Uli Kahmann: ‘Es sey Gutes oder Böses und allerhand Partikularia’.

Uli Kahmann, Herford

‘Es sey Gutes oder Böses und allerhand Partikularia’.
Das amtliche Berichtswesen im Königreich Preußen im 18. und 19. Jahrhundert.

Im Juli 1730 erinnerte der preußische König Friedrich Wilhelm I. die Kriegs- und Domä-nenkammer zu Minden “in Gnaden, aber ernstlich” daran, “daß Wir von allem, was in Unsern Provinzen vorfällt, und nur einigermaßen zu referieren meritieret, berichtet seyn wollen: Es sey Gutes oder Böses und allerhand Partikularia”. Drei Jahre zuvor, 1727, hatte die Minde-ner Kammer, wie alle unteren Regierungsbehörden in Preußen, den königlichen Befehl erhalten, künftig regelmäßig einmal im Monat einen schriftlichen Bericht über die Verhältnis-se und Vorfälle in ihren Bezirken zu erstatten. Gemeldet werden sollten nicht allein heraus-ragende Ereignisse, sondern das ganz normale Geschehen des Alltags. Ein weites Informa-tionsnetz wurde über das preußische Land gespannt, das die großen Städte ebenso erfaßte wie die kleinen Dörfer bis hinab in die tiefste Provinz. Es bildete mehr als 100 Jahre lang das amtliche Berichtswesen im Königreich Preußen. Die folgende Darstellung bezieht sich auf die Aktenbestände in den Staatsarchiven Münster, Osnabrück und Detmold, wo hunderte dieser Zeugnisse aufbewahrt sind.

“Zeitungsberichte” hießen diese regelmäßigen Rapports. Das Wort ist heute mißverständ-lich. ‚Zeitung‘ hatte bis ins 19. Jahrhundert die allgemeine Bedeutung ‚Kunde, Botschaft, Nachricht‘. Noch Goethe gebraucht den Begriff in diesem Sinne, etwa im ‚Reineke Fuchs‘: “Eben stand ich Wache zu halten, da brachte mein Oheim / Mir die Zeitung, ich solle nach Hof.” Mit der Ausbreitung der Tagespresse entstand dann der neue, heute vertraute Begriff.

Bevor aber die Zeitung zu einem Massenmedium avancierte, aus dem auch die Regie-rungsbehörden ihre Informationen bezogen, bedurfte es eines anderen Systems, das die Verwaltungen in den Stand versetzte, genaue Kenntnisse auch über entlegene Regionen des Landes zu besitzen. Die Meldungen bildeten für die Behörden unverzichtbare Unterla-gen für die politischen und ökonomischen Planungen.

Für den Historiker aber stellen die Zeitungsberichte schätzbare Quellen zur Erforschung der preußischen Provinz des 18. und 19. Jahrhunderts dar. Die Anschaulichkeit mancher Schilderungen, durch die historische Ereignisse zuweilen geradezu greifbar naherücken, macht eine Qualität der Zeitungsberichte als historische Quelle aus. Dies um so mehr, als sie gewöhnlich die einzige Quelle für ganze Regionen darstellen, sieht man von deren Zentren, den Städten, ab. Zeitungen im modernen Sinn gab es, wie bemerkt, nicht, und die Gemeindechroniken waren den Orten in Preußen erst ab 1818 aufgegeben. Hierbei ist obendrein eine Tendenz zur ostentativen Selbstdarstellung unverkennbar.

Über 140 Jahre lang, von 1727 bis etwa 1870, dokumentieren die Zeitungsberichte das Alltagsallerlei und die allmählichen Veränderungen, die sich in diesen fast anderthalb Jahrhunderten zutrugen und in denen Preußen sich vom merkantilen Ständestaat zur Führungsmacht des Deutschen Reiches entwickelte.

Diese Berichte stellten im 18. und 19. Jahrhundert den bedeutendsten amtlichen Thesau-rus schriftlich gesicherten Wissens dar. Die Informationen wurden flächendeckend gesam-melt und stapelten sich zu einer zunehmend voluminösen Pyramide des Herrschaftswis-sens, in welcher zugleich die Chronik des ganzen Landes eingeschlossen war.

Zeitungsberichte waren auf allen Ebenen der Behördenhierarchie fällig, wobei die jeweils höhere Stelle aus der Vielzahl der eingegangenen Mitteilungen ein Konzentrat zusammen-stellte, das mit den Parallelberichten der gleichrangigen Ämter wiederum eine Stufe weiter-geleitet wurde. So entstand eine lückenlose Kette abnehmend redundanter Berichte vom untersten Distrikt bis hinauf zur Bezirksregierung. Die Quintessenz dieser Mitteilungen erreichte schließlich die Hauptstadt des Reichs.

Der Hof in Berlin erhielt so einen Überblick über die Zustände im ganzen Land und hatte bei Bedarf zugleich die Möglichkeit, sich gezielt über Details aus jeder beliebigen Ortschaft des Reichs zu informieren und daraus Konsequenzen abzuleiten.

Die Schreiber waren angewiesen, ihre Berichte nach einem festgelegten Schema zu verfassen. Der so normierte Fragebogen garantierte die Einheitlichkeit der Berichte, und er diente den Verfassern als Leitlinie für ihre Meldungen.

Die Zahl der Items schwankte häufig. Meistens waren zwischen zehn und dreizehn Fra-gen zu beantworten. Ab 1835 wurde der Katalog auf dreiundzwanzig Stichpunkte erweitert – ein Indiz dafür, daß die Zeitungsberichte ihren besonderen Stellenwert im staatlichen Informationssystem noch dann behaupteten, als die Presse an Bedeutung gewann. Der Umfang der Berichte variiert zwischen drei und zwölf und mehr Seiten, je nach den Vor-kommnissen im Bezirk und der Person des Autors.

Die Fragen bleiben im großen und ganzen dieselben: Sie richten sich nach der wirtschaft-lichen Situation, insbesondere nach der Lage der Landwirtschaft. Berichtet werden soll über den Straßenzustand, die öffentliche Sicherheit und das Militärwesen. Hierbei geht es um Truppendurchmärsche und die damals üblichen, stets als lästig empfundenen Einquartie-rungen.

In Bielefeld, in der das Militär zu Beginn des 19. Jahrhunderts ohnehin mehr als die Hälfte der damals gut 6.000 Einwohner ausmachte, beklagt sich der Bürgermeister im August 1817:

“Das Grenadier-Landwehr-Bataillon ist auf 800 Mann verstärkt, die sämtlich in der Stadt einquartiert und von denen die Beurlaubten den ersten Tag etappenmäßig verpflegt sind. Rechnet man dazu 112 Feldwebel, Unteroffiziere und Soldaten, welche vom 2. Bataillon des 15. Infanterie-Regiments in der Stadt einquartiert sind, ferner 157 Mann durchmarschierende Truppen: So wird es augenfällig, daß die Bürger einer zu unmäßigen Last erliegen müssen.”

Der Bielefelder Landrat wird in seinem Bericht vom gleichen Monat sogar sarkastisch. Denn während die Stadt unter den Einquartierungen leidet, lastet auf dem Land ringsum ein zur Unzeit anbefohlenes Militär-Manöver:

“Die Einberufung der Landwehrleute zu den 14tägigen Übungen zur Zeit, wo alle tätigen Hände zur Gewinnung der Ernte höchst nötig sind, muß den Einwohnern hart und drückend erscheinen, und zwar um so mehr, da nichts sie von der Notwendigkeit dieser Maßregel belehrt. Wichtig müssen die Gründe allerding sein, daß man Landwehrmänner, welche größtenteils Haus und Hof, Acker und Feld, Frau und Kinder haben, gerade zu einer Zeit zu den Übungen zusammenzieht, wo die ländlichen Arbeiten am wichtigsten und dringendsten sind.”

Durchgehend tauchen Fragen nach dem Gesundheitszustand bei Menschen und Vieh auf. So konnten Epidemien frühzeitig lokalisiert werden, bevor sie sich zu den gefürchteten Seuchen ausweiteten. Die Angaben wurden teilweise mit Hilfe örtlicher Ärzte zusammenge-tragen. Sie stellen heute hilfreiches Material für die Untersuchung kleinräumiger medizini-scher und hygienischer Verhältnisse in Preußen zur Verfügung. Für den charakteristischen Jargon solcher Berichte mag folgendes Beispiel vom Mai 1821 stehen:

“So vortheilhaft das schöne, warme Wetter im Anfang des Monats auf die Vegetation und den Gesundheitszustand der Menschen wirckte, so nachtheilig war die darauf folgende kalte, rauhe Witterung beiden. Die Vegetation blieb zurück, und die Kranken vermehrten sich. Katarrhe und Rheumatismen waren an der Tagesordnung, und gastrische Fieber waren häufig. In einigen Gegenden kamen Scharlachfieber und Halsentzündungen häufig vor. Masern und Varizellen wurden ebenfalls, aber nicht epidemisch, noch bemerkt. Die Menschenpocken schlichen noch immer von Haus zu Haus. Sie waren gutartig und befielen nur Subjekte, welche nicht vakziniert oder doch von Chirurgen und Unwissenden ohne Erfolg geimpft waren.”

Ab 1808 taucht ein neues Item in den Fragekatalogen auf: “Volksstimmung”. Oder, wie es später kenntlicher heißt: “Einfluß der Gesetzgebung auf den Zustand und die Stimmung des Volkes”. Leider bleibt diese Rubrik fast immer unausgefüllt, oder der Autor beläßt es bei Allgemeinplätzen, die manchmal unfreiwillig komisch ausfallen, wie z.B. in dieser Feststel-lung des Bielefelder Stadtdirektors:

“Der Geist für König und Vaterland ist unverbesserlich.”

Im ambitioniert aufgeklärten Königreich Westfalen, von 1807 bis 1813, wird “literarischen Neuigkeiten” eine eigene Rubrik gewidmet. Dieses Stichwort wird wieder gestrichen, als 1813 die Preußen erneut die Macht in ihren rechtselbischen Provinzen übernehmen. Sehr erhellend waren die Ausführungen in diesem Punkt freilich nicht. Zumindest im Weser-Departement, das die Bezirke Osnabrück, Minden, Bielefeld und Rinteln umschloß, notierten die Beamten fast ausnahmslos die Floskel “keine literarischen Merkwürdigkeiten vorgefal-len”. Nur einmal findet sich die echt westfälische Feststellung:

Literarische Produkte werden vom Auslande bezogen, wogegen wir demselben Schinken und Hemden liefern.”

Einen besonderen Stellenwert nimmt das Wetter ein. Nicht zufällig steht das Stichwort “Witterung” im Fragenkatalog der Zeitungsberichte häufig an vorderster Stelle. Wind und Wetter bestimmten in einer heute, in Zentraleuropa, nicht mehr nachvollziehbaren Weise den Alltag der Menschen. Unter den Bedingungen der Subsistenzwirtschaft und einer nur mäßig entwickelten Infrastruktur für den überregionalen Handel mit Grundnahrungsmitteln entschieden die Menge des Regens und die Länge des Sonnenscheins darüber, ob im Herbst die Korn und Kartoffelmagazine gut gefüllt oder ob magere Zeiten zu erwarten waren.

Vom Wettergeschehen hing auch der Zustand der Straßen ab, auf die der Handel ange-wiesen war. Und dieser Zustand war im allgemeinen miserabel. Vielerorts waren die Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges auch mehr als hundert Jahre nach Frie-densschluß nicht wirklich überwunden. Die Fahrt über Land wurde unter diesen Umständen zum Abenteuer, Zu Beginn des 19. Jahrhunderts meldete ein Amtmann:

“Von Schildesche nach Bielefeld kann man bei Nacht gar nicht und bei Tage nur mit Ge-fahr und Mühe kommen. Ganz große Löcher sind überall hineingeflossen, ganze Flächen stehen unter Wasser, und Pferde und Wagen bleiben oft stecken. Selbst auf dem Fußwege, welcher ganz versunken ist, stehet das Wasser, und eine Brücke ist zu beiden Seiten so sehr beschädiget, daß der, welcher nachts über dieselbe will, und nicht ganz genau die ruinierte Brücke kennt, Hals und Bein brechen kann.”

Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts werden endlich umfangreichere Maßnahmen zur Sanierung der Straßen unternommen, doch die Erfolgsmeldungen lesen sich dann so wie in diesem Bericht vom Januar 1806:

“Die Verbesserung der Wege habe ich im verwichenen Sommer recht tätig bewürkt und dadurch wenigstens so viel gewonnen, daß die Communication, wenngleich im tiefen Kote, doch offen und möglich geblieben und die Wege nicht ganz ruiniert und ausgeflossen sind.”

Die Meteorologie steckte um 1800 erst in ihren Anfängen. Prognosen, die Verhaltens-maßregeln und Vorsorgemaßnahmen nahelegen konnten, ließ der Wissensstand nicht zu. Die frühen Berichte, bis ins erste Viertel des 19. Jahrhunderts, enthalten keinerlei quantitati-ven Daten. Statt Vorhersagen für das künftige Wetter finden sich allein qualitative Schilde-rungen der Witterung des Vormonats. Nicht alle Berichte sind freilich so anschaulich geschrieben wie dieser aus dem Jahre 1820:

“Der Monat Januar hat des Winters Tücke in vollem Maaße ausgeübet. In den ersten Tagen fiel ein tüchtiges Lager Schnee bei Süd und Nordwestwind; dann wandte sich der Wind nach Norden und Nord gen Ost und die Kälte stieg hierauf bis zu 18 19 Reaumur. Gut, daß der Wind ruhig war, sonst wäre die Kälte unerträglich geworden. Am 18ten war die Luft trübe, und in der darauf folgenden Nacht trat Thauwetter ein so, daß die ungeheure Schneedecke beinahe schon am andren Morgen verschwunden war.”

Der Einzug der Meteorologie in die dörflichen Amtsstuben vollzieht sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Jetzt tauchen in den Rapporten erste Statistiken auf, die zu einer syste-matisierten Wetterbeobachtung überleiten.

Im Herbst 1820 hat auch der Amtmann des Dorfes Schildesche ein Barometer zu Verfü-gung. Von diesem Instrument weiß man, daß es mit wissenschaftlicher Präzision funktioniert und objektiv, also unfehlbar, die meteorologischen Verhältnisse anzeigt. Steht das Barome-ter hoch, herrscht klares Wetter. Im Sommer ist es dann heiter und warm, im Winter dage-gen besonders kalt. Im Januar 1821 berichtet der Lokalbeamte:

“Das auffallendste ist, daß das Barometer in der letzten Hälfte des Monats mehrere Male über dem höchsten Puncte stand, und demungeachtet fortwährend gelindes Wetter war. Vielleicht, wie man behaupten will, ist in der Natur eine Veränderung vorgegangen.”

Da qualitative Erscheinung und quantitative Erfassung unvereinbar schienen, mußte eines von beidem in Unordnung sein. Am Barometer durfte es nicht liegen, denn die Technik ist unfehlbar, die Wissenschaft kann sich nicht irren. Folglich konnte wohl mit der Natur etwas nicht stimmen.

Unverändert in den Zeitungsberichten ist über die Jahrzehnte hinweg selbstverständlich das Interesse an der Landwirtschaft und am Gewerbe. Die Früchte des Feldes und das Obst auf den Bäumen werden ebenso sorgfältig beobachtet wie die Lebensmittelpreise. Die wirtschaftliche Entwicklung der Minen und Manufakturen, der Webstuben und Wollspinne-reien wird gleichsam mit der Lupe erfaßt, und mit der wirtschaftlichen Lage gerät jedesmal auch die soziale und finanzielle Situation in den Blick.

Als Beispiel sei die chronische Finanzkrise im Königreich Westfalen angeführt. Die nach französischem Vorbild modernisierte Verwaltung hatte zu einem enormen Anstieg der Staatsausgaben geführt. Denn die westfälische Regierung hatte die Gewaltenteilung konsequent verwirklicht und die ehemaligen, für die jeweiligen Inhaber wie für den Staat höchst einträglichen Pachtämter durch ein Berufsbeamtentum ersetzt, das bis in die unterste Verwaltungsstufe reichte und dementsprechend teuer war. Bald konnte die Regierung in Kassel die erforderlichen Kosten nicht mehr aufbringen, und die Lokalbeamten erhielten keine Besoldung mehr. Die folgende Darstellung entstammt den Zeitungsberichten für das Weser-Departement in Osnabrück aus dem Jahre 1809.

Noch im Februar 1809 schreibt der Unter-Präfekt Delius aus Bielefeld:

“Der Zustand der öffentlichen Kassen ist untadelhaft”.

Doch schon im März-Bericht hofft er,

“daß die Besoldungen der Officianten bald zahlbar werden mögen”.

Die Krise verschärft sich und greift im Juni auf andere Bereiche über:

“Die Personalsteuer kann nur mit größter Anstrengung durch sehr ernstliche Maßregeln eingebracht werden. Der Mangel an barem Gelde ist zu groß, und die Nahrungslosigkeit zerstört den Kredit. Bei den Beamten muß die Entbehrung der Besoldung bei noch längerer Dauer den Mut völlig niederschlagen, wenn sie nicht zu Unredlichkeiten übergehen wollen”.

Im Juli heißt es dann:

“Die Noth der unbesoldeten Offizianten wird mit jedem Tag größer, und es ist dringend zu wünschen, daß ihr bald ein Ende gemacht werde, weil der nachtheilige Einfluß auf den Betrieb der öffentlichen Geschäfte nicht zu verkennen ist.”

Das Ende aber ist nicht in Sicht. Der Septemberbericht vermerkt:

“Es ist kaum zu begreifen, wie Männer mit starken Familien und ohne Vermögen ihr und der Ihrigen Leben zu fristen imstande sind.”

Und so geht das weiter und wird nur noch schlimmer, als der Winter kommt:

“Es ist leicht zu erachten, daß bei der gänzlichen Erschöpfung der Fonds die gebieteri-sche Lage der Dinge immer mehr zunehmen muß, wobei das Schlimmste ist, daß Glaube und Credit darunter leiden müssen.”

Erst im Februar 1810, nachdem Napoleon sich persönlich für seinen Modellstaat Westfa-len verwandt hatte, entspannte sich die Situation.

Natürlich läßt sich die Zahlungsmisere des Königreichs Westfalen in zeitgenössischen Schriften oder in jüngeren – freilich kaum greifbaren – historischen Abhandlungen genauer und geraffter nachlesen. Politische Ursachenforschung findet in den Zeitungsberichten kaum einmal statt, und wo, da fallen die Deutungen eher naiv aus. Die bedrängenden Auswirkun-gen, die solche Krisen für die Betroffenen gehabt haben, treten jedoch in den klagenden, verzagenden Appellen der ratlosen Unterbeamten plastischer vor Augen als dies bei der Lektüre nüchterner Analysen gewöhnlich der Fall ist. Die Berichte können den Ertrag der historischen Forschung gewiß nicht revidieren, wohl aber einprägsam illustrieren.

Diese Lebendigkeit ist es, die die Zeitungsberichte als historische Quelle auszeichnet. Sie erweist sich etwa auch dort, wo es um die sogenannten Vagabunden geht, ebenfalls eine typische Erscheinung zur Zeit des Pauperismus. Das Phänomen und seine Ursachen sind in der historischen Forschung theoretisch gut aufgebarbeit. Doch Theorie ist gewöhnlich grau. Das Problem öffentlich sichtbarer Armut erhält eine kräftigere Färbung, wenn man etwa liest:

“Das Überhandnehmen der patentierten Musikanten, Orgeldreher, Tierführer und Mario-nettenspieler wird allmählich für die Einwohner zur drückenden Last und läßt sich ohne alle Übertreibung mit dem Namen einer konzessionierten Bettelei belegen. Daneben wird das Ohr nicht selten durch eine über allen Glauben schlechte Musik beleidigt.”

Hier spricht sich das Ressentiment des genervten Bourgeois gegenüber den sozialen Außenseitern der Gesellschaft aus. Die Zeitungsberichte sind keine objektiven Be-standsaufnahmen, sie stellen stets auch Deutungen des Geschehens durch die protokollie-renden Chronisten dar. Insofern haben sie einen Wert nicht nur als realgeschichtliche Quellen, sondern auch als Dokumente zur Mentalitätengeschichte der preußischen Lokal-beamten.

Liest man die Zeitungsberichte unter diesem Gesichtspunkt, also auf deren Autoren zent-riert, so zeigt sich, daß das einschlägige Bild vom subalternen, kritikscheuen preußischen Beamten zumindest differenziert werden muß, jedenfalls für die Zeit um das Jahr 1800. Die königliche Politik wird zwar selten einmal offen getadelt. Aber einige Beamte haben eine Strategie entwickelt, ihre Unzufriedenheit zu benennen, ohne sich geradezu zu dieser Haltung zu bekennen.

Dies läßt sich etwa bei dem Freiherrn von Borries beobachten, ein konservativer, den Idealen einer ständischen Gesellschaft tief ergebener Gutsbesitzer. Er war der erste Landrat des Kreises Bielefeld, der 1816 gebildet worden war. Da war das 1813 kollabierte König-reich Westfalen noch in guter und in mancher Hinsicht durchaus auch schlechter Erinne-rung. Denn der Rheinbundstaat hatte seine ehrgeizigen Reformprojekte wie auch die enormen Militärausgaben durch eine Vielzahl von Steuern finanziert, die bis dahin unbe-kannt waren. Die zurückgekehrte preußische Regierung aber hatte gar nicht daran gedacht, diese Lasten wieder zu erleichtern. Im April 1821 notiert der Landrat in seinem Monatsbe-richt:

“Der vernünftige Theil der Einwohner schweigt und zahlt mißmüthig über das Beybehal-ten der ihnen verhaßten Einrichtung die Steuern in der Hoffnung, daß nach bald acht Jahren endlich einmal die versprochene Ordnung der Dinge komme. Die weniger aufgeklärten Einwohner stellen Vergleichung des Jetzt und Früher an, und nach Meinung dieser Kurz-sichtigen hat sich das Gemeindewesen mehr verschlimmert als verbessert.”

So weitsichtig war der Landrat freilich, daß er sich bedeckt hielt und den schärferen Teil der Kritik, die er durchaus teilte, dem vermeintlich verblendeten Teil der Bevölkerung zuschrieb. Die Adressaten in der Bezirksregierung zu Minden würden die Botschaft auch so verstehen.

Ein immer wiederkehrendes Stichwort bezieht sich auf Unglücksfälle, worunter auch Selbstmorde gefaßt werden. Da werden manchmal wahrhaft erstaunliche Dinge berichtet, etwa wenn erzählt wird, daß einer Witwe das Bett gestohlen wurde, in welchem sie gerade schlief. Der Fall trug sich im Winter zu und wirft bei aller Kuriosität auch ein Licht auf die Verhältnisse. Bettenraub war kein seltenes Delikt und eine typische Armutstat.

Das ganze Elend der Heuerlinge wird offenbar, wenn ein Verzweifelter seinem Unglück ein Ende bereitet, wie dies zum Beispiel im Dezember 1820 gemeldet wird:

“So erhenkte sich in der Nacht auf den 21. ein gewisser Heuerling Jobst Henrich Dieck-mann. Er hinterließ eine Frau und acht Kinder ohne alles Vermögen. Die Ursache dieser That ist zwar nicht ausgemittelt, jedoch soll er zuvor geäußert haben, daß er wegen des so schlechten Verdienstes als Spinner befürchte, nicht leben zu können, und glaube, daß er betteln müßte, worüber er tiefsinnig geworden.”

Häufig werden Brände gemeldet, die meist durch Blitzschlag oder Unvorsichtigkeit verur-sacht wurden und jedenfalls eine private Katastrophe bedeuteten in einer Zeit, die keine Feuerversicherungen kannte. Auch von Verkehrsunfällen wird berichtet, z.B. im August 1808:

“Zu den Unglücksfällen, welche sich ereignet haben, gehört, daß hieselbst ein Bauer von einem Eilboten übergeritten wurde und sechs Stunden nachher gestorben ist; desgleichen in der Munizipalität Spenge zwei Kinder ertrunken sind.”

Auffallend oft ist von Ertrunkenen die Rede. Vielfach waren Kinder unter den Opfern, überwiegend Knaben im Alter von drei oder vier Jahren, die beim Spielen unbemerkt in Brunnen, Flüsse, Weiher oder auch Pfützen stürzten, wobei zu bedenken ist, daß in jener Zeit eine Pfütze durchaus die Tiefe eines Teiches haben konnte. Aber auch Erwachsene verloren im Wasser ihr Leben, auf zuweilen merkwürdige Weise:

“Die Ehefrau des Steueraufsehers Plöger ist beim Wasserschöpfen aus dem Lutterbach ertrunken. Nach der Meinung der Ärzte ist selbige wahrscheinlich vom Schlage gerührt und mit dem Eimer ins Wasser gefallen.”

Nicht eben pietätvoll wird der Tod einer Dame vermeldet:

“Eine alte 70jährige Frau ist wegen großer Unvorsichtigkeit bei der Durchreise Seiner Majestät des Königs verunglückt und dadurch um kurze Zeit früher einer anderen Bestim-mung entgegengeführt worden.”

Kriminaldelikte finden sich in der Rubrik “Sicherheitspolizei”. Bei der Darstellung strafba-rer Taten entwickelten die Beamten bisweilen eine beachtliche Neigung zum Fabulieren:

“In der Nacht vom 19. auf den 20. April 1821 haben mehrere mit Schießgewehren be-waffnete Räuber bei dem Müller Gerhard Baumeister zu Deppendorf einige Fensterscheiben zerbrochen und einzusteigen versucht. Als aber der Baumeister erwacht und aufgestanden und den Spitzbuben nachgerufen hat: ‚Wartet, ihr Spitzbuben, ich will euch schon kriegen!‘, hat einer von ihnen ins Fenster geschossen, entweder mit einer Kugel oder mit starkem Schrot. Die Spitzbuben haben auch ein Schloß von der Gartenthür weggebrochen, wahr-scheinlich, um einen sicheren Ausgang zu haben, wenn der Raub gelungen wäre.”

Nicht immer sind die Zeitungsberichte derart lebendig geschrieben. Oft verblassen sie zu bleicher Routine. Immer wieder werden die Beamten ermahnt, ihre Nachrichten weniger “steril” zu verfassen und sich nicht mit der Wiedergabe leerer Floskeln ihrer Pflicht zu entziehen. Die Beamten dürften in der Tat ein Interesse daran gehabt haben, in ihren regelmäßigen Rapports nach Möglichkeit keine allzu spektakulären Ereignisse zu berichten, da problematische Vorfälle in der Regel unangenehme Untersuchungen von oben nach sich zogen. Die häufigen Ermahnungen wirkten indessen, denn jedesmal im Anschluß an so eine Rüge nimmt der Umfang der Berichte auffallend zu.

Die besondere Bedeutung der Zeitungsberichte entfaltet sich, wenn man sie über einen längeren Zeitabschnitt verfolgt. Das ist nicht immer möglich, weil die Überlieferung der Berichte teilweise größere Lücken aufweist. Wo aber über mehrere Monate oder Jahre hinweg die Berichte aus einem bestimmten Verwaltungsbezirk erhalten sind, verdichten sie sich zu einer atmosphärisch eindringlichen Chronik, in der die scheinbar nebensächlichen Details zu einem zunehmend deutlichen Bild verschmelzen, das immerhin eine Ahnung davon vermittelt, wie es in einem bestimmten Ort ausgesehen haben mag, welche wech-selnden Probleme den Alltag bestimmt und die Gespräche beherrscht haben müssen. Ein ähnlicher Effekt stellt sich bei der systematischen Sichtung älterer Jahrgänge von Lokalzei-tungen ein. So wenig bewegend die einzelnen Meldungen in aller Regel sind: In der Ge-samtschau fügen sie sich zu Gemälden mit sehr unverwechselbarem Lokalkolorit. Es sind dies freilich kleine Bilder: Miniaturen für Historiker, die Geschichte nicht allein aus der Vogelperspektive registrieren, sondern ihre Voraussetzungen und Folgen im einzelnen und vor Ort lokalisieren und konkretisieren wollen.

Die Zeitungsberichte lassen sich aber nicht nur als Chroniken lesen. Sie wurden verfaßt von Beamten, die – aus Sicht ihrer Zeit, aus der Warte ihrer Position und aus ihrem besonde-ren Interesse heraus – die Ereignisse und Prozesse, die sich beobachtet haben, nicht nur notiert, sondern stets auch gedeutet haben. Was sich in diesen Berichten entfaltet ist also nicht nur die kleine Welt der Provinz, sondern es sind zugleich Ausschnitte aus dem Weltbild der kleinen Beamten, die diese Provinz – jeder in seinem Bezirk – verwaltet haben.

Mit der zunehmenden Verbreitung einer regelmäßig erscheinenden Presse werden die Berichte immer dünner und schließlich belanglos. Ihre Blütezeit hatten die Zeitungsberichte etwa zwischen 1775 und 1825. In diesen Jahrzenten fallen sie durch ihren Reichtum an Details, die Vielfalt der Themen und die Kraft ihrer Unmittelbarkeit auf.

Und manchmal stößt man in der Menge der Meldungen auf eine Nachricht wie diese, die nun wirklich unwichtig ist, aber von rätselhaftem Witz:

“Der Kantor und Schullehrer Schmülling hat sich im Laufe des Monats zur Freude der Gemeinde und hohen Geistlichen vermittelst des Halstuchs erhängt.”

(Manuskript eines Hörfunkbeitrags, WDR 3, “Am Abend vorgestellt”, Sendung: 1. Dezember 1998)

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