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Erika Fischer-Lichte: „Was verkörpert der Körper des Schauspielers?“

in: S. Krämer: Performativität und Medialität
Wilhelm Fink, München, 2004, S. 141-162.

Eine eigentümliche Spannung beherrscht das Verhältnis von Schauspieler und Körper; „die Spannung, die sich zwischen dem phänomenalen Leib des Darstellers, seinem leiblichen In-der-Welt-Sein, und seiner Darstellung einer Figur ergibt. […] Der Mensch hat einen Körper, den er wie andere Objekte manipulieren und instrumentalisieren kann. Zugleich aber ist er dieser Leib, ist Körper-Subjekt. Indem der Schauspieler aus sich heraustritt, um ‚im Material der eigenen Existenz’ eine Figur darzustellen [Fischer-Lichte bezieht sich hier auf Helmuth Plessner], weist er nachdrücklich auf die Doppelung und die in ihr gegründete Abständigkeit hin.“ (141)

Ausgehend von dieser Doppelung des Körper-Habens und Leib-Seins, stellt sich für Fischer-Lichte die Frage, „ob der menschliche Körper überhaupt als ein Medium zu denken sei. Denn wenn als Medium ein Objekt bzw. ein Material begriffen wird, durch das etwas anderes als es selbst in Erscheinung tritt, wird augenfällig, dass jede Reflexion auf die Schauspielkunst zugleich als eine Reflexion auf die Fähigkeit […] des menschlichen Körpers vollzogen wird, als ein Medium zu fungieren.“ (141) Wie ist die Darstellung einer Figur als Verkörperung durch den phänomenalen Leib des Schauspielers zu verstehen?

Als sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im deutschen Theater das Literaturtheater und eine realistisch-psychologische Schauspielkunst herausbildeten, sprach man nicht mehr so sehr von Rollen, die ein Schauspieler spiele, sondern davon, dass er eine Figur „verkörpere“. Denn der menschliche Körper sei ausgezeichnet dazu geeignet, als Medium zu fungieren. Und dies umso besser, je besser es dem Schauspieler gelänge, seinen phänomenalen Leib zugunsten der dargestellten Figur zum Verschwinden zu bringen.

„Performativität sollte sich in den Dienst von Expressivität stellen, die Schauspielkunst vom Dichter vorgegebene Bedeutungen ausdrücken.“ (143) Um das zu bewerkstelligen, muss der Körper einer besonderen Disziplinierung unterworfen werden. Die Kunst besteht in der Transformierung des materiellen Körpers des Schauspielers in einen „Text-Körper“. „Alles, was auf den organischen Körper verweist, auf das leibliche In-der-Welt-Sein des Schauspielers, muss seinem Körper ausgetrieben werden, bis ein ‚rein’ semiotischer Körper zurückbleibt. Denn nur ein ‚rein’ semiotischer Körper wird imstande sein, die im Text niedergelegten Bedeutungen unverfälscht sinnlich wahrnehmbar zur Erscheinung zu bringen und dem Zuschauer zu vermitteln. Verkörperung setzt also Entkörperlichung voraus“, so Fischer-Lichtes pointierte Analyse (145). Die Spannung zwischen dem phänomenalen Leib des Schauspielers und der Darstellung einer Figur wird also zugunsten letzterer aufgehoben, Körperlichkeit zur Zeichenhaftigkeit depotenziert.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde diese Auffassung von Verkörperung heftig attackiert. Theater als eigenständige Kunst verstanden, könne sich nicht damit begnügen, von Dichtern vorgegebene Bedeutungen möglichst „rein“ auszudrücken. „Schauspielkunst als eine zugleich körperliche und schöpferische Tätigkeit“ (147) sei selbst dazu imstande, neue Bedeutungen zu erzeugen.

Zu diesem Zweck stellten Avantgardisten wie Vsevolod Meyerhold den Materialcharakter des menschlichen Körpers in den Vordergrund: „Die Kunst des Schauspielers besteht in der Organisation seines Materials, d.h. in der Fähigkeit, die Ausdrucksmittel seines Körpers richtig auszunützen.“ [Meyerhold zit. nach Fischer-Lichte (147)] Das hebt die Spannung zwischen dem phänomenalen Leib und der Darstellung einer Figur abermals auf; in diesem Fall allerdings durch Reduktion des Leibes auf seine biomechanische Materialität.

„Während die Theoretiker des 18. Jahrhunderts hofften, dass alles, was am Körper sinnliche, hinfällige, und unzulängliche menschliche Natur ist, im Prozess seiner Semiotisierung zum Verschwinden gebracht werden könnte […], erscheint der menschliche Körper bei Meyerhold und anderen Avantgardisten wie eine unendlich perfektionierbare Maschine […]. In beiden Fällen haben wir es mit dem Phantasma einer vollkommenen Beherrschbarkeit des Körpers, mit der Vorstellung vom Körper als Medium zu tun. Es gibt kein Leib-Sein, sondern nur ein fast allmächtiges Subjekt, das nicht durch seinen Körper bedingt und bestimmt ist, vielmehr frei über ihn wie über ein beliebiges formbares Material verfügen kann.“ (148)

Dagegen werden im Theater und der Performancekunst seit den sechziger Jahren „Verwendungsweisen des Körpers“ erprobt, die den Körper nicht als „ein perfektes Medium“ voraussetzen (149).

Fischer-Lichte sympathisiert mit Jerzy Grotowskis Neubestimmung des Verhältnisses von Darsteller und Rolle. „Nach seinem Verständnis kann der Schauspieler nicht dazu da sein, eine Rollenfigur darzustellen und in diesem Sinne zu verkörpern. […] Die Rolle ist nicht länger Ziel und Zweck der Tätigkeit des Schauspielers, sondern lediglich ein Mittel zur Erreichung eines anderen Zwecks: den Körper selbst als etwas ‚Geistiges’ in Erscheinung treten zu lassen, ihn als verkörperten Geist zur Erscheinung zu bringen. […] Der Schauspieler leiht nicht seinen Körper einer Rollenfigur und verkörpert in diesem Sinne etwas Geistiges – nämlich vorgegebene Bedeutungen –, sondern er bringt den ‚Geist’ in seinem Leib zur Erscheinung, indem er dem Leib ‚agency’ verleiht. […] Für Grotowski ist das Körper-Haben nicht vom Leib-Sein zu trennen. […] Der Leib agiert als verkörperter Geist (embodied mind).“ (149f) Wenn das Geistige nur verkörpert existiert, dann kann es auch nicht anders als verkörpert aufgeführt werden.

Fischer-Lichte verweist zurecht auf die antidualistischen Parallelen in Grotowskis Konzeption und Merleau-Pontys Philosophie des Fleisches (chair). Grotowski versteht den Körper offenbar weder als Medium, durch den hindurch eine Figur in ihrer reinen Bedeutung zur Aufführung gelangt, noch als beliebig manipulierbares Instrument. Derartige Auffassungen versuchte auch Merleau-Ponty zu überwinden. „Es ist das ‚Fleisch’, durch das der Körper immer schon mit der Welt verbunden ist. Jeglicher menschliche Zugriff auf die Welt erfolgt mit dem Körper, kann nur als verkörperter erfolgen. Deshalb eben übersteigt der Körper in seiner Fleischlichkeit jede seiner instrumentellen und semiotischen Funktionen.“ (151)

Und was wird aus der Kategorie der Figur? „Figur wird nicht länger durch innere Zustände bestimmt, die der Schauspieler/Performer mit seinem Körper zum Ausdruck bringen muss. Figur ist vielmehr das, was durch die performativen Akte hervor- und zur Erscheinung gebracht wird, mit denen der Performer seine individuelle Körperlichkeit hervor- und zur Erscheinung bringt. […] Jenseits der individuellen Physis des Schauspielers/Performers kann es keine Figur geben.“ (155) Das bedeutet demnach, dass es nicht den einen Hamlet – den des literarischen Textes – gibt, den verschiedene Schauspieler verkörpern. Es gibt verschiedene Hamlets, die sich durch die leiblichen – die körperlichen und sprachlichen – Verfassungen der Schauspieler voneinander unterscheiden.

Würde man sich umgekehrt fragen (was Fischer-Lichte nicht tut), was es uns dann noch gestattet, von verschiedenen Hamlets zu sprechen und nicht von gänzlich unterschiedlichen Figuren, so müsste man wohl wieder auf die im literarischen Text entworfene Rolle zurückkommen. Entscheidend ist aber, dass deren Darstellung an die individuelle Leiblichkeit gebunden ist. (Ein ähnliches Verhältnis herrscht zwischen einer Partitur und den verschiedenen Aufführungen des Musikstückes, die auch an die Individualität der Musiker gebunden sind.) Vielleicht sollte deshalb anstatt von Verkörperung von Personifikation gesprochen werden. Und diese vollzieht sich in performativen Akten, wodurch eine Figur für die Dauer einer Aufführung erst zum Leben erweckt werden kann.

„Der Schauspieler schafft mit/an seinem Körper kein Werk, verwendet seinen Leib nicht als ein Medium. Er vollzieht vielmehr Prozesse der Verkörperung, mit denen er seine je spezifische Körperlichkeit hervorbringt und gegebenenfalls damit zugleich symbolische Bedeutungen oder eine Figur, die jenseits dieser Verkörperung keinerlei Existenz haben. In diesen Prozessen wird der Leib ein anderer. Er transformiert sich, schafft sich neu. Der Leib ist nicht, er wird: Der Leib ereignet sich. Als ein Medium ist er daher nicht zu begreifen.“ (161)

Ist nun diese Reflexion auf die Schauspielkunst tatsächlich zugleich eine Reflexion auf die Fähigkeit des menschlichen Körpers als ein Medium zu fungieren, so ist das Ergebnis zu verallgemeinern: Nicht nur der Leib des Schauspielers, sondern der menschliche Leib schlechthin ist nicht als Medium zu verstehen. Denn die Rede vom Medium setzt einen fragwürdigen Dualismus voraus. Als könnte durch den medialen Körper ein autonomes Subjekt sprechen und handeln.

Wenn also das Körper-Haben nicht vom Leib-Sein zu trennen ist, sollte dann nicht die Rede vom „Körper-Haben“ gänzlich fallen gelassen werden? Und die Transformationen des Leibes wären somit als Übergänge von und zu den mannigfaltigen Rollen, die sowohl der Schauspieler als auch der Mensch im Alltag zu spielen und zu bewältigen haben, zu begreifen.

27.06.2006
Peter Kaiser

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