Alice Lagaay: „Züge und Entzüge der Stimme in der Philosophie“ in:
S. Krämer: Performativität und Medialität, Wilhelm Fink, München, 2004, S. 293 – 306.

Peter Kaiser

Alice Lagaay möchte die menschliche Stimme aus einer philosophischen Perspektive thematisieren; ein ebenso vielschichtiges wie folgenreiches Unterfangen im Kontext einer Philosophie der Performanz. Kann uns diese eine wertvolle Orientierung zum Nachdenken über die Stimme geben, so sollten auch umgekehrt die Reflexionen über die Stimme Auswirkungen auf Konzeptionen des Performativen haben.

Ist aber das Philosophieren über die Stimme an sich schon etwas Besonderes? „Obwohl das Gespräch als die Urszene der abendländischen Philosophie und als die Quelle aller philosophischen Theorien über Sprache und Kommunikation gelten kann“, sei die Stimme von der Philosophie weit gehend vernachlässigt worden, konstatiert Lagaay (293). Den ersten Grund dafür entdeckt sie im „traditionellen metaphysischen Interesse der Philosophie“, die „Essenz hinter der Welt der Erscheinungen“, die fest stehende Bedeutung hinter der materiellen Oberfläche der gesprochenen Sprache zu suchen. Demnach erörterte man die Stimme – wenn überhaupt – nur dann wohlwollend, wenn sie als diejenige Instanz gedeutet werden konnte, die der Seele am nächsten stehe, „als das transparente Medium von Intention und Sinn“ (294).

„Sobald sie außer Kontrolle gerät oder sich verführerisch musikalischen Dimensionen annähert, sobald sie ein Begehren ausspricht oder Emotionen anspricht, sobald sie die Ränder ihres Artikulationspotentials ausschöpft, indem sie murmelt, stottert, schreit, heult oder jammert, da wird sie mit größtem Misstrauen betrachtet und mit Verrücktheit, Hysterie, Exaltation und allem, was sonst – bevorzugt beim weiblichen Geschlecht – auf verdächtige Weise ‚anders’ ist, assoziiert.“ (ebd.)

Der zweite Grund für die philosophische Vernachlässigung der Stimme liegt also in ihrer materiellen „Natur“, deren Phänomenologie zumindest drei Aspekte aufzeigen kann: Erstens ist die Stimme etwas Ungreifbares, etwas „in der Zeit Fließendes“, sich ständig Veränderndes; eine „ephemere und unsichtbare Entität“ (295). Zweitens verweist Stimme auf die Körperlichkeit ihres Trägers, „auf eine konkrete, körperliche und zeitliche Existenz“. Ergänzend zu Lagaays Charakterisierung, Stimme sei „nichts anderes als ein Ton, der durch eine bestimmte körperliche Aktivität – die Reibung zwischen den Stimmbändern und inhalierter Luft – produziert wird“ (ebd.), ließe sich präzisieren, dass diese physische Beschaffenheit auf die Leiblichkeit eines Subjekts verweist.

Die Leiblichkeit manifestiert sich deutlich im dritten Aspekt, der die Emotionalität und relative Unkontrollierbarkeit der Stimme betrifft. „Die Stimme ist unvorhersehbar: Sie ruft nicht nur Affekte beim Hörer hervor, sondern sie kann auch die Gefühle des Sprechers selbst verraten, die auf der semantischen Ebene des Gesprochenen vielleicht verdeckt bleiben sollten. Als Ausdruck unbewusster Impulse entzieht sich die Stimme der nüchternen Kontrolle und der Objektivität, die der Philosoph der Tradition sucht.“ (295) In der Tat: Verrät in einem überraschenden Moment das Stocken, das Den-Atem-Anhalten, das plötzliche Verstummen und Stottern nicht mehr über eine Person als ihre vielleicht eingeübt stoische Körperhaltung samt Pokerface? Jeder disziplinierte Gestus stößt einmal an seine Grenzen. (Lagaay erinnert an dieser Stelle auch an Roland Barthes, der die Unkontrollierbarkeit der gesprochenen Sprache erkannte und fürchtete: „Das gesprochene Wort bringt mich in Verlegenheit, weil ich immer Angst habe, mich in Szene zu setzen, wenn ich spreche.“ (zit. nach Lagaay S. 295))

Diese drei materiell-körperlichen Aspekte widersprächen den „traditionell metaphysischen Interessen der Philosophie“, die „Essenz hinter der Welt der Erscheinungen“, die Bedeutung hinter der materiellen Oberfläche der gesprochenen Sprache zu suchen. Interessen, die man allerdings auch in den pragmatischen Kommunikationstheorien und einflussreichen linguistischen Theorien des 20. Jahrhunderts wieder findet. Durch die Vernachlässigung der „körperlichen und klanglichen Dynamik“ der Rede wurde aus dem Forschungsgegenstand eine „merkwürdig stille Sprache“ (299).

Dagegen verortet Lagaay die Stimme sowohl bei Jacques Derrida als auch bei der gegenwärtigen interdisziplinären performativen Wende als „implizite Konsequenz bzw. als unausgesprochenen Horizont der jeweiligen Theorie“ (296).
Derrida, der zwar in erster Linie als „Philosoph der Schrift“ gilt, sollte zumindest auch als Wegbereiter einer „Philosophie der Stimme“ wahrgenommen werden. „Nicht die Stimme an sich lehnt Derrida in seiner Philosophie ab, sondern vielmehr eine bestimmte Idee von der Stimme: Dass sie nämlich die Instanz sei, die das innere Wesen oder Bewusstsein einer Person am zuverlässigsten repräsentiere, d.h. dass sie die Selbst-Identität bzw. das reine Selbst-Verständnis einer Person reflektiere.“ (297) Derrida äußert sich dazu in seinen Auslassungspunkten: „Etwas voreilige Leute meinen, mich interessiere nicht die Stimme, sondern allein die Schrift. Das stimmt natürlich nicht. Was mich interessiert, ist die Schrift in der Stimme, die Stimme als differentielle Schwingung, das heißt die Spur.“ (1998, S. 151, zit. nach Lagaay S. 298)

Für performativ-philosophische Ansätze ist es charakteristisch, „Sinn als etwas zu betrachten, was erst durch prozesshafte Vollzüge konstituiert und verändert wird.“ (299) Die menschliche Stimme ist kein neutrales Medium durch das sich ein vorgegebener Sinn manifestiert. „Die Stimme wird zu einem Phänomen, das nicht nur gehorsam entspricht, sondern selbständig tut; mit andern Worten: sie gewinnt eine weltverändernde, positiv konnotierte Kraft.“ (301)

Lagaay spricht verschiedene Dimensionen der Stimme an, in denen ihre „positiv konnotierte Kraft“ wirkt. Bezüglich der theatralischen Dimension kommt sie zu einer ähnlichen Einschätzung wie Erika Fischer-Lichte: „Aus der performativen Orientierung heraus wird das theatralische Ereignis nicht als Repräsentation einer vorher festgelegten, durchgeplanten und eingeübten Handlung einer meist schriftlichen Vorlage begriffen, sondern vielmehr als Präsentation, als einzigartiges und einmaliges Ereignis, das Schauspieler und Zuschauer zugleich im Moment der Aufführung zum ersten Mal erleben.“ (300)

Des Weiteren skizziert Lagaay eine „negative“ Phänomenologie der Stimme – Stimme im Modus des „Entzugs“. „Stille, Schweigen, Potentialität, Passivität, Risiko, Hören und Entzug gehören also zu den ‚negativen’ (-) Stichwörtern eines Nachdenkens über die Stimme, das sich als Gegenfolie zur ‚positiven’ Auffassung der Stimme als musikalische Dimension der Sprache, als sinnkonstituierender Klang, als performativen Überschuss des Körpers und im Sinne einer Präsenz, Aktivität, Wirkung und Spur denken lässt.“ (304) Wir sind wiederum mit einer Verschränkung von Aktivität und Passivität konfrontiert: „Denn die ‚negativen’ Aspekte der Stimme deuten alle auf die Bedeutsamkeit einer Ebene, die sich der Wahrnehmung nicht ostentativ zeigt und die nicht in einem aktiven Tun aufgeht, sondern sozusagen in der Stille abseits der Bühne lauert.“ (ebd.) Übersehen wir aber nicht, dass auch die Stille etwas sinnlich Wahrnehmbares ist. Lagaay fordert nicht zu Unrecht, „im Anschluss an Austin eine Sprechakttheorie des Schweigens zu entwickeln“ (302).

Für Lagaay taucht an dieser Stelle allerdings die Frage auf, inwiefern sich eine Phänomenologie dieser „negativen“ Aspekte einer klassisch metaphysischen Grundhaltung annähert. Lagaay scheint es zu gefallen, den zukünftigen philosophischen Auseinandersetzungen bezüglich der Stimme eine Orientierung „zwischen einer ‚Metaphysik der Präsenz’ und einer ‚Anti-Metaphysik der Performanz’“ vorherzusagen; „und zwar an dem Ort, wo beide sich treffen: etwa als Metaphysik der Performanz?“ (305)

Wie man dazu steht, dürfte jedoch zu einem beträchtlichen Teil davon abhängen, wie „geheimnisvoll“ man die Stimme und das hinter ihr Liegende zu konzipieren bereit ist: die Person, „die keine Stimme ist, sondern aus der die Stimme klingt“ (305). Es kann unterbestimmt und zahlreichen Irrtümern unterworfen bleiben, wie eine Person beschaffen ist. Aber deshalb müssen wir nicht die grundlegende Konzeption von ihr als körperlichem bzw. leiblichem Subjekt aufgeben. Diese sollte uns als Korrektiv dienen, um nicht in unsinnig unsinnliche Gefilde abzudriften.

Die Leiblichkeit der Person und die Materialität der Stimme sind untrennbar miteinander verbunden. Ebenso wie das von Lagaay benannte „große Misstrauen“, das der Stimme traditionellerweise entgegengebracht wurde, als Spezialfall eines allgemeinen Misstrauens bezüglich des Körperlichen zu deuten ist. Wer jedoch die Materialität der Stimmlichkeit a priori defizitär veranschlagt, zahlt einen phänomenal betrachtet hohen Preis: Reibungslosigkeit ver-/führt zum Verstummen; Verstummen führt zum Verschwinden der Person. Und dies berührt ebenso wie das Hören, das Eingehen auf die Stimme oder das Ignorieren derselben, „die ethische Dimension der Thematisierung der Stimme“ (303).

Den „Verächtern des Leibes“ muss(te) wohl auch die Vielstimmigkeit, die sich durch die Materialität der Stimme ergibt, ein Grund metaphysischen Misstrauens sein. Denn aufgrund des Spektrums der Vielstimmigkeit (im Unterschied zur Mehrstimmigkeit), das jeder Person zugesprochen werden kann – von ihrer klaren, vielleicht gesanglich ausgebildeten bis zur heiseren, versagenden Stimme –, lässt sich eine vermeintlich nicht-körperliche Selbst-Identität, ein „inneres Wesen oder Bewusstsein“ einer Person nie zuverlässig repräsentieren.

Dagegen wird eine performativ-philosophische Position – die die Idee eines Mediums, durch das etwas anderes möglichst „unverfälscht“ in Erscheinung treten soll, aufgegeben hat –, versuchen, der Vielstimmigkeit sowie den vielgestaltigen Sprechakten des Schweigens Rechnung zu tragen. Und dies kann ihr nur gelingen, wenn für sie „die Stimmlichkeit als Spur des Körpers im Sprechen ein für die Sprache wesentliches Attribut ist“, und sie „die Körperlichkeit der SprecherInnen als ein für ihre Sprachlichkeit konstitutives Phänomen“ versteht (vgl. dazu S. Krämer (2001): Sprache, Sprechakt, Kommunikation, S. 101).

Eine Dimension der Stimme, die Lagaay in ihrem Artikel unerwähnt lässt, betrifft die für uns trivial anmutende technische Möglichkeit, Stimmen aufnehmen und beliebig oft wiedergeben zu können; wenn das primäre Medium zum reproduzierbaren Gegenstand anderer Medien wird. Die „Stimme in Zeiten ihrer technischen Reproduzierbarkeit“ – wäre das nicht ein spannender Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen von Medialität und Performanz?