Workshop: PERFORMATIVITÄT UND MEDIALITÄT
SAMSTAG, 10. DEZEMBER 2005:
PERFORMATIVITÄT UND MEDIALITÄT – DER ORT DES ”DAZWISCHEN”
ODER: KONTUREN EINER THEORIE DER INTER-MEDIALITÄT.
EIN INTERNATIONALER WORKSHOP MIT GEORG CHRITSTOPH THOLEN

Veranstalter: Wiener Verein “Gruppe Phänomenologie” in Zusammenarbeit mit dem Depot; Konzept: Univ.-Doz. Mag. Dr. Arno Böhler / Univ.-Lekt. Mag. Dr. Eva Waniek

PROGRAMM:
09.00–10.30 UHR: PROF. DR. GEORG CHRISTOPH THOLEN (BASEL):
Performativität und Medialität – Der Ort des ”Dazwischen” oder: Konturen einer Theorie der Inter-Medialität (Eröffnungsvortrag)
10.30.–10.45 UHR: Diskussion
10.50.–11.10 UHR: HD DR. CHRISTIAN BERMES (TRIER):
Medientheorie oder Kulturphilosophie? Sein und Gegebensein von ,Medien’
11.10–11.25 UHR: Diskussion
11.30–11.50 UHR: UNIV.-DOZ. DR. MAG. ARNO BÖHLER (WIEN):
Die Einbildungskraft als inter-mediale Kon-Figuration sinnlicher Datenmengen.
11.50–12.05 UHR: Diskussion
12.10–14.00 UHR: Mittagspause
14.00–14.20 UHR: MAG. DR. EVA WANIEK (STRASSBURG / WIEN):
Anrufung und Liebe – Zwischen Performativität und Begehren
14.20–14.35 UHR: Diskussion
14.40–15.00 UHR: OUNIV.-PROF. MMAG. DR. SUSANNE GRANZER (WIEN):
Der ‚postdramatische’ Schauspieler als inter-medialer Ort der Künste
15.00.–15.15 UHR: Diskussion
15.15–15.30 UHR: Kaffeepause
15.30.–15.50 UHR: MAG. DR. PETER KAISER (WIEN):
Verkörpertes Sprechen. Performanz und Körperlichkeit in der analytischen Philosophie
15.50–16.05 UHR: Diskussion
16.10–16.30 UHR: MAG. RER. SOC. OEC. KATJA MAYER (WIEN):
Die Kunst, Wissen zu verschieben
16.30–16.45 UHR: Diskussion

VERANSTALTUNGSORT: DEPOT, BREITEGEGASSE 3, 1070 WIEN,

ABSTRACTS:

Christian Bermes (Trier):
Medientheorie oder Kulturphilosophie? Sein und Gegebensein von ,Medien’
”Es gibt keine Medientheorie.” – Mit dieser Bemerkung provozierte Baudrillard all diejenigen, die insbesondere in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts versuchten, das Phänomen der Medien in bereits bestehende Theoriekonzepte zu integrieren. Im Vortrag geht es darum aufzuzeigen, dass Medien nicht nur in technischen Zusammenhängen funktionieren. Vielmehr stehen sie ebenso (und zwar in einem primären Sinne) in einem Bewandtniszusammenhang, der nicht durch die Funktion einer Apparatur bestimmt, sondern die Realisierung einer Form zum Gegenstand hat. Wird dieser Aspekt – wie etwa bei McLuhan – übersehen oder geleugnet, so wird eine mehr oder weniger feinsinnige Form des Naturalismus in der Medientheorie vertreten, indem das Regime der Natur sich medial maskiert und erst zum Vorschein gebracht werden muß.

Arno Böhler (Wien):
Die Einbildungskraft als inter-mediale Kon-Figuration sinnlicher Datenmengen.
Die Einbildungskraft ist für Kant nur darum ein Medium, das zwischen Sinnlichkeit und Verstand vermittelt, weil sie sowohl eine “figürliche” als auch eine “intellektuale Synthesis” beinhaltet. Sie verschafft uns also nicht nur Bilder von Begriffen, sondern kon-figuriert auch sinnliches Datenmaterial, indem sie dem chaotischen Andrang der Sinnlichkeit rekognizierbare Gestalten abringt. Verstehen wir die Kraft der Imagination in diesem Sinne als eine “figürliche Synthesis”, in der uns nicht nur ein Bild von einer Sache oder einem Begriff geliefert wird, sondern in der Tat auch eine Formung sinnlicher Materien vollzogen wird –, dann sind wir mit diesem Hinweis auf die ab-okulare Kraft und Realität des Imaginativen gestoßen: auf jenen opaken Untergrund, aus dem die Einbildungskraft ihre Stoffe – Bilder, Mythen, Begriffe – schöpft, der sich selbst aber gerade nicht mehr in ein Bild bringen lässt, da er die Grenze jedes Bildes markiert.

Susanne Granzer (Wien):
Der ‚postdramatische’ Schauspieler als inter-medialer Ort der Künste.
Die Geschichte des Theaters zeigt, dass die Kunst, die von Schauspielern praktiziert wird, lange als Ort verstanden wurde, an dem sich Schauspieler “fremden Mächten” zur Verfügung stellen, um deren Botschaft “medial” weiterzugeben. Erst durch die psychologische Interpretation des Theaters wurde der Schauspieler zu einem “bürgerlichen Subjekt”, das seinen Fokus auf die authentische Inszenierung des Selbst verlagerte bis hin zum Missverhältnis einer genialen Selbstinszenierung. Mein Vortrag wird die These aufstellen, dass durch den “Einfall” der neuen Medien im postdramatischen Theater das bürgerliche Theater neuerlich de-zentriert wird, indem es nun zu einem Ort der inter-medialen Auseinandersetzung wird.

Peter Kaiser (Wien):
Verkörpertes Sprechen.
Performanz und Körperlichkeit in der analytischen Philosophie.
Zwei herausragende Entwürfe von Performanz- bzw. Sprechakttheorien sind untrennbar mit den Namen J. Austin und J. Searle verknüpft. Im Vortrag wird untersucht (unter besonderer Berücksichtigung Donald Davidsons), inwiefern Theorien der analytischen Sprachphilosophie nicht nur dem Handlungscharakter von Sprache, sondern auch der Körperlichkeit der sprechenden Personen Rechnung tragen. Ist eine philosophische Theorie, die den Versuch unternimmt, den verkörperten Sprachgebrauch in seiner medialen Materialität an körperliche Subjekte zu binden, gut damit beraten, sich an AutorInnen zu orientieren, die der analytischen Tradition zuzurechnen sind?

Katja Mayer (Wien):
Die Kunst, Wissen zu verschieben.
Während es lange üblich war, die Wissenschaft als “Überwindung” einer naiven, vorwissenschaftlichen Einstellung zu lesen, soll im Beitrag gezeigt werden, dass unsere Lebenswelt auch für die wissenschaftliche Praxis jenes “Medium” der Inspiration bleibt, aus dem ihre entscheidenden Begriffe und Konzepte generiert werden: und zwar durch den unkontrollierbaren Prozess der Verschiebung lebensweltlicher Metaphern in eine Begriffssprache.

Georg Christoph Tholen (Basel):
Performativität und Medialität – Der Ort des ”Dazwischen” oder: Konturen einer Theorie der Inter-Medialität (Eröffnungsvortrag) Der Fokus der zeitgenössischen Medienphilosophie ist seit der ubiquitären Verbreitung des Computers als Medium der Medienintegration die Bestimmung der Intermedialität als Zwischenraum, der ”alte” und ”neue” Formen medialer Re-Präsentation von Daten, Bildern, Texten usw. verschiebt bzw. per-formiert und kon-figuriert. Insbesondere führte die hybride Verkreuzung der Medien auf der Basis der ”digitalen Plattform” (H. Schanze) zu einer systematischen Frage nach dem kategorialen Ort der Medialität der Einbildungskraft und der Aisthesis selbst – jenseits einer instrumentellen oder anthropologischen Perspektive.
Hiervon ausgehend, widmet sich der Vortrag/Workshop folgenden drei Fragestellungen:
1) Inwieweit erlaubt es eine Metaphorologie der Medien, die instrumentellen Bedeutungshorizonte des Begriffs des ”Mediums” (Mitte, Mittel, Milieu, Kanal usw.) zu dekonstruieren?
2) Inwieweit erlaubt es der Forschungsansatz einer Theorie der ‚ab-okularen” Bildlichkeit (Derrida, Lacan, Merleau-Ponty), die medialen Ränder und Rahmen des Sichtbaren, Hörbaren, Zeigbaren im kritischen Dialog mit dem sogenannten ”Pictorial Turn” zu situieren?
3.) Inwiefern zeigen die ‚postdramatischen’ (H. Th. Lehmann) Performanz-Künste, dass und wie die medialen Weisen der Reproduzierbarkeit, Codierbarkeit und Manipulierbarkeit eine Ästhetik der Fragmentarisierung in systematischer Perspektive eröffnen?

Eva Waniek (Straßburg/Wien):
Anrufung und Liebe – Zwischen Performativität und Begehren
Der Beitrag beschäftigt sich mit der Konstitution von Subjekt, Geschlecht und Gesellschaft, wobei insbesondere dem Begriff der Anrufung Raum gegeben wird. Ausgehend von den performativen und ideologischen Voraussetzungen der Subjektkonzeption (z. B. bei John Austin, Judith Butler und Louis Althusser), soll geklärt werden, inwieweit die gesellschaftliche Anrufung (zum Staatsbürger, zu Mann oder Frau) vom Subjekt angenommen wird. Dabei soll vor allem die Rolle, die hier das Begehren und Genießen des/der einzelnen spielt, begreifbar gemacht werden, wozu diesbezügliche Überlegungen zur Liebe zum eigenen Land und zum anderen bei M. Dolar, J. Lacan und S. Freud herangezogen werden.

ZU DEN REFERENT/INN/EN:

CHRISTIAN BERMES: HD Dr. phil, Philosoph, Forschungsschwerpunkte: Erkenntnistheorie, Sprachphilosophie, Philosophische Anthropologie und Kulturphilosophie, Ästhetik und Philosophie der Medien, Geschichte der Philosophie. Weitere wissenschaftliche Aktivitäten: Herausgeber des Archivs für Begriffsgeschichte, Geschäftsführer der Max-Scheler-Gesellschaft, Geschäftsführer des Instituts für Medien und Kultur an der Universität Trier, Vorträge und Lehrveranstaltungen im In- und Ausland: Publikationen (Auswahl): Philosophie der Bedeutung – Bedeutung als Bestimmung und Bestimmbarkeit. Eine Studie zu Frege, Husserl, Cassirer und Hönigswald (Würzburg 1997); Merleau-Ponty zur Einführung (Hamburg 1998); Welt als Thema der Philosophie. Vom metaphysischen zum natürlichen Weltbegriff (Hamburg 2003); Merleau-Ponty zur Einführung, 2. erweiterte u. aktualisierte Aufl. (Hamburg 2004); (Hg.), Sprachphilosophie (Freiburg i. Br. / München 1999); Maurice Merleau-Ponty, Das Auge und der Geist, hg. u eingeleitet und kommentiert von Christian Bermes (Hamburg 2003).

ARNO BÖHLER: Univ.-Doz. Mag. phil., Dr. phil., Philosoph und Filmemacher, Dozent am Institut für Philosophie der Universität Wien, Projektleiter des FWF-Forschungsprojekts: Materialität und Zeitlichkeit performativer Sprechakte. Text – Körper – Ereignis; Produktion der Wissenschaftsclips ”Philosophie im Bild” (DVD, Passagenverlag) mit Avital Ronell, Elisabeth von Samsonow, Robin Kelley und Hans-Dieter Bahr u. a. (The Call/Der Ruf 1998/99, Das Fremde 1999/2000, In.Time 2000/2002, Archivare des Sterbens 2002/2003); Buchpublikationen: Singularitäten. Vom zu-reichenden Grund der Zeit. Vorspiel einer Philosophie der Freundschaft (Wien 2004); Unterwegs zu einer Sprache der Freundschaft. DisTanzen: Nietzsche-Deleuze-Derrida (Wien 2000); Gedächtnis der Zukunft (Wien 1996). Zur Biographie siehe auch: http://phaidon.philo.at/~boehler

SUSANNE GRANZER: oUniv.-Prof. MMag. Dr. phil., Schauspielerin und Filmemacherin, Professorin an der Universität für Musik und darstellende Kunst /Max Reinhardt Seminar. FWF-Forschungsprojekt zum Thema Materialität und Zeitlichkeit performativer Sprechakte. Text – Körper – Ereignis, gemeinsam mit Arno Böhler: Produktion der WissenschaftsClips ”Philosophie im Bild” (4 DVD-Bücher, Passagen Verlag) mit Avital Ronell, Elisabeth von Samsonow, Robin Kelley und Hans-Dieter Bahr: Nr 1: The Call/Der Ruf (1998/1999); Nr. 2: Das Fremde (1999/2000); Nr. 3: In.Time ( 2000/20002); Nr. 4: Archivare des Sterbens (2002/2003); Publikationen u. a. SprachSpiele in ”Pathos und Sprache” (Alber Verlag 2001); ABC, Zäsuren der Kindheit, in: ”Perspektiven des Lebensbegriffs; Zur Biographie siehe auch: http://personal.mdw.ac.at/granzer

PETER KAISER: Dr. phil. Mag. phil., Studium der Philosophie und Allgemeinen Sprachwissenschaft an der Universität Wien; Promotion 2003; Mitarbeiter des FWF-Forschungsprojektes ”Materialität und Zeitlichkeit performativer Sprechakte” seit Jänner 2005. Freier Mitarbeiter des STANDARD (Wissenschaft), Vortragstätigkeit bei der der Sir Karl Popper Society; Mitarbeit bei der Erstübersetzung von Michael Friedmans: A Parting of the Ways. Carnap, Cassirer, and Heidegger (Open Court 2000) am Institut für Philosophie Wien, erschienen als: Carnap, Cassirer, Heidegger. Geteilte Wege (Fischer 2004). Neueste Publikation: Nicht nur in Begleitung meines Körpers. Untersuchungen zu körperlichem Selbstbewusstsein (Frankfurt 2005, im Druck).

KATJA MAYER: Mag. rer. soc. oec., Studium der Physik, Soziologie, Wissenschaftsforschung an der Universität Wien. Diplomarbeit :”Spracherkennung, eine Technologie zwischen Kommerz und Kontrolle”. Langjährige Mitarbeit am Institut für Neue Kulturtechnologien, Wien im Bereich der Ausstellungskonzeption und -produktion zu Themen wie: Robotik, virtuelle Welten, Medienkompetenz, Überwachungstechnologien sowie Vermittlungstätigkeit zu Medien- und Technologiekritik. Selbständiges Gewerbe: Informationstechnik. Seit 2005 wissenschaftliche Mitarbeiterin im FWF Projekt: Materialität und Zeitlichkeit performativer Sprechakte. Arbeit an Dissertation im Rahmen dieses Projektes mit den Schwerpunkten: Wissenschaftsforschung, Experiment, Transdisziplinarität, Wissen.

CHRISTOPH THOLEN: Univ. Prof. Dr. phil., Ordinarius für Medienwissenschaft mit kulturwissenschaftlichem Schwerpunkt an der Universität Basel, Studium der Philosophie, Soziologie und Psychologie an den Universitäten Bonn, Köln, Marburg und Hannover. Forschungsschwerpunkte: Grundlagen der Medientheorie, Zeit und Raum, Aisthesis und Medialität, Erinnern und Vergessen. Veröffentlichungen u. a.: Die Zäsur der Medien. Kulturphilosophische Konturen (Frankfurt am Main 2002); als Mitherausgeber: HyperKult. Geschichte, Theorie und Kontext digitaler Medien (Frankfurt am Main / Basel 1997); Konfigurationen. Zwischen Kunst und Medien (München 1999); Mimetische Differenzen. Der Spielraum der Medien zwischen Abbildung und Nachbildung (Kassel 2002); SchnittStellen. Basler Beiträge zur Medienwissenschaft, Bd.1 (Basel 2005).

EVA WANIEK: Mag. phil. Dr. phil., Philosophin, Lehrbeauftragte am Institut für Philosophie der Universitäten Wien und Klagenfurt, 1991–2005 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Wissenschaft und Kunst (IWK), Wien; Forschungsschwerpunkte: Sprachphilosophie, Psychoanalyse, Bedeutungslehren, Geschlechterforschung und Ästhetik (in den letzten beiden Jahren insbesondere zur Verknüpfung von Performativität und Begehren). Buchpublikationen: Film/Denken / Thinking Film – Film and Philosophy, hg. gem. mit Ludwig Nagl / Brigitte Mayr (Wien 2004); Kunst, Zeichen, Technik. Philosophie am Grund der Medien, hg. gem. mit M. Kubaczek / W. Pircher (Münster u. a. 2004); Verhandlungen des Geschlechts. Zur Konstruktivismusdebatte in der Gender-Theorie, hg. gem. mit Silvia Stoller (Wien 2001); Bedeutung. Für eine transdisziplinäre Semiotik, hg. (Wien 2000); Hélène Cixous. Entlang einer Theorie der Schrift (Wien 1993).

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