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Jean-Luc Nancy: Corpus, diaphanes, Berlin, 2003
Orig.: Corpus, Éditions Métailié, Paris, 2000

„Es bliebe, nicht über den Körper zu schreiben, sondern den Körper selbst. […] Nicht die Zeichen, Bilder, Chiffren des Körpers, sondern den Körper.“ (13) Das ist die Aufgabe, die Jean-Luc Nancy sich und uns stellt. Ein problematisches Unterfangen. Denn entzieht sich der Körper als Körper nicht im jeweiligen Moment des Angesprochen- und Bezeichnet-Werdens? Anstatt den Körper bezeichnenderweise nicht erreichen zu können, müssen demnach neue Wege des Anrührens, des Berührens gefunden werden.

„Um vom Körper zu sprechen, d.h., um es lateinisch-oberlehrerhaft „de corpore“ (vom Körper) zu sagen, muß man immer „ex corpore“ vom Körper sprechen: man muß vom Körper ausgehend sprechen.“ (108) Nancys „Corpus“ muss als Versuch gelesen werden, eine neue, eine bessere Sprache für den Körper – ausgehend von diesem – zu finden; jenseits der neuzeitlich-gängigen Dualismen von Leib und Seele, von Innen und Außen.
Das Modell des Corpus ist für Nancy der Corpus Iuris. „Es ist weder ein Chaos noch ein Organismus: Der Corpus steht nicht genau zwischen beiden, sondern eher anderswo.“ (48) So steht auch ein Körper nicht als einfach Ausgedehntes zwischen anderen Ausgedehnten. Der Körper ist Öffnung schlechthin.

Fragt man sich konventionell, welche Konzeption des Körpers Nancy vorschwebt, empfiehlt sich zunächst die Lektüre des letzten Kapitels. „Über die Seele“ gibt einen 1994 gehaltenen Vortrag wieder: „Man bittet mich, vom Körper zu sprechen, also spreche ich über die Seele.“ (110) Ganz so, wie es Aristoteles in De anima getan hat, weshalb Nancy auf ihn – neben Descartes und Spinoza – näher eingeht.

Aristoteles begreift die Seele als die Form eines lebendigen Körpers. Und er bezeichnet sie auch als Formprinzip, als „höchste Entelechie“ des Körpers.
„Ich möchte nicht über einen Körper ohne Seele sprechen. Genausowenig über eine Seele ohne Körper.“ (116)

Allerdings weist Nancy darüber hinausgehend auf einen entscheidenden Erfahrungsaspekt hin: „Wenn man über die Seele spricht, wenn in unserer ganzen Philosophiegeschichte über die Seele gesprochen wurde, auf verschiedene Arten und Weisen, dann – wohl oder übel und teilweise ungeachtet ihrer selbst – deshalb, weil nicht in der Seele allein, sondern in der Differenz von Körper und Seele die Differenz gedacht wurde, die der Körper an sich ist, für sich ist – jene Differenz der Dehnung, der Ausdehnung, eines bestimmten Tons des Draußen. Und das, was unter dem Begriff ‚Seele’ gedacht wurde, war nichts anderes als die Erfahrung des Körpers. Es ist einfach und durchzieht die gesamte Tradition. Was ist die Seele, wenn nicht die Erfahrung des Körpers, nicht als eine Erfahrung unter anderen, sondern als die einzige Erfahrung.“ (124)

Einen weiteren entscheidenden Bezugspunkt findet Nancy bei Freud: „Das faszinierendste und vielleicht (ohne übertreiben zu wollen) entscheidendste Wort Freuds findet sich in dieser posthum veröffentlichten Notiz: ‚*Psyche ist ausgedehnt, weiß nichts davon.’ Das heißt, daß die ‚Psyche’ Körper ist, und daß es genau dies ist, was ihr entgeht.“ (23) Nancy will Psyche als Ausgedehntes als „Form eines Körpers in actu“ verstanden wissen: „Es gibt nur Körper in actu, und jeder Körper ist Psyche“ (83).

„Seele“, „Psyche“ meint nicht einen anderen geistigen Körper. Und der Körper darf weder als rein Materielles verstanden noch an die Stelle der Seele gesetzt und somit fälschlich sublimiert werden.
„Wir denken spontan: Körper gegen Seele. Wir halten den Körper für die physische, die materielle, die fleischliche Realität. Und mich stören gewisse Diskurse über den Körper, die entweder beim ‚Bodybuilding’ enden und ihn auf Schwarzenegger reduzieren, oder die, sehr subtil, sehr hinterhältig, aus dem Körper eine Seele machen, im traditionellen Sinne: der bezeichnende Körper, der expressive Körper, der genießende Körper, der leidende Körper etc. Aber indem man das sagt, setzt man den Körper an die Stelle der Seele oder des Geistes.“ (122)

Sei es fahrlässig oder beabsichtigt, in solch „schwächlichen Diskursen des Scheinbaren“ (37) entzöge sich stets der Körper als Körper. Die Konsequenz:
„Es kommt das, was uns die Bilder zeigen. Unsere Milliarden Bilder zeigen uns Milliarden Körper – wie Körper noch nie gezeigt wurden. Massen, Haufen, Gemenge, Bündel, Kolonnen, Aufläufe, Gewimmel, Armeen, Banden, Auflösungen, Paniken, Sitzreihen, Prozessionen, Zusammenstöße, Massaker, Leichenberge, Kommunionen […].“ (38) Nancys in Corpus häufig zu findende Aufzählungen führen eine beunruhigende Realität vor Augen. Versunken in anonymen Massen und den Repräsentationen derselben werden die individuellen Subjekt-Körper („Was ich zeigen möchte, ist, daß der Körper, wenn es so etwas wie den Körper gibt, keine Substanz ist, sondern eben genau Subjekt.“ (107)) zur formlosen, also „entseelten“ Masse depotenziert.

In diesem Spannungsfeld sollten auch Nancys explizite Bemerkungen zu Rassismus und Kapital gelesen werden:
„[D]er Rassismus wird nie überwunden werden, solange man ihm eine generische Bruderschaft der Menschen entgegenstellt, anstatt ihm das Auseinander-fallen [sic] unserer Rassen und unserer Gesichtszüge – bejaht und für gut befunden – entgegenzuhalten: Schwarze, Gelbe, Weiße, Kraushaarige, Plattnasige, Dicklippige, Stumpfe, Behaarte, Fettige, Schlitzäugige, Stumpfnasige, Heisere, Schmächtige, […].“ (34)

„Wo sind die Körper, zunächst? Die Körper sind zunächst bei der Arbeit. Die Körper sind zunächst bei der Mühsal der Arbeit.“ (94)
„Kapital meint: gehandelter Körper, verschobener, versetzter, neubesetzter, ersetzter Körper, in Stellung und in Haltung gebracht, bis zum Verschleiß, bis zur Arbeitslosigkeit, bis zum Hunger […]. Betrachten Sie die Hände, die Schwielen, den Schmutz, betrachten Sie die Lungen, die Wirbelsäulen. In Lohn stehende beschmutzte Körper, Schmutz und Lohn als ein Ring, der sich durch Bezeichnung schließt. Der Rest ist Literatur.“ (95)

Peter Kaiser
02.05.2006

Stichworte: Körper, Leib, Psyche, Seele, Subjekt, Subjekt-Körper