Textarchiv :: Rezension :: Jacques Derrida: On Touching - Jean Luc Nancy

Just a touch on the way - zu “On Touching – Jean-Luc Nancy” von Jacques Derrida

„My impertinence will be my tact.“ *1

Einen Blick in ein Buch zu werfen, soll das Unternehmen dieses Textes sein. Ein Blick und just a touch on the way soll dieses Schreiben zu Jacques Derridas Buch “On Touching – Jean-Luc Nancy” sein. Und „Blick“ und „Touch“ sind dann auch schon die Worte, die eröffnen, was dieser Text von Derrida berührt.
Ich möchte zu Beginn das Buch „On Touching – Jean-Luc Nancy “ kurz charakterisieren, sofern das möglich ist. Es ist der Versuch – ein Essay – von Derrida, das Werk Jean-Luc Nancys zu berühren an beinahe allen Stellen, so scheint es, jedoch immer taktvoll. In einem Sinn taktvoll, der ein Berühren ohne Berühren, eine Quasi-permixtio aus „touching without touching“ darstellt. Wir kennen KritikerInnen, die sich abgrenzen oder die angrenzen, an die Gegenstände ihrer Kritik. Derridas Bezug zu Nancy bewegt sich jenseits eines schlichten An- und Übernehmens. Der Bezug zu Nancy ist keine Weise der Kritik, die sich abgrenzend vom Text absetzt oder sich angrenzend an den Text fortsetzt. Derridas „Kritik“, wenn davon zu sprechen sein kann, ist mit entgrenzender Geste geschrieben. Das lässt über weite Strecken die Grenzen verschwimmen und die Lesenden im Vagen, wo Derrida anfängt und Nancy aufhört oder umgekehrt. „On Touching – Jean-Luc Nancy“ ist daher vielleicht der Text, der praktiziert, wovon er spricht, er berührt. Und er berührt in einer ausgedehnten Weise auch über Nancy hinaus Aristoteles, Descartes, Kant, Husserl, Levinas, Merleau-Ponty etc. Es ist darum nicht besonders leicht, eine korrespondierende, also gegenzeichnende Weise und Sprache zu finden, über „On Touching“ zu sprechen und zu schreiben. Ich möchte mich deshalb sehr beschränken in dem, was ich sage. Und ich möchte einer Frage nachgehen. So wie es Derrida in seinem Text auch tut. Er geht in ausgedehnter Weise einer Frage nach. Und ich verspreche mir eine Ausdehnung meiner Frage in diesem Text, eine Ausdehnung der Frage hin zu vielen Fragen – und nicht zu letzt auch zur Frage der Ausdehnung selbst.

Hat eine Berührung einen Ort, ein Feld? Und wo wäre der Ort einer Berührung? Wenn sich meine Hände berühren, ist der Ort der Berührung die eine oder die andere Hand? *2 Jede Hand, wenn sich meine Hände berühren, ist zugleich die berührte und die berührende. Der Ort, die Stelle der Berührung bleibt ohne Gewähr, es ist nicht die eine oder die andere Hand, deren Oberfläche den Schauplatz für den Akt der Berührung bildet. Sind beide Hände Orte der Berührung, oder ein Dazwischen, oder ein Innen? Ist Innen das Herz gar Ort aller Berührungen? Oder ist die Berührung selbst der Ort, an dem das Selbe und das Andere zusammenkommen? Wo zwei inkommensurable Größen zusammenkommen, wie kommen sie zusammen? Und welchen Sinn haben wir für eine Berührung, und nur einen oder alle, oder keinen Sinn?

Wie berühre ich einen Text, oder beginne ich so gerade mit der falschen Frage und komme von der falschen Seite. Ich lese, arbeite mich – wie man so sagt – durch einen Text. Auch wenn die Umgangssprache eher lässig und beinahe unzulässig klingt, ist das „Durchlesen“ vielleicht doch der Weg, um den es gehen wird. Ich lese, arbeite mich durch einen Text und der Text beginnt mich zu berühren. Wo? Wo berührt ein Text? Dort wo ich wach werde, wo ich hellhörig werde, wo ich nicht verstehe, weil nicht richtig sehe, wo ich ahne, aber nicht weiß. Was der Sinn ist. Mit welchem Sinn nehme ich die Berührung des Textes wahr? Wo berührt mich ein Text? In den Augen? Mit den Augen lese ich. Wenn mich dort ein Text berührt, wo ich sehe, bedeutet das, dass ich mit meinen Augen auch berühre, was ich sehe? Wenn ich sehe, berühre ich? Und mit Derrida: „If I ask you now: What does se toucher les yeux mean? Does it mean ‘to touch one’s own eyes with one’s own fingers’? That`s easy. To touch (for example) the eyes of the other and reciprocally? That’s not impossible. To touch the eyes of the other with one’s own eyes in order to see while losing one’s sight [à perdre la vue], in sort of reciprocity that is apparently immediate? That’s difficult and rare but not at all impossible. And you may still remember that that’s where we started from.” *3
Derrida beginnt seinen Essay mit einer Frage, die zu ihm kam: ”One Day, yes one day, once upon a time, a terrific time, a time terrifically addressed, with as much violence as tact at its fingertips, a certain question took hold of me – as if it, or “she” [la question], came of me, to me.” *4 Die Frage, die zu ihm gekommen ist, ist eine, die er in Hinwendung zu Jean-Luc Nancy, zunächst vielleicht, zurückgibt, wie man einen Gruß erwidert, gegenzeichnet. Die Frage, die zu ihm gekommen ist, ist die Frage: “When our eyes touch, is it day or is it night?” *5 Ist es Tag, oder ist es Nacht? Bei Tageslicht ist vieles zu sehen. Bei Nacht vieles nicht. In schwärzester Nacht ist vielleicht gar nichts zu sehen. Am hellsten, blendendsten Tag auch nicht viel mehr. Ist es Tag, oder ist es Nacht? Und ist das eine Frage nach der Zeit der Berührung? Oder ist es nicht vielmehr eine Frage nach dem Licht, in dem Berührung geschieht, also dem Medium, in dem Berührung sich ereignet?
Derrida beschreibt sein erstes Einsetzen mit der Frage „When our eyes touch…“ als ein Gegenzeichnen von Passagen aus Aristoteles „Peri psuchēs“ (De Anima), und er nennt diese Gegenzeichnung: „Signing a Question – from Aristotle“ . *6 Dabei geht es um die Frage, ob die Berührung einem der Sinne oder einer Gruppe von Sinnen zugeordnet werden kann, und welches das Organ bzw. welche die Organe der Berührung sind. Ist das „Fleisch“ dieses Organ oder gibt es etwas, das weiter innen liegt. Ist das, was in der Berührung geschieht, analog zu denken wie das Verhältnis von Klang und dem Hören? Sind die Sinne überhaupt von einander getrennt zu denken? Es gibt verschiedene Sinne, die über verschiedene Bewegungen wahrnehmen, aber wenn z.B. die Zunge etwas berührt, so überlagern sich hier zumindest zwei Sinne, das Berühren und das Schmecken. Liegen nur „Touch“ und „Taste“ so nah in Kontakt miteinander und alle anderen Sinne verfügen über eine Distanz – zum einen zueinander und zum anderen auch zum jeweiligen Gegenstand?

Die Sinne und wie sie zueinander gehören, oder in Distanz zueinander sind, und wie sie dem gegenüber sind, was Gegenstand und Subjekt der Sinne wird, eröffnet die Frage nach der Grenze, der Oberfläche, der „surface“ des „touching“. Was wird berührt in der Berührung? Ist in der Berührung eine exakte Grenze auszumachen? Ist es die Haut, die die Oberfläche und die exakte Grenze der Berührung darstellt?
Und welche Grenze berühren die Augen, berühren unsere Augen, when our eyes touch? Welche Oberfläche gibt es, wenn es eine Ober-Fläche gibt, wenn Lippen sich berühren? Geht es da nicht immer schon nach innen, wenn Lippen sich berühren? Hinter den Lippen ist der offene Mund/Mundus des Staunens vielleicht. *7 Und berühren SICH die Lippen nicht immer schon, die Augen aber auch, da wir sie ständig öffnen und schließen, wenn wir sehen, einander ansehen?

Derrida schreibt von seinem Wunsch „peri Peri psuchēs“ zu schreiben, in einem doppelten „around“ vielleicht, entlang einer Peripherie von peri psuchēs. Um genau diese Peripherie scheint es Nancy in seinem Text „Psyche“ von 1978 auch zu gehen. Zentral ist der von Freud am 22. August 1938, ein Jahr vor seinem Tod, notierte Satz: „Psyche ist ausgedehnt, weiß nichts davon“. Indem Nancy auf die Erzählung „Amor und Psyche“ von Apuleius Bezug nimmt, schreibt er: „Psyche is extended in her coffin. Soon it is going to be shut. Among those present, some are hiding their faces, others are keeping their eyes desperately fixed on Psyche’s body. She knows nothing of this – and that is what everyone knows around her, with such exact and cruel knowledge.” *8 Derrida hebt in seiner Lektüre dieser Nancy-Stelle die Wendung des “around her” als die in Szene gesetzte Bedeutung von „peri psychēs“ hervor. Jedoch zeigt sich hier auch eine Differenz von Aristoteles’ „Peri psuchēs“ und der Nancyschen Psyche, die „extended in her coffin“ liegt, während die Seele bei Aristoteles „the pure life of the living“ (anima est quoda modo omnia) ist.
Später wird Derrida auf die Nancysche Interpretation des Caravaggio Gemäldes „Marientod“ eingehen, wo es wieder eine Peripherie gibt. Die Peripherie derer, die um Maria herumstehen und durch deren Augen-Blicke allein abzulesen ist, dass Maria tot ist nach Nancys Deutung. Sie selbst, Maria, so hebt Nancy hervor, wirkt unheimlich ausgedehnt auf dem Gemälde. Aber ihr Tod ist allein den Anderen ins Gesicht geschrieben. Den Tod erfahren wir immer als Tod der Anderen. „There is never death itself“. *9
Ich bin ausgegangen von der Frage nach der Berührung als Ort, wo sich Selbes und Anderes berührt, wo sich quasi immer ein self-touching und touching zugleich ereignet. Wo touching immer zu einem selftouching und selftouching immer zu einem touching hin ausgedehnt ist, und beide die „Koordinaten“ eines Feldes der Berührung als der Ausdehnung sind. Damit ist kein abgrenzbares Territorium der Berührung mehr zu denken. Die Berührung hat eine andere Art Ort, wenn sie Ausdehnung ist. Touching ist eine Entterritorialisierung. Der berührte/berührende Körper, der Körper mit diesem Vermögen affizierbar zu sein, splittet sich auf und ist verkörperte Weltoffenheit, die unendliche Verbindung zu allen anderen Körpern. *10
Mit dem Anderen, das in der Berührung immer hineinkommt und ankommt im ausgedehnten Feld des weltoffenen Körpers, ist die Berührung als Form des „being with“ zu denken. Als Ereignis des Lebendigen. Vielleicht. „When our eyes touch…“ there is – a life – itself.

Elisabeth Schäfer

*1 Derrida, Jacques (2005): On Touching – Jean-Luc Nancy, Stanford California (Stanford University Press), S. 131
*2 Denken wir an die berühmten Passagen in den „Ideen II“ von Husserl: „What I call the seen Body is not something seeing which is seen, the way my Body as touched. Body is something touching which is touched“ (Ideas II, p. 155), zitiert nach: Derrida 2005, S.350
*3 Derrida 2005, S.108
*4 Derrida 2005, S.1
*5 Derrida 2005, S. 2 (Hervorhebung von mir, E.S.)
*6 Derrida 2005, S.1
*7 Hier ruft sich Luce Irigarays Text „Wenn unsere Lippen sich sprechen“ in Erinnerung:„Zwei Lippen küssen zwei Lippen: das Offene wird uns zurückgegeben. Unsere Welt. Und der Übergang von innen und außen und von außen und innen ist zwischen uns grenzenlos.“ aus: Irigaray, Luce (1979): Das Geschlecht das nicht eins ist, Berlin (Merve Verlag), S. 216
*8 zitiert nach Derrida 2005, S. 13
*9 Nancy, Muses, pp.58-59, zitiert nach Derrida 2005, S. 49
*10 Ich zitiere aus einem Gespräch am 12.Juni 06 mit Arno Böhler, Katja Mayer, Peter Kaiser und Bernd Boesl.

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