Birgit Mennel und Markus Mittmansgruber

Phänomenologie des Raumes – Jean Luc Nancy: Corpus
 

Beginnen möchten wir damit (wobei ein definierter Beginn bei einem Buch wie Corpus, das eigentlich weder beginnt noch endet, sehr schwer ist), was Gilles Deleuze mit Nancy und mit Nietzsche und einigen anderen einen Körper nennt: Der Körper wird bei Deleuze vom Begriff der „Kraft“ her gedacht, oder besser: vom Plural dieses Begriffs her: „Das Objekt selbst ist Kraft, ist Ausdruck einer Kraft. Deshalb gerade besteht eine mehr oder weniger starke Affinität zwischen Objekt und der Kraft, die sich seiner bemächtigt. Es gibt kein Objekt (kein Phänomen), das nicht schon in Besitz genommen worden wäre, da es doch an sich selbst keine Erscheinung, sondern das Auftreten einer Kraft ist. Folglich steht jede Kraft in einem wesentlichen Verhältnis zu einer anderen Kraft.“ (G. Deleuze, Nietzsche und die Philosophie, S. 10)
 

Auch für Nancy besteht jeder Körper aus Kräften, ist jeder Körper ein Kräftefeld, zusammengesetzt, „aufgespannt“, wie er schreibt, aus und zwischen differenten Energien. Diese sind nie nur „Für-Sich“, autark, isoliert, also reine Immanenz, sondern immer in kartographischen Verhältnissen, in Beziehungen und Ge-flechten, d.h. nie statisch, sondern spannend, vibrierend, rhythmisch, kurz: in Bewegung. Das führt uns zu Deleuze und seiner Lesart von Spinoza:
„Er [Spinoza] definiert jeden Körper auf zwei Arten gleichzeitig. Einerseits enthält ein Körper, so klein er auch sei, immer unendlich viele Teilchen: die Verhältnisse von Ruhe und Bewegung, Schnelligkeit und Langsamkeit zwischen Teilchen, die einen Körper in seiner Individualität definieren. Andererseits affiziert ein Körper andere Körper oder wird von anderen Körpern affiziert: diese Macht zu affizieren und affiziert zu werden definiert ebenfalls einen Körper in seiner Individualität.“ (G. Deleuze, Spinoza. Praktische Philosophie, S. 160) Die Aufmerksamkeit von Deleuze gilt hier also vor allem den „Empfänglichkeiten“ von Körpern, dem körperlichen Potential des Angehens und Angegangen-Werdens.
 

Nancy geht es ebenfalls um dieses Berühren und Berührt-Werden (toucher), wenn er vom „genießenden Körper“, vom Körper im Genuss schreibt. Allerdings in einer Art wechselseitiger Gleichzeitigkeit, in einem Chiasmus dieser beiden Modi:
„Der Körper im Genuß wird von sich erregt, insofern als dieses Sich genossen wird (als genießen/genossen werden, berühren/berührt werden, Raum schaffen/verräumlicht werden hier das Wesen des Seins bilden). Durch und durch ausgedehntes Sich in der Ankunft, im Kommen und Gehen zur Welt.“ (Corpus, S. 102)
 

Der ek-sistierende Körper ist demnach ausgedehnte Öffnung, und er bezieht sich notwendigerweise immer sowohl auf sich als auch auf andere, auf andere Körper. Man kann diese Stelle aus Corpus vielleicht simultan zum einen als Hinweis auf das relationale Gestimmt-Sein des Körpers lesen, und zum anderen kann man darin eine Skizze einer quasi-automatischen Selbstaffektion des Körpers sehen (d.h. der Körper wird von sich erregt, weil er selbst von anderen genossen, berührt, gereizt wird – die Berührung durch den Anderen und seine Berührung des Anderen erregt ihn. Der Körper genießt diese wechselseitige Berührung und dieser Genuss erregt ihn wiederum – der Körper im Genuss genießt, und dieser Genuss wird verstärkt, da er sich selbst in und an der Erregung seines Genusses erregt). Kurz: Nur im und durch den Chiasmus von „Genießen und Genossen-Werden“, „Berühren und Berührt-Werden“ (von sich und von anderen) erlebt der Körper sich und die Welt.
 

Mit-einander-Sein: Das Sein hat seinen Ort nicht im je-meinigen Dasein, sondern im „Mit“ der Mitteilung, im miteinander sprechen. Sein, Zwischen und Mit bedeutet dasselbe, sagt Nancy. Die Mitteilung verweist also auf die Mitteilbarkeit als solche, sie verweist auf das, was im Sprechen mitgeteilt wird und was man das Unsagbare nennen könnte; es verweist auf das, was in der Öffnung des Mit zirkuliert und neue Sinnhorizonte eröffnet. Da dieses Mit nicht substantiell fixierbar ist, liegt im Mit-einander-Sein auch die Möglichkeit zur Veränderung.

In Bezug auf die Sprache lässt sich ähnliches bei Paolo Virno finden, der im Rückgriff auf die Individuationstheorien von Simondon und Scotus, und im Hinblick auf die gegenwärtige Ausbeutung der sprachlichen, intellektuellen Fähigkeiten festhält, dass „die kognitive ArbeiterIn […] in ihrer kontingenten Singularität das „Zwischen“, in dem die Beziehungen zwischen den kognitiven ArbeiterInnen sich entfalten [widerspiegelt]“. Denn jeder Individuierungsprozess bleibt zwangsläufig unabgeschlossen und prozesshaft aufgrund einer unhintergehbaren trans- und präindividuellen Realität. (P. Virno, Eine Grammatik der Multitude, Turia+Kant, Wien, 2006, S. 187)Doch zurück zu Nancy. Bevor die Sprache Wort, Einzelsprache, Verbalität oder Bedeutung wird, ist sie die Erweiterung und die Simultaneität des Mit. Insofern die eigentliche Kraft eines Körpers in dessen Eigenschaft besteht, einen anderen Körper zu berühren (oder sich zu berühren).Nancys konsequentes Denken des Mit-einander-Seins ist es auch, das ihn zu Marx führt. Nicht zu dem Marx des Klassenkampfes als Motor der Geschichte, sondern zu jenem Marx, bei dem „Kommunismus eine ontologische Aussage ist“ (J.-L. Nancy, „Das gemeinsame Erscheinen“ in: J. Vogl (Hg.), Gemeinschaften, Frankfurt/M, Suhrkamp, 1994, S. 176): „Indem das menschliche Wesen, das wahre Gemeinwesen der Menschen, so schaffen, produzieren die Menschen durch Betätigung ihres Wesens das menschliche Gemeinwesen, das gesellschaftliche Wesen, welches keine abstrakt-allgemeine Macht gegenüber dem einzelnen Individuum ist, sondern das Wesen eines Individuums, seine eigne Tätigkeit, sein eignes Leben, sein eigner Geist, sein eigner Reichtum ist […]. Es ist daher ein identischer Satz, dass der Mensch sich selbst entfremdet, und dass die Gesellschaft dieses entfremdeten Menschen die Karikatur seines wirklichen Gemeinwesens, seines wahren Gattungslebens ist.“ (K. Marx, Aus den Exzerptheften, MEGA I, S. 536, zit. nach: J.-L. Nancy, singulär plural sein, S. 17)

Wenn nun Individuum nicht das Unteilbare ist, sondern vielmehr das permanente In-Dividuieren des Singulären, und man sich klar macht, dass niemand alleine existiert, dass es eine Existenz von mehreren gibt, so heißt das wiederum laut Nancy, dass prinzipiell die Multitude existiert. (Gespräch mit J.-L. Nancy, „Die Unerträglichkeit des Undarstellbaren“ in: M. Ryklin, Dekonstruktion und Destruktion, Diaphanes, Zürich-Berlin, 2006, S. 124) Der Begriff der Multitude wurde im 17. Jahrhundert von Spinoza als Gegenbegriff zu jenem des Volkes entwickelt und ist ein verworfener Begriff aus der Geschichte der politischen Philosophie. Gegenwärtig wird er in postoperaistischen Kontexten (A. Negri/M. Hardt, P. Virno) erneut aufgegriffen und fungiert als Gegenbegriff zu repräsentationistisch gedachten Politikkonzepten. (Eine Ausformulierung dessen, was unter Multitude zu verstehen sein könnte, findet sich in: P. Virno, Eine Grammatik der Multitude.)Folgt man Nancy, so ist mit der Multitude immer schon ein „Wägen“ am Werk – ein Begriff, den Nancy an der Schnittstelle zwischen Körper und Sinn ansiedelt. Die Multitude, verstanden als Praxis, eröffnet und verräumlicht jedes Mal aufs Neue (nicht zeitlich, sondern raum-zeitlich) in und durch die Mitteilung jenen Zwischenraum, in dem Sinn statt hat und der in diesem Zwischen zirkulieren kann.
„Die Körper kommen, um sich gegeneinander zu wiegen: Das ist die Welt [monde]. […] Zwar ist dies keine Sache des „Wissens“: Dies ist eine Sache des Körpers, der ins Wägen gerät, der zu Wägen gibt und nimmt. Dies ist nicht der „Ursprung des Sinns“, denn Sinn ist ohne Ursprung, denn das ist eben der „Sinn“, das Ohne-Ursprung-Sein, das Ausgedehnt-Sein-Kommen, das Geschaffen-sein oder das Wiegen.“ (Corpus, S. 82f) Und das ist „der Sinn von Welt“ (wobei es sich nicht um den einen Sinn der Welt handelt), der im Körper, im Mit-Einander der Körper in diesen implodiert und sie so verändert.
 

Durch den Begriff des „Gewichts“, durch das „Wägen“ und das „Wiegen“, das jeder in-der-Welt-seiende Körper ständig automatisch in seinem Denken, in seinem Körper-Denken (d.h. ohne Wissen) vollzieht, kann Nancy jenen Schrägstrich zwischen diesen Differenzen ins Spiel bringen, also z.B. bei „berühren/berührt werden“. Dieser Schrägstrich drückt eine weitere Dimension des Körpers aus, die über die von Deleuze mit Spinoza vorgezeichneten hinausgeht bzw. sich in sie einschreibt: Er drückt gleichzeitig ihre Parallelität aus (nämlich die parallele Wertigkeit des Berührens und Berührt-Werdens, oder des Affizierens und Affiziert-Werdens, ohne Hierarchisierung oder Bevorzugung des einen vor dem anderen), und er verweist auf jenen Zwischen-Raum – d.h. auf den Raum zwischen „meinem“ Körper und mir und zwischen „meinem“ und anderen Körpern –, in dem Sinn zirkulieren kann. Der Sinn, das Unkörperliche des Sinns „touchiert“ den Körper, verleiht ihm eine Note, einen Tonfall (von Fall zu Fall) (vgl. dazu Stefan Nowotny, Touche, http://www.wuk.at/sonnenschein/docutouche.htm).
 Im ständigen „Wiegen“ und „Abwägen“ wird so dieser Zwischen-Raum performativ durchquert, die anderen Körper und „meiner“ werden ständig gemeinsam auf die Waagschale gelegt, genauer: sie „touchieren“ einander auf dieser Waage. Dieses Messen des Gewichts, oder besser gesagt: der Differenzen dieser Gewichte (denn es kann kein absolutes „Gleichgewicht“ geben), ist aufs engste verknüpft mit dem Begriff „Zug“; d.h. mit der „Anziehung“ und der „Abstoßung“ in Hinblick auf die jeweilige „Schwere/Leichte“ und der jeweiligen „Schwerkraft“ eines Körpers. Ist ein Körper „schwer“, hat er viel „Schwerkraft“, so tendiert er zum Absorbieren, zum „Anziehen“, zur Konzentration (bis zur Implosion, zur Monade oder zum schwarzen Loch). Ist ein Körper „leicht“, so neigt er eher zur Explosion, zur Ausdehnung, zur eigenen Abstoßung, hinein in den Um-Raum. (Darum gibt es für Nancy in dem Sinne auch keine „Schwerkörper“, sondern zu allererst einmal Leichtkörper, Leuchtkörper, „Sterne“). Dazu kommt, dass sich manche Körper anziehen, manche sich magnetisch abstoßen – was wohl auch von der Feinheit und der Sensibilität der individuellen, singulären „Körper-Waage“ abhängt.
 
Dabei könnte man den Begriff „Wiegen“ und besonders Nancys „Wiegen des Seins im Denken“ auch noch anders deuten; nicht als „Waage“, auf der Gewichte gewogen werden, sondern als „Wiege“, d.h. als Herkunft, Ursprung, als den Vater – vielleicht sogar des Seins? Mit Nancy müssen wir diese Deutung zurückweisen, denn für ihn ist das Denken-im-Körper, jene Logik des Körpers „Setzung ohne Voraussetzung“, Exposition, d.h. Ausdehnung, eine Verortung des Seins, Stätte des Seins. Das Da-Sein kann somit nicht der Ursprung bzw. die Wiege des Seins sein, sondern es gibt vielmehr dem Sein einen Lokus, einen Ort, eine zerteilte Position (ein quantum) – auf disseminative und disseminierende Art und Weise, um mit Derrida zu sprechen; also ohne Vater, ohne Ursprung, ausstreuend und zerstreut, Stätte-gebend im Mit-ein-ander der Da-sein.
 

 

Körper sind also Orte im Sinne des Raumes, nicht Dinge unter anderen Dingen, nicht reine Position, sondern Disposition, Verräumlichung der Existenz und damit Ko-existenz. Wenn nun das Mit des Miteinander nicht substantiell fixierbar ist und es sich um eine Politik der Körper handeln soll, so müsste diese Politik ausgehend von der Dis-Position, der Verräumlichung der Existenzen gedacht werden, und nicht von ihrer Komposition her. Als das politisch Ausgedehnte, „nahe daran, keine gemeinsame Annahme mehr zu haben, sondern nur noch das Zwischen-uns unserer Bahnen, die partes extra partes sind.“ (Corpus, S. 79) Dies könnte dann die Möglichkeit zur „Wiedereröffnung des vom Kapital kontaminierten Raumes sein“, wenn Kapital bedeutet: „System der Über-Bezeichnung der Körper“. (ebd., S. 95)
 

Wahrscheinlich ist Corpus letztendlich der Versuch, eine Topolitologie der Körper zu entwerfen, um damit eine Jenseitigkeit zu öffnen, jenseits der Differenzen bezeichnet/bezeichnend, angehen/angegangen werden, touchieren/touchiert werden, auflesen/aufgelesen werden, aktiv/passiv. Denn wenn Nancy (von) „Entschreibung“ schreibt, dann meint er damit, so glauben wir, eine Äußerung des Körpers jenseits dieser Unterscheidungen. Eine Art Sprach-, Schreib-, Äußerungsmodus, den wir vielleicht mit Derrida eine „reine Adresse am Rand des Schweigens“ (J. Derrida, Wie nicht sprechen, S. 110) nennen können – eine „reine Antwort“, wie es laut Derrida z.B. auch das Wesen des Gebets ist (und für Nancy z.B. das Schreiben, die excriture).
 

Das Gebet ist zwar adressiert, ist affirmativ, bestimmt aber seinen Referenten (also Gott) nicht in einem identifizierenden und darin stets auch gewalttätigen Akt. Denn in einer eigentümlichen Bewegung spricht das Gebet, wie Peter Zeillinger in seinem Buch Nachträgliches Denken schreibt, „nicht von, sondern zu.“ Das heißt, dass im Gebet und auch in der „Entschreibung“ ein Körper nicht bezeichnet, markiert, gesetzt wird, sondern dass sich darin – im Gebet – etwas rein adressiert, ohne am Empfänger Kategorisierungen oder fixierende Identifizierungen vorzunehmen. Dabei wissen sowohl Nancy als auch Derrida von der notwendigen Unmöglichkeit dieser reinen Bewegung oder der reinen Erfahrung des Gebets bzw. der Entschreibung, welche diese erst möglich und nötig macht.
Am Ende von „Wie nicht sprechen“ schreibt Derrida: „Vielleicht gäbe es gar nicht die reine Möglichkeit des Gebetes ohne dieses, was wir als eine Bedrohung oder eine Kontamination erahnen: die Schrift, der Code, die Wiederholung, die Analogie oder die – zumindest augenfällige – Vielfältigkeit der Adressen, die Initiation. Wenn es eine rein reine [sic] Erfahrung des Gebetes gäbe, brauchte man dann noch die Religion und die Theologien, die affirmativen oder die negativen?“ (J. Derrida, Wie nicht sprechen, S. 111)
Und bei Nancy heißt es: „Im Grunde kennen und verstehen wir nur den bezeichnenden Körper, wir können ihn uns nur so vorstellen.“ (Corpus S. 61) So können wir dann auch fragen: Wenn dem nicht so wäre – bräuchten wir dann noch Philosophie, und bräuchten wir dann noch die Künste, die den Körper thematisieren?
 

In Corpus heißt es: „Der Körper äußert, und er äußert sich, indem er sich als Geäußertes (und als Äußerung) zurückhält. Sinn der Zurückweisung-des-Sinns.“ (ebd., S. 98) Vom Körper selbst können wir keine Botschaft erwarten, keine Offenlegung, keine Offenbarung seiner „realen“ Bedeutung, seines Sinns an sich. Und doch schweigt er nicht, ist nicht stumm – allerdings spricht er auch nicht. Er weist einen, d.h. seinen definierten, definitiven Sinn zurück, indem er den Sinn ankündigt, indem er ihm eine Stätte gibt, wo dieser passieren kann (z.B. als Sprache, als Geste).
 Was meint nun etwa Antonio Negri, wenn er schreibt, „dass die Multitude ihre „materia prima“ im Fleisch hat“? (A. Negri, „Eine ontologische Definition der Multitude“ in: T. Atzert/J. Müller (Hg.), Kritik der Weltordnung, ID-Verlag, Berlin, 2003, S. 115) Bei Merleau-Ponty verweist ja der Begriff des Fleisches auf nichts anderes als auf „die Generalität des Empfindbaren“.Und spürt man dem Motiv des Fleisches in Corpus nach, so findet man es an verschiedenen Stellen wieder – jedoch stets begleitet vom Hinweis auf den Bedeutungszusammenhang des unter uns weilenden Fleisch gewordenen Gottes, wie im Johannes-Evangelium verkündet. Ein weiterer christlicher Bedeutungszusammenhang, gegen den Nancy anschreibt, ist die Sündhaftigkeit des Fleisches, durch Paulus im 2. Korintherbrief begründet: „Damit ich mich wegen der einzigartigen Offenbarungen nicht überhebe, wurde mir ein Stachel ins Fleisch gestoßen […], ein Bote Satans, damit ich mich nicht überhebe.“

Nancy weist den Begriff des Fleisches zurück, da „[…] diese Welt den Körper eines Sinns [verlangt], der nicht die Bedeutung des Körpers vorgibt und ihn noch weniger auf sein eigenes Zeichen und das vollendete Wesen aller Onto-Theologien reduziert,“ (Corpus, S. 76) die letztlich Welt und das was sie konstituiert auf den einen außerweltlichen Sinn bezieht. Ein weiteres Problem, vom Begriff des Fleisches auszugehen, wenn es sich um eine Politik der Körper handeln soll, wäre wohl das, was einem Text des Wiener Philosophen Stefan Nowotny zu entnehmen ist; dass Merleau-Ponty den Ausdruck (in diesem Fall das Fleisch) als Garanten dafür sieht, die „Enthüllung“ der körperlichen Existenz in der Sprache zu gewährleisten. (S. Nowotny, Touche, http://www.wuk.at/sonnenschein/docutouche.htm) Der Körper aber, so Nancy, äußert jenseits der Sprache. Und das ist jener Teil, der entschreibt. (vgl. Corpus, S. 98) Es wäre damit nicht möglich, jene Verräumlichung der Körper zu bezeichnen, sie mit einem sprachlichen Ausdruck zu überlagern.
 
Der Körper ist „Schema ohne Bedeutung“ (ebd., S. 99), eine energetische, deterritoriale Position, allerdings keine prä-ontologische Leerstelle, die dann erst gefüllt oder ausgestattet wird mit diesen oder jenen Kräften, auch keine nachfolgende. Der Körper ist vielmehr als Exposition ein Kräftefeld mit der Möglichkeit zum Ereignis, ein Da, wo Sinn, wo der Würfelwurf des Zufalls stattfinden, statthaben kann.
 

Der Körper äußert, und er äußert sich, indem er sich als Geäußertes (und als Äußerung) zurückhält.“ (ebd., S. 98) Bei diesem Satz ist uns eine gewisse Überschneidung aufgefallen mit dem, was Derrida über „die Hand“, über „die Hände“ sagt: Diese Körper-Teile äußern zwar, in der Geste, im Berühren etc., aber sie entziehen sich mir und meinem Körper, sie halten ihren Sinn zurück, sie sind für mich nicht wahrnehmbar und damit auch nicht identifizierbar, sie führen fast ein unkontrollierbares Eigenleben, dessen Sinn oder Bedeutung sie immer schon zurückweisen.
Wenn Nancy also von einer Zurückhaltung des Sinns beim Körper spricht oder schreibt, dass der Körper „gleich dem reinen Zeichen-von-sich [ist], nur daß er weder Zeichen noch Sich [Soi] ist“ (ebd., S. 102), dann könnte das vielleicht so verstanden werden, dass sich jede „Äußerung“ des Körpers immer dem sprachlichen Ausdruck, der diese „körperliche Äußerung“ lediglich überlagert, entzieht. Sprache und Bezeichnung sind immer schon eingeschrieben in Sinnformationen.
 

Sage ich z.B. „Volk“, so kann dies zumindest in drei verschiedenen Bedeutungen verstanden werden: erstens in der Bedeutung des revolutionären Frankreichs von 1789, das den politisch ausgeschlossenen und aufbegehrenden dritten Stand bezeichnete; zweitens in der völkischen Bedeutung als nationalistisch-reformistisch, rassenideologisch geprägte Protestbewegung der Zeit von 1900 bis zu ihrer Hochblüte im Nationalsozialismus; oder drittens als Volk, das wiederum in eine dreifache Sinnformation eingeschrieben ist: Nation, Kultur, StaatsbürgerInnenschaft. All diesen Sinnformationen stehen Sans-Papiers und MigrantInnen gegenüber. Diese sind durch die einschließende Ausschließung der nationalstaatlichen Regime, der Grenzregime, durch die immer restriktiver werdenden Migrations- und StaatsbürgerInnenschafts- bzw. Fremdengesetze und durch die vorherrschenden Sinnformationen sowohl ihres Bleiberechts wie auch ihrer Bewegungsfreiheit und ihrer Orte beraubt. Wie ließe sich also auf der Ebene des Diskurses eine Sinnebene denken, die die Möglichkeit zur Entschreibung bietet?

Entschreibung verstanden als Suche, nicht als Zurück zu einer authentischen, reinen Sprache, sondern als jene Suche nach Möglichkeiten innerhalb der Sprachen, um die stattfindende Entfremdung zu ent-entfremden, oder wie Henri Michaux schreibt: „Zeichen, die es erlauben würden, anders offen zu sein für die Welt, die eine andere Funktion des Menschen erschaffen und entwickeln würden, in dem sie ihn der Entfremdung entfremdeten.“ (H. Michaux, Von Sprachen und Schriften, S. 12).

Nancy plädiert auch für die Erfindung neuer Techniken, neuer Künste und Ästhetiken des Statt-Habens oder Statt-Gebens von Sinn. „Aisthesis“, im ursprünglichen Sinn des Wortes verstanden, meint ganz allgemein die „Wahrnehmung“. Und Nancy zieht zur Verdeutlichung ein Beispiel aus der Musik, den Rock heran: Diesen nennt er auch „Lärm“, denn „zuerst [handelt] es sich um ein Hintergrundgeräusch“ (Corpus, S. 99) Der Körper, unsere Körper haben erst ein Ohr, ein Gehör, d.h. eine besondere Wahrnehmung für diese Musikart, für diesen Klangkörper entwickeln müssen. Dieser entzog sich wohl quasi am Anfang dem Ohr (er ging im Labyrinth des Ohrs verloren), weil ihm jegliche retentionale Bezugs- und Anhaltspunkte fehlten – die Formen der Rockmusik waren un-gewohnt, sie ergaben „keinen (sozialen, gemeinschaftlichen, sentimentalen, metaphysischen) Sinn mehr“ (ebd.), wie Nancy schreibt. Kurz: Sie lärmten „unsinnig“. Die Körper konnten anfangs diese Musik nur schwer synthetisieren und aufnehmen. Sie affizierte zwar, war aber schwer zu verdauen. Erst im Umgang mit diesem ungewohnten Klangkörper lernten die Körper zu hören, sie erfanden und erfinden Techniken des Zuhörens.
 

Nach Nancy müssten die Künste selbst neu erschaffen werden, nämlich als die techné der Erschaffung der Körper – die Künste als Grenzgänge des Sinns, als das In-Berührung-Bringen der Gewohnheiten mit dem Ungewohnten, als Techniken zu modifizierten, veränderten Ästhetiken und zur Auslotung der Möglichkeiten der Körper-Stätten.
 

Diese schöpferische techné könnte auch als „techné des Regierens“ verstanden werden, als „operatives Kräfteverhältnis“ (Stefan Nowotny), das sich – wie Foucault dies ausführt – „durch einen Handlungsmodus definiert, der nicht direkt und unmittelbar auf die anderen einwirkt, sondern auf deren eigene Handlung“ (zit. nach: S. Nowotny, „Der lebendige Körper der Macht und die Stimmen des Lebens“ in: S. Nowotny/M. Staudigl (Hg.), Perspektiven des Lebensbegriffs, Olms, Hildesheim, 2005, S. 322).