion: Univ. Prof. Dr. Ludwig Nagl (Wien)

Veranstaltungsort:
Französisches Kulturinstitut, Wien - Institut francais de Vienne,
Palais Clam-Gallas, Währingerstraße 30, 1090 Wien

ABSTRACTS:

Jay M. Bernstein (New York):
"The dead speaking of stone and stars": Adorno and Derrida reading Celan
The paper addresses how, from different angles, both adorno and derrida perceive the work of art - and in particular here the poetry of paul celan - achieving an exemplary sensuous particularity that binds culture to a here-and-now that is not reducible to the systems of history and philosophy; of course, the "date" of celan's poems is not just any date, not any sensuous particularity: What might it mean for a philosophy to bind itself to such an art, to such an event?

Christoph Menke (Potsdam):
Diesseits und Jenseits des Guten: das Subjekt
Im Zentrum dessen, was Horkheimer und Adorno "Aufklärung" und Derrida "Metaphysik" nennen, steht ein Begriff des Subjekts, für den die Koinzidenz von Können und Gelingen bestimmend ist: Subjektivität wird als die Fähigkeit definiert, Vollzüge gelingen zu lassen - das Gelingen von Vollzügen durch eigenes Tun verbürgen zu können. Anders gesagt: Die "Aufklärung" (Horkheimer/Adorno) oder die "Metaphysik" (Derrida) definiert Subjektivität und Normativität wechselseitig durcheinander: Subjektivität als das Vermögen, Normativität hervorzubringen und zu erfüllen, Normativität als durch Subjektivität hervorgebracht und garantiert. "Negative Dialektik" und "Dekonstruktion" sind Titel für Strategien einer kritischen Reflexion auf diesen Zusammenhang. Dabei heißt "Kritik" dieses Zusammenhangs von Subjektivität und Normativität in beiden Fällen nicht dessen Auflösung: Weder versuchen "negative Dialektik" und "Dekonstruktion" Normativität ohne Subjektivität, als objektiv gegeben, noch Subjektivität ohne Normativität, als objektiv analysierbar zu denken. (Man könnte auch sagen: "Negative Dialektik" und "Dekonstruktion" sind weder theologisch noch positivistisch, also diskursanalytisch, "kulturwissenschaftlich", o.ä.) "Negative Dialektik" und "Dekonstruktion" teilen vielmehr das Motiv, in ihrem Zusammenhang die unhintergehbare Differenz, genauer: die Bewegung der Differenzierung zwischen Normativität und Subjektivität zu denken: Gelingen - Derrida: Gerechtigkeit, Adorno: Wahrheit - ist auf subjektives Können und Tun irreduzibel und übersteigt es unendlich; Subjektivität - nach Adorno: als Impuls, nach Derrida: als Kraft - geht in normativen Fähigkeiten nicht auf und unterläuft die Teleologie des Guten. Das Subjekt ist ebenso stets weniger wie immer mehr als das Gute. Von hier aus versuchen "negative Dialektik" und "Dekonstruktion" Politik zu denken: als das paradoxe Modell einer Ordnung, die diese doppelte Bewegung der Differenz nicht zu enthalten, aber auszuhalten vermag.

Alice Pechriggl (Klagenfurt/Wien):
Psycho/Analyse der Herrschaft zwischen Dialektik und Dekonstruktion
Unter dem Eindruck der Psychoanalyse hat die Philosophie des 20. Jahrhunderts sich vor allem in ihrer Analyse der Herrschaft gewandelt. Adorno im Kreise der "Frankfurter Schule", Derrida in dem Disparateren der "Dekonstruktion", haben sich ihrer bedient, um den "logos" in seiner Beherrschung des Unbewussten (in) der Gesellschaft/Sprache zu kritisieren, allerdings in sehr unterschiedlicher Weise. Dabei eröffneten sie neue Möglichkeiten zur Kritik der Geschlechterverhältnisse als Herrschaftsverhältnisse, aber auch als Werk eines zuweilen metaphysisch-pauschal gefassten phallo/theo/logos, der sich gegen sein komplementäres "Weibliches" abgesetzt haben soll. Anhand dieser Perspektive werden im Vortrag einige zentrale Aspekte der unterschiedlichen Zugangsweisen herausgearbeitet und miteinander verknüpft. Die Frage nach den jeweiligen Implikationen für das Verhältnis zwischen Autonomie und Heteronomie wird dabei den Leitfaden bilden, der immer auch zu anderen AutorInnen führt - nicht zuletzt im Sinne einer Verbreiterung und differenzierten Vertiefung des "Ö zur Leistung großer Denker entwürdigten Gedanken(s)" (Horkheimer, Adorno).

Hugh J. Silverman (Stonybrook):
The Limits of Enlightenment and the Event of Limit: Derrida and Adorno
While preoccupied with the limitations placed on Heidegger's notion of "Eigentlichkeit", Adorno (along with Horkheimer) was profoundly committed to the successes of the "Aufklarung" (and the bold futures of the Enlightenment). In its self-definition, the Enlightenment, and the Modernity that grows out of it, is limitless. There are no limits to the production of progress, innovation, and novelty - despite the negative dialectics that might reign it in. And yet inscribed in this idea of limit is the event of the limit as such. What sort of "Ereignis" happens when limits (or even better the claim to limitlessness) take place? In short, how is the Enlightenment framed? And how does Derrida's framing of it - as aesthetic, moral, and political events - mark off the limits to this limitless epoch? And now that we have lost Jacques Derrida, with the profound sadness that this brings, how do the successes of deconstruction survive the events of his finitude, his "Eigentlichkeiten"?

Michael Turnheim (Paris):
Warum der Jazz so traurig ist
Adorno und Derrida haben sich beide zum Jazz geäußert - der eine verachtend, der andere bewundernd. Jenseits von Geschmacksfragen hängt solche Divergenz mit unterschiedlichen Auffassungen von Zeitlichkeit und Wiederholung zusammen. Am Jazz kritisiert Adorno ein "Zerreißen" genau jener dialektischen Zeitlichkeit, durch welche sich in der formalen Ausarbeitung von Kunstwerken die Möglichkeit besserer Verhältnisse ankündigen soll. Die zerrissene Zeit des formal ärmlichen Jazz erscheint ihm als Symptom eines falschen Endes der Kunst: "Jazz ist die falsche Liquidation der Kunst: anstatt dass die Utopie sich verwirkliche, verschwindet sie aus dem Bilde.". Während Adorno die falsche Lebendigkeit des Jazz kritisiert, interessiert sich Derrida dafür, wie auch noch im improvisierten Jazz Schriftliches, d.h. letztlich der Tod am Werk ist und gelangt derart zu einer dieser Musik innewohnenden Aporie: gleichzeitige Möglichkeit und Unmöglichkeit von Improvisation. Damit stellt er sich in radikalerer Weise als Adorno gegen die in der gängigen Jazzliteratur gepriesene Rückkehr zur Ursprünglichkeit.

Eleni Varikas (Paris):
The secret life of concepts. Gender, historicity, disidentification
In this paper I take as point of departure the close relation Adorno (and Horkheimer) has established between women's conceptual and material domination as key moment in the constitution of gender and the invisibility of its political nature. If, as Simone de Beauvoir has famously argued, to be (a woman, a man) is to have become, to have been made one, the rememoration of this process is more than ever of crucial importance today: when gender is perceived either as a "positive fact" (providing the basis of public policies, "sexuate" legislation), or as a series of identities whose performative production seem to have no other limits than our imagination and free choice. To trace the antagonisms and power relations deposited in the concepts (i. e. man, woman), before they get fixed as "givens", "data", "needs" or "possibilitites" of the present, is one of the tasks that feminist theory shares with critical theory and deconstruction. Going back to some of the feminist debates over the theoretical status of experience, I propose to explore the ways in which Adorno's thought on the inadequacy between concept and conceptualised reality and (to some extent) Derrida's notion of différance could contribute to rethink experience as a category which is neither reducible to its ontological uses nor can it be evacuated without yielding to the spell of what is - the dominant order of hierarchies. Experience, not as first and unmediated source of knowledge, but as that which, already mediated, is saturated with the memory of what does not fit into the concept ("man", "woman", "sexual difference"), providing an interstitial space for disidentification and opening to utopian possibilities of self-definition.

Erik M. Vogt (Wien/Hartford):
Auschwitz-Politik
Politische Denker wie Alain Badiou, Jacques Ranciere und Slavoj Zizek entziffern bestimmte Strategien der Entpolitisierung des Holocaust als verantwortlich für die rezente Ersetzung von politischem Denken durch Ethik. Der Holocaust als "Maß ohne Maß", als einzigartiges Verbrechen und Übel, das, gerade als nicht imitierbares, jedes Verbrechen nur mehr als Imitation erscheinen lässt (Badiou), scheint Denken, gerade als Ethik, in die Figur des Undenkbaren und/oder Undarstellbaren einzusperren (Ranciere) und führt also gleichermaßen zu einer Abdankung von Denken und Politik. Der Holocaust als einzigartiger Bruch, als einzigartige Zäsur, wird zu einer Art Mysterium, welches sich, in einer Geste der Verallgemeinerung, jedweder Politisierung entzieht (Zizek) und einzig noch durch die ethischen Figuren von Opfer, Zeuge, Geisel etc. zur Darstellung gebracht werden kann. Die verallgemeinerbare Einzigartigkeit des Holocaust wird vollends kompatibel mit einer Ethik des ganz Anderen, mit einer gewissen Reduktion von Philosophie auf eine Hüterin des ethischen Denkens der Katastrophe. Gerade vor diesem Hintergrund wird untersucht, ob Derridas und Adornos Denken "nach" Auschwitz sich als eine nur ethische Kapitalisierung begreifen läßt, welche Politik und Politisierung nicht mehr zulässt. Zu fragen ist also, welche Rolle die Figur der Einzigartigkeit, des Bruchs oder der Zäsur spielt und ob die aus dieser Figur hervorgehenden Forderung nach einem transformierten Denken sich in einer Ethik erschöpft.

Hent de Vries (Baltimore/Amsterdam):
Dialectics, Deconstruction, and the "Truthî and "Moralî of Skepticism
This paper seeks to establish a virtual dialogue between Theodor W. Adorno and Jacques Derrida by way of a reading of Stanley Cavellís The Claim of Reason. Cavellís subtile reception of the later work of Wittgenstein and of so-called ordinarily language philosophy enables us to highlight and analyze certain elements common to Adornoís and Derridaís different philosophical projects. The meta-critique of idealist epistemology and Derridaís insistence of the contamination of the transcendental by the empirical, two alternative positions gained in dialogue with Edmund Husserl, reveal a remarkable parallel concern with the nature of thinking and experience as structurally aporetic. This insight prepares a novel few on the necessities and possibilities of reflection, acting, and judging without certainty, necessities and possibilities which hinge on a new understanding of the event and of temporality, responsibility and decision. For the understanding of these notions Cavell rethinking of the "ordinaryî offers a promising interpretative key.

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