Policeyordnung der Stadt Frankfurt am Main 1621

Im Rahmen eines Grundkurses an der Universität Rostock wurde unter dem Titel “Die Reglementierung bürgerlichen Lebens. Eine Polizeiordnung des 17. Jahrhunderts” eine Transkription einer Frankfurter Policeyordnung online gestellt. Ursprünglich abgedruckt war sie in:

  • Michael Stolleis: Pecunia nervus rerum. Zur Staatsfinanzierung in der frühen Neuzeit. Frankfurt a. M.: Klostermann, 1983. S. 155-164.
  • Roeck, Bernd (Hrsg.): Gegenreformation und Dreißigjähriger Krieg 1555-1648 (Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellung, Band 4), Stuttgart 1996, S. 235-244

Sie ist nunmehr auf den Servern der Universität nicht mehr zu finden, allerdings noch via InternetArchive zugänglich.

Eines Ehrnvesten Raths der Stadt Franckfurt am Mayn Ernewerte Policey Ordnung / Wie es hinfüro mit Kleidungen / Hochzeiten / Kind Tauffen / Gevatterschaften vnd dergleichen / gehalten werden sol (1621)

Obwol an sich selbsten ehrlich / ziemblich / vnd billich / daß ein jeder / was Würden / Standes / oder Herkommens der seye / nach seinem Stand vnd Ehren / sich also bekleiden lasse / vnd trage / damit ein jeder in seinem Stand vnderschiedlich erkandt werden möge; So vernimbt man jedoch / vnd bezeugts der Augenschein täglich / daß wider alle Erbarkeit / vnd über vielfältiges und fast tägliches von der Cantzel deßwegen beschehenes ruffen / ermahnen / vnd straffen / der verdammliche übermäßige Pracht / Stoltz vnd Hoffart in den Kleidungen / so wol auch der Vberfluß in essen und trincken / vnd andern Sachen mehr / dermassen oberhand genommen / vnd so hoch gestiegen / daß viel dardurch in Abgang ihrer zeitlichen Nahrung gerathen / zugeschweigen / wie gar kein Vnderscheid der Personen / eins oder deß andern standes / solcher Vbermaß wegen erkandt vnd abgenommen werden mag. Dannenhero ein jede Christliche Obrigkeit so wol auß den Reichs Abschieden / als auch fürnemblichen auß Gottes Wort erinnerlichen angemahnet wird / solchem eingerissenen hochstraffbarem ubel gebür abzuwehren vnd zustewren.

Ob auch wol ein Ehrnvester Rath dieser Stadt dißfals / so viel an jhme / als einer Christlichen Obrigkeit nichts erwinden / sondern in Anno M.D.XCVIII. deßwegen vnd wie es bey seinen Vnderthanen mit den Kleidungen / Hochzeiten / vnd Kind Tauffen allerseits gehalten werden sollen / eine ziemliche vnd leidentliche Policey Ordnung verfassen / vnd dieselbe zu mennigliches nachrichtung / mit angehenckten Straffen / publiciren lassen / auch anders nicht verhofft / dann es würde solcher Ordnung von männiglichen der Gebür gelebt worden seyn: so hat sich doch bißhero das Widerspiel erwiesen / vnd daß nicht allein Ehrngedachtes eines Ehrnvesten Raths vätterliche vnd wolmeynende Vorsorg / vnd aufgerichte Ordnung / verächtlich in Wind geschlagen / sondern auch derselben zu entgegnen der hochverdamliche Hoffart vnd Mißbrauch in der Kleidung / so wol auch der schädliche Vberfluß in Essen und Trincken je mehr vnd mehr gestiegen / im Augenschein befunden.

Derohalben dann mehr wolgedachter E.E. Rath Obrigkeiten Ampts halben nicht vnderlassen können / deßwegens ernstliches Einsehens zu haben / vnd die hiebevor auffgerichte Ordnung zu ernewern vnd zu schärpffen. (….)

Kleider Ordnung.So viel Erstlich die Manspersonen belangt / ist eines Ehrnvesten Raths Will vnd Meynung / daß hierfüro kein Bürger / Beysaß / oder Vnderthan / was Stands oder Nation der auch seye / (ausser wessen etliche sonderbare Personen / vermög der Reichs Constitutionen gewürdigt vnd gefreyet seynd) einigen gantzen Sammeten Rock oder Mantel / auch andere mit Sammet / güldenem Tuch / oder Zeug durchfüttert / oder sonsten mit übermässigen güldenen vnnd silbernen Paßmenten oder Schnüren verbremet / noch von Edelgestein / Perlen / Goldt / vnnd Silber gestickt / antragen sol / bey Straffe dreyssig Reichsthaler.

Erster Stand.Doch mögen deß heil. Reichs Gerichts Schöffen allhie / vnnd die Erbarn von Geschlechtern / als deß ersten Stands Personen in gemeiner Stadt allhie / wol seidene Mäntel / auch Sammet vnd seidene Kleider / vnd mit seidenem Zeug gefüttert / antragen / aber doch bescheidentlich / vnnd mit Paßment vnd andern Schnüren über ein Viertel einer Elen hoch nicht verbremet / bey gleichmässiger Straff dreissig Reichsthaler: Wie jhnen dann auch auff Leder etwas / doch bescheidentlich von Silber vnd Gold zu sticken vnbenommen seyn solle.
Die güldene silberne Spitzen an Hosenbendeln / vnd dergleichen Schuhrosen / sollen bey Straff sechs Reichsthaler gäntzlich verbotten / aber denen ermeldtem ersten Stand mit Seiden halb vermenget zu tragen erlaubt seyn.

Ander Stand.Was sonsten andere deß Raths / auch die vornembste namhaffte Bürger vnd Handelsleute belangt / mögen wol seidene Hosen vnnd Wambs auch Attlaß / doch allein zu Wämbsern vnd Gaffa zu Hosen vnd Wammes / aber keinen Sammet / auch keinen solchen Gaffa / welcher dem Sammet zuvergleichen / wie nicht wenigers keine seidene Mäntel antragen / bey Straff zwantzig Reichsthaler.

Sie mögen auch seidene Spitzen an den Hosenbendeln vnd dergleichen Schuhrosen / doch bescheidentlich / antragen / bey Straff drey Reichsthaler.

Es sol auch dem ersten vnd zweyten erstbemeldeten Ständen seidene Strümpff zu tragen erlaubt / den andern nachfolgenden aber gäntzlich verbotten seyn / bey Straff zween Reichsthaler.

Dritter Stand.Andere als vorneme Kramer / wie im gleichen die Notarij, Procuratores vnd vngefehrlich dieses Stands seynd / sollen seiden Hosen vnd Wambs / doch ausserhalb Attlaß vnd Seidenruff / vnd mehr nit als mit einer Schnur verbremt zugebrauchen macht haben / bey straff zwölff Reichsthaler.

Sie mögen auch an den Hosenbanden vnd schurosen seidene spitzen / doch klein vnn bescheidentlich tragen.

Vierdter Stand.Den gemeinen schlechten Kramern / wie auch allen Handwercksleuten / sol seyden Zeug zu Kleidung / auch seiden Spitzen an Hosenbanden vnnd Schuhrosen gäntzlich verbotten seyn / bey straff sechs Reichsthaler.

Fünffter Stand.Sonsten andern / so eygentlich keine Handwercker auch rechte Kramer seynd / wie nit weniger Gutschern / Fuhrleuten / Heintzlern / Taglöhnern /vnd dergleichen Personen sol Schamlott / Türckisch Grobgrün / vnd anderer vornemer Zeug so in gleichem Preiß vnnd darüber / auch alle seidene Schnür vnd Verbremung außtrücklich verbotten seyn bey Straff drey Reichsthaler.

Die güldene vnd Perlene Hutschnur / mögen allein die im ersten Stand tragen / doch daß eine vber fünff vnd zwantzig Reichsthaler auffs höchst nit werth seye / bey Straff sechs Reichsthaler.
Wie auch ebenmässig die güldene Ketten / mögen gedachte Ersten Stands Personen allein / doch nicht vber hundert vnd funffzig Cronen werth / antragen / bey Straff zwantzig fünff Reichsthaler.

Die Mannß Kröeß Vmbschläg vnd Krägen sollen die obgedachte Ersten Stands Personen auffs höchst nicht vber sieben Gülden / vnd die Handauffschläg / nach solchem werth bescheidenlich antragen / bey Straff zween Reichsthaler.

Andere / deß anderen vnd dritten Stands Personen sollen auch kein Kragen vber fünff Gülden / bey Straff anderthalb Reichsthaler / die vbrige nicht vber drey Gülden werth antragen / bey Straff eins Reichsthalers.

Die Handels- vnd Kramer Diener / wie auch die Handwercks Söhne vnd Gesellen sollen sich alles seidenen zeugs zu Kleidung vnd Mänteln enthalten / bey Straff sechs Reichsthaler / oder der Gefängnüß.

[Es folgen entsprechende Regelungen für die „Weibspersonen"; das jeweils gestattete „Maximum" an Kleiderpracht soll nur an hohen Festtagen und zu besonderen Gelegenheiten gestattet sein. Der Artikel endet mit Bestimmungen für „Bancquerotirer".]Hochzeiten und Gastereyen belangend.

Jedermänniglich so Hochzeit zu halten hat / sol die Verfügung thun / damit die samptliche Hochzeitleute vor Verlesung deß Texts der gewöhnlichen Wochenpredigt / in der Kirch seyen / bey Straff zehen Gülden.

So viel dann nun die freye Hochzeiten betrifft / dieweil dieselbe von altershero bey niemand anders als bey den Erbarn von den Geschlechten / auch etlichen andern namhafften Bürgern vnnd stattlichen Handelsleuten im Brauch gewesen / vnd noch / so lest man es nochmals also / vnnd bey jhrer Willkur verbleiben. Doch wil Ein Ehrnvester Rath / daß solche bescheidentlich celebriret vnd darzu vber hundert vnd dreissig / oder auffs höchste hundert vnnd viertzig Personen / zu den Schenckhochzeiten aber vber neuntzig / vnnd auffs höchst hundert Personen / nicht beruffen oder geladen werden sollen / bey Straff von jeder Person ein Reichsthaler.

Es sollen auch hierfür auff jeden Hochzeiten nit mehr als drey Immbiß der gestalt gehalten werden / da es drey Mittag Imbiß weren / daß man als dann auffs längste vier stund / oder da auch ein Abend Imbiß darzwischen / vnd also zwo Mahlzeiten auff einen Tag gehalten werden / länger nicht als drey stund sitzen bleiben / vnd hernach zwo oder drey Stund zum höchsten Dantz halten sol / bey Straff zwantzig Reichsthaler. Zu den Mittag Imbisen auffs lengst zu halber zwölff / vnd zu Abend vmb halb acht vhren sol man all zu Tisch gesessen / vnd die Speiß aufgetragen seyn / bey straff sechs Reichsthaler.

Vnd welche Manns oder Weibsperson / es sey auff Teutsch- oder Niederländischen Hochzeiten zu spät / vnd nach gedachten stunden allererst kommen werden / die sollen alsbald deme darzu bestelte auffwärter / in die Büchs den hiesigen Armen in gemeinen Kasten zum besten vnvorweigerlich geben vnd erlegen / jedesmal 2. Batzen / bey nechstgemelter Straff.

Die Spielleut belangend / sol allein den Erbarn von den Geschlechten bey jhrem alten Brauch vnnd Herkommen zu bleiben frey stehen / vnd mögen andere vorneme Bürger vnnd Handelsleut deß zweyten vnd dritten Stands auch wol eine ziemliche Music / aber keine Trompeten / Baucken vnd dergleichen haben / bey Straff sechs Reichsthaler. Sonsten aber allen gemeinen Bürgern sollen vber drey Spielmänner nicht erlaubt seyn / den Spielleuten solle jedem deß Tags ein Gülden vnd mehr nicht gegeben werden / bey Straff von jedem zween Reichsthaler. (…..)

Die Hauptbräutigamen sollen von andern so sich eindingen vnd mit jhnen zu Kirchen gehen / aber zu keinem Imbis erscheinen / mehr nicht als ein Reichsthaler nemen: doch da selbige zur Malzeit kommen / gleich andere Gäste jhre Mahlzeit bezahlen / aber sonsten vber diß demselben oder dem Gasthalter / wie bißhero beschehen / weiter nichts ins eingeding geben / bey straff vier Reichsthaler.

Vnd nach deme nicht allein bey Hochzeiten / sondern auch in andern Gastereyen in der tractation allerley Vberfluß und Pracht / (vnangesehen daß alles zu diesen beschwerlichen zeiten in hohem Preiß) geübet vnd gebraucht würd / vnd je einer vber den andern seyn / vnnd etwan die Vnvermögliche es den Vermöglichen / vnnd zwar nicht zu geringem jhrem selbst Schaden vnd Verderben zu zeiten nachthun wollen:

So ordnet vnd wil ein Ehrnvester Rath / daß hinfüro nicht allein auff hochzeiten vnd Weinkauffen / sondern auch auff allen andern Gastmalzeiten aller Vberfluß an Essen vnd Trincken / sonderlich aber (wie bißhero bey den Niderländischen Hochzeiten vnd Panqueten vielfaltig beschehen) die Schawessen / allerley Confect / Marcipan vnd dergleichen Schleckerey / auch die collationen bey den Beylägern gäntzlich verbotten seyn sollen / bey straff dreissig Reichsthaler.

Vnd sol hinfüro bey der ersten vnd zweyten Standes Personen Hochzeiten in der tractation diese maß gehalten / vnd auff einmal nicht mehr als siebenerley Speisen: bey allen andern aber nur fünff Speisen / doch in vnterschiedlichen Schüsseln / nach Gelegenheit der Tisch oder Tafeln außzutheilen / auffgesetzt vnd gegeben werden / bey straff von jeder Tracht oder Speiß ein Reichsthaler. Vnd sol den Hoffmeistern / Küchenmeistern vnnd denjenigen / so solche Hochzeiten verdingt annemen / wie in gleichem auch den Spielleuten / wider diese Ordnung nicht zu thun ernstlich aufferlegt seyn / bey straff sechs Reichsthaler.

Vnd demnach sich etwan bey Hochzeiten die jungen Gesellen mit grossem schreyen vnd andern vppigen / vnzüchtig- vnd vngeberdigem Vnwesen sehr leicht fertig erzeigt / vnd darbey vor hiesigen vnnd frembden vornemen / auch wol gar anwesende Hernn vnd Personen deß Raths sich wenig geschewet: so sollen sie hiemit dergleichen Vngebühr sich fürters allerdings zu enthalten / bey vnaußbleiblicher ernsten / auch nach Befindung Thurnstraff vermahnet / vnd sich vor Schimpff vnnd Vngemach zu hüten erinnert seyn.

Die Kindbett vnd Gevatterschaften betreffendDemnach ein zeit hero mit allerhand gebrauchter Vbermaß solcher beschwerlicher Mißbrauch vnd Vnordnung eingerissen / (…) so ordnet vnnd statuirt E.E. Rath / daß hinfüro die jenige Manns- oder WeibsPerson so zu Gevattern erbeten werden / mehr nicht dann ein Reichsthaler / oder zum höchsten einen Goldtgülden vnd darzu ohne Beutel oder dergleichen dem Kind zur Gedächtnüß verehren / auch keiner mehr als einen Gevattern erbitten solle / alles bey straff zwölff Reichsthaler. (…)

Zu den Kindtauffen sollen nicht mehr / als beym ersten Stand dreissig / beym zweyten vnd dritten zwantzig / vnd bey den übrigen Ständen zehen paar WeibsPersonen geladen werden / bey straff von jeder Person ein Gülden.

Vnnd dieweil auch bißhero von den Kindbetterin vnd sonderlich denen / so es zu mal nicht gebüret / mit den Damasten / Doppeltaffeten vnd andern dergleichen seidenen Vorhängen Bett- vnd Wiegendecken / auch wol gülden vnd andern außgenehten Spitzen / vnd sonsten allerhand verdamlicher Pracht vnnd Hoffart getrieben worden: Als wil E. Ehrnvester Rath allein dem Ersten Stand Doppeltaffet zu Vorhängen / zu Kindsdecken / Damast / den im andern vnd dritten Stand aber nur Daffet zu Kindsdecken / aber gar nicht zu Vorhängen erlaubt / den vbringen aber alles obgemeldte hiermit gäntzlich verbotten haben / bey zwölff oder nach Befindung mehrerer Reichsthaler Straff.
Es sol auch aller Vberfluß an Confect vnd süssen frembden Weinen hiemit verbotten seyn / vnd nach Befindung gebrauchter Vbermaß auch gestrafft werden.

Die Kindswarterin sollen vor jhren wochentlichen Lohn mehr nicht als zwölff Batzen oder bey wolhabigen zum höchsten ein Gülden zu nemen befugt seyn / bey straff zween Reichsthaler.

Leichbegängnüssen belangend.Der vnnötige Pracht bey Leichbegängnüssen / da man die Stuben vnnd Gemach mit schwartzem Tuch zu behängen pflegt / sol hiermit auch gantz vnd gar ins gemein verbotten seyn / bey straff zwantzig Reichsthaler.

Deßgleichen sol auch der Pracht / den man bißhero bey Leichbegängnüssen der ledigen Personen vnd jungen Kinder auffgewendet / vnd bißweilen / gleichsam es eine Schuldigkeit were / die Gevattern anwenden / vnnd solche mit grossem Vnkosten schmücken lassen müssen / abgeschafft vnd verbotten / vnd einem jeden sein abgestorben Kind / doch höher nicht / als mit zween Gülden zu zieren erlaubt seyn / bey straff sechs Reichsthaler.

Vom Zutrincken vnd Gotteslästern.Letzlichen sol auch deß vberflüssigen Zutrinckens vnd zunötigen / bey Hochzeiten / Gastereyen vnd sonsten / vorab aber auch deß mehr als zu viel gebräuchlichen Gotteslästerlichen fluchens vnd schwerens sich zu enthalten / hiemit jedermänniglich ernstlich erinnert seyn / mit dem Anhang / wo dergleichen Personen betretten werden / daß gegen jhnen / nach befindung der Verbrechung / mit gebührlicher straff / an Gelt / Leib / Gut vnd Ehr ernstlich verfahren werden solle.

Leave a Reply

 

 

 

You can use these HTML tags

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>