Elisabeth Schäfer

Der Sinn der Berührung – Vom Tanzen der Buchstaben auf der äußersten Schwelle der Haut

Pro/visorisches zu einer entstehenden Arbeit

„… aber ich kenne kein Schreiben, das nicht berührt.“ (i)

Fragen im Vorfeld

Wenn wir von einem Wort berührt werden, wie berührt es uns? Wenn wir von einer Hand berührt werden, wie berührt sie uns? Und wenn wir etwas mit einem Wort berühren, mit einem Satz, mit einer Frage, wie berühren wir es? Und wenn wir mit der Hand einen Körper berühren, wie berühren wir? Vom Sinn der Berührung soll die Arbeit handeln, die ich in folgendem kurzen und vorläufigen Text vorstellen möchte.

„On touching“ – so könnte das „Programm“ provisorisch genannt werden, mit dem ich mich Jean-Luc Nancys Text „Corpus“ zuzuwenden versuche. Dabei habe ich Jacques Derrida an der Seite mit seiner Lektüre (ii), und folge ihr streckenweise. Um jedoch am Ort des Körpers eine Wende zu machen und mit Nancy weiterzugehen: „Der Körper ist weder ‚bezeichnend’ noch ‚bezeichnet’.“ So beschreibt Nancy seine Wende (iii).

Kern und Herz der Arbeit soll es werden, dem Nancy’schen Konzept des „Entschreibens“/„den Körper schreiben“ volle Aufmerksamkeit zu schenken und das Schreiben als Entschreiben des Körpers zu denken. (Ich tendiere dazu, den französischen Begriff „excrire“/„écrire“ anstatt der deutschen Übersetzung „entschreiben“ zu verwenden).

Der Struktur zweier Größen, die einander nicht gleichen und nicht mit dem gleichen Maß gemessen werden können, die dennoch in einer Beziehung, Anbindung und Bezogenheit zueinander sind, dieser Inkommensurabilität möchte ich im Fokus der Berührung den Raum öffnen, ihr Spiel zu beschreiben. „Es geschieht vielleicht nicht direkt in der Schrift, falls diese ein ‚Innen’ hat. Aber am Rand, an der Grenze, an der Spitze, am äußersten Rand der Schrift geschieht nur das. Der Schrift widerfährt also nie etwas anderes, falls ihr überhaupt etwas widerfährt, als zu berühren.“ So beschreibt Nancy die Schwelle (iv) – wie ich den „äußersten Rand“ nennen möchte – an der die Schrift immer berühren muss. „Genauer: den Körper (oder vielmehr diesen und jenen einzelnen Körper) mit dem Unkörperlichen ‚des Sinns’ zu berühren.“ (v)
Die Schwelle nenne ich den Ort, wo die Schrift in ihre Unlesbarkeit mündet: im Körper und wo der Körper in seine Unkörperlichkeit mündet: in der Schrift. Die Schwelle als Grundlage eines Gebäudes korrespondiert mit Nancys Bild vom Körper als „Archi-Tektonik des Sinns“ (vi) . Als immer wieder Überschrittene, als Markierung des Eingangs und Ausgangs, ist sie Grenze, Rand, das Innere des Äußeren und das Äußere des Inneren. Zugleich ist die Schwelle „Balken zum Hemmen des Wassers“ (vii) ihrer Etymologie nach, ihr Ort ist am Rand eines Anschwellens, Ausdehnens. Noch einmal Nancy: „[Der Körper, E.S.] ist exponierend/exponiert: *ausgedehnt, Ausdehnung des Einbruchs der die Existenz ist. Ausdehnung des Da, der Stätte des Einbruchs, […]“ (viii)
Wo der Körper sich äußerst exponiert und zurückzieht, wo er sich öffnet oder besser gesagt: immer schon offen ist, wo die Poren die Schwellen sind, ist die Haut eine Oberfläche, die in die Tiefe leitet und aus ihr heraus an die Oberfläche leitet. Die Haut ist es, wo sich die Bezogenheit abspielt, wo die Sehnsucht einer Haut nach einer (anderen) Haut oder der Schmerz einer Haut an einer Haut sichtbar Spuren hinterlässt, Zeichen zeitigt und der Körper ins Sprechen kommt. Den „Sinn der Haut“ sehe ich in allen Sinnen zugrunde gelegt, an deren Membranen sich die verschiedenen Sensationen ereignen: das Sehen der Augen, das Hören der Ohren, das Schmecken und Tasten des Mundes und das Riechen der Nase. An der Schwelle einer wie auch immer gearteten Haut kommt immer etwas an und von ihr geht immer etwas aus. Eine Welle, die immer kommt und geht. Eine stehende Welle. „Das Entgegen-Stehen berührt. Dieser Körper, dieser Zug, diese Zone dieses Körpers berührt mich (berührt ‚meinen’ Körper). Das gefällt oder mißfällt mir, das widerstrebt mir oder nicht, das treibt mich um oder nicht, das sticht mir ins Auge oder läßt mich gleichgültig, das erregt mich oder widert mich an. Doch Das wird immer von weiter her gekommen sein als alles andere des Anderen. Das wird im Kommen selbst des Anderen gekommen sein.“ (ix)
Im Kommen des Anderen/der Anderen – die immer schon da sind, also im Kommen – findet eine Weckung statt, eine Weckung zur Welt/zu sein. Berührung soll als eine Weckung gedacht werden, als ein Wach-Werden, das zugleich nicht vollkommen klar sehen kann (beim Wach-Werden denken wir sofort an das Augen-Öffnen), da die Berührung selbst dunkel bleibt. Da bleibt ein blinder Fleck in der Berührung. Etwas Blindes in der Weise zur Welt zu sein.

Die spanische Philosophin María Zambrano schreibt in Waldlichtungen unter dem Titel „Methode“: „Man muß oben schlafen, im Licht. Man muß wach sein unten in der innerirdischen, innerkörperlichen Dunkelheit der verschiedenen Körper, die der irdische Mensch bewohnt: den der Erde, den des Universums, seinen eigenen.“ (x) María Zambranos Konzept einer „razón poetica“, einer dichterischen Vernunft, soll in einem zweiten Teil besprochen werden und Handreichung sein über den Körper der Künstlerin, insbesondere der Schriftstellerin nachzudenken und in ausgewählten Texten nach ihren Körpern, Spuren von Körpern zu suchen, danach zu suchen: wo die Körper wach sind im Text und wo sie sprechen.
Schreiben ist nicht nur so tun „als ob“ eine Haut berührt würde. Schreiben ist das Berühren einer Haut auf der äußersten Schwelle wo Sinn in Sinn springt, die Buchstaben tanzen und das Wort eine Haut hat.

Das „Als-Ob“ als regulative Idee wie es von Kant her gedacht ist und in der Phänomenologie als schematischer Horizont entworfen wird, als Horizont, Limes oder Offenheit, wo sich etwas zeigt, von wo her die Gegenstände/Körper sich vergegenständlichen, soll zu einem philosophiegeschichtlichen Durchlauf verhelfen.
Eine Wende im Denken der regulativen Idee sehe ich bei Nietzsche, Foucault und Butler gegeben. Die ersten Passagen in Judith Butlers Körper von Gewicht verweisen deutlich darauf, dass die regulative Idee nun als dasjenige gedacht wird, von dem her die Form und Materie eines Körpers reguliert wird. Wo Körper konfiguriert werden. Dies möchte ich mit einer Lesart Arno Böhlers von Aristoteles her darstellen. Böhler sieht im aristotelischen Denken des Begriffs, der eine Form hervorbringt, dieses Denken der regulativen Idee, dem Butler sich anschließt, bereits expliziert. Der Begriff bei Aristoteles ist das, was etwas war, bevor es war. Butler nennt dies das „ideale Konstrukt“. Es bedeutet, dass der Körper der Begriff wird, der er war. Das Neue gegenüber Aristoteles ist jedoch, dass inzwischen die Weltoffenheit gedacht wurde und im Denken ist. Der Akt der Wiederholung der regulativen Idee ist bei Butler ein performatives Ereignis. Weil die regulative Idee zwar faktisch dominant ist aber durch ihre Wiederholbarkeit der Deregulation unterworfen wird, schreibt sich eine neue Leitidee in das Denken der regulativen Idee ein. Das Regulativ wird selbst fiktional. Nietzsche dichtet sich im Zarathustra eine neue regulative Idee. María Zambrano denkt den Zusammenhang von Denken und Dichten.

Den Kern der Frage nach der Berührung zu berühren, bedeutet für mich, damit einzusetzen, dass sie schon stattfindet, stattgefunden hat und stattfinden wird: die Berührung. Wie ein Versprechen, das sich durch die Möglichkeit gebrochen zu werden, konstituiert. Und das immer schon gezeichnet ist von einem Bruch, einer Unterbrechung durch eine Befremdung, Fremdheit. Aber nach der Berührung zu fragen, bedeutet schon: in touch zu sein. Warum? Gibt es ein Außerhalb der Berührung? Das Unberührbare. Wo dehnt sich dieses Feld aus, und wo hat es seine Grenze? Und die Grenze des Unberührbaren, wäre sie zu berühren? Nach der Berührung zu fragen, bedeutet daher zu schreiben davon, wie es ist in-Berührung-zu-sein. Immer schon. Aber auch gerade jetzt. Beides. Welches Wissen ist ein Wissen von der Berührung? Die Berührung wird damit als ein Grund-Sätzliches, Grund aller Sätze (xi), angenommen. Zugleich soll ihr damit ihr besonderer Charakter und ihre Ereignishaftigkeit nicht schon von vorneherein abgesprochen werden. Im Gegenteil: Ihre Ereignishaftigkeit soll in der Einfaltung von „Immer-Schon“ und „Gerade-Jetzt“, in der Komplikation dieser beiden Momente, gedacht werden. Wie ist es, dass etwas immer schon berührt ist und zugleich gerade eben erst berührt werden kann? Wie ist es, dass etwas immer schon berührt sein muss, um die Möglichkeit zu besitzen, berührt zu werden? Ohne dass dies ein Zirkel wäre, der das Denken in Kreise zwänge, die ihm nichts anderes zutragen könnten als die immer selben Punkte. Wenn Berührung immer schon ist und es zugleich die besondere Berührung gibt, kann die Berührung als Ereignis gedacht werden. Hier tritt Derrida als Ereignis-Denker wieder hinzu.

Die Berührung wird als Ort der Schwelle des Zur-Welt-Seins begriffen. Und als die Weise einen Körper zu bewohnen. Was an diesem Ort der Schwelle Statt hat in der Berührung ist von Inter-esse.
Nach Derrida und mit Derrida soll eine Wende von einem „puristisch“ diskursiven Ansatz genommen werden. Affektivität und der reale Einbruch der Körper in den Sinn soll eingeholt und zur Frage gebracht werden. Das Thema der Berührung soll anhand der Arbeitsfrage „Wie kommt der Sinn zum Sinn?“ exponiert werden.

Berührungspunkte

Ausgehend von Nancys Corpus und Derridas Lektüre sowie einer expliziten Kritik dessen, was Derrida nicht berührt und einem Einfordern eines radikaleren Denkens des Körpers, Schreibens des Körpers, möchte ich psychoanalytische Ansätze zum Denken des Körpers und des Sinns diskutieren. Dabei soll Lacans Begriff des Subjektes als „Knoten“, „Knotenpunkt“ herausgearbeitet werden und auf seine Anwendbarkeit in Hinblick auf die eigene Bildlichkeit der „Schwelle“ untersucht werden.
Insbesondere möchte ich auf Serge Leclaires Konzept des „buchstäblichen Körpers“ eingehen. Leclaire schreibt: „Die körperliche Inskription ist das Faktum dieses durch einen anderen auf den Ort der Befriedigung projizierten sexuellen Wertes. […] Genauer zu fassen ist der Erogenisierungsprozess eigenartigerweise über die Begleitumstände der ‚Eröffnung’ oder ‚Inskription’ einer erogenen Zone an einem bestimmten Punkt der Körperoberfläche. Ohne Zweifel hat die Oberfläche der Haut, Begrenzung und negatives Äquivalent der Körperöffnungen, das ‚Bedürfnis’, von anderer Haut liebkost zu werden. Wir wollen hier […] daran denken, wie zart und ‚unschuldig’ der mütterliche Finger mit der feinen Vertiefung seitlich am Hals des Babys spielt und wie dabei dessen Gesichtchen sich aufhellt. Durch seine Liebkosung lässt der Finger in dem Grübchen einen Abdruck, ein Zeichen zurück, tut einen Abgrund von Lust auf und schreibt einen Buchstaben, eine Letter ein (inscrire une lettre), der die unfassbare Unmittelbarkeit der Erleuchtung festzuhalten scheint. In der kleinen Vertiefung am Hals ist eine erogene Zone aufgetan, eine Unterschiedenheit, eine Differenzierung fixiert, die durch nichts mehr auszulöschen ist, in der aber in besonderer Weise das Spiel der Lustbefriedigung sich realisieren wird, vorausgesetzt irgendein Objekt vermag an dieser Stelle erneut jenes Lächeln wachzurufen, das der Buchstabe geprägt hat.“ (xii)
Michael Turnheims Analyse des Autismus in Das Scheitern der Oberfläche (xiii) als eine Verweigerung der Annahme, dass etwas Fremdes in der Sprache ist – die Unkörperlichkeit des Sinns, die Unlesbarkeit des Körpers – soll hier anschließen. Was in diesem Kontext als das „Vergessen“ der Fremdheit, der Kluft etc. bezeichnet wird, möchte ich interpretieren als das beinahe lebensnotwendige Vergessen, um dem waghalsigsten, exponiertesten Akt, dem der Berührung, ausgesetzt zu sein und daran nicht auf der Stelle sterben zu müssen.
Die gefährliche „Wahnsinnigkeit“ in dieser Weise dem Sinn/den Sinnen und dem Sinn (im Sinn von Bedeutung) ausgesetzt zu sein, möchte ich anschließend mit María Zambranos Denken des Abgrunds der Schönheit (xiv) verbinden. Und ihre Konzeption der poetischen Vernunft soll Leitfaden sein, ausgewählte Texte Virginia Woolfs („Die Wellen“, „Moments of Being“, Die Tagebücher, Briefe) auf das Sprechen des Körpers der Schriftstellerin im Text hin zu lesen.

Am 29. Juli 1934 schreibt Virginia Woolf an Ethel Smyth: „Es ist ein körperloses tranceartiges intensives Entzücken, das mich als Mädchen packte, und jetzt hier unten hin und wieder zurückkommt, mit einer Heftigkeit, die mich niederstreckt. Sagte ich, dass ich fliege? Wie kann ich dann niedergestreckt sein? Weil, meine liebe Ethel, der Zustand des Lesens in der völligen Auslöschung des Ego besteht, und es ist das Ego, das sich aufrichtet wie ein anderer Teil des Körpers, den ich nicht zu benennen wage.“ (xv)
Was Virginia Woolf hier beschreibt, gilt es zu benennen, zu wagen: die Körper des Sinns zu berühren in einem Schreiben, wo sie schon sind.

i Nancy, Jean-Luc (2003): Corpus, Berlin, Diaphanes, S. 15.
ii Derrida, Jacques (2005): On Touching – Jean-Luc Nancy, Stanford, California, Stanford University Press.
iii Nancy (2003), S. 26.
iv Ebd., S. 14.
v Ebd., S. 14f.
vi Ebd., S. 26.
vii Kluge, Götze (1951): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin. Walter de Gruyter&Co.
viii Nancy (2003), S. 26.
ix Ebd., S. 31.
x Zambrano, María (1992): Waldlichtungen, Frankfurt am Main, Suhrkamp, S. 45.
xi Dazu eine Diskussion der Arché, die zum Archiv überleitet; hier wird Derridas „Dem Archiv verschrieben – Eine Freudsche Impression“ wichtig.
xii Leclaire, Serge (2001): „Der Körper buchstäblich. Oder wie sonst vom Körper sprechen?“, in: ders.: Psychoanalysieren. Ein Versuch über das Unbewusste und den Aufbau einer buchstäblichen Ordnung. Mit einem Vorwort von Georg Gröller und einem Nachwort von Norbert Haas. Wien, Turia und Kant, S. 66f (erste Auflage auf Französisch 1968).
xiii Turnheim, Michael (2005): Das Scheitern der Oberfläche. Autismus, Psychose und Biopolitik, Zürich-Berlin, Diaphanes
xiv Dazu: „Denn während die Schönheit die Einheit bekundet, die Einheit, die nur aus dem Einen hervorgehen kann, öffnet sie sich zugleich. […] Sie öffnet sich wie eine Blume, die ihren Kelch sehen läßt, ihr bunt leuchtendes Zentrum, das sich dann als Zentrum mit dem Abgrund verbunden erweist. […] Und wer in den Kelch dieser einmaligen Blume, der einzigen Blume, hineinschaut, läuft Gefahr entrückt zu werden.“ Zambrano, María (1992): Waldlichtungen, Frankfurt am Main, Suhrkamp, S. 62f.
xv Woolf, Virginia (2006): Briefe 2 1928 – 1941, Frankfurt am Main, S. Fischer, S. 280f.