Hans Dieter Bahr     Hans-Dieter Bahr, geboren in Berlin, lehrte Philosophie in Berlin, Bremen, Mailand, und an der Universität Wien. Im Zuge seiner Auseinandersetzung mit dem Garten der Philosophie ist er vor allem Fragen der Ästhetik, des Mythischen, der Medien und dem Verlust von ‚Muße’ (schole) durch ‚Freizeit’ nachgegangen. Alles Themen, die in seinen Texten wiederholt zu Gast waren, um ihm von jener Sprache des Gastes zu erzählen, welche den Rhythmus seiner Texte diktiert zu haben scheint.

Publikationen (Auswahl)

  • Der Babylonische Logos, Passagen Verlag: Wien 2005
  • Den Tod denken, Wilhelm Fink Verlag: München 2002
  • Die Sprache des Gastes. Eine Metaethik, Reclam: Leipzig 1994
  • Machinationen. Fährtenwechsel zwischen Philosophie und Kunst.
    Zusammen mit Abbildungen von Werken des bildenden Künstlers Prof. Michael Schulze,
    Konkursbuch: Tübingen 1986
  • Über den Umgang mit Maschinen, Konkursbuch: Tübingen 1983
  • Das gefesselte Engagement, Bouvier u. Co: Bonn 1970
  • Kritik der ‚Politischen Technologie’, Europäische Verlagsanstalt: Frankfurt 1970
  • Internet

  • http://www.passagen.at
  • Philosophy On Stage

    Ort: MQ (Ovalhalle Museumsquartier)
    Zeit: 10. - 12. Nov. 2005, 19.00-21.45 Uhr

    Lecture Performance von Hans Dieter Bahr am 12. Nov.
    Titel: „Zeit der Muße – Zeit der Musen“

    Dialog:
    Hans Dieter Bahr (Philosophie) & Alfred Bast (Bildende Kunst)

    „Als mich ein Freund dazu anregte, über Muße und Musen nachzudenken, stutzte ich einen Augenblick über den inzwischen verstaubt klingenden Unterton dieser Ausdrücke, die an die Salons der humanistisch Gebildeten im 19.Jahrhunderts erinnerten – bis ich begriff, dass er eben das Unzeitgemäße damit im Blick hatte“
    (Hans-Dieter Bahr)

    …Gesten des Denkens

    Seitdem Friedrich Nietzsche die Bühne des Wissens der Abendländischen Philosophie betreten hat, steht die Frage auf dem Spiel, ob der Mensch in seinem Eigensten nicht gerade verfehlt werde, wenn er neuzeitlich nur noch als tätiges Subjekt bestimmt werde? Denn werfen wir einen unvoreingenommenen Blick auf das Leben – und zwar so, wie es sich uns tagtäglich zu lesen gibt – dann wird mit einem Schlag klar, dass der „Täter“ unserem „Tun“ in der weit überwiegenden Mehrzahl der Fälle bloß hinzugedacht wird. Nicht „ich“ bin die causa sui meines Atems, sondern die Atmung „atmet mich.“ Nicht „ich“ bin die causa sui der Sprache, die ich spreche, sondern ich spreche eine Sprache, die andere geprägt und gesprochen haben, noch bevor ich selbst zu sprechen begonnen habe.
    Verhält es sich in Wahrheit aber so, dass jedes Tun auch ein „Geschehen-Lassen“ impliziert, ein „zu Wort kommen lassen der Anderen“ in uns selbst, dann gilt es nachzufragen, wie diese „musische“, wie diese „mediale“ Komponente in unserem Tun angemessen zur Sprache gebracht werden kann. Als was würde und könnte der Mensch in Erscheinung treten, wenn er seine Wesensbestimmung nicht mehr allein darin hätte, ein tätiges Subjekt zu sein, das sich durch Fleiß, Leistung und Arbeit in seinem Wesen allererst herzustellen, zu produzieren und hervorzubringen hätte?

    Dieser Frage geht der Philosoph Hans-Dieter Bahr in seiner Lecture nach, indem er, in Auseinandersetzung mit dem Maler Alfred Bast, eine Philosophie der Muße und Musen entwickelt, welche unter Müßig-Gang nicht bloß ein passives Genießen unserer Freizeit versteht, sondern ein bestimmtes „Wie des Zeit-habens“ und „des Zeitigens unserer Lebenszeit“.
    Schon die antike Philosophie hat bei den Titeln „Muße“ und „Musen“ einen Aspekt der Zeit und des menschlichen Umgangs mit Zeit im Blick gehabt, in der es nicht mehr bloß um die Verwirklichung von Zielen und das Besorgen der dafür benötigten Mittel geht, sondern um eine „entwerkte Gemeinschaft“ (Jean-Luc Nancy), in der sich Wert der Zeit nicht mehr ausschließlich von der Arbeit und Arbeitszeit her bemisst, sondern „diesseits“ derselben als Maß und Zeit eines musischen Da-seins „auftut“, in dem das „Ge-Lücke“ des Lebens in uns einbricht. Das Geschehen-Lassen dieses Einbruchs einer musisch erfüllten Zeit in den Alltag hinein nannten die Griechen das „Müßig-gehen“ der Menschen. Dieser Müßiggang war ihnen nicht „aller Laster Anfang“, sondern die Erfahrung „irdischen Glücks“.

    „Wer heute, etwa mit Berufung auf Aristoteles, einfordern wollte, die höchste Aufgabe aller erziehenden, wirtschaftenden, politischen, vor allem auch wissenschaftlichen Tätigkeit läge darin, Lebensvoraussetzungen für Muße zu bereiten, denn nur sie stelle Glückseligkeit in Aussicht und trage einen Sinn in sich selbst: der stieße in einer Gesellschaft, die nicht einmal mehr… einen Ausgleich zwischen vita activa und vita contemplativa sucht, sondern in Leistung und Wachstum, in Spiel und Konsum ihre höchsten Werte setzt, bestenfalls auf Unverständnis.“ (Hans-Dieter Bahr)