Diskurs und Fragment im Spannungsfeld von Prä- und Postdramatik.
Performative Strategien zwischen Antike und Postmoderne

Tagung des Pro*Doc-Graduiertenprogramms  „Intermediale Ästhetik. Spiel – Ritual – Performanz“ (Universität Basel/Universität Bern)

Vom 6. Bis 8. Juli 2007

Ort: Universität Bern, Kuppelsaal des Universitätshauptgebäudes

Mit der Frage nach dem Zusammenhang von Teil und Ganzem, von Fragment und Totalität, sei das ‚Grundproblem jeder Ästhetik’ angesprochen - so formulierten es  bereits Mitte der 1980er Jahre Lucien Dällenbach und Christiaan L. Hart Nibbrig. Der französische Philosoph Jean-Luc Nancy fasst das Fragmentarische jenseits seiner traditionellen Bestimmung noch weiter, indem er zeigt, dass es jede Form der Kunst notwendigerweise mit dem Fragmentarischen zu tun hat, insofern sie kulturelle Normen und Diskurse zerteilt, unterbricht und verschiebt. Die in diesem Sinne per-formativen Künste fügen in die scheinbar vertrauten Wahrnehmungsformen und Sinnwelten ungewohnte Risse ein. Sie eröffnen Zwischenräume, in denen Verschiebungen des Gehörten, Gesehenen und Gefühlten möglich werden. Und im Sich-Ereignen solcher Intervalle scheint gleichzeitig dasjenige auf, was dominante Diskurse verschweigen müssen, um sich zu etablieren.

Das Fragmentarische betont daher das Unabgeschlossene. Dies gilt für postdramatische Theaterformen von René Pollesch bis Rimini Protokoll in ihrem Verhältnis zu hegemonialen Diskursen und findet zugleich seine Spuren in den so genannten prädramatischen Formen der antiken Tragödie. Deren ästhetische Praxis suspendiert, wie u.a. H. Th. Lehmann gezeigt hat, den geschlossenen Zusammenhang des Logos. Fragmente sind aufgrund der Überlieferungslage gerade für die griechische Antike charakteristisch, insbesondere im Bereich des Dramas und der Lyrik. Das Fragmentarische im griechischen Theater und Gedicht ist jedoch weniger strukturierende Geste als vielmehr nachträglicher und zufallsbedingter Textbefund. [den nachfolgenden Satz habe ich (als interessierter Laie)  nicht ganz verstanden, wirklich nicht: könntet Ihr das nochmals formulieren und ggf. kürzer, plakativer formulieren: …Umgekehrt wird die ganz andere, zum Teil auch rituell–ikonische Poietik eines Dichters als ‘Schaffers’ (poietês) der Performance durchaus sekundär – unter anderem von der Tradierungssituation her – mit den Kategorien des Fragmentarischen in einen Zusammenhang gebracht, was sich in modernen Inszenierungen und Lektüren niederschlagen kann. Denn gerade hier fokussiert man immer punktuell und hat nie das Kontinuum einer völlig abgeschlossenen Handlung im Blickfeld. ] Zudem können in der mit Pathos und dionysischer Ekstase verbundenen Tragödie wahnsinnige oder in extremem Leid befindliche Figuren in der Tat in nahezu fragmentarischer Weise sprechen.

Vor diesem Horizont wird die künstlerische Praxis zum Zeichen des produktiven Einspruchs, der das im Diskurs Unsichtbare und Unerhörte stets mitreflektiert und als Ort der kritischen Auseinandersetzung markiert. Kunst wird zum Intermedium, zur medialen „Dazwischenkunft“ (G.C. Tholen), welche Fremderfahrung in der Selbsterfahrung freisetzt. Sowohl antike Texte als auch zeitgenössische Theaterpraktiken sind in diesem Sinne
per-formativ. Die Tagung fragt daher nach den intermedialen Strategien der Künste,  nach der Rolle von Körper, Stimme(n) und dem theatralen Einbezug von (Bild-) Medien?

Fragen und Aspekte der Tagung sind daher u.a.:

- Welches sind die zerbrochenen Zusammenhänge, in deren Rissen oder Zäsuren sich Intervalle auftun?

- Welche Rolle spielen (Wahrnehmungs-)Reste, übrig geblieben Fragmente, die das ruhige Sehfeld des Auges zu stören?

- Strategien des Unabgeschlossenen (Seriellen), Unfertigen in der Kunst

- Welche Rolle spielen Komik und Lachen als Resultat einer „Kollision des Heterogenen“ (Nancy, Lacoue-Labarthe)

- die Bildmaschinerie des Theaters und ihr Verhältnis zur Körperlichkeit der Darsteller

-  Körperlichkeit in der Komödie und im antiken Satyrspiel

- Fragmentiertes, „wahnsinniges“ Sprechen

- das Fragmentarische als ästhetisches Prinzip in der Lyrik

- Theatralisierungsprozesse in anderen hybriden Medienkünsten wie z. B. dem Hörspiel, der Oper usw.

-  Re-Lektüre antiker Texte im Hinblick auf ihr performatives/intermediales Potential

- aktuelle Inszenierungen antiker Texte

- Inszenierungen von Dramenfragmenten als Versuch, verlorene Zusammenhänge wieder herzustellen?

- Metapher und „iconic poetics“ im Theater