Jean Luc Nancy, Corpus
Ferdinand Auhser

Inspiration

Die Metaphysik, von Platon bis Kant, kennt die Welt der Körper, den Raum des Sinnlichen, den Spielraum der Sinne. Sie kennt und braucht diese Welt als Ausgangspunkt ihres Weges, als Anstoß ihres Fragens und Grund ihrer Ansprüche. Das Bedürfnis der Metaphysik ist immer Bedürfnis nach Gewissheit, nach Sicherheit – und Metaphysik selbst ist immer ein sinnliches Fragen, ein Fragen nach einem ausgezeichneten, unverrückbaren, vielleicht nach einem ewigen Sinn, ein konservatives Fragen, das seine Antwort in einem Grund sucht, der über oder unter dem Wandel der sinnlichen Erscheinungen liegt, in einem Grund, den man sich im Strom der Veränderungen bewahren kann, an den man glauben darf, den man vielleicht sogar wissen kann… Jede Metaphysik braucht ihre Physis, die sinnliche Welt, von der sie anhebt, bei der sie anfängt, auf- oder abzusteigen zu ihrem Übersinnlichen, Untergründigen; sie braucht die Dinge und Erscheinungen, um nach dem Grund des Scheinens zu suchen, nach dem Licht, in dem alles erst zu dem wird, was es ist…
Die Metaphysik ist inspiriert durch die Welt der Körper, animiert, motiviert, belebt, vielleicht sogar erregt bei ihrem Anblick, beim Anblick der Körper, und nicht nur bestimmter, sondern aller Körper, und in ihrer Erregung tief entschlossen, in diese Erscheinungen einzudringen, durch sie hindurchzudringen, bis auf ihren Grund vorzustoßen, der nicht mehr Grund einer einzelnen, sondern allen gemeinsam sein muss, von dem aus alles nicht mehr bloß angreifbar, sondern in jedem Sinn auch begreifbar, vielleicht: haltbar wird durch einen festen Griff des Verstandes, in dem sich der Verstand zugleich auch selbst in der Hand hat und in seinem visionären Eindringen und Durchdringen aller Körper seine eigene Befriedigung, seine Selbstbefriedigung erzielt. Die metaphysische Vision – inspiriert durch die Welt der Körper – ist die Vision einer anderen, einer übersinnlichen, transzendenten Welt, einer Sonne, die den Grund und die Bedingung alles Sinnlichen verkörpert, die das Bleibende und Unverrückbare, den allem zugrunde liegenden Sinn ausmacht, den man erfassen kann im Eindringen, in einer vernünftigen Introspektion und damit die Welt der Körper, die Welt der Bewegung versteinert als eine Welt der Präsenz, als Inkorporation eines übersinnlichen Grundes…
Mit diesem Aufbruch der Metaphysik von der einen, hin zu einer anderen, ferneren Welt, mit ihrer Reise vom Mittelpunkt der Erde, von der Höhle hinauf ins helle Reich der Ideen, der Kreuzfahrt zur Insel des reinen Verstandes, eröffnet sie den Raum der versteinerten Körper, den Zwischenraum der Präsenz, der den Raum der Körper leugnet mit Blick auf jenes Dahinter, jene unwiderruflichen Voraussetzungen, die Leben einhauchen, indem sie alles Leben auslöschen… So schreibt Nancy über die transzendente Erregung: Jenes Bedürfnis, die metaphysische Erotik des Medusierens, sei ein sicheres Zeugnis für die Verleugnung der Körper. „Medusa läßt ihren Ausdruck erstarren, lähmt ihre Ausdehnung: übrig bleibt eine Masturbation des Auges“ (S. 43), nämlich jenes ideellen Auges, das in der Vision der Ideen sich selbst als an ihnen teilhabend sieht, oder jenes vernünftigen Auges, das im Durchdringen aller Dinge hin auf ihren Grund sich selbst erblickt – als Bedingung aller Möglichkeit.
Die Ideen Platons, Gott oder die Vernunft der Aufklärung verkörpern allesamt den unkörperlichen Grund, den übersinnlichen Sinn, das Pneuma, das aus allen Dingen spricht und bedeuten zugleich den Anspruch, durch sie und mit ihnen, in ihnen den Verweis zu vernehmen, auf dieses Dahinter zurückzugehen, in der Welt der Körper den Wert zu erkennen, der ihnen zugrunde liegt, und im Erkennen dieses Wertes die Welt der Körper zu entwerten.
Aber wir sagen: Die Metaphysik ist inspiriert durch die Welt der Körper, die Welt des Sinnlichen und hebt von ihr erst an in ihrem Aufstieg, hat in der Offenbarung der Körper den Grund ihrer Vision als ein Bedürfnis, ihre Idee, ihr Mysterium als Vater, als Ort der Zeugung der Körper zu setzen, und sie von dort aus – aus dieser einen Perspektive zu begreifen. Doch in dieser Perspektive hat man sich schon von den Körpern entfernt.
Man blickt nicht aus der Welt der Körper, sondern aus einem Mysterium, aus einer Sphäre der Unkörperlichkeit, die den Körper absterben lässt, die vorgibt, ihn zu durchdringen und eben in dieser gedachten Durchdringung sich dem Körper entfremdet… „Einen Körper sehen ist eben nicht, ihn mit einer Sicht zu begreifen: Das Sehen selbst entfernt sich dort, es schafft sich dort Raum, es umfasst nicht die Gesamtheit der Ansichten. […] Die Körper sehen heißt nicht, ein Mysterium zu enthüllen, es bedeutet, das zu sehen, was sich dem Sehen anbietet, das Bild, die Menge der Bilder, das nackte Bild, wobei die Arealität entblößt wird. Dieses Bild ist aller Vorstellungswelt, aller Erscheinung fremd – und gleichfalls aller Deutung, allem Dechiffrieren. Einen Körper kann man nicht dechiffrieren – ausgenommen die Tatsache, daß die Chiffre eines Körpers dieser Körper selbst ist, nicht chiffriert, ausgedehnt. Das Sehen des Körpers durchdringt nichts Unsichtbares: Es ist Komplize der Ausdehnung, die das Sichtbare ist.“ (S. 43) Denn diese Ausdehnung ist die Realität des Körpers, seine Realität als Arealität, die sich nicht auf einen substantiellen Punkt reduzieren lässt, dem verschiedene Eigenschaften zukommen können oder nicht – von denen er unabhängig existiert. Kein Punkt, zu dem man durchdringen kann, denn in jedem Durchdringen des Körpers wird die Ausdehnung, die er immer ist und immer zuerst ist, verleugnet, zerstört, getötet. Die Arealität, die Ausdehnung, in der sich der Körper exponiert, als die er sich verortet, ist nicht das Scheinbare, der augenscheinliche Verweis auf einen Grund, denn der Grund selbst ist a-real (hat wenig Realität, schwebende Realität) – vielmehr ist sie die Klarheit, als die sich der Körper immer offenbart, nicht als implizite Aufforderung zur Dekodierung, als ausgedehnte Sphinx, sondern als Realität, als ausgedehnte Evidenz… Als Evidenz, die in der Offenbarung ihrer Arealität, im sich Öffnen und sich Ausdehnen mit dem metaphysischen Anspruch der Reduktion und Festsetzung, mit der transzendentalen Bindung an einen transzendenten, ideellen Grund bricht, die den Raum, den sich die Metaphysik als Raum der Präsenz dieses Grundes geschaffen hat, aufbricht, und so einen neuen Raum schafft, der nicht Zwischenraum zweier Welten, sondern Zwischenraum der Körper ist.
In ihrer Ausdehnung schaffen die Körper selbst den Raum, in dem sie offenbar, geöffnet sind aufeinander, nicht um durchbohrt, durchdrungen zu werden auf ein Dahinter, das sie mitreißt, in den Sog der Vergessenheit zieht, sondern einen Raum, in dem sie einander berühren, fühlen, sehen, denken, ohne von einem anderen vereinnahmt zu werden. Und jeder Körper ist Teil dieses Aufbruchs in seiner Exposition, in seiner Individualität, die nicht unteilbare Substanz, nicht Inkorporation einer Idee, sondern substantielle Leugnung des ideellen Mysteriums ist, indem sie sich selbst als Mysterium offenbart. Jeder Körper, indem er so ist, wie er ist, und dieses Sein immer wieder verändert, modifiziert, das Sein selbst modalisiert, sich nicht seinem Wesen gemäß zeigt, nicht einer mystischen, sondern immer nur einer fraktalen Sicht zeigt, bricht den metaphysischen Diskurs, widerspricht ihm und bricht somit einen neuen Raum auf, den man lange verschwiegen und begraben hat, bricht in seiner Gemeinschaft mit anderen Körpern, die sich in ihrer Evidenz nicht auf ein Gemeinsames reduzieren lassen wollen, die dieser Reduktion entgegenstehen in ihrer je eigenen Stätte, den Raum der Körper, die Welt der Körper auf, schafft selbst den Aufbruch und Durchbruch des Raumes, in dem alles so klar verankert, so klar verständlich erschienen ist…

Aufbrüche

„Das, was ein Aufbruch, selbst der einfachste, ist: der Augenblick, in dem ein bestimmter Körper nicht mehr da ist, eben hier, wo er war. Jener Augenblick, in dem er dem bloßen Klaffen des Zwischenraums, der er selbst ist, Platz macht.“ (S. 32) Und indem jeder Körper in gewissem Sinne einen Aufbruch darstellt, zeigt sich darin zum einen, dass er selbst keine Beschlossenheit, keine Abgeschlossenheit für sich und in sich selbst bedeutet, sondern sich öffnet gegen anderes, andere Körper, dass er Kontakt aufnimmt, dass er in der Öffnung rührt und berührt wird, zum anderen aber, dass durch seine Öffnung, in der Offenbarung der Aufbruch jenes Raumes passiert, der ihn eben als diese Geschlossenheit verorten wollte, der ihn einsperren und ersticken wollte, in dunklen Höhlen oder transzendentalen Gefängnissen… Körper haben ihren eigenen Ort, die je eigene Stätte ihrer Existenz, die nicht zu durchdringen ist, ohne dabei den Körper selbst zu opfern, und vielleicht bräuchte es nur die Befreitheit des Blicks, die Unvoreingenommenheit, tatsächlich Körper für Körper nicht zu subsumieren, sondern zu beschreiben, nebeneinander zu stellen, um diesen Aufbruch klarer und deutlicher zu sehen als einen neuen Aufbruch, der neuen Raum schafft und immer wieder Raum, Zwischenräume schafft, jeden Körper nebeneinander zu stellen, nebeneinander zu schreiben ohne Überschrift; man bräuchte eine Schrift der Körper, oder aber Körper als Schrift, als ein Nebeneinander, in dem jeder Körper seinen eigenen Platz, seine eigene Stätte einnimmt und zugleich mit anderen Körpern, mit anderen Wörtern in Kontakt steht, nicht für sich alleine, allem anderen fremd, und doch nicht an der Stelle des anderen, nicht die Stätte des anderen vereinnahmend, ihn durchdringend. Das Wort, der Körper offenbart sich in der Schrift, zeigt sich von einer bestimmten Seite und steht gemeinsam mit anderen Körpern – verweist nicht auf sein Innerstes, auf sein Wesen, ist nicht endliche Repräsentation des Unendlichen, und genauso wenig ist er rein äußerlich, reines außen und in seiner Äußerlichkeit abgeschlossen gegen anderes.
Um dies zu verdeutlichen, dieses Nebeneinander der Körper, die nicht reduzierbar sind auf ein allen Gemeinsames, bräuchte man eine Aufzählung aller Körper, ein Nebeneinanderstellen, einen Corpus, eine Sammlung, wie sie die Jurisprudenz kennt, in der sich eben jener Raum, jener nicht gerichtete Raum der Körper lichtet, in dem den Körpern Gerechtigkeit widerfährt, in dem sie existieren. „Das Modell des Corpus ist der Corpus Iuris, Sammlung oder Zusammenstellung der Institutiones, Digestes und anderer Codices aller Artikel des römischen Rechts. Es ist weder ein Chaos noch ein Organismus: Der Corpus steht nicht genau zwischen beiden, sondern eher anderswo. Er ist die Prosa eines anderen Raums, weder abgründig noch systematisch, weder in sich zusammengefallen noch fundiert. So gestaltet sich der Raum des Rechts: Seine Grundlage entzieht sich an Ort und Stelle, das Recht des Rechts ist selbst immer rechtlos. Das Recht überwölbt alle Fälle, doch es ist selbst der Fall seiner Einsetzung, Gott ebenso fremd wie der Natur. […] Die Rechtsprechung besteht weniger darin, das Absolute des Rechts zum Ausdruck zu bringen, als vielmehr darin, Gründe daraus abzuleiten, das zu sagen, was hier Recht sein kann, da, jetzt, in diesem Fall, an diesem Ort. Hoc est enim…: lokale, räumliche, horizontale Diktion und weniger Diktion des Seins des Rechts als sein Tun, sein Tun-Können, Zu-tun-im-Stande-Sein in diesem Fall.“ (S. 49) Und ebenso wäre ein Corpus der Körper, ein Corpus corporis, die Sammlung, Aufzählung der Körper, die selbst nicht einem bestimmten Gesetz folgt, die nicht mit der Einschränkung der Frage passiert: Aber was versetzt den Körper überhaupt erst in die Lage, Körper zu sein, was sind die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung, der Aufzählung überhaupt? Kein Verweis auf einen transzendenten Logos, sondern ein Katalog der Körper, eine Schrift der Körper, die nebeneinander stehen, alle ihre Stelle einnehmen, ohne auf eine transzendentale Synthese zu verweisen, bzw. deren Ausdruck zu sein, sie zu verkörpern. Jeder Körper ist Aufbruch, indem er den Raum durchbricht, der ihn anpassen will, in dem er den Raum modifiziert in seiner Evidenz, seiner Offenbarung – der Raum der Körper ist kein vorgegebener, ausschließender, sondern ein modaler Raum, das Dasein der Körper ist selbst modal und modifizierbar, ist irgendwo ein Raum juristischer Klarheit, „ebenso, wie der Raum des Rechts der Raum der je nach Fall konfigurierten Körper ist. Der Körper und der Fall haben sich einander übereignet. Zu jedem Körper paßt eine eigene Rechtssprechung: »Hoc est enim…«“ (S. 49)
Und in diesem Sinne wäre ein Corpus, in dem alle Körper rein dem gemäß aneinandergereiht werden, wodurch sie sich zu aller erst zeigen, worin sie sich offenbaren, eine Schrift ihrer Ausgedehntheit, ihrer Stätten, jener Orte, an oder in denen sie Statt haben, an denen sie existieren, eine Schrift der Toten eben im Sinne einer bloßen Aufzählung, die nicht den Tod, sondern das schlichte nebeneinander zum Ausdruck bringt; eine Aufzählung, die immer weiter schreitet, von Körper zu Körper, Bestandsaufnahme, die nichts von ihrem Weg kennt, nichts davon vorwegnehmen kann, die essentiell und gegen allen metaphysischen Anspruch immer unsicher ist, die nicht erst ihre Zelte auf einer isolierten Insel eines besonders reinen Verstandes aufschlägt, sich dort orientiert und alles kommen lässt, sondern stets fremde Länder bereist „und die Fremde als Länder, Herzogtümer, Gegenden, Übergänge, Überquerungen, Öffnung der Landschaften, unerwartete Gebirgsketten, Wege, die abseits verlaufen, nirgendwohin, Aufbrüche, Rückkünfte. Corpus: ein Schreiben, das etwas vom Land sähe, alle Länder des Körpers nacheinander.“ (S. 50) Corpus, kein Diskurs, keine Erzählung, eher offene, aphoristische, nicht-abgeschlossene Prosa, fragmentarische Schrift, die ihre Wörter, ihre Körper, das Wort Körper, wenn man will, nicht einer Überschrift, einem Ziel, einem Ergebnis unterstellt, ein surrealer, dadaistischer Text, indem die Arealität der Körper, ihre Ausdehnung offenbar wird, in dem sie irgendwie, irgendwo – sich selbst überlassen – an ihren Stätten, Kontakt aufnehmen.
Corpus, ein neuer Aufbruch, Corpus, eine neue Schrift, die nicht erzählt und schlussfolgert, Corpus, ein Raum, der selbst einen Raum durch und aufbricht, in dem nicht jede Beziehung determiniert ist, sondern der Beziehungen ermöglicht, eine Schrift, die nicht sagt, unter welchen Bedingungen mein Auge diesen Körper, dieses Wort sieht, diese Hand schreibt, die nicht sagt, wie Körper auf andere Körper wirken, wie Beziehungen, Bedeutungen überhaupt erst möglich sind, und in diesem nicht Sagen, in diesem Schweigen eben Kontakt ermöglicht, rührt und berühren lässt.

Kontakte

Das Wort in einer Schrift berührt andere Wörter, ohne in sie einzudringen, offenbart sich selbst und schweigt von sich; und eben darin, im Verorten ihrer eigenen Stätten, haben die Wörter Kontakt, zueinander, zu mir, dem Lesenden, zu mir, dem Schreibenden, dem Hörenden, etc. „Ob wir es wollen oder nicht, auf dieser Seite berühren sich Körper, oder sie ist selbst Anrühren (meiner Hand, die schreibt, Ihrer, die dieses Buch in Händen hält). Dieses Berühren ist unendlich umgeleitet, aufgeschoben – Maschinen, Transporte, Fotokopien, Augen und wieder andere Hände haben sich dazwischen gestellt –, doch sie bleibt der winzige, beharrliche Kern, das winzige Staubkorn eines allenthalben unterbrochenen und doch allenthalben fortgeführten Kontakts. Am Ende rührt Ihr Auge an die gleichen Schriftzüge, die das meine nun berührt, und sie lesen, was ich geschrieben habe, und ich schreibe Ihnen. Irgendwo hat das Statt.“ (S. 48) Und dieser Kontakt ist immer ein Kontakt von Körpern, die selbst irgendwo Statt haben, die eine Stätte einnehmen, die nicht aufeinander oder ineinander, sondern irgendwo, nebeneinander, hintereinander existieren.
Die Arealität, die Ausdehnung der Körper, ist ihre Evidenz, in ihr sind sie offenbar, sind offen, geöffnet, schreibt Nancy, geöffnet nach vielen Seiten, an vielen Seiten, auf anderes hin offen, und sind in dieser Offenheit eben sie selbst, intim, unantastbar, undurchdringlich. Die Öffnung ist jenes „Nach-Außen“ der Körper, in dem sie berühren, in dem sie Kontakt aufnehmen; mein Körper der sieht, der liest, der spürt, der in Kontakt steht, von seiner Stätte aus andere Stätten berührt, an andere Körper rührt, ohne meinen Körper in dem Sinne zu veräußern, als er andere einnehmen, durchdringen würde. So wie die verschiedenen Wörter nicht den Platz des anderen einnehmen, immer in gewisser Distanz zueinander stehen, Abstand halten, aber dennoch an das nächste Wort rühren, es irgendwie, irgendwo berühren, steht auch der Körper in Kontakt zu anderen Körpern, eben indem er sich in seiner Offenheit in sich selbst zurückzieht, sich in seiner Offenheit dem Durchdringen, dem Aufsaugen und damit der Auslöschung verweigert. Nancy schreibt: „Zwei Körper können nicht gleichzeitig denselben Ort besetzen. Folglich auch Sie und ich nicht zur selben Zeit an dem Ort sein, wo ich schreibe, wo Sie lesen, wo ich spreche, wo sie hören. Kein Kontakt ohne Abstand.“ (S. 52)
Eben hierin, in der Frage nach den Körpern und dem Kontakt von Körpern, liegt auch das gesamte Problem der Metaphysik verborgen. Noch einmal: Die Metaphysik ist inspiriert durch die Welt der Körper. Sie ist inspiriert durch ihr Auftreten, ihr Statt Haben, ihr Dasein und inspiriert durch den Kontakt, den Körper zueinander haben, eine seltsame Form von Gemeinschaft, von Austausch, Kommunikation, etc. Wir sagen inspiriert, weil sie eben daraus die Energie ihrer Spiritualität zieht, ihren Drang zu Erklärungen und Orten, die eben nicht mehr der Welt dieser Körper angehören können, die sich ihr entziehen und in denen alle Stränge von Zusammenhängen und Beziehungen zusammenlaufen, in einem Grund für alle Bewegung, alles Wirken, in übersinnlichen Ideen, reinen Formen, an denen alle Dinge Anteil haben, in einem ersten Beweger, Grundlage aller Bewegung, in einer einzigen Substanz, die durch jeden Körper auf bestimmte Art und Weise – modal – ausgedrückt wird, oder in einer alles durchwaltenden Vernunft, die alle Erscheinung und Bewegung regelt, die Bedingungen der Möglichkeit, Schemata, Grundsätze vorgibt, nach denen alles, jeder Kontakt, allein vollzogen werden kann.
Dieser Kontakt, diese Wirkung, aufgeschoben, über räumliche und zeitliche Distanzen aller Art, Kontakt zwischen Körpern, einer Hand, die schreibt, einem Buch, einer Seite, Wort auf Wort, einem Auge, das liest, Wirkung, Bewegung zwischen Körpern, scheinbar, vordergründig unbegründete Bewegung, muss doch irgendwo einen Grund haben, muss doch irgendwie Sinn ergeben… Aber genau darin, im Verlassen der Welt der Körper, würde Nancy sagen, im Aufsteigen in eine andere Welt, tötet man den realen Kontakt, den Kontakt der arealen Körper, indem man ihnen ihre Arealität auf Kosten einer transzendenten Realität abspricht, indem man in jede Öffnung eindringt und den Körper in diesem Eindringen und Durchdringen auf einen metaphysischen Punkt, Substanz, Monade, etc. implodieren lässt. Es ist immer unmöglich, zum Scheitern verurteilt, vom Körper zu sprechen, weil er sich in seiner Offenheit dem Durchdringen entzieht, weil man nicht zu dem durchkommt, was man in einer mystischen Vision gerne als sein Wesen bezeichnen würde, und es ist ebenso unmöglich, vom Körper zu schweigen, weil er in seiner Zurückgezogenheit immer Kontakt aufnimmt, immer in Kontakt steht, weil er offen ist, eine Jungfrau, „eine Vestalin auf ihrem Lager.“ (S. 52)
Und er ist nicht Jungfrau, weil er geschlossen ist, sondern weil er offen ist, und eben diese Jungfräulichkeit – als Offenheit – kann man ihm nicht nehmen. Der Körper ist da, erfüllt die Stätte seiner Anwesenheit, ist areal, Ausdehnung, und ist in dieser Anwesenheit auch irgendwie abwesend, bei einem anderen, in seinen Sinnen und seinem Fühlen, ist immer in Kontakt und bricht selbst den Raum seiner Präsenz auf, ist immer Aufbruch und nicht Raum für sich, sondern Zwischen-Raum, ist – in gewissem Sinne und sinnlicher Gewissheit – wahnsinnig. „Der einzige Eingang des Körpers, der einzige Zugang, den er in jedem dieser Eingänge wieder aufgenommen hat, ist ein Ausbruch von Wahn. Körper, Corpus, corpus hoc ist ein unheilbarer Wahn. Keine Verwirrung, auch kein Delirieren, auch keine Manie, auch keine Melancholie, welche die ganz gewöhnlichen Formen des Wahns des »Geistes« sind. Sondern dieser stolze, hingestellte, gespannte Wahn, stets drohend mitten in der Gegenwärtigkeit, mitten im »Ich«, mitten im »Wir«, mitten im »Augenblick«. Diese grelle Öffnung mitten in der Besinnung, zur vollen Besinnung. Diese räumliche, nervöse Dichte, die sich im Herzen alles Eigenen verbreitet und sich nicht aneignen läßt, ohne sich zu lockern, ohne an sich zu ihrer eigenen Fremde zu werden, noch, ohne aus dem Sinn, aus ihrem Sinn etwas ganz anderes zu machen, eine Ausdehnung, ohne die Sinn wohl sinnhaft, aber niemals, nirgends Statt haben könnte. Man tritt durch diesen Wahn in den Körper und durch alle Eingänge des Körpers ein – und durch denjenigen [Wahn], welcher jeder Körper ist, hat man zu diesem Wahn [d.i. zu diesem Körper] Zugang.“ (S. 53)
Körperlicher Wahn, der nicht den pathologischen Wahnsinn des Geistes meint, sondern eine sinnliche Ekstase, Ekstase sinnlicher Gewissheit, eher einen apollinisch-dionysischen Wahn, der ausgreift und rührt, der berührt in seinem sich selbst Sein, der aus seiner Stätte hinaussteht und eben darin Statt hat, der in sich zurückgenommen sinnlichen und sinnvollen Kontakt hat und in seinem Kontakt dem Sinn überhaupt erst Raum, Statt gibt. Er ist keine Krise. „Er ist lediglich das unendlich Losgebundene und Gelöste des Statt-Habens, das an sich selbst gespannt ist. Er ist diese Opfergabe der Stätte.“ (S. 53) Und als diese Opfergabe ist er apokalyptisch, ist er selbst Offenbarung und Evidenz, die Evidenz des Körpers. „Kein Geheimnis des Körpers, das uns mitzuteilen, und kein geheimer Körper, der uns zu offenbaren wäre. Was »offenbar« wird, ist, daß die Körper sichtbarer als jede Offenbarung sind.“ (S. 53) Keine mystische Epopteia, kein autoerotischer Voyeurismus, der alle Kontakte und Bezüge, sich selbst eingeschlossen, aus einer ewigen, übersinnlichen Perspektive aufnimmt und in diesem Sehen seine Kontemplation der Abgehobenheit erreicht, seine eigentliche Metaphysis, sondern Körper, die existieren, sinnliche Körper, die Kontakt haben, die offen sind im Hinausstehen, im Wahn des Gelöst-Seins von ihrer Stätte, an der sie Statt haben, die ekstatisch und in ihrer Ekstase selbst Sinn sind, Sinn machen. Meine Hand schreibt, mein Ohr hört, mein Auge sieht an seiner Stätte, und ist von seiner Stätte losgelöst, ist offen und in seiner Öffnung in sich zurückgezogen, und in meinem Sehen, Hören, Fühlen, Denken, etc. bin ich nicht fort, nicht woanders, bin ich nicht ein anderer, der seinen Körper fühlt, sondern bin ich Exposition, Ekstase des Körpers, Kontakt, Öffnung, zurückgezogen, Aufbruch, Zwischenraum.
Der Sinn eines Wortes liegt nicht in seinem Wesen, der Sinn des Wortes Körper nicht unter seiner Oberfläche, unter seiner Ausdehnung, sondern in seinem Kontakt, der zugleich sein Abstand ist, in seinem Kontakt zu anderen Wörtern, die nicht gleich neben ihm, vor oder unter ihm stehen müssen, die irgendwo stehen können; wir können das Wort nicht durchdringen, um seinen metaphysischen Hintergrund zu durchleuchten, den einen, ewigen Sinn, aus dem das Wort hervorgegangen ist, den es ausdrücken und inkorporieren muss, ebenso wie man das Wort nicht von seinem Sinn trennen kann, den es in seinem Kontakt in seinem sinnlichen Kontakt hat, der sein Zwischenraum, seine Ekstase ist. Schreiben ist Entschreiben, ist das nach außen Schreiben, die Ausdehnung des Wortes, das sich von seiner Stätte, vom Raum seiner Ausdehnung, dem Raum, der in ihm ist, adressiert von seinem Da, Dasein, auf ein anderes, ein Da-Drüben, und wenn dieses Da-Drüben nicht Verweis auf eine Transzendenz, absoluter Verweis auf einen reinen Ort des Sinns ist, dann ist es die Distanz zwischen den Wörtern, jener Zwischenraum, Statt-Haben des Kontakts. Insofern ist die Ontologie Schrift – als modale Ontologie – als Modus der Ausdehnung und ekstatischen Kontaktaufnahme, Ontologie des Körpers, Entschreibung des Seins. „Nach draußen adressierte Existenz (da gibt es kein Anschreiben, keine Bestimmung; und dennoch (aber wie?) gibt es einen Empfänger: ich, du, wir, die Körper letztlich). Ex-istenz: die Körper sind das Existieren, der eigentliche Akt der Existenz, das Sein.“ (S. 22f)
Er ist diese Existenz als sinnlicher Körper, als Körper des Sinns, der nicht in einen Horizont eines absoluten Sinns verfügt, eingebettet ist, nicht die Inkorporation einer Transzendenz, Idealität des Sinns darstellt, sondern er ist Körper des Sinns, indem er „aufhört, sich auf sich zu verweisen und sich auf sich zu beziehen (auf die Idealität, die ihn zum »Sinn« macht) und sich auf dieser Grenze aufhebt, die seinen ureigensten Sinn aufhebt, die seinen ureigensten Sinn ausmacht und ihn als solchen exponiert. Der Körper des Sinns exponiert diese grundlegende »Schwebe« des Sinns (er exponiert die Existenz), die man ebenso gut den Einbruch nennen kann, welcher der Sinn eben in der Ordnung des »Sinns«, der »Bedeutungen« und der »Deutungen« ist. Der Körper exponiert, einfach und absolut, den Einbruch des Sinns, der die Existenz konstituiert.“ (S. 25f)
Dieser Sinn, Bezug, Kontakt, war immer die Sphinx der Metaphysik im Lichte der Ungewissheit. Evidenz der Körper aber keine Transparenz des Sinns, eigenartige Unfassbarkeit des Kontakts, die Anstoß gibt, Regeln zu suchen und zu finden, die auch das Unsagbare sagbar, vorhersehbar machen, Gesetze zu finden, Naturgesetze, Verstandesgesetze, Kategorien, Aussageformen, Urteilstafeln, Ursache-Wirkung, Attraktion, Repulsion, Trägheit, Schwerkraft, usw. „Das Thema des Unsagbaren dient stets als Anlaß eines höheren, gehobeneren, schweigsameren, erhabeneren Sprechens – einer Sage: eine reine Schatzkammer des Sinns, zu der Zugang hat, wer mit Gott verbunden ist.“ (S. 54)
So etwa die Sage von der reinen Vernunft, in der sie sich selbst sucht und findet, als übersinnlicher Sinn des Menschen, in einer Schrift, die den Körper mit all seinen Bedingungen und Möglichkeiten einschreibt in die Transzendenz dieser Vernunft, die Verfügung eines göttlich-apokalyptischen Regelwerkes. In dieser Sage gibt es Körper, Erscheinungen, darf ich auch selbst sinnlicher Körper sein, aber dieser Körper muss sich den Fragen, dem Prozess seiner Vernunft stellen, einem Tribunal, das ihn auf all seine Kontakte, auf die Intimität jeder sinnlichen Berührung untersucht, auf Gedeih und Verderb, einem Tribunal, das den Körper aufnimmt und annimmt mit Abstrichen, das ihn nicht verneint, aber auch nicht zur Gänze bejaht – ein metaphysisches „Ja, aber“: Ja, es gibt Sinne, ja, es gibt Kontakte, aber jeder sinnliche Kontakt, jede Empfindung, jede Erfahrung ist immer ein Urteil… Jeder Schmerz, jedes Gefühl, jedes Sehen, Hören, Schreiben, Denken ist immer Urteil – es gibt kein Nicht-Urteilen, und dieses Urteilen funktioniert nach bestimmten Regeln, für deren Funktion nicht wieder Regeln existieren können, die vor aller Erfahrung veranlagt, verfügt sein müssen, denn nur so kann alles in dem einen Punkt zusammenlaufen, der jeden Kontakt, jede Beziehung, jede Erfahrung zu meiner Erfahrung macht. Dieser Punkt heißt dann reine Apperzeption und ich bin ein nach den Regeln der Vernunft verfügtes, existierendes Wesen und die Vernunft macht mein Wesen aus und will sich in meinem Körper verwirklichen, und um sich selbst diese absolute Verwirklichung ermöglichen zu können, darf sie sogar die Forderung stellen, dass es einen Gott gibt, der ihr dieses Zu-sich-selbst-Kommen gewährleistet, bis in alle Ewigkeit… Sage von der reinen Vernunft und ihrer Verwirklichung.
Aber eben dieses Zentripetaldenken gilt es zu überwinden, in der Welt der Körper, die ihren Sinn nicht von einem Außen eingehaucht bekommen, von einem göttlichen, körperlosen Körper, der in der Welt der Körper seinen Sinn inkorporiert, denn „»Gott ist tot« bedeutet: Gott hat keinen Körper mehr. Die Welt ist nicht länger die Verräumlichung Gottes, noch die Verräumlichung in Gott: sie wird zur Welt der Körper. Die andere Welt löst sich auf wie der Körper des Todes, wie der Tod höchstpersönlich: Fäulnis, in der sich der Raum abschafft, reine Konzentration, Körpermehl, Körperlösung im lieblichen wimmelnden Unsagbaren dieser Sache, die in keiner Sprache einen Namen hat […] Der unbenannte Gott löst sich mit dieser unbenennbaren Sache auf: Er verschwindet in ihr, er erweist sich hier als tot und als der Tod höchstpersönlich, das heißt als kein Körper.“ Gott ist tot meint in diesem Sinne: Die Welt ist nicht mehr ausgerichtet, hat ihr Ziel und den Anspruch auf ihr Ziel verloren, das ihr die Metaphysik, Theologie immer gegeben haben als das Ankommen zu dem, woher aller Sinn stammt, als das zu Ende kommen der Sinnsuche, die Erlösung… Der Mensch, der die reinen Ideen schaut, der Mensch, der zu Gott aufsteigt, der Geist der aufsteigt (es ist immer der Geist), die Vernunft, die sich absolut verwirklicht, etc. Der allem Geschehen von außen Sinn gebende Sinn ist damit gestorben, verwest, dahingeschmolzen in der Offenbarung der Körper und den Kontakten, ihren Ekstasen – der Sinn zurück in die Welt gefallen, in eine – wenn Sinn immer göttlich ist – göttliche Welt oder eine Welt göttlicher Körper, in der sich Kontakte ereignen, in der die Körper in rhythmischer Ekstase Seelenkörper oder Körperseelen sind, Sinnkörper und sinnliche Körper, ein Corpus, wenn man will, in dem jeder Körper seinen Platz, seine Ausdehnung, sein Areal hat, aber irgendwie von dieser Stätte losgelöst ist, doch Zeichen, aber nicht Zeichen eines absolut anderen, nicht Abbild eines göttlichen Sinns, sondern Zeichen von sich, Existenz eines Ausgedehnten, das von sich aus mit anderen Kontakt hat, das andere Körper berührt, sinnlich sinnvoll losgelöst, ekstatisch, Sinn, der nicht mehr nach oben oder unten, in das Mysterium eines letzten Grundes weist, als die Bedingung des Sinns überhaupt, sondern Sinn ohne Eingang und Ausgang, als Zwischenraum, als die Körper…